Nr. 29 Erstes Matt
189. Jahrgang
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Verkehrsprobleme auf dem Balkan.
pröstbenten unb Außenminister Dr. Stojadino- witsch. Danach verlas Stojadinowitsch der Presse eine Erklärung, in der gesagt wird, daß beide
Hm eine durchgehende Eisenbahnverbindung Ostsee — Aegäisches Meer.
Eigener Bericht des Gießener Anzeigers.
Möchte in allen Fragen übereinstimmten, chre engen Beziehungen aufrechtzuerhalten und mit allen Nachbarn auf gutem Fuße leben wollten. Dann erklärte Gafencu: „Wir wollen und werden den Mög-
Dr. H. Sofia, 31. Januar 1939.
Als der Gouverneur der Griechischen Staatsbank, Tsuderos, vor kurzem in Sofia einen mehrtägigen Besuch abstattete und dabei Besprechungen mit dem bulgarischen Ministerpräsidenten, dem Finanzminister, dem Gouverneur der Bulgarischen Nationalbank und anderen führenden Wirtschafllern des Landes hatte, war ersichtlich, daß diese Unterhaltungen einen verstärkten Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen beider Länder zum Ziele hatten. Bemerkenswert ist, daß Tsuderos auch die Notwendigkeit des Baues einer A n - schluß strecke zwischen dem griechischen und dem bulgarischen Eisenbahnnetz, durch das Struma-Tal, betonte.
Diese auf den ersten Blick erstaunliche Tatsache, daß zwei Nachbarländer keine Eisenbahnverbindung miteinander haben, bedarf nur insofern einer geringfügigen Berichtigung, als es zwar möglich ist, mit der Eisenbahn von Bulgarien nach Griechenland zu gelangen. Die große internationale Linie Budapest—Belgrad- Sofia—Edirne(Adrianopel)—Istanbul berührt nämlich den nordöstlichsten Zipfel Thraziens und verläuft auf etwa 35 bis 40 Kilometer von Karaagatsch bis Kuleli-Burgas am rechten Maritza-Ufer an der türkischen Grenze entlang auf griechischem Boden. Auch geht von Kuleli-Burgas eine N e • benbahn hinunter zum griechischen Hafen Alex- andropolis (früher Dedeagatsch), wo sie Anschluß an die Mazedonien in Ost-West-Richtung durchziehende Eisenbahnlinie nach Saloniki hat. Diese theoretisch mögliche Verbindung ist aber für eine schnelle und praktische Verbindung Sofias und der bulgarischen Wirtschaftszentren an der Donau mit den griechischmazedonischen Zentren, vor allem Saloniki, so ungeeignet, daß der Umweg über jugoslawisches Gebiet (Sofia—Skoplje—Beles—Saloniki) bei weitem vorzuziehen ist. Zwar kommt die von Sofia durch das Tal der Struma nach Südbulgarien führende Schmalspurbahn, die im Weltkrieg von deutschen Pionieren erbaut wurde, an chrem Endpunkt Petritsch bis auf wenige Kilometer an die griechische Grenze heran, und auch jenseits nähert sich die mazedonische Ost-West-Bahn, die bei Sidirokastron das Maritza-Tal überquert, ebnfalls bis auf eiwa fünfzehn Kilometer der Grenze des bulgarischen Nachbarn — nur fehlen noch die Schienenanlagen, um diesen .Katzensprung" zu überbrücken.
