Mittwoch, 8. März 1939
Gießener Anzeiger iGenerai-Anzetger für Oberheffen)
Nr. 57 Zweites Blatt
Junge deutsche Nation.
Alle Men es sein!
Von Karlheinz Priester, AvtSilungsleiter in der GedietSsührung Aesien-Nasiau (13) der ß3.
Vor wenigen Tagen wandte sich der Reichsjugend- sührer mit einem Aufruf an die Elternschaft des Jahrganges 28/29. Erstmals hat er damit diesen Schritt getan, denn in den vergangenen Jahren sprach er die Jungen und Mädel selbst an und wies ihnen den Weg in die Gemeinschaft. Dieser Aufruf an die Elternschaft ist getragen von dem Vertrauen, welches die Hitler-Jugend von dem Tag an die Eltern setzt, da sie ihr Wertvollstes, ihre Kisider, führen und weitererziehen darf
Aus den Worten Baldur von Schirachs klingt das Glück, welches er alljährlich in den Augen des Führers lesen konnte, wenn er am Morgen des 20. April meldete, daß wiederum Hunderttausende den Weg in seine Jugendbewegung gefunden haben. Freiwillig sind die Jungen und Mädel in die Reihen der Jugend getreten, die als höchste Verpflichtung den Namen des Führers trägt. Fast ausnahmslos sind sie Jahr für Jahr in das Jungvolk eingerückt.
Ich sage fast ausnahmslos! Wenige nur waren es, die auch in 'Unserem Gau nicht kamen, die ihren eigenen Weg gehen. Ist es aber bei diesen Wenige^, wirklich der eigene Wille gewesen, der sie schon mit zehn Jahren zum Außenseiter, zum Alleingänger werden ließ? Seien wir ehrlich, sagen tpir ruhig: Nein! Nicht die Jungen und Ptädel. sondern ihre Eltern wollten nicht! Wer nur einmal erlebt hat, wie die Jungen und Mädel auf den Tag warten, da auch sie e r st m a l s eine Uniform anziehen. mit ihren Kameraden in einer Gemeinschaft leben, marschieren, spielen und singen dürfen, der weiß, daß in ihnen, wenn auch noch unbewußt, der Ruf des Führers nach der Einigkeit des deutschen Volkes seine Antwort findet.
In diesem Jahr ist es erstmals ein Jahrgang Großdeutschlands, der antritt. Freudig haben die Männer und Frauen dieses neuen Deutschlands dem Führer ihr Ja gegeben, wenn er sie nach jedem Kampfabschnitt seines Ringens um bie Befreiung unserer Brüder im Sudetengau und in der Ostmark aufforderte, sich für oder gegen sein Handeln zu bekennen. Die Jugend erlebte so das Werden der Gemeinschaft unseres Volkes.
Es ist das Vorrecht der jungen Generation, die heute in der Hitler-Jugend erfaßt ist, ohne die Vorbelastungen einer vergangenen Zeit politischer Gegensätzlichkeiten in revolutionärer Weise an der Vollendung und Festigung unserer Volksgemeinschaft zu arbeiten. Die Voraussetzung einer Vollendung wird aber erst damit geschaffen, daß die jüngsten Glieder des deutschen Volkes in ihrer Gesamtheit 'burd) bie Grundschule der Einheit unseres Reiches, durch die Hitler-Jugend, erfaßt werden.
Der Führer hat der HI. die Aufgabe der t o t a - H e n Erziehung der jungen Generation zum mationalsozialistischen und politischen Menschen ge- sstellt. Den entscheidendsten Anteil an dieser gewaltigen Erziehungsarbeit hat darum die HI. schon Dadurch zu leisten, daß sie die unerbittliche Forderung aufstellt, die Jugend bis zum letzten ;3 ungen und Mädel in ihren Reihen zu erfassen, denn unser deutsches Volk kann die vom Führer uns gegebene Einigkeit nur dann für alle .Zukunft bewahren, wenn seine Jugend in einer
Gemeinschaft und nach einem Willen aufwächst.
