Ausgabe 
7.9.1939
 
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Nr. 209 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheften) Donqerstag, 7. September 1930

Weiß das französische Volk das?

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.Das entscheidende Gespräch Ribbentrops mit dem französischen Botschafter am 3 September

Berlin, 6. Sept. (DNB.) Nachdem das fran­zösische Volk, wenn auch verspätet, über den Briefwechsel des Führers mit dem fran­zösischen Ministerpräsidenten D a l a d i e r orientiert worden war, ist es bisher in Paris versäumt wor­den, das französische Volk auch über die letzte Phase der diplomatischen Verhand- ungen in genügendem Ausmaße zu unterrichten. Infolge dieses schwerwiegenden Versäumnisses weiß also das französische Volk in seinen breiten Massen, von einigen wenigen Eingeweihten abgesehen, bis zum heutigen Tage nicht, daß seine Regie- rungansich bereitsdemletzten italieni- 'chen Vermittlungsvorschlag zuge - stimmt hatte, einem Wege, den bekanntlich auch Deutschland als gangbar akzeptiert Zhatte. Das französische Volk hat ferner bisher keine Kenntnis davon, daß es allein England war, □n dessen Halsstarrigkeit diese letzte Möglichkeit einer friedlichen Lösung scheiterte. England, das Deinerseits den italienischen Vermittlungsvorschlag zu torpedieren trachtete, verharrte bekanntlich auf der ehrenrührigen ultimativen Forderung, daß die deutschen Truppen aus den befreiten Gebieten zurückgezogen werden müß­ten und übte auf Frankreich allen ihm zur Verfügung stehenden Druck aus, sich dieser Intransigenz anzuschließen. Damit war, auch nach Auffassung der italienischen Regie­rung, die Initiative des Duce durch England ;u Fall gebracht.

Am 3. September, vormittags 9 Uhr, erschien der britische Botschafter Sir Neville Henderson im Auswärtigen Amt und überreichte eine Note, in der die britische Regierung mit zweistündiger Be­fristung die Forderung auf Zurückziehung der deutschen Truppen stellte und sich für den Fall der Ablehnung nach Ablauf dieser Zeit als i m K r i e g e mit Deutschland befindlich erklärte. Am glei- f)en Tage, jedoch auffälligerweise er st um 12.20 Uhr mittags, suchte der französische Botschaf­ter in Berlin, Coulondre, den Reichsaußen- mintfter auf. Der zeitliche Unterschied der französi- chen und der englischen Mitteilung an Deutschland rklärt sich aus der unterschiedlichen Hal- ung der beiden Verbündeten. Frankreich batte wieder einmal sich der englischen politischen Führung in einem verhängnisvollen Augenblick unterstellt.

Von ganz besonderem Interesse aber wird es |ür das. französische Volk sein, zur Kenntnis zu neh­men, was der Reichsaußenminister von Ribben- r o p dem französischen Botschafter Coulondre anläßlich ihres letzten Gespräches zum Ausdruck ge­bracht hat. Hierzu erfahren wir zuverlässig noch (olgende aufschlußreiche Einzelheiten, die zu ersah­en das französische Volk ein Recht hat.

In der Unterredung, die am Sonntag, dem 3. September 1939, zwischen dem Reichsaußen­minister und dem französischen Botschafter stattfand, lat der Reichsaußenminister den französischen Bot- chafter in ausführlicher Darlegung auf die gründe für die Ablehnung des englischen Ultt- matums durch Deutschland mit einem deutschen Memorandum hingewiesen, das dem französi­schen Botschafter zur Kenntnis übergeben wurde.

Die deutsche Reichsregierung, so führte Reichs- außenminister von Ribbentrop aus, könne es nur bedauern, wenn die Haltung Frankreichs zu Deutschland durch dieselben Er­

wägungen bestimmt sein sollte wie die der eng­lischen Regierung. Deutschland habe immer einen Ausgleich mit Frankreich ge­sucht. Sollte die französische Regierung trotz­dem auf Grund ihrer vertraglichen Verpflich­tungen zu Polen eine feindliche Haltung Deutschland gegenüber einnehmen, so würde die deutsche Regierung dies als einen durch nichts gerechtfertigten Angriffs­krieg Frankreichs gegen Deutsch­land ansehen. Deutschland selb st würde sich jeder Angr»ffshandlung gegen Frankreich enthalten. Sollte Frankreich jedoch eine andere Haltung einnehmen, so würde Deutschland gezwungen sein, in ent­sprechender Weise zu antworten. Die deutsche Reichsregierung n s ch e nichts von Frankreich und dem französischen Volk und würde es nur mit Bedauern sehen, wenn trotz der immer wiederholten deutschen Be­mühungen, mit Frankreich zu einem Ausgleich zu kommen, das französische Volk als alte Kul­turnation sich am deutschen Westwall verblute.

