Die Gießener Jugendherberge im Jahre 1938.
Starker Besuch. - Hochbetrieb besonders im Sommer.
Am gestrigen Sammeltag für das Jugendherbergswerk war die Jugendherberge auf der Hardt zur Besichtigung geöffnet. Der Herbergswart führte, unterstützt van einigen Herren aus dem engeren Mitarbeiterkreis des Ortsoerbandes, die erschienenen Besucher. Aus seinem Bericht über den Betrieb im vorigen Jahr war zu entnehmen, daß das Heim 4237 Uebernachtungen hatte. Davon entfielen auf männliche Wanderer 3312, also etwas mehr als 3/<. Die Mehrzahl der Gäste benutzte die Bleibe in den Sommermonaten. So wiesen der Juni 600, der Juli 1410, der August 1100 Uebernachtungen auf. 2448 Wanderer waren mit dem Rade unterwegs. Die Herberge wird demnach vorzugsweise von jungen Wanderern auf ihren Urlaubsfahrten benutzt. Das hängt mit ihrer Lage an der Nord-Süd verlaufenden großen Durchgangsstraße zusammen. Die starke Zu- sammendrängung der Uebernachtungen in den Sommermonaten bringt es mit sich, daß die Herberge in dieser Zeit häufig überbelegt ist und oft nicht genug Raum bietet. Es muß deshalb an eine Erweiterung gedacht werden. Dagegen tonnte das Haus im Herbst und Frühjahr und auch im Winter noch stärker für Wochenendschulungen, für Lehrgänge und Kurse herangezogen werden. Die Vorbedingungen dafür sind recht günstig, zumal ein großes Gelände für Sport und Spiel zur Verfügung steht. Unter den Gästen befanden sich auch eine Reihe von Ausländern (152); darunter vor allem solche aus den nordischen Ländern. Im Gästebuch waren verzeichnet Dänen (86), Norweger (19),
Schweden (15), Holländer (11), Italiener (5), Finnen (4), Rumänen (4), Amerikaner (4), Engländer (3), Schweizer (2), Franzosen, Ungarn, Jugoslawen (je 1). Die Bedeutung dieses ausländischen Besuchs, der in den Rheinherbergen z. B. viel größeres Ausmaß als bei uns aufweist, liegt darin, daß diese Wanderer sich auf ihren Fahrten ein unverfälschtes Bild von Deutschland machen können und es so in ihre Heimat mitnehmen, wo ihnen ihre Presse nicht allzu selten nur Zerrbilder zeigt.
Eine gleichzeitig einberufene Mitarbeiterzusammenkunft des Ortsoerbandes diente einer Aussprache über die erforderlichen Gerätergänzungen, Ausbesserungen und Erweiterungen. Eine ganze Reihe von Wünschen und Vorschlägen geht als Ergebnis dem Landesverband zu, der sicher die ihm durch die Sammlungen zufließenden Mittel auch zu einer weiteren Ausgestaltung unserer Gießener Jugendherberge einsetzen wird, so daß im nächsten Jahre an dieser Stelle darüber berichtet werden kann. Das Gelände vor der Herberge, das städtisches Eigentum ist, wurde im Laufe dieses Frühjahrs von der Stadtverwaltung einer gründlichen Umgestaltung und gärtnerischen Neuanlage unterzogen. Damit hat die Stadtverwaltung dem Jugendherbergswerk einen erneuten sehr deutlichen Beweis ihres Entgegenkommens und ihrer Hilfe gegeben. Das läßt hoffen, daß auch die Frage einer weiteren Freimachung von Räumen zur Erweiterung der Herberge in Bälde eine befriedigende Losung finden wird.
Letstungssingen der Gesangvereine in Großen-Linden und Heuchelheim.
Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß unsere Männergesangvereine von jeher das Bestreben hatten, sich in ihren Leistungen 'stets zu vervollkommnen. Wer deshalb die Entwicklung des Chor- gesangs miterlebt hat, der weiß genau, welchen Fortschritt diese Volkskunst von etwa der Jahrhundertwende bis auf den heutigen Tag gemacht hat. Es wäre bestimmt außerordentlich aufschlußreich, wenn durch Schallplatten eine Vergleichsmöglichkeit des Singens jener und unserer Tage ge-. geben wäre. Diese Zielstrebigkeit der Vereine hat es mit sich gebracht, daß die einzelnen Chorvereinigungen ihre Kräfte gegenseitig vergleichen und messen wollten. So kamen die Wettstreite auf, und ohne Zweifel trugen sie viel dazu bei, das Können außerordentlich zu steigern. Leider wurden diese Veranstaltungen durch geschäftstüchtige „Auch-Komponisten" unseligen Angedenkens auf ein Geleise geschoben, auf dem es nicht weiter ging. So wurden die Wettstreite vom Deutschen Sängerbund verboten. An ihre Stelle wurden die Wertungssingen gesetzt. Aber sie befriedigten manche Vereine, besonders die aus den Wettstreitsgegenden, nicht ganz, und ihrem Drängen wurde schließlich insoweit nachgegeben, daß man die sogenannten „Leistungssingen" einführte, d. h. daß man durch mehrere Richter das Singen begutachten läßt und das Ergebnis in einer Note zusammenfaßt. Vorläufig sind es vier Prädikate, die verliehen werden können: „Sehr gut", „gut", „zufriedenstellend" 'Und „nicht ausreichend".
Angesichts der sehr geringen Spanne in den Noten ist es für Vereine und Richter gleich schwer.
In unserem Sängerkreis Gießen hatten sich von den 61 Vereinen 40 zum Leistungssingen gemeldet. Diese wurden durch das Los in zwei Gruppen auf- geteilt, die am gestrigen Sonntag in Großen-Linden und Heuchelheim ihr Kräfte maßen. Als Gesangsrichter waren tätig Prof. Dr. Noack (Mannheim) und Studienrat Samper (Darmstadt). Die Vereine sangen bestes deutsches Liedgut, angefangen vom schweren Kunstchor bis zum einfach-schlichten Volkslied. Es waren Werke von Zöllner, Liß- mann, Hegar, Schubert. Geilsdorf, Trunk und anderen Meistern des deutschen Chorgesangs. Friedrich Silcher, dessen 150. Geburtstag wir in diesem Jahre feiern, war besonders oft vertreten. Die Leistungen standen auf guter Höhe. Das kam auch in der mündlichen Kritik der Wertungsrichter zum Ausdruck. Das Singen währte von 8 Uhr mit einer kurzen Unterbrechung bis in den späten Abend und stellte in diesem Umfang größte Anforderungen an die Aufnahmefähigkeit aller Anwesenden. Die Chöre wurden auf Platten ausgenommen und dürften eine wertvolle Bereicherung der Dereinsarchive bedeuten.
Nach beiden Veranstaltungen, sowohl in Großen- Linden, als auch in Heuchelheim, wurde des Schutzherrn der deutschen Künste, unseres großen Führers Adolf Hitler gedacht.
20 Jahre Äsenbahner-HeimWen-Verein.
Der Gemeinnützige Cisenbahner-Heimstätten-Ver- ein eGmbH. Gießen, der jetzt auf sein 20jähriges Zcstehen zurückblicken kann, hielt am Sonntag im Hotel „Hopfeld" seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab.
Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Reichsbahn- inspektor Keuler, verwies auf den vorliegenden Geschäftsbericht und den Jahresabschluß für das Geschäftsjahr 1938. Nach dem Geschäftsbericht ist das
Geschäftsjahr 1938 für den Verein normal verlaufen. Der für Herbst geplante Neubau von fünf Dreizimmerwohnungen wurde im Sommer 1938 begonnen, der Neubau kann zum 1. 6.1939 bezogen werden. Der Mitgliederbestand ist trotz einiger Veränderungen mit 106 (104) Mitgliedern und 109 (107) Anteilen fast unverändert geblieben. Mitglieder sind Eifenbahnarbeiter, untere und mittlere Eifenbahnbeamte und deren Hinterbliebene. Bei der
gefiel durch seine Kraft und Gewandtheit in einem Trapez-Luftakt. Mit großem Vergnügen und stetigem Schmunzeln folgte man den vier Carlo-Medi- nis, die durch ihre eigenartige Komik, durch mufi- kalfiches Können und ihre lustigen Einfälle den Zuschauern imponierten. Turnerische Höchstleistungen steuerten Barlays Reckturner zum Programm bei, das in seiner Gesamtheit wohl allen Besuchern bewies, daß die deutsche Zirkuskunst im Laufe der Jahch-mderte nichts an Glanz und Leistung verloren hat.
