Ausgabe 
7.12.1939
 
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Nr. 287 Zweites Blatt

Donnerstag. 7. Dezember 1039

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Der Gießener Haushaltsplan für 1939.

©eifere Aufwärtsentwicklung auf alten Gebieten. Gute Rechnungsabschlüsse. Zahlreiche neue Aufbaumaßnahmen.

Der Oberbürgermeister hat die Ratsherren der Stadt Gießen aus den heutigen Donnerstaanachmit- tag zu einer Sitzung in das Stadthaus Bergstraße eingeladen, in deren Mittelpunkt der Haus­haltsplan der Stadt Gießen für das Rj. 1939 unddie Berichte über frühere Haushaltsjahre stehen werden. Den Haus­haltsplan für 1939 hat der Oberbürgermeister An­fang September, unmittelbar nach Kriegsausbruch bereits festgestellt, so daß die Ratsherren heute nachträglich zu benten haben.

Der ordentliche Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1939 schließt in Einnahme und! Ausgabe mit 7 101716,33 RM., im außerordent­lichen Haushaltsplan mit 2 658 584, RM ins­gesamt also mit 9 760 300,33 RM. in Einnahme und Ausgabe ab.

Ferner wurden festgesetzt: 1. der W i r t s ch a f t s- plan der Stadtwerke: das Elektrizitätswerk im Erfolgsplan auf 2 242000, RM., des Gas­werks im Erfolgsplan auf 675 440, RM., des Wasserwerks im Erfolgsplan auf 573 450, RM. der Straßenbahn im Erfolgsplan auf 364 600, RM.. des Omnibusbetriebs im Erfolgsplan auf 76 100, RM. je in EinnaHme und Ausgabe. 2. Der Wirtschaftsplan der Stadtwerke im Finanzplan für Elektrizitätswerk, Gaswerk, W0serw"rk. Stra­ßenbahn und Omnibusbetrieb auf 1 727 048,35 RM. Der Wirtschaftsplan des B i o h u m w e r k s im Erfolgsplan auf 45 200, RM., im Finonzplan auf 3455,37 RM. je in Einnahme und Ausgabe.

4. Der Sonderhaushaltsplan der Oberschule für Mädchen in Einnahme und Ausgabe auf 228 485,41 RM., der Sonder Haushaltsplan der G e - werbeschule in Einnahme und Ausgabe auf 52 035,42 RM., der Sonderhaushaltsplan der Plock- schen Stiftung auf 2755,44 RM. in Einnahme und Ausgabe.

In.die Haushaltsansätze für 1939 und 1938, sowie in die Rechnungsergebnisse 1937 sind die entsprechen­den Wahlen der früher selbständigen Gemeinden Wieseck und Klein-Linden und der selb­ständigen Gemarkung Schiffenberg eingebaut wor­den. Damit konnte für 1939 wie in dem Vor­bericht zum Haushaltsplan u. a. mitgeteilt wird schon die Aufstellung besonderer Haushaltspläne für diese Gemeinden unterbleiben.

Durch die Aenderung des Finanzausgleichsgesetzes vom 31. Juli 1938 sind die Einnahmen aus der Gemeinde-Bier st euer, aus der Körper- schaftssteuer der Ve r s or g u n gs b e t r i e b e, sowie der Grunderwerbssteuer auf das Reich übergegangen. Diese Verschiebung zugunsten des Reiches macht für den Haushalt 1939 einen Be­trag von 464 670, RM. aus.

Der Gesamtplan nämlich ordentlicher Haushalt, Wirtschaftsplan der Stadtwerke, des Biohumwerks und der Sonderhaushaltspläne der Oberschule für Mädchen und der Gewerbeschule schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 11359026,33 RM., gegen 10 574 839,77 RM. im Vorjahr ab.

AeueMßnahmen im außerordentlichen Haushalt

Der außerordentliche Haushalt schließt in Einnahme und Ausgabe mit insgesamt 2 658 584 RM. Die Stadtverwaltung betont in ihrem Dor­bericht, daß es auch in diesem Jahre zweifelhaft erscheint, ob die vorgesehenen Maßnahmen alle zur Durchführung kommen werden. Zur Deckung der im außerordentlichen Haushaltsplan vorgesehenen Maßnahmen ist ein Darlehnsbedarf in Höhe von 1 963 407,15 RM. errechnet. Diese Summe soll nach dem Haushaltsplan für folgende Zwecke ver­wandt werden:

Für Beschaffung einer Drehleiter und einer Kraftfahrspritze resÜich 41 000 RM.

