Ausgabe 
2.11.1939
 
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Nr. 257 Zweiter Blatt______________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag. 2. November 1939

Aus der Stadt Gießen.

OerHonig".

Birnenschälen und Honigkochen, das sind Arbeiten auf den Dörfern, wenn es regnet und man nicht auf das Feld kann. Heuer brauchte man sich nicht über allzu große Trockenheit zu beklagen. Die Bir­nen werden jetzt weich. Die letzten Zwetfchen werden gepflückt.

Am Abend werden die Birnen geschält und die Zwetfchen entsteint. Das ist eine mühselige Arbeit, aber Nachbarn und Verwandte helfen gern dabei. Man sitzt im Kreise in der Küche, und während die Messer ihre Schuldigkeit tun, gehen die munte­ren Gespräche gar flott vonstatten. Mancher wird durchgehechelt", und vielen mag es in den Ohren summen.

Der letzte Zwetschenkuchen und eine TasseOber- leeb" (von der Frucht des Speichers!) halten die fleißigen Frauen oft bis nach Mitternacht zusam­men. Zum Schluß streuen die Mädchen die be­kanntenGängelchen" aus den Zwetschensteinen von einem Haus zum andern, um anzudeuten, daß zwischen den Häusern ein besonderes Verhältnis besteht. An Scherzen und Neckereien fehlt es hier­bei natürlich nicht. Mancher hartgesottene Jung­geselle muß es sich gefallen lassen, daß einGängel­chen" zu einem jungen Mädchen führt.

Wenn man jetzt durch die Dörfer geht, dann strömt aus vielen Häusern der Duft von kochendem Zwetfchen- oder Birnenhonig. Zuerst wurden einige Sack Birnen gekeltert, und in diesem süßen Safte kochen nun die entsteinten Zwetschen und die ge­schälten Birnen. Das gibt ein feines Mus. Die Oberhessen sagen natürlichHonig".

Jede Familie hat ihr besonderes Rezept, nach dem derHonig" gekocht wird. Einige schwören auf die Zutaten wie Nelken, Zimt usw., andere wollen alles innatura" haben. Aber heuer gab es Birnen und Zwetschen genug. Da wird der Honig schon geraten.

Meistens betreut der Vater die Zubereitung des Honigs. Denn so einfach ist die Sache nicht. Wenn nämlich die Birnenstücke und Zwetschen in den ein­gekochten Most kommen, dann fängt die ganze Masse an, sich zu senken. Darauf muß achtgegeben werden, damit nichts anbrennt. Der Honigrührer wird geholt, und die Arbeit des Rührens, die oft die ganze Nacht währt, beginnt. In schweren Schwaden zieht der Wasserdampf aus dem Fenster der Waschküche. Das Feuer muß immer wieder ge­schürt werden. Der Honig darf nicht aus dem Kochen kommen. Kocht man zu schnell, dann schmeckt er zustreng", kocht man zu langsam, dann setzt er sich und brennt an. Deshalb muß fleißig gerührt werden. Dabei kann freilich die Nachbarschaft nicht helfen. Da steht jeder für sich allein. Wehe ihm, wenn er dabei einschläft! Dann ist der ganze Honig verdorben. An Stelle des zarten Zwetschenhonigs zieht man aus dem Kessel schwarze, verkohlte Klumpen hervor.

Schön sind die Abende, wenn die Frauen in der Küche sitzen und Birnen schälen. Der Duft des wer­denden Honigs weht von der Waschküche her, dort steht der Hausherr, feuert und gibt acht. Dann füllt er nach, und wenn er Glück hat, ist der Honig am frühen Morgen fertig. Nun kommt ein wichtiger, fast andächtiger Augenblick. DerNeue" wird von den Bekannten und Nachbarn versucht und begut­achtet! Ist er gut geraten, dann glänzen die Augen der Hersteller!