Jahreshauptversammlung der Gießener Imker.
Am Sonntagnachmittag hielt die Fachgruppe Gießen der Bienenzüchter ihre Jahreshauptversammlung ab. Fachgruppenleiter Bodenbender berichtete in großen Zügen über die Arbeit, die gekennzeichnet war durch gut besuchte Versammlungen, in denen eine Fülle von Kleinarbeit im Interesse der Bienenzüchter geleistet wurde. Der Fachgruppenleiter wies dann auf die dringendsten Arbeiten der nächsten Tage hin. Er stellte fest, daß im allgemeinen eine gute Überwinterung der Bienenvölker erfolgt ist und daß die Bienen jetzt ihre Tracht ansetzen können. Wenn Pollen vorhanden sind, dann ist die Königin so früh als möglich einzusetzen. Er besprach hierauf die erforderlichen Arbeiten und unterstrich die Notwendigkeit der Reserve-Völker, die die „goldenen Perlen" des Imkers darstellen. Der Bienenseuchensachverständige Pfeif- f e r (Launsbach) ergänzte diese Herausstellung auch auf die Reserve-Königinnen, von denen für je 4 bis 5 Völker mindestens eine vorhanden sein muß. Nachdem noch die Erfahrungen bei der Rapsblüte vorgebracht waren, besprach Fachgruppenleiter B o - denbender auch die Winterfütterung und das Auftreten von Kristall-Zucker, sowie die Tee-Fütterung.
Bei der Vorlage des Rechnungsberichtes, der geordnete Kasfenverhältnisfe auswies, ergab sich eine Uebersicht über eine Fülle von Kleinarbeit, wie sie u. a. auch durch gemeinsamen Bezug verschiedener Futtermittel und Arbeitsgeräte geleistet wurde. Rechner H ö b e I e r wurde Entlastung erteilt, Fachgruppenleiter Bodenbender sprach ihm den Dank für feine Arheit aus.
Am 15. Mai wird an der Belegstelle der Fachgruppe praktische Arbeit geleistet. Am 20. und 21. Mai findet auf der Belegstelle der Lehrgang für die Königinnenzucht statt. Nachdem noch über die Milbenseuche gesprochen worden war, wandte sich der Darsitzende gegen die Befürchtungen der Imker bei der Bekämpfung des Kartoffelkäfers. In den zum Kreise Wetzlar gehörenden Ortschaften der Ortsfachgruppe wird eine intensive Bekämpfung einsetzen. Ortsfachgruppenleiter Bodenbender hob hervor, daß Spritzungen erst dann vorzunehmen sind, wenn sämtliches Unkraut aus den Kartoffelfeldern beseitigt worden ist. Dadurch wird auch alle Gefahr für die Bienen behoben.
Landkreis Gießen.
4-Ettingshausen, 8. Mai. Am heutigen Montag, 8. Mai, wird der älteste Mann in unserem Dorfe 8 9 Jahre alt. Herr Georg Heinrich Keil, der frühere langjährige Beigeordnete der Gemeinde, hat sich von einer längeren Krankheit wieder gut erholt, fo daß zu hoffen ist, daß er seine frühere Rüstigkeit wieder erlangt. Auch seine Ehefrau Marie, geb. Jox, mit der er vor zwei Jahren das Fest der goldenen Hochzeit feiern konnte, lebt noch. Unsere herzlichen Glückwünsche bringen wir dem alten Geburtstagskind dar.
D Lich, 4. Mai. Auch in unserer Stadt hatten sich im Laufe des Winters einige Handwerker der Meisterprüfung unterzogen. Nachdem sie die Prüfung mit Erfolg bestanden haben, konnte ihnen von der Hessischen Handwerkskammer, Darmstadt, dieser Tage der Meisterbrief ausgehändigt werden Die jungen Meister sind folgende: Damen-, schneiderinnen Gretel Wiedemann, Kätha Volz und Dorothea Schäfer, Schmied Fritz Ludwig, Metzger Heinrich Dörr, Spengler Heinrich Schnabel, Friseur Lieser, Dreher Kurt Uhle, Schreiner Hans Barz, Bäcker Otto Darmftätter.