Die freiwillige Meldung der Zehnjährigen des ersten Jahrganges unseres Großdeutschen Reiches muß in diesem Jahr zu einer besonderen Vertrauenskundgebung des deutschen Volkes zum Führer und der von ihm aufgestellten erzieherischen Ideen werden. Die Hitler-Jugend weiß, daß die dem Führer vertrauende deutsche Elternschaft auch in diesem Jahre ihre Kinder ihr und damit Adolf Hitler zuführen wird. Will jedoch die junge Generation ihre Sendung als Träger des Werkes unseres Führers wirklich erfüllen, so muß es das Ziöl ihres diesjährigen Werbeeinsatzes sein, den Jahrgang 28/29 bis zum letzten Jungen und Mädel zu erfassen.
Es wäre doch ein leichtes, so denkt hier sicher mancher Volksgenosse, auf Grund des Gesetzes, das der Führer über die Hitler-Jugend am 1. Dezember 1936 erlassen hat, einfach mit den Mitteln einer staatlichen „Pimpfenmusterung" den Jahrgang der Zehnjährigen und damit auch die Kinder der wenigen Zehntausend „Neinsager" zu erfassen. Diesen Vorschlag auszufül)ren, wäre nicht schwer, doch wer so denkt vergißt eines: die Jungen und Mädel, die heute in den Reihen der HI. marschieren, werden einmal Träger einer Bewegung sein, die aus dem Gesetz der freiwilligen Gefolgschaft und des unerschütterlichen Glaubens die Kraft erhielt, nicht nur sich zu behaupten, sondern durch den beispiellosen Einsatz ihrer Gefolgschaft ihre politische Gegnerschaft überzeugte. Soll darum die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei für alle Zukunft Kraftquell der Einheit un
seres Volkes bleiben, so muß schon die Hitler-Jugend als die Nachwuchs-Organisation der Bewegung sich auf der Grundlage der Freiwilligkeit alljährlich ergänzen. t
Die Elternschaft hat für die Arbeit der Hitler- Jugend Vertrauen gewonnen, denn sonst hätten die vergangenen Jahrgänge der Zehnjährigen nicht mit 95 v. H. und mehr erfaßt werden können. Was wäre die Arbeit der HI. ohne das Vertrauen der Elern schäft, was hätten wir erreichen können, wenn nicht hinter jedem Jungen und Mädel in unseren Reihen sein Vater, seine Mutter stehen würden im Glauben an die Richtigkeit unserer Sache?
Können wir uns aber in diesem Jahr damit begnügen, nur 96 oder 97 v. H. des Jahrganges 28/29 zu erfassen? Ich sage nein, unser Ziel ist hoher gestellt! Daß als traurige Reste einer vergangenen Zeit der Zerrissenheit unseres Volkes noch wenige Tausende sich abseits der großen Gemeinschaft Deutschland stellen, werten wir gleich den Schlacken, die vom großen Reinigungsprozeß übrigblieben und durch die Gesetze der Natur bald beseitigt sein werden. Die Herzen der Jugend aber sind erfüllt von heißem Glauben an den Führer. Sie kann und wird es nicht dulden, daß in diesem Jahr irgendeiner der abseits stehenden „Zeitgenossen" versucht, auch nur einen Jungen, nur ein Mädel dem Führer vorzuenthalten. Alle müssen es sein, die der Fahne der Jugend folgen und eintreten in den Dienst am Werk Adolf Hitlers. Am 20. April muß der Reichsjugendführer melden können:
Führer! Großdeutschlands Jugend ist angetreten!
Komm auch zu uns ins Jungvolk!
G
* *
(Aufnahme: Herbert Philipps.)
pimpfen-probe!
Das Fähnlein hat zwanzig neue Jungen auf- genommen. Heute war Pimpfenprobe für die Neuen. Wir schauten zu! — Draußen am Exerzierplatz hatten wir gestern eine 60-Meter-Laufbahn abgesteckt und ein Sprungfeld gegraben. Mit Winkerflaggen hatten wir Start und Ziel und die verschiedenen Weiten beim Weitsprung genau gekenn- zeichnet. .
