Ausgabe 
4.4.1939
 
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Nr. 80 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)

Dienstag, 4.Apri!lyZ9

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Aus der Stadt Gießen.

Vorfrühling im Bergwerkswald.

Nach vielen grauen und kalten Tagen scheint end­lich die Sonne! Man spürt sie mit unendlichem Be­hagen, während man auf einem Steinblock sitzt und seine Augen über die phantastisch geformten Felsen­berge schweifen läßt. Sanfter Wind raschelt drüben in den braunen Eichenblättern. Auf einem Hügel stehen Weidenbüsche, über und über besät mit sil­bergrauen Kätzchen. Eine Biene brummelt um mich herum, Ameisen und Spinnen laufen eifrig durch das kurze Gras am Boden. Als ich einen Stein aufhebe, ist darunter eine Ameisenkinderstube. O! Was für ein braunes Gekribbel und Gekrabbel!

Wir gehen nun weiter, die Kinder toben bergauf und bergab: man sieht sie immer schon mit gebro­chenem Bein oder im Morast versinkend. Und was müssen sie schwitzen, die Aermsten! Ihnen genügt auch nicht dieser zartfarbene deutsche Frühling, der nich so beglückt, nein, wenn sie durch die Büsche kriechen, dann ist es der Urwald, und Lianen-

Jeber kann helfen! Durch einen Ferienplatz für ein erholungsbedürftiges Kind!

qeschlinge müssen durchbrochen werden, und auf den Bäumen sitzen Affen und Papageien und fremd- nrtige bunte Vögel. Es ist sehr anstrengend, alle notwendigen Laute und Schreie neben der ge­wöhnlichen Unterhaltung heroorzubringen! Plötz- ich werfen sie sich zu Boden, sie haben zwischen dem Jesträusch schwarze Menschen auftauchen gesehen, bie mit Giftpfeilen auf sie lauern.

Jetzt sind wir an einem kleinen See, in dem sich tor blaue, weißbewölkte Himmel lieblich spiegelt. Ein uaar Enten genießen gerade mit viel Untertauchen and Flügelschlagen ihr kaltes Bad. Da kommt auch ine schwarz-weiße Bachstelze, zierlich wippt sie ins

Wasser und sprudelt darin herum, dann fliegt sie taoon. Am Ufer liegen zarte weiße und hellbraune Federn, jede ein kleines Wunder.

Da haben die Kinder mit viel Geschrei einen kleinen, toten Maulwurf entdeckt. Wie glänzt sein keidigschwarzes Fellchen! Aber die kleinen eifrigen Hrabfiißchen liegen still. Sicher hat er nicht auf eine Mutter gehört, nun ist er tot, und die schöne Sonne spürt er nicht mehr! Nachdenklich betrachten Ihn die Kinder.

Nun kommen wir zu einer braunen Schutthalde, jüb siche da, der Frühling hat eine Ueberraschung I iir uns: über und über ist sie besteckt mit kleinen gelben Huflattichen. Wie kleine Sonnen stehen sie auf ihren geschuppten Stengelchen.

Aber was ist das für ein merkwürdiges Geräusch im der herrlichen Stille? Ein Hase kommt heran- zaloppiert! Als er uns sicht, bleibt er verdutzt sitzen, im dann mit noch größerer Eile in einer anderen Richtung zu verschwinden. Sicher war es der Ofter- >ase, und daß der es jetzt eilig hat bei seiner vielen Arbeit, ist ja nicht zu verwundern! E. L. St

Vornotizen.

Tageskalenber für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis nach 22 Uhr:Ein ganzer Lerl". Gloria-Palast, Seltersweg:Die Frau am Scheidewege". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Drei wunderschöne Tage". Oberhessischer Kunst- !verein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung hiesiger Künstler j irm Turmhaus am Brand.

Stadtlhealer Gießen.

Heute um 20 Uhr findet die Erstaufführung der euen Komödie von Fritz Peter BuchEin ganzer Cerl" statt. Fritz Peter Buch ist bei uns kein Un- I ekannter mehr, sein StückVertrag um Karrakat" : atte auch hier wie überall einen großen Erfolg. Die Inszenierung hat Hans Geißler. Bühnenbild: Earl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als l«6. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Ende nach L Uhr.__

Deutsche Raumordnung und Raumforschung.

