mitten Stamm umfassen soll, bei dem aber auch ein Anschluß und eine Zusammenarbeit mit den in allen anderen deutschen Gauen lebenden Familien gleichen Namens als äußerst erwünscht anzusehen ist Die Ausführungen über die Bildung eines Sippenverbandes wurde von allen Tagungsteilnehmern sehr begrüßt. Für die Gründung eines solchen Sippenoerbandes ist ein Familientag am 25. und 26. Mai 1940 in Marburg in Aussicht genommen.
Rückkehr vom Keichskriegertag.
Der Reichskriegertag, der auch einer stattlichen Reihe alter Soldaten aus unserer engeren Heimat erlebnisreiche Stunden brachte, ist vorbei. In der vergangenen Nacht kehrten die meisten der 300 000 Teilnehmer wieder in ihre Heimatorte zurück. Die Kameraden aus der Stadt und aus dem Kreis Gießen trafen heute morgen um 3.37 Uhr wieder im hiesigen.Bahnhof ein. Zn der vergangenen Nacht kurz vor 24* Uhr passierten drei Sonderzüge, in der 1 Zeit von 00 bis 4 Uhr weitere zehn Sonderzüge unseren Bahnhof.
Die Beschäftigung des Sohnes genehmigungspflichtig.
Nach der Dienstpflichtverordnung und ihren Aus- iührungsbeftimmungen unterliegt auch die Einstellung jener Jugendlichen der Arbeitsetnsatzregelung, die in einem familienrechtlichen Verhältnis zum Lehrherrn oder Betriebsführer stehen. Der Reichsarbeitsminister führt dazu in einem Schreiben an die Reichswirtschaftskammer aus, daß die Beschränkungen in der Lösung von Arbeitsverhältnissen und in der Einstellung und Beschäftigung auf alle Arbeiter und Angestellten anzuwenden sind, darüber hinaus auch auf Familienangehörige, die regelmäßig mithelfen. Danach ist die Einstellung auch solcher Arbeiter, Angestellten, Lehrlinge, Praktikanten und Volontäre unter 25 Jahren in Betriebe jeder Art an die Zustimmung der Arbeitsämter gebunden, die in einem familienrechtlichen Verhältnis zum Betriebsführer stehen. In Zukunft muß danach zum Beispiel die Einstellung eines Sohnes oder einer Tochter als Lehrling, Anlernling oder jugendliche Arbeitskraft beim Arbeitsamt in der vorgeschriebenen Weise beantragt werden.
Gegen Mißstände in der Werbung wandernder Schausteller.
Die Werbung der wandernden Schausteller und insbesondere der Zirkusunternehmen führt immer wieder zu Unzuträglichkeiten. Die Anschläge werden häufig in Schaufenstern ausgehängt ober an Häusern, Scheunen und Zäunen angeklebt und dort belassen, bis sie vom Wind und Wetter zerfetzt werden. Das Orts- und Straßenbild wird dadurch verunstaltet, und besonders die Landgemeinden werden verschandelt. Der Werberat hat deshalb Richtlinien erlassen, wonach ein eigenmächtiges Bekleben der ordentlichen Anschlagsstellen nicht erfolgen darf. An den Freianschlagstellen darf höchstens eine zusammenhängende Fläche von vier Bogen in Anspruch genommen werden. Das Ueberkleben von Anschlägen anderer Unternehmen ist unzulässig, desgleichen das Aushängen von Plakaten in Schaufenstern von Geschäften. Nur im Innern dürfen die Anschläge in der Weise angebracht werden, daß sie von der Straße nicht zu sehen sind. Wildes Bekleben von Scheunen, Mauern und Zäunen hat unter allen Umständen zu unterbleiben.
Gießen-Klein-Linden.
Das im vorigen Jahr erbaute und bereits sehr stark benutzte Schwimmbad wird in den nächsten Tagen eröffnet. Die im Herbst eingesäten Liegewiesen haben gut überwintert und bieten einen
freundlichen Anblick. Die Gehsteigplatten haben sich auf dem frisch aufgefüllten Erdboden teilweise losgetreten und sind noch in Beton fertigzulegen. Nach einer Reinigung der Becken, die anschließend an diese Arbeit vorgenommen werden wird, können die Becken mit Wasser gefüllt werden. Wenn die warmen Tage weiter anhalten, wird bis zum kommenden Sonntag oder Montag der Badebetrieb eröffnet fein.