Für den Ausbau des Kulissenschuppens des Stadt- theaters erste Rate 20 000 RM.

Für die Schaffung eines Sportfeldes, von Sport­platzanlagen, Stadion, Frei- und Hallenbad, zweite Rate 250 000 RM.

Für die Neuherrichtung der Schießstandanlage an der Grünberger Straße auf dem Grundstück des früheren Schützenhauses 15 000 RM.

Für Zwecke der Altstadtsanierung 100 000 RM.

Für Errichtung von Wohnhäusern usw. 155100 RM.

Für Zwecke des Straßen- und Wegebaues 449 850 RM.

Für Kanalbau 70 000 RM.

Für die Fortführung der Geländeregulierungen aus dem neuange kauften Teil zur Erweiterung des neuen Friedhofes 1000 RM.

Für Errichtung der Anlagen für den Mittelmarkt 160 000 RM.

Zur Beschaffung von Hochspannungskabeln für das Elektrizitätswerk 120 000 RM.

Zur Herstellung von Stromanschlüssen und Ver­teilungsleitungen für das Stadtgebiet 20 000 RM.

Für Errichtung der Omnibuslinien BahnhofLud- wigsplatzDolkshalleFliegerhorst und Ludwigs- PlatzVerdunkaserne 300 000 RM.

Für Beschaffung von zwei Dieselomnibussen ein­schließlich Werkzeugen 60 000 RM.

Für den Einbau einer Heizungsanlage in die Dolkshalle 31000 RM.

Zum Ankauf von Anteilscheinen des Volkshallen- l>ereins 39 000 RM.

Für den Erwerb von Grundstücken 131 457,15 RM.

In dem Vorbericht wird betont, daß es voraus­sichtlich nicht notwendig fein wird, Darlehensbeträge in dieser Höhe aufzunehmen, da angenommen wer- den kann, daß die zur Durchführung kommenden Maßnahmen des außerordentlichen Haushalts zum weitaus größten Teil aus zu erwartenden Einnah­men dieses Haushalts gedeckt werden können.

Vermögen tnd Schulden.

lieber das Vermögen der Stadt können zah- lenmäßia genaue Angaben in diesem Zusammen­hänge nicht gemacht werden, da die von der Reichs­regierung in Aussicht genommenen neuen Bewer­tungsgrundsätze für die Vermögensobjekte der Städte bis jetzt noch nicht vorliegen. Nach einer Schätzung vom vorigen Jahre kann das Vermögen der Stadt ließen mit rund etwa 30 Millio­nen Reichsmark angenommen werden.

Die Schulden der Stadt beliefen sich nach der Schuldenstatistik vom 31. März 1939 auf 14 331 282 RM., d. h. gegenüber dem gleichen Termin vom Jahre vorher um 342 246 RM. weniger. In dem Schuldenstand vom 31. März 1939 sind 3 668 837 RM. an Dritte weitergeleitete Darlehensbeträge enthalten, so daß sich der Netto-Schuldenstand der Stadt an diesem Tage auf 10 662 445 RM. be­laufen hat. Durch die Eingliederung von Wieseck und Klein-Linden in die Stadt Gießen sind vom Rj. 1939 ab zusammen 603 647 RM. Schulden als Zugang zu verzeichnen. Davon entfallen auf die frühere Gemeinde Wieseck 451062 RM., aus die frühere Gemeinde Klein-Linden 152 585 RM.

Die Kassenlage war auch im Jahre 1938 durchweg günstig. Die Stadtkasse konnte ihren Ver­pflichtungen jederzeit in vollem Maße gerecht wer­

den. Dabei mußte sie auch in diesem Jahre für den Wohnungsbau der Gemeinnützigen Wohnungsbau G. m. b. H. teils mit größeren Beträgen, zeitweise bis zu einer Million RM., in Vorlage treten; aber auch dies war ohne Schwierigkeiten möglich.

lieber den Kapitaldienst sind folgende Zah­len von allgemeinem Interesse: Der Zinsen- d i e n ft (ohne Wieseck und Klein-Linden) erforderte im Jahre 1936 nach der Rechnung 724 485,34 RM., im Jahre 1937 nach der Rechnung 696 997,76 RM., im Jahre 1938 nach dem Haushaltplan 711 629,44 RM., im Jahre 1939 nach dem Haushaltplan 666 331,47 RM.: für Tilgung wurden aufge­wendet (ohne Wieseck und Klein-Lmden): Im Jahre 1936 nach der Rechnung 312 828,11 RM., im Jahre 1937 nach der Rechnung 479 662,25 RM., im Jahre 1938 nach dem Haushaltplan 451385,15 RM., im Jahre 1939 nach dem Haushaltplan 473 137,77 RM. Personal- und Sozlalausgaben.