Der französische Botschafter Coulondre übergab sodann zum Schluß der Unterredung die schriftliche Mitteilung der französischen Re­gierung, daß Frankreich gezwungen sei, vom 3. September 1939, 5 Uhr nachmittags, ab die Polen gegenüber eingegangenen Verpflichtungen

zu erfüllen. Nachdem Reichsaußenminister von Ribbentrop diese Mitteilung gelesen hatte, fügte er anschließend nochmals eindringlich hinzu, daß Deutschland nicht die Absicht habe, Frankreich anzugreifen, und daß die heutige französische Regierung für das Leid, das den Ländern zugefügt wird, falls Frankreich Deutschland angreife, die volle Verantwortung trage.

Die Deutsche Diplomatisch-Politische Korrespon­denz nimmt zu diesen für die Kenntnis des fran­zösischen Volkes entscheidend wichttgen Feststellungen abschließend folgendermaßen Stellung:Frankreich befindet sich heute in einer Lage, zum Angriff gegen das deutsche Volk antreten zu müssen, der ihm weder durch unmittel­bare Bedrohung noch infolge einer Beihilfepflicht auf Grund einerAttaque non provoqu£e aufgezwungen wäre. Es muß wis­sen, daß, ebenso wie es selbst gewiß keinen Haß gegen das deutsche Volk empfindet, auch dieses den jahrhundertelangen alten Streit mit dem französi­schen Volk endgültig begraben wissen möchte. Ein durch nichts gerechtfertigter fränzösischer Angriff würde die Friedensaussichten zwischen den beiden Völkern wohl um Genera­tionen zurückwerfen, die deutsche Nation aber geschlossen zur Selbstverteidigung aufrufen."

Deutsche Panzer brechen durch den Wald.

In hervorragendem Maße waren die deutschen Panzer an den schnellen Vorstößen unserer Verbände in Polen beteiligt. (Scherl-Bilderdienst-Fremke-M.)

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polen als Seemacht.

Von Konteradmiral z. V. Gadow

Die Meldungen des Oberkommandos der Wehr­macht haben über das Schicksal berichtet, das einen Teil der polnischen Marine betroffen hat: Drei Zerstörer nach englischen Häfen ausgewichen, einer versenkt, desgleichen drei U-Boote und andere Kriegsfahrzeuge, der Kriegshafen von Gdingen und auf Hela mehrfach bombardiert und kaum noch benutzbar.

Wie kam Polen zu dem ehrgeizigen Plan, sich mit seiner 140 Kilometer Küste geraubten Lan­des und seinem offensichtlichen Uebergewicht an kontinental gerichteten Interessen zu einer See­macht aufzuschwingen und sogar große Hoff­nungen an solche Entwicklung zu knüpfen? Der Plan geht eigenartigerweise auf Marschall Pil«

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sudski zurück, der allerdings damit die Vor­aussetzung einer dauernden und gu­ten Nachbarschaft mit Deutschland verband und dessen Wiederaufstieg zu militärischer und maritimer Macht klar voraussah. Eine kampf­bereite Seestellung zwischen auseinandergerissenen Landteilen dieses Nachbarn und in Abhängigkeit von dessen Seemacht lag ihm wahrscheinlich fern. Die polnische Kriegsmarine wurde durch Erlaß vom 28. November 1918 ins Leben gerufen, jedoch datiert die Erlangung des Zugangs zum Meer erst vom 10. Februar 1920, ein Datum, das alsFest des Meeres" zum Nationalfeiertag ernannt und jährlich festlich begangen wurde. Die ersten An­fänge der Marine waren bescheiden: ein Seebatail­lon, ein paar Flußmotorboote, danach Organisation des Leuchtfeuerwesens und Küstennachrichtendien­stes. Ein VermessungsschiffPomorzanin" wird angekauft, aus der Kriegsbeute werden sechs kleine deutsche Torpedoboote übernommen, in Finnland zwei Kanonenboote gekauft, in Dänemark einige Fisch­dampfer. Mannschaften werden ausgebildet, als Dffi- ziere bienen ehemalige Angehörige der russischen und österreichischen Marine, dazu Handelsschifss- offiziere.