Gießener kvochenmarktprette
* Gießen, 6. Juni. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, kg 1,60 Mark, Matte 25 bis 50 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Wirsing, grün, % kg 20 bis 22, Gelberüben, neue, Bun-
*Großen°Linden, 5. Juni. Unter starker Beteiligung wurde am Sonntagnachmittag in Großen- Linden die Grundsteinlegung für das HJ.-Heim, das nach den Plänen des Reg.-Baumeifters Werner (Wiesbaden) auf der „Haide" in der Nähe des Adolf-Hitler-Platzes errichtet wird, durch Kreisleiter Backhaus vorgenommen. Zu der.Feier waren die Hitler-Jugend und die SA. angetreten, deren Front der Kreisleiter mit Ortsgruppenleiter Dr. Will abfchntt.
Der stellv. Ortsgruppenleiter Groß eröffnete die Feier. Nach einem Lied und einem Vorspruch begrüßte Bürgermeister Michel den Kreisleiter, die Vertreter der Behörden, die Ortsgruppenleiter und die Bürgermeister. Bürgermeister Michel meldete dem Kreisleiter den von der Jugend Großen- Lindens mit großer Freude aufgenommenen Entschluß des Baues eines HJ.-Heimes.
Kreisleiter Backhaus hielt hierauf eine Ansprache, in der er die Notwendigkeit der Erziehung der Jugend im nationalsozialistischen Geiste betonte und den zahlreich erschienenen Großen-Lindener Volksgenossen einen Ueberblick über die politische Entwicklung gab. Er gab zu verstehen, daß weder durch die konfessionellen noch durch die bürgerlichen Organisationen Deutschland zu dem freien und großen Reich geworden sei, das zu schaffen nur dem
Der Monat Juni ist die Zeit des höchsten Sonnenstandes, der mit der größten nördlichen Abweichung der Sanne vom Himmelsäquator zusammenfällt. In diesem Jahre durchläuft unser Tagesgestirn den nördlichsten Punkt seiner scheinbaren Bahn am 2 2. Juni, 8.40 Uhr MEZ., und tritt gleichzeitig aus dem Zeichen der Zwillinge in das Zeichen des Krebses. Damit beginnt astronomisch der Sommer. Im Altertum, als Zeichen und Sternbilder übereinstimmten, lag der Ort der Sommersonnenwende im Sternbild des Krebses. Daher währt die Bezeichnung „Wendekreis des Krebses" für den entsprechenden Parallelkreis am Himmel. Heute, nach 2000 Jahren, ist die Sonnenwende in das Sternbild der Zwillinge gerückt, das Anfang Juni am West- himmel in die Dämmerung taucht.
Schon drei Wochen vor und ebenso lange nach dem 22. Juni hat die Sonne nahezu denselben Hochstand wie am längsten Tag. Während dieser Zeit, nämlich van Ende Mai bis Mitte Juli, sehen wir am nördlichen Horizont auch um Mitternacht einen hellen Dämmerungsschein', es herrscht „Mitternachtsdämmerung". Besonders in den nördlichen Gebieten Deutschlands, an den Küsten der Nord- und Ostsee, können wir die Wanderung des
del 20 bis 25, Spinat, % kg 20 bis 25, Spargel, 1. Sorte 56, 2. Sorte 50 bis 51, 3. Sorte 45 bis 46, 4. Sorte 23 bis 25, Erbsen 15 bis 20, Tomaten 40 bis 60. Zwiebeln 16 bis 18, Rhabarber 10 bis 16, Kartoffeln, alte 5, 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,40 bis 4, Mark, Kirschen, % kg 60 dis 70 Pf., Blumenkohl, Stück 40 bis 45, Salat 10 bis 20, Salatgurken 50, Oberkohlrabi 15 bis 20, Lauch 5 bis 15, Rettich, Bündel 12 bis 20, Stück 10 bis 20, Radieschen, Bund 10 bis 15 Pf.
