Ausgabe 
5.4.1939
 
Einzelbild herunterladen

Kür -en Büchertisch.

Deutsche Erzähler.

Wilhelm Schäfer: Theoderich, Kö­nig des Abendlandes. 200 Seiten. In Leinen gebunden RM. 4,80. Verlag Albert Langen / Georg Müller, München 1939. (87.) Ein Dorbericht und ein Nachbericht umschließen die hundert knap­pen, meist nur wenige Seiten fassenden Kapitel, in denen der Dichter Wilhelm Schäfer das Leben des Königs Theoderich des Großen (454526) erzählt. Der Dorbericht endet mit den Worten:... Theo­derich den Großen in Ravenna ließ der römische Fluch als Ketzer in die Hölle fahren. Ihn als Diet­rich von Bern in das unausrottbare Gedächtnis der Sage zu retten, konnte kein Priester die deutsche Volksseele hindern. Den Bericht aber, daß Theode­rich lange vor Karl und den deutschen Kaisern das .Römische Reich Deutscher Nation* mit Stärke und Weisheit regierte, strich der römische Fluch aus dem Buch der Geschichte." Mit diesen Worten ist klar umgrenzt, was Wilhelm Schäfer sich in seinem jüngsten Buche als erzählerisches Thema vorgenom- 'men hat. Der Stil der Schilderung, die innerhalb seines gesamten Werkes wohl denDreizehn Bü­chern der deutschen Seele", auch formal, am näch­sten benachbart ist, hat etwas von der schlichten Monumentalität des ein für allemal gefügten chronikalischen Berichtes: es ist ein Stil, wie ihn etwa das alte Hildebrandslied aufweist. Schäfer, in diesem Buche Geschichtsschreiber und Dichter in einer Person, gibt hier ein Musterbeispiel künstlerischer Historiographie: er schreibt sehr sachlich, ganz hin­gegeben an den großen Stoff, aber man braucht aus einem beliebigen Kapitel nur einen der kurzen Abschnitte herauszugreifen und nur drei oder vier Zeilen zu lesen, um zu wissen, wer hier berichtet. Schäfers Prosa ist, wie man wieder sieht, unver­wechselbar und auch wohl unnachahmlich: sie paßt, wie der Leser wahrscheinlich finden wird, ausge­zeichnet zu diesem ins Große gerichteten Bericht aus der Frühzeit deutscher Geschichte, vom Leben Theo- derichs, der, wie es heißt, ein Volksfürst und Heer­könig germanischer Art, ein Abgott und Vorbild seines Volkes war: wie dieses junge germanische Königtum sich erhebt im alten Weltreich, das schon in Ostrom und Westrom geschieden war, gehört zu den großen Gegenständen unserer Vergangenheit. Dies in Schäfers Erzählung nachzuerleben, wird dem Freunde deutscher Dichtung wie dem Liebhaber und Erforscher der deutschen Vergangenheit gleicher­weise willkommen fein. Hans Thyriot.

Wilhelm Scharrelmann: E i n Kind schlägt feine Augen auf. Roman. Preis in Leinen gebunden RM. 5,20, broschiert RM. 4,20. Verlag Karl Schünemann, Bremen. (16) Unsere Leser kennen Wilhelm Scharrel­mann aus vielen Erzählungen als liebevollen Schilderer der niederdeutschen Landschaft und ihrer Menschen. Sein Blick wendet sich gern der Schat­tenseite des Lebens zu und mit einem stillen, be­sinnlichen Humor und einer Lebensweisheit, die wahrer Herzensgüte entspringt, spürt er in dem grauen Alltag der Mitmenschen, die trotz heißen Bemühens immer Pech haben im Leben, was sie auch anfassen mögen, den spärlichen Sonnenstrah­len nach, die auch ihnen wieder Hoffnung machen und weiterhelfen. Das Schicksal der Familie, die der Roman schildert, führt an ein Problem, das erst heute vielleicht in seiner ganzen Bedeutung für unsere nationale Existenz erkannt worden ist, die Landflucht. Der Zug von der heimatlichen Scholle in ein scheinbar reicheres und glücklicheres Dasein in der Stadt ist dem Vater des kleinen Uwe zum Verhängnis geworden. Er bleibt ein Fremder in der neuen Umgebung. Die wirtschaft­lichen Rückschläge derGründerjahre" stellen ihn in einen harten Existenzkampf, aber er ist nicht der Mann dazu, feine Ellbogen zu gebrau­chen. So 'sinkt er abwärts, Stufe um Stufe. Kum­mer und Not stehen am Lebenspfad des kleinen Uwe. Aber die heimliche Sehnsucht des Vaters nach den alten Bäumen des heimatlichen Hofes, den er verließ, die Lebenstüchtigkeit der Mutter und das zarte Herz des alten Großvaters lasten dem Jungen die Jahre des Werdens zum inneren Segen werden. Fr. W. Lange.