Und nun standen diese zwanzig Jungen da und sollten laufen, springen und ballweitwerfen. Die meisten waren noch in Zivilkleidung, hatten noch keine Uniform, aber das war ja auch jetzt noch nicht notwendig. Erst sollten die Kerle zeigen, daß sic tatsächlich zu uns gehören! —
Von meiner Klasse waren Werner, Fritz und Frank darunter. Manchmal schauten sie zu mir her und zwinkerten mit den Augen. — Was das bedeuten sollte, wußte ich nicht.
Ich war jedenfalls sehr gespannt auf den 60-Mc- ter-Lauf, den Fritz machen sollte. In der Schule war er doch immer weggeblieben, von wegen dem „verknaxten" Fuß! — Und Werner!
Der hatte immer, wenn er schleckt gelaufen war, gesagt, daß es ein „schwarzer Tag für ihn sei. — Ich glaube, der hatte nur „schwarze Tage"!
Frank ist sehr gut im Laufen. Schon immer! Deshalb guckte er auch wahrscheinlich so siegesbewußt drein. —
Also, ich war gespannt.
In drei Gruppen waren sie geteilt. Die einen werfen mit dem Schlagball, die anderen machten das Weitspringen und die dritte Gruppe lief die 60 Meter. Bei jeder Gruppe stand ein Jungzugführer mit einer Mordsliste in der Hand. Darauf schrieb er bann immer die einzelnen Leistungen. — Genau wie bei einer Sportveranstaltung! —
Als erster kam Frank zum Laufen bran. Natürlich schaffte er's in 11 Sekunden. Er brauchte sogar nur 10 Sekunden dazu. — Und bann lächelte er, sehr überlegen, wie ein Olympiasieger! — Aber keiner von uns achtete darauf. Das galt bei uns schon lange als Selbstverständlichkeit! —
Nach Frank lief Fritz. — Ich habe genau achtgegeben. — Er hat sich furchtbar angestrengt. Sein Gesicht war rosarot angelaufen, aber er hat es wenigstens in 11 Sekunden gemacht. Auch Werner brauchte zu den lumpigen 60 Meter so lange! — Trotzdem hatte er, wie ich glaube, diesmal keinen „schwarzen Tag" und Fritz keinen „verknaxten" Fuß. — Die andern hatten aber doch alle geringschätzig mit den Schultern gezuckt. — Da hab ich mir vorgenommen, mit Fritz und Werner einmal Über das zu sprechen!
Im Weitsprung konnten sie auch gerade noch drei Meter schaffen. Fritz sprang 3,10 Meter und Werner 3,15 Meter. Frank war wieder besser. Er sprang 3,80 Meter.
Das Ballweitwerfen hat bei allen sehr ordentlich geklappt. Alle warfen über 30 Meter.
Diese drei Hebungen der Pimpfenprobe konnten alle fertigbringen. Bis auf zwei! — Ein ganz Kleiner, mit einem Milchgesicht. Und einer, der uns schon vorher durch fein albernes Gesicht und Benehmen aufgefallen war.
Ich mußte unbändig lachen.
Hernach habe ich mich mit Fritz und Werner unterhalten. Ich habe ihnen gesagt, daß sie öfter mit mir zum Exerzierplatz kommen sollen, daß mir bann zusammen laufen unb weitspringen könnten. — Da waren sie gleich einverstanden? —
Karlmanns erster Austritt.
Nun hatte Karlemann seine Sachen um und um .-gekrempelt. Ratlos stand er vor dem Durcheinander. ^Nirgends war der Gesundheitspaß zu entdecken. Da- Irbei hatte er ihn extra sorgfältig verpackt. Da war .guter Rat teuer. Sollte er hingehen unb sagen, daß i^r seinen Paß verbummelt habe? Sie würden beim :Jungvolk gleich eine schöne Meinung von ihm bekommen. Oder ob er heimlich zu dem HJ.-Arzt ziehen und sich einen neuen Ausweis ausstellen lassen -sollte? Dann würde der ihm ja noch einmal mit dem jscheuhlichen Pinsel in den Hals fahren und ihn von , allen Seiten behorchen und beklopfen, als wäre iirgend etwas nicht in Ordnung!