** ErnennungbeimAmtsgerichtGie- 6 en. Der Kanzlist Karl Schäfer beim Amtsgericht Gießen ist mit Wirkung vom 1. Marz 1939« zum Justizassistenten ernannt worden.
Führer über den Weg der Volksgemeinschaft möglich wurde.
Jungbannführer T a e s l e r sprach dann über die Aufgaben der vom Führer mit der Erziehung der deutschen Jugend beauftragten HI. als der einzigen Organisation für die weltanschauliche, politische und soldatische Ausrichtung der Jugend. Für die Erfüllung dieser Aufgabe brauche die den Namen des Führers tragende Jugend Jugendherbergen und Heime. Sein Dank galt dem Kreisleiter für die Unterstützung der HJ.-Heimbeschaffung und Bürgermeister Michel und der Gemeinde Großen-Linden für die Errichtung dieses HJ.-Heimes.
Hierauf wurde die Grundsteinlegung vollzogen, bei der außer einer Urkunde noch zwei Bücher (Adolf Hitlers „Mein Kampf" und Alfred Rosenbergs „Der Mychos des 20. Jahrhunderts") künftigen Geschlechtern als Zeugen in den Stein ein- aemauert wurden. Kreisleiter Backhaus führte die drei Hammerschläge aus, bei denen er den Wunsch aussprach, daß das Heim viele Generationen hindurch der Erziehung der Jugend zum Wohle Großen-Lindens und zur Ehre des Reiches und feines Führers dienen möge.
Mit dem Lied der Jugend, dem Treuegelöbnis für den Führer und dem Gesang der Nationallieder wurde die Feierstunde geschlossen.
Dämmerungsscheins vom Sonnenuntergangspunkt im Nordwesten über Norden nach Nordosten während einer klaren Juninacht beobachten. In Süddeutschland dagegen verschwindet der Dämmerungsschein für kurze Zeit. Abend- und Morgendämmerung werden hier durch eine kurze Zeit völliger Dunkelheit getrennt. Die Zone der Mitternachtsdämmerung reicht vom Polarkreis nach Süden etwa bis zum 50. Parallelkreis, also ungefähr bis zur Linie Frankfurt am Main, Prag, Oberschlesien. Selbstverständlich ist diese Südgrenze keine scharfe Linie, sondern ein breites Uebergangsgebiet.
Auf dem hellen Himmelsgrunde eines klaren Juniabends find zunächst nur die lichtmächtigsten Sterne erkennbar. Als erste tauchen auf der gelbe Riesenstern Arkturus im Bootes hoch am Südhimmel, die blauweiße W e g a , in der Leier am Osthimmel, daneben Deneb, im Schwan und noch tief im Osten Atair im Adler, der mit Dened und Wega ein langgestrecktes Dreieck bildet; ferner die weiße Spika im Süden und Regulus, der Haupt- ftern des Großen.Löwen, schon ziemlich weit im Westen. Zu Anfang des Monats kann man in der hellen Dämmerung am nordwestlichen Horizont noch die Zwillinge Kastor und Pollux und die Kapella
erkennen. Aber die schwächeren Sterne werden In Norddeutschland erst gegen 23 Uhr sichtbar. Wer früher beobachtet, muß schon ein lichtstarkes Feldglas zur Hand nehmen, um die zierlichen Sternbilder Haar der Berenike zwischen dem Großen Löwen und dem Bootes, oder die Nördliche Krone links vom Bootes in ihren Einzelheiten und ihrer eigenartigen Schönheit zu erkennen. ~
Auch das prächtige Sternbild des Skorpions tief im Süden kommt erst nach 23 Uhr recht zur Geltung. Es erhält seinen besonderen Reiz sowohl durch seine Gestalt als auch durch den Farbengegensatz zwischen dem rötlichen Hauptstern Polares und den ihn strahlenförmig umgebenden weißen Sternen. Antares gehört zu den roten Riefensternen und ist einer der größten Himmelskörper, die mir kennen. Mit dem Interferometer der Mount-Wilson- Sternwarte ist es gelungen, seinen Durchmesser direkt zu messen; er ergab sich zu 0,04 Bogen- sekunden, was bei einer (Entfernung von 300 Lichtjahren dem 400fachen Sonnendurchmesser entspricht. In die Mitte unseres Planetensystems versetzt, würde Antares also weit über die Marsbahn hinausreichen. Die Leuchtkraft dieses Riesen ist mehr als 2000mal so groß wie die der Sonne.
