Ausgabe 
8.7.1939
 
Einzelbild herunterladen

Das alte England- dasandereDeutschland

Don Or. Erich Schmidt

Die Lehren des Weltkrieges sind für alle Völker so bitter gewesen, daß sie eigentlich unvergessen sein sollten. Wenn man aber heute die britische Politik betrachtet, so ergibt sich, daß sie in gar keiner Weise sich gegenüber der Einkreisunaspolitik der Vorkriegs­zeit geändert hat.Im Jahre 1904", so beginnt Lloyd George seine unter dem TitelMein Anteil am Weltkrieg" erschienenen Memoiren,an dem Tage, an dem der e n g l i s ch - f r a n z ö s i s ch e Bündnisvertrag bekannt gemacht wurde, kam ich zu einem kurzen Besuch bei dem verstorbenen Lord Rosebery nach Dalmeny. Seine erste Be­grüßung war: ,Sie sind wohl mit diesem franzö­sischen Vertrag ebenso zufrieden wie die anderen auch?' Ich versicherte ihm, es erfülle mich mit großer Befriedigung, daß unsere knurrigen und bis­sigen Beziehungen zu Frankreich endlich ein Ende gefunden hätten. Er erwiderte: ,Sie irren sich sehr. Dieser Vertrag bedeutet letzten Endes d e n K r i e g miiDeutschlan blN ftad) 1904 ist England den Weg bis zur Katastrophe weitergegangen, wie Lord Rosebery es vorausgesehen hatte. EnglaM) hat dies getan, obwohl es schon durch sein Vorkriegsbündnis auch mit Rußland neben Frankreich nicht gerade zur Stärkung des eigenen Weltreiches beigetragen hatte.

Das Kernstück des britischen Weltreiches ist Bri­tt sch-In dien mit seinem ungeheuren Reichtum und seiner Bevölkerung von über 350 Millionen. Schon vor dem Kriege sah England nicht nur in der Ungestörtheit der Verbindungswege zu den einzelnen Teilen seines Weltreiches eine für die britische Politik unbedingt entscheidende Aufgabe, sondern stellte auch das Ziel auf, den wertvollen indischen Besitz durch einen ihn umgebenden Gürtel von Staaten unter direkter oder indirekter eng­lischer Vorherrschaft zu sichern. Eine Kette von Puf- serstaaten sollte Indien vollkommen von jeder uner- wünschten europäischen Eingriffsmöglichkeit ab- schließen. .

Man muß nur einen Blick auf die Weltkarte wer­fen, um zu erkennen, daß England beides gleich­zeitig nicht kann, nämlich das eben genannte Ziel bezüglich Indiens zu verwirklichen und Freundschaft engster Natur mit einem imperialistischen Rußland zu halten. Trotzdem aber hat England im Jahre 1907 das englisch-russische Abkommen geschlossen, von dem Lord Eurzon, der britische Staatssekretär des Aeußeren von 1918 bis 1924, am 5. Februar 1908 im Oberhaus erklärte:Ich glaube nicht, daß dieser Vertrag, soweit er sich auf Persien bezieht, zur Sicherung Indiens, zur Unabhängigkeit Persiens oder zum Frieden in Asien beitragen wird." Gegen uns war damit der Ring der Einkrei­sung geschlossen. Der Weltkrieg war die Folge. Das englisch-russische Abkommen sollte nach den da- maligen Angaben des Foreign Office demeuro­päischen Gleichgewicht" dienen. Es hat nur der Zerrüttung Europas gedient.

Diese englische Politik vor dem Kriege und heute ist nur verständlich aus einer völlig falschen britischen Grundeinstellung heraus. Es war um die Wechnachtszeit des Jahres 1897, als das AmsterdamerHandelsblad" schrieb:Wer da wissen will, wie man sich früher gegenseitig mit Schimpfwörtern bewarf, der lese theologische Streit­schriften aus dem 17. Jahrhundert; wer aber erfah­ren will, was die englische Sprache heute leisten kann, der lese einmal, was englische Zeitungsschrei­ber schreiben, sobald sie über den deutschen Kaiser und über das deutsche Volk sprechen. Die schänd­lichsten Beleidigungen des Enkels ihrer Königin werden nur so niedergeschrieben, als ob diese Leute nicht den geringsten Begriff von ihrer Verantwort­lichkeit hätten. Die Worte des Kaisers werden aus dem Zusammenhang gerissen, einem kräftigen Aus­druck oder einem kühnen Bilde wird die blöd­sinnigste Bedeutung untergeschoben ..."