Georg von der Dring: Die kauka­sische Flöte. Roman. 233 Seiten. In Seinen RM. 4,80. Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart. (82.) Der Dichter Georg von der Bring ist vor Jahren zuerst mit seinen Kriegsbüchern bekannt geworden, und das Erlebnis des Krieges bewegt ihn noch immer, auch heute noch, wo ihn mancher viel­leicht eher als zarten Lyriker von persönlichem Klang kennt. Auch dieses jüngste Buch ist, was fein romantischer Titel auf den ersten Blick nicht ver­muten läßt, ein Kriegsroman, aber was hier ge­schildert wird, war wohl nur 1918 noch und nur in den unermeßlichen Räumen des feiner Auflösung entgegengehenden russischen Reiches möglich. Das Buch berichtet von den wahrhaft abenteuerlichen Er­lebnisse eines sehr jungen Offiziers, der wäh­rend des deutschen Vormarsches in die Ukraine mit einem Sonderaufträge versehen wird und den Krieg erlebt, wie ihn wohl die wenigsten von uns erlebt haben, die auch dabei waren. Der schwermütige, ver­zaubernde Klang der kaukasischen Flöte ist das musi­kalische Leitmotiv des Romans, dessen Besonderheit auf der Verknüpfung persönlichen und allgemeinen Schicksals beruht: das Buch vermittelt dem Leser die Ahnung von einer untergehenden Welt, in wel­cher Traum und Abenteuer, Krieg und Liebe, Kame­radschaft und zärtliche Leidenschaft merkwürdig und unheimlich nah beieinander wohnen.

Hans Thyriot.

Christine Ameran: Das Haus zu den sieben Todsünden. Aufzeichnungen einer Unbekannten. 483 Seiten. Seinen RM. 1,50. 3. 8. Schräg, Verlag, Nürnberg.(6) Eine junge Frau erzählt in diesem Buche von ihren Eindrücken und Erlebnissen imMagdalenenhause", einem Zufluchtsheim für gefährdete Mädchen. Daß diese Eindrücke und Erlebnisse weder besonders er­heiternd noch anziehend sind, braucht kaum ver­schwiegen zu werden. Immerhin ist die Darstellung sachlicher, als der anreißerische Titel vermuten läßt. Die objektive, wenn auch einigermaßen trostlose Zustandsschilderung wird durch die Einbeziehung einer Liebesgeschichte und einer Mordaffäre per­sönlich gefärbt und romanhaft aufgelockert. Eine spürbare Anteilnahme an den geschilderten Schick­salen hebt die Darstellung aus der Sphäre des reinen Naturalismus heraus; dem Sefer öffnet sich der Einblick in eine Welt, die ihm, auch literarisch, nur selten erschlossen wird. Daß die Verfasserin in ihrer Schilderung weder etwas hinzugefügt noch etwas weggelassen habe, wie das Vorwort an den Sefer bemerkt, erscheint durchaus glaubhaft.