lieber dem Antares bemerken wir den Schlangen-
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träger und den Herkules. Links von diesen Sternbildern zieht die Milchstraße in zwei Armen bis zum Schwan und als geschlossenes Band über Kepheus und Kassiopeia zum Perseus am Nordhorizont. Wegen der Aufhellung des Himmelsgrundes im Juni ist die Milchstraße jedoch nur in sehr klaren Nächten sichtbar. Hoch im Nordwesten bemerken wir die sieben hellen Sterne des Himmelswagens im Großen Bären, der seine Zenitstellung längst überschritten hat und nun wieder abwärts wandert. Ilm den Kleinen Bären mit dem Polarstern schlingt sich die gewundene Sternlinie des Drachen, dessen Kops nach der Wega gerichtet rft.
Von den Planeten zieht Mars die Aufmerksamkeit der Sternfreunde in immer höherem Maße auf sich. Ende Juni wird Mars ebenso hell wie Jupiter. Seine Entfernung verringert sich im Laufe des Juni von 89 auf 65 Millionen Kilometer, was einen beträchtlichen Anstieg der Helligkeit zur Folge hat. Mars geht Anfang Juni gegen Mitternacht, Ende des Monats um 22.30 Uhr im Südosten auf. IVa Stunden später erscheint Jupiter; nach einer weiteren Stunde folgt der Saturn. Um 3 Uhr morgens taucht auch Venus in der Dämmerung auf, so daß in der zweiten Hälfte der Nacht vier helle Planeten sichtbar werden. Am Westhimmel stehen abends nur Merkur und Neptun, sie sind aber ohne optische Hilfsmittel nicht auffindbar.
Amtsgericht Gießen
Vor dem Einzelrichter hatten sich K. G. und und K. Ehr. L. in Gröningen zu verantworten, G. wegen falscher Anschuldigung, L. wegen Beleidigung und übler Nachrede. G. erhielt einen Strafbefehl über 30 RM., gegen den er Einspruch einlegte. G. machte im Herbst 1938 nach Ausbruch der Maul- und Klauenseuche bei der Gendarmerie und dem Ortsbauernführer in ©rüningen eine Anzeige, der Landwirt W. B. habe trotz Seuchensperre mit seinem Pferdefuhrwerk gefahren. L. erzählte dem Ange-
HI-Heim-Grundsteinlegung in Großen-Linden.
Mitternachisdämmerung und Sonnenwende.
bon Or. Erwin Kossinna.
(in Qiann wie tauftnO andere
Roman von Konrad (Tram1
Copyright by Carl Ouncker Verlag, Berlin
8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Vater hatte einen Rüdesheimer Berg geopfert, der wunderbar schmeckte und in erstaunlichen Quantitäten getrunken wurde. Das Essen verlief in bester Stimmung. Sogar der alte 23oig*t lachte über die Geschichten, die Peter Jlke erzählte, obwohl er seit dem Zwischenfall bei der Heimfahrt dazu neigte, die Welt für keine ideale Einrichtung zu halten.
Nach Tisch stand Frau Voigt auf und verschwand mit Madeleine. Sie mußte der Pariserin, die schließlich von Kleidern mehr verstand als die beste Schneiderin in Neukirchen, die Frühjahrsstoffe zeigen, die sie sich ausgesucht hatte.
„Gut, daß wir ein paar Minuten allein sind", sagte Herr Voigt.
„Paar Minuten?" lachte Peter. „Dor einer halben Stunde ist mit einem Auftauchen der Damen nicht zu rechnen. Wenn meine Frau anfängt, über Kleider zu reden, parier Chiffons, nennen es ihre Landsleute, so ftndet sie nicht so rasch den Schluß- punkt..." Er warf einen raschen Blick auf das ernste Gesicht des Hauhherrn. „Was ist denn los?"
