Ausgabe 
7.1.1939
 
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Aus der Wett des Ulms.

Das 19 Zahrhun-ett im Film

Bon Karl Llde

Ohne Frage ist es auffällig, daß die Filme, die in der letzten Zeit starke künfllerifche Eindrücke hinterließen, ihre Stoffe aus dem 19. Jahr­hundert oder der Zeit der Jahrhundertwende gewählt haben. Wir denken anJugend", Heimat", Poette " undVerwehte »puren", denen mit Abstand noch derVolks­feind",Pan" undDreiklang" zuzu- rechnen find. Alle diese Filme sind mehr als Unter* Haltungsfilme, sie greifen mit großem künstlerischen Ernst ein wirkliches Problem auf und bemühen sich, es mit Haltung zu Ende zu führen. Man könnte darin ein Bestreben sehen, unser Urteil über das ausgehende 19. Jahrhundert zu korrigieren, denn daß gerade über diesen Zeitabschnitt mit größter, in vielem sogar ungerechter Härte gesprochen worden ist, kann nicht bestritten werden. Wahrlcheinlicher aber ist, daß der Abstand zu dieser Zeit mittlerweile so groß geworden ist, innerlich und äußerlich, daß man sie jetzt, nicht mehr mit jenem Unbehagen betrachtet, das man angesichts des Altmodiscyen empfindet, sondern mit der wachen Anteilnahme, die wir allem Geschichtlichen entgegenbringen. Das Fin de siede" hat in den letzten Jahren den Schritt aus abgestandener Gegenwart, die als pein» lich empfunden wird und zu Widerspruch und Satire herausfordert, in die historische Vergangen» heit getan, als die es, genau wie jede andere Epoche, sine ira et studio behandelt werden kann. Und liehe da! Bei dieser Betrachtung wird offen­bar, daß auch das endende 19. Jahrhundert feine Art, seinen Stil gehabt hat, der nicht nur des 93er« lacktwerdens wert ist. Vor allem bei der franzö» siscyen Prägung dieses Stils sieht man heute wieder die stark malerischen Reize, die das Auge Manets, Monets und des jungen Renoir entdeckt hat. So beschwören die Filme Liebeneiners und Veit Harlans mit inbrünstiger Hingabe dos Kolorit jener Zeit, in der der malerische Impressionismus geboren wurde. Doch beide Spielleiter setzen sich mit dieser Epoche nicht kritisch auseinander, sondern sie gehen behutsam ihrem Wesen nach und ver­suchen es nahezubringen, soweit es optisch erfaßbar ist. Liebeneiner hat sich dabei fast den Blick jener Maler angeeignet und bewußt oder unbewußt Szenen gruppiert, die sich ähnlich auf den Bildern Manets und Renoirs wiederfinden oder wenigstens doch finden könnten. Beide Filme setzen keinen Zweifel darin, daß die dargestellte Zeit der sieb­ziger und achtziger Jahre Geschmack und Lebens­art von unverkennbarer Eigentümlichkeit gehabt hat.

Im Gegensatz zuPvette" und denVerwehten Spuren" gehen die in Deutschland spielenden Filme vor allem darauf aus, die innere und äußere Welt des deutschen Hauses jener Zeit nachzuzeichnen, dos als Schauplatz und Sinnbild verwendet wird. Als Schauplatz: es ist anheimelnd, gemütlich, sauber, wohnlich, vom milden Licht der Kerzen oder der Petroleumlampe erfüllt, und die Kamera wird nicht müde, jeden Winkel, bis hinauf zum Dachboden, wo die Aepfel überwintern, jeden Durchblick liebevoll eickzufanaen: Das gilt von dem westpreußischen Pfarrhaus oes Pastors Hoppe in derJugend", von dem gut bürgerlichen Wohnsitz des Obersten von Schwartze inHeimat" und mit Einschränkung auch von dem Heim des Hauptmanns von Möller inDreiklang", die auffallenderweise alle drei ohne Frauen sind.