Nach dem Rücktritt Pilsudskis 1923 ergibt sich ein Rückschlag: Großes Verständnis hat der Marine- plan im Lande nicht gefunden, die Finanzen warnen, man spricht vonnutzloser Rom<intik", jedoch bleibt das inzwischen Geschaffene erhalten. Der Bau des Hafens von Gdingen hat begon­nen und nährt neue Hoffnungen auf eigene Seever­bindungen. Der Plan der großen Kohlenbahn zum oberschlesischen Industriegebiet verstärkt die Er­wartungen. Das Schiffsmaterial wächst um ein Ka­dettenschulschiff und einiges Zubehör. Mit Pilsudskis Staatsstreich von 1926 setzt neue Belebung ein: eine S e e - und K o k^o n i a l l i g a" übernimmt die Werbearbeit, in Frankreich werden zwei Zerstörer und drei U-Boote bestellt und bis 1928 abgeliefert. Aeltere Fahrzeuge scheiden aus. Aus England kom­men zwei weitere Zerstörer, aus Frankreich ein Minenleger, aus Holland zwei U-Boote, die erst in diesem Jahre fertig wurden.

Der Hafen von Gdingen hat sich inzwischen stark ausgewachsen und ist eine Großstadt von 120 000 Einwohnern geworden. Die Druckwirkung dieser Hafengründung auf den Danziger Hafen und das Danziger Wirtschaftsgebiet ist bekannt, ebenso die ungerechtfertigte und gewaltsame Besetzung und Benutzung der Westerplatte als Munitions-

Frühherbst-Ahnung.

Von Or. Johannes Günther.

Der Septemder ist noch nicht der Herbst, er läßt ien Herbst erst ahnen; es kann sein, daß er uns eife frösteln läßt, abends unter noch grünen Bäu­men, wenn wir, vom Sommer verwöhnt, Dunkel !nd Stille und Wärme genießen wollen; er zieht orsichtige Schleier über den Glanz dann und wann; denn wenn wir den fröhlichen Mut haben, ns auch an entrückter Schönheit zu freuen, dann atschädigt er uns auch wieder auf Stunden, auf läge, dann hat er die entzückende Macht, uns im- wr wieder noch einmal den Sommer zu zau­bern ... aber bei allem ist er fo, als wolle er uns mahnen: bedenkt, es ist nur ein schöner Zauber, Kammert euch nicht an ihn, es kommt der Tag, da fljr ihn f)ergeben sollt und gern hergeben sollt,ja" sollt ihr dann sagen zu diesem Scheiden.

Der September ist lieb er gang, und man möchte sogen, es sei selbstverständlich, daß der Dichter, der Vortkünstler, das wundersam Unbestimmte, Traum- hufte, verrinnend Schöne nachgestalten will, daß er brran seine Kraft, im Spiegel menschlichen Er­lebens das ewige Hin- und Herweben, das Auf und Ab, das Schwanken, das Flimmern, das unendliche Tpiel der Natur aufzufangen, erweisen kann. Es ist it der Tat so; der Erzähler, der belehrende Schil- d,rer und der Lyriker, sie sind besonders gern den 112bergangen der Jahreszeiten so auch gerade btm September hingegeben.

Eines der meistgelesenen Bücher ist Carl Fried­rich Borees NovelleDor und der September". Diese Dora, oderDor", wie sie entsprechend ihrer Leiblich noch nicht ausgereiften, fast jungenhaft hirben Art, so etwas ins wundersam Unbestimmte (iem September Verwandte) gerückt, genannt wird, ifl eine Studentin, die, hold und triebhaft, ent­zückend unbewußt, einem ifi Konvention und Be­rufsleben mehr als den Lebensjahren nach gealter­ten Manne den Glanz des Daseins und die Selig- keit der Liebe vorzaubert wie uns der September iilch zu letzten Malen die Sommerherrlichkeit zeigt, otne sie uns ganz zu schenken. Die verdeckte Weh- mut, den mit Humor getrösteten Verzicht gestaltet btr dichterische Erzähler mit sehr liebenswerten Mit­ten: Natur und Menschen-Empftnden werden sich gegenseitig zum Gleichnis.