„Gestern abend ist ein Anschlag auf mein Auto unternommen worden", sagte dieser langsam. „Ich habe mit der Nachmittagspost den Bericht des Experten bekommen... Er hält den Bruch im Ge- ftänge weder für einen Materialfehler noch für einen Zufall ..."
Peter Jlkes Augenbrauen hatten sich hochgezogen. Er betrachtete nachdenklich die Halbleere Weinflasche. Dann ließ er sich genau erzählen, was var- gefallen war.
„Wer wußte, daß Sie zu dieser Zeit und auf dieser Strecke von Berlin heimfahren wollten?" fragte er endlich.
„Der Portier im Adlon. Der Garagenmeister ebendort. Mein Sohn. Und sein Freund Gottfried von Dilden, der bis zum weißen Hahn mitfuhr."
„Und ganz Neukirchen", ergänzte Hans.
„Wenn an dem Wagen manipuliert wurde — auch Experten fallen sich schon geirrt haben!_— so geschah es meiner Ansicht nach, während öie in dem Gasthaus saßen. Sonst wären Sie gar nicht so weit gekommen. Wer ist dieser Gottfried von Dilden übrigens?"
„Ein Schulkamerad und alter Freund", tagte Hans und bekam einen roten Kopf.
Peter wehrte mit der Hand ab.
„Ich will ihm sicher nicht zu nahe treten. Aber — hätte er Gelegenheit gehabt, sich an dem Auto zu schaffen zu machen?"
„Nein!" sagte Hans scharf.
„O ja", warf unsicher der Vater ein. „Erinnerst du dich nicht daß er von uns aufbrach und sich selbst sein Gepäck aus dem Wagen holte?"
Dann stellte Peter Jlke eine seltsame Frage: „Hat er Geld?"
Die beiden Herren Voigt sahen ihn verblüfft an. „Keinen überflüssigen Pfennig, und nicht einmal immer den nötigen", antwortete Hans prompt. „Daraus hat er nie ein Hehl gemacht."
„So? Das ist schon besser", meinte Peter. „Am gefährlichsten sind die Leute, die Geld zwar dringend brauchen, aber so tun, als hätten sie Unsummen."
„Ach Quatsch!" unterbrach Hans ungeduldig. Wurde verlegen. „Entschuldigen Sie, Herr Jlke, aber wenn Sie Gottfried kennen würden... Nicht daran zu denken, daß er sich zu einer faulen Sache hergibt."
„Haben Sie Anzeige erstattet?" fragte Jlke.
„Natürlich", antwortet der alte Voigt. „Ich werde doch nicht stillhalten und zusehen, wie man meinen Wagen kaputt macht. Und von den Nebenabsichten gar nicht zu reden."
„Es wird nur nichts dabei herauskommen", meinte Peter gelassen. „Den so sehr durchschnittlichen Herrn von anno dazumal haben sie auch nicht gefunden. Bitte, Herr Voigt, verwenden Sie den morgigen Vormittag, ernstlich darüber nachzudenken, wer ein Interesse haben kann. Sie aus dem Weg zu räumen. Oder sich an Ihnen zu rächen."
„Mir gefällt die ganze Sache gar nicht", sagte Hans gedrückt.
„Mir auch nicht", antwortete Peter. „Und wenn es Ihnen recht ist, fahre ich morgen über Land. Ich möchte mich zu gern einmal mit dem Personal vom »Weißen Hahiü unterhalten."
„Danke", sagte Herr Voigt und füllte Peters Glas. Dann rauchten und tranken die Herren schweigsam.
Erst als die beiden Damen erschienen, kam wieder ein Gespräch in Gang.
Das Telephon klingelte. Der alte Voigt fuhr auf.
„Was ist denn mit dir?" fragte erstaunt Frau Voigt. „Du bist dock sonst nicht so nervös?"
Hans war zum Apparat gegangen. „Herr Jlke? Ja, gleich..."