Als Sinnbild: Festgefügt wie dieses Hauswesen mit seiner bestimmten strengen Ordnung ist auch die weltanschauliche Haltung der Menschen, die darin wohnen. Die Herren in diesen Häusern ge» hören dem geistlichen oder dem soldatischen Stande an: als Vertreter der Kirche und des Heeres, die zu gehorchen und sich zu fügen gewohnt sind, liegen sie auf unerschütterlichen, überpersönlichen Grund» beariffen von Moral, Ehre und Pflichterfüllung fest. Der Pfarrer Hoppe ist trotz dieser Einstellung

3m Haus der 40000 Kostüme.

Von Udo Wolter

Man steht es dem Haus in der Köpenicker Straße zu Berlin nicht an, daß es ein Museum enthält, dessen kulturhistorischer Wert allerdings nicht Dem Zweck einer Schaustellung dient ...

Äußerlich ein moderner Geschäftsbetrieb beher­bergt es in seinem Inneren eine der größten Kostümsammlungen der Welt, die aus den vielfältigen Forderungen der Filmin­dustrie heraus eittstand und auch immer wieder, neben vielen anderen Ausgaben, filmischen Zwecken dienstbar gemacht wird. Gegen 40 000 K o - stüme geben hier dem Besucher nicht nur eine interessante, bunte und vielfältige Darstellung der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Kleidung seit der Pharaonenzeit, sondern darüber hinaus and; zugleich ein Bild von den mannigfachen Aufgaben und Leistungen deutschen Filmschaffens eine Ueberficht, bei der es in der Erinnerung des Man­nes, der diese einzigartige Sammlung in'jahrzehnte­langer und mühevoller Arbeit schuf, nicht cn ernsten und heiteren Episoden verschiedenster Art fehlt...

Während sich unter den Kostümen der Samm­lung eine Reihe von Trachten und Gewändern befinden, die unmittelbar aus dem zu ihnen ge­hörenden Kulturkreis stammen, si,ü> die meisten Gewänder nach oft erst mühsam beschafften Vor­lagen in der Werkstätte des Hauses gearbeitet war» den. Meist handelt es sich um Aufträge aus der Filmindustrie, die den Anlaß dazu geben. Fast jeder Film braucht eine Reihe von Kostümen, die oft bis in das Kleinste hinein dem historischen oder gegenwärtigen Milieu der Handlung entsprechen muffen. Hier genügt ein Anruf des Aufnahme­leiters, um falls die betreffenden Kostüme ge­rade nicht vorhanden sind in die Schneider­ateliers des Hauses eine fieberhafte Tätigkeit hineinzutragen. Sind die historischen Vorlagen für 'die bestellten Gewänder nicht zur Hand, so werden sie auf schnellstem Wege herbeigeschafft.

Oft erfordert eine überraschend angesetzte Sze- nenänderung in einem bereits im Atelier befind- lichen Film eine Reihe neuer Kostüme, die im Verlaufe von 24 Stunden geliefert werden müssen. Eilaufträge dieser Art werden dann durch Nachtarbeit erledigt, aber meist werden die Auf­träge rechtzeitig bekanntgegeben, so daß das Ate­lier die 100 oder 200 Kostüme in ein ober zwei Wochen liefern kann. 200 Kostüme in zwei Wochen ist der Arbeitsdurchschnitt, die modernen Filme ver­langen meist weniger Kostümierung als der Stummfilm. Während Gustav Grünogens für feinen FilmDer Tanz auf Dem Dul-

am meisten Mensch geblieben, die beiden außer Dienst gestellten Offiziere aber halten mit nahezu unmenschlicher Starrheit an ihren Begriffen fest, die sie mit der großen Weltordnung verwechseln, und sind beide bereit, eher das Leben zu opfern, als ein Stückchen von ihrer Theorie auszugeben. So zieht der Hauptmann von Möller, ohne an das spätere Geschick der geliebten Frau zu denken, in das verhängnisvolle Duell und hält sich für einen tadellosen Kerl, weil er keine Angst vor der Kugel hat, in Wahrheit aber fürchtet er wohl die Ver­gangenheit und die Leute mehr als den Tod. Und so ist auch der Oberst von Schwartze schon bereit, um dessentwillen, wasman" über ihn und seine Tochter sagen wird, sein Leben und das des Kindes zu vernichten. Beide glauben, nur so vor dem Gan­zen bestehen zu können, aber sie meinen in Wahr­heit gar nicht das Ganze (Staat, Volk, Gott ober wie man es umschreiben mag), sondern nur die Gesellschaft" eine bestimmte gutsituierte Schicht, die in starrer Konvention denkt und sich über ein tiefes Dekollete nicht minder entrüstet als über die Berufstätigkeit einer Frau.