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Mikeny fand sich immer häufiger zu dem Kreis. Es schien sich aanz von selbst zu ergeben, er wirkte in keiner Weise aufdringlich, und Dina war viel zu harmlos, um zu merken, wie gewandt Margit ihn. hevanzuziehen verstand. Ihr gegenüber zeigte er sich von freundschaftlicher Höflichkeit, ohne die leiseste Andeutung zu machen, daß sie sich einmal nähergestanden hatten. Eine durchaus richtige Taktik, denn hätte er versucht, vertraulich zu werden, wäre sie sofort zurückgeschreckt. Das Menuett am ersten Abend war das einzige Zeichen geblieben, daß er sich ihrer Ehe überhaupt erinnerte.
Auf diese Weise gelang es ihm, ihr eine gewisse Unbefangenheit zurückzugeben, und das war die Vorbedingung, wenn er überhaupt wieder an sie herankommen wollte, wozu er im übrigen noch durchaus nicht so fest entschlossen war, wie Margit annahm. Er hatte ihr zwar den Gefallen getan, nach Arosa zu kommen, weil das Ausgefallene dieser ganzen Sache feine Abenteuerlust reizte und weil die Tatra wirklich nicht fortlief. Aber sich nun darum wieder gleich Hals über Kopf in eine Ehe zu stürzen — das wollte er sich doch noch reiflich überlegen. Natürlich hattten Dinas Millionen inzwischen nichts von ihrem Glorienschein eingebüßt, aber im Augenblick war er nicht in Verlegenheit — er hatte tatsächlich in der letzten Zeit Glück beim Spiel gehabt — und so nahm er die Sache vor- löufig als einen großen Spaß. Es reizte feine Eitelkeit, Dina wiederzuerobern, und es reizte feine Neugier, dahinterzukommen, warum Margit sie wieder ^ufammcnbnngen wollte. Daß sie einen be» stimmten Zweck damit verfolgte, stand für ihn bombenfest, denn aus reiner Menschenfreundlichkeit — so etwas konnte sie vielleicht Dina vormachen, aber nicht ihm.
Also widmete er sich weiter dem Roederschen Kreise, tanzte mit den Damen, wenn er gegen Schluß des Abends die Kapelle seinem ersten Geiger übergab, und ließ an Gewandtheit sämtliche Herren weit hinter sich. Und wenn, was gelegentlich vorkam, ein Gast versuchte, in dem Kapellmeister einen Angestellten des Hotels zu sehen, so wurde ihm in likbenswürdigster Weise der Standpunkt klargemacht.
„Dein Verflossener hat den Bogen wirklich raus", sagte Margit einmal anerkennend, als sie und Dina soich kleine Szene beobachtet hatten.
Auf diese Weise verging fast eine Woche.
Eines Morgens, es war später als sonst, saß Dina mit ihrer Cousine beim Morgenkaffee. Sie war nicht zum Schikurs gegangen, weil sie auf einen Anruf von Holk wartete. Er hatte es offengelaffen, ob er sich zu diesem Wochenende wieder frei machen könnte, wollte aber auf alle Fälle Bescheid sagen. Nun war es zehn Uhr vorbei, und er hatte noch nichts von sich hören lassen. Dina fühlte, wie ihre nervöse Unruhe immer stärker wurde. Sie wußte nicht, wie sie zu Holk stand, sie wußte nur, daß sie ihn brauchte — dringender denn st.
Margit blätterte zerstreut in einer Zeitung, die von der aufmerksamen Bedienung auf den Tisch gelegt worden war. Plötzlich stutzte sie. „Sieh mal an", sagte sie interessant. „Sie scheinen dem Chamäleon auf die Spur zu kommen!"
Auch Dina horchte auf. „Wieso? Lies mal vor."
„Er soll diesmal als Reverend aufgetreten fein", berichtete Margit, „als ein Mann mit dichtem weißen Haar und einer goldenen Brille." „Frechheit, sich als Priester zu verkleiden!" schaltete sie ein, bann las sie weiter. „Er nannte sich Timotheus — der Name wäre mir gleich verdächtig gewesen — Bruuns — und behauptete, aus einem Nest bei Johannisburg zu fein. Hat sich natürlich alles als Schwindel herausgestellt, und der würdige Herr Reverend ist spurlos verschwunden. Muß doch ein gerissener Hund sein."
