Türkei eine sehr ernste Entscheidung vorgenommen, denn Rußland habe im Sinne einer wirklichen Neutralitätspolitik die Sperrung der Dardanellen, also die Heraushaltung aus der Kriegszone angeregt, sei aber damit bei der Türkei nicht durchgedrungen.
Wer also die Last des Krieges auf viele unschuldige und fremde Schultern verteilen will, ist klar. England ist der Haupttreiber, und wenn die Sowjetunion sich diesem höllischen Prinzip, andere für stch fechten zu lassen, widersetzt, dann geschieht das, wie Molotow ausdrücklich jagte, „entsprechend ihrer Freundschaftspolitik gegenüber dem Deutschen Reich, in keinem Falle auch nur die Möglichkeit eines Konfliktes zuzulassen." Deutlicher kann man wirklich nicht nach Paris, London und Ankara sprechen. Auch nicht nach Washington. Roosevelt hatte sich im Namen der angeblich bedrohten Unabhängig- keit Finnlands, von der gar keine Rede ist, an die Moskauer Regierung gewandt und sich damit auch in die russischen Verhältnisse eingemischt, wie er sich schon so oft vergriff. Die Antwort ist mehr als deutlich. Roosevelt wird auf die „Unabhängigkeit" Cubas und der Philippinen hingewiesen, denen er immer noch die primitivsten Rechte vorenthält.
Die große außenpolitische Rede Molotows hat die Fronten geklärt. Sie hat den Wunsch der russischen Großmacht, mit Deutschland an der Konsolidierung eines neuen Friedens fernab von Versailles und gegen die Versailler Irrsinnspolitiker in England zu wirken, klar herausgestellt, sie hat den Willen der beiden größten europäischen Kontinentalmächte, für einen wahren Frieden zu sor- gen, einmütig aller Welt vor Augen gehalten. Daß in dieser anderthalbstündigen Klarlegung nur Frankreich nicht erwähnt worden ist, mag in Paris schmerzen. Die Art, wie die Politik Frank- reichs heute von England bestimmt wird, gibt ausreichende Erklärungen dafür. England ist auch in den Augen der sowjetrusfischen Staatsmänner der Unruhe st ifter der ganzen Welt. Zum ersten Mal hat Rußland unzweideutig erklärt, die Waffe der Hungerblockade sei völkerrechtswidrig und kriegsverlängernd. Auch das war ein Wort für Englands Ohr, wie die ganze Rede überhaupt eine Abrechnung mit England und seinen Vasallen ist, die viele künstliche Illusionen der Londoner Kriegshetzer zusammenbrechen läßt. E. S.
Das Interesse Schwedens.
Stockholm, 1.Nov. (DNB.) Die Stockholmer Zeitungen heben naturgemäß in erster Linie die Ausführungen Molotows über die Verhandlungen mit Finnland hervor sowie die Versicherung des Außenministers, daß Rußland nicht die Absicht habe, einen Druck auf Schweden und Norwegen auszuüben. Ebenso wird der russische Vorschlag bezüglich einer Lösung der Aalands- Frage stark in den Vordergrund gestellt. Daneben finden die unzweideutigen Feststellungen des russischen Außenministers über die Kriegspolitik der Westmächte und die Kritik an der Haltung des amerikanischen Präsidenten besonders starke Beachtung. „Stockholms Tidningen" unterstreicht, daß die Sowjetunion die Politik Deutschlands unterstützen will. „Folkets Dagblad" betont, daß Molotow die Westmächte als Angreifer gebrand- markt habe und daß nach russischer Ansicht Deutschland als ein Eckstein des Friedens stark sein müsse.
Oie deutsch-sowjetischen Wirtschaftsverhandlungen auf den wesentlichen
Warengebieten abgeschlossen.
Moskau. 1.Hot). (DHB.) Die deutsch-sowjetischen DirtschaslsverHandlungen in Moskau find auf den wesentlichen Warengebieten zum Abschluß gebracht worden. Ein Teil der deutschen Unterhändler in Moskau begibt sich jetzt für einige Tage noch Berlin, um an den Besprechungen teilzunehmen, die in Berlin zwischen einer Kommis- sion der Sowjetregierung und der deutschen Regierung über größere industrielle Bestellungen der Sowjetunion stattfinden. Rach Abschluß dieser Besprechungen und der damit verbundenen Besichti
gungen werden sich die deutschen Unterhändler zum Abschluß der Gesamtverhandlungen wieder nach Moskau zurückbegeben.