In der Tat: Im Jahre 1897 hatte die Pressehetze englischer Blätter gegen den deutschen Kaiser und gegen das deutsche Volk einen Höhepunkt erreicht. Als in diesem Jahre Deutschland Kiautschau besetzte, ging fcin fürchterliches Geheul in der englischen Presse los. Man sprach von einer schändlichen 23er-

aewaltigung des unschuldigen China, man tat so, als ob niemals in der Weltgeschichte ein himmel­schreienderer Frevel begangen worden wäre. Das aber hinderte England nicht, wenige Monate spä­ter Weihaiwei einzustecken. Das hinderte auch die gleichen englischen Zeitungen nicht, dies mit Beifall als einen Akt höherer Weltgerechtigkeit zu begleiten. Aus diesem Beispiel der geschichtlichen Erinnerung, dem unzählige andere zur Seite gestellt werden könnten, erhellt sich schon weitgehend die britische Mentalität. Ist der Brite fromm, so begründet er mit seinem religiösen Gefühl seinen Standpunkt durch die Behauptung, daß die englische Nation das auserwählte Volk Gottes" fei. Ist der einzelne Eng- länder weniger kirchlich gesinnt, und pflegt er die britischen Ansprüche lieber historisch als religiöszu beweisen", dann sagt er, England sei der rechtmäßige Nachfolger des römischen Weltreiches.

Diese englische Auffassung hat der Unterstaats, sekretär im britischen Außenamt Charles Dilke in seinem BuchDas größere Britannien" einmal wie folgt formuliert:Der Gedanke, der sich mir bei allen meinen Reisen aufdrängte als mein steter Begleiter und Fichrer, als der Schlüssel, der mir das Verständnis für alles das erschloß, was mir in fremden, neuen Ländern rätselhaft und wunderbar erschien, war der überwältigende Ein­druck von der Größe unseres Stam­mes, der schon jetzt den Erdball umspannt und wohl dazu bestimmt ist, diesen einst ganz zu erfüllen." Das ist britische Wettauffassung! Sie wird nicht nur geteilt von den hohen Beamten des Foreian Office. Sie wird ebenso vertreten von dem einfachen Mann auf der Straße. Sie wird auch für richtig befunden von hohen Würdenträgern der eng­lischen Kirche wie von den britischen Kaufleuten unt> erst recht von den englischen Politikern. Auch die Opposition der Labour Party denkt hier nicht an­ders als die Konservativen.

Aus dieser Einstellung heraus ist England stets jeder Nation entgegengetreten, von der es be­rechtigt oder nicht der Meinuna war, eine Riva- lität befürchten zu müssen. Mehr als ein Jahr­hundert hindurch kämpfte aus diesem Gedanken heraus Enaland gegen Frankreich. Dann wandte es sich gegen Deutschland. Diesen Kampf gegen Deutsch- land hat England vor dem Kriege mit allen Mitteln geführt. Nur ein Beispiel sei gebracht: Im Jahre 1909 erschien unter dem TitelUnsere deutschen Vettern" ein von derDaily Mail" heräusgegebenes Buch. Wer annimmt, daß bei dem genannten Titel der Schrift hier von der englischen Zeitung der Versuch gemacht worden wäre, den deutschen An­sprüchen Rechnung zu tragen, der irrt sich gewaltig. Vielmehr wurde in der Schrift über Deutschland unter anderem folgendes gefönt:Auf der einen Seite ist das emporstrebenoe Deutsche Reich jung, vertrauensvoll, ehrgeizig, eine fruchtbare Rasse, die jährlich um 900 000 Menschen wächst, so daß man ausgerechnet hat, daß innerhalb des Jahrhunderts die Bevölkerung Deutschlands auf 200 Millionen anwachsen wird. Die ständige Vervielfältigung der Volkszahl allein würde genügen, sie zu zwingen zu einer Ausdehnungspolitik, um für den Volks- Überschuß eine neue Heimat in anderen Klimaten zu finden. Dann hieß es weiter:Aber wohin in der Welt sich Deutschland wendet, es findet überall den britischen Koloß, sicher im Besitz unbegrenzter Gebiete, zivilisiert, durchforscht, entwickelt in Jahren des Friedens, sich immer enger einfügend in die mächtige Umarmung des Mutter­landes. Deutschland erschien zu spät auf der Welt- bühne. Die 25$elt war schon v erteilt, als das Reich an jenem Januarmorgen in Versailles aus­gerufen wurde. Und man kann vermuten, daß das am Herzen des Deutschen von heute nagt, und daß es, er mag wollen oder nicht, seinen politischen Aus­blick überschattet, und daß es ihn reizt, jeden Mus­kel spielen zu lassen, jede Anstrengung daran zu setzen, in jeder Beziehung den höchsten Grad der Wirkungskraft zu entfalten."

