Nr. 30 Drittes Blatt
GießenerAnzeiger lGeneral-Anzeiger für Oberhessen)
4./5.Zebruar 1939
Aus Der Giavt Gießen.
Masten.
Uralt ist der Brauch und die Lust, sich zu verkleiden. Einmal, wenn auch nur für flüchtige Stunden, etwas ganz anderes zu fein, als man sonst immer ist — welch prickelnder Reiz liegt darin! Und das Geheimnis der Maske schützt, neckend und lockend zugleich. Niemand soll wissen, was für ein Alltagsmensch hinter dieser zierlichen Rokokodame, dem kessen kleinen Liftboy, dem Schornsteinfeger, dem Pierrot steckt. Ob er umsichtig ein großes Unternehmen, einen Haushalt leitet, hinter dem Ladentisch steht, an der Schreibmaschine tippt, Kinder betreut, schneidert, gärtnert, rechnet oder was sonst noch.
Man sagt aern, nichts sei verräterischer für die geheime Sehnsucht eines Menschen als ein Maskenkostüm seiner Wahl. Darzustellen, was man nicht ist, wahrscheinlich nie werden kann und so gern sein möchte. Möglich! Aber es fällt schwer, dies zu glauben. Denn wer einmal als Türke auf einem Maskenball erschien, wird doch nicht jahraus, jahrein in der gleichen Verkleidung erscheinen, vielmehr in bunter Folge als romantischer Ritter, kecker Bänkelsänger oder kinoechter Cowboy. Und sollten sich so heterogene Sehnsüchte in den geheimsten Kammern seiner Seele verbergen? Nein, nein! Glauben wir lieber an den Zufall, das Ungereimte, Uebermütige, die das Alltags-Jch tarnen wollen, zum, eigensten wie zum allgemeinen Vergnügen. „Wer bist du, schöne Maskef" Doch es gibt nicht nur die schwarze, geheimnisvolle Verhüllung, des Gesichts. Teufels- jratzen und andere scheußliche Gebilde grinsen aus einem Schaufenster karnevalistisch-zeitgemäß auf die Straße hinaus und erregen die Begeisterung der Kinder, die sich das Glück kaum vorstellen können, so ein wunderbares Ding zu besitzen. Doch es gibt so Glückliche.
In einer stillen Straße begegnete ich einem Trupp kleiner Buben, deren einer eine furchterregende Maske vorgebunden hatte. Die kleine Gesellschaft umringte mich hopsend und schreiend, am wildesten sprang der Furchterregende vor mir auf und ab. Doch plötzlich, obwohl ich sicher nicht angstverzerrt um mich blickte, hielt der größte — ein kleiner Ritter, wenn auch ohne Rüstung — ihn fest und sagte beruhigend zu mir: „In Wirklichkeit schaut er gar nit so aus, es is als nur eine Maske, nimm sie mal ab." Ein rührend rundes Gesichtel kam zum Vorschein, und ich tat ihm nur zu gern den Gefallen, befreit aufzuseufzen: „Na, ich hatte mich schön gehörig gefürchtet!" Erfolg beflügelt jegliches Streben. Und wie suchen wir ihn, wenn wir uns verkleiden. Oder suchen wir Erfolge?
Als ich noch klein war, hatten wir eine Köchin. Eine perfekte, obgleich dieser Ausdruck damals noch nicht existierte Ihre wohlgerundete Fülle aber gab schon auf den ersten Augenschein einen Begriff ihres Könnens. Sie war zu einem Maskenball eingeladen und präsentierte sich am Abend des großen Ereignisses vor uns als — Diana. Mit einem richtigen „Bratspieß", wie sie sagte. Ich weiß noch heute, wie hingerissen ich von ihrer ungewohnten, göttlich weißen, grünbebänderten Erscheinung war, und wie mir die kurzen weißen Glacehandschuhe zu dem klassischen Kostüm imponierten. „Wie prachtvoll Du ausschaust!" sagte ich aus tiefster Ueberzeugung, und beglückt schwebte sie wuchtig von bannen. Es kommt bei allem nur auf die Auffassung an.