Die Personalausgaben der Stadt belie- fen sich im Hcchre 1938 nach dem Haushaltplan auf 1 822 357 RM., im Jahre 1939 beziffern sie sich nach dem Haushaltplan auf 2 041 300 RM. Der Mehrbetrag gegenüber 1938 beläuft sich also auf rund 219 000 RM. und ist durch die Erhöhung der Personalausgaben infolge der gesteigerten Derwal- tungsaufgaben notwendig geworden.

Für das Fürsorgewesen (Sozialamt) waren folgende Zuschüsse zu leisten: im Jahre 1936 nach

der Rechnung (ohne Wieseck und Klein-Linden) 877 049,21 RM., im Jahre 1937 nach der Rechnung (ohne Wieseck und Klein-Linden) 841 260,76 RM., im Jahre 1938 nach dem Haushaltsplan 906 782,84 RM., im Jahre 1939 nach dem Haushaltsplan 982 582,50 RM. Bei dieser Steigerung spielt natür- lich die Vermehrung der Einwohnerzahl nach der Eingemeindung von Wieseck und Klein-Linden eine gewisse Rolle.

Gutes Ergebnis der Vetriebe.

Die Stadtwerke (Elektrizitätswerk, Gas­werk, Wasserwerk, Straßenbahn und Omnibusbe­trieb, Volksbad) haben in den letzten Jahren eine erfreuliche weitere Steigerung ihrer Erzeugnisse und Betriebsergebnisse aufzuweisen. Besonders inter­essant ist in diesem Zusammenhang das Anwachsen der Frequenz bei der Straßenbahn und dem O m n i b u s b e t r i'e b , das durch die nachfolgen­den Zahlen gekennzeichnet wird: beförderte Per­sonen im Jahre 1935 = 2 050 021, im Jahre 1936 = 2 041 943, im Jahre 1937 - 2 224 925, im Jahre 1938 = 2 775 447. Die Fahrgeldeinnahme entwickelte sich wie folgt: im Jahre 1935 = 225 633,30 RM., im Jahre 1936 = 228 171,50 RM., im Jahre 1937 = 258 153,85 RM., im Jahre 1938 = 324 506,01 RM. Diese Steigerung beim Straßenbahn- und Omnibusbetrieb um rund 550 000 beförderte Per­sonen ist besonders erfreulich und ein verheißungs­volles Zeichen für den weiteren Ausbau dieses Ver­kehrsmittels.

Der Wohnungsbau.

Auch .im vergangenen Jahre hat die Stadt Gie­ßen dem Wohnungsbau, insbesondere der Errich­tung von Volks - und Kleinwohnungen, besondere Förderung angedeihen lassen. Trotzdem bleibt noch immer viel zu tun, da eine fühlbare Er­leichterung auf dem Wohnungsmarkt noch nicht ein­getreten ist. Die Stadt Gießen läßt bekanntlich durch die von ihr ins Leben gerufene Gemeinnützige Wohnungsbau-GmbH. feit dem Jahre 1936 Schl ich t- wohnungen und Volkswohnungen errichten. Insge­samt waren bis zum Jahre 1938 bezugsfertig: 234 Wohnungen, teils in der Nähe der Krofdorfer Straße, teils in der sog. Schwarzlach. Zu Beginn des Jahres 1939 find weiterhin bezugsfertig gewor­den: 290 Wohnungen und 4 Läden im Schwarzlach­weg, am Sandfeld, in der Werra- und in der Schottstraße, sowie am Asterweg, so daß sich die Gesamtzahl der bis jetzt mit Förderung durch die Stadt errichteten Wohnungen auf £24, sowie vier Läden beläuft. Bei den zuletzt bezogenen Wohnun­gen bewegt sich die monatliche Miete zwischen 27 und 36 RM., je nach Größe.