Es ist klar, daß die Wirtschaftsbeziehungen der beiden Nachbarländer unter dem Fehlen einer direkten Eisenbahnverbindung notleiden mußten. Nach der „Parole Bulgare" gibt es wohl kaum irgendwo auf der Well Nachbarländer mit so gering entwickelten gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen wie Griechenland und Bulgarien. Zwei Zahlen mögen das veranschaulichen: Exportierte Bulgarien noch im Jahre 1927 für rund eine Milliarde Lewa Waren nach Griechenland, so war der Wert dieser Ausfuhr 1933 auf den unbedeutenden Betrag von vier Millionen Lewa herabgesunken. Aehnlich war es um die griechische Ausfuhr nach Bulgarien bestellt. Hinzu kommt, daß bei einem kriegerischen Konflikt, der die Zufuhr Griechenlands über das Aegäische Meer sperren würde, lediglich Jugoslawien und Bulgarien imstande wären, Griechenland
zu beliefern. \
Bei dem Besuch bulgarischer Wirtschaftler auf der Messe von Saloniki im September vergangenen Jahres wurde beschlossen, ein neues Handelsabkommen auf der Grundlage der Meistbegünstigung abzuschließen. Auch wurde die Schaffung einer durchgehenden Eisenbahnverbindung durch Ausbau der griechischen Linie bis zu dem Grenzort Kula besprochen. Bis zur Fertigstellung des Verbindungsstücks sollte ein kombinierter Eisenbahn- und Lastkraft- wagenverkehr wenigstens eine verstärkte Beförderung griechischer Waren nach Bulgarien in die Wege leiten. In der Tat eröffneten die Griechischen Staatsbahnen einen Frachtverkehr, der bis zur Stadt Sidirokastron auf Schienen, von dort auf Lastkraftwagen bis Kula geht, dort von den Bulgaren übernommen und bis zur nahegelegenen Bahnstation Petritsch ebenfalls mit Lastkraftwagen Lurchgeführt wird. r
Der Bau der Verbindungsstrecke Stdirokastron— Kula—Petritsch, der allerdings auch von dem Ausbau der schmalspurigen Bahn auf N o r m a 11 p u r gefolgt sein müßte, würde auch eine, direkte Verbindung Saloniki — Sofia — Bukarest ermöglichen und so ebenfalls die griech.sch- rumänischen Wirtschaftsbeziehungen befruchten. Entscheidend aber ist, daß damit eine schnelle und direkte Nord-Süd-Verbindung von der O st s e e bis zum A e g ä i s ch e n M e e r geschaffen würde, die den beträchtlichen Umweg über die dichteren westlichen Eisenbahnnetze (Jugoslawien Ungarn, Tschecho-Slowakei) sparen könnte. Bis dahin dürfte auch die E i s e n b a h n - D o p - pelfähre über die Donau von Rustschuk nach Oiurgiu, deren Bau im Sommer 1937 zwischen Bulgarien und Rumänien beschlossen wurde und die das bulgarische Eisenbahnnetz direkt mit dem rumänischen verbinden würde, fertiggestellt sein wodurch die Fahrzeit auf der Strecke Sofia—Bukarest um ein Drittel (von 18 auf 12 Stunden) verkürzt wer-
Ganz wäre das Problem damit allerdings auch noch nicht gelöst, bennjm W i n t e r, wenn die Donau zuqefroren ist, könnte der Verkehr u Eisenbahnfähre nicht durchgeführt werdem Deshalb plant man schon seit einiger Zeit den Bau einer
großen Donaubrücke von Rustschuk nach Giur- giu, die man als „das Symbol der politischen Beziehungen der beiden Länder" bezeichnet hat. Man sieht: Nur wenige Kilometer Eisenbahnstrecke in Nord-Mazedonien, eine Eisenbahnfähre und einer Brücke über die Donau — und doch Fragen von größter wirtschaftlicher und verkehrstechnischer Bedeutung für eine Gruppe von vier zusammenhängenden Staaten (Polen, Rumänien, Bulgarien, Griechenland) mit zusammen über 65 Millionen Einwohnern.
Der rumänische Ministerbesuch in Belgrad.
Plan einer Straße von der Adria zum Schwarzen Meer.
Belgrad, 2. Febr. (DNB.) Der rumänische Außenminister Gafencu reist Donnerstag nacht mit dem Orientexpreß wieder in die rumänische Hauptstadt zurück. Nachmittags hatte er noch eine letzte Unterredung mit dem jugoslawischen Minister-
lichkeiten Rechnung tragen, die heute die internationale Lage bestimmen. Sie wurden dieser Tage durch den Führer eines großen Landes verkündet. Rumänien und Jugoslawien suchen für die Interessen aller Nachbarvölker Verständnis aufzubringen und hoffen, auf diese Weise eine Atmosphäre des Friedens und der fruchtbaren Arbeit im Donauraum und am Balkan zu schaffen. Sie sind glücklich, daß sich eine Großmacht freundschaftlich für diese Ziele interessiert und ihre Verwirklichung erleichtern will. Beide Staaten wollen eine solche Politik aber nicht auf Schwäche, sondern auf das Bewußtsein ihrer Stärke stützen, mit deren HUfe sie die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen und chre nationale Unabhängigkeit aufrechterhalten können."
Für den Plan einer modernen Straße, die das Adriatische Meer mit dem Schwarzen Meer verbinden soll, haben sich beide Minister lebhaft interessiert. Die Straße soll von Triest über Adelsberg und Laibach nach Agram und Belgrad gehen, die Donau bei Belgrad überschreiten, durch das Eiserne Tor an Krajowa vorbei nach Bukarest führen und schließlich bei Constanza am Schwarzen Meer enden.
Anhalten- scharfe Kritik an Roosevelts Kriegskurs in Amerika.
