Ausgabe 
2.10.1939
 
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Ehrung der kinderreichen Mütter in Gießen

von

Lrgebniffe der Fußball-Runde Gießen

Die sich hieraus ergebenden Torchancen gingen jedoch unausgenützt vorüber, da man sich im Strafraum nicht richtig durchzusetzen verstand. Bei den Teu­tonen hingegen war dies anders, denn als sich in der blau-weißen Verteidigung ein Schnitzer ein­schlich, nützte dies Schmitt sofort in seiner bekann­ten Art zum Führungstreffer aus. Mit diesem Stand wurden auch die Seiten gewechselt. Kurz nach Wechsel erhöhten die Teutonen durch den Halblinken auf 2:0 und schienen damit bereits vor dem sicheren Siege zu stehen. Denn als die Blau- Weißen durch diesen Erfolg kurze Zeit aus dem Tritt kamen und die Gäste sich eine deutliche Ueber- legenheit erspielten, lagen weitere Treffer in greif» 1 barer Nähe. Als die Blau-Weißen jedoch durch

1900 wahenborn-Sleinberg 3:2 (0:1).

Die Fortsetzung der Rundenspiele brachte gestern mit dieser Begegnung ein weiteres wichtiges Zu­sammentreffen. Standen sich doch die beiden ersten der letzten Verbandsrunde bzw. die Meister der vergangenen zwei Jahre gegenüber. Und obwohl von vornherein feststand, daß beide Mannschaften mit stark veränderten Mannschaften antreten muß­ten, so war der zahlreiche Besuch der beste Be­weis dafür, daß die so entsprechend der Zeit durch­geführten Spiele immer noch genügend Anziehungs­kraft besitzen.

Der Beginn brachte ein ausgeglichenes Feldspiel, das sich gegen Mitte der ersten Hälfte zu einer leichten Ueberlegenheit der Platzbesitzer gestaltete.

Die Einführung der Reichsbrotkarte machte gewisse Aenderungen der bisher üblichen Gewichte von Brot und Weizenkleingebäck erforderlich. Jeder Volks­genosse wird in der letzten Woche festgestellt haben, daß sich beim Einkauf von Brot und Semmeln ge­wisse Schwierigkeiten ergaben, weil die auf die ein­zelnen Kartenabschnitte entfallenden Brotmengen mit den üblichen Gewichten nicht übereinstimmten. Die zuständigen Stellen haben deshalb eine Ver­einheitlichung der Gewichte von Brot und Klein­gebäck verfügt, die dieser Schwierigkeit abhilft.

Zukünftig wird Brot nur in Gewichten her­gestellt, die durch 500 teilbar sind, sich also mit den ebenfalls auf 500, 1000 bzw. 2000 Gramm lauten­den Abschnitten der Brotkarte decken. Die Preise für Brot sind in jedem Falle dieselben gebliÄen; sie haben sich lediglich im Verhältnis der Gewichts­veränderung gewandelt. (Z. B. bei einer Gewichts­herabsetzung von 1250 auf 1000 Gramm entspre­chend niedriger und bei einer Gewichtserhöhung

1750 auf 2000 Gramm entsprechend höher.)

Reue Gewichte von Arot und Kleingebälk preise den geänderten Gewichten angepaßt.

Am gestrigen Sonntag fand auch in Gießen, wie überall im Reiche, in eindrucksvollen Feierstunden die Ehrung vieler kinderreicher Mütter mit der Überreichung des vom Führer gestifteten Ehren­kreuzes der Deutschen Mutter statt. In diesem Jahre hatten sich in unserer Stadt je zwei Ortsgruppen vereinigt, um die Feier gemeinsam durchzuführen. Der Verlauf der Veranstaltungen brachte den kin­derreichen Müttern den Dank und die Ehrung durch unsere Volksgemeinschaft eindrucksvoll dar.

Die Ortsgruppen Süd und Ost

hatten über hundert Mütter, die mit dem vöm Führer geschaffenen Ehrenkreuz der Deutschen Mutter ausgezeichnet wurden, für den gestrigen Sonntag in die Neue Aula der Universität einge­laden. Zu der Feierstunde hatten sich auch eine große Zahl Politischer Leiter beider Ortsgruppen und Gäste eingefunden. Auf der Empore der Aula hatte eine Mädelgruppe des BDM. Platz genom­men, die nach dem Einmarsch der beiden Ortsgrup­penfahnen, die Feierstunde mit einem Lied ein- lettete.

