Vorauszahlungen
auf die Sondergebäudesteuer.
LPD. In einer Bekanntmachung des Reichsstatthalters in Hessen — Landesregierung — wird darauf hingewiesen, daß die Vorauszahlungen auf die Sondergebäudesteuer für 1938 als endgültige Steuerzahlungen für das Rechnungsjahr 1938 erklärt werden. Die als endgültige Steuerzahlungen für 1938 festgesetzten Steuerbeträge sind für das Rechnungsjahr 1939 und für die folgenden Rechnungsjahre so lange weiter zu entrichten, bis sie durch neue Steuerbescheide ersetzt werden. Gegen die endgültig festgesetzten Steuerbeträge ist das Berufungsverfahren der Reichsabgabenordnung gegeben. Die Frist zur Einlegung des Einspruchs beginnt jeweils am 1. April des Rechnungsjahres, für 1938 am 1. April 1939.
Soldaten helfen dem WHW!
Diese Parole haben sich unsere Infanteristen, Artilleristen und Flieger für Samstag und Sonntag den 18. und 19. März gegeben, um durch ihren Einsatz eine wirksame Sammlung für das Winterhilfswerk zu erreichen.
Zu diesem Zwecke werden unsere Soldaten am Samstag, 18. März, nachmittags auf Oswalds- garten, am Wernerwall, auf dem Brandplatz, am Hitlerwall, am Hindenburgwall und im Hofe des Gymnasiums interessante militärische Vorführungen zeigen, die einen guten Einblick in den Dienstbetrieb unserer Wehrmacht geben werden. Ein Marsch der Soldaten durch die Stadt und Militärmusik werden natürlich nicht fehlen. Der Abend wird im Stadttheater und im Caf6 Leib Militärkonzerte bringen.
Für Sonntag, 19. März, ist für den frühen Vormittag Großes Wecken vorgesehen, während die Vormittagsstunden der Besichtigung der Infanterie- und Artilleriekasernen sowie des Fliegerhorstes gewidmet sein sollen. In allen Kasernen werden wiederum Vorführungen zu sehen sein, außerdem werden sich die Besucher beim Kleinkaliberschießen, MG.-Schießen usw. selbst betätigen können. Mittags ist guter Eintopf mit Erbsen und Speck aus den Soldatenküchen zu haben. Während des Eintopfessens an verschiedenen Stellen in der Stadt werden dort Platzkonzerte der Militärmusik gegeben. Abends werden in mehreren Sälen der Stadt Manöverbälle stattsinden.
Näheres über die Veranstaltung werden wir auf Grund der in den Besprechungen festgestellten Einzelheiten im Lause der nächsten beiden Wochen berichten.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 4. März. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 13, A 12%, B 12, C 11%, D 10%, ausländische, Klasse B 11%, Wirsing, % kg (gelb) 15, (grün) 18 bis 20, Weißkraut 11 bis 20, Rotkraut 14 bis 16, gelbe Rüben 12 bis 14, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 30 bis 40, Unterkohlrabi 8 bis 10, Grünkohl 25, Rosenkohl 42 bis 45, Feldsalat 1 bis 1,10 Mark, 15 Pf., Tomaten, % kg 30 vis 45, Zwiebeln 15 bis 16, Meerrettich
40 bis 70, Schwarzwurzeln 20 bis 40, Kartoffeln,
% kg 5 Pf., 5 kg 43 Pf., 50 kg 3,60 bis 3,95 Mark,
Aepfel, % kg 35 bis 50 Pf., Nüsse 40 bis 45 Pf.,
Hähne 1,10 bis 1,25 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis 1 Mark, Tauben, das Stück 50 bis 60 Pf., Blumenkohl 20vbiß 35, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 12, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 35, % kg 30, Radieschen, das Bündel 20 Pf.
*
** Ei n Neunzigjähriger. Am heutigen Samstag, 4. März, wird der Seilermeister i. R. Valentin Brauer, Weserstraße 31 wohnhaft, neunzig Fahre alt. Dem alten Herrn bringen auch wir unfern herzlichen Glückwunsch dar.
** Siebzig Jahre a l t. Am morgigen Sonntag, 5. März, wird Frau Elisabeth Brück, Seltersweg 55, in guter geistiger und körperlicher Frische 70 Jahre alt. Der Jubilarin unseren herzlichen Glückwunsch.
