Küpreß
4939
Mdstärke 43!"
Wohlgelungenes Künstler- und Preffe-Iest.
Nun ist K,ü p r e ß zum dritten Mole vom Stapel gelaufen, unb olle mehr ober weniger aaio voran Beteiligten werden rückblickend den Eindruck haben, daß es ein schönes, ein wohlgelungenes, seinen beiden Vorgängern ebenbürtiges Fest gewesen sei. Ein unbestreitbarer, allgemein buntbar empfundener Vorzug war, daß die Sache diesmal auf einen Samstag fiel, wo sie von Rechts wegen hingehört, nicht mitten in die arbeitsrcick)e Woche, so daß man mit gutem Gewissen dabei sein und feiern und nach gehabten Anstrengungen getröstet ins Bett sinken konnte.
Der große Saal, wo vor zwei Tagen, wie berichtet, noch ein nüchtern graues und frösteliges Chaos herrschte, strahlte in Wärme und Licht und einer festlichen Dekoration von Gelb und Orange, und die Räume waren von einer farbenfrohen, erwartungsvollen und heiter gestimmten Menge beseht, als gegen 20.30 Uhr unter den anfeuernden Klängen des Narrhalla-Marsches mit dem Einzuge des Prinzen Karneval und seines theatralischen Gefolges das Fest offiziell seinen Anfang nahm.
schiedenen Höhepunkten entgegen. In den Pausen . ergab sich reichlich Gelegenheit, durch die Räume zu ! wandeln, oben und unten, treppauf, treppab, und die Ausschmückung der Räumlichkeiten zu betrachten. Es war aber wie in den beiden vergangenen Jahren auch: die enorme Arbeit, die hier in langen und mühevollen Vorbereitungen von allen beteiligten Künstlern geleistet worden ist, wurde kaum nach Gebühr gewürdigt. Es ist hier wirklich mit viel Laune und Witz, mit ehrlichem Bemühen und sauberem Können für den einen einzigen Abend Erstaunliches an die Wände gezaubert worden. Wir haben versucht, im Vorbericht eine kleine Andeutung davon zu geben; wir möchten aus der Fülle nur die allermeist, ganz ausgezeichnete Porträtgalerie mit den überlebensgroßen Schauspieler-Bildnissen hervorheben: sie mar sehenswert. In der Hafenkneipe war in späterer Stunde der Wandschmuck schnöderweise zur Tarnung zärtlicher Aussprache und zwei- samer Zurückgezogenheit verwendet worden.
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Im Foyer stand die Tombola: schöne Tombola, große Tombola, gegen Morgen, soweit wir sehen
konnten, total ausoerkauft. An den verschiedenen Dars wurden ebenfalls gute Geschäfte getätigt. Im großen Saal schwebten lustige Trauben bunter Ballons, unb die Woge der Tanzenden wurde von farbigen Scheinwerfern malerisch angestrahlt, was besonders von der Galerie herab ein faschingsmäßig erfreuliches Bild abgab. Die Kostüme waren ohne Zwang allermeist nach persönlichem Temperament unb Einfall gestaltet; zwar sah man, der maritimen Devise entsprechens viele Seeleute, Kapitäne, Matrosen und Hafenkneipiers, aber auch viel Ungarin sches und viele Phantasiegewänder. Besonders gelungen unb apart erschienen uns eine blau unb silbern glitzernbe Fischerin, ein stilgerechtes Bulgarenkostüm, eine Rokokodame in Violett mit weißer Perücke, und ein Stubenmädel mit Flederwisch und erstaunlich verschobenem Herzen. Die Musik waltete mit löblicher Ausdauer ihres Amtes. Der „Treue Husar" ist noch immer so unverwüstlich wie der „Narrhalla-Marsch", „Bittebittebitte" und der „Siebente Himmel der Liebe" gehören zu den beliebtesten Tänzen des heurigen Faschings.
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Um 4 Uhr war der Saal noch kaum gelichtet. Wann die Letzten sich auf den Heimweg machten, vermögen wir nicht zu sagen. Hoffen wir, daß das Fest auch materiell den Erwartungen der Veranstalter entsprochen habe. hth.
Lahresappelle aller Soldaten.
