Nr. 129 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)Dienstag, b. Juni 1939
Aus der Stadt Gießen.
Oer Balkon.
In den kühleren Monaten ist der Balkon ein wenig beachteter Raum. Traurig, leer und verlassen liegt er da und — wartet. Nur zur Weihnachtszeit wird er mal für kurze Zeit der Ort geheimnisvoller Geschehnisse: eines Tages nämlich steht plötzlich ein Tannenbaum darauf, Kindernäschen drücken sich an den Scheiben platt, um ihn zu sehen, den BZunderbaum, der zwar jetzt noch ungeschmückt, aber doch schon schön und besonders ist.
Doch, wie gesagt, diese Wichtigkeit des Balkons geht rasch vorüber, wenn dann aber im Frühjahr die ersten schönen Tage gekommen sind, ist er plötzlich wieder ein durchaus beachtenswerter Aufenthaltsort. Tisch und Stühle werden hinausgetragen und die Sonnenvorhänge — man könnte sie am Ende bald brauchen!? — werden angemacht. Die Blumenkasten werden aus dem Keller geschleppt und auf der Brüstung befestigt. O weh! Wie sehen denn die Geranien aus? Die geilen Triebe sind schon entfernt und nun stehen sie da: na, ein „Zahnstocherwald" kann auch nicht trauriger aussehen! Man zweifelt heftig, ob sie jemals blühen werden. „Vielleicht im September, wenn das Wetter dann doch gut ist?" meint die Hausfrau vorsichtig, was von dem Hausherrn mit Entrüstung zurückgewiesen wird. „Na, für den Balkon- Blumenschmuck-Wettbewerb können wir uns damit nicht anmelden!" ist die etwas schnippische Antwort.
Dann kommen noch die Kakteen auf die Fensterbank, diese absonderlichen Gewächse, die der Stolz des Hausherrn sind. Und nun kann es Sommer werden.
Schon morgens — oft ist es noch empfindlich kühl — wird auf dem Balkon gefrühstückt, wobei die gute frische Luft das Fehlende bei dieser Mahlzeit beinahe ersetzt. Nachmittags sitzt die Hausfrau mit dem leider immer gefüllten Stopfkorb dort in der Sonne, am schönsten aber ist es am kühleren Abend, wenn die Schwalben — oder sind es Segler? — mit hellem Schrei durch die Luft schießen. Man sitzt im Korbsessel und legt den Kops zurück und sieht hinauf in die klare Bläue, und man wird ganz ruhig und wunschlos dabei.
„Der Mond ist auf gegangen, die güldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar!"
„Wie ist die Welt so stille und in der Dämmrung Hülle so traulich und so how!"
Und wenn eine milde Sommernacht lockt, bann brennt oft die Lampe dort mit rötlich-gelbem Schein auf dem Tisch, auf dem nun ein Buch liegt, das auf dich wartet. Leises Wehen in den Bäumen, hin und wieder hört man Gespräch oder Lachen aus der Nachbarschaft, kleine Musikfetzen fliegen herüber. St.
Bornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Grenzfeuer". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Marguerite: 3".
Nähstuben des Deutschen Frauenwerks
NSG. Im Einvernehmen mit der Reichsfrauen- sührerin hat der Hauptamtsleiter der NSV. an- geordnet, daß die Nähftuben der NSV. in die Hände der NS.-Frauenschaft -- Deutsches Frauenwerk übergehen.