Ob Engel ober Teufel, Landsknecht ober Schäferin — alles gilt gleich. Aber: heute, ach heute nur bin ich so schön. Morgen? Doch barin liegt ja ber Reiz bes heiteren Spiels. E. v. M.
Das Treudienst-Ehrenzeichen verliehen
Der Führer hat bem Zollinspektor unb Vertrauensmann im RDB. Georg B e ck beim Hauptzollamt Gießen bas Treudienst-Ehrenzeichen in Gold für 46jährige Arbeitszeit im öffentlichen Dienst verliehen.
16400 Personen in der Obhut des Verforgungsumts Gießen. (Sine Unterredung des Gießener Anzeigers mit dem Amtsleiter dieser Reichsbehörde.
Wir haben den Amtsleiter des Dersorgungs- amts Gießen, Regierungsrat Klahr, um Auskunft über den Stand ber Versorgung der Kriegsopfer und der Dienftbefchädigten im Bereiche feines Amtes geboten. Das Ergebnis der Unterredung bringen die nachstehenden Zeilen. Die Schriftleitung.
Zu den sozialpolitisch außerordentlich wichtigen Arbeitsgebieten des Reichsarbeitsministeriums gehört das Dersorgungs- und Pensionswesen für Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene und verwandte Personenkreise, zusammengefaßt unter der Bezeichnung „Reichsoersorgun g". Die oberste Leitung hat der Reichsarbeitsminister. Ihm unterstehen die Hauptversorgungsämter als Verwal- tuygs- und Aufsichtsbehörden. Diesen sind die Der- sorgungsämter als Lokalbehörden unterstellt, denen die Bearbeitung und Entscheidung aller Versorgungsangelegenheiten obliegt, soweit nicht für einzelne Sondergebiete — z. B. Kapital- abfinbuna, Gewährung unb Jnstanbsetzung von Körperersatzstücken, Babe- und Heilstättenkuren — die Hauptversorgungsämter zuständig sind.
Das Versorgungsamt Gießen besteht seit 1. Oktober 1919 als Reichsbehörde in Gießen. Es hatte seinen Sitz zunächst in der sog. Alten Klinik, heute ßiebigbau genannt, unb befindet sich seit 1929 in bem reichseigenen Gebäube an der Ecke Lessingstraße, bas in bem einen völlig selbständigen Flügelbau bas Versorgungsamt beherbergt, während der andere Flügelbau, unmittelbar anschließend, vom Finanzamt in Anspruch genommen wird.
Zur Zeit sind in dem Versorgungsamt Gießen 68 Personen als Beamte, Angestellte unb Hilfskräfte tätig. Amtsleiter ist Regierungsrat Klahr. Die vorgesetzte Dienststelle bes Gießener Amtes ist bas Hauptversorgungsamt Hessen in Kassel. Alle Beamten unb bie älteren Angestellten bes Versor- gungsamts Gießen sind selbst alte Solbaten dzw. Kriegsteilnehmer ober Kriegsbeschäbigte. Zwischen ihnen unb den Kriegsbeschädigten unb Kriegerhinter- bliebenen, bie täglich schriftlich unb münblich bie Hilfe unb ben Rat bes Versorgungsamtes erbitten, hat sich ein schönes Vertrauensverhältnis entwickelt, bas auf bem gemeinsamen solbatischen Erlebnis unb auf bem gemeinsamen Schicksal ber kriegsbeschäbig- ten Frontkameraben, aber auch auf ber vorbilb- lichen Pflichttreue unb auf bem weitgehenben sozialen Verständnis der nicht nur mit dem Kopfe, sondern auch mit bem Herzen auf Seiten ber Kriegsopfer stehenben Beamten bes Amtes begrünbet ist.
Beim Versorgungsamt Gießen find brei beamtete Aerzte mit ber Untersuchung unb Begutachtung derjenigen Personen tätig, die bie Betreuung burch bas Versorgungsamt nachsuchen. Im Amtsgebäube be- finben sich drei ärztlich eingerichtete Untersuchungszimmer. Abgesehen von den Untersuchungen im Amtsgebäude finden aber auch Hausuntersuchungen und bei ärztlichen Sprechtagen Untersuchungen außerhalb von Gießen durch die Aerzte des Amtes statt.