Sosenka". Ein Grenzland-Roman von Erich Herrmann. (Bergstabtverlag, Breslau. Brosch. 3,20 Mark, Seinen 4,80 Mark.) (396) Eine außerordentlich fesselnde Erzählung. Die Hand­lung spielt in der Zeit vor dem Großen Kriege dicht an der deutschen Ostgrenze, am Rande des einstigen zaristischen Rußland. Der Roman gibt tiefen Ein­blick in die Verwurzelung und die Siebe der Grenz­landdeutschen zu ihrer angestammten Heimat, in ihre Stammesverbundenheit und ihren starken, be­rechtigten Bauernstolz, in ihre heimischen Sitten und Bräuche, vor allem aber auch in ihre unlösliche Verbundenheit mit allem, was deutsch ist. Trotz Einsamkeit und seelischer Not in ihrer weltabgeschie­denen Heimat halten diese wackeren Menschen tapfer und treu im Ringen des Grenzlandes aus, und sie erwerben sich damit täglich aufs neue Verdienste'fiir ihr Volk und Vaterland. Alles das läßt der Autor vor dem Sefer lebendig werden in einer packenden Handlung, in deren Mittelpunkt das Mädchen- Sosenka und ihr Vater, sowie der junge Kantor Bruck stehen, die aber auch noch andere charakter­volle Menschen vor dem geiftigen Auge des Sesers auftauchen läßt. Personen und Landschaft sind vor­

trefflich gezeichnet, von Anfang bis Ende ist die Er­zählung von starker Spannung erfüllt.

Ernst Blumschein.

Günter 8eß: Sonny. Die Geschichte einer jungen Ehe. Preis in Seinen gebunden 4,80 RM. Verlag Rütten & Soening, Potsdam. (94.) Dieser Roman ist die Geschichte einer jungen Ehe unserer Zeit. Bom ersten Zusammenleben zweier junger Menschen, von den Monaten der Erwartung des kommenden Kindes, dem Erlebnis der Geburt und der jungen Elternschaft, dem Heranwachsen der kleinen Tochter, bis zum Ausbruch und der Sösung eines ernsten Konflikts. Die Annehmlichkeiten und Verzichte, die die Zweisamkeit der Ehe mit sich bringt, die vielfältigen Freuden der Eltern an der Entwicklung des Kindes und die Erziehung des klei­nen Urwesens zum gesitteten Glied der Menschheit, der Umschwung der Lebensbedingungen für Mann und Frau durch das Kind, das wohl in mancher Beziehung hemmen und binden mag, aber auch herrlich belebend und versöhnend wirken Fann, das alles ersteht vor dem Leser in ernsten und heite­ren, immer treffenden Bildern und Szenen.

Mlerei der allen Reister.

In der Reihe der Silbernen Bücher (Verlag Woldemar Klein, Berlin) sind zwei neue Bände erschienen. Band 12: Niederländische Ma­donnen. Zehn farbige Tafeln und sechs Ab­bildungen im Text. Einleitung von Dr. Otto H. Fo er st er. Preis RM. 2,80.(14) Band 13: A. Altdorfer / W. Huber: Landschaften. Acht farbige Tafeln und achtzehn Abbildungen im Text. Einleitung von Dr. Hans W ü h r. Preis RM. 2,80.(15) Band 12 illustriert eines der zartesten und entwicklungsgeschichtlich reizvollsten Kapitel niederländischer Malerei vom 14. bis 16. Jahrhundert: das große und ewige Madonnen- Thema spiegelt sich in überwiegend ausgezeichneten Wiedergaben nach Jan van Eyck, dem Meister von Flemalle, Rogier van der Weyden, Dirk Bouts, Memling, Hugo van der Goes, Gerard David und Andreas Jsenbrant. Besonders die Madonna in der Kirche des Van Eyck (Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin), die Madonna in der Landschaft des Jsen­brant und die mit dem essenden Kinde von David das Bild ist durch einen überaus feinen, zart­farbigen Landfchaftsausfchnitt im Durchblick durch das Fenster gekennzeichnet sind wahre Kostbar­keiten altniederländischer Malerei, die in guten Wiedergaben zu besitzen jedem Kunstfreunde hoch­willkommen fein muß. Die sehr gründliche Ein­leitung grenzt zunächst ähnlich wie Brinckmann in seinemGeist der Nattonen", die spezifischen Lei­stungen der Italiener, der Deutschen und der Nieder­länder aus ihrem Welterlebnis und Kunstgefühl gegeneinander ab und gibt im Folgenden einen sehr gediegenen Kommentar zu den Werken dieses