So also zeichnet uns der Film das späte 19. Jahr» hundert: als eine Zeit ohne jede moralische Groß- Zügigkeit und Weitherzigkeit, in der festgefügte Be­griffe die Lebensordnung bestimmen. Die Exponen­ten dieser Orbnung aber Männer vom Schlag des Obersten in FroelichsHeimat", der der heimkehrenden Tochter statt Güte und Verzeihung nur eins zusagen kann: gerecht 3U fein werden nicht mehr durch die Brille des alten Simplizissimus betrachtet, sondern sie erhalten alle Würde, die sie

beanspruchen können, ja, man läßt sogar hinter ihrer überfteigenben Charakterfestigkeit etwas wie wirkliche Grö^e fühlbar werden.

So reizvoll und lebendig auch diese Welt vor allem inJugend" undHeimat" bargestellt wird, es wäre falsch, zu glauben, es sei lediglich um ihrer selbst willen geschehen. Richt deshalb nämlich haben uns aerobe diese Filme, die von starken menschlichen Konflikten ausgehen, das Fin de sifccle herauf­beschworen, um unsere ruhigere, gelassenere, gerech­tere Einstellung zu ihm zu dokumentieren, sondern weil sich zu der Gefühlswelt der 3ugenD, der allein heute unsere ganze Anteilnahme gehören kann, kein schärferer und dramattscherer Gegensatz denken läßt als das späte 19. Jahrhundert, das, so gesehen über­altert, erstarrt, erkaltet ist und jedes junge Herz zum Widerspruch herausfordern muß. Erst in dieser Welt starren Gehorsams wird deutlich, was es heißt, sich zu einerEhrlichkeit des Gefühls" und zu einer bedingungslosen Treue nicht gegen andere, sondern gegen sich selbst zu bekennen, wie es die in die Heimat zurückkehrende Magda tut. Hier gibt es zwar einen Prinzen, der unverbindlichein Kompliment zu Ihrer Courage" macht, und einen Pastor, der da vorsichtig meint:Das Mädel hat immer gemußt, was es wollte, und das imponiert dem Heben Gott auch", aber es bleibt allenorts bei Worten: ihr beizustehen wagt keiner, und so bleibt Magda in allem auf sich gestellt. Daß sie das Recht der Jugend gegen die alte Generation unbeirrt und sieghaft vertritt, gewinnt ihr die Her­zen und dem Film den starken Erfolg.

Wer will auf die Deutsche Almakademie?

Der Weg zum Film... für die Begabten! bespräche mit dem Präsidenten und den Fakultätsleitern.

Vor kurzem ist die Deutsche Film­akademie eröffnet worden. Damit beginnt ein Institut die Arbeit, das ohne Vorbild ist. Wir haben Den Präsidenten und Die Fakul­tätsleiter der Akademie über ihre Aufgaben und Ziele befragt.

ch will zum Film!" Wie viele haben wohl schon diesen Wunsch gehabt, ohne sich von seiner Verwirklichung eine Vorstellung machen zu können. Film das bedeutet Ruhm und Reichtum, meinen die meisten: und Das ist es, was für Die misten die wahre Ursache ihres heißen Dranges zum Film ist. Aber von diesen soll hier nicht Die ReDe sein. Wir meinen die wenigen. Die heißen Herzens und fern von finanziellen Erwägungen wirk­lich am Aufbau des Films mitarbeiten wollen.