Washington, 2. Febr. (Europapreß). Die erregte Auseinandersetzung über die Begleitumstände der U8A.-Flugzeug lieferungen an Frankreich häU gleichzeitig mit einer scharfen Kritik an den Aeußerungen Roosevelts im Militärausschuß des Senats mit unverminderter Heftigkeit an. Die Kritik verweist im Zusammenhang mit einer neutralitätsverletzenden Bevorzugung Frankreichs auch auf die geringe Bedeutung, die Frankreich in den vergangenen Jahren als Abnehmer der nordamerikanischen Flugzeugindustrie gehabt habe. Während Frankreich jetzt ßieferungsaufträge für Flugzeuge nach USA. geben wolle, die insgesamt eine vierstellige Zahl erreichen dürften, habe es bisher kaum eine nennenswerte Rolle als Abnehmer dieses USA.-Exportartikels gespielt. Don dem Gesamtwert der im Vorjahre ausgeführ- ten Flugzeuge, Motore und Ersatzteile aus USA. von 68 Millionen Dollar sei nur ein geringer Bruchteil auf Frankreich entfallen. Nach den letzten Mitteilungen des Handelsdepartements waren vielmehr Holland und Holländifch-Jndien mit je elf Millionen Dollar, China, Argentinien und die Sowjetunion mit je sechs Millionen Dollar, die Türkei und Kanada mit je drei Millionen, Brasilien mit zwei Millionen und Mexiko mit einer Million die wichtigsten Abnehmer. Dann erst folgten Frankreich, ferner Rumänien, Polen, und Columbien.
Die energische Rede des ehemaligen republikanischen Präsidenten Hoover, in der er sich scharf gegen die politischen Ziele Roosevelts wandte, hat starken Eindruck hinterlassen. Man bedauert, daß Senator B o r a h gerade erkrankt ist, denn er würde gewiß in ähnlichem Sinne wie Hoover gegen Roosevelt Stellung genommen haben. Verschiedene Blätter sagen, bis zum 20. Januar 1941 s e i Roosevelt unabsetzbar, und bis dahin habe er die
Möglichkeit zu einer weitgehenden Verstrickung des Landes in außenpolitische Differenzen. Jetzt wolle RooseveU in den europäischen Angelegenheiten das Zünglein an der Waage sein, falls es seinen Gegnern nicht gelinge, ihn zu einem offenem Bekenntnis seiner außenpolitischen Pläne zu gewinnen, werde Roosevelt weiterhin die Rolle kopieren, die er seinem von ihm angeschwärmten demokratischen Vorgänger Wilson abgeschaut habe.
Der demokratische Senator Mc Carran und der republikanische Senator van den Berg forderten im Senat von Roosevelt, er solle vor dem Kongreß und dem amerikanischen Volk eine o f - fene Erklärung über die wahren Ziele seiner Außenpolitik abgeben. Das amerikanische Völk habe ein Recht darauf, zu wissen, was vor sich gehe. Es lasse sich nicht ohne seine Zustimmung in einen Krieg treiben. Der Vorsitzende des Marineausschusses, Senator Walsh, verglich die Aehnlichkeit der heutigen Kriegsagitation mit derjenigen vor dem Eintritt Amerikas in den Weltkrieg. Die einzigen Motive für die Aufgabe der Neutralitätspolitik feien Geschäftsinteressen unter völliger Mißachtung des Lebens und des Eigentums der amerikanischen Bevölkerung. Neun republikanische Mitglieder des auswärtigen Ausschusses des Abgeordnetenhauses erklärten, das ganze Volk der Vereinigten Staaten widersetze sich ohne Rücksicht der Parteizugehörigkeit gegen Kriegsprogramme einer Geheimdiplomatie. Der republikanische Abgeordnete Hamilton Fish sagte im Rundfunk: „Ich klage Präsident Roosevelt des Versuches an, die traditionelle amerikanische Politik der Neutralität, der Nichteinmischung und des Friedens wie einen Papierfetzen z u zerreißen, wie er beinahe jede andere amerikanische Tradition gebrochen hat, und uns in fremde Kriege und Militärbündnisse einer sogenannten kol- j lektiven Sicherheit zu verwickeln."
Demonstranten übersatten den belgischen Miniflerpräsi-enien.
Kronrat in Brüssel. - Der König fordert Stärkung der Regierungsgewali gegenüber den Parteien. — Der Soll Martens.
