Nr.183 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag. 8. August 1939
Deutsche Mineralogische Gesellschaft tagt in Gießen.
Aus der Stadt Gießen.
Köstliche Morgenstunde.
Der Sommerabend hat seinen Frieden und seine istille Gemächlichkeit. Wer ihn genießerisch auszu- losten versteht, dem wird der Abend zur Beglückung. Nicht minder reizvoll ist indessen die Köstlichkeit der frühen Morgenstunde, vor allem jetzt, in der Zeit Dee schwindenden Sommere. Zwar läßt sich der Zauber der Morgenfrühe nicht ganz ohne Mühe entdecken, man muß schon ein wenig Energie aufwenden, um den Fuß etwae früher aus dem Bett gu setzen, aber die Belohnung, die dafür winkt, ist um so schöner.
Ein leichter Schleier scheint über dem werdenden Tag ausgebreitet. Ee sind die ersten Frühnebel, die zeitigen Boten, die der Herbst ins Land schickt, ängst ehe er seine Herrschaft an tret en kann. Doch gerade diese zart gewebten, zerfließenden Gebilde verleihen dem Morgen jene weiche, eigenartige Stimmung, die ihn zu einem Meister der Romantik macht. Schön ist es, um diese Zeit die stillen, aum belebten Anlagen aufzusuchen, wo die späten !tofen blühen, und wo über den tauigen Rasen Hinte Amseln spazieren. Die Geschäftigkeit der Stadt ist in dieser Stunde noch nicht zu spüren, '.aum, daß dann und wann ein Auto in der Ferne vernehmbar ist, oder vom Bahnkörper her der Lärm einer Lokomotive dringt. Zn dieser geruh- vmen Umwelt wird der Spaziergang durch den Fühen Morgen zu einer wahren Erquickung.
Nachhaltige Eindrücke verschafft aber auch der Uuf enthalt im morgenfrischen Garten. Glücklich ist -er zu preisen, der einen Garten hinter, dem Hause sein eigen nennt, oder der sich wenigstens in ihm irgehen kann. Wieviel Stimmungsgehalt offenbart er Garten zur ftühen Morgenstunde. Auf den Beeten der Nelken glänzen die Tropfen des Mor- i.entaus im ersten Sonnenlicht, und wo die Löwenmäulchen gedeihen, scheinen rote und gelbe Feuer ju brennen. Prunkvoll jedoch beginnen die Dahlen ihre Schönheit zu entfalten. Auf den hohen Stauden leuchten ihre Blüten wie bunte Sonnen md Sterne. Sie sind die ersten Herbstblüher, die ter Garten hervorgebracht hat, aber schon frohlocken sie in allen Farben. In zarter Lieblichkeit :*igen dagegen die schlanken Gladiolen ihre Blu- uenwunder. Es geht eine köstliche Anmut von die- sm pastellfarbenen Kindern Floras aus, so daß man sie nur gern Haden kann.
Im dichten Laub der Bäume färben sich die । epfel Jeden Morgen kann man eine Anzahl von men vom Boden auflesen, die als Fallobst in die iüche wandern. Die anden gehen der Reife ent- ?gen, und bald wird auch Ernte gehalten werden önnen. Leider schon allzubald, denn nach der Obst- -nte kommen die kühleren Tage, und wenn sie Jiirf) noch einmal den Garten in einen wahren >arbenrausch versetzen, so bringen sie doch auch den Abgesang der schönen Jahreszeit. Dann ist es aus iit Öen sommerlichen Tagen, die jetzt noch die Köstlichkeit der Morgenstunden bescheren, bevor das Mögliche Werk gebieterisch die Pflichterfüllung ordert ... H. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
«Gloria-Palast, Seltersweg: „Hallo, Janines
Was 3. Platzkonzert in Steins Garten.