Bandes, indem er die hier behandelten Künstler in den größeren Zusammenhang der Gesamtentwick­lung einordnet. Das Interesse an Albrecht Alt­dorfer ist durch die vorjährige große Münchener Gedächtnis-Ausstellung zum 400. Todesjahre neu belebt, vielfach wohl überhaupt erst geweckt worden. Aus dem riesigen Oeuvre des um 1480 in Regens­burg geborenen Meisters find in Band 13 der Sil­bernen Bücher einige besonders charakteristische Landschaften mit solchen des stilistisch und zeitlich benachbarten, in Feldkirch geborenen, in Passau als

BUCHER

bei HOLDERER

8320D Seltersweg 75 Ruf 2265

Hofmaler wirkenden Wolf Huber zusammengestellt. Die hier gezeigten Aquarelle, durch eine Anzahl in den Text verstreuter Federzeichnungen ergänzt, dür­fen als bedeutende Zeugnisse früher deutscher Land- schastskunft angesprochen werden. Die vortteffliche Einführung von Hans Wühr gelangt, ausgehend von einer allgemeinen Betrachtung über das Wesen der Landschaft im Spiegel der Kunst zu einer fein­sinnig und verständnisvoll ausschöpfenden Einzel­analyse der reproduzierten Blätter. Die beiden neuen Bände, die sich auch durch ihren bemerkens­wert geringen Preis empfehlen, werden der Büche­rei jedes Kunstfreundes zur Zierde gereichen.

Hans Thyriot.

Afrikanischer Frühling.

Friedrich Sieburg: Afrikanischer Frühling, eine Reise. Mit 48 Bildern und einer Karte. Preis in Ganzleinen gebunden RM. 7,50. Societäts-Verlag, Frankfurt a.M. (4) Sieburg, einer unserer bestunterrichteten und kenntnisreichsten Auslandsjournalisten, hat auf einer Reise von Tunis quer durch Algerien und die Sahara über das geheimnisumwobene Timbuktu an den Ufern des Niger durch den ftanzösifchen Sudan nach Dakar und schließlich durch Marokko versucht, aus dem Charakter der Landschaft und ihrer Bevölkerung die Probleme der französischen Kolonialpolitik zu verstehen. In feinen Berichten schwingt der ganze Zauber der Weite und Größe dieses Landes, der bunten Fülle ihrer Bewohner mit. Und doch find sie alles andere als romantisch im landläufigen Sinne. Er sieht sehr klar die Spannungen, die sich aus dem Eindringen der modernen europäischen Zivili­sation in die mittelalterliche Welt des nordafrika­nischen Islams ergeben, und die außerordentlichen Schwierigkeiten, vor die sich die Kolonialpolitik Frank­reichs gestellt sieht. Um so bemerkenswerter ist die Achtung, die er den französischen Kolonialsoldaten, Verwaltungsbeamten und Siedlern zollt. Er trifft sich in seinem von keinen Wunschttäumen getrübten Urteil mit einem so erfahrenen Kolonialpolitiker wie Rohrbach, der in seinen, unseren Lesern be­kannten Reiseberichten aus Französisch-Westafrika

zu einer sehr ähnlichen Meinung von den koloni­satorischen Leistungen der Franzosen gekommen ist. Sieburg vereinigt in fich auf das glücklichste die nüchterne, unbestechliche Beobachtunsgabe des ge­schulten Politikers mit der finnenfreudigen Auf­geschlossenheit des Reisenden. Das gibt feinem Buch den eigenartigen Reiz, der fich dem Leser mitteilt in der Gewißheit, neben dem ganzen Farbenreich­tum und Stimmungsgehalt der afrikanischen Welt mit ihren vielen Unbegreiflichkeiten über all das sachlich unterrichtet zu werden, was die richtige Ein­schätzung der französischen Kolonialpolitik in ihren Grundauffassungen, und im besonderen die richtige Beurteilung der Kräfte und Gegenkräfte im nord- afrikanischen Imperium Frankreichs voraussetzt. Wir sehen, wie aktuell alle diese Fragen, denen Sieburg sina ira et studio aus den Gründ zu gehen sucht, auch im Hinblick auf. das gegenwärtige Gespräch zwischen Paris und Rom find. Das Buch Sieburgs ist auch dafür ein aufschlußreicher Kommentar. Ein für uns Deutsche tief ergreifendes Blatt dieses Buches ist den deutschen Idealisten gewidmet, die in unstillbarem Forscherdrang unter unsagbaren Ent­behrungen und Leiden so viel zur Aufhellung unse­rer Kenntnisse auch dieser weiten Landstriche des geheimnisvollen Erdteils getan haben.