Bisher bestand keine Möglichkeit einer syste­matischen Ausbildung. Sv kamen Die Schauspieler, wenn sie nicht wirklich einmal zufällig entdeckt wurden was sich sehr selten er­eignete meist vom Theater, ebenso wie die Re­gisseure, die in selteneren Fällen auch über den Beruf des Kameramannes ober Filmautors zur Regie fanden: die Kameraleute wieder kamen meist von der Photographie her, die Tonmeister von der Technik, während es für die Autoren und manche anderen Filmsparten überhaupt feine Möglichkeit gab, wenigstens auf einem verwandten Gebiet zu lernen. Durch Zufall und auch durch Pro­tektion gelangten sie oft zum Film: diese Zufällig- feit und Protektionswiötschaft, dazu die fehlenden Ausbildungsmöglichfeiten brachten es mit sich, daß nicht immer gerade die Begabtesten beim Film lan­deten. Diesem Mangel, der zum Teil die wirklich Begabten vom Filmberuf abhielt und den anderen eine richtige Ausbildung versagte, wird durch die Deutsche Filmakademie abgeholfen.

Die Filmakademie darf jeder besuchen, der sich nicht nur für den Film berufen fühlt, sondern der es auch tatsächlich i st. Darüber entscheidet in jedem Fall Die Aufnahmeprüfung: in Den meisten Lehrgruppen gehört dazu noch der Nachweis einer

besonderen Vorbildung, wie z. B. praktische technische Arbeit oder Besuch der Technischen Hochschule für die Lehrgruppe Bild- und Tontechnik. Die Akademie unterscheidet zwischen Studierenden und Gasthörern. Die Studierenden machen den ordentlichen Ausbildungsgang durch, Der mindesten- vier Semester zu je fünf Monaten umfaßt. Ihre Ausbildung wird mit einer Abschlußprüfung (Diplomprüfung) beendet. Die Gasthörer sind nicht an den vorgeschriebenen Ausbildungsgang ge­bunden.

Wilhelm Müller-Scheld, der Präsident der Deutschen Filmakademie, der in Den letzten Jahren als Gaupropagandaleiter in Hessen-Nassau tätig war und sich auch als Dramatiker einen Namen gemacht hat, sieht als Ziel dieser einzigartigen Ein­richtung eine zahlenmäßig sehr kleine Aus- lese von Studierenden, die sich durch hohe Begabung auszeichnen sollen. Manchem mag der Aufwand an Mitteln und der Einsatz bester Lehr­kräfte in einem gewissen Mißverhältnis zu der An­zahl Der Studierenden stehen, die 35 bis 40 in'einem Semester nicht überschreiten soll: aber in keinem Beruf kann ein einzelner solche Massen erfassen und beeinflussen, wie z. B. ein Filmautor, Spiel­leiter, Schauspieler usw.

Wolfgang Liebeneiner, der Leiter der filmkünstlerischen Fakultät, ist einer der erfolgreichsten jungen Filmregisseure, der außerdem auch selbst als Schauspieler und Bühnenregisseur feine vielseitige Begabung bewiesen hat. Seine kompromißlose Haltung in allen künstlerischen Fra­gen, sein geradliniger Aufstieg, sein Idealismus und feine Jugend lassen ihn wie keinen anderen für die schwierige Ausgabe, den künstlerischen Nachwuchs für Den Film heranzubilden, geeignet erscheinen. Die filmkünstlerische Fakultät umfaßt Die Lehrgruppen Dramaturgie (Filmautoren und -dramaturgen, Spielleitung und Komposition), Filmdarstel- I u n g und Bildende Künste (Filmarchitektur, Trick­filmzeichnung, Filmgraphik, Kostümzeichnung).

Die vordringliche Aufgabe sieht Liebeneiner in gwiiinm! in iiK\a»hiw ! man in iqti immbobi

ten, manchmal allerdings nur im Tausch andere Kostüme.

anbie« gegen

k a n" 700 Kostüme benötigte, brauchte der Film Golem" gegen 6000 Kostüme.

Fast alle berühmten Schauspieler und Schau­spielerinnen der Gegenwart und auch der früheren Zeit haben sich in dem Atelier des Hauses ihre Kostüme anpassen lassen.

Neben dem Film sind es oftdeutsche Thea­ter i m A u s l a n d , die sich die notwendigen Ko» sttime schicken lassen. Aus Südamerika, Afrika und China liegen Aufträge vor, ein Telegrangm aus Batavia fordert feldgraue Uniformen für ein Theaterstück an. Eines Tages erschienen auch zwei englische Filmproduzenten und verlangten deutsche, feldgraue Uniformen, die sie für einen Militärfilm brauchten. Für eine Leihgebühr von, fast 2 0 00 0 Mark schickte die Firma Dann zwanzig Koffer mit Uniformen nach London.