Am morgigen Mittwoch, 9. August, findet in der 5 ‘it von 17 bis 18 Uhr in Steins Garten das dritte Platzkonzert statt. Es musiziert das Musikkorps der ftiegerhorstkommandantur Gießen unter der Leitung rin Musikmeister Pfarre. Für das Konzert ist nchstehende Vortragsfolge vorgesehen:
1. „Regimentskinder", Marsch von Fucik.
2. „Rakoczy-Ouvertüre" von Keler-Bela.
■ 3. „Slawische Rhapsodie" von Friedemann.
4. „Ball bei Ziehrer", Walzer-Potpourri von Schneider.
!5. „Klingende Ostmark", Potpourri von Schneider.
6. „Gewehr über!", Marsch von Thiele.
In der Zeit vom 7. bis aum 9. September wird in Gießen die 25. Jahresversammlung der Deutschen Mineralogischen Gesellschaft abgehalten, zu der nach den bisherigen Anmeldungen etwa 120 Wissenschaftler aus dem ganzen Reich und aus der Ostmark erscheinen werden. Für die gesamte Tagung liegt die Leitung in Händen von Professor Dr. E. Lehmann (Gießen), dem Leiter des Instituts für Mineralogie und Petrographie an der Ludwiqs- unwersität. Die Vorarbeiten für die Tagung sind im Gange und in wesentlichen Teilen abgeschlossen. Für die Vorbereitung war eine Fülle der Arbeit notwendig, da es sich bei dieser Jahrestagung nicht nur um eine dreitägige wissenschaftliche Tagung handelt, sondern auch um die Durchführung großer Exkursionen, die die Tagung über die Zeit vom 4. bis zum 15. September erstrecken lassen.
Den Auftakt der Jahresversammlung der Deutschen Mineralogischen Gesellschaft bildet die Vorexkursion, die in der Zeit vom 4. bis 6. September in den Vogelsberg und in das Hessische Hinterland führt, um den Teilnehmern eine Fülle der interessantesten Vorkommen kennenlernen lassen. Es werden Gruben und Brüche bei Fellingshausen, Endbach, Rachelshausen, Amelose und Mornshausen, im Vogelsberg Ober-Widdersheim, Michelnau, Ortenberg, Hoherodskopf, Bilstein ufw. besucht. Ein weiterer Teil dieser Vorexkursion führt in die nähere
Mit dem Ende des Sommer-Semesters 1939 hat die Veterinärmedizinische Gesellschaft Gießen ihr 4. Arbeitshalbjahr beendet. Am 16. November 1937 als Abteilung „Veterinärmedizin" der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde begründet, hat sich die Veterinärmedizinische Gesellschaft Gießen zur Aufgabe gesetzt, die wissenschaftliche Fortbildung auf dem Gebiete der Veterinärmedizin, sowie die Eintracht der Tierärzte Gießens und Umgebung zu pflegen und zu fördern. Dieser Zweck soll erreicht werden durch wiederkehrende Versammlungen mit wissen ftlichen Vorträgen, durch gemeinsam mit der i wissenschaftlichen oder der medizinischen Abteilu.tg der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde veranstaltete Vortragsabende und durch geselliges Beisammensein der Mitglieder und ihrer Familien.
Während der abgelaufenen vier ersten Semester der Gesellschaft wurden in zwölf wissenschaftlichen Sitzungen 28 Vorträge gehalten, darunter 4 von auswärtigen Gästen. An geselligen Veranstaltungen fanden im Vorjahr ein Sommerfest in Bad Salzhausen, im Februar ein Winterfest im hiesigen Studentenheim und kürzlich ein Sommerfest in Weilburg statt. Im übrigen trafen sich die Teilnehmer an den wissenschaftlichen Sitzungen jeweils anschließend zu einem kameradschaftlichen Beisammensein.