Karlemann wartete noch einen Taa und grübelte, rwo er den Gesundheitspaß hinaelegt habe. Er konnte jsich noch ganz genau an den Tag der Untersuchung ifür das Jungvolk erinnern. Alle in der Klasse hatten jsich so sauber gewaschen, als gäbe es ein großes -Fest. Natürlich hatten sie ihn, Karlemann, wieder einmal wegen seiner dunklen Hautfarbe verdächtigt rund mit angefeuchtetem Finger davon überzeugt, ldaß die braunen Stetten auch wirklich echt waren. Was konnte er dafür, wenn er im Sommer gleich Lbei der ersten Sonne bräunte?! Auch dem HJ.-Arzt troar das ausgefallen. Er hatte die Sache mit einigen ^Fremdwörtern abgetan und dann feftgeftellt, daß Karlemann für feine zehn Jahre gut geraten sei. Leider gab es dafür kein Ausrufungszeichen bei dem „stauglich" im Gesundheitspaß. Alle Zehnjährigen in Der Klasse hatten diesen Ausweis erhalten unb wehe, iwenn sie ihn irgendwie verlieren würden! Dann Itonnten sie nicht ausgenommen werden, hatte der "Jungvolkführer gesagt.
Selbstverständlich hatte Karlemann fein „tauglich iallen Leuten gezeigt, die er kannte. Der Kaufmann Ihatte ihm darauf vier Sahnbonbons geschenkt, und ldie Mutter von Karlemann hatte sich den Gesund- lheitspaß auch immer wieder besehen. Warum sie ibann jedesmal ein wenig stolz vor sich hingelächclt lhatte, war dem Zehnjährigen nicht ganz aufgegan- igen. Auch der Vater hatte ein freundliches Wort ge- j i brummt und sich von der Untersuchung erzählen ' llassen. Das war schon einer der erlebnisreichsten -Tage im Leben Karlemanns gewesen. In der allge- imeinen Aufregung hatte er dann den wichtigen Ge- !sundheitspaß vielleicht zu sicher versteckt — halt mal, ' .das stimmte ja auch nicht. Am andern Tage hatte er [ iihn ja noch in der Schule herumgereicht. •
Ganz plötzlich wußte Karlemann, wo der Paß iwar Das hätte ihm auch früher einfallen können. ' 'Er packte das Lesebuch aus dem Schulranzen, faltete iben Umschlag auseinander und da lag der Gesund- Iheitspaß, wohlverwahrt und ohne den geringsten ^Fleck'. Karlemann fragte die Mutter, wann sie denn .zur Meldestelle für das Jungvolk gehen wollten. Es iwäre überhaupt höchste Zeit! Der Junge hatte es inun sehr eilig.
„Wir müssen gleich jetzt hingehen, sonst machen
sie am Ende noch zu und ich komme nicht ins Jungvolk!", meinte Karlemann. Das wäre ja nicht auszudenken! Vorsichtshalber ging er einmal an dem Hause vorüber, wo über der Tür auf einem weißen Transparent zu lesen war „Jungvolk-Meldestelle". Eben kam ein Junge heraus, den Karlemann kannte. Er rempelte ihn an und fragte: „Warst du zum Anmelden?" Der andere bejahte. „Mensch — so ganz ohne deine Mutter?" wunderte sich Karlemann. „Ist doch gar nicht nötig. Bloß der Aufnahmeschein muß unterschrieben sein und dann ist alles in Butter!" erklärte der andere.
Er faßte sich ein Herz und ging in die Meldestelle. Kein Mensch beachtete ihn, als er vorschriftsmäßig grüßte. Sie hatten anscheinend oies zu tun. Karlemann zeigte seinen Gesundheitspaß vor und tat so, als ginge daraus alles weitere hervor. Er machte ein trotziges Gesicht, obwohl ihm vor Aufregung die Stirn ganz schweißig war. Sie fanden nämlich seinen Namen in ihren Listen nicht. Am liebsten hätte Karlemann mitgesucht. Es ging aber auch ohne ihn. Endlich hatte er seinen Aufnahmeschein in der Hand und sollte ihn von seinen Eltern unterschreiben lassen. Karlemann lief schnell nach Hause, und da die Mutter gerade eintaufen war, nahm er gleich einen Federhalter und die Tinte mit. Er konnte es nun einfach nicht mehr abwarten! Auf dem Deckel einer Keksbose unterschrieb seine Mutter den Schein und sagte zu den Leuten, bie noch im Laden standen, daß Karlemann in den letzten Wochen nur noch vom Jungvolk spreche und sicher nachts davon träume.