Oberbürgermeister Ritter hatte sich's, wie in den vorangegangenen Jahren, nicht nehmen lassen, persönlich den feierlichen Akt der Inthronisation vorzunehmen. Er richtete eine beschwingte Ansprache an die Küpreß-GeMeinde und das närrische Volk von Gießen. Nachdem wir uns, so sagte er, ein ganzes Jahr lang anständig benommen hätten, dürften wir uns heute einmal, aller Sorgen des Alltages ledig, der ungetrübten Faschingsfröhlichkeit überlassen. Mit dem alten Narrenschlachtrüs Helau! übergab er den Schlüssel der Stadt als Sinnbild unumschränkter Alleinherrschaft an den diesjährigen Prinzen Karneval Erich Weiland, der seinerseits für die Uebergabe dankte, eine ungemein ermunternde Rede an seine Untertanen richtete und ihnen die mancherlei Schauplätze seines und ihres Reiches mit verlockenden' Worten öffnete.
Don Herrn Schlick angefünbigt unb von Fräulein Droefc mit langer Zirkuspeitsche, oder anmutig unb durchaus kollegial dirigiert, hielt darauf mit Hallo das Riesen-Küpreß-Krokodil, das sich geschmeidig unb vielfüßig auf lauter Künstlerbeinen bewegte, seinen Einzug in den Saal, brummte schröcklich, benahm sich aber sonst manierlich und machte ein wohlerzogenes Kompliment. Narrhalla- Marsch, Auszug des Krokodils, der Künstler und des Theaters. Hierauf startete mit einem pausenlos ab- rollenden Programm das Kabarett der Wild- gemorbenen.
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Herr Buchheim machte den Ansager. Herr Bugge sang mit sonorem Baß das Trinklied aus den „Lustigen Weibern". Thea Maaß tanzte, mit mehrfacher Herrenbegleitung, ihren Tanz aus ber „Lustigen Witwe". Herr Weiland fang ein reizendes Chanson aus dem „Süßesten Schwindel der Welt", Fräulein Eckert die „Matinata". Fräulein Ewald im Schottenröckchen legte einen Step aufs Parkett, der äußerst anregend klapperte. Fräulein Garbe unb Herr Duchheim brachten zwei Duette aus „Fanny Elßler". Man machte in der Tat, um die tanzlustigen Gäste nicht allzu 'lange fasten zu lassen, keine Pause; die Programmnummern schnurrten mit der Präzision eines Uhrwerkes ob. Wieder ein leichtbekleidetes Tanzduett, Herr B u ch h e i m sang aus der Operette „Herz über Bord", Frl. Garbe erfreute die Gemüter mit cmer berlinerischen Szene „Seifenblasen", sechs junge Damen starteten den Matrosentanz 1939. Die hübscheste Nummer des Proaramms: die Geburt eines Schlagers aus dem „Süßesten Schwindel". Mitwirkende waren: die Damen Garbe und Kneip, die Herren Weiland und B u ch h e i m. Text: „Mein Schaß hat mich im Mai geküßt, warum nicht schon im März?" Zum Schluß der Grisetten-Cancan aus der „Lustigen Witwe".
Dies mar gerade die richtige Ueberlcitung zum ersten allgemeinen Tanz. Das Fest ging seinen ver-
Oie alten Artilleristen.
Am Samstagabend hielt die Artilleristen-Kamerad- schaft 1895 Gießen ihren Jahresappell im Karnerad- schastsheim „Hessischer Hof" ab, zu dem die Kameraden wie immer in großer Zahl erschienen waren.