Die Gesellschaft zählt jetzt 87 Mitglieder und umfaßt damit fast alle Tierärzte Gießens und seiner Umgebung. Den Vorsitz fuhrt der Gründer der Gesellschaft, Professor Dr. Dr. Curt Krause, Direktor des Veterinär-pathologischen Institutes; stellvertretender Vorsitzender ist Regierungsveterinärrat Dr. Gilbert (Gießen), Schriftführer und Schatzmeister Oberassistent Dr. E. Schwarzmaier (Gießen).
Die Themen der in den wissenschaftlichen Sitzungen gehaltenen Vorträge wurden stets so gewählt, daß der Abend unter ein Gesamtthema zu stehen kam. So auch im Juli bei der letzten Sitzung im Sommer-Semester, die sich in zwei Vorträgen mit der Physiologie und Therapie der Wiederkäuerverdauung befaßte.
Professor Dr.Paul Luy, der zum Semester-
Umgebung von Gießen (Ganseburg, Weitershain, Mücke, Londorf, Treis an der Lumda und nach Mainzlar). An dieser Vorexkursion nehmen bereits 70 Wissenschaftler teil.
Die wissenschaftliche Tagung in Gießen beginnt am Mittwoch, 6. September, mit Begrüßung, Vorstandssitzung und kameradschaftlichem Beisammensein. Der Donnerstag, 7. September, bringt die Eröffnung der Tagung im Großen Hörsaal des Dorlesungsgebäudes, anschließend die wissenschaftliche Sitzung. Der Nachmittag sieht einen. Besuch bei Leitz in Wetzlar vor. Äm Freitag, 8. September, wird die wissenschaftliche Sitzung im Großen Hörsaal fortgesetzt. Der Nachmittag bringt eine Fahrt in die Lindener Mark, nach Rockenberg und der Burg Münzenberg. Auf der Burg Münzenberg findet ein Heimatabend statt. Am Samstag, 9. September, findet zunächst die Mitgliederversammlung statt, dann folgen weitere wissenschaftliche Vorträge. Die nächsten Tage sind dann den Nachexkursionen Vorbehalten, die in das Lahngebiet, in das Siegerland und in den Emser Grubenbezirk führen werden. Auch für diese Nachexkursionen haben zahlreiche Wissenschaftler ihre Teilnahme angemeldet. Ausgangspunkt und ständiger Quartierort für alle Fahrten ist unsere Universitätsstadt Gießen.
anfang von Teheran nach hier übergesiedelte Veterinärphysiologe, sprach über „Betrachtungen zur Physiologie der Magenverdauung insbesondere der Wiederkäuer". Er ging dabei aus von einem Vergleich der Stoffwechselleistungen eines Ein-Zellers mit denen der „fachlich" spezialisierten Zelle im hochentwickelten Säugetierorganismus. Die höhere Entwicklung und Spezialisierung der Zelle hat den Verlust gewisser primitiver Eigenschaften im Gefolge. In großen Zügen schilderte der Vortragende sodann, wie in der Dreiergemeinschaft Fleischfresser — Pflanzenfresser — Pflanze die durch den Verlust einer Zellulose im Pflanzenfresserorganismus aufgetretene Schwierigkeit von der Natur gelöst wird, und welche Gründe zur Anlage einer geräumigen Gäranlage für die Auswirkungsmöglichkeit der Symbionten, Bakterien und Infusorien beim Rind unmittelbar im Anschluß an die Speiseröhre, beim Pferd in den hinteren Darmabschnitten geführt haben, was beim Rinde die Einschaltung des Wie- derkauaktes ermöglichte. Schließlich ging Professor Luy noch auf die chemischen und mechanischen Verhältnisse in den Vormagenabschnitten und auf den Wiederkauakt ein.