„Bitte, entschuldigen Sie", sagte Peter. ,Hch habe einen Anruf hierherbestellt... Ja, Gretelchen? Haben Sie den Fehler gefunden? Nein? — Na gut. Dann komme ich selber noch hin." Peter wandte sich an die Hausfrau. „Bitte, verzeihen Sie, liebe gnädige Frau. Ich muß noch ins Geschäft. Grete und ich suchen feit Tayen einen Buchungsfehler. Bei Tag komme ich nicht dazu. Und sie erst recht nicht. Da werden wir wohl ein paar Nachtstunden opfern müssen."
...Ach, das tut mir aber leib, daß Sie gehen müssen", sagte Frau Voigt Aber Madeleine lassen Sie uns hier, nicht wahr?"
„Natürlich", nickte Peter und wollte sich verabschieden.
Madeleine hatte kein Wort gesagt. Sie lächelte verbindlich. Die Lider verdeckten fast die dunklen Augen. Und plötzlich wußte Frau Voigt, warum Madeleine in der letzten Zeit so nervös war. Sie war mit Peters Sekretärin, mit Gretelchen, gar nicht einverstanden. Keine Frau schätzt es, wenn der Gatte halbe Nächte hindurch — Buchungsfehler sucht...
„Wer ist die Perle, die ihre Nachtruhe opfert, um sich im Addieren zu vervollkommnen?" erkun
digte sich lachend Hans. „Unter fünfzig oder schon darüber?"
„Stark unter fünfzig", meinte Madeleine trocken. „Wenn Sie die Zahl halbieren, werden Sie etwa die richtige haben."
Peter lächelte mild. Trotzdem war die Luft wie mit Elektrizität geladen. Und als wieder das Telephon ging, war Hans heilfroh, weggehen zu können.
„Du bist's, Hilde? Ja, natürlich. Sofort! Komm nur herüber. Die Eltern werden sich freuen, Madeleine Jlke gleichfalls. Und ich? Ich juble und frohlocke!"
Er wandte sich rasch um. „Die Turachmädchen wollen Herkommen. Ich habe heute schon zweimal bei ihnen angerufen und konnte sie nicht erreichen. Ihr habt doch nichts dagegen?"
Frau Voigt stand auf, um Weisungen zum Empfang der späten Gäste zu geben. Peter drückte reihum die Hand, „ßeb wohl, Madeleine. Wart nicht auf mich!"
„Das habe ich mir schon lange abgewohnt, seitdem Fräulein Kretschner so viele Rechenfehler macht", sagte sie liebenswürdig.
Madeleine schmiegte sich behaglich in den herrlich bequemen Sessel. Sie erinnerte Hans an eine schone Berberkatze. Und jetzt zeigte die Katze ihre Krallen!
Aber Peter lachte nur, verbeugte sich und ging.
Der diensthabende Polizist machte seine Runde. Es war eine klare Frühlingsnacht, der Himmel aus- gestirnt. Der Mond war schon untergegangen, und die kleine Stadt schlief. Nur aus dem Hause des Bankiers Voigt schimmerte Licht. Der Wachmann blieb stehen und horchte auf die vergnügten jungen Stimmen, die aus den offenen Fenstern drangen. Die feierten die Heimkehr des Sohnes. Und die Turachs feierten mit. Der Wachmann erkannte die Stimmen. In einer kleinen Stadt weiß man nicht nur genau, was vorgeht, man kennt alle die Leute, die es betrifft, von klein auf. Die Hilde Turach — oder war es Irmgard gewesen? — hatte er einmal, als sie ein kleines Mädelchen war, aus dem Mühlbach gezogen. Als sie älter geworden waren, hatte er die beiden erwischt, wie sie eine gemeinfame Feindin so verprügelten, daß die Kleine nichts zu lachen hatte. Und in den letzten Jahren hatte er sie dutzend Male wegen Ueberschreitung der Fahr- oorschriften angezeigt...
Der Beamte schmunzelte wohlwollend.