Wer es versucht, nicht in Gleichnis und Schick­saisverbindungen, sondern geradezu die Schönheit dec September-Natur auszusagen, der muh sich, ' ncch einem unumgehbaren Dichtungs-Gesetz, ganz , fur,3 fassen; denn unsere äußeren Sinne nehmen ! ja auch möglichst mit einem Male auf; unternimmt i ks jemand, uns von der Schönheit der Natur zu berichten, mit Worten, die nach und nach unseren Mtanh treffen und über diese Brücke unser Ge-

fühl treffen sollen, so vermissen wir leicht jenes be­glückende Zusammen, beglückendeMit einem mal haben" und fühlen uns gelangweilt! Nein, da muß der Dichter uns schnell und überzeugend hinein­ziehen in seine Gesichte, in seine Stimmung. Wie viel vermag z. B. Eduard .Mörike mit seinemSep­tembermorgen" überschriebenen Sechszeiler: /

Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt. Den blauen Himmel unverstellt, herbstkräftig die gedämpfte Welt in warmem Go Ide fließen."

Schon wieder etwas den Weg des Gleichnisses wählend, aber noch mit meisterlicher Kürze, übrigens eine der wundervollsten deutschen September-Er­scheinungen, die blühende Heide, auf greifend, dichtet Hermann Löns:

Die Bienen summen im Heidekraut Es bebt die Mittagsluft, Aus all den roten Blütchen steigt ein voller Honigdust.

Ein kleiner blauer Schmetterling Der flog auf deine Hand, Die Sonne durch den Ginsterbusch Auch deine Finger fand.

Fort flog der blaue Schmetterling, Der Sonnenstrahl verschwand, Und meine Lippen ruhen jetzt Auf deiner weißen Hand.

Aber der sehr reale Naturkenner Löns kann es sogar wagen, uns in der Form schildernder, fast wissenschaftlich, wenigstens und das ist hier ein Entscheidendes unbedingt zuverlässig berichtender Prosa die September-Natur mit Worten zu zeigen. Ich denke z. B. an seine SchilderungAm Mus- willensee" (in dem Merkchen (Haidbilder"). Abge­sehen davon, daß wir uns an dem Sachkundigen­gediegen Bewanderten, spürbar Eingeborenen gern belehren lassen es ist nicht nur ein Unterricht, den wir als Wißbegierige empfangen, sondern es ist auch eine Dichtung, die wir ohne Anflug von Langweile auf nehmen; denn Löns führt uns wirk­lich herum, er gestaltet immer wieder neue eindring­liche Momentbilder. Das ist seine Kunst.

Je näher nun der wahre Herbst, der Winterbote rückt, um so schwerer ist es, die Melancholie, den tiefen Schmerz des Verströmens, des Aufhörens ab­zuwehren. Das Motto von derLetzten Rose" wurde von Thomas M o o r e in seinem LiedeTis the last rose of the summer... und in der dem 18. .Jahrhundert angehörenden irischen Volksweise durchaus trübsinnig, durchaus lebensverneinend aus- geftattet. Dann aber übernahmen Friedrich von Flotow und fein Textdichter dies melancholische Gebilde in ihre OperMartha", stellten es in den Zusammenhang einer musikalischen Bühnenballade

komödiantisch-neckischen - Grundtons, in welcher mit der Melancholie nur gespielt wird. Ja, derLetzten Rose" wird sogar im glücklichen Finale noch eine frühlingverheißende Strophe hinzu gedichtet.

Mit all feinem düsteren Grübelsinn faßt H e b - b e l das Motiv der letzten Rose in seinemSom­merbild" (Ich sah, des Sommers letzte Rose stehn ..."), aber ein liebenswerter neuerer Dichter, der Schwabe Cäsar Fla.ischlen, dem Leben be­jahend zugewandt, führt uns in feinen Versen Erste graue Haare" zu der frohgemuten Philo­sophie:

Wer weiß, ob nicht die letzten Rosen seliger noch als die ersten sind!?"

jWem sonst als Dir."

Von Peter Bauer.

Schaufenster mit Büchern üben seit meinen Jugendjahren, in denen die Freude am Abenteuer und der Traum von fernen Ländern lebten, einen besonderen Zauber auf mich aus. Ich kann eine ganze Straße entlanglaufen ohne vor den Aus­stellungen auch nur eines einzigen Geschäftshauses ftehenzubleiben aber wegen eines Buchladens eilig von einem Bürgersteig zum andern hinüberwech­seln, wie um einen guten Freund zu begrüßen. Es gibt da unter den Titeln und Titelzeichnüngen neuer Büchergesichter immerhin manche, die die Phantasie beschäftigen, ein bekanntes Landschafts- motio aufklingen lassen oder die Neugier nach etwas Fremdem geheimnisvoll erregen, sodaß man sich wünscht, in diesem Buch wenigstens einmal flüchtig geblättert und da und dort ein paar Seiten gelesen zu haben.