„Das ist er", entfuhr es Dina.
Margit ließ die Zeitung sinken und sah sie erstaunt an. „Kennst du ihn etwa?"
„Unsinn. Aber manchmal lese ich auch Zeitungen. Und cs steht ja genug von ihm drin."
„Das stimmt." Margit war befriedigt. Dann betrachtete sie ihre Kusine etwas genauer. „Was ift eigentlich los mit dir? Du bist so zappelig heute."
„Nichts", antwortete Dina prompt. „Ich hab' nicht ausgeschlafen, das lange Herumsitzen in der Bar bekommt mir nicht."
„Du hast dich aber doch gestern mit deinem Verflossenen recht gut unterhalten." Und als Dina nur unwillig die Achseln zuckte, meinte sie: „Er ist ein fabelhafter Kerl. Ich fand ja immer, daß du über» eilt gehandelt hast; wenn jede Frau, die eifersüchtig wird, sich gleich scheiden ließe ..."
„Es war nicht Eifersucht", sagte Dina kurz.
..Was denn sonst? Du bist doch gleich hochgegangen, wie du von dem Techtelmechtel mit der Dertolly erfuhrst. Dabei hat er sich bestimmt nicht viel aus ihr gemacht. Heber so etwas sieht eine vernünftige Frau eben hinweg."
„Ich möchte dich erleben, wenn dein guter Fred es wagen würde, eine andere Frau anzusehen", sagte Dina ironisch. „Im übrigen war es die Lüge,
an der meine Ehe scheiterte^ und nicht die Eiser- fuchi."
„Ja, du warst ja immer solche Wahrheitsfanatikerin." Margit sprach fo bedauernd, als mache sie eine tiefbetrübliche Feststellung. „Wenn dazu noch unantastbare Tugend kommt, dann kann man sich schließlich nicht wundern, wenn ein Mann es mit der Ängst kriegt. Und im übrigen hast du dir mit deinem Dickkopf nur ein eigenes Glück zerstört, denn im Grunde liebst du Mikeny immer noch."
Dina stand auf* Sie war weiß bis in die Lippen. „Wenn du nicht willst, daß ich auf der Stelle abreife, dann unterlasse in Zukunft derartige Bemerkungen", sagte sie mühsam beherrscht.
„Reg dich nur nicht künstlich auf", war die spitze Antwort. „Ihr tut mir beide leid, das ist es. Aber man soll eben kein Herz für seine Mitmenschen haben, man erntet doch nur Undank." — Dasselbe wiederholte sie eine Stunde spater, als sie mit Mikeny die Dorfstraße hinunterschlenderte. Dina war inzwischen doch zum Schiläufen gegangen. „Mit einem Gesicht wie zehn Tage Regenwetter", erzählte Margit. „Und grob war sie auch, bloß weil ich ihr mal die Wahrheit gesagt habe", beklagte sie sich weiter.
„Oh — das tut mir leid, daß Sie für Ihre Güte Merger haben, obwohl — grob war Dina früher eigentlich nicht."
„Das macht das viele Geld. Als sie in Stellung war, hat sie sich solchen Ton nicht leisten können."
„Dina war in Stellung?" fragte er betroffen.
Sie sah ihn aus einem Augenwinkel an. „Aber Mikeny, Sie selbst haben doch ihr Vermögen verspielt."
„Ich wußte aber nicht, daß es ihr ganzes Vermögen war", verteidigte er sich. „Ich hielt ihren Vater für wohlhabend."
„Er hatte noch seine Pension, sonst nichts."
„Dann habe ich tatsächlich ihr ganzes Geld — das ist mir einfach scheußlich!" Seine Erregung war echt.
„Nun, sie hat ja wieder ein Vermögen in den Schoß geworfen bekommen. Diesmal werden Sie langer brauchen, es kleinzukriegen. Millionen verspielen sich nicht so rasch."
„Wer sagt denn, daß ich überhaupt noch spiele?" Die Frage klang so harmlos, daß Margit die Falle nicht merkte.
„Sie selbst haben es mir gesagt, im Palasthotel, als wir uns zum ersten Male wiedersahen", erinnerte sie eifrig.
Er markierte Nachdenken. „Richtig, ich entsinne mich, Sie erzählten mir noch, wie ungerecht Ihre Großtante Sie behandelt hat."
