Ausgabe 
8.3.1939
 
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An die Eltern der Zehnjährigen!

Vierzehn Tage dauert die Aufnahmeaktion der HZ.

Am 1. März hat im ganzen Reich die Aufnahme des ersten großdeutschen Jahrgangs der Zehnjährigen begonnen. Vierzehn Tage hat die HI. für den Schul­jahrgang 28/29 die Möglichkeit zum Eintritt m die Jugendorganisation der nationalsozialistischen Be­wegung gegeben, vierzehn Tage sind die Führer und Führerinnen in erhöhtem Maße in den Dienst der Aufnahmeaktion gestellt und jederzeit bereit, sowohl den Zehnjährigen, wie ihren Eltern Auskunft zu geben, über die Bedeutung und Aufgaben der Hitler­jugend.

Bereits am 20. April, am Geburtstag des Führers, wird durch den Reichsjugendsührer an Adolf Hitler die Zahl der Jungen und Mädel gemeldet, die als seine jüngsten Mitkämpfer in feine Bewegung em- getreten sind. Für jeden Jungen und jedes Mädel ist es aber verständliche Vorschrift, einen vierwöchent­lichen Probedienst vor der entgültigen Aufnahme mitgemacht zu haben. In dieser Probedienstzeit muß als Mindestdienstleistung an einem Heimnachmitlag und einem Dienstunterricht über die Aufgabengebiete des Pimpfen- oder Jungmädels teilgenommen wer­den. Hinzu tritt noch die Beteiligung an einem Sport­nachmittag, an dem jeder der Zehnjährigen eine Mut­

probe ablegen muß. Den Willen zu diesem Emfatz aber wird sowohl der Pimpf, wie das Jungmadel m einfachen, sportlichen Hebungen beweisen, die von ihnen sowohl Mut, als auch Entschlossenheit fordern.

Erweist es fich auf Grund des Urteils der für die Leitung dieses Probedienstes besonders vorbereiteten Führer und Führerinnen als erforderlich, so wird eine Nachuntersuchung durch den HJ.-Arzt bzw. die BDM.-Aerztin vorgenommen. Ergibt diese Unter­suchung besondere körperliche Mängel, so erfolgt eine Zurückstellung bis zum nächsten Jahr.

Aus der Schilderung des Verlaufes der Aufnahme­aktion geht hervor, in welchem Maße tue gesamte HJ.-Führerschaft eingespannt ist. Je früher deshalb die Eltern die Abgabe der Aufnahmeverpflichtung für ihren zehnjährigen Jungen oder ihr Mädel veranlas­sen, desto leichter wird es der HI., die gesamte Auf­nahmeaktion in der gesetzten Frist vorbildlich durch­zuführen. An die Eltern ergeht deshalb die Bitte, sich schon in dieser Woche zu entscheiden und im Vertrauen und Glauben an den Führer und seine Bewegung ihre Zehnjährigen der großen Kampfgemeinschaft, der nationalfozialistischen Freiheitsbewe-ung einzu­gliedern.

FWD. Altpapier ist nach wie vor ein wertvoller Rohstoff und muß daher in stärkstem Maße bei der Papierherstellung Verwendung finden. Im Rahmen des Vierjahresplanes ist inzwischen die Erfassung von Altpapier von rd. 0,65 Mill. Tonnen bereits auf 1,0 Mill. Tonnen erhöht worden. Diese Gesamtmenge stellt einen bedeutenden volkswirtschaftlichen Wert dar. Setzt man pro Tonne nur den relativ niedrigen Durchschnittspreis von 40 RM. an, dann ist der Gesamtwert der deutschen Altpapiererfassung des Jahres 1938 auf 40 Mill. RM. zu veranschlagen.

Leider muß aber, wie der Reichskommissar für Altmaterialverwertung mitteilt, nach wie vor fest- gestellt werden, daß in vielen Fällen das Altpapier in einem völlig verunreinigten und damit wertlosen Zustand dem Sammler übergeben wird. Insbesondere dort, wo zur Entlastung der einzelnen Haushaltung und des Sammlers sog. Hausvorsammelstellen errich­tet worden sind, werden in diese Behälter leider außer Altpapier die verschiedensten Verunreinigungen abge­legt. Dadurch findet der Sammler und Händler zu­letzt ein Material vor, das er als Altpapier nicht mehr

über den Großhandel an die Industrie weiterliefern kann.