Brüssel, 2. Febr. (Europapreß.) Der erste belgische Kronrat seit jenem 14.Oktober 1936, an dem die belgische Außenpolitik auf völlig neue Grundlagen gestellt wurde, hat am Donnerstag unter dem Vorsitz von König Leopold getagt. Am Schluß der Sitzung wurde vom Ministerpräsidenten S p a a k eine Verlautbarung verlesen. Darin heißt es, daß sich der Kronrat ausschließlich mit innenpolitischen Fragen beschäftigt habe. Der König habe in seiner Ansprache den Gegenstand einer sorgfältigen Wirtschaftsführung berührt, ferner die Angleichung des Staatshaushaltes an die finanziellen Möglichkeiten, die Aufrechterhaltung der sozialen Gesetzgebung, die Beachtung der verfassungsmäßigen Grundlagen, sowie die Ansicht des Königs über die Aufgaben für feine Person und seine Minister. Außerdem habe der König die längst geplante allgemeine Verwaltungsreform gefordert.
König Leopold hat bisher nur selten, aber dann zielbewußt und energisch in die Staatsführung eingegriffen. Als er sich vor zwei Jahren für den neuen außenpolitischen Kurs einer belgischen Unabhängigkeitspolitik entschloß, waren mit der Stärkung des Heeres aus innenpolitische Reformen geplant. In den letzten Monaten hat sich nun herausgestellt, wie sehr das Spiel der Parteien die Regierung Spaak und damit die planmäßige Abwicklung ihres Programms ernstlich gefährdete. Schon anläßlich der sozialistischen Störungsverjuche im Zusammenhang
mit der Spanienfrage hat der König feinen Einfluß für die Regierung Spaak eingesetzt. Mit dem heutigen Tag hat nun König Leopold eindeutig dargetan, daß man zu einer Stärkung der Negierungsgewalt in verfassungsmäßigem Rahmen gelangen müsse, denn nur so scheinen sich die verschiedenen Punkte des Regierungsprogramms — Schaffung einer allgemeinen Arbeitslofen-Zwangs- versicherung, Vereinfachung und straffere Erfassung des Derwaltungsapparates, staalliche Einflußnahme auf das Wirtschaftsleben — verwirklichen zu lassen.
Wie sehr die Sorgen des Königs begründet sind, haben neuerliche Vorfälle in Brüssel offenbart. So spielten sich in der belgischen Kammer erneut Tumultszenen ab, die zu einer längeren Unterbrechung der Sitzung führten. Die Aussprache drehte sich um den Plan des wallonischen sozialdemokratischen Abgeordneten Tru'faut für die Einführung einer bundesstaatlichen Verfassung und die Derwaltungstrennung für Flandern und Wallonien. Mehrere radikale Marxisten und kommunistische Abgeordnete forberten die Regierung auf, zu dem Projekt Stellung zu nehmen. Sie schleuderten Schimpfworte gegen Spaak und feine Kollegen. Ministerpräsident Spaak erwiderte heftig, daß er die gegenwärtigen Methoden des Parlaments, das ihm dauernd Hindernisse in den Weg lege, satt habe. Es verginge kein Tag, an dem man ihm nie t Apfelsinenschalen vor seine Füße werfe. Entweder helfe ihm die Kam-
(Entente wohin 7
Je weiter die Diskussion über die geheimnisvolle Rede Roosevelts fortschreitet, um so deutlicher lassen sich in ihrer Auswirkung zwei verschiedene Tendenzen beobachten: einmal die begeisterte Zustimmung der französischen Presse, zum andern der wachsende Widerspruch der Bürger der Vereinigten Staaten gegen ihren eigenen Präsidenten. Wie der Ertrinkende nach einem Siroh- halm, so greift Frankreich nach den Versprechungen Roosevelts und merkt dabei gar nicht, wie es feine innere Schwäche offenbart. Schon stellt man in Paris triumphierende Berechnungen an über den Wert des wehrwirtschaftlichen Vierecks Frankreich- England-U8A.-Kanada, schon erklärt der „Paris Midi", dieser neue demokratische Bund sei viel solider als die Achse Berlin—Rom, schon sagt „3our= näe Industrielle", auch Frankreich sei durch seine geographische Lage gegenwärtig der vorgeschobene Wachtposten derjenigen Völkergruppe, die ihre tausendjährige Zivilisation nicht zugunsten barbarischer Weltanschauungen zerstören lassen wolle, schon verkündet auch die immer hetzbereite Märchentante Genevieoe Tabouis im „Oeuvre", daß Mussolini wegen der Rooseoelterklärung und auf Grund eines Telephonanrufes von Berlin auf feine geplante Rede verzichtet habe.