Das Versorgungsamt 'Gießen gliedert sich in ein Sachgebiet Verwaltung, zwei Sachgebiete Versorgung und in ein ärztliches Sachgebiet.
Arbeitsfeld und Aufgaben des Versorgungsamts Gießen.
Der Dienstbereich des Versorgungsamts Gießen umfaßt die Kreise Alsfeld, Biedenkopf, Dillkreis. Gießen - Stadt und -Land, Lauterbach, Limburg, Marburg - Stadt und -Land, Oberlahnkreis, Oder- westerwaldkreis und Wetzlar. Nach dem Stand vom 1 Januar 1939 verzeichnet das Versorgungsamt Gießen 16 400 Personen die durch das Amt Renten beziehen. Davon sind 8025 Beschädigte
und 8 3 7 5 Hinterbliebene. Daneben befindet sich noch der Personenkreis ohne Rentenzahlung, der aber durcb Hellbehandlung, Unterstützungen unb bgl. vom Versorgungsamt Gießen betreut wirb.
Der vom Versorgungsamt Gießen zu betreuenbe Personenkreis umfaßt in ber Hauptsache alle Angehörigen ber alten Wehrmacht unb ihre Hinterbliebenen. Neben ben Kriegsbeschädigten unb Kriegerhinterbliebenen aus bem Weltkrieg obliegt bem Per- forgungsamt auch bie Betreuung von Personen, deren Versorgung sich eng an diejenige ber Kriegs- beschäbigten anlehnt. Hierzu gehören die Altrentner, d h. bie vor bem 1. August 1914 aus bem Heeres- bienft ausgeschiebenen Militärpersonen, ehemalige Kapitulanten, denen je nach ben Umständen eine Dienstzeitrente, Dienstzeitleibensrente ober Belchä- bigtenrente zusteht. Weiterhin finb von bem Versorgungsamt zu betreuen bie Kämpfer für bie nationale Erhebung unb solche Personen, bie burch den letzten Krieg, ohne Soldat gewesen zu fein, Beschädigungen erlitten haben (z. B. Zivilpersonen, die in den Grenzgebieten während der Kriegszeit durch weittragende Geschütze ober burch den Abwurf von Fliegerbomben beschädigt würben), außerbem Beamte ber Schutzpolizei ber Länber unb ber Polizei beim Reichswasserschutz usw. Neben ben eigentlichen Versorgungsaufgaben beschäftigt sich bie Dersor- gungsbehörbe noch mit verschiedenen anderen verwandten Dersorgungsarten, z. B. Ehrenzulagen für die Inhaber einzelner hoher Krsegsorden, Beihilfen an die Veteranen von 1866 und 1870/71 und deren Hinterbliebene, von denen im Bereich des Derfor- gungsamtes Gießen noch eine ganze Anzahl zu be
treuen sind. Nebenbei bemerkt: die Zahl der fortlaufende Versorgung beziehenden Personen beläuft sich im ganzen Reich zur Zeit noch auf etwa 1,5 Millionen Menschen.
Neben dem vorerwähnten Personenkreis nehmen im großen Umfange aber auch noch andere Kriegs» teilnehmer und bereits abgefundene Kriegsbeschädigte usw. die Versorgungsämter in Anspruch, um Heilbehandlung, Unterstützungen, Neu oder Wieder, gewährung von Renten und bgl zu erlangen. Die Tätigkeit ber Versorgungsämter erstreckt sich nicht lediglich auf die Feststellung unb Auszahlung ber einmalig bewilligten Versorgungsgebührnisse, sondern sie umfaßt auch bie Prüfung cintretenber 23er» änberungen, z. B. Zugang ober Wegfall von Kin- bem, Erhöhung ber Versorgungsgebühren, Frauenzulage, Tob, Kapitalabfinbung, Zuschüsse usw.
Die rechtlichen Grundlagen der Versorgung.