Es war schon immer Aufgabe der Mitglieder der NS.-Frauenschaft = Deutsches Frauenwerk, für die NSV. zu arbeiten, und ihr bei der Betreuung der Volksgenossen zu helfen. Mit der Uebernahme der Nähstuben verpflichtet sich die NS.-Frauenschaft = Deutsches Frauenwerk, die von der NSV. Betreuten in den Nähstuben zur Selbstanfertigung von Säuglingsausstattungen und Bekleidungsstücken an- zuhalten und zu unterweisen. Darüber hinaus bleibt es eine selbstverständliche Aufgabe, aus den Bestän
den der NSV. Bekleidungsstücke für das WHW. anzufertigen und in Stand zu fetzen. Die in den Nähftuben angefertigten Gegenstände erhält die NSV. Mit der Uebernahme der Nähftuben hat die NS.-Frauenschaft = Deutsches Frauenwerk eine neue Aufgabe erhalten, für die sich die Mitglieder gern einsetzen werden.
ISO Kinder aus Südbaden im Kreis Gießen.
Durch die Kreisamtsleitung der NSV. werden gegenwärtig wieder alle Anstrengungen gemacht, um Kindern ans verschiedenen Teilen des Reiches Ferienaufenthalte in unserem schönen Oberhessen zu vermitteln. Nachdem vor kurzem Kinder aus Hamburg hier geweilt hatten und gestärkt zurück- kehrten, trafen nun gestern abend etwa 180 Kinder aus Südbaden (aus Konstanz und von der Schweizer Grenze) in Gießen ein, um ebenfalls einen vierwöchigen Erholungsaufenthalt zu genießen. 24 Kinder verblieben in der Stadt Gießen und wurden am Bahnhof sofort von ihren Pflegeeltern in Empfang genommen; die übrigen setzten die
planmäßige körperliche Ausbildung im DM.
NSG. Der Einsatzdienst des Deutschen Roten Kreuzes stellt an die Helfer und Helferinnen des DRK. gesteigerte körperliche Anforderungen. Um diesen Anforderungen gewachsen zu sein, tritt neben die Ausbildung im Sanitätsdienst eine planmäßige, körperliche Ausbildung. Bei den Landesstellen und Kreisstellen sind zu diesem Zweck Sportwarte und Sportwartinnen ernannt worden.
Während die Sportwarte und Sportwartinnen der Landesstellen im Oktober vergangenen Jahres auf dem Reichssportfeld in Berlin in einem Lehrgang zusammengezogen waren und für ihre Aufgabe ausgebildet wurden, erhalten innerhalb der einzelnen Landesstellen nunmehr die Kreissportwarte und Kreissportwartinnen in sechstägigen Sportlehrkursen das Rüstzeug für ihre Aufgabe, die Bereitschaften der Kreisftellen sportlich zu betreuen.
Die DRK.-Landesstelle XII hat den ersten Kurs der Kreissportwarte in der Zeit vom 19. bis 25. März auf dem Sportfeld in Frankfurt a. M. abgehalten. 28 Kreissportwarte aus allen Gebietsteilen der Landesstelle nahmen daran teil. Geleitet wurde der Lehrgang von Dipl.-Turn- und Sportlehrer Barge vvn der Reichsakademie des NS.-Reichsbundes für Leibesübungen. Er verstand es nicht nur, alle Kursteilnehmer zu freudigen Mitarbeitern heranzuziehen, sondern durch seine Gestaltung des Kurses die Tage auch zu einem kameradschaftlichen Erlebnis für alle werden zu lassen. Jetzt gilt es, im gleichen Geiste in den Kreiftn und Bereitschaften weiterzuarbeiten. Der zweite Lehrgang für Kreissportwarte fand ebenfalls im Frankfurter Sportfeld in der Zeit vom 23. bis 29. April statt. Ihm folgten bann im Monat Mai zwei weitere Lehrgänge für Kreissportwartinnen.
45 Zchre Eisenbahn-Mrbeamienverein Gießen
Der Eisenbahnfahrbeamtenverein, der 45 Jahre besteht, beging bei starker Beteiligung am Sonntag im festlich geschmückten Saalbau Liebigstraße sein 45. Stiftungsfest. Für die Ausgestaltung der Feier war die Kapelle Krengel gewonnen worben.