Für Die Bildung der öffentlichen Meinung in England verantwortliche Stellen logen also dem eigenen Volke vor, Deutschland werde in wenigen Jahrzehnten auf 200 Millionen Menschen angewach- ien fein und werde, ob es wolle oder nicht, so zu er großen Gefahr für das britische Weltreich. Es muß hier nicht bewiesen werden, daß Enaland heute wiederum seine Einkrei- sungspoutik gegen Deutschland führt, wie vor dem

Kriege. Es ist also das alte geblieben und hat nichts hinzugelernt. Was hat England, das ein Weltreich fein eigen nennt, in Osteuropa verloren? Mit welchem Recht mischt es sich in Dinge, die es nichts angehen? Es ist dies alles nur erklärlich aus der ganzen britischen Grundeinstellung heraus.

Hat England trotz der Lehren des Weltkrieges nichts hinzugelernt, so haben w i r es getan. Wenn von der Führung des Großdeutschen Reiches immer wieder betont wird, daß sich die englische Einkrei­sungspolitik heute einem anderen Deutschland gegen- übersteht, so genügt ein Hinweis auf die Wehr- Politik vor dem Kriege und heute, um dies zu er­härten. Der konservative Dorkriegspolitiker Graf Westarp ließ vor einigen Jahren den ersten Band seines WerkesKonservative Politik" erscheinen. Was Westarp hier über die Dorkriegspolitik Deutsch­lands berichten mußte, ist geradezu erschütternd. Frankreich , so schreibt er,hatte 82 Prozent, Deutschland nach Erlaß der drei Wehrvorlagen erst 58 bis 59 Prozent der in den Listen des Geburts- ortes Eingetragenen bei den Fahnen. So blieben im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege jährlich etwa 70 000 Mann, wie Bassermann schätzte, ober nach Angabe des Reichskanzlers 60 000 Taugliche

von der Dienstpflicht frei." Mit ihnen hätten in wenigen Jahren spielend noch mehr als jene drei Armeekorps aufgestellt werden können, die Ludendorff als Abteilungschef im Generalstab schon vor dem Kriege mit seherischem Blick stürmisch for- derte und deren Fehlen in der Unglücksschlacht 1914 an der Marne den für uns so furchtbar Verhängnis- vollen Ausschlag gab. Westarp kommt aufgrund fei- ner eingehenden und einwandfreien Untersuchungen zu folgendem Schluß:Unter Fürst Bülow ist der Gedanke der allgemeinen Wehrpflicht also praktisch, jo sogar grundsätzlich preisgegeben worden." Westarp hat mit dieser Feststellung tausendfach recht. Denn es war keine allgemeine Wehrpflicht mehr, wenn von jedem Jahrgang der männlichen Jugend fast 100 000 trotz voller Diensttauglichkeit nicht zu den Fahnen berufen wurden, weil der Reichstag die Mittel für ihre militärische Ausbildung nicht bewil­ligte. Heute dürfen die Feinde des Deutschtums nicht mehr darauf hoffen, daß Deutschland die Wehr­kraft seines Landes nicht zur vollen Entfaltung bringt. Das andere, das neue Deutschland, steht einig und geschlossen und ist deshalb stark genug, alle Bedrohungen abzuwehren.

Algier, Frankreichs Zukunstsland.

I.

Franzosen im Kolonialland.

Don Or. Lenore Kühn.

Wer von Frankreich aus nach Algier hinübergeht, erlebt eine große Ueberrafchung. Es ist, als ob es nicht dasselbe Volk wäre, das im Mutterlande sich sein Leben und seine Kul­tur gestaltet und das auf afrikanischem Boden nun [eit uv er hundert Jahren, Schritt für Schritt vor- oringend, eine neue koloniale Provinz schuf, das eigentliche Algier oderTerritoire du Nord, und die Wüsten gebiete, dasTerritoire du Sud.