Fr. W. Lange.

Geschichte des Hauses Aapoleon.

Friedrich Wencker-Wildberg: Das Haus Napoleon, Geschichte eines Geschlechts. Mit 31 Bildtafeln. Verlag Strecker & Schröder in Stuttgart. Preis in Seinen geb. 7,80 Mark. (23) Man hat gesagt, Napoleon sei an seiner Familie zugrunde gegangen. Das ist zwar übertrie- ben, aber soviel ist an der Behauptung doch richtig, als Napoleon bei seiner Familie mit Ausnahme der Mutter nur wenig Verständnis für feine hochfliegen­den Gedanken fand und ihre Eigensucht und Eigen- miligleit dem Imperator häufig die größten Schwie­rigkeiten gemacht haben, obwohl fein stark ausge­prägter Familiensinn in geradezu verschwenderischer Weise darauf bedacht war, seine Brüder und Schwe­stern an den Erfolgen seiner erstaunlichen Saufbahn teilhaben zu lassen. Um nicht ungerecht zu sein, muß man allerdings hinzufügen, daß der Kaiser ganz nach seinem Gutdünken seine Verwandten, ohne nach ihrem Willen zu fragen, wie Schachfiguren auf feinem Brett hin- und herschob. Es blieben für ihn imiper nur willenlose Statisten, die ausschließlich dem einen Zweck zu dienen hatten, als seine Vertre- tr in fremden, zum guten Teil ebenfalls erst von ihm geschaffenen Staaten Stützpunkte feirier Macht zu sein. Sobald ihre eigenen Pläne für die Wohlfahrt der ihnen anvertrauten Sünder mit den Absichten des Kaisers nicht harmonierten, war er mit schärf­sten Verweisen nicht sparsam. So hat er seinem Bruder So ui s die Königsrolle in Holland vergällt und auch Isrome hat in Westfalen oft unter dem Einspruch des Imperators zu leiden gehabt. Wenig verstand sich Napoleon auch mit feinem ältesten »ruber Joseph, der es ihm in übertriebener Aus­legung des korsischen Sippengesetzes geradezu übel- nahm, daß er nicht ihm als dem Aeltesten der Fa­milie die Kaiserkrone überlassen hatte. Konsequent in dem Widerstand gegen die keine persönlichen Rück­sichten kennenden Pläne des Kaisers blieb jedoch nur Sucian, nächst Napoleon gewiß der weitaus begabteste der Brüder und auch im Charakter ihm

am ähnlichsten. Um einer Frau willen verzichtete er auf jede Teilnahme an den Erfolgen des Bruders. Wenn man weiß, welche Rolle die Kämpfe in der Familie, die Eifersüchteleien tun die Nachfolge (vor Geburt des Königs von Rom), die ewige Gekränkt- heit und unstillbare Habsucht, die Heiratspläne des Kaisers und die persönlichen Wünsche der davon Betroffenen in der Politik des Imperators gespielt haben, erhält das Buch Wencker-Wildbergs feine volle Bedeutung. Es greift jedoch weiter, indem es das Schicksal der illegitimen Nachkommen des Kaisers schildert und auch den von den Brüdern Napoleons gegründeten Linien bis auf unsere Tage nachgeht. Der Verfasser hat dabei anscheinend größte Sorg­falt angewandt und wohl auch viel neues Material beigebracht, so daß heute das Geschlecht Napoleons bis in die letzten Verästelungen klar vor uns liegt. Wenn es auch nur noch einen einzigen männlichen Träger des Namens Bonaparte gibt, einen Urenkel Jeromes von Westfalen, so hat doch die Familie Bonaparte mit allen europäischen Dynastien sich verbunden, und durch die illegitimen Zweige pulst das Blut der Bonaparte heute in einer Reihe bie­derer Adelsgeschlechter und Bürgerhäuser in aller Welt. Der Verfasser ist dem mit Ausdauer und Sach­kenntnis nachgegangen und hat dabei interessante und höchst seltsame Zusammenhänge aufgedeckt. So war ein Großneffe Napoleons Flügeladjutant des späteren Kaisers Friedrich, eine Urgroßenkelin aus dem gleichen Stamm des Königs Jerome die einst bekannte Sozialrevolutionärin Lily Braun, deren Sohn, Otto Braune als preußischer Gardeleutnant im Weltkrieg gefallen ist. Eine Enkelin Jeromes heiratete den welfischen Diplomaten Oskar Meding, der unter dem Decknamen Gregor Samarow an die hundert einst viel gelesene historische Romane ge- chrieben hat. So bietet bas Buch Wencker-Wi'ld- bergs auch für die deutsche Sippengeschichte viel Interessantes. Fr. W. Lange.