Ein Anspruch bes obenerwähnten Personenkreises auf Versorgung besteht, wenn bie Gesundheits- schädigung bie Folge einer im Militärbienst erlittenen Dienstbeschäbigung ist, ober wenn der Tod des Ernährers mittelbar ober unmittelbar durch eine Dienstbeschäbigung herbeigeführt wurde. Für die Gewährung einer Beschädigtenrente ist weiterhin Voraussetzung, daß die Minderung der Erwerbsfähigkeit mindestens 25 v. H beträgt Bei einer Minderung ber Erwerbsfähigkeit von 50 v. H. und darüber wird eine Schwerbeschädigtenzulage gewährt. Ist fremde Wartung und Pflege notwendig, so tritt eine Pflegezulage hinzu. Den Hinterbliebenen werden Witwen-, Waisen- und Eltemrente ge-
Gesundheitsdienst im BOM.-Werk auf dem Lande.
Aus der Arbeit eines Heimabends.
Liebe Mädel!
Ihr habt euch nicht abschrecken lassen von bem großen Unbekannten, bas hinter bem Wort „Ge- sunbheitsbienst" steht, nicht von bem Wort Arzt unb bem bamit verbundenen Hören von Krankheit und Elend. Mit etwas Neugier, etwas Spannung und dem guten Willen, viel zu sehen, zu hören unb zu lernen, wollt ihr euch zu unfern Kursen melden. Da will ich eure Neugier etwas befriedigen, die Spannung vielleicht noch erhöhen unb euch einmal einen Abend in unserem Kreis schildern.
Glaubt ja nicht, daß wir gleich mit einem strengen Lehrbetrieb anfangen. Zuerst wird einmal nach Herzenslust frisch-frich gesungen. Erst bann beginnt ber Ernst bes Abends. Wir wollen heute in erster Hilfe schulen. Da hört ihr also, für die eine ober anbere ift’s eine kleine Wieberholungsstunbe, was alles auf euren Märschen, Wanderungen, Sportfesten, im Lager passieren kann, und wie ihr euch dabei zu verhalten habt. Ihr lernt, euch die Patientin erst einmal genau anschaun, ohne Zeter und Mordio zu schreien und den Kopf zu verlieren. Ihr lernt, eine Verstauchung oder Verrenkung von einem Knochenbruch zu unterscheiden, und viele Dinge mehr. Wundgelaufenen Füßen und Blasen seid ihr beim nächsten Marschieren bestimmt gewachsen, und jeder Arzt freut sich, wie sachgemäß die Wunden erst behandelt sind, die ihr ihm zuschickt. Nach all dieser Theorie — wir geben acht, wann ihr müde werdet; denn das ist ja bekanntlich nicht jeden Abend gleich; denn das ist ja bekanntlich erst einmal
wieder ein altbekanntes Lied gesungen. Und danach wollen wir uns praktisch betätigen. Heute abend üben wir die bei der Theorie vorgekommenen Verbände. Jetzt könnt chr euer Geschick zeigen und auch beweisen, daß ihr bei dem ersten Teil des Abends zugehört habt und wißt, worauf es z. B. beim Schienen ankommt.
Die Zeit ist wie hn Flug vergangen, und eigentlich könnten wir schon heimgehen. Aber jetzt kom-
Dem Auge das Beste!
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men noch 5 bis 10 „Frage-Minuten", d. h. diese Minuten sind für alles da, ihr mögt fragen, was ihr wollt, was euch im Laufe der Woche begegnet und unklar ist. Iyr könnt euch ein bestimmtes Thema für einen ber nächsten Abenbe wünschen usw. Aber auch wir fragen und freuen uns, wenn ihr von alten Hellbräuchen in eurem Dorf erzählt. Manch gutes altes Hausmittel wird dabei gewiß wieder lebendig, und vor diesem ober jenem Schlechten können wir euch warnen.
Ein Blick auf die Uhr, — jetzt ist aber wirklich Schluß. Noch ein Lieb, unb dann „Heil Hitler!" bis zum nächsten Mal. Eine BDM.-Aerztin.
Stickeipickel kommt gut davon
Don Hans Friedrich Vlunck.
In Bluncks Märchen spielen, wie sich die Leser aus früheren Geschichten erinnern werden, der unholde Kulenkröger, ein Wirt unten in der vollgelaufenen Sanbkule, dazu die Gestalten der Frau Holle und die der „Verlocket" eine besonders breite Rolle.