Durchwandert man die Lager des Hauses, so entdeckt man Kostüme aus dem Mittelalter, die mit ihren schweren Stoffen und prunkvollen Auflagen oft beinahe einen halben Zentner wiegen ... Neben dem Lendenschurz mittelafrikanischer Negerstämme sind auch wertvolle chinesische Rüstungen vorhan­den, für die ein Amerikaner, der die Sammlung besichtigte, einmal 20 000 Mark fürs Stück bot. Als man sie ihm nicht überließ, wollte er für 75 000 Dollar damals 300 000 Mark die ganze Sammlung aufkaufen und nach den Staaten fchaf- fen lassen. Aber auch dieser Plan scheiterte an dem Widerstand des Besitzers.

Ein Zufall brachte die prunkvollen Waffenröcke des Kaisers Franz Josef in den Besitz der Samm­lung. Der Besitzer des Hauses erfuhr durch eine kurze Zeitungsnotiz, daß die Waffenröcke 1935 in Wien zum Verkauf angeboten wurden. Er reiste fofortt hin. um sie zu erwerben.

Großen Wert besitzen auch die Kostüme und Uni­formen aus der napoleonischen Zeit, die im Origi­nal zum Teil nur noch, in ganz wenigen Stücken überhaupt vorhanden sind, was auch für eine Reihe mittelalterlicher italienischer Kostüme zutrifft. Der Besitz dieser Ori-ginalkostüme ist oft schon deshalb wichtig, um für Die Nachahmung auch den gleichen Stofs verwenden zu können, damit wie es ein­mal ein Regisseur verlangte auch der auf Bild- werfen dieser Zeit gezeigte Faltenwurf im Film ganz genau herauskäme.

Sßie seltsam und mannigfaltig die einlaufenden Bestellungen oft sind, beweist der Auftrag eines amerikanischen Dollarkonigs, Der für ein Bordfest auf feiner Jacht ein ganz originelles Kostüm brauchte, und sich deshalb an die Firma wandte. Auch diese Bestellung konnte zur Zusriedenh-st des Auftraggebers erfüllt werden

Trotz Der vorhandenen 40 000 Kostüme wird Das

Die von einer Entdeckungsreise zUnickgekehrt oder auf der Durchreife durch Deutschland die Samm­lung auf such en und ihr neue, seltene Stücke

Hundert Zähre Kino.

Einen bemerkenswerten Versuch, die Entwicklung der Kinematographie in ihren entscheidenden Stufen in einer Reihe von Vorstellungen oorzusühren, machte das Londoner KinoFlashbacks. Man ging dabei weiter zurück, als wir gewöhnlich die Ge» schichte des Lichtspielwesens beginnen, indem man die allerersten Versuche, Bilder beweglich zu gestal­ten, mit heranzog. Es ist hundert Jahre her, daß die ersten Laternen gleitbilder versucht wurden, die man jetzt wieder zeigte. Nicht lange danach hatte man auch das erste wirklich bewegte Bild, bas koloriert war und den TitelVon Dover nach Calais" führte: man sieht da ein Dampfboot, bas schwankt unb stampft, was sehr realistisch aus­geführt ist und über einen Kanal fährt, dessen hell­blaue Wogen geradezu komisch unbeweglich bleiben. Obwohl die Beweglichkeit sich mit der Zeit verbes­serte, besonders mit dem Choreutoskop Beates von 1866 und demBio-Vhantoskop" R u d g e 3 von 1872, konnte man in Der Sache immer noch nichts anderes als ein geistreiches Spielzeug er­blicken, und selbst als F r t e f e - ® r e e n e 1885 den ersten Papierfilm und Edison 1893 seine für die Entwicklung des Lichtspielwesens beoeutungs- vollen Versuche gemacht hatte, wurde der Wert der Erfindung noch immer nicht erkannt. In dem Pro­gramm einer Neuyorker Singspielhalle vom 20. April 1896 war eine große NummerThomäs A. Edisons neuestes Wunder, das Vitaskop", das Bilder wieDer Barbierladen",Venedig mit fahrenden Gondeln", Kaiser Wilhelm bei einer Truppenschau" und ähn­liche enthielt. Eine Illustration aus jener Zeit zeigt Operateure, die ängstlich auf Apparate sehen, die augenscheinlich Blitze umherschleudern, während die Wunder auf der Leinwand von eleganten Herren in hohen Hüten, die auf Stühlen stehen, beobachtet werden.