Außerdem hat die Tatsache, daß England in diesem Jahr die phantastische Summe von sechs Milliarden Mark für seine Rüstung ausgeben will, bei den Franzosen Helle Begeisterung hervorgerufen. Und doch fällt in den Becher der Freude ein Tropfen Wehmut. Man befürchtet nämlich in Paris und London nicht zu Unrecht, daß die Roosevelt-Erklärung in der Bevölkerung der Vereinigten Staaten lebhafte Gegenaktionen auslösen könnte, die der weltdemokratischen Politik keineswegs dienlich sein würden. In diesen Bedenken, die alle Zeitungen von rechts bis links wiedergeben, zeigt sich so recht die volksfeindliche und nur auf kapitalistischen Rüstungsgewinn ausgerichtete Politik, die nun von Amerika besonders nach England und Frankreich übergreift.
Für die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten selbst ist es bezeichnend, daß sogar Victor Ridder, der Verleger der „New Parker Staatszeitung", der Ende vorigen Jahres offen ins deutsch-feindliche Lager überging, den auf dem
mer bei feiner Arbeit oder aber di e Regierung werde zurücktreten. Der Antrag Truffauts wurde schließlich mit 111 gegen 62 Stimmen ab« gelehnt. Dann wurde über den Fall Martens abgestimmt. Die Ernennung des flämischen Arztes Martens zum Akademiemitglied, die von gewissen Frontkämpferorganisationen wegen der Zugehörigkeit von Martens Zum „Rat von Flandern" während der Besetzungszeit im Weltkrieg bekämpft worden war, wurde mit 88 gegen 86 Stimmen gebilligt. Die Regierung konnte hier also nur eine knappe Mehrheit von 2 Stimmen erhalten.
Gegen diesen Beschluß veranstalteten die Frontkämpferorganisationen am Donnerstagabend Demonstrationen in den Straßen Brüssels. Ein Teil der Demonstranten, der von der Gendarmerie aus dem Regierungsviertel herausgedrängt worden war, hatten sich nach der Wohnung des Ministerpräsidenten Spaak im Brüsseler Vorort St. Gilles begeben. Die beiden Präsidenten des Frontkämpfer« Verbundes und der „Feuerkreuzler" hatten die Wohnung des Ministerpräsidenten betreten, wo sie von seiner Gattin empfangen wurden und auf die Rückkehr des Regierungschefs warteten. Als Spaak, begleitet von seinem Kabinettschef, kurz vor 21 Uhr mit feinem Wagen vor der Wohnung eintraf, wurde der Wagen von den Demonstranten angehalten. Spaak verließ sein Auto, um sich eine Bahn durch die demonstrierende Menge zu brechen. In diesem Augenblick erhielt er mehrere Faust« schläge ins Gesicht, durch die er eine Stirnverletzung davontrug. Gleichzeitig wurde ihm der Hut vom Kopf gerissen. Sofort eilten Polizisten herbei, die ihn aus seiner Lage befreiten und nach Hause führten.
Nach dem UeberfaU hatte Spaak in seiner Wohnung eine Unterredung mit den Präsidenten der beiden Frontkämpferverbände, die sich gegen b t e Ernennung des Professors Martens gestellt haben. Sie forderten Spaak auf, fein Amt als Ministerpräsident niederzulegen. Spaak erwiderte jedoch, daß er nicht daran denke zurückzutreten und daß er nur dem König und dem Parlament für feine Ha nd- lungen verantwortlich fei. Der königliche Staatsanwalt begab sich nach dem Bekanntwerden des Angriffes auf Spaak in die Wohnungs des Ministerpräsidenten, um eine Untersuchung einzuleiten.
Ministerpräsident Spaak hat die Forderung nach seinem Rücktritt offensichtlich unter dem Eindruck der im Kronrat durch König Leopold zum Ausdruck gebrachten Bestrebungen nach Stärkung der Regierungsgewalt abgelehnt. Die belgische Presse berichtet in großer Aufmachung über den Kronrat. Dabei wird betont, daß der König nur selten und nur in schwerwiegenden Fällen seine Minister zu sich berufe. „Nation Belge" meint, gewisse Stellen der amtlichen Verlutbarung machten deutlich, daß der König die Minister auf ihre Pflichten als Inhaber der Regierungsgewalt aufmerksam gemacht habe. „La Derniere Heu re" unterstreicht, daß diese Beratung nur in einer A «- spräche des Staatsoberhauptes an seine Minister bestanden habe. Der König habe sehr nachdrücklich betont, die wirtschaftlichen Probleme überträfen alle anderen Fragen an Wichtigkeit; sie müßten daher vorangestellt werden.