** Heldengedenktag am 12. März. In unserem gestrigen Vorbericht über die Feier des Heldengedenktages in Gießen ist leider ein Fehler unterlaufen. Die Feier findet nicht am kommenden
Sonntag (5. März), sondern erst am nächsten Sonntag (12. März) statt, wie es auch in der Heber« schrift richtig zum Ausdruck kam.
** Städtische Bücherei. Im Februar sind 1933 Bände ausgeliehen worden. Davon kommen auf: Zeitschriften 35, Gedichte und Dramen 36, Erzählende Literatur 1239, Jugendschriften 265, Länder- und Völkerkunde 130, Kulturgeschichte 10, Geschichte und Biographien 115, Naturwissenschaft und Technologie 43, Heer- und Seewesen 24, Hausund Landwirtschaft 10, Staatswissenschaft 26 Bände. Nach auswärts kamen 29 Bände.
Amtsgericht Gießen.
Der R. M. in Wieseck erhielt einen Strafbefehl über 70,— RM., hilfsweise 14 Tage Gefängnis. Gegen den Strafbefehl legte er Einspruch ein. Der Beschuldigte fuhr am 3. Dezember 1938 mit einem Personenkraftwagen von Gießen nach Watzenborn- Steinberg. Hierbei handelte es sich um eine Berufsfahrt. Unterwegs hatte er zwei Radfahrer zu überholen, die er in einer Entfernung von 200 bis 300 m schon sah und die nebeneinander fuhren. Er hat seine Geschwindigkeit nicht so eingerichtet, daß er unbehindert vorbeifahren konnte. Durch sein zu jähes
Bremsen kam sein Wagen ins Schleudern, wobei er einen Radfahrer anstieß und diesen erheblich verletzte. In der gestrigen Hauptverhandlung wurde er überführt. Radfahrer dürfen auf freier Straße wohl nebeneinander fahren. Der Beschuldigte erhielt mit Rücksicht auf seine Jugend die gleiche Strafe wie im Strafbefehl.
Kleine Strafkammer Gießen.
W. D. in Bad-Nauheim wurde durch Urteil des Amtsgerichts Bad-Nauheim vom 8. Dezember 1938 wegen Diebstahls (Vergehen gegen § 242 StrGB.) zu einer Gefängnisstrafe von 4 Monaten verurteilt. Gegen das Urteil legte er Berufung ein, und zwar nur wegen der Strafhöhe. Der Vertreter der Anklage führte aus, daß mit Rücksicht darauf, daß ein Schaden nicht entstanden sei — der Angeklagte hat die gestohlenen Hühner am anderen Tage wieder zurückgegeben — eine geringere Strafe angebracht sei. Urteil: Auf die Berufung des Angeklagten wird das Urteil des Amtsgerichts Bad-Nauheim dahin abgeändert, daß die Gefängnisstrafe auf zwei Monate herabgesetzt wird. Dem Angeklagten wurde eröffnet, daß er mit Rücksicht auf seine Vorstrafen im Wiederholungsfälle mit Zuchthausstrafe zu rechnen habe.
Oeulschlands militärische Lagen von 1814 bis 4944.
Vortrag im NS.-Nechtswahrerbund.
Die Kreisgruppe Wetterau des Nationalsozialistischen Rechtswahserbundes bot am gestrigen Freitagabend ihren Mitgliedern und zahlreichen Gästen in dem vollbesetzten Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts der Universität wieder ein bedeutsames Vortragserlebnis. Der Kreisgruppenführer, Oberstaatsanwalt Knauß, konnte an der Spitze der Gäste den Kreisleiter Backhaus als Hoheitsträger im Kreise Wetterau, ferner eine Anzahl aktiver und inaktiver Offiziere als Vertreter der Wehrmacht, an der Spitze die Majore Schönn und Dingeldein, besonders begrüßen. Dann sprach in außerordentlich fesselnder Weise
Hauptmann a. O. Flotho, Frankfurt
über das Thema: „Die deutschenOperations- pläne von 1871 bis zur Marneschlacht 1914."