Um mir diese kleinen Genüsse gelegentlich nicht entgehen zu lassen, habe ich mich mit einem Buch­händler angefreundet. Wahrscheinlich bin ich einer seiner häufigsten Besucher aber sicherlich auch sein schlechtester Kunde. Darum bemüht er sich schon gar nicht von seinem Pultsitz hinter der Theke im Hintergrund b,es Ladens, wenn er meinen Gruß hört, sondern erwidert ihn nur mit gleichbleibender Herzlichkeit, womit auch schon gesagt ist, daß ich tun könne wie zu Hause. Am liebsten und längsten stöbere ich, da die Neuigkeiten von einem zum an­dern Kommen bald durchgesehen sind, in der anti­quarischen Abteilung herum. Hier gibt es immer etwas zu entdecken: wertvolle Einbände, kuriose Titel und Kapitelüberschriften, Kupferstiche und Holzschnitte als Texttllustrationen, belustigende alt­modische Sprachwendungen und oft auch Randbe­merkungen und Glossen, in denen .ein Leser dem Schreiber des Buches bald seine lebhafte Zustim­mung, bald seinen heftigsten Widerspruch glaubte zum Ausdruck bringen zu müssen. Zuweilen stim­men kleine Widmungen, die manches Buch als ehe­

maliges Geschenk ausweisen, nachdenklich:Meiner lieben kleinen Freundin zum Geburtstag",Meinem geliebten Helmut zur Erinnerung an unvergeßliche Ferientage",Für glückliche Stunden",Mein liebstes Buch dem liebsten Menschen." Die bei gefüg­ten Daten bekunden, daß Schenkende und Beschenkte meist schon nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Gestern aber siel mir eine kleine Li eb es lieber- sarnmlungDie ewige Hochzeit" von Dauchendey in die Hände. Fast auf jeder Seite des kleinen Bändchens waren Gedichtzeilen mit einem senk­rechten' Strich angemerkt:Wenn Deine Arme sich ausbreiten leuchtet mein Blut und schlägt Feuer", Deine Augen schläfern meinen Willen ein wie der Same des Mohns",Wie die Hähne kämpfen mit erhitztem Sporn, do so töt' ich den, der Dich im Traum begehrt." Ich habe mir das Bändchen, das die Widmung trugWem sonst als Dir" gekauft. Das Datum lautet:Sommer 1938". War dis Liebe von so kurzer Dauer? Wie kam das Bänd­chen zum Antiquar? War das Mädchen leichtfertig und treulos oder ist es unglücklich geworden und suchte alles auszulöschen und zu vergessen?

Ein Schicksal aus tausenden spricht mich an und bleibt doch dunkel und geheimnisvoll. P. B.

Hochschulnachrichten.

In Rostock ist der Extraordinarius der Philo­sophie Professor Dr. phil. Wilhelm Burkamp im 61. Lebensjahr gestorben. Er hatte sich 1923 in Rostock habilitiert und ist 1932 mit dem Avenarius- preis ausgezeichnet worden. Der emeritierte Honorarprofessor des Verwaltungsrechts an der Universität' Marburg Dr. Otto Stölzel beging feinen 70. Geburtstag. Er war Oberlandesgerichts­rat in Celle, dann Ministerialdirigent im Preußi­schen Ministerium des Innern und später Regie­rungspräsident in Kassel Der frühere Medizinal­referent im Bayrischen Ministerium des Innern Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Adolf Dieudonne in München beging seinen 75. Ge­burtstag. Er hat sich 1898 in Würzburg habilitiert und wurde 1906 Honorarprofessor an der Uni­versität München. Von 1909 bis 1929 war er M«bi- zinalreferent im Bayerischen Innenministerium. Der ehemalige Honorarprofessor für Vorgeschichte an der Universität Breslau Dr. Hans Seger wurde 75 Jahre alt. Er hat sich 1907 habilitiert und ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften. Dr. phil. Herbert Birtner, mb. ao. Professor der Musikwissenschaft, Leiter der Landschaftsstelle für Musik in Kurhessen und Stel­lenverwalter in Marburg in Dingen, die das Erbe deutscher Musik und die Musikforschung in Mar­burg und Kurhessen betreffen, wurde zum ordent­lichen Mitglied des Staatlichen Jnstttuts für Deutsche Musikforschung in Berlin ernannt