Kameradschaftsführer Joh. Mül,', er leitete den Appell mit einer kurzen Rückschau auf die politischen Ereignisse des verflossenen Jahres ein und hob dabei vor allem die große Bedeutung hervor, die der Schaffung des Großdeutschen Reiches durch unseren Führer sowohl für unser deutsches Volk, als auch für die ganze Welt beizumessen ist. In diesem Zusammenhänge gedachte er auch der durch den Führer geschaffenen Einheit und Geschlossenheit des deutschen Volkes, das sich bei den großen Entscheidungen des verflossenen Jahres als ein einheitlicher Block des Willens und des Wollens hinter feinen Führer Adolf Hitler stellte. Der Kameradschaftsführer rief ferner noch einmal die Erinnerung wach an den jahrelangen gemeinsamen Marsch der Kameradschaft im Verbände des Waffenrings der deutschen Artillerie und an die während dieser Zeit erlebte Soldatentreue und gute Kameradschaft. Er betonte, daß die Gießener alten Artilleristen mit der gleichen Treue und Kameradschaft auch in dem vom Führer 'befohlenen Zusammenschluß der alten Soldaten im NS.-Reichskriegerbund mitmarschieren wenden. Ferner wies er mit Stolz und Freude auf die guten Beziehungen hin, die zwischen der Kameradschaft der Gießener alten Artilleristen und der aktiven Artillerie-Abteilung des Stairdorts Gießen bestehen und die von beiden Seiten in vorbildlicher Kameradschaft gepflegt werden. Mit freudig aufgenommenem Gruß und Treuegelöbnis für den Führer und unser herrliches Vaterland schloß er seine Ansprache.
Der vom Schriftführer Heinrich Siebert ausgearbeitete Jahresbericht fand die einmütige Zustimmung der Kameradschaft. In dem Bericht wurde gleichfalls an die großen Erlebnisse des Jahres 1938 und an das gute Einvernehmen mit der Gießener Artillerie - Abteilung erinnert. Weiter konnte in dem Bericht über ein erfreuliches Anwachsen der Kameradschaft durch den Beitritt neuer Mitglieder berichtet werden. Sodann lenkte der Bericht die Blicke der Kameraden noch einmal kurz zurück auf die Mitgliederappelle und sonstigen Veranstaltungen der Kameradschaft im verflossenen Jahre, erinnerte an die allezeit gute Kameradschaft und an die Pflege des soldatischen Gedankens, die auch als Hauptaufgabe für das neue Jahr betont wurden.
Der Rechnungsbericht des Rechners Wilhelm Stephan konnte einen sehr befriedigenden Bestand der Kameradschaftskasse aufweisen. Nach dem Bericht der Rechnungsprüfer, die dem Rechner hohes Lob für feine ausgezeichnete Rechnungsführung aus
sprachen, wurde ihm vom Kameradschaftsführer mit Dank und Anerkennung Entlastung erteilt.
Hierauf wurde Kameradschaftsführer Joh. Mül- l e r mit herzlichen Dankesworten und in besonderer Anerkennung seiner großen Verdienste um die Kameradschaft während der ganzen Zeit seiner bisherigen Kameradschaftsführung einstimmig gebeten, auch im neuen Jahre wieder die Führung der Kameradschaft zu übernehmen. Diesem einstimmigen Rufe der Kameraden leistete Kam. Müller Folge. Er bestimmte sodann feine Mitarbeiter wie folgt: Peter Enders stellv. Kameradschaftsführer, Heinrich Siebert 1. Schriftführer, August Wittich 2. Schriftführer, Wilhelm Stephan Rechner, Jakob K n i e l i n g stellv. Rechner, Friedrich P a u s ch Schießwart, Ernst B l u m s ch e i n Presse- und Pro- pagandawart, Wilhelm Volkmann Sozialwart, Heinrich Faber Fechtwart; Deranstaltungsaus- fchuß: Heinrich Fahrenbach, Heinrich Datz, Georg Lower, Dr. Georg Michel; Beisitzer: Heinrich Weimar, Eugen Beckert, Leopold Huber, Georg Büxler, Hermann Eckert; Fahnenträger: Heinrich Weiß, Fritz Adam, August Schmidt.
Sodann hielt Kam. Leutnant d. R. Sundheim einen von den Kameraden mit außerordentlichem Interesse verfolgten Vortrag über unsere moderne Artillerie und ihren gefechtsmäßigen Einsatz nach den neuzeitlichen Erfahrungen und Erfordernissen. Per Vortragende konnte dabei den Kameraden die Ueberzeugung geben, daß ihre alte Waffe im Rahmen unserer neuen Wehrmacht ein außerordentlich gewichtiges Wort mitzusprechen hat, das der Große der artilleristischen Tradition des deutschen Heeres in vollem Umfange gerecht wird. Der fesselnde Vortrag wurde mit lebhaftem Beifall als äußeres Zeichen des Dankes an den Redner aufgenommen, dem der Kameradschaftsführer noch mit herzlichen Worten Dank sagte.