Für das Jahr 1939 waren zwei weitere Bau­vorhaben, und zwar 96 Volkswohnungen in der

Ederstraße, im Schwarzlachweg, Am Sandfeld und im Asterweg, sowie 156 Wohnungen in der Eder­straße, int Schwarzlachweg und Am Sandfeld vor­gesehen. Davon ist das erstere in der Ausführung oegriffen, das zweite Vorhaben konnte bisher noch nicht begonnen werden. Bis wann die Wohnungen bezugsfertig fein werden, steht noch nicht fest. Weiter­hin befindet sich ein Bauvorhaben, bestehend aus einem Doppelhaus mit acht Wohnungen in den Eichgärten / Ecke Wolfstraße, zur Zeit in der Aus­führung. Dort sollen Wohnungen für alleinstehende Personen geschaffen werden, die jetzt große Woh­nungen innehaben, deren Miete für sie auf die Dauer nicht tragbar ist. Bei dem Projekt I der Alt­stadtsanierung am Lindenplatz, Kirchenplatz und Schloßgasse haben sich 20 neue Wohnungen er­geben, während drei weitere Wohnungen für ge­werbliche Zwecke reserviert wurden, ferner 9 Läden»

Die Stadt hat auch weiterhin die Privat­initiative zum Wohnungsbau durch Vermitt­lung von Darlehen aufs kräftigste unterstützt und damit ebenfalls einen Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot geleistet.

Steuern und Rücklagen.

Mit der Umstellung der G r u nd ft e u e r so wird in dem Dorbericht gesagt nach den Bestim­mungen des Reichsgesetzes vom 1. Dezember 1936 sind die mit der Reform der Realsteuern rnsammen- hängenden Arbeiten zu einem gewissen Abschluß ge­kommen. Durch die Eingemeindung von Wieseck, Klein-Linden und Schiffenberg ergeben sich für das Jahr 1939 bei einer Reihe von Steuern unterschiedliche Steuersätze, die auf die Bestimmun­gen der Eingemeindungsverträge zurückzuführen sind. Während die Bürgersteuer ab 1940 für Den ganzen Stadtkreis in gleicher Höhe erhoben

wird, soll sich die Angleichung der Realsteuer- Hebesätze auf mehrere Jahre erstrecken. Diese An­gleichung wird so durchgeführt, daß Härten für den

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Roman von Meta Brix

CARL DUNCKER VERLAGBERLIN

21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Was war da im Gange? Was hatten Moravitzlch und die Domkat mit dem Zaduk in Belgrad zu schaffen?

Eine Lumperei war im Gange! Das schien sicher! Und Luise Herrgott nochmal, das war doch nicht auszudenken! Aber sie mußte natürlich ihre Finger im Spiel haben. Die Gedanken bohrten und konnten verrückt machen

Ihn hatte gleich ein unklares Gefühl vor diesem Moraoitzky gewarnt.

Heitfeld nahm den Hörer vom Haustelephon. Er beorderte Doktor Mainz zu sich. Dann Herrn Warnte. Sofort sollten sie kommen. Es ellte.

Die Herren kamen. Heitfeld sagte:Ich glaube, ich bin durch einen Zufall einer Schweinerei auf die Spur gekommen!" In unbeherrschtem Zorn schlug er auf den Tisch und wiederholte:Nur durch einen Zufall"

Er erzählte das Telephongespräch.

Auch Warnte fuhr diese Mitteilung in die Glieder, aber er schlug nicht mit der Faust auf den Tisch. Er überlegte. Es gab da vielleicht doch noch eine andere Erklärung:Vielleicht ist dieser Moravitzky so tüchtig, daß er zugleich für Amerika eine Vertretung für Zaduks Vegetabilien übernahm?"

Das wäre unzulässig. Er arbeitet für uns sollte vielmehr für uns arbeiten. Und wird dementsprechend bezahlt. Und was sollte Frau Domkat damit zu tun haben?"

Vielleicht hat sie die Vertretung vermittelt?"

Heitfeld schüttelte den Kopf. Nein, das glaubte er nicht. Er hatte einen weit schlimmeren Verdacht. Er sah feinen Chemiker an, der noch nichts zu der-Sache gesagt hatte. Er sah das zugeschlossene Gesicht und fügte:Und Sie glauben das auch, Doktor Ttnin^

Ein Bote trat ein und brachte einen Brief für Doktor Heitfeld persönlich. Dekken schickte das Tele- gramm.