Jetzt war Hans Voigt aus England heimgekommen, der älteste Freund der Turachkinder. Ob da einmal etwas daraus wurde? Der Beamte war ein gebürtiger Neukirchner, und er hatte es sehr in Ordnung gefunden, wenn die gute Nachbarschaft durch eine Heirat besiegelt würde. Obwohl ein Mann schwer zu wählen hatte! Er kannte die Mädchen von kleinauf — Unb er kannte sie nicht auseinander! Hilde und Irmgard, der Einfachheit halber von Freunden Hildegard genannt, waren Zwillingsgeschwister. Gleich groß, gleich blond, gleich hübsch und vergnügt. Na ja, vielleicht sah das Auge des Liebenden schärfer.
Heute war das richtige Wetter, um Nachtdienst zu machen, fand der Wachmann. Wenn er an die endlosen Wintermonate dachte, tarn ihm jetzt schon das Grausen an. Wie oft hatte er das blöde Her
umlatschen verflucht, bei dem gar nichts herauskam. In Neukirchen war nichts los — und basta!
Es hatte noch nicht Mitternacht geschlagen, und das Vvigt-Haus war wohl das einzige, das noch wach war. Er begegnete keinen drei Leuten. Dann traf er den Mann von der Wach- und Schließgesellschaft und plauderte ein paar Minuten mit ihm. Sie fragten einander nicht einmal, ob alles in Orbpung war, so selbstverständlich war das.
Aus der Unionbanf kam noch Licht, Die hatten die ganze Nacht durch Licht brennen. Die Firma Josef Voigt & Sohn desgleichen. Schade um das gute Geld, dachte der Beamte und streifte mit gleichmütigem Blick die leeren Bankräume. Alles tot und still. Der Wachmann gähnte.
Als er um fünf Uhr ab gelöst wurde, gähn te er noch kräftiger. Winkte dem Kollegen zu und trollte sich heim. Daß es Leute gab, die freiwillig die halbe Nacht aufblieben, wunderte ihn immer wieder. Heute war es fast drei Uhr gewesen, als die Turach-Zwil« linge endlich Schluß machten unb vom jungen Voigt heimgebracht worben waren. Dabei konnte man nicht einmal sagen, daß sie bann den Tag verschliefen. Die standen bestimmt um sieben schon wieder auf dem Tennisplatz oder machten mit ihrem kleinen Wagen die Gegend unsicher.
Der eine Wachmann schlief, der andere schritt im gemessenen Schritt seines Vorgängers die Straße ab. Es war schon heller Tag, und die paar schwachen Birnen in den Banken blinzelten sinnlos und trüb. In der Unionbank war der uniformierte Rücken des Dieners zu sehen, der eifrig Pulte und Schreibtische ab wischte...
Vor dem Delikatessenladen stand ein Dreirad. Ja, es war schon Zeit, da frisches Gebäck und Milch geliefert wurden. Langsam erwachte die Stadt.
Der Beamte schritt durch die Frauengasse, und in der engen Häuserzeile hallten seine Schritte. Plötzlich stutzte er, blieb wie angewurzelt stehen...
Woher war der Schrei gekommen? War es ein Schrei gewesen?
In einem der Häuser wurde ein Fenster auf« gerissen, und eine aufgeregte Stimme fragte, was denn eigentlich los wäre? Ob ein arbeitender Mann nicht einmal um halb sieben Uhr früh seine Ruhe haben könne?
Der Beamte beachtete ihn nicht. Von wo war der merkwürdige Lärm gekommen? Von der Hauptstraße? Sicher von der Hauptstraße.
Wieder zerriß ein langer, gellender Schrei die Morgenstille. Der Wachmann lief so rasch er konnte. Vor der Filiale der Unionbank in der Hauptstraße stand eine schreckensblasse Frau, ein Blecheimer rollte scheppernd in die Straße, unb sie schrie, schrie...
„Er ist tot! Sie haben ihn umgebracht!"
Der Polizist schob sie zur Seite. „Halten Sie den Munb!" knurrte er. „Wer ist umgebracht worden?"
Im Eingang zur Bank lag ein Mann, ein unpassend mangelhaft gekleideter Mann... Der Wachmann beugte sich nieder... Das war der Bankdiener Schmied. Er war nicht tot, er war nur bewußtlos. Und wo hatte er bloß seine Uniform gelassen?
(Fortsetzung folgt.)