Wachtmeister N i e d e n t h a l als Sprecher der, wie immer, anwesenden Unteroffiziere der aktiven Abteilung brachte deren herzliche Verbundenheit mit den alten Kameraden in soldatisch knappen, eindrucksvollen Worten zum Ausdruck und betonte die innere Bereicherung, die den jungen Kameraden durch diese Gemeinschaft zuteil wird.
Die übrigen Stunden des Abends verliefen beim gemeinsamen Gesang alter Soldatenlieder und bei froher Unterhaltung wie stets in bester Kameradschaft.
6hem. Hess. Leibgardisten.
Im „Schipkapaß" fand em Samstag der Jahresappell der ehern. Hess. Leibgardisten unter Leitung des Kameradschaftsführers Stühler statt. Nach einem Rückblick auf das ereignisvolle Jahr 1938, das Jahr der Verwirklichung GroSdeutfchlands,
Schuß im Zuukhaus.
Ein Roman von Maria Oberlin.
Copyright by Promctheus-Verlag, Dr. Elchacker, Gröbenzell bei München.
15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Es ist ja schön, daß wir Sie noch erreichen konnten, Fräulein Hutstein! beginnt Schaub freundlich.
„Ach, Herr Kriminalrat. Ach, ich bin ganz außer mir! Vor ein paar Stunden erst habe ich Herrn Bortefeld gesund verlassen und jetzt...!" Sie seufzt elegisch.
„3a, ja es ist eine tragische'Geschichte. Wir wollen sie recht bald aufklären ... da könnten Sie uns sehr Helsen. Wollen Sie mir etwas mitteilen über die Personen, die alle heute nachmittag bei Herrn Dr. Bortefeld waren?"
„0 ja, natürlich... Herr Kriminalrat!" tut das Mädchen wichtig. „Ich habe die Herrschaften doch immer angemeldet ... da war die Frau von Daalen, die Opernjängeriir. Dann der Kapellmeister Thün- gen. Dann der junge Herr Kay..." Jetzt macht das blonde Fräulein eine effektvolle Paust. „Ja, und dann schließlich Fräulein Kay ..."
Schaub steht auf und geht ein paar Schritte durchs Zimmer.
„Sie müssen mid) nun recht verstehen, Fräulein Hutstem", fährt er fort. „Wenn ich Sie jetzt frage, ob Sie etwas von dem Inhalt der Unterredungen kennen, klänge das ja fast, als hotten Sie gelauscht. Ich weiß natürlich, daß das nicht so ist..." Er verbeugt sich sehr höflich, was Fräulein Hutstein mit geschmeicheltem Lächeln quittiert.
„Immerhin — —" fährt er ruhig fort. „Immerhin kommt es mitunter vor, daß man — natürlich ohne cs zu wollen — ein paar Worte einer Unterredung auffängt... Haben Sie irgendetwas Verdächtiges gehört? Sagen Sie es mir ganz offen..."
Das blonde Fräulein hebt einen Moment etwas unentschlossen die Achseln, dann kommt die Antwort:
„Hin und wieder konnte man natürlich schon ein Wort verstehen... Herr Bortefeld schloß selten die gepolsterte Doppeltür--er war darin sehr
offen ..."
„Sehr interessant. Können Sie mir etwas über den Inhalt der Unterredungen sagen — Fräulein Hutstein?"
Das Mädchen verzog etwas den Mund.
„Ach, es war ja immer dasselbe. Frau von Daalen
und Kapellmeister Thüngen kamen mit Beschwerden --es gibt ja bei uns immer Aufregung und
Intrigen — — das ist nun mal so. Außerdem waren die Herrschaften es von Herrn Bortefelds Vorgänger gewohnt, daß ihre Wünsche erfüllt wurden, wenn hartnäckig darum gebeten wurde... Bei Herrn Dr. Bortefeld war das nicht so. Er hörte sich zwar alles an, aber er war viel energischer..
*
„Sie gingen heute abend zu Herrn Bortefeld, um ihm Mitteilung zu machen von dem Testament- Bries, den Sie erhalten haben?"