Auch eine halbe Absage Kanadas.
London, 1. November. (Europapreß.) Nachdem am Dienstag die australische Regierung London mitgeteilt hatte, daß Australien an Stelle der ursprünglich zugesagten drei Luftgeschwader für den europäischen Kriegsschauplatz sich nur auf Die Entsendung von Personal für ein Aufklärungsgeschwader beschränken werde, hat am Mitt
woch Kanada eine ähnliche Absage an die Londoner Regierung gerichtet. Der kanadische Ministerpräsident, Mackenzie King, erklärte in einer Rede, Kanada werde sich zwar am Konvoi-System und an der Ausbildung von Piloten für die Luftwaffe in Kanada beteiligen, aber der wichtigste Bei- trag Kanadas für das Mutterland werde nicht auf militärischem Gebiet liegen. In London hatte man stets damit gerechnet, daß Kanada die Entsendung eines starken Expeditionskorps nach England vornehmen werde. Mackenzie Kina hat mit seiner Erklärung den Lon- doner Kriegshetzern offensichtlich eine peinliche Ueberraschung bereitet.
Ablösung.
(pk.) lieber die weite hügelreiche LaMcbaft stürmt der herbstliche Südwestwind. Em Gluck daß er so tobt und stürmt und bläst, denn heute ist Ablösung. Er trocknet die aufgeweichten Feld- wege aus, er festigt die Träaerpfade, tue vom letzten Frontdorf nach vorn gehen, schnurstracks über Berg und durch Tal.
Unser Fahrzeug haben wir im letzten Frontdors zurückgelafsen. Ein Querbaum mit einem Posten davor hat uns chatt geboten. Dom Querbaum ab ist der Weg einzusehen und liegt unter feindlichem Streufeuer. Unsere Stiefel gleiten im zähen Lehm des Weges. Nur rechts und links auf der Grasnarbe geht es leichter. Eine doppelte Drahtleitung liegt im Feld, zieht sich an den Rainen entlang, vom Kartoffelacker zum Kleefeld, vom Brachfeld zum Stoppelacker. Weit und breit kein Mensch. Der Herbststurm bläst wild und jagt uns dürres Laub von irgendwo her ins Gesicht. Wir schreiten gegen den Sturm. Glänzende Fernsicht nach allen Seiten. Es geht auf Mittag.
Das letzte Dorf versinkt hinter uns m der Talsohle, verborgen in Gärten und Obstbäumen. Erste, noch ganz frische Granattrichter tauchen auf, bald rechts, bald links des Weges. Und da treffen wir die Ablösung. In kleinen Gruppen, aufgelockert, mit großen Abständen ziehen die Männer über das Feld. Der Wind zerrt und reißt an ihren Uniformen, läßt die Zeltplane blähen und flattern. Zehn Tage waren sie vorn, man sieht es ihnen an. Die Bärte sind gewachsen, die Gesichter erdig. Und die Uniformen gleichen nur noch Erdklumpen. Es find die Soldaten der Somme oder die Ablösung von Verdun, die da vorbeischreiten. Die Männer der Schlammstellungen irgendwo in Frankreich sind wieder aufgestanden und ziehen dort ins Hinterland, müde, schweigsam, bieder, tapfer, in einem Wort — prachtvoll.
Wir schämen uns fast unserer noch sauberen Brocken und der noch trockenen Füße. Freundliche Worte, Scherze, kameradschaftliche Grüße fliegen von unserer Gruppe hinüber und werden ebenso fteundlich und humorvoll beantwortet. Es gibt unter Frontsoldaten eine Sprache, die immer verstanden wird, in der kein falscher oder kitschiger Ton aufkommen kann. Und — wir wissen es, mir fühlen es — jene dort verübeln uns die noch trockenen Uniformen und die noch warmen Füße nicht, denn wir sind ja unterwegs zum Schützenloch, wir werden in einer, in zwei Stunden genau solche Lehmklumpen sein wie sie.
Die Ablösung zieht vorbei. Der Wind heult über die Landschaft hinweg. Jetzt haben die letzten Gruppen der Ablösung das Dorf erreicht und verschwin- den hinter den Gärten, Dächern und Mauern. Wir ftanwfen an der Doppelleitung entlang, hinunter ins Wiefental. Dort, hinter der Zone aus Granat- trichtern jeder Größe, liegt unser Ziel.
P. C. Ettighoffer.
eingreise, um nicht das Leben der luxemburgischen Bevölkerung zu gefährden.