Wenn man in dieser Vorführung das erste eigent­liche Kino der Welt erblicken wollte, so ist bas nicht richtig: dieses wurde vielmehr von Louis Lu- m i ö r e auf dem Boulevard des Capucines in Pa» ris schon nm 2. Febru.ir 1896 veranstaltet, unb am 18. desselben Monats gab Lmniöre biefelbe Vorstel«

Lager auch an Originalstücken und unabhängig von den Filmaufträaen immer weiter ergänzt. Oft sind es Forscher und Sammler aus aller Welt,

der Heranbildung von Autoren, Dra- m a t u r g e n und Regisseuren: denn beson- ders für die beiden ersteren gab es bisher keine Möglichkeit zur Erlernung ihrer Berufe. Das war mit eine Der Ursachen, Die begabte Kräfte Der Film­kunst fernhielt. Als besonders bedeutsam und erfolg« versprechend erscheint Liebeneiners Plan, von den Schülern irgendwelche alltäglichen Szenen, wie eine Fahrt in der U-Bahn, einen Derkehrsunfall, dreh- buchmäßig gestalten zu lassen. Diese Szenen werden bann wieberum von ben künftigen Spielleitern, Kameraleuten, Schauspielern usw. verfilmt werden.

Die f i l m t e ch n i s ch e Fakultät, die von Jng. Rudolph Thun geleitet wird, umfaßt die Lehr­gruppen Bildtechnik (Erzeugung und Wiedergabe des Bildes), Tomechnik (Aufnahme, Vervielfältigung und Wiedergabe des TaUs) und Filmchemie. Bei der Aufnahme in Die filmtechnische Fakultät wird die Kenntnis allgemeiner technischer Grundlagen vorausgesetzt. Eine über die Aufteilung in die Lehr­gruppen hinausgehende Aufspaltung der Lehrpläne, entsprechend den in der Filmindustrie üblichen Son- | berberufen, ist nicht vorgesehen, vielmehr soll bei­spielsweise ber spätere Kameramann nicht nur bas gcraDe für diesen Beruf Allernotwendigste lernen. > sondern er solle alles, was die Aufnahme und Wie­dergabe des Bildes betrifft, ausreichend beherrschen.

Die filmwirtschaftliche und filmrechr« l i ch e Fakultät untersteht Dr. Günther Schwarz, der schon seit Jahren in führender Stellung in der Filmwirtschast tätig ist. Sie umfaßt die Lehrgrup- pen Filmherstellung, Filmvertrieb (Inlands- und AuslanDsvertrieb, einschließlich Werbung), Film- thealer und Filmrecht. Der Studienplan dieser Fa­kultät beginnt im ersten Semester mit allgemeinen Vorlesungen über Filmwirtschast unb Filmrecht, Filmkunst und Filmtechnik, rieben Weltanschauung, Filmvorführungen und sportlichen Hebungen. Im zweiten Semester erhält der StuDierende die Grund­ausbildung in den Spezialgebieten feiner Fakultät, und im dritten Semester erfolgt dann die umfas­sende Ausbildung in der gewählten Lehrgruppe und im vierten der praktische Einsatz in der Filmwirt- , schäft.

So zeigt der Aufbau aller Fakultäten der Deut­schen Filmakademie die wichtige und einzigarttge Verbindung von Theorie und Praxis.

Ilse Wehner. >

Dis Wette.

In Den Tobis-Ateliers Johannisthal wird der neue Hans-H.-Zerlett-FilmVerliebtes Abenteuer" gedreht. In einer Arbeitspause fitzen Olga Tsche- ch 0 w a und Georg Alexander mit einigen anderen Kameraden in der Kantine. Man unterhält sich darüber, wieviel Alkohol wohl ein Mensch in einem Zuge trinken kann.

Georg Alexander behauptet, er könne in einem Zuge fünf Flaschen Sekt trinken.