Anhand entsprechenden Kartenmaterials behandelte der Vortragende die Entwicklung der deutschen Operationspläne seit 1871. Nach demDeutsch-franzök- sischen Kriege beabsichtigte der alte Generalfeldmarschall v. Moltke je mit der Hälfte des deutschen Heeres im Westen und Osten gleichzeitig anzugreifen. Als das französische Feldheer aber überraschend schnell wieder erstarkte, entschloß sich Moltke im Jahre 1875, im Ernstfälle zunächst Frankreich niederzuwerfen und dann gegen Rußland zu marschieren. Infolge des hieraus emsetzenden starken Ausbaus der französischen Festungen an der deutschen Grenze änderte Moltke im Jahre 1879 seine Pläne dahin, sich gegen Frankreich — gestützt auf unser Festungssystem Metz/Straß- burg und den Oberrhein — defensiv zu verhalten und die deutschen Hauptkräfte zunächst ausschließlich gegen Rußland anzusetzen.
Moltkes Nachfolger (1888), Graf Wyldersee, behielt den letzten Plan Moltkes bei, war sich aber bereits über dessen Schwierigkeiten im klaren, die dadurch entstanden, daß die Russen die Bobr-Narew-Linie befestigten und ihren Aufmarsch hinter die Linie
Kowno—Grodno usw. verlegten, während das inzwischen weiter verstärkte französische Feldheer den ganzen deutschen Westen einschließlich unserer wichtigsten Waffenschmieden an Saar, Rhein und Main bedryhte. Diese völlig veränderte Situation veranlaßte den Nachfolger Waldersees, Generalfeldmarschall Graf v. Schliessen, der von 1891 bis 1905 Chef des großen Generalstabes war, den Operationsplan so zu ändern, daß wir uns im Osten defensiv verhielten und mit der Hauptmacht zunächst Frankreich angriffen, um dann nach der Niederwerfung Frankreichs einen starken Heeresteil nach dem Osten zu verschieben. Während zunächst nur an einen reinen Frontalangriff gegen die französische Festungsfront gedacht war, führte die gewaltige Verstärkung des französischen Festungssystems 1898/99 zu dem genialen Schlieffen-Plan, der unter Umgehung der französischen Festungsfront den deutschen Angriff durch Belgien und Nordfrankreich vortrug.
Der Redner führte weiter anhand der anschaulichen Skizzen die Zuhörer in die Einzelheiten des großen Schlieffen-Planes ein, der durch den jüngeren Moltke im Weltkriege nicht nur im Aufmarsch, sondern auch in der Durchführung für uns schicksalsschwere Abänderungen erhielt. Dabei gab er umfassende Betrachtungen über den Verlauf des Feldzuges bis zum Ausgang der Marneschlacht. Im übrigen brachte der Vortrag auch Einzelheiten über die Heeresstärken der Deutschen und rhrer Verbündeten, sowie unserer Gegner im Westen und im Osten in Krieg und Frieden. Ebenso wurden die Operationspläne der Franzosen, Engländer, Russen usw. erläutert.
Der fesselnde Vortrag wurde von den gespannt lauschenden Zuhörern mit starkem Beifall ausgenommen. Den Dank der Hörer für diese bedeutsame Aufklärung brachte Oberstaatsanwalt Knauß in herzlichen Worten an den Vortragenden zum Ausdruck. Dann wurde der Abend in üblicher Weise geschlossen.
Oer Gesundheitsdienst im BOM.
Elternabend im BOM., Untergau 416.