9m Mutterlande sehen wir eine gerade uns Deut­schen fast unfaßbare Rückständigkeitauf allen, aoer auch allen Gebieten, geistig-ideenmäßig so gut wie materiell-zivilisatorisch. Der verlotterte, ver­fallene schäbige Prunk von Anno Toback, das er­sichtliche Fehlen jeder Erneuerung (außerhalb der Metropole" Paris), auch nur eines Pflastersteins, wenn es nicht dem unmittelbaren Nutzen dient wie Hafenanlagen und dergl., der traditionelle, aber doch immer wieder erstaunliche Schmutz, eingerostete Ge­wohnheiten und verknöcherte Sitten wirken gerade­zu devrimierend und abstoßend. Ein mehr als liberaleslaissez-aller, laissez-faire schließt sich dort zu einem Gesamtbilde von trostloser Zukunsts- losigkeit zusammen.

Dagegen ist im französischen Gebiet, jenseits des Meeres, um Algier überall ein frischer Zug, lebendige junge Kräfte, tatenfreudige Tüch­tigkeit zu verspüren, die eine völlig andere Atmo­sphäre verbreiten und den Franzosen selber in neuem Licht zeigen. Es ist, als ob Frankreich seine besten Kräfte an dieses Land abgegeben hat, oder richtiger: als ob alles, was den Moder und Muff dieser stark gealterten Schönheit, derDoirce France, nicht mehr ertragen kann, sich auf dies neue Tätigkeitsfeld geflüchtet habe. Dort zeigt das französische Volk auch noch außerhalb der bäuer­lichen Schichten einen Kern von Tüchtigkeit, Kühnheit und gesunder Erneuerungsfähigkeit, der offenbar im eigenen Mutterland nicht zur Auswir­kung kommen kann, erstickt und erdrückt von Ideo­logien, gehemmt durch Traditionen, überaltert! Das ist das, was uns heute ganz Frankreich in feiner Kultur entgegenschreit. Wer sich vor 25 Jah­ren schon über die komischen liliputanischen Wasch­geschirre, die unvorstellbaren sanitären Einrichtun­gen und antediluvianischen Esenbahnwagen wun­der mußte, wundert sich mit Recht nach 25 Jahren noch mehr über die gleichen unveränderten Dinge. Ein neuer Typ von Bahnwagen, ohne die rührende Kutschenform" der Wagen, die man noch in der Umgebung von Paris antreffen kann, und ohne die naive Heizung derBouillotten", mit heißem Wasser gefüllte blecherne Fußunterlagen der Reisenden das erscheint dort fast schon wie ein Wunder in

der ganzen zerbröckelnden, aber prätentiösen Lebens« kulisse der französischen Heimat. Es wirkt alles wie Dom Trödelmarkt.

Dagegen hat schon der Zwang zum Prestige und zur kulturellen und staatlichen Repräsentation gegen­über der eingeborenen Bevölkerung Algiers (sum­marisch alsAraber" bezeichnet) nicht nur den Franzosen selber zur Entfaltung neuer Methoden und zu größter Sauberkeit im Koloniallande und in den kleinen Kolonialstädten erzogen, soweit dies nach den örtlichen Bedingungen und den Le­bensgewohnheiten der Eingesessenen möglich ist, sondern auch zu modernen Maßnahmen auf allen möglichen Gebieten. Wer Frankreich nur von Algier her kennte, der würde sich ein völlig falsches Bild von den Zuständen des Mutterlandes machen. In Algier-Stadt, wo die eingeborenen Frauen noch streng verschleiert, wie weiße Pakete, eingemummelt bis über die Nase herumlaufen, zum Teil mit den barbarischen Fußringen auf Seiden» strümpsen, fahren diese fo Verhüllten doch in schö­nen, modernen und reichlich vorhandenen elektri­schen Bahnen, ja in höchst eleganten großen Auto­bussen, die besonders für die weitere Umgegend be­stimmt sind. Neben dem dunklen Gewirr der Trep» penstrahen des Eingeborenenviertels, das Kasbah- Viertels, das sich an den hohen Hügeln der Stadt malerisch hinaufzieht, erstehen doch weite Stadtteile, keineswegs nur Europäerviertel, wo sich acht- bis neunstöckige Häuser modernsten -Stils, fast schon Wohnfabriken erheben, mit breiten, hellen Straßen, kleinen Schmuckparks und Spielplätzen der Kinder. Der alte Seeräuberhafen Algier, der es einst zum Schrecken Europas noch bis zur französischen Er­oberung machte, dicht neben dem einstigen Sklaven- markt, wo die europäischen Gefangenen der Pira­ten nackt verkauft wurden, verschwindet heute in einem Winkel der großen modernen Hafenanlagen, die diese herrliche Ducht begleiten, welche land­schaftlich nur mit dem Golf von Neapel zu ver­gleichen ist. Weithin dehnen sich rings die sonnigen, grünen Hügelvorstädte und unzählige Vororte.

