Nr. 181 Erstes Blatt
189. Jahrgang
Samstag, 5./$onntog, 6. August 1939
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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pariser Augusttage.
Don unserem E.
Paris, 3. August.
Offiziell hatte man zwar in Frankreich die Losung usgegeben, daß kein Anlaß bestehe, die Wieder- W des Tages zu feiern, an dem vor 25 Fahren ter Weltkrieg ausbrach. In der Presse konnte man ndessen nicht umhin, des Tages zu gedenken, und üe meisten aus diesem Anlaß erschienenen Aufsätze Daren bedauerliche Rückfälle in die Zeiten der chlimmsten Kriegs- und Haßpsychose. Die Anklänge m das Geschehen vor 25 Fahren sind offensichtlich. :Im vergangenen Samstag veröffentlichte der offi- äse „Petit Parisien" ausgerechnet ein Bild von :$r Rückkehr des Präsidenten Poincarä von seiner eise nach Petersburg, die als unheilvolles diplo- -ratisches Ereignis dem Weltkrieg unmittelbar vor- jsgegangen war. Damals war es Poincar 6, lür nach Rußland reiste, um die letzten Abreden wer die Einkreisung Deutschlands zu treffen. Fetzt snd es die französischen und englischen Militärs, iTie nan nach Moskau entsendet, damit sie den Diplo- i»aten zu Hilfe kommen, die sich seit einem Diertel- Hr erfolglos um den Abschluß eines Paktes be- ckihen.
Die Regierung hat am vergangenen Wochenende m umfangreiches gesetzgeberisches Werk mit der !»röffentlichung von etwa 80 Dekreten zum Abfluß gebracht, das sich ausnimmt wie ein Atem- Eden vor einer sommerlichen Pause, in die man mit irrigem Herzklopfen hineingeht. Die Maßnahmen .tzgen Spionageoergehen aller Art, und was man mft unter diesem Begriff verstehen kann, sind iiuerdings erheblich verschärft worden. Das wirkt ich auch auf die Pressefreiheit aus, die zwar theo- ' tisch noch besteht, praktisch aber längst durchbrochen
; denn mit den jetzt erlassenen Dekreten kann man i ziemlich jeden Eingriff in die Pressefreiheit recht- । jrtigen, und es wird tatsächlich fleißig von diesen iiuen Machtvollkommenheiten der Regierung t^e- tmuch gemacht, um ein Grabesschweigen über v> Auswirkungen der Spionenfurcht zu erzwingen, dan raunt sich einige Zahlen zu: angeblich sollen rcht weniger als 25 000 Untersuchungen gegenwärtig im Gange und mehrere hundert Verhaftungen sol- l< erfolgt sein. Die Maßnahmen zur Förderung hf Geburtenfreudigkeit — eines der dringendsten foobleme, das sich Frankreich überhaupt stellen kein sind einer besonderen eingehenden Bespre- ting wert. *
Der Kreis der Männer um die französische Re- ssirung hat sich um ein neues Gesicht vermurt, das dc literarischen Oeffentlichkeit allerdings nicht fremd if den Diplomatenkopf Jean G i r a u d o u x. jfnnkreich erhält so etwas ähnliches wie ein Pro-, Mndaministerium, das „Generalkommissariat der 3'formation", wie man es vorsichtig benannt hat, uiO der Diplomat und Schriftsteller Jean Girau- ist der „Generalkommissar der Information" ^worden. Damit ist ein heftiges Wettrennen der bllverbei^ um dieses neue Amt, dessen Schaffung jtnifagen in der Lust lag, zu Ende gegangen. Auch d« sehr bekannte und in letzter Zeit außerordentlich ttttschfeindlich gewordene Schriftsteller Duhamel jcäe an ihm teügenommew. Was Giroudoux betrifft, loift gerade jetzt ein Buch von ihm herausgekom- das den Titel trägt „Pleins Pouvoirs“ („Doll- Nfcten"), in dem er eine Reihe von Ratschlägen st die Wiederaufrichtung Frankreichs durch eine ^gische Regierungsführung gibt. Bor mehr als ^em Fahren hatte Giroudoux, dessen literarisches 'Tirk einen erheblichen Umfang hat, übrigens auch ** Duch unter dem Titel „Siegfried et le Limou- geschrieben, das sich mit dem deutsch-französi- Verhältnis auseinandersetzte, so, wie man es
■6m damals nach den Nöten der deutschen Fn- -"riionszeit sah. Das Buch hat dann noch feinen Nie- ll-i^hlag in einem Theaterstück mit dem einfachen M „Siegttied" gefunden, das in Paris sehr häufig ■öTielt worden ist und in einer reichlich vergröberte Zeichnung das Verhältnis der beiden Nachbar- »ilter auf die Bühne brachte. Ein anderes Buch »r politischer Bedeutung dieses ästhetischen Diplo- ND-n ist das Buch „Bella“, das ziemlich lebens- ■esi Portrats von Raymond Poinearä und des ■ früheren allmächtigen Generalsekretärs des Außen- : irifisteriums, Philippe Berchelot, enthält. Vorläu- 'siz vleibt abzuwarten, in welcher Richtung sich die * tityfeit des neuen Propagandachefs entwickeln prL Es scheint vor allem an eine stärkere Einling des Rundfunks im Dienste der französischen stcoaganda gedacht zu sein. Eine völlige Auswechs- h( des zum Teil noch aus der Volksfrontzeit ftam- iiriroen Personals dieser Einrichtung wird also nicht 't'Meiben. Daß der Rundfunk jetzt noch mehr als l^i-hir in den Dienst der deutschfeindlichen Propa- • gestellt werden wird, muß man leider als ' istZu selbstverständlich hinnehmen.