Den zweiten Dorttag hielt Professor Dr. Graf ^Zürich) als Gast über „Arzneiwirkungen am Wiederkäuermagen". Arzneiliche Eingriffe in den gestörten Arbeitsmechanismus der Dormägen und des Wiederkauens — mit Ausschlüssen der Erkrankungen durch Fremdkörper — sind auf zwei Zufuhrwegen möglich. Die innerliche Verabreichung von arzneilichen Eingüssen 'bringt den Arzneistoff in Beziehung zum Vormageninhalt und in Bezug auf feine Verteilung zum Mechanismus der Schlundrinne. Dabei bestehen vielerlei noch unklare, aber wichtige Einflüsse des Mageninhaltes auf die Arzneistoffe, die von großer Bedeutung für die letztlich e Wirkung sind. Sodann ist es möglich, mit erregenden und hemmenden Arzneistoffen durch Beeinflussung des autonomen Nervensystems auch auf den Vormagenapparat einzuwirken. Auch hier sind noch weitere Forschungen nötig, um alle wirksamen Faktoren aufzuklären. Professor Graf behandelte in anregenden Ausführungen an Hand zahlreicher Tafeln und Kulturbilder die sehr aufschlußreichen
VetermärmedizimscheGesellschastGießen
Ergebnisse zumeist eigener Untersuchungen über die. Wirkung der für die Vormägenbehandlung zur 23er* fügung stehenden Arzneistoffe und zeigte die Richt* linien für die weitere Forschung auf.
Die nächste Sitzung der Gesellschaft wird Endg Oktober stattfinden.
Dr. E. Schwarzmaier.
Unser neuer Roman.
Nachdem wir in der gestrigen Ausgabe unseres Blattes den Abdruck des Romans „Großgarage Alter Westen" von Harald Baumgarten zu Ende geführt haben, beginnen wir in der heute erscheinenden Nummer des Gießener Anzeigers mit der Veröffentlichung eines neuen großen Rornan- werkes, von dem wir uns einen nicht geringeren Erfolg in allen Leserschichten versprechen dürfen, zumal wir dabei die Bekanntschaft mit einem Autor erneuern, der schon einmal in unseren Spalten zu Worte kam und dessen 1938 bei uns erschienener Roman „Kleine Frau mit großem Mut" in allen Kreisen unserer Leserschaft ungeteilten Beifall fand. Der neue, erst kürzlich vollendete Roman, mit dessen Abdruck wir heute beginnen, heißt
„Der Täter mitten unter uns" von Kurt Riemann
und rft ein Kriminalroman von ganz ungewöhn* licher Spannung, der uns vom ersten bis zum letzten Kapitel gefangennimmt Kurt Riemann hat schon, wie viele unserer Leser sich mit Vergnügen erinnern werden, mit seinem früher hier gelaufenen Roman „Kleine Frau mit großem Mut" bewiesen, daß er mit Temperament und Humor zu erzählen und den Leser für seine Gestalten und Ereignisse einzunehmen versteht; diese erfreulichen Eigenschaften wird man auch durch den neuen Roman bestätigt finden, in dem ein Kriminalfall und eine Liebesgeschichte sich kreuzen und dessen Handlung reich ist an Geheimnissen, Ueberraschun* gen und dramatischen Steigerungen.
So sind wir gewiß, allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land eine höchst unter* haltsame, von Fortsetzung zu Fortsetzung mit freudiger Erwartung begrüßte Lektüre zu bieten.
Höchste Zeit zur Anmeldung.
NSG. Der Meldetermin für di« Ostpreußenfahrt Zum Reichsehrenmal bei Tannenberg ist bis zum 10. August verlängert worden. Die Teilnehmer müssen sich sofort bei den Dienststellen des NS.* Reichskriegerbundes melden. Die Fahrt- und 23er* pflegungskosten sind so niedrig gehalten, daß jedem die Teilnahme ermöglicht ist. Jedem Fahrtteilnehmer ist Gelegenheit geboten, die ost-preußischen Schlachtfelder zu besuchen. Die Sonderzüge fahren mit 75 v. H. Fahrpreisermäßigung, d. h. 1 Rpf. je Kilometer. Die Teilnehmer, die von chren Heimatorten erst zu dem Abfahrtsbahnhof des Sonderzuges fahren müssen, erhalten ebenfalls 75 v. H. Ermäßigung bis zu einer Entfernung von 150 Kilometer von und zum Abfahrtsbahnhos.