Dereinsführer Heinrich D i e r I a m m ermahnte in seiner Begrüßungsansprache die Mitglieder und deren Angehörigen zur treuen Gefolgschaft im Sinne des Führers. Der Vereinsführer sprach mit Bewunderung von den Taten des Führers. Der besondere Gruß des Vereinsleiters galt bann ben Ehrengästen und den letzten vier Gründern Alt- Haus, George, Schäfer und dem aus Darmstadt erschienenen Kam. Keller. Der Personaldezernent der Reichsbahndirektion Frankfurt, Oberreichsbahnrat Kraft, und der Amtsvorstand des Betriebsamtes, Oberreichsbahnrat Wilke, Gießen, haben ihre Glückwünsche übermittelt.
Nach einigen musikalischen Darbietungen hielt Vereinsführer Dierlamm die Festrede. Er ging auf die Gründung des Eisenbahn-Fahrbeamtenver- eins ein und hob die Schwierigkeiten hervor, die die Gründer zu überwinden hatten, bis sie die Schaffner und Zugführer von dem Sinn dieser Vereinigung überzeugen konnten, die dann durch das Zusammenstehen aller Mitglieder manchen vom Schicksal betroffenen Kameraden Hilfe bringen konnte. Während die Fahnen gesenkt wurden, gedachte der Vereinsführer bei den Klängen des Liedes vom guten Kameraden der gefallenen, verunglückten und verstorbenen Mitglieder, zu deren Ehren sich die Versammelten von ihren Sitzen erhoben. Bei einem Rückblick auf die politische Entwicklung gedachte der Redner bantbar des Führers. Er sprach dann von
der Schiene als der Kette von Stahl und Eisen, die alle Eisenbahner verbinde und für die jeder seine Pflicht erfülle. Sie alle binde das Schicksal an die blanken Nervenstränge, die die Heimat durchziehen. Jeder sei namenloser Beamter im Dienste des Riesenbetriebes der Reichsbahn, jeder sei Eigentumsverwalter des Volkes. Der Vereinsführer sprach ferner von dem schweren Dienst, in dem einer den anderen ergänze und durch den sie alle das Vertrauen von Millionen Volksgenossen täglich neu errängen. Er forderte auf, sich weiterhin mit ganzer Kraft für diesen hohen Dienst einzusetzen. Zum Schluß dankte der Vereinsführer allen Mitarbeitern und vor allem dem Kameraden Heinrich Ruhl und | wünschte seinen Kameraden und deren Angehörigen einige Stunden fröhlicher Kameradschaft.
Im Auftrage des Leiters des Amtes für Beamte, Kreisamtsleiter Ulrich, sprach Kreisfachschaftsleiter R e u s ch dem Fahrbeamtenverein Anerkennung für die vorbildliche Pflege der Kameradschaft aus. Er erinnerte an die persönlichen Bindungen an den Jubelverein und wünschte ihm und seinem Vorsitzenden weiterhin erfolgreiche Arbeit zum Wohle aller. Für den Amtsvorstand des Bahnhofes, Reichsbahnamtmann Wahl, überbrachte Reichsbahn-Oberinspektor Luh Grüße und Glückwünsche und gab besonders den Familienangehörigen einen Einblick in den verantwortungsvollen Beruf der Schaffner und Zugführer.
Mit einem Theaterstück und einigen Singspielen trugen bekannte Gießener Vortragskünstler, die reichen Beifall ernteten, zur Unterhaltung bei. Zum Schluß spielte die Kapelle Krengel zum Tanz auf.