Beim unterirdischen Kulenkröger, das erzählte ich früher schon einmal, kommen oft allerhand bunte Gäste zusammen, alte Wichte unb Drullekerle, Dächse unb Füchse, und ich weiß nicht, was alles; es ist drollig, ihnen zuzuhören. Auch Stickelpickel, der Igel, hat feinen Spaß daran. Aber immer, wenn die Uhr zehn schlägt, klopft er auf den Tisch. „Herr Wirt, was macht die Zeche?"
Der Kulenkröger ärgert sich über den Gast; er hat Leute gern, die ihm etwas schuldig bleiben, da hat er sie in seiner Macht und kann von ihnen oer- langen, was er will. Stickelpickel hütet sich indes, bei bem alten Unholb in bie Kreibe zu geraten. Er hört sich an, wie bie Herren prahlen, er merkt, wie sie sich belügen unb beschwatzen unb wie einer bem anderen überkommt. Aber er selbst gibt sich keine Schwäche, er spielt nicht, er raucht nicht, er prahlt nicht.
Nun kommt ja eines Tages auch einer ber Knechte bes bösen Perlockers burch bie unterirbische Schenke. Der ärgert sich ebenso wie ber Kröger über ben klugen Gast, unb well er mit bem Igel noch eine alte Sache bereinigen unb ihm einen Schabernack spielen möchte, macht er sich einen Plan. Er tut, als ginge er halb seines Weges, kehrt aber nach einiger Zeit mit allerlei vermummtem Volk, Männern unb Frauen, zum Kulenkröger zurück. Unb bie einen haben sich wie Maulwürfe verkleibet, bie anberen wie Igel ober Baummarber, einige haben sogar bunte Fasselabenbrocke übergeworfen, wie es Burschen unb Mäbchen zu tun pflegen, wenn sie or- bentliche Bürger in Verwirrung bringen wollen. Es läßt sich auch nicht bestreiten, baß hübsche Gesichter barunter sind unb baß bie Leute, unb feis bes Teufels Hofgefinbe, sich behenbe und gefällig zu geben wissen
Stickelpickel macht große Augen; so etwas hat er noch nicht gesehen. Er merkt wohl, daß es Verkleidete find, aber daß schöne Frauen seine eigene Joppe angelegt haben, bringt ihm doch Spaß, er meint, es schmeichele seinem Stand.
Der Igel bleibt länger sitzen als sonst. Nach einer Stunde steckt sein Junge den Kopf in die Tur und fragt, warum er nicht nach Haus komme. Mutter hätte schon Sorgen, sagt er. Die anderen Gäste hören es unb beginnen zu lachen. Da wirb Stickel
pickel ärgerlich, er gibt seinem Jungen eins hinter bie Ohren unb schilt, er solle sich nach Haus scheren. Und weil bie Frau in ber Jgeljacke ihm gefällt, ruft er ihr ein paar luftige Worte zu.
Wieber vergeht eine Stunbe, ba kommen alle sieben Kinberchen zugleich in bie Tür. Aber sie wagen sich nicht weiter unb meinen nur, und keines mag etwas sagen, so sehr ängstigen sie sich, daß Vater böse werden könnte. Die Frau im Jgelrock nimmt das Jüngste auf den Arm und lacht mit ihm und seufzt, was es doch für einen Rabenvater habe. Das mag Stickelpickel nicht hören, er kauft ein paar Zwiebacke für die Kinder und schickt sie nach Haus, er käme gleich nach.
Nun ist es inzwischen Mitternacht geworden und allerhand schlimme Gäste stecken beim Kulenkröger den Kops in bie Tür. Der Ziegenmelker sieht sich bas Tanzen unb Fiebeln an, ber Uhu macht sich breit, unb sogar Frau Gullwig unb ber verwunschene Bauernvogt stellen sich ein unb wollen wissen, wer bas Fest gäbe. Sie bringen auch zwei unholbe Spielleute mit, es wirb ein Lärmen unb Juchheien, daß ber Böse seinen Spaß baran hat. Sogar Stickelpickel tanzt, er tanzt mit ber vermummten Frau im Igelrock. Freunblich ist ber Frembe zu ben Kleinen, aber als sie beim Verlocker vorüberkommt, verspricht ber ihr rasch einen Armring, wenn sie ihm ben Knirps in bie Hanb spielen kann.