Raumordnung ist angewandte Staatspolitik auf weite Gicht.

Eine Unterredung des Gießener Anzeigers mit Bürgermeister Prof. Or. Hamm.

Nach feiner Berufung zum Ministerialrat in der Reichsstelle für Raumordnung haben wir Bürgermeister Professor Dr.-Jng. Hamm über die Aufgaben und Ziele der Raumordnung befragt. In dankens­werter Weise hat er uns auf unsere Frage umfassenden Aufschluß gegeben. Die nach­stehenden Darlegungen enthalten das Ergeb­nis der Unterredung.

Die technische und zivilisatorische Entwicklung im 19. Jahrhundert brachte dem Deutschen Reich eine starke Bevölkerungsvermehrung. Mit ihr ging Hand in Hand eine immer stärkere Umstellung der deut­schen Wirtschaft von der Agrarwirtschaft zur In­dustrie. Die Folgeerscheinungen waren ein unge­sundes Anwachsen der Städte, eine Zusammenbal­lung der Menschen in den neuen Standorten der Industrie, und unter dem Wirtschaftsliberalismus eine Prolitarisierung der Massen. Eine weitere Folge war die falsche Verteilung der Menschen im deutschen Raum. Ihre schärffte Auswirkung fanden diese Miß­stände im Weltkrieg durch die Ernä.hrungs- und Materialschwierigkeiten und das Fehlen einer vor­bedachten Wirtschaftslenkung. Das Problem der deutschen Volksgemeinschaft im deutschen Raum war in seiner schicksalhaften Bedeutung vorher nicht er­kannt worden. Die heutige Staatslenkung betreibt deshalb Raumpolitik, d. h. Sicherung des Bestands der Nation, ihres^dolkstums und ihrer Rasse im deutschen Raum. Raumordnung ist ange­wandte Staatspolitik auf weite Sicht.

Ansätze zu einer planvollen Lenkung der Raum­nutzung sind schon in der Nachkriegszeit zu finden. Sie kamen aus den größeren Städten, wo zu aller­erst die Mißstände durch die Verkehrsschwierigkeiten, die mangelnden.Erholungsmöglichkeiten für die Be­völkerung und die geradezu erschütternden Woh­nungszustände zwangsläufig nach einer Verbesse­rung schrieen. Man war sich darüber klar, daß diese Mißstände nur durch eine planmäßige Lenkung aller Aufgaben beseitigt werden können. Sogleich sah man aber auch ein, daß die Städte allein keine Ver­besserung herbeiführen konnten, ohne nicht in wei­tere sie umgebende Gebiete sinnvoll einzugreifen. So entstand z. B. der Siedlungsoerband im Ruhrkohlen­bezirk, die Planungsverbände um Halle, in Ober- schlesien, Hamburg, Rhein-Maingebiet usw. Die Ar­beit in diesen großen Verbänden ließ erkennen, daß sie isoliert nicht durchzuführen war, sondern nur durch eine gesamte Landes- und Reichsplanung fruchtbar gemacht werden konnte. Dazu kam, daß im Dritten Reich ein bedeutender Länderbedarf der öffentlichen Hand auftrat für die Jndustriewerke, Autobahnen, Siedlungen und Wehrmacht. Fachliche und regionale Ueberschneidungen waren nicht zu vermeiden. Es mußte deshalb an eine Reichsplanung herangegangen und der Gedanke einer totalen Raumordnung verwirklicht werden. So erschien dann am 29. März 1935 das Gesetz überDie Re­gelung des L a n d b e d a r f s der öffent­lichen Ha nd", unter dem Leitgedanken, daß eine vernunftgemäße Verteilung von Grund und Boden die Grundlage von Volk und Reich bildet. Es wurde eine Reichsstelle für diese Aufgabe gegründet. Ihr Leiter ist Reichsminister Hanns Kerrl. § 3 dieses Gesetzes lautet:Die Reichsstelle hat darüber zu wachen, daß der deutsche Raum in einer den Not­wendigkeiten von Volk und Staat entsprechenden Weise gestaltet wird." Alle anderen obersten Reichs­behörden haben der Reichsstelle Auskünfte zu er­teilen, sie kann Einspruch erheben. Durch Erlaß des Führers vom 26. Juni 1935 wurde diese Reichs­stelle alsR e i ch s st e l l e für Raumord­nung" bezeichnet. Sie ist Träger einer staatlichen Hoheitsaufgabe und oberste Reich s behörde.