Fahrt in die verschiedenen Kreisorte fort. Die Kinder bleiben vier Wochen. Wenn sie auch selbst aus schöner Landschaft, aus der Bodenfeegegend, stammen, so werden sie sicherlich auch von unserem schönen Oberhessen manchen Eindruck gewinnen, der ihnen eine schöne Erinnerung für ihr Leben bleiben wird. x
Gemeinsame Feier des 70. Geburtstages
Die Altersvereinigung 1869—1919 beging am Samstag und Sonntag die gemeinsame Feier des 70. Geburtstages. Bei der Veranstaltung am Samstagabend im Saale des „Prinz Carl", die mit einem gemeinsamen Abendessen begann, hielt der Vorsitzende der Vereinigung, Photographenmeister Ehr. Zimmer, eine sehr beifällig aufgenommene Ansprache, in der er einen Rückblick auf die verflossenen Lebensjahre bis zur Gegenwart warf, dabei auch unseres genialen Führers gedenkend. Dann wechselten Musikstücke, Ansprachen ernsten und launigen Inhalts, heitere Vorträge mit gemeinschaftlichen Liedern ab, die zum Teil von Alterskameraden ver-
faßt waren. So nahm der Abend einen überaus schönen Verlauf. Der Sonntag war ausschließlich der Familie gewidmet. Nachdem am Vormittag gemeinsam der Hauptgottesdienst in der Stadtkirche besucht worden war, fanden sich die Alterskameraden am Nachmittag mit ihren Familien im blumengeschmückten Saale des Schützenhauses ein, um bei Kaffee, Kuchen usw. gemeinsam einige schöne Stunden zu verbringen. Gute Konzertmusik, heitere An-
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sprachen und Vorträge, gemeinschaftliche Lieder nnb namentlich die vorzüglichen Darbietungen eines Künstlerterzetts ließen bald eine frohe Stimmung aufkommen, die bis zum Schlüsse anhielt. Lange noch werden den Teilnehmern die froh verlebten Stunden in angenehmer Erinnerung bleiben.
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Die NSG. „Kraft durch Freude" führt auch in diesem Jahre wieder Gau-Kulturfahrten durch.
Nr. 1: Gau Wien und Umgebung. (München, Wien, Linz, Regensburg) vom 10. bis 12. 7. 1939.
Nr. 2: Gau Oberdonau. (München, Moß-Mondfee, Windischgarften, Linz, Krumau, Passau) vom 20. bis 27. 7. 1939.
Nr. 3: Gau München-Oberbayern. (München vier Tage, Bayr. Alpen, Chiemsee, Salzburg, Berchtesgaden, Ramsau, München) vom 30. 7. bis 6. 8. 1939.
Nr. 4: Franken-Nürnberg. (Nürnberg zwei Tage, Pappenheim, Dünkelsbühl, Rothenburg, Nürnberg) vom 7. bis 13. 8. 1939.
Nr. 5: Gau Süd-hannover-Vraunschweig. (Pader- dorn, Hameln, Hildesheim, Goslar, Göttingen) vom 14. bis 20. 8. 1939.
Nr. 6: Gau Schleswig-Holstein. (Hamburg, Lübeck, zwei Tage, „Holsteinische Schweiz", Kiel, Dampferfahrt Laboe, Flensburg, Krusau, dänische Grenze, Hamburg, Göttingen) vom 1. bis 9. 8. 1939.
Sämtliche Fahrten haben als Anfangs- und Endziel Frankfurt a. M.
Nähere Einzelheiten und Fahrpreis erfahren Sie auf unserer Kartenverkaufsstelle im Seltersweg 60.
Anmeldungen sind spätestens 14 Tage vor Beginn der Fahrt abzugeben.
BOM.-llntergau 416 Gießen.
VDM.-Werkgruppe 4a, Derkschar.
Die Mädel, die am Sonntag an den Reichssportwettkämpfen nicht teilgenommen haben, holen diese am Mittwochabend nach. Die betreffenden Mädel treten dazu um 20 Uhr am Ludwigsplatz an.
Familientag der Familie Stamm.
Am 2. Pfingsttag kamen die Angehörigen der Familie Stamm in Hessen zu ihrem 2. Familientag in Schweinsberg (Kreis Kirchhain) zusammen. Die Geschichte dieser Familie Stamm geht lückenlos und urkundlich belegt auf den 1485 in Altenburg bei Alsfeld in Hessen geborenen Gottschalk Stamm zurück.