politisches Schrifttum.

Marschall Fach: (Erinnerungen ü o n der Marneschlacht bis zur Ruhr, nieder­geschrieben unter persönlicher Redaktion des Mar­schalls von Raymond Recouly. 11.15. Tausend. Verlag Gustav Weise, Berlin. (61) Der Mensch Fach steht in seiner gradlinigen Einseitigkeit als ge­schlossenes klares Bild vor unseren- Augen. Seine Bedeutung als Feldherr wird umstritten. Aber der Erfolg hat ihn mit dem Nimbus des größten Sol­daten deranderen Seite" umgeben. Seit dem Er­scheinen der ersten Auslage dieses Buches ist nament­lich von französischen, englischen und amerikanischen Militärs und Politikern viel Kritisches zur Geschichte des Weltkrieges geschrieben, das auch Fachs Bild in manchen Zügen verändert. Gerade deshalb ist die Neuauflage eines Buches zu begrüßen, das den Marschall selber sprechen läßt. Es sind Unterredun­gen, die Foch einem ihm persönlich Vertrauten im Laufe eines Jahrzehnts regelmäßig gewährt hat und in denen er mit der ihm eigenen Offenherzig­keit seine strategischen Auffassungen über verschiedene entscheidende Phasen des Krieges, aber auch feine Meinung im Kampf mit den Politikern, deren Frie­densdiktat dem Soldaten nicht hart genug schien, darlegt Und in oft höchst charakteristischen Wendun­gen begründet. So wird dieses Buch immer seinen Wert behalten und auch in Deutschland immer seine interessierten Leser finden, denn, wie Seeckt von dem Buch gesagt hat, es ist immer lehrreich, wenn auch nachträglich, die Ansichten deranderen Seite" zu erfahren. Fr. \V. Lange.

Ioaquln Arraräs: Franco, mit 17 Bildtafeln und zwei Karten. Preis in Ganzleinen RM. 6,. Verlag Hoffmann und Campe in Ham­burg 36. (28) In dem Augenblick, wo die ganze Kulturwelt Anlaß hat, General Francos Sieg über den Bolschewismus zu feiern, kommt ein Buch höchst gelegen, das aus berufener Feder, nicht nur einen Lebensabriß des spanischen Staats­chefs gibt, sondern uns auch einen höchst leben­digen Eindruck von dem Menschen Franco ver­mittelt, der heute vor der zweiten schweren Auf­gabe seines Lebens steht, feinem durch den Bür­gerkrieg verwüsteten und vielfach - noch innerlich zerrissenem Lande die Grundlagen einer neuen politischen und sozialen Ordnung zu geben. So ist es wertvoll, aus dem Munde eines alten Mit­kämpfers des Caudillo neben einer Darstellung der militärischen Operationen zur Niederwerfung der Bolschewisten bis zum Sommer 1938 auch manch Interessantes über die politischen Gedanken­gänge des spanischen Staatschefs zu erfahren. Viele wenig bekannte Bilder schmücken das fesselnde Buch. Fr. W. Lange.

preußische Liebesgeschichte.