Zwar sind die schönen malerischen Dillengärten der einheimischen Reichen jetzt zurückgedrängt wor­den von den zahlreichen europäischen Villen und Bauten des üppigen Gartenviertels von Algier, Mustapha", hoch am Berghang, wo auch das deutsche Generalkonsulat in wunderbarer Lage seinen stillen, umgrünten Sitz hat. DieHand der 9atme", das Schutzzeichen über dem Eingang ein­heimischer Anwesen, ist nicht mehr allzu häufig in jenem Viertel zu sehen. Wenn sich aber eine euro­päische Reisegesellschaft, im Galopp durch das Ein­geborenenviertel der Kasbah gejagt, nicht genug überdie engen, winkeligen, stinkenden und licht- losen Straßen" (aber Schatten gilt ja als Wohl­tat und ist es auch dort) entrüsten konnte, so haben diese Leute offenbar die vielen riesigen moder­nen Wohnbauten für die Einheimischen über« sehen, die gleich daneben aufragen. Die eingefeffe«

Nachbar Feuervogel.

Von Hans Friedrich Blunck.

Eigentlich hat mein Freund Feuervogel keine Zeit für mich. Nur an Nachmittagen, wenn er seine brü­tende Frau ausschickt, um Futter zu suchen, läßt er sich herab, mit mir zu schwätzen. Husch, wie ein Glutball schwang er sich eben in die Eiche. Ein un» geguldiges Jekjekjek und Piropiropirol! Da weiß die Frau, die mannshoch in einer großen Astgabel ihr Nest gebaut hat, daß der hohe Herr sie ablösen will, sie fliegt eilig durch die Schwarzerlen und ist im Augenblick davon.

Nun sitzt mein gelber Freund, der in so oräch- tigen Farben schillert, wie man es kaum nunter in Traumwäldern findet, mir gegenüber. Er hat den Kopf auf mich und meine Angelrute gerichtet, wir konnten Zwiesprache pflegen. Es ist noch nicht lange her, daß ich ihn entdeckt habe; der Vogel Pirol ist ein wilder, unsteter Herr, der sich oorm Menschenauge geschickt verbirgt. Um so besser halten wir heute Freundschaft. Ich muß nur einige Rück­sicht nehmen und, wenn er mit flachen Schwüngen vorn Niederholz in seine Nesteiche einfällt, rasch auf die Angel blicken; er ist ein stolzer Gesell und mag nicht, daß ich zuschaue, wie er sich zum Brüten setzt.

Ich tue ihm den Gefallen; ich habe auch genug zu bedenken! Da wohnen viele dicke Schleie und sogar Aale im Mudd meines Teiches. Einen Aal haben wir neulich bei den Erbsen erwischt Kreckkreck? fragt mein Nachbar. Er will es mir nicht glauben, und ick werde verlegen. Aber wenn ich's nicht selbst war, so hat es doch der alte Fischer in Lütjensee beschworen. Man müsse nur früh ausstehen, sagt er, jeden Morgen griffe er einige Aale in seinen Erbsenbeeten. Warum soll es nicht wahr fein? Diele Fische wandern, die Aale sitzen in den ab­seitigsten Heidetümpeln, wie kämen sie dahin? Bei den Hechten kann man sich's anders erklären; die wilden Enten bringen den Laich in die Mergel- kulen oder wo sie just einfallen. Aber Aale laichen im Karibischen Meer, Aale müssen also über Land wandern; sie werden auch in die Erbsen gehen, wenn sie Lust haben, der Alte am Lütjensee wollte einen Eid darauf leisten.