^manzminister Paul R e y n a u d , der die letz- isinanzpolttischen Maßnahmen der Regierung
>^c eine Ansprache im Rundfunk bekanntgegeben Mat sich nach Kräften bemüht, für seine Volks- ■ sichtest zu werben, die durch die steuerlichen Wüstungen, die er den Franzosen zumutet, gegen- • dem Ansehen Daladiers' gefährdet werten liCTite. Paul Reynaud hat jetzt unter dem Namen
Mut Frankreichs" eine Sammlung feiner Reden und Rundfunkansprachen herausge- Idnctt. Fn der Einleitung des Buches werten die Jpcoge der französischen Finanzpolitik entsprechend a iS gestrichen: 55 Milliarden Franken (etwa 3'/- - Werten RM.) zusätzliche Ausgaben für die Rü- gleichzeitigem Rückstrom von auslän-
Fluchtgold nach Frankreick und Befestigung o K französischen Währung. In zahlreichen infpirier-- bn tzeitungsarttkeln hat man außerdem auf die wsrung der französischen industriellen Erzeug- tt i'i chingowiesen, die jetzt sich wieder den Zistern
J.-Äenchierstaiier.
von 1928, vor der großen Weltkrise, annähere. Aber anderseits fehlt es nicht an Kritikern, die warnend darauf aufmerksam machen, daß alles dies nur burd) die planmäßig in die Höhe getriebenen Aufträge an die Rüstungsindustrie zustande gekommen sei. Alles, was nicht mit Rüstungen zusammenhängt und nicht von der Rüstungsindustrie lebt, befinde sich in Frankreich nach wie vor im Zustand der Stagnation, wie man ihn aus den letzten zehn Fahren gewohnt ist. Und hier setzen die Kritiken an der Tätigkeit des Finanzministers Paul Reynaud ein, der als fanatischer Anhänger der liberalistischen Wirtschaftspolitik englisch-amerikanischen Schlages jede planmäßige Förderung der privaten Wirtschaft — abgesehen von der Rüstungsindustrie — durch staatliche Maßnahmen ablehne und ihr Hell lediglich in einer Politik des billigen Geldes erblicke. Erst die Zukunft wird zeigen, ob der gegenwärtigen Produktionsbelebung in Frankreich irgendein dauerhafter Charakter zukommt.
Nie großen deutschen Lufinianöver.
,Leden vom Meer kommenden Angriff unterbunden."
Rom, 5. August. (DNB.). Die hervorragenden Manöver der zweiten deutschen Luftflotte in Nordwestdeutschland finden im „ Gior°
London, 4. August. (DNB.) Vor der Vertagung fand im Unterhaus am Freitag nochmals eine außenpolitische Debatte statt, die durch den LabourabHeortneten Noel Baker eingeleitet wurde. Er wies einleitend darauf hin, daß in Fapan und Nordchina die „Ausschreitungen" gegen die britischen Staatsbürger in die Tausende gingen. Das Endziel der Japaner sei, die Westmächte aus Asien hinauszudrängen. Der Labourabgeordnete wandte sich mit allem Nachdruck dagegen, daß England auf dem Gebiet der Währung irgendwelche Zugeständnisse an Fapan mache, und stellte schließlich die naive Frage, warum Holland, das sich doch immer für die kollektive Sicherheit eingesetzt habe, eine britische Garantie nicht wünsche. (!)