„Hat sie auch", Margits Erbitterung war größer als ihre Vorsicht. „Sie kannte Dina ebensowenig
gesetzlichen Prüfung durch den PrüfungArerbcnid haben sich keine Beanstandungen ergeben. Da= gleiche wird von den Prüfungen des Aufsichtsrates berichtet. Dem Bericht ist u. a. weiter zu entnehmen, daß der Verein über 65 Wohnungen verfügt. Dei unbebaute Grundbesitz hat sich gegenüber 1937 durch Ankauf eines früheren Feldweges von der Stab: Gießen um 457 Quadratmeter vergrößert. Das Gefchäftsguthaben ist von 25160 09 Mark um 1487,70 Mark auf 26 647,79 Mark an-geftieggn unt beträgt 81,5 v. H. der Vollfumme. Der gesetzlichen Rücklage wurden 400 Mark und 35 Mark Eintrittsgelder zugeführt. Der Bauerneuerungs-Rückstellung wurden 1458,84 Mark zugeschrieben. Die Rentabilitätsaufstellung stellt Aufwendungen und Erträge mit je 37 747,74 Mark gegenüber. Der Gewinn beträgt 1826,77 Mark. Die Liquiditätsaufstellung weift 26 689,40 Mark aus. Der Kapitalstand am 31.12.39 setzt sich aus 176 033,88 Mark eigenem und runö 384 206,85 Mark fremdem Kapital, einschließlich des Gewinnes rund 562 067 Mark zusammen. Die Bilanz schließt mit 562,067 Mark. Die Aktiven enthalten u. a. rund 32 510 Mark für unbebauten Grundbesitz, rund 485 000 Mark für Wohngebäude und 16 000 Mark für Neubauten, sowie 27 159 Marl Bankguthaben. Aus den Passiven ist das auf 26 069 Mark angewachsene Geschäftsguthaben, rund 150000 Mark Reserven und 378 605 Mark Hypothekenschulden anzugeben. Die Gewinn- und Verlustrech-' nung schließt mit 37 574,51 Mark.
Nach dem Bericht über die gesetzlichen Prüfungen wurde der Jahresabschluß für 1938 einstimmig genehmigt. Der Reingewinn wird zu 10 v. H. der qe= fetzlichen Rücklage zugeführt, für eine 3prozentioe! Dividende auf die Geschäftsguthaben und 908,88: Mark als Rückstellung für Straßenbau verwandt..
Vorstand und Aufichtsrat wurden einstimmig Ent. laftung erteilt und das Vertrauen ausgesprochen.
Die Satzungen, die eine notwendige Aenderung erfahren mußten, erhielten u. a. auch den Zuf-ch daß Juden keine Mitglieder fein dürfen.
Die turnusmäßig ausfcheidenden Mitglieder des Aufsichtsrates, Brühl, Görr und Schneider, wurden auf drei weitere Jahre wiedergewählt, für das durch Wegzug ausscheidende Mitglied Wagner wurde Hugo Baumann auf zwei Jahre in den Aufsichts» rat neu gewählt.
Der Vorsitzende des Vorstandes, Reichsbahn-Lokomotivführer Müller, gab einen Rückblick über die Entwicklung des am 2. 7. 1919 georünbeten Heirn- stättenvereins. Bei jener ersten Versammlung träte« 132 Eisenbahner dem Verein bei. Von den damals gewählten Vorstandsmitgliedern ist der jetzige Schriftführer Pauly noch Mitglied des Vorstandes, gleichfalls ist Aufsichtsratsmitglied Dr e schell ununterbrochen im Amte geblieben. Wenn auch den der Gründung das Ziel der Heimstätte oorgefchwebt! hatte, fo war es trotz der großen Schwierigkeiten möglich geworden, durch die Erstellung von Wohnungen mit ©artenanteilen diesem Ziele nahezukommen. Das Ziel des Eigenheimes schwebt auch heute noch dem Verein vor, aber der Verein konnte doctz zur Erstellung geeigneter Wohnungen beitragen. Die Fertigstellung der 70. Wohnung und das 20jädrige Bestehen des Vereins sollen Anlaß sein, dieser' erfolgreichen Arbeit im Dienste der Ällgemeinheitt durch eine schlichte Feier zu gedenken. Bei dieser' Feier soll der Gründer und ältesten Mitglieder uni- vor allem jener gedacht werden, die durch ihre ge- nossen schaftliche Treue erheblichen Anteil an den Leistungen hatten, auf die der Eisenbahner-Hem- stätten-Verein mit Stolz zurückblicken kann.