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Rast, die auf dich wartete.
Von Hans Brandenburg.
Mlaube nicht, du könntest die Natur erjagen, c reisen. Nur wo du dich und deinen Wunsch über ' • vergißt, wo du dich ihr hingibst, findest du sie, uüd dort wist du gar selbst ihr Mittelpunkt. Nur M du sie nicht fuchst, hat sie dich erwarte!. — tu möchtest gerne abseits rasten, dir die richttge rrelle wählen. Aber du sinkst irgendwo gleich neben hm staubigen Weg nieder, weil dich plötzlich deine । W,e nicht länger tragen wollen, und packst gleich- mitig deinen mitgenommenen Imbiß aus. Da mün- k auf einmal die Straße in dich ein, um aus dir v iterzufliehen, der arme Feldrain und die schlich- le Hügel um dich herum in der Nähe der glän= jeiiöen Aussichtspunkte stellen ein uroertrautes Zei- । hm einer im Traume geschauten Heimat vor dir i a., und bn dankst dem kargen Baume über dir j^t mit einem wehmütigen Abschied. Du wirst hi niemals Wiedersehen, du könntest ihn nicht •jj-berfinben, aber er ist dir Freund geworden, riwar dir für diesen Augenblick vorbestimmt seit toner Geburt und schon zuvor.
?0u möchtest im Waldsiuß baden. Es ist keine der Ihiaen und gut geeigneten Stellen, an der du li-ft, an diesen bist du leider vorübergegangen, h willst umkehren, doch Wasser ist schließlich Ochser. Bald indes merkst du, daß stärkere Sttm- neu als deine Bequemlichkeit und das Bedürfnis di :es erhitzten Leibes dich geheimnisvoll, dir un- ltvußt, geladen haben. Nur hier formen Ufer und phom sich dir ganz an, nur dies ist dein 23abe= Sqj. Allein hernach scheint dir die Rast nicht taugen wollen; der Boden ist unbequem, uneben, stache- — bis du merkst, daß er, und nur er, dir das i$' des Sommers bereiten wollte, dir oder nur Ih' selbst, indem er dich dazu brauchte. Denn dies y dir verwünschte Gestrüpp ist blühende Distel, ^!lNhut, Johanniskraut, Spiräe und Minze, fürst- 5, gedeckte Tafel für Kaisermantel, Pfauenauge
Admival, Damenbrett und Schwalbenschwanz; Zwischen hindurch nippen die Gäste deine von w-ine und Bergwasser erblühte Haut. Wirf dich <!' wahllos hin nach längeren Stunden der ^cnderschaft, auch wenn die Waldlichtung nicht die pcnftc ift. Die Schachtelhalme wachsen zu Bambus- scii ^n über deinen blinzelnden Augen, der ferne Fluß EM)t den Baß, die Fliegen summen die Mittel- Pme, bis Grillen geigen hoch und stählern, eine Me läutet näher und näher in deinen Schlummer,
und dein Erwachen starrt erschrocken in den panischen Blick eines Rindes.
Nenne das alles Zufall — es wird dein Heimweh nicht stillen, das du nach solchen Stätten dein Leben lang immer wieder empfindest. Wo dich aber gar ein Arm umschlang ober ein guter unb großer Gedanke dich überfiel, da mag die Axt den Baum fällen, der Pfiug den Waldboden zerreißen, Gestein ihn pflastern — dennoch blieb dort ein Leuchten der Ewigkeit zurück.
Kiebitze rufen ...
Von Karl Scherer.