Das Jahr ist lang, und wer Kinder hat, will auch Brote schmieren können. Da kann man sich vorstel- lcn, wie wichtig das Birnenschälen, Zwetschen- entsteinen und Honigkochen auf dem Lande ist. Aber jeder tut diese Arbeit gern und freut sich, daß es nicht so ist wie im vergangenen Herbst, als die Bäume überhaupt kein Obst trugen. H.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Leinen aus Irland". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Erpresser".

Kims Lahre Volksbildungsarbeit der Partei im Gau Hessen-Nassau.

NSG. Der Nationalsozialismus fördert die Er­wachsenenbildung auf Grund anderer Voraus­setzungen als dies vor der Machtübernahme Adolf Hitlers der Fall war. Ebenso wie die Politik, er­strebt die Volksbildung die Förderung der Volks­gemeinschaft. Auf diesen Leitgedanken ist das Pro­gramm des Deutschen Dolksbildungswerkes seit sei­nem Bestehen vollständig abgestellt. Die einzelnen Themen der Vorträge und Arbeitsgemeinschaften, aufqeteilt in einzelnen Gruppen wie:Geschichte Politik",Wehrhaftes Volk",Gesundes Volk", Volk an der Arbeit",Deutsches Kultur- und Geistesleben",Volkstum und Heimat",Ein Volk erobert die Freude",Blick in die Welt",Blick in die Natur", stehen in enger Verblndüng mitein­ander. Organische Zusammenhänge der einzelnen Arbeitsgebiete zueinander werden klar herausge­stellt, so daß eine Vertiefung und Verwertung des Wissens erzielt wird. Zur Auswertung der Vor­träge und Vortragsreihen stehen die Arbeitsgemein­schaften (Politik, Geschichte, Kultur, Technik und Soziales) zur Verfügung. In den einzelnen Ar­beitskreisen ist die Möglichkeit gegeben, Veranlagung und Begabung zu fördern, sei es im Modellieren, Basteln, Photographieren, Zeichnen, Malen, in der Musik U. a. In den Sprachkursen werden Anfangs­gründe der Fremdsprachen vermittelt. Kulturfahrten, Führungen und Ausstellungen vervollständigen das umfassende Programm bfrs Deutschen Dolksbil­dungswerkes.

Die Dolksbildungsarbeit der Partei ist heute aus dem Volksleben nicht mehr wegzudenken. In we­

nigen Jahren hat sie sich den Platz in der Be­völkerung gesichert, den sie ihren Aufgaben entspre­chend verdient. Und ihre Tätigkeit, die jedem Volks­genossen die Möglichkeit bot, sich wissensmäßig wei­terzubilden, fand überall großen Widerhall. Insbe­sondere im Gau Hessen-Nassau stieg ihr Besucher­kreis von Jahr zu Jahr. Immer mehr Volksge­nossen fanden sich zu den Veranstaltungen ein, die schließlich in weitem Umfange ausgebaut wurden, so daß sie auch die Menschen auf dem flachen Lande erfaßten. Fünf Jahre ist es in diesen Tagen her, daß das Deutsche Volksbildungswerk im Gau Hessen- Nassau besteht. Diese kurze Zeitspanne war von großem Erfolg begleitet, der in einigen Zahlen deut­lich zum Ausdruck kommt.

In der Zeit vom 1. Oktober 1938 bis 30. Sep­tember 1939 führte das DVW. Hessen-Nassau 8730 Veranstaltungen mit 589 012 Teilnehmern dürch, das bedeutet 115 v. H. Veranstaltungen und 52 v. H. Teilnehmer mehr als im Arbeitsjahre 1937/38 und 483 v. H. Veranstaltungen und 418 v. H. Teilneh­mer mehr als 1934/35. Somit brachte das DVW. der Partei in den ersten fünf Jahren seines Be­stehens 17 020 Veranstaltungen mit 1 495 268 Teil­nehmern zur Durchführung.