Daher ergeht nochmals die Mahnung, Zigaretten­schachteln aus Blech, Milckdosen, Farbbänder, Kor­deln, Heftklammern, Speisereste usw. nicht mit Alt­papier zu vermischen, da dies in der Fabrik zu einer Gefährdung wertvollster Maschinen und damit deutschen Volksguts führen würde. Eine nachträgliche Sortierung stark verunreinigten Altpapiers beim Handel und in der Fabrik kann aus technischen und aus Kostengründen das Material nicht mehr in jenen wertvollen Rohstoff verwandeln, den das Altpapier in sauberem und verarbeitungsfähigem Zustand für die Volkswirtschaft darstellt.

Um die erwähnten Schwierigkeiten rasch und gründ­lich zu beseitigen, werden mit sofortiger Wirkung die Sammler ermächtigt, die Annahme von Altpapier, das offensichtlich stark verunreinigt ist, künftighin abzulehnen.

Also nochmals die Mahnung: nur sauberes Alt­papier sammeln, keine Blechschachteln, Kordeln, Heft­klammern oder gar Speisereste in Altpapier werfen!

etwa um 14.45 Uhr an der Kreuzung Moltkestraße- Kaiserallee sein. Don dort geht der Marsch weiter durch folgende Straßen: Ludwigsplatz, Neuen Baue, Sonnenstraße, Seltersweg, Horst-Wessel-Wall, Bahn­hofstraße, Marktstraße, Marktplatz, Walltorstraße, Hitlerwall, Moltkestraße, Kaiserallee zum Flieger­horst zurück. Dieser Marsch wird von Sammlern des NS.-Fliegerkorps begleitet sein, die mit ihren Sam­melbüchsen Spenden für das WHW. entgegenneh­men.

Rückmarsch der Infanterie und Artillerie.

Nach dem Abschluß der Vorführungen der In­fanteristen und Artilleristen werden diese Truppen etwa von 16.30 Uhr ab von dem Musikkorps des IN. 116 an den Vorführungsplätzen abgeholt. Der Rückmarsch dieser Einheiten geht vom Theater aus über den Hitlerwall, Wernerwall, Horst-Wessel- Wall, Hindenburgwall, Ludwigsplatz, Licher Straße zur Berg-Kaserne.

Sowohl der Marsch zu den Vorführungsplatzen, als auch der Rückmarsch dieser Einheiten wird von Sammlern der NSV., des NS.-Reichskriegerbundes und der DAF., Abt. Wehrmacht, begleitet sein, die während dieses Marsches, ebenso wie auf den Vor­führungsplätzen, Spenden für das WHW. sammeln. Militärkonzerte im Stadttheater und im Cafe Leib.

Am Abend des 18. Marz von 20 bis 24 Uhr werden im Stadttheater und im Cafä Leib Mili- tarkonzerte stattfinden. Im Stadttheater roirb das Musikkorps IR. 116 konzertieren, das Konzert im Cafe Leib gibt das Musikkorps des Kampfge­schwaders 155. Die Eintrittspreise für diese Kon­zerte sind auf 1 Mark und 75 Pf. festgesetzt. Karten zu 1 Mark werden nur für das Konzert im Stadt­theater verkauft. Den Vorverkauf der Eintrittskarten und der Musikfolgen hat die NSV. übernommen.

Die Spendeabzeichen.

Als Abzeichen für die Spenden für das WHW. werden kleine Schulterklappen ausgegeben, die zum Preise von 20 Pf. zu haben sind. Der Be­sitzer des Abzeichens hat damit auch das Recht zum Eintritt in alle Kasernen zur Besichtigung am nach­folgenden Sonntag, 19. März, erworben. Alle Volks­genossen mögen sich frühzeitig die Spendeabzeichen und Eintrittskarten zu den Konzerten besorgen!

Vornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr:Die andere Seite". Gloria-Palast, Seltersweg:Der <Sd)ritt vom Wege". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Auf­ruhr in Damaskus". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.

ErstaufführungDie andere Seite".

Heute abend findet die Erstaufführung des be­kannten KriegsstückesDie andere Seite", Drama von R. C. Sherriff, statt, das immer wieder auf allen Sühnen der Welt mit größtem Erfolg gespielt wurde. Spielleitung Hannes Razum, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 22. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende nach 22 Uhr.

Hitler-Zugend Bann 116.

Sozialstelle.

Ich habe Veranlassung, auf folgende Bestimmung hinzuweisen: Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat am 1. Februar 1939, Aktenzeichen E IVc 503, betr. Berufsschulpflicht und Lehrabschlußprüfung, an die Schulbehörden fol­gendes Schreiben gerichtet: Lehrlinge, die die Fach­arbeiter-, die Gesellen- oder die Gehilfenprüfung mit Erfolg abgelegt haben, sind für den Rest des Schulhalbjahres vom Besuch der Berufsschule zu befreien.

Heute Platzkonzert am Stadttheater.

Das Musikkorps des Jnf.-Regts. 116 unter Lei­tung von Stabsmusikmeister Krieg gibt am heu­tigen Mittwoch, 8. März, von 16.30 bis 17.30 Uhr ein Platzkonzert am Stadttheater. Spielfolge:

1.Deutsche Wehr, deutsche Wacht", Marsch von Kreuter;

2. Ouvertüre zur OperetteDie schöne Galathä" von Suppe;

3. Melodien aus der OperettePuppenfee" von Bayer; .

4. Holzschuhtanz aus der OperZar und Zimmer­mann" von Lortzing;

5.Wein, Weid und Gesang", Walzer von Joh. Strauß.

354 ABE.-Schühen in Gießen.

Mit Beginn des neuen Schuljahres werden in Gießen 354 Kinder zum ersten Male den Weg zur Schule antreten; davon sind 187 Mädchen und 167 Knaben.

Das neue Schuljahr wird insofern eine Aenderung bringen, als die alte Pestalozzi-Schule am Werner­wall künftighin für die Zwecke der Volksschule nicht mehr verwandt werden wird, sondern den Unter­richtszwecken der Alice-Schule dienen soll. Die jetzt in der alten Pestalozzi-Schule unterrichteten Kinder werden nach Ostern in die neue Pestalozzi-Schule im Eichgärtengebiet gehen bzw., soweit dort nicht genügend Platz für sie ist, auf die Goethe-Schule und die Schiller-Schule verteilt werden.

Die ABC.-Schützen werden ebenfalls auf die drei Schulen neue Pestalozzi-Schule, Goethe-Schule, Schiller-Schule verwiesen, wobei aber bis jetzt noch nickt entschieden ist, welche Schule von dem betreffenden Kinde besucht werden wird. Bei der Zuteilung der ABC.-Schützen auf die Schulen wird die Schulverwaltung vor allem auch auf den An­marschweg der Kinder nach bester Möglichkeit Rück­sicht nehmen, jedoch kann dieser Gesichtspunkt für die Zuweisung des Kindes an eine bestimmte Schule nicht allein bestimmend sein.

Mit dem Leiter unserer Stadt ist sich die Schul­verwaltung vollkommen darüber einig, daß diese Lösung der Schulschwierigkeiten keinen Jdealzustand darstellt und daß das Problem der Bezirksschulen nach wie vor in vollem Umfange bestehen bleibt. Die Stadtverwaltung wird selbstverständlich von sich aus alles tun, um dieses Problem so bald wie möglich in befriedigender Weise zu lösen, ein bestimmter Zeitpunkt hierfür kann aber heute noch nicht ge­nannt werden. Daher geben die Stadtverwaltung und die Leitung unseres städtischen Schulwesens der Hoffnung Ausdruck, daß die Eltern in einsichtsvoller Weise den Schwierigkeiten Rechnung tragen, die jetzt zu lösen außerhalb der Möglichkeiten der Stadt liegen.