Da werden wir gleich sehen, was drm steht , agte Heitfeld. ,

Das Telegramm dürfen wir nicht ohne weiteres offnen", gab Warnte zu bedenken. _ .

Heitfeld hatte schon wieder den Hörer m der

Hand:Nun gut. Ich benachrichtige die Kriminal­polizei. Man kann das ja auch vorbeugend tun."

Einen Augenblick .. .", sagte Doktor Mainz. Ich meine, Sie erwähnen die Frau besser noch nicht."

Warnte war der gleichen Meinung. Er schätzte Frau Domkat sehr. Er konnte und wollte chr irgend­eine Handlungsweise gegen die Interessen der Firma nicht zutrauen.

Doktor Heitfeld behielt sein hartes Gesicht. Er hatte schwerwiegende Verdachtsgründe, von denen seine Mitarbeiter nicht wußten. Er hatte eine Er­innerung an eine Feststellung, die er kürzlich ge­macht hatte.

Es war ein paar Tage nach der Mreise des alten Herrn, und Doktor Heitfeld arbeitete eines Abends noch zu später Stunde allein im Labora­torium. Er hatte Grundöle fertiggestellt, denn es galt als ein von dem Gründer der Firma über­nommenes und streng befolgtes Gesetz, daß die Grund- essenzen der Heitfeldschen Parfüme nur den In­habern bekannt und nur von ihnen selbst zusammen­gestellt wurden. Diese Grundöle benutzten dann die Chemiker in den verschiedenen Variationen zum Aufbau der Parfüme und anderen Kosmetiken.

Doktor Heitfeld hatte also im Laboratorium ge­arbeitet und war dann in das Chefbüro gegangen. Er wollte das alte Geheimbuch vornehmen, das sich in einer besonderen Abteilung des Tresors befand, und eine neue Eintragung machen. Als er den Schrank aufschloß und das alte, in Leder gebundene Buch herausnehmen wollte, lag es nicht am ge­wohnten Platz. Er fand es auch bei längerem Suchen nicht. r . m £

Das war sonderbar. Nur sein Vater und er kamen an diesen Schrank. Und jetzt, in der Ab­wesenheit des alten Herrn, die Sekretärin, Frau Domkat, die volles Vertrauen besaß.

Heitfeld sah noch in seinem Schreibtisch nach, auch in anderen Fächern, obwohl er wußte, daß er die Geheimrezepte nie anders verwahrte als im Tresor. Es blieb noch die Möglichkeit, daß Matthias Hett- seid das Buch versehentlich in feinem Schreibtisch geschlossen hatte. ..

Doktor Heitfeld war an jenem Abend ärgerlich und auch etwas unruhig nach Hause gefahren.

Als er am anderen Morgen die Geschäftsräume betrat, saß Frau Domkat wie an allen Tagen be­reits an ihrem Arbeitsplatz. Er erkundigte sich so- fort . wußte Frau Domkat zufällig, ob Matthias Heitfeld in den letzten Tagen vor seiner Abreise das alte Rezeptbuch benötigte?

Luise wußte es nicht.

Aber Sie kennen das Buch ... wissen, was ich meine?" hatte Doktor Heitfeld gefragt. Und Luise hatte genickt. Ja, sie kannte es.Ihr Herr Vater zeigte mir die alten Handschriften. Auf meine Bitte. Doktor Mainz erzählte mir davon."

Heitfeld hatte dann den Tresor aufgeschlossen und darin das obere Fach ... seit Jahr und Tag lag das Buch doch dort ... und ...

Da sah er den Lederband. Er lag am gleichen Platz wie immer.

Frau Domkat war zu ihm getreten und fragte befremdet:Ja, aber Herr Doktor, das Buch ist ja da! Alles ist in Ordnung!"

Heitfeld hatte sie angeseyen und den Kops ge­schüttelt. War er denn gestern abend blind gewesen? Nein ... hier schien etwas ganz und gar nicht in Ordnung zu sein.

Sie werden das Buch ganz gewiß übersehen haben!" beruhigte die junge Frau.

Heitfeld hielt das für ausgeschlossen. Er sah die alten Handschriften genau durch ... alles war wirk­lich in Ordnung. Trotzdem wurde er ein unbehag­liches Gefühl nicht ganz los.