Am gestrigen Freitagabend veranstaltete der BDM. Untergan 116 im Studentenheim einen Elternabend. Nachdem die Untergauführerin Käthe Pfeffer die Eltern begrüßt hatte, eröffneten die Mädels den Abend mit dem Lied „Alle stehen wir verbunden", dem ein Vorspruch folgte. Sodann hielt die
BOM -Aerzün Or. Reuigen
einen lehrreichen Vortrag über den Gesundheitsdienst im BDM. In ihren Ausführungen schilderte sie in
klaren Zügen die ärztliche Betreuung der Mädels vom ersten Tage ihres Eintritts in den BDM., eine Arbeit die vielen Eltern nicht bekannt ist. Ständig, so führte sie weiter aus, steht das BDM.-Mädel unter ärztlicher Kontrolle. Dies geschieht nicht etwa, um Kranke von Gesunden zu scheiden, sondern lediglich deshalb, um die Fugend in erster Linie gesund $u erhalten, etwaige Krankheiten sofort durch richtige Behandlung und Lebensweise im Keime zu ersticken und den gesundheitlich Gefährdeten dadurch wieder zur vollen
Gesundheit zu verhelfen. Aber diese Betreuung könne unmöglich von den BDM.-Aerztinnen allein durchgeführt werden, vielmehr müßten hier Elternhaus, Fachärzte, Amt für Volksgesundheit usw. Hand in Hand arbeiten. Zu diesem Zwecke sei auch dieser Elternabend einberufen, um Eltern und Erziehern Richtlinien in dieser Hinsicht mit auf den Weg zu geben. Innerhalb des BDM. würde alles getan, um für die Gesunderhaltung der weiblichen Jugend zu sorgen. Selbst innerhalb des BDM. lei ein Gesundheitsdienst eingerichtet, der in weitestem Maße möglichst viele geeignete Mädels in der ersten Hilfeleistung ausbildet, damit sie auch im täglichen Leben jeder Lage gewachsen seien, darüber hinaus aber auch in der eigenen Familie in den Tagen der Krankheit eine wertvolle Stütze bieten.
Obwohl diese Einrichtungen schon seit Jahren im BDM. bestünden, setze in diesem Jahre eine ganz besondere Kleinarbeit in bezug auf diesen Gesundheitsdienst ein, da durch die Reichsjugendführung bad Jahr 1939 als das Jahr der „Gesundheitspflicht" erklärt worden sei. Im weiteren Verlaufe wies die Rednerin auf viele Einzelheiten hin, in welcher Weife
RUHL Seliersweg Nr. 67 I
cldio Telephon Nr. 3170 I
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und zu welchen Zeiten ganz befonbere ärztliche Betreuung der Heranwachsenden Jugend notwendig sei. Aber auch das sei gesagt, daß die Jugend im BDM., dank der steten ärztlichen Aufsicht, volle Gewähr dafür biete, als gesunde Jugend heranzuwachsen, die später dem Kampf des Lebens gewachsen ist und ihre Kräfte für den Dienst an ihrem Volke voll einsetzen kann.
BOM-Aerztin Or. Friedel Reuter wies anschließend darauf hin, daß es jedem Mädel int Alter von 17 bis 21 Jahren-ermöglicht werde, an der Ausbildung im Gesundheitsdienst, die von Fachkräften geleitet wird, teilzunehmen. Tie Reichsjugendführung hat für eine einheitliche Ausbildung der Jugend Richtlinien aufgestellt, die Kurse über die „Entwicklung des Menschern, den „Aufbau des Menschen", die „Funktion des Menschen", „Vererbungslehre", „Rassenhygiene", „Gesundes Wohnen" und andere vorsehen. Dies sind alles Ausbildungsstoffe, die gerade für die weibliche Jugend praktische Dinge sind.
Nach diesen Vorträgen warteten die Mädels wieder mit einem Lied aus und führten den Zuhörern dann eine sehr nett ausgedachte „Scharade" vor.
An die Vorträge schloß sich eine Aussprache der Eltern mit den BDM.-Aerztinnen und den Führerinnen an.
Frühiahrsmodenschau in Gieren.
Ein bekanntes Gießener Modehaus veranstaltet in der nächsten Woche eine Frühjahrsmodenschau, bei der in den Räumen des Gesellschaftsvereins (Klub) die neuesten Modelle der deutschen Mode gezeigt werden sollen. Unsere Frauen werden dort sehen können, was die gut angezogene Frau vom Morgen dis zum Abend während der verschiedenen Tageszeiten trägt. Paul Nieren hat die Ansage, die Kapelle Heinz Nickel wird die Stunden musi- kalisch bereichern. Einige Gießener Geschäfte werden bei dieser Gelegenheit Hüte und Handschuhe zeigen.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verblndlichkeit der Schriftleitung 1
0. fi. in G. Da in Ihrer Anfrage jeglicher Hinweis darauf fehlt, um welche Forderung (öffentlich-rechtliche ober private) es sich handelt, ist eine klare Auskunft nicht möglich.