Im Arbeitsjahre 1938/39 wurden in den größeren Kreisen des Gaues durchgeführt: Wiesbaden 2818 Veranstaltungen mit 26 293 Teilnehmern, Frankfurt 1153 Veranstaltungen mit 168 964 Teilnehmern, Limhurg-Unterlahn 729 Veranstaltungen mit 17 728 Teilnehmern, Darmstadt 715 Veranstaltungen mit 25 753 Teilnehmern, Worms 497 Veranstaltungen

mit 81049 Teilnehmern, Mainz 403 Veranstaltun­gen mit 42 227 Teilnehmern, Rheingau-St. Goars« Hausen 365 Veranstaltungen mit 24 015 Teilneh­mern, Offenbach 288 Veranstaltungen mit 17 768 Teilnehmern, Bergstraße 218 Veranstaltungen mit 23 375 Teilnehmern, Oberwesterwald 206 Veran­staltungen mit 18 976 Teilnehmern, Alzey 192 Ver­anstaltungen mit 5864 Teilnehmern, Biedenkopf- Dillenburg 180 Veranstaltungen mit 7984 Teilneh­mern und Schlüchtern 156 Veranftaltungen mit 8278 Teilnehmern.

(Im Kreis Wetterau wurden, wie wir auf Anfrage hören, insgesamt 79 Veranstaltungen_ mit einer Teilnehmerzahl von 19 476 durchgeführt. Die Schriftleitung.)

Seit Anfang des vergangenen Monats läuft in sämtlichen Kreisen und Volksbildungsstätten unseres Gaues das neue Winterprogramm 1939/40. Die Ar­beit des DVW. ist restlos auf die neuen und be- sonderen Aufgaben, die der Krieg erfordert, abge- stellt. Besonderes Interesse finden die aktuellen Vorträge über wehrpolitische Themen, für die sich Redner aus den drei Wehrmachtsteilen zur Ver­fügung gestellt haben. Die ersten Wochen des neuen Arbeitsjahres haben schon gezeigt, daß die Auf­gaben, die sich die Abteilung Deutsches Volksbil­dungswerk im GaU Hessen-Nassau für den Krieg gestellt hat, voll gelöst werden: Stärkung des Zu­sammengehörigkeitsgefühls und Förderung der Ge­meinschaft durch die Vermittlung gemeinsamer Stunden der Belehrung, Erbauung und Entspan­nung.

Gießener Dochenmarktpreise.

* Gießen, 2. Nov. Auf dem heutigen Wochen« markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 RM., Matte 25 bis 50 Rpf., Käse, das Stück 5 bis 10, deutsche Kühlhauseier, Klasse S 12, Wirsing, % kg 7 bis 8 Rpf., 50 kg 6 RM., Weißkraut, % kg 5 Rpf., 50 kg 4 RM., Rotkraut, kg 8 Rpf., 50 kg 7 RM., gelbe Rüben, % kg 9 bis 10 Rpf., Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 20, Feldsalat, 1/io 10 bis 15, Tomaten, Vt kg 25, Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Kürbis 6 bis 8, Kartoffeln, kg 4 Rpf., 5 kg 40 Rpf., 50 kg 3,15 bis 3,45 RM., Aepfel, kg 15 bis 25 Rpf., Birnen 15 bis 20, Blumenkohl, das Stück 10 bis 60, Salat 8 bis 12, Endivien 5 bis 10, Ober­kohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 10

** Die Geschäftslage b e i der Vermal« tungsstelle für Familienunterhalt macht es erforderlich, daß diese Dienststelle für persön­liche Vorsprachen nur zu gewissen Zeiten zugäng­lich ist. Der Oberbürgermeister hat daher angeord­net, daß das Amt nur noch Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag vormittags für das Publi­kum geöffnet ist. Es liegt im Interesse der Betei­ligten, diese Anordnung zu beachten.

**Dienstjubiläum bei der Reichs« bahn. Der Zugführer Wilhelm S ch m a h l t Glaubrechtstraße 10, kann am heutigen Donnerstag, 2. November, auf eine 40jährige Tätigkeit bei der Reichsbahn zurückblicken. Dem Jubilar bringen auch wir unseren herzlichen Glückwunsch zu seinem Dienstjubiläum dar.

Oie Spange zum EK. II verliehen.