In dem Erlaß heißt es weiter:Die Reichsstelle für Raumordnung übernimmt die zusammenfassende übergeordnete Planung und Ordnung des deutschen Raumes für das gesamte Reichsgebiet. Die Reichs­stelle für Raumordnung kann sich zur Durchführung ihrer Aufgaben der bestehenden Planungsbehörden und Verbände bedienen. Diese haben ihren Weisun­gen Folge zu leisten."

Ein weiterer Erlaß des Führers vom 18. Dezem­ber 1935 bestimmt:Die Reichsstelle für Raum­ordnung ist zuständig für die Reichs- und Landes­planung, ihr Leiter regelt die Organisation und die Rechtsverhältnisse der Planungsverbände und be­aufsichtigt sie. Die Sonderplanung in den einzelnen Arbeitsgebieten bleibt weiterhin Aufgabe der zu­ständigen Ressorts (z. B. Wehrmacht). Diese haben die Verpflichtung, ihre Planungsvorhaben der Reichsstelle für Raumordnung bekanntzugeben.

Im Anschluß an diesen Erlaß erschien dann eine Verordnung des Reichsministers Kerrl vom 15.2. 1936 zur Durchführung der Reichs- und Landes­planung. Darin wird unterschieden zwischen Pla- nungs b e h ö r d e n und Landesplanungs gemein- fchaften. Planungsbehörden sind die Reichsstatt­halter, die Oberpräsidenten, der Reichskommissar im Saarland, der Stadtkommissar in Berlin. Die Pla­nungsbehörden als solche sind der Reichsstelle für

Raumordnung unterstellt. Sie setzen als staatliche Hoheitsträger die Planungsarbeiten durch. Ihnen stehen Landesplanungsgemeinschaften zur Seite. Sie dienen der Mitarbeit durch die Zusammenfassung aller in dem betreffenden Raum tätigen Kräfte (Partei, Wehrmacht, Arbeitsämter, Verkehrs*, land- und forstwirtschaftliche Verwaltungen, Bergbau, Ar­beitsfront, Reichsnährstand, Industrie- und Han-

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delskammern, wissenschaftliche und kommunale Be­hörden usw.). Zur Zeit bestehen 23 Landespla­nungsgemeinschaften.

Der Leiter der Planungsbehörde ist gleichzeitig der Vorsitzer der Landesplanungsgemeinschaft. Jede Landungsplanungsgemeinschaft hat einen Beirat (Chefbesprechung). Im Beirat sind nur die Chefs aller landwirtschaftlich wichtigen staatlichen und kom­munalen Verwaltungen, der Partei, der Wirtschaft und Wissenschaft, vertreten. Eine Stellvertretung

Großieisiungs-Obstbaumsplihe arbeitet für Lich.

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Die Stadt L i ch hat in diesen Tagen eine An­schaffung gemacht, die für den örtlichen Obstbau von großer Bedeutung ist. Auf Veranlassung von Bürgermeister Geil wurde eine motori­sierte Obstbaum - spritze beschafft, mit deren Hilfe es möglich ist, in außerordentlich kurzer Zeit sehr viele Obstbäume zu spritzen. Da in der Gemarkung Lich rund 1700 0 O b ft- bäume stehen, die ein­zelnen Garten- und Obst­baumbesitzer aber nicht mit der nötigen Zahl von Obstbaumspritzen ver­sehen sind, hat sich diese Anschaffung bereits als sehr zweckmäßig erwie­sen. Nunmehr ist es ein leichtes, der gesetzlich V

festgelegten Pflicht der Obstbaumspritzung zum Zwecke der Schädlingsbekämpfung zu entsprechen. Eine Spritzkolonne von vier Mann ist seit etwa 8 Tagen an der Arbeit und hat bereits 3000 Bäume gespritzt. Durch die rationelle Technik der Spritzung mit Hilfe der neuen Motor-Obstbaumspritze können auch die Unkosten für den einzelnen Baum voraus­sichtlich auf die Hälfte der bisherigen Kosten herab­gedrückt werden.