Ministerpräsident Chamberlain
erwiderte, er wolle nicht verhehlen^ daß die britische Regierung „starke Einwendungen" gegenüber vielen der Zwischenfälle in Japan und im Fernen Osten zu machen habe. Das Haus muffe sich aber dessen bewußt sein, daß die Lage für England besonders schwierig sei. Er höre oft die Frage, warum England nicht dasselbe tue wie die Vereinigten Staaten. Er brauchte aber wohl kaum auf den grundlegenden Unterschied zwischen Amerika und feiner Isolierung von Europa und England hinzuweisen. Man müsse daran denken, daß es Grenzen für das aebe, was England in dieser Zeit tun könne, um feinen Staatsangehörigen im Fernen Osten zu helfen,
3 m Augenblick t>abe England im Fernen Osten keine Flotte, die der japa nifchen überlegen fei 3n den heimischen Gewässern habe England eine solche Flotte, und unter gewissen Umständen könnte England es für notwendig halten, diese Flotte nach dem Fernen Osten zu entsenden.
Chamberlain meinte weiter, er wolle das nicht als Drohung aufgefaßt sehen, sondern „nur als Warnung". Gleichzeitig ziehe England es vor, seine Differenzen mit Japan auf dem Verhandlungswege beizulegen, vorausgesetzt, daß es das tun könne, ohne wesentlich Grundsätze zu opfern. Gegenüber den Auslegungen der Opposition müsse er namens der Regierung sagen, daß die britische Regierung die Tokioter Einigungsformel nicht als einen Mechel in der britischen Politik ansehe, die sich auch tat- ächlich nicht geändert habe. Das sei wichtiger als alles andere.
Der Premierminister wandte sich darauf der Frage des chinesischen Silbers zu. Nach Ansicht der brittschen Regierung könne man die Tientsin frage nicht lösen, ohne sich mit der Silberfrage auch an anderen Plätzen zu befassen. Was man in der Silber- und Währungsfrage auch tun möge, so müsse das immer ein viel weiteres Gebiet als Tientsin betreffen. Diese Fragen können nur nach Konsultation mit anderen beteiligten Regierungen gelöst werten. Chamberlain betonte dann erneut, daß England keinerlei Verpflichtungen übernommen habe, die das Land zwinge, den Handelsvertrag mit Japan zu kündigen. Das bedeute allerdings nicht, daß England entschlossen sei, ihn keineswegs zu kündigen.
England habe „unter dem Druck der Umstände" einige sehr schwere Verpflichtungen und Verbindlichkeiten in Europa übernommen. Die Auswirkung dieser Verpflichtungen fei die, daß, „sollten sich gewisse Dinge ereignen, England zum Kriege schreiten müsse". Es sei für Eng-
n a [ e d ' Italia " bei einer ersten kurzen Würdigung uneingeschränktes Lob. „Sie haben", wie der Berliner Vertreter des halbamtlichen Blattes unterstreicht, „bewiesen, daß die Luftwaffe des Dritten Reiches in der Lage ist, jeden vom Meer kommenden feindlichen Angriff auf die Industriezentren zwischen Elbe und Rhein zu unterbinden. Auch bei dieser Gelegenheit haben sich Mannschaften und Material in so prächtiger Weise bewährt, daß das Deutschland Adolf Hitlers stolz darauf sein kann. Dank der taktischen Genialität, der ausgezeichneten Eigenschaften der Flieger und der Tüchtigkeit der Artillerie wurde der Gegner in verblüffender Art vernichtet, obwohl er seinen Angriff von einem für neutral erklärten Gebiete aus unternommen hatte.
„Enorme Leistungsfähigkeit der deutschen Luftwaffe."
Kopenhagen, 5.Aug. (DNB.) Die Berliner Korrespondenten der Kopenhagener Presse berichten ausführlich über die große Luftwaffenübung der deutschen Luftflotte 2. Besonders „Politiken" gibt eine eingehende Schilderung der großzügigen deutschen Luftmanöver. Die Zeitung betont, die Teilnehmer der interessanten Manöver hätten bestätigt, daß man sich kaum besser als bei dieser Gelegenheit eine Vorstellung davon habe machen können, zu welcher enormen Leistungsfähigkeit bie deutsche Luftwaffe es gebracht habe und wie gut die Abwehrorganisation funktioniere. Gleichzeitig habe man ein richtiges Bild von dem weiten Gebiet bekommen, das ein moderner Luftkrieg umspannen könne. Es habe sich gezeigt, daß der Mechanismus der Verteidigung tatsächlich mit einer fast unglaublichen Präzision arbeite.
land unmöglich, die gleichen Verpflichtungen im Fernen Osten zu übernehmen.