Die Familientagung wurde von dem Senior der Familie, Dr. med. Hugo Stamm, Hannover, eröffnet. Im weiteren Verlauf der Tatzung sprach Dr. phil. nat. Georg Stamm, Bochum, über neuere Forschungsergebnisse und über die Gründung eines Sippenverbandes der Familien Stamm, der zunächst besonders alle mit ihrer Familiengeschichte nach Hessen und Hessen-Nassau zurückführenden Fa-
Siegfried Wagner.
Zum 70. Geburtstage des Komponisten am 6. Juni.
„Siegfried ward ich von meinen Eltern genannt. Nun. Ambosse habe ich nicht zerhauen, Drachen habe ich nicht getötet, Flammenmeere habe ich nicht durchschritten. Und trotzdem hoffe ich, nicht ganz unwürdig dieses Namens zu fein ... Ich freue mich täglich, daß ich das Glück habe, einen solchen Vater zu haben, ich freue mich, eine solche Mutter, einen solchen Großvater mein nennen zu dürfen. Ich freue -mich meiner Schwester, meiner schönen, heiteren, klugen Gattin, ich freue mich über die vier Kinderchen ... und ich freue mich, daß ich nicht ganz talentlos bin und von meinen Eltern ein reichliches Quantum Humor mitbekommen habe. Lieber Leser, findest du, daß jemand, der sich über so vieles zu freuen hat, eine bemitleidenswerte, tragische Gestalt ist? Ich finde es nicht!" So schrieb Siegfried Wagner am Schluß seiner „Erinnerungen", und die liebenswürdig entwaffnende Bescheidenheit, die aus seinen Worten spricht, ist seines Wesens bester Teil gewesen. Wenn sich also Richard Wagners Prophe- zeihung „mein Sohn wird einst schwer an mir zu fragen haben", auch nicht in jedem Betracht erfüllt hat, so sind diesem Sohne doch Anfeindungen und falsche Wertbemessungen nicht erspart geblieben, und sie betrafen vor allem den Musiker.
Als er 1869 in Triebschen bei Luzern zur Welt gekommen war, grüßte ihn, den die Eltern „Fidi Vogelsang" und „Helferich" nannten, die Wunder- mufif des „Siegfried-Idylls". Er hatte eine glückliche anregungsreiche Jugend, begleitete den Vater wiederholt nach Italien und erlebte noch die Entstehung und Uraufführung des „Parsifal". H u m - perdinck führte ihn in die Formenwelt der Musik ein und obschon der allem Künstlerischen aufge» schlosse'ne Jüngling, die freie Berufswahl hatte, sich zunächst dem Studium der Architektur zuwandte, so fühlte er sich schließlich doch zum Musiker berufen, begann zu dirigieren, zu tamponieren und sich nut dem Gedanken vertraut zu machen, nach seiner Mutter Cosima die Geschicke Bayreuths zu leiten.
Als Komponist knüpfte er an Weber, Lortzmg unb auch an den Schöpfer der „Meifterftn^r an, wobei er, anders als sein Vater, das Märchen bevorzugte. Seinem Ideale einer deutschen romantischen Volksoper kam er gleich in seinem ersten Luh- nenwerke.dem 1899 in München urausge führten „Bärenhäute r" am nächsten. Die folgenden
Opern — es sind mehr als ein Dutzend — enthalten Gelungenes neben weniger Gelungenem. Am meisten überzeugt der Komponist dort, wo er in festen Formen bleibt und sich unbefangen in Lied und Tanz auslebt.