Nun ist inzwischen Stickelpickels arme Frau_ in Unruhe geraten. Sie meinte boch, einen vernünftigen unb reblichen Mann zu haben, statt besten hort sie von unholbem Volk im Krug unb hört Tanzmusik aus ber Schenke. Ihr Herz klopft so sehr, sie wirft ben alten Mantel über setzt bas Kapottbütchen auf unb stiehlt sich heimlich zur Tür ber Unterirbischen. Immer, wenn ein Gast ein unb aus geht, versucht sie einen Blick hineinzuwerfen, um zu sehen, was mit ihrem Mann geschieht. Mitunter auch spricht sie bieten ober jenen an, sie wagt inbes nicht, nach bem Herrn Stickelpickel zu fragen.
Nach einiger Zeit kommen bie Kinber unb wollen sie holen. Aber Mutter schluchzt nur, ba fangen auch sie an zu meinen. Der älteste ber Jungen kann bas Geheul nicht ertragen, er sucht seine Geschwister vom letzten Jahr unb allerhanb Vettern auf. Er ist ein mutiger Gesell unb möchte mit einigen starken Männern in ber Schenke aufräumen, bie seiner Mutter soviel Kummer macht. Seine Schwester aber macht sich auf, Frau Holle zu suchen. Sie hat gelernt, bah, wo immer Leib zwischen Vater unb Mutter aufkam, bie gute Trösterin ben Betrübten zur Seite ftünbe.
Währenbbessen geht es im Kulenkrug hoch her. Der Böse zahlt seinen Leuten einen luftigen Abend, er meint ja, er Holts bei Stickelpickel wieder ein; ber Wirt bekommt bares Gelb für bie Zeche unb
ist zufrieben, weil seine Gäste viel zu staunen haben, bas ist gut unb erhöht seinen Rus.
Unb Stickelpickel — ach, Stickelpickel, tanzt mit ber Fremben im Igelkleib unb bilbet sich ein, solch luftige Stunden hätte er noch nie erlebt unb solch schöne Frau gäbe es nur einmal in ber Welt unb sei nur für ihn geschaffen. Er hört nicht, baß sich braußen jebesmal, wenn bie Tür geht, ein Murren erhebt, er merkt nicht, daß die Versucherin, wenn sie mit ihm tanzt, über ihn hinwegsieht unb dem Verlocker zuwinkt.
Endlich schlägt dem Kleinen das Gewissen, gewiß macht sich die Frau Sorgen! Ihm fällt auch ein, daß er feinem Jungen eine Maulschelle gegeben hat, es tut ihm leid, er will nach Haus. Aber er ist ritterlich und fragt seine schöne Tänzerin, ob er sie heimgeleiten solle. Unb wo sie wohne, unb was man so sagt, wenn man sich von seiner guten Seite zeigen will.
Darauf hat bie Vermummte gewartet. Sie gibt bem Verlocker ein Zeichen, baß er achtgeben möge, läßt sich wieber ben Hof machen unb tut wirklich, als bürfe ber kleine Stickelpickel sie heimbringen. Sie überlegt babei, baß sie im Augenblick, wo sie vor bie Tür tritt, ihre frühere Gestalt wieber haben wirb, ba will sie ben kleinen Schwerennoter beim Kragen kriegen unb für ihren Herrn Teufel verwahren.