Die Obstbaumspritze ist universell ausgestattet. Sie besteht aus dem Fahrgestell, das in fester Montage das- Faß mit der Spritzflüssigkeit (300 Liter Fassungs­vermögen, ausreichend für etwa 20 Bäume), den Motor und die Pumpe trägt. Das kleine, niedrige Fahrzeug ist so ausgestattet, daß es auf Straßen, wie auch im Gelände, gut fahren kann, fast jede

Steigung, jeden Hang nimmt und sehr beweglich ist. Das Faß kann mit Hilfe einer raffiniert konstruier­ten Wasserstrahlpumpe an jedem Bachlauf im Zeit­raum von drei Minuten gefüllt werden. In das Faß ist ein Rührwerk eingebaut, das automatisch arbeitet und die Spritzflüssigkeit dauernd in Bewegung hält. Der Druck der Spritze kann geregelt werden und ist so einzustellen, daß auch hohe Obstbäume vollständig gespritzt werden khnnen. Die motorisierte Obstbaum­spritze, die wir am gestrigen Montag in Lich bei der Arbeit beobachten konnten (unser Bild zeigt das Gerät), wird sicherlich manchen Bürgermeister im Hinblick auf den Nutzen für seine Gemeinde inter­essieren. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Männer um Mitternacht

Von Joseph Baur.

Im Hintergrund des Weinstübchens sitzen m gu- fler Deckung zwei Liebespaare. Also nehme ich lerne an einem der leeren Tische Platz, gegenüber hem Stammtisch, um den vier Männer und die Wirtin sitzen. Ich bekomme mein Viertel Wein, und dann habe ich Muße, die Stammtischbesetzung I ili betrachten. Nach freiem Ermessen verteile ich jie Rollen:

Der mit kurzgeschnittenem weißen Haar und gc= Ifflegtem Bürstenbart unter der rundlichen Nase fit pensionierter Werkmeister. Der schmächtige Blasse litt glattem Scheitel und unruhigen schwanen Augen: Rathausschreiber. Der kleine Stämmige, craumeliert, mit etwas bärbeißigem Gesicht: Jn- Ifcber eines guten Ladengeschäfts. Der vierte, Kahl- fnpf, scharfe Brille auf kühner Nase und dicke Uhr- k tte über ansehnlichem Westenbauch: Besitzer einer t einen Fabrik. Die Wirtin, Witwe, üppige formen, appetitlich und noch ziemlich fesch, sitzt e was abseits und schläft unauffällig. Wenn jedoch en Glas leergetrunken ist sie hört's wohl am 2ion des Niedersetzens wacht sie sofort auf und slhenkt neu ein.

Der weißhaarige Rentner weiß offenbar m (Hem überragend Bescheid. Ueberläßt man sich willig der Gewalt seiner Rede, so scheint es, als wäre dieser Mann wie kein anderer berufen, Be­treuer der gesamten Menschheit zu sein. Gigantisch 'würde sich nach seinen Weisungen das Gesicht der Chrbe verändern. Aus Wüsten würden fruchtbare q arabiefe, neue bessere Nahrung wüchse, Wetter und Klima ließe sid) nach Wunsch gestalten, jeg- lche Krankheit verschwände und wir alle konnten a t werden wie Methusalem.

Ladeninhaber und Fabrikant hören mit etwas mißmutigen Gesichtern zu. Nur der schmächtige riasse bringt zuweilen Einwande, versucht Rea- 1li1 ätsgeroidyte an den kühnen Ideenflug zu hängen, uikt Unmöglichkeit praktischer Durchführung Der idealistische Rentner wird so gezwungen, seinen Qebantenflug niedriger zu steuern und sich aus praktische Kleinaebiete des Lebens zu begeben Da- b i geschieht ein unerwarteter Protestausbruch des Fabrikanten. , ..

Kurzerhand nennt dieser die Behauptungen bie= fis Rentners puren Unsinn. Dem weißhaarigen Philosophen verschlägts die Rede; er schnappt Luft, ifi.n Bürstenbart scheint sich ZU sträuben. Aber W von Sachkenntnis und Erfahrung gehärteten Darlegungen des Fabrikanten brechen wie schwere lanks in die Jdeengesilde und Traumgärten des

Rentners ein. Er versucht, wieder zu Wort zu kommen, aber mit ab wehr end vorgestreckter Hand wahrt der Fabrikant sein durch geduldiges Zuhö­ren wohlerworbenes Rederecht. Bedächtig und un­erbittlich tatsachengewichtig spricht er von den Produktionseigenschaften d?r einzelnen Nationen. Als er bei englischen Stoffen angelangt ist, greift der Ladeninhab er ein.