Der Junge aber stürmte mit seinem Schein zur Meldestelle und gab ihn ab. Er kam nicht gleich dran. Dor ihm wartete noch ein anderer, und der wischte sich ganz verstohlen an den Augen herum, die ganz rote Ränder hatten. Karlemann beugte sich vor. Er wollte sehen, ob der andere wirklich nicht heulte. Der hatte wohl Angst? Gerade wollte ihn Karlemann mit einigen ermunbernben Worten in die Seite stoßen, als der Fähnleinführer sagte: „Peters — du mußt noch einmal nachuntersucht werden, wenn deine Eltern dich schon in diesem Jahr ins Jungvolk haben möchten. Auf deinem Paß steht nur .bedingt tauglich'!" Darauf nickte Peters unter Tränen und ging weg. Karlemann hatte Mitleid unb sah ihm nach. Der hatte Angst, baß er nicht ins DJ. kommen könnte!
Eine Eintrittsbestättgung schrieben sie ihm aus — wahrhaftig — eine richtige Eintrittsbestätigung! Damit könnte er hingehen unb sich eine Uniform kaufen. Tragen bürfe er sie zum erstenmal bei ber Aufnahmefeier am Vorabend des Führergeburts- tages. Nur das Fahrtenmeffer mußte er sich noch mit der Pimpfenprobe verdienen! Karlemann bekam mit der Eintrittsbestätigung zusammen noch einen Zuweisungsschein. Darauf stand, wann und wo er zu seinem ersten Dienst anzutreten hatte. Für seine Eltern gaben sie ihm noch eine Broschüre mit vielen
Bildern mit, die Karlemann gleich vor der Tür ansehen mußte.
„Jetzt bin ich Pimpf!" sagte er zu Hause, dabei hatte er noch keinen Dienst mitgemacht. Noch standen die vier Wochen der Probedienstzeit vor ihm. Aber Karlemann hatte den festen Willen, sich zu bewähren und ein ordentlicher Pimpf zu werden. Und bas macht viel aus! Kho.
Einer von uns.
Im Grunbe ist er ein unbeschriebenes Blatt unb wirb allgemein Tübcl genannt, was unbestreitbar bas Beste von ihm ist. Seine Beharrlichkeit, fein Gesicht, auf bcm Pfiffigkeit unb Sommersproffen durcheinandergemischt sind, seine bröge Art, jemanden auf die Schippe zu nehmen, bringen ihm den Ruf eines Kerls ein, mit dem man Pferde stehlen gehen könnte. Wenn er lacht ober einen guten Witz gemacht hat, verzieht sich sein Gesicht vor Seligkeit und sieht aus wie eine frischgebackene Semmel, bie der Bäcker gerade aus dem Ofen gezogen hat. Dann sieht man zwei Striche, und seine Aeuglein sind futsch.
Vorn auf seinem rotborftigcn Kugelkopf hat er sich soviel Haare stehen lassen, um sich einen strammen, exakten Scheitel ziehen zu können. Meistens, und oft bann, wenn es nicht fein soll, haben sie aber den unwiberstehlichen Trieb, sich wiberspenstig hochzustellen, weshalb er sie bes öfteren — natürlich unter uns gesagt — mit Fett ober — wenn fein großer Bruber auf Montage ist — mit wohl- riechenber Pomabe einbalsamiert. Um auch von feinen Ohren zu sprechen, so starren sie ihm vom Kopfe ab wie Suppenteller, unb bei einem Witz versteht er es, bamit auf eine freunbliche Art zu wedeln. Wenn Tüdel im Grase liegt, muß man wirklich annehmen, er könne damit das Gras wachsen hören.
Aber am schönsten sieht Tüdel aus, wenn er in Wut gerät. Seine strammen Haare sträuben sich in Büscheln, bie Sommersprossen treten wie kleine Teerspritzer aus seinem weißen Gesicht hervor, bie Nasenflügel seiner hoffnungsfteubigen Himmelfahrtsnase blähen sich, und aus seinem Mund ertönt ein geradezu unheimliches Fauchen.