Evelyn nickte stumm.
„Sie hatten also «vor Ihrer Sendung eine Unterredung mit dem Dr. Bortefeld, die sehr erregt verlief. Stimmt das?"
Wieder das stumme Kopfnicken.
„Sie machten ihm Vorwürfe, daß er Ihre Mutter in den Tod getrieben habe. Sie riefen unter anderem aus: warum haben Sie das getan!"
„Ja---"
„Sie waren aufs äußerste verstört, daß Sie Bonefeld für Ihren Vater halten mußten, nicht wahr? Er hatte sich wohl nie um Sie gekümmert..."
„Er ist nicht mein Vater!" kam es abwehrend von den blassen Lippen.
Schaub nickte. „Man kann verstehen, daß Sie ihn nicht gern für Ihren Vater halten!" meinte er sachlich.
„Er ist es wirklich nicht!"
Schaub zuckte die Achseln. „Lassen wir das!" meinte er und fuhr fort:
„Nach Ihrer Sendung gingen Sie wieder zu ihm, nicht wahr?"
„Ja."
„Er mar nicht da?"
„Fräulein Hutstein sagte mir, er sei fort Sie hatte sich aber geirrt."
„Ja, das weiß ich. Sie gingen dann ins Restaurant, nicht wahr?"
„Ja."
Schaubs Blick wurde schärfer.
,,Es wäre besser, wenn Sie sprächen und sich nicht jedes Wort herausziehen ließen!" sagte er etwas unfreundlich.
In Evelyns Gesicht war flutende Röte geschlagen. Sie raffte die mühsam und angstvoll flatternden Gedanken zusammen, sagte knapp:
„Ich sah Herrn Bortefeld im Restaurant und werkte, daß id> falsch unterrichtet war. Id) versuchte es daher nochmals. Ich ging in den zweiten Stock herauf
Plötzlich brach sie iäb ab, schloß die schmalen blassen Lippen und schwieg.
Die Gesichter der beiden Männer waren in höchster Spannung auf sie gerichtet.
„Und--unb?" drängte Schaub heftig.
Evelyn schwieg, immer noch.
„Dann will ich es Ihnen tagen!" sagte Schaub ruhig. „Sie gingen zu Bortefeld, Ihre Erregung steigerte sich und in höd)ster Erregung zogen Sie den Revolver und schossen —"
„Es hätte so sein können!" murmelte Evelyn schließlich schwer. „Aber es war nicht so!"
Schaub zog die Handtasche aus der Lade.
Er hielt Evelyn die Revolverhülse hin. Nach einer Weile griff er in die Tasche und zog auch den kleinen Revolver heraus.
^„Das ist doch Ihr Revolver..."
Evelyn sah verwirrt auf die Waffe.
„Sie hatten ihn doch bei sich?" forschte die ruhige unerbittliche Stimme weiter. „Sie können es doch nicht leugnen!"
„Ich hatte den Revolver bei mir! Aber — es ist nicht mein Revolver. Ich habe ihn nie besessen."
„Interessant!" kam es in leichter Ironie aus Sd>aubs Mund. „Nicht Ihr Revolver? Wie kam er denn in Ihre Handtasche? Sie trugen ihn doch bei sich?"
„Ich--ich nahm ihn jemandem fort..."
„Wem?"
Evelyns Gesicht trug einen abwehrenden Zug.
„Das möchte ich nicht sagen ..."
Es war sehr still im Zimmer. In Schaubs behäbiges Gesicht war eine langsame Röte gestiegen, er schüttelte jetzt energifd) den Kops.
„Nicht sehr klug, was Sie da sagen, Fräulein Kay!" sagte er kühl. „Eine im Affekt begangene Handlung läßt sich verzeihen. Ihr Vertuschen und Verheimlichen macht die Sache schlimm ..."
Plötzlich stand Evelyn auf. Sie stand hock) und schlank vor den beiden sitzenden Herren, ihr schnee- bleiches Gesicht hatte einen festen, eisernen Zug.
„Ich habe keinen Anschlag auf Bortefeld verübt!" sagte sie fast rauh und sehr entschieden. „Ich sage Ihnen das jetzt zum letztenmal...!"