Aus der hohen Wurth über dem Leine-Flüßchen am Rand der Geest liegt breit und wuchtig unter grünen Ulmen das alte graue Frauenkloster. Unten, durch das flache Land, über dem im Süden die Deisterberge aufragen, zieht unter dichtem Weidengebüsch in verschlungenen Windungen der Fluß. Sein Bett ist eng; darum tritt er oft aus den Ufern und überflutet die sandige Niederung, sumpskge Lachen und Becken zurücklassend.
„Kiewitt, kiewitt" kommt es aus den Binsen und rotköpfigen Kratzdisteln, die zwischen den faulenden Rückständen der letzten Überschwemmung stehen — ein Flug Kiebitze trippelt hurtig am Ufer entlang und nimmt Würmer und Larven auf, von denen der feuchte Grund wimmelt. Dunkelgrün Rücken und Flügeldecken, weiß der Leib, das Köpfchen mit einer bald waagrecht getragenen, bald gesträubten schmucken Federhaube geziert, ist der Kiebitz einer unserer anmutigsten Vögel. Jetzt nimmt einer sich auf, gaukelt unsteten Flugs über Wasserlachen und Gräben, überschlägt sich in der Luft wie ein Seiltänzer, schwebt in steiler Kurve auf, schießt in jähem Absturz nach unten, „kiewitt, kiewitt", taumelt im Zickzack über Weiden und Schilf und sinkt am Wiesenrand zwischen die Stauden. Da trabt auf dem nahen Deich der Pächter des Klosterguts vorüber, unb nun wirb der ganze Flug laut rufend hoch; eine schwarz-weiße Wolke wirbelt durch die sonnige Luft, teilt und vereinigt sich wieder, schwenkt in weitem Bogen über die Flußniederung, steigt im Geschwaderflug leicht in die Höhe und verschwindet in jähem Fall unter der Uferböschung; denn wie die Bekassine ist der Kiebitz ein Kunstflieger.
Unter den Disteln des Ufers oder im Wiesengrün steht bas Nest. Kunstlos aus dürren Gräsern, trocknen Schachtelhalmen und Krautstengeln zusammengescharrt, ruht es frei unb flach auf dem Boden;
darum wird das Gelege leicht allerlei Räubern zur Beute. Freilich der Marschenbauer rührt, die vier gelbbraunen, schwarz getüpfelten Eier nicht an; er kennt seine Freunde und weiß, daß der Kiebitz die gefräßigen Egelschnecken und die Larven der schädlichen Graseulen in Menge vertilgt und ihm dadurch nützt. Dort kommt der Bauer gerade den Fußpfad am Wiesenrain herunter, um die Schütze des Staugrabens tiefer zu stellen; die brütende Henne drückt sich platt auf die Eier und macht sich so klein wie möglich, das Hähnchen umkreist ängstlich rufend den eilig Vorüberschreitenden, um dessen Blick von der werdenden Familie abzulenken. Heute steht der Kiebitz unter Schutz; es gab aber Zeiten, wo genuß- und gewinnsüchtige Menschen die Gelege rücksichtslos plündern durften.
Die niedlichen stelzbeinigen Dunenklümpchen folgen der Henne vom ersten Tage an, rennen eilig durch Kraut und Binsen, nehmen eine winzige Larve auf und tummeln sich sorglos unter dem Ried, bis ein Warnruf ertönt; dann huschen sie wie Mäuschen in die Deckung von Rohr und Weidicht oder hocken reglos zwischen den langen Halmen der Wiese. Erst das Locken der Alten macht sie wieder lebendig. Das Dunenkleid verwachsen sie schnell; nicht lange, und sie gleichen den Eltern; schon stochern sie eifrig im hohen Gras nach Gewürm. An schwülen Tagen roaaen sie sich ins seichte Uferwasser, denn nicht umsonst gab ihnen die Natur die langen Watbeinchen, die der Familie der Regenpfeifer zukommen: in drolliger Hast fahren sie kreuz und quer durch das flache Geriesel.