Schwerer VerkehrsunfaX.
In der verflossenen Nacht vom Sonntag jum Montag ereignete sich auf der Landstraße Hochelheim—Dornholzhausen ein schwerer Verkehrsunsall. Dort stieß der mit dem Motorrad auf der Heimsahn befindliche Ernst Riehl aus Dornholzhausen mit einer kleinen Gruppe von Fußgängern zusammen. Dabei stürzte Riehl, zugleich wurde auch eine Fran Wilhelm Schäfer mit zu Boden gerissen. Rieil trug einen Schädelbruch davon und blieb bewußtlos liegen, während die Frau einen Unterschenkelbrut erlitt. Beide Verletzte wurden von der Bereitschaft Gießen vom Roten Kreuz nach der Chirurgischer Klinik verbracht.
wie mich und vermachte ihr alles. Das ist bett einfach unerhört!"
„Ich kann es verstehen, daß es Sie kränkt. Uir. so rührender ist es, daß Sie es Dina nicht nach tragen. Sie haben das Herz eines Engels", versicherte er begeistert — und doch sah sie etwas unsicher zu ihm auf: klang nicht ein leiser Unterton von Hohn in feiner Stimme mit? — Aber nein, f'i hatte sich geirrt, in feinem Gesicht mar nichts ab Bewunderung zu lesen.
War Margit eine gute Schauspielerin, so hatte s« in Mikeny einen ebenbürtigen, Partner: ihr Selbfi- bewußtsein wäre doch ziemlich erschüttert morbtn hätte sie in diesem Augenblick seine Gedanken lesen können. Kanaille, dachte Mikeny, der selbst viel z" sehr mit allen Wassern gewaschen mar, um ibr! Intrige nicht zu durchschauen. Das also war der wahre Grund ihrer Fürsorge, wirklich raffiniert ausgedacht! So ein ausgekochtes Biest, dachte er weniger vornehm als treffend, wahrhaftig, wenn sie nicht eine reiche Frau in gesicherten Verhältnisse" wäre, hätte sie. eine große Verbrecherin werde" können; das Zeug dazu hatte sie.
Aber da er seine Rolle ebenfalls vollendet ahnte Margit feine wirklichen Gedanken nicht uw der Spaziergang verlies durchaus harmonisch.
Sehr Diel weniger'harmonisch war der Tag str Dina. Mittags rief Holk zwar an, aber nur, ufl ihr ZU sagen, daß es ihm unmöglich fei, sich J; diesem Wochenende frei zu machen, daß er es bebaure und ihr weiter gute Erholung wünsche. ungefähr waren seine Worte, das Gespräch wo-" kurz, und die Verständigung war schlecht.
Dina war wie erschlagen, als sie den Hörer au*1’ legte: ihr wurde jetzt erst klar, wie unbedingt V1- mit feinem Kommen gerechnet hatte. Und nun sag"- er.doch ab — im allerletzten Augenblick! Hatte se>w- Stimme nicht kühler geklungen — vielleicht war dm Dienst nur ein Vorwand und er wollte nicht kow" men. —
Sie kauerte in einen Sessel und versuchte, fid? W' Einzelheiten ihres letzten Beisammenseins ins dächtnis zu rufen. Er hatte erfahren, daß ihr früherer Mann hier war, und das hatte ihn sichtlich JJ* angenehm berührt. Aber sie konnte doch nichts dafür, ihr war es mindestens ebenso peinlich gewestu- Dann war Margit gekommen, und sie hatte kaum noch allein mit ihm sprechen können. Marait ihm wohl nicht besonders, aber das war doch 'er Grund, sie im Stich zu lassen. Er mußte doch Py len, daß sie ihn brauchte, daß er ihr helfen soun- Etwas unheimliches drängte sich an sie heran machte sie unsicher; etwas, das sie zwang, Gedanker zu haben, die sie nicht denken wollte, die fifflj Wünschen verdichten konnten, die sie nicht wünschen durfte.
(Fortsetzung folgt.)