Schaub seufzte. Dann sagte er bekümmert:
„Dann erzählen Sie uns wenigstens, ob Sie Bortefeld noch gesehen und gesprochen haben beim drittenmal Ihres Besuches."
„Gesehen habe ich ihn ... gesprochen nicht. Ich kam die Treppe herauf und fand die Vorzimmer von Herrn Dr. Bortefeld offen. Die Sekretärin hatte abgeschlossen, er muß wohl wieder geöffnet haben. Ich trat ins Vorzimmer. Die Tür zu feinem Arbeitsraum mar offen ..."
Schaub machte ein etwas ungläubiges Gesicht, als höre er einem Märchen zu. ' ।
führte der Kameradschaftsführer die Schaffung des Reichskriegerbundes an, der nach dem Wunsche des Führers das Sammelbecken aller alten Soldaten darstellt. Die Kameradschaft ehern. 115er hat sich ebenfalls dem NSRKB. angeschlossen. Es wird ihre Aufgabe auch im kommenden Jahr fein, wie der Redner betonte, im gleichen Geiste wie bisher ihre Pflicht zu erfüllen. Der Kameradschaftsführer gedachte der Gefallenen des Weltkrieges und der der Bewegung und widmete auch den verstorbenen Kameraden; insbesondere dem ehern. Hauptmann d. R. der 115er, Oberlandwirtschaftsrat Dr. Otto Wagner, der als Förderer der oberhessischen Landwirtschaft bei den Oberhessen unvergessen bleiben wird, ein stilles Gedenken.
Der Schriftführer, Kam. Oehlenschlägcr, erstattete den Jahresbericht, aus dem u. a. zu entnehmen war, daß die ehern. Leibgardisten auch int verflossenen Jahre bei allen größeren Veranstaltungen vertreten waren. Die Mitgliederzahl, in der sich auch zahlreiche auswärtige befinbert, hat zugenommen.
Aus dem vom Rechner Kam. Strack vorgelegten Rechenschaftsbericht gingen gesunde FinanzoerHält- nisse hervor.
Kameradschaftsführer Stühler erteilte hierauf dem Rechner und dem Beirat Entlastung und dankte seinen engeren Mitarbeitern für die wertvolle Unterstützung, die sie ihm zuteil werden ließen. Er dankte auch für das ihm einmütig entgegengebrachte Vertrauen, gleichzeitig sprach er der Kameradschaft und all den Kameraden, die ihm aus besonderem Anlaß ihre Verbundenheit zum Ausdruck gebracht hatten, für diese Beweise der Kameradschaft feinen Dank aus. Der Führerrat der ehern. 115er besteht aus dem stellvertr. Kameradschaftsführer Stein, dem Schriftführer Oehlenschläger, Rechner Strack und dem Schießwart Gill er.
Kam. Stein sprach noch über das Versicherungswesen, das für jeden Kameraden sehr weitgehend ist, und über das Schießwesen. Es wird eine Mannschaft aufgestellt, die sich an allen Wettbewerben beteiligt.
Kameradschaftsführer Stühler erinnerte daran, daß am 12.3. in Darmstadt der Verbandstag des Traditionsverbandes des ehern. Leib-Garke-Jnfan- terie-Regiment 115 stattfindet und im Juni in Kassel der Reichskriegertag abgehalten wird. Er forderte die Kameraden auf, alle ehern. 115er der Kameradschaft zuzuführen, damit die Aufgaben erfüllt werden können, die den alten Soldaten aufgetragen wurden.
Bei dem anschließenden kameradschaftlichen Beisammensein kam auch der Soldatenhumor zu seinem Recht.
Mein-Mainische Börse.
Freundlich.
Frankfurt a. M., 4. Febr. Wie erwartet, Hatte das Geschäft an der Wochenschlußbörse keinen besonderen Umfang. Da sich aber seitens der Kundschaft kleine Käufe fortsetzten, während andererseits die in den letzten Tagen vorliegenden Abgaben fast völlig aufgehört haben, blieb die Grundtendenz am Aktie n m a r k t recht freundlich, und überwiegend stellten sich durchschnittliche Besserungen von 0,50 bis 0,75 v. H. ein. Autoaktien tendierten fest, wobei Adlerwerke auf 109 (107,50), Daimler auf 138 (136,75) und BMW. auf 152,75 (152) anzogen. Stärker erhöht waren außerdem noch Bemberq mit 137,75 (136,65). Etwas lebhafter gingen Vereinigte Stahl mit 110,25 (110), IG. Farben mit 150,73 (150,25) und AEG. mit 120 (119,25) aus dem Verkehr.