Es gäbe auch Grenzen für die Verpflichtungen, die England vernünftigerweise übernehmen könne. Chamberlain stellte schließlich pathetisch fest, daß die Vorgänge im, Fernen Osten „sein Blut zum Kochen brächten". So sehr man sich darüber aber erregen möge, so dürfe man doch nicht die Verpflichtungen vergessen, die England übernommen habe, ebenso wie die Stellung der britischen Staatsbürger, die im Fernen Osten seien.
Chamberlain schloß mit der Versicherung, daß England sich weiter bemühen werte, die Verhandlungen fortzusetzen, um soweit wie irgend möglich die Grundsätze zu bewahren, die bisher die Fernostpolitik beherrscht hätten. Man dürfe nicht vergessen, daß im Laufe der nächsten wenigen Monate, so orakelte Chamberlain zum Schluß, „vielleicht ernstere und näherliegende Probleme zu erörtern sein würden", und England müsse daher seine Kräfte sparen, um jeder Krise begegnen zu können, die sich entwickeln könnte.
Das Echo in Japan.
Tokio, 5. August. (DNB. Funkspruch, Ostasien- dienst.) Die Auslassungen der brittschen Reaierung, insbesondere die gestrige Erklärung Chamberlains im Unterhaus, daß die britische F e r n o st - Politik keineswegs geändert worben fei noch geändert werte, bezeichnet die gesamte Presse als flagrante Verletzung des vor kurzem erst abgeschlossenen Tokioter Abkommens. England habe darin versprochen, keinerlei feindselige Handlungen gegen Japan zu
Berlin, 4. Aug. (DNB.) Die jüngsten Ausführungen des britischen M i n i st e r p r ä s i d e n - t e n vor den Mitgliedern des Unterhauses nimmt der Deutsche Dienst zum Anlaß zu folgenden Betrachtungen:
Es macht sich gut, bevor man das Unterhaus in die Ferien schickt, noch einmal die Wellen der Agitation hochgehen zu lassen, finstere Drohungen gegen die „Aggressoren" ungeachtete aller strategischen Ueberbeanspruchuna auszustoßen, mit forschen Redewendungen das Wort Krieg in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu rüdem um die Kriegshetzer im House of Commons wissen zu lassen, daß man gewillt ist, auch beim Sonnenbad in Black Pool ihrem Diktat vorbehaltlos Folge zu leisten. Chamberlain wiederholte die oft gehörte Phrase, warum England gegen Japan nicht dasselbe tue, wie der Friedensfeind Nr. 1 im Weißen Haus. Wir wollen in diesem Zusammenhang an seine kürzliche Feststellung über die Ähnlichkeit der Ziele und Absichten der USA. und Großbritanniens gegenüber Japan und seinen gleichzeitigen Hinweis darauf erinnern, daß i n verschiedenen Fällen verschiedene Methoden angebracht seien. Und. wir glauben, daß Herr Chamberlain sich selbst damit die treffendste Antwort erteilte, weil er mit diesen Worten unumwunden die Doppelgleisigkeit der britischen Diplomatie, zugleich aber auch die Tatsache zugab, daß man in Tientsin mit verteilten Rollen zu spielen versucht. Der Kniefall von Tientsin war aller Welt offensichtlich. Ob man in diesem taktischen Rückzug einen Wechsel in der britischen Fernostpolitik erblicken kann oder nicht, darüber dürften die Auffassungen geteilt sein. Jedenfalls scheint man in London gegenwärtig mit der Außen-
Aggressoren.
Der Oppositionsführer im englischen Oberhaus, Lord S n e l l, hatte gemeint, Chamberlain zeige bei der Erörterung außenpolitischer Probleme die Gereiztheit einer alten Jungfer. Sein Außenminister, Lord Halifax, aber zeigt die Sentimentalität einer abgeblühten englischen Miß, die sich darüber beklagt, daß ihre Meinungen nicht unwidersprochen bleiben. Die pessimistischen Äußerungen dieses Außenministers stehen zwar in groteskem Gegensatz zu den Worten des britischen Verteidigungsministers Sir Thomas I n s k i p , der nicht an einen Krieg glauben will, aber sind alle diese Aeußerungen nicht bezeichnend für die weitgehende Nervenzerrüttung, von der die Machthaber des größten Reiches der Welt heimgesucht werden? Wie will man solche Gegensätze vereinen: am Tage vor Lord Halifax erklärt Chamberlain, sein Chef, die Welt würde weiter den Frieden bewahren, gleichzeitig macht Jnskip die erwähnte Aeußerung, und plötzlich kommt der Leiter der auswärtigen Geschicke Englands und malt die Zukunft der Welt grau in grau.