Rolf ßaurfner: Preußische Liebes- g e s ch i ch t e. Aus der Jugendzeit Kaiser Wilhelms I. Mit 90 Abbildungen nach zeitgenössischen Stichen, Gemälden und Zeichnungen. Pappband 3N80 Mark. Verlag F. Bruckmann, München. (581) Der erfolgreiche Dramatiker Rolf Lauckner, der auch durch seine Mitarbeit am Film (u. a.Der Alte und der Junge König") wohlbekannt ist, hat schon durch sein Filmbuch über Friedrich den GroßenDas Leben für den Staat" bewiesen, daß es auch im Film sehr wohl möglich ist, Bildkraft und Sprache zu hoher künstlerischer Wirkung zu steigern. Das neue, jetzt vorliegende FilmbuchPreußische Liebes­geschichte" schildert in ergreifender Weise und mit historischer Treue die Liebe des Prinzen Wilhelm, des späteren Kaiser Wilhelms I., zur Prinzessin Elisa von Radziwill. Die kleidsame Tracht der frühen Bie­dermeierzeit, die liebenswerte Figur der Heldin, die Plastik der historischen Figuren und die packende dramatische Gestaltung der Ereignisse, der landschaft­liche Zauber der Schlösser all das gibt unser Textbuch in zahlreichen Abbildungen und Bildnissen der Zeit wieder. Es bietet anregende Vergleiche zu den Filmaufnahmen, die in eben diesen Schlössern und Kostümen unter der Mitwirkung unserer besten Darsteller gedreht wurden.

Frankfurter Anekdoten.

Karl Friedrich Baberadt: Das Frankfurter Anekdoten-Büchlein. 96 Seiten. Preis RM. 1,50. Verlag Dr. Waldemar Kramer, Frankfurt a.M., 1939 (85) Das ist ein kostbares kleines Buch, eins, das bisher ge­fehlt hat, soweit wir zu sehen vermögen, und an dem jeder gute Frankfurter, seine helle Freude haben wird: nicht bloß der geborene Frankfurter übrigens, sondern auch jeher' der sich, ahne mit Main wasser getauft zu fein, dort beheimatet oder zugehörig fühlt. Hier ist die schöne und geliebte Stadt einmal ganz von chren Menschen her ge­sehen und in der Anekdote gespiegelt: das ist eben­so amüsant wie lehrreich. Der Herausgeber weist im Geleitwort mit Recht darauf hin, was es mit der guten Anekdote auf sich hat: daß sie echt fein muß, charakteristisch und innerlich beziehungsvoll. Ein Körnchen Wahrheit ist schließlich immer da­bei", hat her alte Riehl gesagt, und es ist für die Richtigkeit" einer landschaftlich so eng und scharf begrenzten Sammlung wie dieser bas" beste Zeug­nis, wenn man keine ober möglichst wenige Wan- der-Anekboten barin ausfindig machen kann, die ebenso gut und mit der gleichen Wahrscheinlichkeit auch anderwärts und in anderer Munbart auf» zutreiben finb. Uns ist hier nur ein einziger solcher Fall begegnet. Der Stoff ist nach Ständen qe- gliebert; Maler, Musiker, Dichter, Schauspieler, Gelehrte, Aerzte, Pfarrer und Politiker passieren Revue, unb man finbet eine Menge berühmter Namen in hem kleinen' Buch, z. B. Binbing, Bismarck, Brahms, Goethe, Grabbe, Hoffmann (Struwwelpeter"), Matkowsky, Mommsen, Mo­zart, Napoleon, Schopenhauer, Thoma unb Trüb- ner: unb erst recht die lange Reihe berer, die vielleicht nicht so berühmt sind, aber dafür in Frankfurt einen besonders guten Klang haben, also etwa die Adickes, Altheim, Bethmann, Boehle, Bothe, Brentano, Cornill, Dechent, Dessosf, Frobe- nius, George, Gontard, Hasselhorst, Hessemer, Luthmer, Miquel, Obemar, vom Scheibt, Sencken­berg unb Sioli. Es stehen wirklich schöne Ge­schichten darin, man verlebt mit der Lektüre dank­bar eine Stunde stiller, ungetrübter Heiterkeit unb wünscht sich, wenn man fertig ist, die nächste Auf­lage mochte um etliches bereichert werben, was man nicht gefunden hat, unb was einem beim Lesen wieher eingefallen ist. Es gibt noch ein paar hübsche Sächelchen. Hans Thyriot.