Draußen aber stehen fünfzig ober auch hunbert Igel bereit. Unb bie einen wollen Stickelpickel retten, unb bie anberen, bie von ber Verwanbtfchaft ber Frau finb, wollen ihm einen Denkzettel mitgeben. So kommt es: Als bie Drullin mit Meister Stickelpickel vor bie Tür tritt unb schon bas Stachelkleib fallen läßt, fahren auf einmal lauter buntle Gesellen pfeifenb auf sie los. Das schlimme Weib schreit vor Entsetzen unb vergißt, ihren Ritter festzuhalten, es ist alles nur ein fürchterliches stachlichtes Durchein- anber. Well sie aber Furcht hat, ruft sie in ihrer Angst nach bem Bösen, greift einen Igel heraus unb behauptet, er sei ihr Gefangener. Der wehrt sich gewaltig, er kann nachweisen, baß er weitab wohnt unb noch niemals in ber unholben Schenke gewesen ist. Da greift sie sich einen anberen, aber ber ist noch ungefälliger, unb ein britter rollt sich auf, und als sie nach einem vierten langt, stolpert sie unb fällt längelang in bas kugelige Pack. Ja, unb als ber Bose ihr enblich zu Hilfe kommt, ist auch bie schone Frau Holle auf bem Platz unb will wissen, was sich zuträgt. Der Teufel schäumt vor Zorn, es ist inbes so, baß alle Igel vor fremden Leuten gleich erscheinen, unb weil bie gerechte Frau Holle babei ist, kann ber Versucher nicht einmal angeben, auf wen er es benn abgesehen hat.
Währenbbessen ist Stickelpickel mit seinem Weib längst auf dem Weg nach Haus. *
„Den hab ich wieder mal fein reingelegt", prahlt er. Ach, aber bie Frau weint unb weint in einem fort.
„War doch alles nur Spaß, Mutter", brummt ihr Mann, „du mußt wissen, daß ich ein ganz Listiger bin!" Unb als bas arme Weib immer noch nicht antwortet: „Wollt boch nur sehen, wie bie Frauen sind, tncnn sie in die Jahre kommen!"
Da seufzt die Frau und bleibt stehen. „Bin ich wirklich jünger als die?"
„Jünger? Das reine Kind bist du! Die war doch uralt, hast du das nicht gesehen? Soll ich sie dir mal richtig zeigen? Wir können ja umkehren!"
Aber das will Mutter Stickelpickel durchaus nicht. Nun, unb Frauen müssen ihren Willen haben. Stickelpickel seufzt, er hört viel Lärm von der Tür des Kulenkrögers und meint, es könnte seinetwegen fein. Indes die Frau will nach Haus, da muß man sich eben fügen.
Regen zur Ktimaverbefferung.
Wenn jetzt das im Auftrage des Führers errichtete Reichsamt für Wetterdienst Mitteilungen über feine Arbeiten zur Frostschabenverhütung macht, so ift damit die Bekämpfung von Schäden gemeint, die durch Früh- ober Spätfröste alljährlich eintreten Meist hanbelt es sich babei um Nachtfrost. Er schäbigt die Landwirtschaft und beeinträchtigt damit die Ernährung. So haben Spätfröste im Jahre 1935 tn der deutschen L) b st - und Feldfruchternte einen Ausfall im Werte von mehreren hundert Millionen RM. angerichtet. Man mag in früheren Zeiten derartige Verluste hingenommen haben, weil es unmöglich erschien, gegen klimatische Einwirkungen anzukämp-- fen. Das Reichsamt für Wetterdienst aber fetzte in deck letztvergangenen Jahren zahlreiche Forscher an, um durch Großversuche feftzustellen, ob es nicht doch möglich wäre, die Schäden früher ober später Fröste abzuwehren. Kalte Luft ist schwerer als warme. Sie bringt in die durch Berge ober Höhen- Züge geschützte Taler ein unb wirkt auf wertvolle Pflanzungen tobbringenb. Ein Tal in ber Umgebung von Trier würbe bazu ausersehen, den Einbruch der „Äaltluftfeen" zu verhindern. Zu diesem Zwecke stellten die Forscher Großregner auf, die ben ganzen Talgrunb in ben Frostnächten mit Kun st regen übersprühten. Die Temperatur des Wassers, zusammen mit ber burch bas Verregnen ftänbig bewegten Lust, ließen ben Kalllustsee nicht nieberfinfen. Die wiederholten Erfolge lasten sich noch nicht verallgemeinern. Die Forschungen zur Klimaverdesterung verdienen aber auch weiterhin I Beachtung.