Oer Wehrmachts bericht vom Mittwoch.
Berlin, 1.Nov. (DNB.) Vas Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Im Westen örtliche Artillerie- und Spähtrupptätigkeit, sowie einzelne Stoßtruppunternehmen.
Die Zahl der am 30. Oktober an der Westfront und über der Nordsee abgeschossenen Flugzeuge hat sich auf sechs, darunter vier britische, erhöht.
Oer heutige Heeresbericht.
B e r 11 n, 2. Nov. (DNB.-Funkspruch.) Das Oberkommando der Wehrmacht teilt mit: Im Westen nur an einzelnen Stellen schwaches Artilleriefeuer.
Oie Kriegsmarine gedenkt des Sieges bei Coronet.
Kiel, 1. November. (DNB.-Funkspruch.) Am 1. November, dem 25. Jahrestage des deutschen Seesieges bei Coronel fand am Ehrenmal in Laboe eine kurze Feier statt. In dem weiten
Außenpolitische Rede des türkischen Staatspräsidenteu. Das Scheitern der letzten Verhandlungen in Moskau. — Auslegungsversuche -es pattes mit England und Frankreich.
Istanbul, 1. Nov. (DNB.) In der Türkischen Nationalversammlung erklärte Staatspräsident Js- med Inönü: Das türkische Volk bedauere aufrichtig, daß in einem Teile Europas ein Krieg entstanden fei. Die Türkei habe angesichts dessen nur den einen Wunsch, dem Frieden zu dienen und ihre eigene Unversehrtheit zu sichern. Aus diesem Wunsche sei der Paktder Türkei mit Englandund Frankreich entstanden. Dieser Pakt, der nun der Nationalversammlung zur Ratifikation zugeleitet werde, richte sich gegen keinen anderen Staat. Er bezwecke nur die Erhaltung der türkischen Sicherheit in jenen Gebieten, die im Pakte erwähnt sind. Der Friedenswille eines jeden Landes beruhe auf bestimmten Bedingungen, den Lebensintereffen und der geographischen Lage des Landes. Unter diesen Voraussetzungen habe die Türkei den Pakt geschlossen. Nur dann werde dieser Pakt in Anwendung kommen, wenn von irgend einer Seite diese berechtigten Lebensinteressen der Türkei angegriffen würden. Der Pakt könne keinesfalls die guten Beziehungen der Türkei zu anderen
Staaten stören (?). Heute und auch morgen fei es der ernsteste Wunsch der Türkei, sich vom gegenwärtigen Kriege fernzuhalten.
lieber die Mission des türkischen Außenministers in Moskau sagte Ismed Inönü, die Türkei habe gehofft, daß die an und für sich schon freundschaftlichen und aufrichtigen Beziehungen z u R u ß l a n d zu einer noch günstigeren Entwicklung hätten gebracht werden können. Trotz aller Mühe, die man sich von türkischer Seite gegeben habe, sei esdies - mal leider nicht möglich gewesen, zu einem Ergebnis zu kommen, durch das sich die Interessen der Türkei mit denen der Gegenseite hätten vereinigen lassen. Die Besonderheiten der Lage der Gegenwart dürften aber die alte Freundschaft zu Rußland nicht beeinträchtigen. Was die Türkei anbelange, so werde sie nach wie vor in Aufrichtigkeit diese Freundschaft weiter pflegen. Wer der Türkei loyal begegne, könne die gleiche Loyalität auch von ihr erwarten. Sodann sand der Staatspräsident warme Worte für die türkische Armee, die jederzeit bereit sei, für die Verteidigung der türkischen Lebensinter essen zu kämpfen.
Geleit schützt nicht vor -rutschen U-Booten
$ünf Handelsschiffe trotz englischer Kriegöschiff'Aegleilung versenkt.
Oslo, 1. November. (DNB.) Die Mannschaft eines fclnvedischen Schiffes, das in Oslo eintraf, berichtet in „Tidens Tegn", daß sie im Atlantischen Ozean in der Nacht zum 20. Oktober 61 Mann des englischen Schiffes „Elan Ehisholm" gerettet hat. Die Geretteten erzählten, daß ihr Schiff zu einem von Gibraltar abgegangenen, aus 22 Fahrzeugen bestehenden Konvoi gehörte, der am 14. Oktober unter Begleitung englischer Kriegsschiffe nach England ab ging. Dieser Konvoi sei von drei deutschen U-Boo- ten angegriffen worden. Die Geretteten erklärten, mit eigenen Augen gesehen zu haben, daß hierbei mindestens fünf Handelsschiffe versenkt wurden, drei englische und zwei französische. Ein Teil der Mannschaft des „Clan Chis- Holm" ist von den schwedischen Schiffern in England an Land gesetzt worden.