70 Ortsbauernführer besuchen Gießen.

Am nächsten Samstag und Sonntag werden 70 Ortsbauernführer aus Waldeck unsere Stadt und unseren Nachbarort Lich besuchen. Die Ortsbauern­führer kommen unter Führung des Leiters der Landwirtschaftsschule und Wirtschaftsberatungsstelle Mengeringhausen (Waldeck) am Samstag in zwei Omnibussen hier an und werden dann unter Leitung von Professor Dr. Vogel vom Oberen Hardthof die Universitäts-Versuchsgüter Oberer und Unterer Hardthof besichtigen. Am Samstagabend werden sie sich mit Berufskameraden und Vertretern unserer Stadt zu einem kameradschaftlichen Zusammensein vereinigen und dann auch in Gießen übernachten. Am nächsten Sonntagvormittag werden die Orts­

bauernführer das Fürslliche Gut in Lich besichtigen, am Sonntagnachmittag werden sie wieder in Gießen weilen, um hier das Liebig-Museum eingehend in Augenschein zu nehmen.

Wieder-Ireilegung des Silur- Vorkommens in der Lindener Mark.

Es dürfte wenigen bekannt sein, daß im 9iatur* * ** schutzgebiete des Gießener Bergwerkswaldes in einem ausgelassenen Bruch, der sich in der Nähe der alten Tonhalde befindet, Gesteine anstehen, die mit zu den ältesten Deutschlands gehören; es sind Kalke und Ton­schiefer der oberen Abteilung der Silur-Formation, deren Vorkommen in der Lindener Mark auch den Geologen erst feit verhältnismäßig kurzer Zeit bekannt ist. Bestimmte Schichten dieser Gesteine sind sehr ver­steinerungsreich und enthalten Abdrücke oder Stein­kerne einer bestimmten Einzelgruppe von Hohlraum­tierchen, Armfüßern, Zweifchalern, Schnecken, Gerad- hörnern und Dreilappkrebsen.

Da dieser einzigartige Aufschluß, der eine geolo­gische Seltenheit darstellt, sehr stark verfallen und überwachsen war, wurde er in diesen Tagen unter Leitung des Geologischen und Palaeontologischen Instituts der Universität Gießen mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft wieder freigelegt und durch einen Weg gangbar gemacht. Dr. K.

Schont die Weidenkätzchen1

Der März gehört zu den Monaten, die der Mensch am freudigsten begrüßt, bringt er doch die ersten Frühlingsblumen in Gärten und auf Wiesen. Ne­ben den sichtbar blühenden Haseln, Erlen und Bir­ken tragen auch die Weiden ihre kleinenPalm-

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kätzchen", die silbrig aus den braunen Knospen herauslugen. Dieses Leuchten verleitet immer wie­der dazu auch Sonntagsausflügler, Palm­kätzchen zu pflücken und sie nach Haufe zu bringen. Ja vielfach werden ganze Bündel von Zweigen ab­gerissen, obwohl die Palmkätzchen durch das Reichs­naturschutzgesetz geschützt sind und das Abreißen von Palmkätzchen streng verboten ist. Die Palmkätzchen sollten doch ein Frühlingsgruß sein für alle Men­schenkinder, die daran vorübergehen. Man bedenke auch, daß die verschiedenen Weidenarten für die Bienenzucht unentbehrlich sind, da sie die einzigen Pflanzen sind, die im Vorfrühling den für die Bie­nen so notwendigen Blütenstaub liefern.

*

** Eine Dreiundachtzigjährige. Am morgigen Donnerstag, 9. März, kann Frau E u te­il e u e r W w e., Riegelpfad 68, in geistiger und körperlicher Frische ihren 83. Geburtstag feiern. Wir beglückwünschen!

** E i n Achtzigjähriger. Der in weiten Kreisen bekannte Kulturaufseher i. R. Alois K u b e in Gießen, Aulweg 100, kann am morgigen Don­nerstag in geistiger und körperlicher Frische seinen 80. Geburtstag feiern. Seine Rüstigkeit führt er vor­zugsweise auf seine frühere Beschäftigung zurück. Dem alten Herrn, einem langjährigen treuen Be­zieher des Gießener Anzeigers, bringen auch wir unseren herzlichen Glückwunsch dar.