Die sommerliche Glut spiegelt sich im Wasser; Haselnüsse, Erlen und Evereschen hängen dunkel über meinem Teich. Enten schnattern leise, sie halten Mittagsschlaf im Schatten; nur eine von ihnen muß Wache stehen und beobachtet mich unaufhörlich. Auch der Pirol hat mich scharf im Äuge, das weiß

ich ohne aufzuschauen. Und weil die Hitze einen unerträglichen Dürft macht, möchte ich ihn wohl fragen, ab es wahr ist, was die Bauern behaup­ten, daß er nämlich gar kein Vogel Pirol sei, daß er nur immer schrie:Bierholen, Bierholen". Es gibt indes Dinge, zu denen man nicht den rechten Mut findet, und ich weiß nicht, ob es die Freund­schaft stören würde, wenn ich mich im Ernst danach erkundigte. Ich weiß ohnehin, er lauert und lauert nur auf den Augenblick, wo fein Weib heimkommt, um ihm die Wacht im Nest wieder abzunehmen; unstet ist er und taugt nicht wie unsereins dazu, die Angel auszuwerfen und eine Stunde lang einen alten Pfropfen im Auge zu haben. Jst's nicht fo? Da, wie ich unsicher hinüberschaue, hat auch er nach mir Ausblick gehalten wipp, hebt sich der goldgelbe Kopf mit dem roten Schnabel über dem Nest auf.

Nun, ich frage nicht, ich muß mit meinem Durst allein fertig werden. Eine blaue Wolke, die lang­sam in meinem Rücken höherkam, sendet mir zum Trost einen Schauer weißen Regens herab, noch mitten in den Sonnenschein hinein. Ich kriege drei Schritte zurück auf den Haselhügel. Mit einem Blick habe ich noch die Angel im Äuge, mit dem andern muß ich das Wunder des Regenbogens fassen, der überm Hudeland steht und vom Gewölk wie Gottes siebenfarbene Flagge niederfällt.

Uebrigens sind Pirol und ich nicht die einzigen Nachbarn. Gerade als ich pflichtgemäß nach der Angel ausfchauen will, hoppelt Mümmelmann, der auf Nachbarschaft hält und dem ich schier jeden Tag begegne, bis dicht vor meinen Haselbusch und macht sein Männchen. Ick bin ein höflicher Mann und hebe die Hand an Die Mütze. Er dankt und grüßt, indem er sein Ohr nach vorn legt. Dann setzt er sich wieder in Gang und hoppelt weiter, hier und dort einmal ein wenig naschend.

Kreckkreck, sagt der Vogel, und piropiropirol. Er hat besser auf meine Angel aufgepaßt als ich; ge­rade sehe ich noch, wie der Korken untergeht. Mit einem Satz bin ich am Wasser und schwinge die Rute hoch; aber sie ist federleicht, der Köder ist längst abgenagt. Querquerquerbülobülobülo, spottet der Nachbar. Oder vielleicht kümmert er sich schon gar nicht mehr um meine Angel; er hat keine Lust, zu brüten. Ihm fällt ein, daß er Weibsarbeit ver­richtet; Bülobülobülo, lockt er zärtlich und ruft un­geduldig ein böses Jeckjeckieck hinterher. Da kommt seine Frau, ganz außer Atem vom raschen Flug. Was der Ndann einen vollen Tag über erjagen darf, das muß sie sich in einer Viertelstunde der Ablösung fangen. Ein kurzer Zank, einige Worte der Rechtfertigung über das lange Wegbleiben,

dann drängt die Frau den Gatten zur Sette, und während ich betrübt eine neue Brbtkugel um die Angel tue, steht der Nachbar rotgolden, buttergelb, mit schwarzen Flügelbändern und purpurnem Schnabel auf dem Nestrand, dehnt sich mit einem hellen Pirolpirol und ist, hui, auf und davon. Schon im nächsten Augenblick ist kaum noch ein Funke von ihm zu sehen.

Nur der Regenbogen hängt siebenfarbig aus der überglühten Wolke. Er scheint im Wind zu schwin­gen, leise hin und her zu schwingen.

Vom plumps, den die Karpfen machen.

Von Anton Schnack.