A. D. Ihre Anfrage ist unklar. Wenn Sie im Arbeitsverhältnis arbeitsunfähig erkrankt find, haben Sie unter der Voraussetzung rechtzeitiger Meldung vom 4. Tage der Arbeitsunfähigkeit an Anspruch auf Auszahlung von Krankengeld durch die zuständige Krankenkasse. Der Anspruch auf Krankengeld ruht jedoch, wenn und soweit während der Krankheit Arbeitsentgelt gezahlt wird. Zuschüsse des Arbeitgebers zum Krankengeld gelten nicht als Entgelt: ihre Zahlung richtet sich nach den mit dem Arbeitgeber getroffenen besonderen Vereinbarungen, oder aber nach dem evtl, in Frage kommenden Tarifverträge.
Oer Schuhanzieher.
^on Waldemar Keller.
Als der Schriftsteller Maiwald abends gegen elf Uhr die Einzimmerwohnung betrat und Licht machte auf dem FluF erschreckte ihn ein silbernes Blinken in der Tiefe des Arbeitsraums, dessen Tür weit offenftanb. Genau zu erkennen mar I nichts, die Glühbirne an der Korridordecke hatte nur wenig Leuchtkraft, aber soviel wußte Mai- wald, daß dieses Blinken von seinem Schlafsofa kam. Auf dem Sofa lagen vier bunte Kissen; die glänzen nicht, wenn der Schein einer Lampe sie trifft. Etwas anderes hatte dort keinen Platz, in jedem Winkel herrschte peinlichste Ordnung. Heber- legend und unbeweglich verharrte Maiwald neben der geöffneten Tür, den Hut in der Hand.
Sollte im Laufe des Abends ein Unbekannter in die Wohnung.eingedrungen sein, ein Dieb, ein 'Räuber? Was konnte er aufs Sofa geworfen haben. das so glitzerte? Am Kleiderhaken hing her Wintermantel, friedlich und unangetastet. Nicht zu begreifen. Wird ein Dieb, jetzt vor Beginn der kalten läge, solch einen schönen Mantel über-1 sehen? Maiwald griff rasch hinter den Dürprokln ' und drehte das Licht im Zimmer an. Keine Spur von Verwüstung. Auf dem Sofa lag ein Schuh- anzieher.
Es ist völlig undenkbar, sagte sich der Schrift- steller, daß ich den Schuhanzieher Hegengelaffen habe. Soweit ich mich erinnere, und mein Gedächtnis ist gut, habe ich mir die Schuhe in der Küche angezogen. Im übrigen bleibt in meiner Wohnung nichts liegen. Der Aschenbecher ist geleert, die Bücher stehen im Fach, nirgends ein Stäubchen — wie könnte ich einen Schuhanzieher vergessen! Wer also hat ihn hierhergelegt? Wessen Schuhanzieher ist es?
Di- Untersuchung ergab, daß es sich zweifsllos um Maiwalds Eigentum handelte. Eins her vielen kastenförmigen Schubfächer seiner Küchenkommvde hing lang heraus, als fei es eilig aufgeriffen worden, und war leer; darin verwahrte er den Schuhanzieher. Also ist es wirklich meiner, grübelte der verwunderte Mann den Ereignissen nach, aber ich hatte doch gar keine Veranlassung zu Haft und Ungestüm, ich kann und kann cs nicht gewesen fein, der diese Schublade so weit herausgerissen hat, daß sie nur noch leicht in den Führungs- leisten hängt! Holterdiepolter — das albte hei mir nicht Wer, frag' ich, wer hat sich in meiner Ab- Wesenheit des Schuhanziehers bedient?
Waren denn alle Schuhe vorhanden? Die' Schranktür flog auf. Richtig, da fehlten die abgetragenen grauen Wildlederfchuhe, merkwürdigerweise die schlechtesten, die er besaß. Schon lange war er mit dem Gedanken umgegangen, sie zu verschenken. Vielleicht hatte er sie bereits verschenkt? Nein, nein! Die Wildlederfchuhe standen noch am Nachmittag hier im Schrank, auf fein Gedächtnis schwor Maiwald.