Der Londoner Rundfunk meldet, daß am Dienstag ein weiterer englischer Dampfer versenkt worden ist. Es handelt sich um den 4666 Tonnen großen Dampfer „Carmona" aus Newcastte.
Sterbende Häsen in Holland.
Vernichtende Wirkung der britischen Blockade auf die neutrale Schiffahrt.
Amsterdam, 1. Nov. (DNB. Funkspruch.) Die vernichtenden Auswirkungen der britischen Blockade auf die Niederlande zeigen sich deutlich in den Zahlen des Schiffsverkehrs in holländischen Häfen. In Amsterdam sind im Oktober 1939 nur 168
Schiffe gegen 287 im Oktober 1938 eingelaufen. Wie der „Telegraaf" hierzu vermerkt, befinden sich jetzt jedoch unter den eingelaufenen Schiffen zahlreiche sehr kleine Fahrzeuge, so daß die Tonnage um mehr als die Hälfte vermindert worden fei. Der starke Rückgang in der Schiffahrt Amsterdams, der bereits im Sep< tember einfetzte, habe sich also im Oktober bedenklich fortgesetzt.
Neue schwere Neutralitäisverlehung!
Englisch-französische Flugzeugstaffel überfliegt Luxemburg.
Rom, 1. Nov. (DNB.) lieber eine neue schwere Neutralitätsverletzung durch englisch-französische Flugzeuge berichtet der Luxemburger Korrespondent des Mittagblattes des „Giornale d'Italia". Danach hat eine französisch-englische «Staffel von sechs Flugzeugen am Montagabend kurz vor Sonnenuntergang weite Teile Luxemburgs und auch die Hauptstadt selbst in beträchtlicher Höhe überflogen. Die französischen und englischen Flugzeuge seien neuerdings dazu übergegangen, durch xiefflug dem Feuer der deutschen Luftabwehr zu entgehen, wobei sie der Mosel und der luxemburgischen Grenze entlangflögen und dabei konstant die Neutralität des Großherzogtums verletzten, während die deutsche Abwehr nicht
Bux, das Stiert.
Von Hans Stiftegger.
„Bux! Bux! Stier!" ruft der kleine Florian Geischläger. Er liegt auf der Wiese und hütet das Vieh seines Vaters. Da trottet Bux, das Stier!, zu ihm heran, ganz nahe zu ihm heran und läßt sich, das Haupt tief niedergebeugt, von dem Büblein traun, dort, wo hinter dem Ansatz der kurzen, spitzen Hörner, am Beginn des fleischigen Halses das Grübchen liegt. Dann gibt der Florl dem Stier einen sanften Schlag in die Weichen, und sogleich trottet 33u£ mit behaglichem Brummen wieder zur Herde zuruck, gefügig und folgsam wie ein Händlern. Sie sind gute Freunde, der Florl und Bux. Noch niemals hat Bux die Peitsche zu spüren bekommen, die der Hirtenbub immer mit sich führt, und die er den vorwitzigen, bockigen Kälbern oder den aus Trägheit unfolgsamen Kühen so scharf und empfindlich um die Ohren knallen läßt. Bux gehorcht auf einen Ruf. Er ist ein wahres Musterstierl. Er ist auch ein Prachtstierl, alles an ihm zeugt von gedrungener, aber dabei doch nicht plumper Kraft, und sein fahles, glänzendes Fell ist mit großen, schwarzen Flecken schön und regelmäßig gezeichnet. Bei jeder Rinderschau müßte Bux unfehlbar einen Preis davontragen.
Florl hebt den Kopf aus dem Gras und sieht nach der Herde. Sie weidet behäbig und sozusagen gesittet am oberen Rande der Wiese. Aber wo ist Bux? Bux bearbeitet mit feinen spitzen Hörnern den $aun. Und schon hat er ihn nieöergeriffen, und jetzt springt er über die krachenden Hölzer hinweg in das grüne Haferfeld des Nachbarn.
Gleich ift der Hirtenbub auf den Beinen. „Bux!" schreit er, „Bux! Stierl!"
Bux hört nicht. Er rennt in das Haferfeld hinein.