Fällt dann das Wiesengras unter der Sense, dann: ziehen die Geißvögel tiefer ins Marschland hinein, denn dort ist ihnen der Tisch noch immer gedeckt. Doch nach der Grummeternte ist auch hier ihres Bleibens nicht länger, Schnecken und Würmer verschwinden von den Stoppelbreiten unb Brachfeldern: der Herbst kündet sich an, und die Tage werden kürzer und kühler. Dann beginnt der Kiebitz weit umherzuschweifen. Nach den ersten kalten Nächten scharen sie sich zusammen, und je unwirtlicher der Norden wird, desto eiliger streben sie dem warmen Mittelmeer zu. Nicht wenige gehen auf der Reise zugrunde; der Weg über die Hochalven ist mühsam und voll Gefahren, Stürme erschweren den Flug über die See, unb an ben afrikanischen Küsten sin- ben viele den Tod in Schlaggarnen und Lockbüschen. Darum zählt der Kiebitz schon zu den selteneren Zugvögeln, und die Zahl derer, die ben farbenfeinen, schönen unb scheuen Vogel in der Freiheit gesehen haben, ist nicht groß.
Gloria-palast: »Hallo, Janine!"
Ms Marika Rökk vor einiger Zeit in Gießen zu Besuch war, hat iie uns von dem neuen Film erzählt, an dem sie damals arbeitete: mittlerweile ist er fertig geworden, und die Ufa hat sich die Geschichte etwas kosten lassen. Pariser Revue-Film mit großer Ausstattung, mit viel Liebe, vielen Intrigen, Verwechslungen, Ueberraschunaen, mit viel lockerer Musik und viel Tanz, mit Kulissenzauber und großem Krach auf der Bühne und selbstver* ftänMid) mit happy end. Das Buch schrieb Dr. K. G. Kulb mit Geschick, nicht ohne Witz unb mit dem richtigen Blick für eine bekömmliche Mischung der aufgezählten Ingredienzien. (Daß man Aehnliches öfters gesehen hat und daß der Step-Tanz mit allen Schikanen dank der „Broadway-Melodie" samt Dor- und Nachläufern inzwischen etliches vom Reiz der Originalität verloren hat, wird dem Besucher nicht entgangen sein.) Braucht auch umso weniger unterschlagen zu werden, als unter Earl 23 o e f e s betriebsamer Spielleitung und zu Peter Kreuders revuegerechter Musik auf der ganzen Linie animiert gespielt wird. Marika Rökk in der Titelrolle demonstriert den Aufitieg des namenlos numerierten Ballettmädels zum großen Star, tanzt in den rauschenden Erfolg und ins Glück der Liebe: eine Paraderolle, in der sie alles geben kann, was sie zu zeigen hat: fingen, tanzen (Step auf dem Flügel und Walzer alten Sttls auf Spitze), verliebt fein, eifersüchtig, keß, hilfsbereit, traurig und glücklich — alles in einer Partie, unb alles mit Temperament und Humor. Johannes Heesters hat diesmal nicht viel zu fingen, ist aber als Graf Renö ein scharmanter und gepflegter Kavalier. Rudi G o d - den, einst einer der „Acht Entfesselten", hat sich mit ttocknem Berliner Mundwerk und einer entwaffnenden Wurschtigkeit selbständig gemacht; beides paßt zu der Rolle des Boheme-Pianisten Pierre, den er hier zu geben hat. Der ausgezeichnete Dresdener Charakterspieler Erich P o n t o wirkt in dieser Umgebung ein wenig überraschend; sehr hübsch machen Ernst D u m rf e den Revuedirektor und Else E1 st e r als Avette die große Szene ... hinter der Szene.
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Im Beiprogramm sieht man Bilder von einer Elbefahrt ins Sudetenland und, in der neuen Ufa- Tonwoche, einen ungewöhnlich plastischen Bildbericht von der letzten großen Hebung Unserer U- Boote, worüber kürzlich hier ausführlich berichtet würbe. Hans Thyriot