Erfolgreicher denn als Komponist war Siegfried Wagner als Inszenator. Der Dirigent und noch mehr der Architekt kamen hier zur Geltung. Cosima überließ ihm zunächst die Beleuckitungs- und Dekorationsproben, dann führte er neben ihr Regie, bot 1904 mit einer „Tannhauser"-Jnszenierung seine erste selbständige Leistung und löste zwei Jahre daraus seine Mutter in der Führung der Bayreuther Fe st spiele endgültig ab. Hier bewährte er sich wirklich als „Helferich", und sein großes Verdienst ist es, diese Festspiele durch die ersten Nachkriegsjahre gerettet zu haben. Bayreuth blieb durch ihn ein Hort deutscher Kunst.
Ein tragisches Geschick wollte es, daß Siegfried Wagner in einem Augenblick starb, als er mit einer Neuinszenierung des „Tannhäuser" sich von einer festgefahrenen Bayreuther Tradition freimachen wollte. Am 4. August 1930, nur vier Monate nach dem Tode seiner großen Mutter, trugen ihn feine Künstler zu Grabe. Dr. Erwin Kroll.
Brautwerbung und Hochzeitsbrauch in aller Welt.
Ein buntes Bild bietet sich dem Betrachter, der sich unter den Völkern umsieht, auf wie verschiedenartige Weise sie ihre Brautwerbungen vollziehen. Nicht immer ist es der Mann, der freit; bildet schon in manchen Ländern das Schaltjahr eine Ausnahme von der Regel, in dem es der Frau gestattet, dem Mann die Ehe vorzuschlagen, so ist dies in Jamaika das dauernde Vorrecht der Frau, wo sie das Land besitzt, sich den Gatten aussucht und wenn er ihr nicht gefällt, sich einen anderen nimmt. Ueberall spielt der Hochzeitskuchen eine große Rolle, aber in einigen Ländern bedeutet gerade das Vorsetzen von Speisen eine Absage. In Andalusien gibt ein Mädchen ihr „Nein" durch eine Scheibe Kürbis zu verstehen, unb in Polen ist es sogar ein Gericht Gänsebraten, das den bitteren Bescheid versüßen soll, weshalb man auch von dem abgewiesenen Freier sagt, er habe „den Vogel bekommen".
Japanische Brautleute trinken Tee aus einer Kanne mit zwei Tüllen, und Schmetterlinge aus Papier auf dem Gefäß find ihnen eine gute Vor
bedeutung, daß sie eine Schar von Kindern haben werden. Der Bräutigam sendet der Braut auch eine goldene Litze für einen Gürtel und weißen Satin für ein Kleid. Die chinesische Sitte will, daß Schnüre von roter Seide um Weste und Fußgelenke gelegt werden, unb der Bräutigam schreibt seiner Braut auf rotem Papier, so daß man von ben „Tagen ber roten Briefe" spricht unb bamit die Brautzeit meint. Dabei wirb bie Ehe in ber Regel von berufsmäßigen Unterhänblern zustanbe gebracht, unb ein Astrologe bestimmt ben Tag, ber bas Glück ber Verbinbung sichert.