Florl greift nach feiner Peitsche und läuft die Wiese hinauf. „Bux!" schreit er. „Aber Stierl! Bux! Was fällt dir denn ein! Wirst herausgehen!" Bux wendet sich nicht um. Ein breiter Streifen nieder- gestampften Hafers zeichnet feinen Weg. Nun muß auch Florl, so leid ihm ist, in das Haferfeld hineinlaufen. Er nimmt einen Bogen und kommt von vorn an den Stier heran. Jetze stehen sie sich gegenüber. Florl schwingt drohend die Peitsche. Aber Bux weicht nicht. In seinen sonst so sanften Augen glimmt ein böses Feuer.
„Wirst hinausgehen!" ruft Florl, die Peitsche hoch in der Hand.
Bux steht ttotzig upd kampfbereit im Haferfeld.
Jetzt pfeift ihm die Peitsche über den Kopf, zweimal, dreimal. Aber er weicht nicht. Das Feuer In
seinen Augen wird böser, und er brüllt kurz und drohend auf. Wieder saust die Peitsche.
Und bann tut Bux einen Sprung und wirst den Hirtenbuben mit einem einzigen, furchtbaren Stoß weit ins Haferfeld hin und springt ihm nach und stampft mit den Vorderfüßen auf dem armen, kleinen Körper herum und reißt ihn mit den Hörnern an den schon zerfetzten Kleidern empor und wirft ihn, laut aufbrüllend, noch einmal nieder ...
Aber jetzt kommen sie schon vom Hause heraufgelaufen, die Geischlägerin und ein Knecht und eine Magd. Der Knecht schwingt eine Mistgabel in den Händen, und sie beginnen, auf den Stier loszuschlagen, daß er, solcher Uebermacht weichend, von dem Büblein abläßt und sich brummend auf die Wiese zurückbegibt, unter die Herde mischt und zu grafen beginnt, als sei heute ein Tag, so friedlich und alltäglich wie nur irgendeiner.
Dieweilen trägt die Geifchlägerin ihren armen, blutüberströmten Buben ins Haus und bettet ihn jammernd auf fein Lager. Eilends rufen sie den Bauern vom Felde heim, und ein Wagen rattert davon, den Doktor zu holen. Zwei Stunden später liegt der Florl wohloerbunden da, aber er ist immer noch nicht aus seiner tiefen Ohnmacht erwacht.
„Ist das ein Tag!" jammert die Mutter ein um das andere Mal.
Der Doktor tröstet: „Er ist wohl arg zu gerichtet, aber es wird alles wieder gut werden. Längstens in drei Wochen ist er wieder aus dem Bette."
„Gottlob", sagt der Bauer. „Es hätf noch schlimmer aus fallen können." Und dann nötigt er den Herrn Doktor, einen kleinen Imbiß zu nehmen, einen Schluck Most und ein Stück Brot.
„Wenn er wach wird, nur. keine Aufregungen!" fagt der Doktor.
„Was dem Vieh nur eingefallen ist!" fagt der Bauer, und in feiner Stimme grollt ein schwerer Grimm. „Der Bub hat sich doch immer so gut mit ihm vertragen."
„So ein Tier ist eben doch immer unberechenbar", sagt der Doktor und ißt ein Brot und trinkt feinen Most.
„Morgen in der Frühe schlagen wir ihn nieder. Ich hab' dem Fleischhauer schon Botschaft sagen lassen. Wir brauchen ohnedies ein Fleisch für die Schnitter."
„Recht hast, Mann", pflichtete ihm die Geischlägerin bei. „Ich könnt' das wilde Vieh gar nicht mehr anschauen."
Da wimmert es vom Bett her. Gleich sind alle drei aufgesprungen, der Bauer, die Bäuerin und der Doktor.
Der Florl ist wach geworden, er hat die Augen
weit offen. Gang munter ist er, der Florl, und schaut alle drei Der Reihe nach an. Und er will etwas sagen. Aber es dauert eine Weile, bis sie verstehen, was sein Wimmern bedeuten will.
„Nicht niederschlagen ..., nicht meinen Bux, mein Stierl ... Nicht nieder schlagen!"
Kläglich und angstvoll bittet er um das Leben seines Bux.
Ratlos stehen sie alle drei da.
„Versprechen Sie es ihm", sagt der Doktor, „sonst regt er sich zu sehr auf."
„Sei nur schön still, Florl", tröstet der Bauer. „Es geschieht ihm nichts."