Er löschte das Licht und setzte sich in den Lehnstuhl, unentwegt grübelnd. Wer hat ein Interesse daran, in meine Wohnung einzudringen, meine durchgelaufenen Wildlederschuhe herauszunehmen und mit meinem Schuhlöffel anzuziehen? ..
• „Verzeihen Sie", sagte da eine tiefe Stimme im Dunkel, „bas bin ich gewesen. Eigentlich hatte ich nicht die Absicht, mich zu melden. Ader nun, da ich sehe, wie Sie sich den Kopf zerbrechen, mag ich nicht länger schweigen."
„Wer sind Sie?" flüsterte Maiwald.
„Mein Name ist Balthasar Wiedehopf", entgegnete die Stimme. „Ein lächerlicher Name, doch Sie selbst, Herr Maiwald, sind dafür verantwortlich. In einer Nachtstunde, die Sie zu Ihren glücklichen zählen, haben Sie mir diesen Namen gegeben. Ich bin die bedauernswerte komische Person ihres neuen unvollendeten Romans."
„Wiedehopf", sagte der Schriststeller leise, „gewiß, ich kenne Sie. Ich kenne Sie sogar sehr gut. Was ist das für eine dumme Geschichte mit den Wildlederschuhen und dem Schuhanzieher, Wiedehopf?"
„Eine Zwangshandlung, Herr Maiwald. Entschuldigen Sie bitte. Ich bin zwar ein «sonder- Hng, aber trotzdem ein guter Kerl; das werden Sie mir bestätigen. Mein Uebergriff ist lediglich auf Ihre Erfindungsgabe zurückzuführen."
„Wie soll ich das verstehen?"
„Ganz einfach zu erklären, Herr Maiwald. Sie. mit dem poetischen Namen, haben mich Balthasar Wiedehopf getauft. Das schon war nicht nett von Ahnen. Aber Sie lassen mich obendrein immerfort 1 auf Strümpfen herumlaufen, sobald ich in meiner Wohnung bin, und in diesem Punkt, Herr Mai- | wald, weigere ich mich, Ihnen weiterhin zu folgen. Ist es nicht genug, daß ich einen Bart trage roie ein Kammerdiener aus der Mitte des 19. Jahrhunderts? Genügt cs nicht zur Erheiterung Ihrer Leser, daß ich, ein ehemaliger Buchhändler, meine Zeit damit verkürze, dem Papagei Sarda- napal Zitate aus französischen Klassikern beizu- , bringen? Wo ist die Notwendigkeit, nur die Schuhe oorzuenthalten? Bitte. Herr Maiwald, oei>
suchen Sie einen einzigen Tag, innerhalb Ihrer Wohnung nur mit strumpfbekleideten Füßen umherzugehen. Sie werden bald bemerken, wie das tut! Die Küche ist mit Fliesen ausgelegt, das Badezimmer auch. Ein Badezimmer haben Sie mir gütigst zugebilligt, Schuhe jedoch nicht, und nun muß ich — in meinem Alter — tagaus tag ein auf Socken, die Ihrer Beschreibung nach große Löcher haben, über die kalten Fliesen laufen. Ist Ihnen das völlig entgangen, Herr Maiwald? Sie erwähnen es jedenfalls nicht im kleinsten Nebensatz, Dichter sollten etwas schärfer denken."
„Ich bin kein Pfuscher!" stöhnte Maiwald grimmig.
„Ob Sie das sind oder nicht, werden wir schon im nächsten Kapitel sehen. Logischerweise müisen Sie mich spätestens im nächsten Kapitel an einer schweren Erkältung erkranken lassen, und die dürfte ich kaum überwinden. Ich soll aber bis zum Ende des Romans durchhalten. Wie haben Sie sich das vorgestellt?"
„Abwarten! Abwarten!" röchelte es aus dem Lehnstuhl.