Dem Führer der SA.-Standarte 116, Standarten­führer Lutter, der als Kompanieführer an der Front ist, und dem früheren Standortoffizier der Garnison Gießen, Major K r e h a n , wurde die Spange zum Eisernen Kreuz 2. Klasse verliehen.

DOM.-!lntergau 116 Gießen.

Ring 1/116 Gießen-Stadl.

Achtu ng, Sonntag Jugendfilmstunde.

Der Dienst am kommenden Sonntag fällt aus, jedoch gehen alle Mitglieder des HI.-Veranstal­tungsringes, sowie eine Anzahl durch die Gruppen­führerinnen beorderten Mädel zum Gemeinschafts­empfang einer Reichssendung, in der Reichsminister Dr. G o e b b e l s zur Jugendfilmstunde spricht, und zum FilmGrenzfeuer" ins Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße. Antreten 8.30 in der Schanzcnstraße bei den einzelnen Gruppen.

Die für die Führerinnen der Mädel und BDM- Werk anberaumte Führerinnenschulung findet nun für die Mädel-Gruppen am Mittwoch, 8. Nov., um 19 Uhr und für die BDM.-Werk-Gruppen am Donnerstag, 9. Nov., um 19 Uhr beide im Moefer- heim statt. Die Führermnenschaft ist davon durch die Gruppenführerinnen in Kenntnis zu setzen.

Wirtshausverbot für Trunkenbolde.

Der Reichsminister des Innern hat mit Wirkung vom 18. Oktober eine Polizeioerordnung über das Wirtshausverbot erlassen, nach der die zuständige Polizeibehörde einer Person, die eine Sucht zu übermäßigem Alkoholgenuß besitzt (Trunkenbolde), das Betreten von Gaststätten verbieten kann, in denen alkoholhaltige Getränke verabfolgt werden. Das Wirtshausverbot gilt, wenn es nicht örtlich be­schränkt wird, für das gesamte Reichsgebiet und kann bis auf die Dauer eines Jahres ausgespro­chen werden. Das Verbot kann wiederholt werden. Wer einem Wirtshausverbot vorsätzlich oder fahr­lässig zuwiderhandelt, wird mit Geldstrafe bis zu

150 RM., in besonders schweren Fällen mit Haft bis zu sechs Wochen bestraft.

Bekenntnis zum Frontgeist unserer Truvppn.

NSG. Das Schwert galt schon bei unseren Vor­fahren als heilig. Sie trugen es mit Stolz und Würde in dem Bewußtsein, daß sie keiner zu etwas Ehrlosem zwingen konnte, solange sie es zu ihrem Begleiter gewählt hatten. Dieser Geist ist lebendig geblieben bis in unsere Tage. Nur ein­mal in der Geschichte hat sich Deutschland von chm Io5gejagt und dieses Lossagen mit dem Diktat von Versailles bitter und schwer bezahlen müssen. Adolf Hitler hat die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes als die notwendigste Voraussetzung bei seinen umfassenden Aufbauplänen angesehen und ein Volk erzogen, das würdig ist, ein Schwert zu tragen und, wenn erforderlich, auch damit zu kämpfen. Aus diesem Bekenntnis zur Wehrhaftig­keit ist ein starkes und nicht mehr zu besiegendes Deutschland entstanden. Wir verdanken ihm den hervorragenden Frontgerst, der in wenigen Wochen die wahnwitzigen Polen niederzwang.

Wenn jeder Volksgenosse des Gaues Hessen- Nassau am kommenden Wochen-ende, dem 4. und 5. November, das Schwert als WHW.-Abzeichen bei der 2. Reichsstraßensammlung trägt, dann be­kennt er sich damit zum Frontgeist unserer Trup­pen. Der Dolch und das Schwert sind wohl mit die schönsten Abzeichen im diesjährigen Kriiegswinter- hilsswerk. Sie werden bei allen Volksgenossen des Rhein-Main-Gebietes großen Anklang finden. Von besonderem Interesse dabei ist, daß der Entwurf für diese Abzeichen aus dem Gau Hessen-Nassau jtammt, und zwar von dem Lehrer an der Staat­lichen Goldschmiede schule in Hanau, Bernd Och- michen. AlsStadt des edlen Schmuckes" wurde Hanau auch mit der Herstellung von achteinhalb Millionen Abzeichen beauftragt. Bei dieser Arbeit fanden rund 400 Volksgenossen auf die Dauer von drei Monaten Beschäftigung.____________________

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Und so

Da."