„Aber roeggeben tun wir ihn, verkaufen tun wir ihn, daß wir ihn nicht mehr sehen müssen", schlägt die Bäuerin vor.
„Nein, nicht roegge-ben, nicht verkaufen meinen Bux!" fängt der Florl wieder zu meinen an.
„Also gut, er bleibt da. Schlaf' nur schön, Bub", sagt der Bauer, und richtig, der Florl schließt die Augen und schläft getröftet ein.
Drei Wochen später sitzt der Florl am Fenster und schaut auf die Wiese hinüber, auf der die Rinder grasen. Es ist so schön und sonnig. Und da fängt der Bub zu betteln an, sie mögen ihn doch ein wenig hinausgehen lassen, er sei ja schon ganz gesund. Bis sie einwilligen und ihm die dicke Joppe anlegen und ihn hinausgeleiten auf den Anger. Da setzen sie ihn ins Gras. Wie blaß und schwach er noch ist!
Eine Weile sitzt er ruhig da und läßt seine Augen in der blanken, neu geschenkten Welt umhergehen. Dann ruft er jählings mit feinem schwachen Stimm- chen:
„Bux! Stierl! Bux!"
„Aber Florl..wehrt die Bäuerin ganz erschrocken ab.
Zu spät. Schon hat Dux den schwachen Ruf vernommen, schon hebt er das Haupt und kommt ein« hergetrabt.
Die Geifchlägerin will ihn abwehren und verscheuchen.
Aber der Florl lockt unentwegt: „Bux! Mein Stierl! Stierl! Bux!"
Und jetzt ist Bux da. Er beugt seinen Kops nieder, und Florl traut ihm das weiche Grüblein hinter den Hörnern. „Bux", fagt er, „armer Bux! Hab' dich wohl fest geschlagen, dazumal? Jetzt sind wir aber wieder gut, Bux, was?"
Bur hat die sanftesten Kinderaugen der Welt. Er hält sich ganz still. Und jählings streckt er seine rauhe Zunge aus der rosigen Schnauze und leckt dem Buben, so zart er nur vermag, die kleine blasse Hand.
Moltke-Anekdoten.
In jüngeren Jahren soll der Altteichskanzler Bismarck häufig gelungene Sinnsprüche geschrieben haben. Eine Probe enthält das Album einer fürstlichen Frau, das diese einst gerne zu zeigen pflegte, weil sich darin Eintragungen der bedeutendsten Der- sönlichkeiten des alten Deutschen Reiches befanden. U. a. steht ganz oben auf einer Seite eine Widmung von Moltke: „Schein vergeht, Wahrheit besteht. Graf Moltke, General-Feldmaifichall." Unmittelbar darunter hatte der Kanzler die Worte gesetzt:
Ich glaube, daß in jener Welt
Die Wahrheit stets den Sieg behält. Doch mit der Lüge dieses Lebens Kämpft unser Marschall selbst vergebens.
Bismarck. *
Moltke, der alte Generalfeldmarschall, verlebte seine letzten Jahre auf seinem Landgut in der Nähe von Schweidnitz.
Eines Abends als man wieder einmal beim Whist saß, fragte ihn einer aus dem Kreise, warum er denn eigentlich immer so schweigsam sei.
Moltke beschaute sich den Frager lange Zeit. Dann sagte er:
„Wenn ich Karten spiele, dann spiele ich und rede nicht. Und wenn ich nicht spiele, dann schweige ich."
Und nach diesen Worten spielte er gelassen und schweigsam weiter.
Oer lichte Augenblick.
Der berühmt Psychiater K r a e p e l i n stellte eines Tages im Kolleg einen Größenwahnsinnigen vor, der von seinem unermeßlichen Reichtum fabelte. Als der Professor jedoch von ihm wissen wollte, wie groß sein Vermögen sei, verweigerte der Kranke hartnäckig die Angabe. Endlich fraate der Arzt, warum er es denn nicht sagen wollte, da wandte der Patient sich zu den Hörern und gab die überraschende Antwort: „Hier sitzen doch so viele Herren, die nur darauf warten, mich anzupumpen." Als sich das Gelächter der Studenten gelegt hatte, fuhr Kraepelin ruhig fort: „Sie sehen hier, meine Herren, ein ausgezeichnetes Beispiel für das, was wir den .lichten Augenblick' nennen, der Patient verleiht plötzlich inmitten einer oroßen Reihe von Wahnideen einer berechtigten Befürchtung Aus-