„Nein, danke. Ich habe kein Zutrauen zu Ihrer Kunst, einen Greis mit beiderseitiger Lungenentzündung wieder gesund zu machen. Deshalb — und weil ich sowieso das Laufen auf Strümpfen über eiskalte Fliesen satt habe — nahm ich mir Ihre Wildlederschuhe und benutzte Ihren Schuhanzieher, denn sieh oben eine recht kleine Nummer, die nur knapp für meinen Fuß paßt. Sie werden also in Zukunft Balthasar Wiedehopf in Wildlederschuhen auftreten lassen. Wie Die das deichseln, ist Ihre Angelegenheit; ein Sonderling kann ja plötzlich auf kuriose Ideen verfallen —"
„Sie haben gar keine Ideen", keuchte Maiwald, „die Ideen hab ich! Wenn ich will, ist Ihr Kopf eine hohle Nuß!"
„Prahlen Sie, immerzu! Das entlockt mir nur ein mitleidiges Lächeln. Der Aerger treibt Sie. Herr Maiwald. Sie sehen ein, daß Sie etwas vergessen haben, nämlich die Lungenentzündung, und Sie waren doch der sicheren Meinung, Sie könnten gar nichts vergessen, nicht wahr? Ein halbwegs vernünftiger M-nsch sollte weniger überzeugt fein von sich selber. Als Sie ' vor dem Schrank standen und auf Ihre sanfte bedächtige Art schmoren, war ich schon nahe daran, ein Wört- leln mit^ureben. Lieber Herr Maiwald, Sie müßten sich einmal sehen, wie Sie zappeln und tapern! Sie leiden an gewaltiger Selbstüberschätzung. Ich geb- Ihnen den qirt<m Rat —"
> BriwO deine W-i-heiten für dich, ärmliche Kreatur! Gib meine WMederschuhe heraus!«
„Ich denke nicht dran."
„Sofort!" schrie Maiwald, schlug mit der Faust auf die gepolsterte Lehne des Sessels und sprang H.
Tiefe Nachtstille empfing ihn, beängstigend war der dunkle Raum mit Schweigen gefüllt. Er schaltete die Tischlampe ein. Da stand der Tabakskasten, und an den Wänden hingen die Bilder, vertraute Dinge, die sich nicht rührten. Die Uhr ging auf zwei. Sollte er wirklich die W'ldleder- schuhe verschenkt haben? War er es gewesen, der Den Schuhanzieher hatte liegenla'fcn? —
Nachdenklich riß Maiwald ein Blatt Papier vom Block und schrieb darauf: „Wiedehopf, Lungenentzündung, sehnige Natur, wunderbare Rettung."
Dann zog er sich gähnend aus.
Hochschulnackrichten.
Der em. Ordinarius der Deutschen Philologie an der Universität Jena, Professor Dr. Albert Leitz- mann, tonnte fetn goldenes Doktorjubiläum feiern. Die Universität Freiburg i. Br. erneuerte aus diesem Anlaß das Doktordiplom. Die Urkunde würdigt die großen Verdienste, die der Gelehrte „als Herausgeber und Deuter deutscher Texte und Quellenschriften von Wolfram von Eschenbach über Luther und Hans Sachs, Lichtenberg, Humboldt und Jacobi zu Schiller und Goethe vollbracht hat, und die er schließlich durch große Veröffentlichungen des Briefwechsels der führenden Forscher der Frühzeit seiner Wissen- schäft bereichert hat". Professor Leitzmann stammt aus Magdeburg und steht im 72. Lebensjahr.
Dem Professor Dr. Earlos d e la Torre y Huerta, Professor der vergleichenden Anatomie, Zoologie, Geologie und Biologie an der Universität Habana, wurde von der Medizinischen Fakultät der Universität Jena wegen seiner hervorragenden Verdienste auf dem Gesamtgebiet der Biologie die Würde eines Doktors der Medizin ehrenhalber verliehen. ,
Professor Dr. med. Paul Schmidt, Ordinarius für Hygiene an der Universität Halle, wurde von den amtlichen Verpflichtungen entbunden. Schmidt, der ursprünglich als Schisfsarzt tätig war, habilitierte sich 1907 in Leipzig für das Fach der Hygiene. 1912 wurde er dort zum ao. Professor ernannt, zwei Jahre später folgte er einem Ruf als o. Professor der Hygiene nach Gießen. 1916 übernahm er den Lehrstuhl in Halle, den er bisher inne gehabt hat. Professor Schmidt ist Mitglied der Leopoldina in fiatte und der Chilenischen Naturwissenschaftlichen .Gesellschaft tg Santiago,