Was in Englanb ber Kranz von Orangenblüten ist, wirb in Norwegen eine Krone; das ärmste Dorfmädchen wird als Braut die „Königin eines Tages", ber Krone unb Halskette von der Kirche geliehen wirb. Auch ungarische Bräute tragen Kronen, unb in Armenien tragen Braut unb Bräutigam mit Gold geschmückte Kränze, bie ber Priester bei ber Trauung breimal wechselt, wobei auch der Bräutigam dreimal ben Kopf ber Braut berühren muß. Die kaspische Braut hat einen Turban um ben Kopf gerounben, unb wenn ber Hochzeitstag herannaht, werben ihr alle Haare abgeschnitten. Eine Tortur aber müssen bie Malaien- mäbchen über sich ergehen lassen, ehe sie Braut werben können: ihre Zähne werben bis auf ein Drittel ihrer normalen Größe abgcfeilt. In Burma müssen sich bie Bräute bie Ohren durchbohren lassen, unb bazu übertönt laute Musik bie Schmerzenslaute, bie man sonst hören würbe. Die Jn- bianer bes nörblichen Amerika bringen ein Stück Wilb, bas sie erlegt haben, unb legen es zu Füßen ber Erkorenen nieber. Die maurische Braut aber wirb einfach ihrem künftigen Gatten in einem großen Hochzeitskasten zugeführt, ber mit ihrem Brautschatz von einem weißen Maulesel getragen unb von ihrem schwarzen Kinbermäbchen begleitet wirb. Bei einer ganzen Reihe von Völkern werben bie Ehen von ben Eltern zwischen ihren Kinbern schon im frühesten Alter geschlossen, eine Sitte, von ber man auch in Europa in früheren Zeiten Beispiele finbet. So hat ein Ehekontrakt vom Jahr 1528 in Englanb eine gewisse Berühmtheit erlangt, in bem Sir William Sturton Knight sich verpflich- tete, seinen Sohn Charles an eine der bre-i Tochter von Walter Hungerforb, sobald er die Zeit für gekommen erachte, zu verheiraten; auch wurden bestimmte Zahlungen in Raten festgesetzt, aber wenigstens hatte der junge Charles die Auswahl zwischen Ellinor, Mary unb Anne Hungerforb.
Lichtspielhaus: „Marguerite: 3".
Der vormalige Münchener „Nachrichter" Helmut Käutner und Axel Eg gebrecht haben aus Fritz Schwieferts Lustspiel „Marguerite: 3", das schon über viele deutsche Bühnen ging, einen Film gemacht, den der Komiker Theo Lingen, neuerdings auch als Kriminalstück-Autor bekannt, in Szene setzte: indem er sich die räumlich erweiterten Möglichkeiten der Kamera ausgiebig zunutze machte und die Komik des Lustspiel-Einfalls gelegentlich bis in die Sphäre des Situationsschwan- ke's hinein zuspitzte. Für bie junge Schauspielerin Gusti Huber enthielt die weibliche Hauptrolle zugleich die Pointe der Handlung unb bie darstellerisch immer wieder reizvolle Chance dreifacher Verwandlung: sie ist das Fräulein Marguerite in dreifacher Beleuchtung und Gestalt; sie ist sachlichmodern, sie ist eine jugendliche Mondäne, unb sie ist eine schwärmerische kleine Hausfrau; sie macht bas luftig, mit Temperament unb spürbarem Vergnügen an der breigeteilten Rolle, bie sie nacheinander brei eingefleischten Junggesellen vorspielen darf: ben Herren Schafheitlin, Hermann T h i m i g unb Lingen, der als Spielleiter sich auch barstellerisch nicht zu kurz kommen ließ unb sich die ergiebigsten Szenen in diesem hartgesottenen Terzett reservierte. Hans Holt heißt der nette junge Mann, ber nach allerlei Widerwärtigkeiten unb einem gesunden Wutanfall mit ber völlig normalen unb unverwandelten Marguerite belohnt wird. Vom Ensemble zeichnen sich ferner Grete Weiser unb Richard- Romanowski in etlichen komischen Episoden aus. — (Bavaria.)
Im Beiprogramm interessiert — außer der neuen Tobis-Wochenschau unb Naturaufnahmen aus dem Zuaspitzgebiet — vor allem der aktuelle unb sehr aufschlußreiche Sonderbericht über ben Einsatz ber Legion (Eonbor in Spanien.
Hans Thyriot.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. U e x k y l l - G y l l e n b a n b , Ordinarius für Geschichte an ber Universität Tübingen, ist im Alter von 41 Jahren an den Folgen eines Derkehrsunfalls g e st o r b e n.
Dem nb. ao. Professor Dr. Hans-Jürgen Stam - m e r wurde unter (Ernennung zum Ordinarius an ber Universität Erlangen ber Lehrstuhl für Zoologie übertragen.