Bett, oder Das nach eine

schimpflicher Verdacht nie gewagt hätte.

Und wie es so geht im Leben, es wurde auch mit diesen drei Tagen fertig. Aber sein Gesicht war hohl und verwüstet, sein Gemüt grämlich und 'cheu, als er das Polizeigebäude in der Ettstraße als

gezogen worden, und sein ganzer derzeitiger Bar­besitz bestand in sechsunddreißig Pfennigen. Er schlich nach seiner Pension und meinte, alle Men- jchen müßten ihm ansehen, daß er aus dem Ge- jängnis kam. Er drückte sich an den Häusern ent­lang und zog den Hut in die Stirn.

Wieder da, Herr Doktor?" begrüßte ihn die Pickelmann, dieses fette, verschleimte Weib, dessen schmalzige Sentimentalität ihm in tiefer Seele zu­wider war.Hab' es ja gleich gedacht, daß sich die von der Polizei irren. So'n feiner Mann wie Sie wird doch nicht solche Sachen machen!"

Post gekommen? Oder telephoniert?" fragte er kurz.

Nichts war los. Seien Sie froh. Wenn ich einen Briej kriege, steht immer etwas Unangenehmes drin. Und wie ist das jetzt mit mir?"

Ach so. Ich werde das heute noch regeln."

Dann hielt er flüchtig in feinem 3immer Um­schau, zog einen reinen Kragen an und eilte in die Prinz-Ludwig-Straße; aber niemand öffnete ihm auf sein Läuten, auch die Hausmeisterin wußte nichts von der Fabri. Severin machte sich unschlüs­sig auf den Heimweg. Dann verkaufte er bei einem Trödler am Unteranger den besseren seiner beiden Koffer sowie einen seiner Anzüge. Er bekam nicht ganz dreißig Mark dafür und stahl sich voll Ver­legenheit aus dem muffigen Laden. Mit diesem Geld beglich er seine Rechnung bei der Pickelmann und ließ durchblicken, daß ihm das Zimmer auf die Dauer zu teuer sei.

Da können wir abhelfen", grinste die Wirtin. Ich habe noch ein anderes frei, wenn es Ihnen nicht zu klein ist. Ansehen kostet ja nichts. Ich ließe es Ihnen für sieben Mark die Woche, ohne Früh-

Stuhl und einen Waschständer enthielt. Tisch Schrank hatten schon keinen Platz mehr. Fenster ging auf einen finsteren Hof, der faulem Obst stank. Als Gegenüber hatte er rußige Brandmauer und zwei Schnittlauchstöcke in blechernen Heringsbüchsen. Der Schnittlauch blühte. Ich bin einverstanden", sagte Severin mit Ueberwindung. Aber er mußte doch ein Obdach haben, auch wenn es primitiv und seiner unwürdig war.Ich bezahle gleich für zehn Tage im voraus.

stück natürlich."

Severin bekam eine Kammer gezeigt, die

WrslimöerMöe

Roman MlvaWr kloepftr

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81. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

17. Kapitel.

Nach der Vernehmung durch den Kriminalrat des Falschgeld-Dezernats führte man Doktor Severin in eine Zelle; denn es mußten erst Ermittlungen an gestellt werden über seine Person, über seine Angaben, über den mysteriösen Herrn mit dem grünen Hütchen. Darüber verstrichen zwei volle Tage. Lankes wurde gesucht, in Riem wurde ge­fahndet, und die Gendarmeriestation Eschelbrunn wurde bemüht. Am dritten Tag entschuldigte sich die Polizei sehr höflich bei Severin, und man ließ ihn frei. Es hatte sich ergeben, daß er kein Mit­glied jener Fälscherbande war, die gemütliche Her­ren in grünen Hütchen vorschickte, um ihre Falsi­fikate an den Mann zu bringen, sondern der sehr ehrenwerte und noch nie mit dem Richter in Kon­flikt geratene Arzt eines kleinen fränkischen Städt­chens.