Der IRentenmarft lag still und meist gut behauptet. Industrie-Obligationen lagen allerdings eher etwas schwächer, so 5 v. H. Gelsenkirchen Berg mit 100,50 (100,90) und 5 v. H. Chem. Essener Steinkohle mit 100 (100,50), sowie 5 v. H. AEG. von 1936 mit 100,75 (101). Reichsaltbesitz und Reichsbahn-Vorzugsaktien zogen bis 0,13 v. H. an auf 129,20 bzw. 123,40, und im Freiverkehr bewegten sich Kommunal-Umschuldung bei unverändert 93,20 und 4 v. H. Rentenbank-Ablösung bei 88,90 bis 89 (88,75). Der Pfandbriefmarkt lag still und kursmäßig nur bei Liquidationspfandbriesen geringfügig verändert, Rheinische 101,10 (101,25), Franks. Hyp. 100,90 (101). Auch Staats- und Stadtanleihen wiesen kaum Veränderungen auf.
„Sie konnten also Herrn Dr. Bortefeld sehen?" meinte er mit leisem Spott.
„Ja, er war nicht allein. Es war jemand bei ihm..."
Schaub richtete sich auf und sah das Mädchen kopfschüttelnd an.
„Fräulein Kay, Fräulein Kay! Sind Sie nicht zu gescheit, um das Märchen vom großen Unbekannten aufzusagen?"
Evelyn wurde vom spöttischen Ton der Worte nicht verletzt.
„Ich wußte, daß Sie es nicht glauben würden. Es ist aber so. Es war eine Dame bei ihm. Ich wollte nicht stören und ging wieder. Dann habe ich das Funkhaus verlassen."
„Es gehört zu Ihren Gewohnheiten, abends früh daheim zu sein, Fräulein Kay?"
„Sie sind gut unterrichtet!" gab Evelyn bitter zurück. „Ja!"
„An diesem Abend handelten Sie gegen Ihre Gewohnheit."
„Ja."
„Es war scheußliches Wetter draußen, Schnee und Regen. Warum gingen Sie nicht heim?"
„Sie haben ja den Brief gelesen", sagte das Mädchen. „Ich mußte mit den Dingen fertig werden ..I
„In Schnee unb Regen?" kam es skeptisch zurück. I „War es nicht mehr ein Schuldgefühl, was Sie I hinaustrieb, Fräulein Kay?"
Plötzlich hob Evelyn den Kopf und sah den Kriminalrat gerade an. Es waren verstörte, angstvolle I Augen, die den Mann anblickten, unb doch erschien es auch, ihm plötzlich, als seien cs nicht die Augen I einer Schuldigen. Verrückt, sagte er sich. Verrückt. Plötzlich stand groß wie eine riesige Filmaufnahme das Bild des Schwerverletzten vor seinen Augen, er sah das tobbleid)e Gesicht, das blutbefleckte Oberhemd, die matt herabhängenden kraftlos gewordenen I Hände, die Bahre, die man von irgendlvoher be- I l'djafft hatte, um den Verletzten in die Hausmeister- ’ wohnung zu bringen ... Unb bann sah er bas Mädchen noch einmal forschend an.
„Sie sagen also, daß eine Dame bet ihm war. Können Sie sie beschreiben?"
Evelyns Gesicht wurde noch bleicher. „Nein" sagte sie hastig. Es klang wie eine Lüge unb war aud) eine. Schaubs geübtes Ohr hatte den unechten Klang der Worte sogleich aufgespürt.
„3d) glaube doch, daß Sie es können", sagte er scharf. Was ist nun richtig, dachte er. Ist sie eine virtuos raffinierte Schauspielerin ober wirklich ein hilfloses, junges Weib, das nicht aus noch ein weiß? Sein Blick wurde noch schärfer.
(Fortsetzung folgt!)