** Zimmerbrand. Am gestrigen Dienstag, kurz nach 16 Uhr, wurde die Feuerwache nach dem Hinterhaus des Grundstücks Walltorstraße 48 ge­rufen, wo in einem Zimmer des Kohlenhändlers Sauer ein Zimmerbrand entstanden war. Eine Chaiselongue fiel den Flammen zum Opfer, das Uebrige konnte von der Feuerwehr gerettet werden. Der Brand soll durch spielende Kinder verursacht worden sein.

** Dienststunden der Behörde n. In der Notiz über die Dienststunden der Behörden, Gemein­den und Gemeindeverbände, die wir am Montag, 6. März, veröffentlichten, war durch einen Setzfehler Sonntag von 7 bis 13 Uhr" zu lesen. Es muß selbstverständlichSamstag von 7 bis 13 Uhr" heißen.

Das Wööchm Wit. |

Nomon von Walther kloepffer.

Copyright by dar! Duncker Verlag,Berlin^Z5

14. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Also, um auf das andere zu kommen, das mit Argentinien haben Sie ausgezeichnet gemacht!"

Wirklich?" sagte Tinser freudig.

Tatsächlich! Ist ein Bombenauftrag, den wir Ihnen da zu verdanken haben. Freut mich, daß Sie sich so entwickeln; ich werde das auch Ihrem Vater schreiben. Damit Sie sehen, daß wir aber nicht nur Worte machen vom Ersten ab sind Sie fest angestellt, 300 Mark Anfangsgehalt, Verwendung vorerst in der Exportabteilung. Wenn Sie nach einer gewissen Zeit eine Auslandsvertretung vor­ziehen sollten, können wir darüber reden. Ich würde Ihnen fast dazu raten. Solche Posten sind ausbau­fähiger und gestatten selbständiges Arbeiten. Im nächsten Jahr bringen wir etwas ganz Neues, den Föpplfaden, heraus; da tut sich allerhand. Da kann sich mancher im Ausland seine Sporen verdienen. Zwei Steinhäger, Fräulein!"

Dielen Dank, Herr Hegemann, für die Anerken­nung, für das Vertrauen. Ich werde mich stets be­mühen ...", stammelte Tinser beglückt. Das erste selbstverdiente Geld war schon wert, daß man dar­über ein wenig in Begeisterung geriet.Was ist eigentlich ,Föpplfaden'? Darf man das wissen? Ich habe im Werk schon angetippt, aber die hüllen sich in Schweigen."

Föpplfaden" ist unsere neueste Erfindung. Ein unbezahlbares Nahtmaterial für Operationen, bild­lich gemeint natürlich dasUnbezahlbar". Föppl­faden schlägt Katgut, weil er durchaus keimfrei und aufsaugfähig ist. Das spielt bei der Wundoersorgung eine große Rolle. Fragen Sie nur unsere Aerzte. Wir haben die Erfindung vor wenigen Monaten erworben und gehen nach Fertigstellung des Neu­baues daran, sie auszubeuten. Dieser Föppl hat ein Menschenalter herumexperimentiert, bis ihm endlich die Erfolge beschieden waren. Dann hat er sich hin­gelegt und ist gestorben. Erfinderschicksal. Der Aus­gangspunkt des neuen Fadens ist tierisches Gewebe, vor allem Muskulatur bestimmter Einhufer. Diese wird durch chemische Prozeduren so verarbeitet, daß sie in ihre feinsten Fäserchen zerfällt, die dann ge­sponnen werden. Sie wissen vielleicht, daß mir ganz eigenartige Maschinen in Auftrag gegeben haben. Nun, diese Maschinen sind für den Föpplfaden be­stimmt. Wir haben viele Tausende in diese Geschichte

hineingesteckt, und im nächsten Frühjahr wird mit der Fabrikation begonnen. Ich sage Ihnen das alles natürlich vertraulich."

Selbstverständlich!" beteuerte Tinser.Darf ich mir noch eine Frage erlauben? Und wenn nun an­dere Fabriken diesen Faden nachmachen? Das wäre dock denkbar!"

Hegemann lächelte überlegen.