Der ßabourparteiler Morrison hatte am letzten Freitag im Unterhaus gesagt, man solle doch die „typisch englische Heuchelei" — es bestehe keine Cinkreisungs-, sondern nur eine Friedensfront —, endlich als unnütz aufgeben. Chamberlain reagierte darauf nicht, Lord Halifax aber versichert erneut: „Wir haben keine aggressiven Tendenzen, unsere Bündnisse sind mit keiner aggressiven Absicht gebildet worden. Wir haben jedoch versücht, das doppelte Mittel der britischen Politik klar zu machen, nämlich auf der einen Seite unsere Haltung gegenüber der Aggression durch andere, und auf der an
unternehmen. Trotzdem seien aber die Haltung Englands in der Tientsinfrage und die entsprechenden Kommentare Chamberlains und Lord Halifax' nicht weniger als eine klare Unterstützung Tschiankaifcheks bei der Fortführung der japanfeindlichen Politik.
Die Ansicht in den Kreisen der japanischen Armee in Tokio und in Tientsin geht dahin, daß es England augenblicklich nur darum zu tun fei, nach Vorwänden zu suchen, um die Verhandlungen in Tokio zu verschleppen. Es zeige sich heute ganz klar, daß England versuche, das Tokioter Abkommen zu sabotieren und dritte Staaten für die Entwicklung im Fernen Osten zu „interessieren". Japan fürchte sich jedoch nicht vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten, sondern sei entschlossen, sein Ziel zu verfolgen. Falls England weiter die japanischen Mindestforderungen zur Lage in Tientsin ablehnen sollte, so würde die Konferenz von Tokio erledigt fein. Die Armee wende sich entschieden gegen alle Versuche Englands, sich durch Vermittlungsversuche in die Auseinandersetzungen zwischen Tokio und Tschungking einzumifchen, da hierdurch die grundsätzliche Politik Japans berührt würde und zwar nicht nur im Fernen Osten, sondern auch in Europa.
Von der Informationsabteilung des Marine- ministeriums hört man, Chamberlains Ausführungen zur Frage der Entsendung einer britischen Flotte nach dem Fernen Osten besage nichts Neues. In Japan habe man nach dem Ausbau von Singapore und nach der Konferenz von Singapore ohnehin schon mit einer Verstärkung der Flottenbasis Singapore durch England gerechnet.
Politik einige Meter über dem gewachsenen Boden zu schweben, vor allem, wenn man gewisse allzu durchsichtige Berechnungen über mangelnde Meinungsgleichheit zwischen Tientsin und Tokio anstellt. Derartige Redewendungen mögen nach innen hinlänglich zum Trost gereichen, sollten aber nicht darüber hinwegtäufchen, daß das japanische Volk einen einheitlichen Block und eine geschlossene unüberwindliche Front erst recht in dem Augenblick bilden wird,, wo es dem Foreign Office in die politische Strategie paßt, die Drohungen seines Premierministers in die Tat umzusetzen.
Herrn Chamberlain „kocht das Blut angesichts der Vorgänge im Fernen Osten". Das kann besonders dann nachteilige Folgen haben, wenn man im Fernen Osten der Flotte eines Gegners zugegebenermaßen unterlegen ist. Der britische Ministerpräsident hat von den Grenzen für Verpflichtungen gesprochen, die England vernünftigerweise übernehmen könne. Uns will es angesichts dieses Kriegsgeredes im Unterhaus so scheinen, als habe sich Großbritannien etwas übernommen. Es hat sich zu den Vereinbarungen von Tientsin bereit erklärt, um freie Hand in Europa zu erhalten, und notfalls — wie Chamberlain im gleichen Atemzuge zur Beftiedigung des Kriegshungers der Opposition mitteilte — hier zum Kriege schreiten zu können. Dazu gehört allerdings auch eine „Flotte in heimischen Gewässern". Herr Chamberlain selbst scheint sich also ofenbar sowohl über den Kurs seiner Außenpolitik, wie über den Kurs der brittschen Kriegsschiffeinheiten noch nicht völlig im klaren zu fein, wenn er Tokio bedeutet, daß man diese Flotte im Ernstfälle vor Japan Revue passieren lassen würde.
Chamberlain droht Japan mit der Motte.
Gegenwärtig ist England unterlegen. — Oie Doppelgleisigkeit der englischen Politik bestäügt
Schemwerserlicht aus Berlin