Das liest sich alles sehr einfach, aber für Severin waren diese Tage ein Ereignis von unvorstellbarer Niedertracht. Die Verhaftung, die körperliche Durch­suchung, die Pritsche, das spürbare Mißtrauen in seine Angaben waren Peitschenschläge gegen einen Empfindsamen, Wehrlosen und Unbescholtenen, der als Pechvogel in diese Klemme hineingeschliddert war. Er tigerte in dem schmalen Geviert seines Gewahrsams hin und her, gedemütigt, erniedrigt, hatte ein irres, törichtes Lächeln um den Mund, bis er als ein völlig Erschöpfter und Ausgepumpter auf feinem hölzernen StNhl zusammensank. Es dämmerte ihm die Einsicht, daß er nur eine Ziffer in dieser großen Stadt war, ein Unbekannter, ein Irgendwer, über den erst Recherchen gepflogen wer­den mußten, ehe man ihm glaubte. In Eschelbrunn wäre ihm das nie passiert; dort kannten ihn die Kinder, die noch am Rockzipfel der Mutter hingen, dort war er eine Dertrauensperson, an die sich solch

Er veranstaltete eine Art Umzug. Den besten i seiner Anzüge behielt er an; die anderen mußte er > mangels eines Kleiderhakens an Haken hängen. ut= c uu=> WuBxvuuvt u..Nachdem er sich rasiert hatte, was in diesem Loch freier Mann verließ. Er hatte eine Schlappe er-1 von Zimmer seine Schwierigkeiten hatte, brachte litten; die drei Fünfzig-Mark-Scheine waren ein-t ihm die Post einen Brief. Er erkannte fofort Rieles

Schrift und fetzte erregt den Umschlag auf. Er las, die Buchstaben verschwammen, und eine ziehende Schwäche kroch an feinen Beinen entlang.

Lieber Franz!

Erschrick nicht über diesen Bries; er ist mir, weiß Gott, nicht leicht gefallen. Ich habe in den letzten drei Tagen viel über uns nachstudiert und bin bei dem Schluß gelandet: wir müssen uns trennen!

Sei mir nicht böse, Franz; es ist natürlich nicht wegen dieser lächerlichen Banknotengeschichte, von der mir Deine Wirtin erzählt hat. Es ist etwas anderes. Ich bin keine Frau für Dich. Wir waren ein paar Wochen sehr glücklich, aber ich fürchte, daß das nicht so bleibt. Unsere Naturen sind zu verschieden, aber Du verstehst mich schon. Ich kann keine Arztfrau sein, wie Du sie brauchst. Ich habe einen Hang zur Verschwendung, ich bin launisch und besitze nicht die ausgeglichene Ruhe, die für einen solchen Betrieb notwendig ist. Während Du fort warst, habe ich immerzu an den Film denken müssen und bin ganz unglücklich geworden. Ich bin in die Vorhallen der Kinos gelaufen und habe die Aufnahmen betrachtet und habe mir ausgemalt, wie es wäre, wenn ich an Stelle der anderen in den schmaleHgoldenen Rähmchen hinge. Es war kindisch und undankbar, und Du wirst mich zanken, lieber Franz. Aber ich habe es nicht ändern können, und es hat mich ganz krank gemacht vor Heimweh nach dem Film, wo ich mal etwas Großes hab' werden wollen. Gestern, verzeih mir, bin ich bei Tutka gewesen, das ist der Regisseur von der Karla- Film ÄG., und er war sehr nett und hat gesagt, ich könnte für die Jennewein einspringen, die sich den Fuß verknackst hat. Das wäre eine himmel- jchreiende Chance für mich, und er würde mich ganz groß Herausstellen, und ich wäre ein Schaf, wenn ich nicht auf der Stelle zugriffe. Dem sein Ton ist immer so rauh. Da habe ich zu gesagt, weil man sein Glück nicht mit Füßen treten soll und weil es mit uns beiden ja doch nicht aus die Dauer geht. Ich ahne das. nein, ich weiß das, und es macht mich traurig deinetwegen, Franz, der Du alles so schwer nimmst. Die ersten Ausnahmen drehen sie am Gardasee, und wenn Du diese Zeilen erhältst, bin ich schon in Riva. Ich hätte so gerne Abschied von Dir genommen, aber es ging nicht wegen der Zeit; beim Film geht alles husch, husch, und es ist so vielleicht auch besser. Du darfst mich nicht schwach machen. Sei vernünftig und vergiß nicht ganz