Das ist ausgeschlossen. Der Herstellungsprozeß ist so verzwickt und hat so viele Arbeitsgänge, daß kein Unberufener dahinterkommt. Auch mit Analyse ist da nichts zu wollen. Da müßte jemand schon den genauen Herstellungsweg kennen, und das, kann ich Ihnen versichern, ist eine lange Litanei, die nicht einmal unser Chefchemiker auswendig herbeten kann. Der und ich sind die einigen, die überhaupt darum wissen. Da wird das tierische Ausgangsmaterial ge­kocht und gebrüht, gelaugt und gesäuert, getrocknet und gesponnen, daß einem angst und bange wird. Die verwendeten Chemikalien mischt der Chef­chemiker eigenhändig. Nein, von wegen Nachmachen brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen, mein lieber junger Freund", schmunzelte Hege­mann und goß seinen Steinhäger hinter die Binde.

Wird der Faden auf dem Lizenzweg vertrieben?" Nichts Lizenzen! Wir haben Herstellung und Vertrieb selbst in der Hand."

Wenn der Fabrikationsprozeß so umständlich ist, daß Sie selbst ihn nicht im Kopfe behalten kön­nen, dann ist er doch zweifellos in einem Manu­skript niedergelegt?"

Allerdings."

Fürchten Sie nicht, daß das in falsche Hände fallen könnte?"

Nein! Das ist so gut aufgehoben wie der Ko­hinoor. Haben Sie schon mal eine neuzeitliche Tre­soranlage gesehen, Tinser?"

Ja."

Dann wissen Sie auch, daß ein Einbruch sehr, sehr erschwert ist. Da kann nicht einmal ich selbst hinein ohne den zweiten Mann. Einen Schlüssel habe ich im Besitz und lasse ihn nicht aus den Augen; den andern hat eine Dertrauensperson, die ich .nicht nennen will. Nur wenn beide gleichzeitig stecken, kann der Tresor geöffnet werden. Also seien Sie außer Sorge, bas Manuskript ist bei uns in guten Händen. Noch einen Steinhäger? Nicht? Dann we­nigstens eine Zigarre. Ich lasse mir diese Manilas immer eigens anfertigen; kommt auch nicht viel teurer als im Laden."

Er reichte Tinser das Etui hin, der sich bediente.

Augenblick, ich schneide Sie ihnen gleich ab. Ihr Jungen mit euren Zigaretten habt natürlich nie Handwerkszeug bei euch".

Hegemann zog einen Zigarrenabschneider aus der Tasche; er hing an einer silbernen Kette. Neben dem Abschneider baumelten vier blanke Schlüssel, drei kleinere, die wie Kofferschlüssel aussahen, und ein größerer flacher mit einem seltsamen Bart.

Danke!" sagte Tinser ehrerbietig und dachte: Wenn bas nicht der Tresorschlüssel ist, fresse ich Besenstiele. Dabei betrachtete er unauffällig die Zacken des komischen Bartes, die keine Spur anders geformt waren als die des Giefeke-Schlüfsels von heute mittag.

Holl flickte an feiner guten blauen Hose herum, die an einer peinlichen Stelle einen Riß hatte. Er flickte ernsthaft und mit gerunzelter Stirn, so wie er verzwickte chemische Strukturformeln zu behan­deln pflegte. Als die Hose erledigt war, machte er sich über die Hemdmanschetten und schnitt mit sei­nem Radiermesser alle störenden Fransen ab.Lau­ter Gelump", murmelte er ärgerlich,lauter billige Stoffe". Und woher kam das? Weil er seine paar Kröten immer für andere Leute verplemperte.

Wohnt hier ein Dr. Holl?" brüllte eine Stimme auf der Stiege.

Ja, ich!" schrie er zum Türspalt hinaus und er­kannte den Briefträger.

Ich hätte eine Postanweisung und einen Brief für Sie. Bitte, unterschreiben."