Er redet etwas schwerfällig, mit herzhaft bullern beißerischen Gesten. Englische Stoffe, ja, gewiß. Aber fein Schneider habe ihm em Stückchen Tuch vorgehalten und ihn aufgefordert, mit einem spitzen Bleistift durchzustechen. Er habe ein Lach ins Tuch gestoßen. Der Schneider habe ein wenig an dem Tuch gezogen, und das Loch sei nicht mehr zu finden gewesen. War aber nicht englisches Tuch, war deutsches Gewebe!

Nun entfpinnt sich größere Herzlichkeit zwischen Fabrikant und Ladeninhaber. Der Fabrikbesitzer vertritt jetzt den Satz: Nur wer das Teuere kauft, kauft billig. Er weist dies zunächst nach an feinem acht Jahre alten Regenschirm. Der Ladeninhaber untersucht den Schirm genau. Er spannt ihn auf, stellt fest, daß er noch hervorragend gut sei, rech­net aus, wieviel teurer mehrere billige Schirme gewesen wären, klappt den Schirm wieder zusam­men und dreht ihn mit verblüffendem Geschick zu größtmöglicher Dünne und Glätte. Der Fabrikant läßt weiter begutachten, seinen Hut, feinen Anzug, feine Schuhe, feinen Binder, feine Manschetten- knöpfe. Er nennt Preis, Kaufort, Gebrauchsdauer der genannten Dinge und frönt seine Ausführun­gen durch die Geschichte feiner bewährten alten Taschenuhr. Anschließend ergibt sich Gelegenheit, Vater, Großvater, Kinder und Enkelkinder ins Licht biographischer Betrachtung zu rücken.

Eine kleine Gesprächspause läßt wahrnehmen, daß ständig leife Musik aus dem Lautsprecher fließt. Die Wirtin wacht auf, und der Fabrikant, wohl etwas redegesättigt, fragt, warum sie sid) heute gar nicht an feine Seite setze. Sie beantwor­tet diese Frage nur mit einem Lächeln und schläft wieder ein.

Der Ladeninhaber nützt die Schwächeanwandlung feines Gesprächspartners, um das Wort an sich zu reißen. Er gerät in das Thema: Qualitätsstühle. Sachverständig demonstriert er, wie weise Sitzer Stühle prüfen und wie ahnungslose Unwissende das tun. Er entwickelt eine überraschende Wissen­schaft des Sitzens. Nur wer richtig sitze, habe wirk­lich etwas vom Leben. Seine Darlegungen wirken suggestiv. Man sitzt immer freudiger in den als gut anerkannten Stühlen des Weinstübchens. Die Wirtin schläft sogar ausgezeichnet im Sitzen. Und

lustvoll sitzen auch die Unsichtbaren, unhörbaren, von Radiomusik überspülten Liebespaare im Hin­tergrund.

Nur ich Kleingläubiger habe aufgegeben und bin unter die Lieger gegangen. Aber ich entschlummerte in der tröstlichen Annahme, daß es gewiß ein Qualitätsbett fei, in dem ich läge. Und ich fand: auch wer gut liegt, hat mehr vom Leben.

Lichtspielhaus:

Drei wunderschöne Tage/"