Menschen, die sich gerne am sonnenbeschienenen Spiegel regungsloser Teiche oder sttller Altwasser aufhalten, kennen den Laut. Man hat sich, über eine von Heuschrecken sirrende und schwirrende Wiese gehend, dem Schilfrand des stehenden Wassers ge­nähert, dessen Spiegel mit schönen herzförmigen Wasserrosenblättern überwachsen fft jetzt entsteht der tiefe, dumpfe und geheimnisvolle Laut. Karpfen haben mit einer jäfjen Bewegung, weil sie von dem herannahenden Schatten erschreckt wurden, das Geräusch verursacht und sind aus dem warmen Wasser der Teichoberfläche blitzschnell in die un­durchschaubare Tiefe getaucht. Der ganze Schwarm ist nicht mehr zu sehen, nur der sich verbreiternde Wasserkreis, der aus der Bewegung entstand, wan­dert in großen Ringen weiter und bringt sämtliche Wasserpflanzen und Rohrschäfte am Ufer zum Schaukeln. Immer geringer und unsichtbarer wird bas Ringspiel, schließlich verebbt- die Bewegung, und Regungslosigkeit wie vordem breitet sich wieder über den pflanzengrünen Wasserspiegel. Nur zeit­weilig steigt eine glitzernde Schnur von Lustperlen empor, die an der Oberfläche knisternd zerspringen.

Ich liebe es, an einem sonnenüberkochten Teich zu sitzen, der einen starken Duft ausatmet, gebraut aus verdampfendem Wasser und verfaulenden Pflanzen, wozu noch der wilde Atem der Minze und die flüchtige Lieblichkeit der weißblühenden Zaunwinde kommen. Die Seele einer solchen Wafserlandschast ist aus bleiernem Schlaf und un­unterbrochenem, schweigsamem Wachstum gemacht, dabei zärtlich durchspielt vom klirrenden Stroh- geräusch tändelnder Libellen. Ein Karpfenschwarm

mit gelben und graugrünen Rücken fft wieder aus der Tiefe getaucht und treibt, das runde, ring­förmige Maul geöffnet, träge durch das warme Oberwasser, das 'sie behaglich schlürfen und wieder ausstoßen. Der Rand des Teiches ist ringsum be­stickt mit weißen Wasserrosen, der Nymphäea alba, aus deren porzellanener Blüte das reine Antlitz der Nymphe schimmert, die den starken Herakles liebte, ober aus unerwiderter Liebe an gebrochenem Herzen starb und von der Huld der Gotter in die seltsame Blume des Wassers verwandelt würbe.

Plötzlich jagt der Schatten einer pfeilschnell dahin» schießenden Taubenwolke über die mittägliche Wasserruhe ich höre den muschelhohlen, kurzen Plumps. Der eine Plumps entfesselt andere, zum Teil von anderen Karpfenschwärmen, die ebenfalls die Sonnenwärme der oberen Wasserschichten aus­gesucht haben, aum Teil von auf den Blättern sich sonnenden Fröschen verursacht, die in das Wasser zurückspringen und untertauchen. Plumps . . . Plumps . . . Plumps . . . Traumklang des Wassers, Baßnote einer Sommersinfonie, lockender Ton der Wassermärchen und Wasserwefen, Stimme des gold- schuppigen Wassermanns, der, versteckt im Schilf, in seinen Mund Wasser gurgeln ließ und es behag­lich wieder ausblies.

Zeitschnffen.

Menschen, die wir nicht kennen, schildern zwei ^Beiträge des Juliheftes von Del Hagen & K l a« finge Monatsheften: die Arbeit des Kell­ners in einer großen Gastwirtschaft bildet den Hin­tergrund für eine reizvolle Novelle Paul Apels; Ka­pitäne der Landstraße, d. h. die Fahrer von Fern- laftkraftzügen, bieten Kurt Künkler den Stoff für einen aufschlußreichen Bericht. Gerade recht für die Zeit der Ferien kommt die anmutige Plauderei vom Reisen von Professor Dr. Bruno Bauch. An den Tag der deutschen Kunst und seinen Festzug klingt die Deröffentlichung der Miniaturen Jörg Äölbe- rers zum Triumphzug Kaiser Maximilians an, gründlich erläutert von Professor Dr. Wilhelm Waetzoldt. Ebenfalls farbig illustriert ist ein Auf­satz von Hans Leip über den Hamburger Maler Paul Mechlen. Zwischen Dichtung und Historie schwebt die Arbeit über Hortense Beauharnais, die Mutter Napoleons III., von Wilhelm von Sckolz. lieber Flugzeugschiffe berichtet ein illustrierter Aus­satz von Professor Dr. Werner von Langsdorff. Das Heft bringt noch zahlreiche Kunstbeiligen, viele kleine Betträge und die Fortsetzung des großen baltischen Romans gerbst auf Herrenhöfen" von Gertrud von den Brincken.