Deine Riete."

Severin steht am Fenster, läßt die Hand mit dem Bries sinken und starrt mit ausgeleertem Hirn auf die beiden Schnittlauchstöcke, als könnte von da Rat

und Hilse kommen. Er tut nichts von alledem, was man so häufig in Büchern liest, er schleudert keinen zerknüllten Bries zu Boden, er rauft sich auch nicht die Haare oder schlägt die Hände schluchzend vors Gesicht; höchstens das Fallenlassen der Schultern und das Anhalten des Atems könnten als Affekt gedeutet werden. Und dennoch hat chn dieser Brief ganz stark getroffen.

Riele, feine Riele fahnenflüchtig!

Riete Hat genug von ihm und läßt ihn stehen!

Aber man kann doch nicht so einfach megtairfen nach dem was zwischen uns war, grübelt er ver­stört. Wir leben doch Nicht bei den Wilden. Was ist denn das für eine Welt, in der ich mich Nicht mehr zurechtfinde? Wir hatten ein bißchen Krach, na schön, das kommt in den besten Familien vor; ich bin momentan in einer prekären Lage, auch das ist nur vorübergehend. Das ist doch alles kein Grund. Und dabei war Riete das letztemal so gut und lieb, ihr ganzes Zeug hat sie mir aufdrängen wollen... aber da steht es ganz deutlich:wir müssen uns trennen", undich bin keine Frau für dich", unöich bin schon in Riva".

Er greift sich an den Kragen und holt tief Luft, um das einschnürende Gefühl dieser Ueberrunrpe« lung loszuwerden. Es gelingt nicht, sich aus der zähen Umklammerung von Schmerz und Betäu« bung zu befreien; man bleibt ein Gefangener, ein Abgedankter, ein jäh ins Gesicht Geschlagener. Den Mann Severin, gut aussehend, aber nicht mehr ganz jung, haben mancherlei Schläge in der letzten Zett getroffen; aber dieser ist der schwerste. Man konnte sich mit Sorgen Herumbalgen, mit Fried­rich, mit der Polizei; alles zu ertragen. Man konnte sogar ohne Geld sein, auch das Ling noch zur Not. Aber ohne 'Riele? Das ist unausdenklich und lähmend.

Severin trat vom Fenster zurück und sperrte bis Tür ab. Er ging mit kleinen, tastenden Schritten wie ein Mann im Nebel. Er warf sich in den Klei­dern aufs Bett, zog die Decke über die Ohren und machte sich einsam wie Robinson. Er zerpflückte sein Gehirn und biß in das Kissen und stöhnte zu­weilen. Er verging vor Schmerz und war wider­standslos vor Verlassenheit. Nach einer Stunde kroch er mühsam aus dem Bett und holte sich das Röhr« chen mit Deronal und ein Glas Wasser. Er schluckte ohne rechtes Bewußtsein drei von den bitteren braunen Dinger und hatte nur einen Gedanken schlafen, nichts mehr wissen. Severin wurde in einen erkünstelten traumlosen Schlas versenkt, bei? alle Gemeinheit der Welt auslöschte.

(Fortsetzung folgt.)