Die Belegschaft der MaschinenfabrikKosmos" unternimmt zur Feier des 50jährigen Geschäfts­jubiläums einen Betriebsausflug in die bayerischen Berge: das sind drei wunderschöne Tage, aber nicht bloß im Sinne einer allenthalben wohlge­lungenen und befriedigenden Landpartie, sondern auch deswegen, weil es anfänglich fo aussieht, als ob es eigentlich drei bitterböse Tage werden soll­ten. Das Werk befindet sich nämlich geschäftlich gerade in einer schlimmen Krise, und auch in den privaten Bezirken dieser Arbeitsgemeinschaft sieht es keineswegs so rosig und fröhlich aus, wie es das Außenbild der Fahrt ins Blaue mit Gesang und Tanz vermuten läßt. Das Schöne dabei ist nun eben dies, daß im Laufe der drei Tage alle ge­schäftlichen und persönlichen Sorgen beseitigt sind und alles ins Reine gebracht ist. Hier liegt die Schwäche und auch die Stärke des Films. Der Beschauer wird unterwegs ein bißchen nachdenk­lich und hegt nicht ohne Grund einige Zweifel, ob sich die Menschen in der rauhen Wirklichkeit so glatt sortieren lassen, und ob die ernstlichen Schwie­rigkeiten und Konflikte, die geschäftlichen wie die privaten, so schnell, so selbstverständlich-zufällig und reibungslos aus dem Wege zu räumen sind, wie das hier geschieht. Es wird aber, das ist die er­freulich positive Wirkung, auch etwas vom frischen, lebendigen, zukunftsfrohen Geist dieser Werkge­meinschaft auf den Besucher übergehen, etwas vom gesunden Optimismus, von der guten Kamerad­schaft und von der schlichten Hilfsbereitsd)aft von Mensch zu Mensch. Der Autor Curt I. B r a u n und der Spielleiter Fritz Kirchhoff haben, so­weit das mit filmischen Mitteln zu machen war, hinter der großen Firma und der anonymen Masse der Gefolgschaft die Individualitäten aufgespürt, herausgehoben und belichtet. Das konnte nur an­deutungsweise geschehen, episodisch und in flüch­tigen Umrissen; um mehr zu geben, hätte ein Roman geschrieben werden müssen. Aber die paar Alltagsschicksale, die da auftauchen, waren es wohl

wert, festgehalten zu werden. Es ist, darstellerisch, unter Kirchhoffs klarer und verständnisvoll einfühlender Regie, kein sogenannter Star-Film entstanden. Es heben sich indessen aus der Masse, die hier gezeigt werden mußte, nicht nur die meist ein wenig komischen Typen heraus, wie sie über­all dabei sind, sondern auch die persönlichen Ge­sichter und Schicksale, die das Besondere ausmachen. Gustav Waldau und Walter Janßen, Maria Pierenkämper, Annie M a r t a r t und Elise Sulinger sind, wie uns scheint, in einem sau­ber zusammenspielenden großen Ensemble an erster Stelle zu nennen: um der schönen und einfachen Menschlichkeit willen, mit der sie ihre Szenen er­füllen. Gina Falckenberg und Gundel Thormann, Hans Zesch-Ballot, Werner Scharf, Albert I a n s ch e ck und Otto Wer­nicke von den vielen übrigen. (Bavaria).

*

Im Beiprogramm gibt es einen Kulturfilm, der sich mit Landschaft und Bodenformung befaßt, und die neue Wochenschau mit Bildern von der Befreiung des Memellandes. Hans Thyriot.

Dichter und Gastwirt zugleich.

Daß Dichter nicht nur in höheren Sphären schwe­ben, jonbern neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit auch bürgerliche Berufe ausüben, wird man ziem­lich häufig finden, wenn man sich die Lebensge­schichten großer Schriftsteller vornimmt. Daß aber ein Mann der Feder das Gewerbe eines Gastwir­tes ausübt, ist ziemlich selten. Johann Jakob Chri- ftoffel von Grimmelshausen, der vielgelesene Chronist des Dreißigjährigen Krieges, dessen Schrif­ten vor allem derSimplieius Simplicissimus" innige Vertrautheit mit den Ausgaben und den Nöten und Sorgen das Gastwirtes verraten, ver­einigte die beiden Berufe. Nachdem er im Dreißig­jährigen Kriege als Soldat ein abenteuerliches Le­ben geführt hatte, wurde er 1657 in Gaisbach in Baden Gastwirt. Er gab zwar diesen Beruf wieder auf, kehrte aber 1665 dazu zurück. Vermutlich führte er die heute noch bestehende WirtschaftZum silber­nen Stern" in Heimbad) in^Baden. Zwei Jahre später starb er, hochangesehen und geadelt, als Schultheiß zu Renchen im Schwarzwald. Seine Nachkommen betreiben noch heute das Gastwirts­gewerbe; einer von ihnen ist der WirtZum Bä­ren" in Renchen, der zu Ehren seines großen Vor- fahren eine Grimmelshausen-Stube eingerichtet hat. Auch in anderen Orten Badens hält man die Erin­nerung an den Dichter in solchen Stuben wach.

Dr. M. H.