Und obgleich er auf den ersten Blick nur aus einer speckigen Fahrtenbuxe, ein paar Bottichen, worin Füße stecken, und einer windschiefen Physiognomie besteht, ist Tüdel keiner von denen, deren zwanzig ein Dutzend ausmachen. Ganz abgesehen von der Tatsache, daß er zäh wie sieben Pfund Karrengaulfleisch ist, kann ihm auch sonst keiner.
Und Tüdel kann alles und macht auch alles am besten: den Gepäckmarsch, die 300 Meter Fahrten- schwimmen, Kugelstoßen, Diskus, Speer, Hochsprung, Segeln, Boxen, alles kann er. Telemark, Christiania und Temposchwung — wir haben vielleicht bie Augen aufgerissen, als uns Tübel auf der
letzten Schifahrt in diese tiefsten Geheimnisse des Schilaufens einweihte. Ueberflüssig zu erwähnen, daß er auch als erster im Jungzug das DJ.-Lei- stungsab^eichen erworben hatte. Sogar zweistimmig pfeifen, mit der Gurgel knarren, mit den Ohren wedeln, echt seemännisch spucken, wenn es sein muß, die Haare sträuben und noch eine ganze Menge Eigenschaften mehr zeichnen unfern Tüdel aus. Bloß fingen kann er nicht, dafür kann er aber auf Fahrt schnarchen, daß sich mit jedem Atemzug bie Zeltbahnen heben und senken. Und ganz so schlimm mit dem Singen ist es nun auch nicht, gewiß, wenn er singt: „Die Trommeln dröhnen durch das Land", bann bröhnen bie Trommeln auch, unb es hört sich nicht etwa so winbelweich und zuckersüß ait — es gibt ja bekanntlich zwischen Singen und Singen Unterschiede. Na also. Und wenn Singen kommandiert wirb, bann singt er halt, schön ist es ja gerade nicht, aber er singt.
Alles in allem ist Tüdel eine Haut, die zu uns paßt wie der Deckel zum Kochpott. Frajof.
Kurz vorm Antreten.
„Hört mal, ich weiß 'ne nette Sache!" erzählt Rolf, unb schon stecken die Pimpfe neugierig die Kopfe zusammen.
„In einer Kleinstadt hat 'mal ein Wanderzirkus gehalten. Da war auch ein Löwe bei — mit ’ner mächtigen Mähne. Gebrüllt hat er nicht viel, dafür um so mehr gegähnt. Aber traurige Augen hat er immer gemacht — ganz traurig. Sicher sehnte er sich nach der Freiheit zurück. Da hat sich heimlich ein Junge aufgemacht und ist spät abends auf den Platz geschlichen, wo der Zirkus stand. Ganz still und vorsichtig hat der Junge bei dem Wagen mit dem Löwenkäsig die Tür aufgemacht und sich dahinter versteckt. Er dachte, daß der Wüstenkönig mit einem gewaltigen Satz ins freie Feld springen würde. Es blieb jedoch alles ruhig und der Junge hat seinen Kopf langsam hinter der Tür hervorgeschoben. Was meint ihr wohl, was er da gesehen hat?" spannt Rolf die Kameraden auf die Folter.
„Los — weiter — erzähl doch!"
„Der Löwe hat feinen Kopf gehoben, den Jungen aus müden Augen angeguckt, hat fein riesiges Maul aufgesperrt und — herzhaft gegähnt! Dann hat er sich auf die andere Seite gedreht und ist wieder eingepennt!"
Die Pimpfe staunen mit kugelrunden Augen und wissen nicht recht, ob sie nun über so eine faule Sache überhaupt lachen sollen. Dann grinsen sie. Nur Heiner bleibt ernst. „Du hast es wohl noch nicht verstanden, was?" fragt ihn Rolf mitleidig.
„Doch — schon — verstanden ja. Aber sag mal, was hat eigentlich der Löwe mit der ganzen Sache zu tun?" sagt Heiner trocken.
Nun wissen die Pimpfe endlich, worüber sie lachen können. Ho.