Doktor Heitfeld behielt fein hartes Gesicht. Er erzähtte seinen Mitarbeitern von jenem Abend.

Das Gesicht des Chemikers war unbeweglich. Er fragte:Und ...?"

Und ... Nun, das alles gehört wahrscheinlich zusammen. Ein gut gesponnenes Betrugsgewebe. Man wird Abschriften genommen haben oder wollte fie^ nehmen. Und muß man nicht annehmen, daß Frau Domkat ..."

Er brach ab. Er ging durch den Raum. Es war fürchterlich, den Gedanken weiter zu denken. Luise Domkat ...

Hinter ihm sprach Doktor Mainz. Langsam und nüchtern:Ich erinnere mich ... einmal fragte mich Frau Domkat nach den Geheimrezepten der Firma. Ob es solche gäbe. Sie zeigte große Anteilnahme."

Das ist noch kein Derdachtsgrund", sagte Warnke. Erst sollte man die Angelegenheit zu klären versuchen. Er glaubte nicht, daß Luise Dom­kat sich in so unsaubere Geschäft einließ. Weiß Gott, was da für Zusammenhänge waren.

Und wie kam Mainz überhaupt dazu, jetzt die Frau ganz offensichtlich zu belasten ...?

Das Gespräch mit der Polizei war nur kurz. Der Kommissar vom Dienst war sehr hilfsbereit. Wenn Doktor Heitfeld mit dem betreffenden Telegramm vorbeikommen wollte ...

Sofort. Ich danke vielmals."

Der blonde Mann stand auf. Er steckte das Tele­gramm in die Tasche.Kommen Sie mit, meine Herren. Wir fahren zum Alexanderplatz."

Doktor Mainz blieb am Tisch stehen. Er fragtet Meinen Sie nicht, daß es genügt, wenn Herr Warnte Sie begleitet?"

Ja, natürlich ..

Der Kommissar ließ bitten, sich einen Augenbkitk zu gedulden.

Heitfeld stand in einem verbissenen Zorn am Fenster des kleinen Zimmers. Unten war Der Hof des Untersuchungsgefängnisses. Da wurden eine An­zahl Frauen auf ihrem täglichen Spaziergang herumgeführt. Sie saßen wohl alle hier in Unter­suchungshaft. Es schien eine bunte Gesellschaft; al eich gültige Gesichter und auch dreiste. Einige schlicht getleitet, andere mit einer billigen, auf falle n- oen Eleganz. Warnte trat neben feinen jungen Ehest Auch er sah hinunter. Er meinte:Vielleicht sind sie nicht einmal alle schuldig; es wird sich erst Heraus­stellen müssen."

Eine große, schlanke und sehr blonde Person schlenderte allein, Hände in den Taschen ihres Jackenkleides. Ihre Blicke gingen neugierig umher und kamen auh zu dem Fenster. Sie lächelte den Männern zu ... dreist, herausfordernd ...

Heitfeld wandte sich ab.

Gleich darauf trat der Kommissar ein.

Er öffnete das Telegramm. Es lautete:Imatefi odmahn receptat za mene. Zaduk.

Er reichte den Streifen Doktor Heitfeld.Kön­nen Sie Das übersetzen?"

Heitfeld konnte es. Er las und wurde blaß vor Wut. Er las:Haben Sie sofort Rezept für mich. Zaduk."

Läßt ja allerlei Schlüsse zu", nickte der Kom­missar und fragte:Wollen Sie also Anzeige er­statten, Herr Doktor?"

Heitfeld zögerte. Sein Blick begegnete dem seines Mitarbeiters. Sie dachten beide dasselbe ... Luise Domkat in Untersuchungshaft ...

Heitfeld stand auf und antwortete dem Kom­missar:Nein. Noch nicht. Verbindlichen Dank, Herr Kommissar."

Der herbstlich kühle Wind umslpielte Luise, als sie zu Fuß von ihrer Wohnung durch den Tier­garten, am Salzufer entlang, zur Parfümerie ging. Vor wenigen Tagen war es noch sommerlich warm gewesen, und jetzt spiette der Wind schon mit herbst­lich-gelben Blättern.

Sie dachte an die Ausstellung in Dresden. Sie war gestern abend von den Vorarbeiten dort zu­rückgekommen. . Das ParfümInkognito" würde feinen Siegeszug auch in Dresden fortsetzen.

(Fortsetzung folgte