Hintereinander?" fragt Olga Tschechowa un­gläubig.

Alexander nickt bestätigend, und als auch Paul Klinger bezweifelt, daß Alexander fünf Flaschen Sekt hintereinander trinken kann, bietet Alexander folgende Wette an: er ist bereit, sogar sieben Fla- J schen Sekt in einem Zuge hintereinander zu trinken 1 wenn Olga Tschechowa unb Paul Klinger Die Wette mit zweitausend Mark halten.

Zweitausend Mark! Das kommt nicht in Frage! Darunter will aber Alexander die Wette nicht ein« gehen. Als schließlich eine Einigung nicht erzielt werden kann, bittet Olga Tschechowa Georg Alexan­der, doch wenigstens zu verraten, wie er die Wette eintöjen wollte.

Alexander läßt sich nicht lange bitten und meint mit feinem bekannten leisen Lächeln:Ich hätte mir eine Fahrkarte BerlinRom unb zurück ge­kauft, wäre in aller Ruhe losgefahren unb hätte, meine sieben Flaschen Sektin einem Zuge" hübsch hintereinander getrunken!"

lung in London. Man sieht heute drei von den Bil­dern wieder. Zum ersten Male wurde hier ein regel­mäßig perforiertes Band benutzt, bas ruckweise fort» bewegt wurde. Das war der Anfang einer Welt» industrie, die den Geschmack an volkstümlicher Un­terhaltung völlig umformen sollte: aber alle Pio­niere, die hier zusammengewirkt haben, hatten zu­nächst wenig Lohn von ihrer Arbeit. (Wir denken hier an die außerordentlichen Verdienste des Deut­schen Skladanowski, die erst in unseren Tagen nach Gebühr gewürdigt wurden.)

Einige Jahre lang sieht man auf ber Leinwand hauptsächlich nur Bilder von Tagesereignissen und von Reisen. Ein Blick auf das Derby, eine Fahrt I ben Rhein hinab, eine Bauernhochzeit, bas sind die Hauptthemen. Niemand dachte daran, daß hier ein Mittel gegeben war, Schauspiele zu zeigen, Geschich­ten zu erzählen, die Die Völker aller Länder, die Armen unb Unwissenden sehen und genießen konn­ten. Erst sieben Jahre nach den ersten Filmvorfüh­rungen kommen Pionierdramen wie der amerikani­scheGroße Raubüberfall auf einen Zug" oder das Leben von Charles Peace", bas Polizisten im Kampf mit ben Verbrechern zeigt. Aber noch Jahre lang vermieden Männer, die auf sich hielten, das Kino, und die Hersteller hätten es für verrückt ge­halten, zu erwarten, daß ein Publikum Interesse für eine länger laufende Geschichte haben könnte. Auch die Namen ber Schauspieler anzuführen, hielt man fai*n für ber Mühe wert. John Bunny war berdicke Mann". Mary Pickford dasMädchen mit den Locken".

Erst vier Jahre vor dem Weltkrieg begann der erstaunliche Aufschwung des Kinos. Unbekannte Dar­steller wurden plötzlich weltberühmt und erhielten Gehälter, die damals für phantastisch galten. Filme schwollen zu fünf, sieben, selbst neun Folgen an. Die kleinen Lustspiele und einfachen häuslichen Szs» nen machten gewaltigen Schaustücken Platz, von denen D. W. GriffithsDie Geburt einer Na» tion" die ganze Welt überwältigte. Es war auch der erste Film, ber zu bem bis dahin unbekannten Preis von einem Dollar gezeigt wurde unb ber damit die Würbe errang, die sonst nur einem Theaterstück zuerkannt wurde. Es erscheint als ein Mangel bei ber jetzigen Londoner Veranstaltung, baß nicht aenügenb die Entwicklung der großen Filme an bezeichnenden Proben gezeigt wird, son­dern daß die Zeit von 1915 bis 1938 mehr mit ben großen Leistungen ber Berichterstattung über Ta­gesereignisse gefüllt wird, aber auch so bleibt es ein verdienstvolles Unternehmen, das viele große Er­eignisse, manches heute schon vergessene Gesicht, das in der ganzen Welt bekannt war, zu neuem Leben erweckt und viele humoristische Szenen enthält, fb.