Holl gab dem Manne ein Trinkgeld. Die Post­anweisung war eine klare Sache, sein Gehalt von der Firma Dr. T. Hegemann, Abteilung Lohnbüro, acht ig Mark oder vier braune Zwanziger. Juhu! dachte Holl, haut schon! Der Brief hingegen, in einem rosaroten Kuvert mit Abgangsstempel Mün­chen, mar weniger klar. Wer schrieb ihm rosarote Briefe? Schrift unbekannt.

Lieber Georg!

Ich schreibe diese Zeilen unter Tränen und Du wirst Dir wahrscheinlich denken können, warum. Oder solltest Du es noch nicht gehört haben? Herr scheuer! ist in die Betonmaschine gekommen, und die Aerzte lasse ihm wenig Hoffnung. Er liegt in Deinem Krankenhaus, und zum Glück ist er, in der Krankenkasse. Jetzt ist es aus mit dem Geld­verdienen, und wir hätten es so notwendig ge­braucht. Meine Zeitungsbude geht auch mit jedem neuen Tag schlechter. Manchmal frage ich mich, warum gerade ich so viel Pech im Leben habe. Am liebsten möchte ich gar nicht mehr leben. Aber bann denke ich mir wieder, andere Mädchen müssen dasselbe durchmachen und zerbrechen nicht daran.

Innige Grüße!

Deine betrübte kleine

Anna Schmiedus."

Das stand in etwas schiefer Kinderschrist auf dem Bogen, dessen rechte obere Ecke zwei aufgepappte schnäbelnde Tauben zierten. Holl schwenkte das Pa­pier unschlüssig in der Hand. Nein: von Scheuerls Unfall hatte er noch nichts gewußt. Armer Teufel! Manchmal war das Leben schon ein großer Jam­mer; aber er konnte den beiden leider auch nicht helfen. Es war ein rechtes- Kreuz auf der Welt. Er warf den Unglücksbrief mißmutig auf den Tisch und vertiefte sich in das Vademekum von Rabus, in dem er ein Kapitel über Angina nachlas; denn er mußte nachher au dem kleinen Gieseke, dem es gar nicht gut ging. Als er zu Ende gekommen war, riß er von Annas Brief einen Streifen ab und legte ihn als Merkzeichen in das Buch. Den Rest knüllte er zusammen und schob ihn in das Ofenloch. Dann machte er sich ausgehfertig und verließ das bürftigo Stübchen.

Zuerst strich er um dieNeue Post" herum; mög* licherweise konnte er ein Zipfelchen von Maxie er­wischen,-die er seit vorgestern nicht mehr gesehen hatte. Dann las er die in einem Kästchen vorm Portal aufgehängte Speisenkarte Ergebnis: das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Von der Küche her duftete es verführerisch nach Braten. Holl raschelte mit seinen vier Scheinen in der Hosentasche. Immerzu Milch und Kakao und Semmel, das hielt der stärkste Mann nicht aus. Wollen wir mal? Schon hatte er den Fuß auf der untersten Stufe, da fiel ihm das Mannderl ein, und er riß sich herum.

Er ging rasch in den Ort, ging in das Geschäft der Witwe Dirrigl und machte sich mit einem brau­nen Paket in Dreiecksform auf den Heimweg. Die Paula, das war auch so ein armes Luder ... es würde sie und den Buben bestimmt freuen. Holl hatte die Behandlung übernommen, weil kein ande­rer Arzt im Orte war; die Paula hätte den Doktor von Sankt Quirin holen müssen, und diese Ausgabe konnte man ihr ersparen. Als Holl in Fräulein Giesekes Zimmer trat, war sie eben dabei, einen Wickel abzunehmen.

Wie geht's denn unferm kleinen Patienten?" fragte er.

Seit drei Stunden gefällt er mir gar nicht", flüsterte sie.Er phantasiert mir zuviel*

Wollen einmal sehen. Haben Sie einen Lössel? Danke!"

Holl schaute dem Mannderl in den Hals. Da war hinten auf den Mandeln so ein grauweißer Belag, der ihm Sorge machte. Er legte den Löffel beiseite und sagte schonend:Wir werden eine Einspritzung- machen. Sicher ist sicher. Geben Sie mir das Glas­röhrchen, das Ihnen Herr von Tinser aus der Aoo« theke besorgt hat." Fortsetzung folgt).