Oer Ortsgruppenleiter pg. Grahlmann Gießen-Süd

sprach zu den Müttern. Eingangs wies er auf das Führer-Wort hin, daß es keinen Kampf für den Mann gebe, der nicht zugleich auch ein Kampf für die Frau fei, und der Kampf der Frau fei auch zugleich Kampf für den Mann. Für beide kenne da­nach der Nationalsozialismus nur e i n Recht, das zugleich auch Pflicht fei: für die Nation gemein­sam zu leben, zu arbeiten und zu kämpfen. Was der Mann einsetze an Heldenmut im Kampfe, fetze die Frau ein in ewig geduldigem Leiden und Er­tragen. Jedes Kind, das sie zur Welt bringe, sei eine Schlacht, die sie zu bestehen habe für Sein oder Nichtsein ihres Volkes. Damit sei klar gezeich­net, welche Wertung die deutsche Mutter durch den Nationalsozialismus erfahren habe. Die deutsche Frau sei Hüterin völkischer Ewigkeit. In der Er­füllung ihres naturgewollten und naturbedingten Schicksals diene die Frau als Mutter in erhabener Weise der Nation. Indem der Führer der deutschen Frau wieder ihren sinnvollen Platz im Leben ihres Volkes zurückgegeben habe, gab er ihr auch die höchste öffentliche Ehre. Niemanden schulde ein Volk größeren Dank als seinen Müttern, und nur ein Volk, das seine Mütter ehre, heilige den Quell seines Daseins. Mit der Schaffung des Ehren­kreuzes der Deutschen Mutter habe der Führer ihr ein sichtbares Zeichen ihrer Tapferkeit gegeben, für jene Tapferkeit, Mit der die Mutter in unendlicher Hingabe ihr eigenes Leben einsetze für das neue Werden.

Ortsgruppenleiter Grahlmann wies weiter noch auf die vielseitigen und oftmals großen Sor­gen der Mutter in der eigenen Familie hin, auf die Tapferkeit der Frau und Mutter in den Zeiten eines Krieges, wie sie entschlossen und tapfer Mann und Sohn ins Feld ziehen laste, zum Schutze der deutschen Heimat. Tapfere Mütter würden auch weiterhin ihrem Volke jene tapfere Jugend schen­ken, die seinen Bestand und feine Freiheit in allen künftigen Gefahren und Kämpfen zu sichern ver­mag. Es gebe keinen größeren Adel für die Frau, als Mutter der Söhne und Töchter eines Volkes zu fein. Jede Mutter, die unserem Volke ein Kind gegeben habe, trage durch ihren Schmerz und ihr Glück bei zum Glück der ganzen Nation.

Nach der Rundfunk-Uebertragung der Rede des Stellvertreters .des Führers fand die Verleihung der Ehrenkreuze an die kinderreichen Mütter statt. Ueber 100 Ehrenzeichen kannten überreicht werden.

Mit dem Gruß an den Führer schloß die schöne Feierstunde.

Die Onspruppen Istitte und Aord führten die feierliche Ehrung der kinderreichen Mütter in dem mit Fahnen und Blumen geschmück­ten Saale des Gesellschaftsvereins (Club) durch. Die

einen Elfmeter, den Koch plaziert verwandelte, auf 2:1 verkürzten, ging nunmehr das Gesetz des Haw delns von den Platzbesitzern aus. Es dauerte nicht lange, da stellte Heuser durch einen wunderbaren Zchuß das Unenffchieden her. Die nunmehr von beioen Seiten oerito-ften Anltregnungen um den Sieg brachten den Blau-Weißen den Erfolg. Im Anschluß an ein feines Flügelspiel von Kraft uni Bonarius verwandelte Goß die gut hereingegebene . Flanke zum 3:2, bei dem es bis zum Schlüsse blieb. Beide Mannschaften boten trotz der stark veränder. ten Besetzungen eine ansprechende Leistung, wobei die eingesetzten Jugendlichen für die Zukunft aller Gute erhoffen lassen.

s Feierstunde wurde mit feierlichen Weisen eröffnet, denen ein Schargesang des Jungvolks folgte.

Oer Ortsgruppenleiter Gießen-Mitte, pg. Weber

Bei Kleingebäck (Schrippen, Semmeln, Wecken usw.) lagen die Verhältnisse schwieriger. Die einzelnen Gewichte waren hier bisher noch unter­schiedlicher als bei Brot. Ebenso verschieden waren die Preise dieser Backwaren. Auch hier war deshalb eine Vereinheitlichung unerläßlich. Die erforderliche Anpassung der Brötchengewichte an die kleinsten Abschnitte der Brotkarte bedingte die einheitliche Festsetzung von Brötchengewichten, die künftig 46 und 23 Grumm betragen werden. (Auf 100 Gramm je Gewichtseinheit Brot entfallen 92 Gramm Klein­gebäck.) Auf den kleinen Teilabschnitt der Brotkarte, auf den 50 Gramm Brot abzugeben sind, wird es also zwei kleine Brötchen zu 23 Gramm oder ein großes Brötchen zu 46 Gramm geben. Entsprechend den Gewichtsänderungen waren gewisse Aenderun­gen der Preise erforderlich, die sich jedoch in keinem Falle zu einem Nachteil für den Verbraucher aus­wirken. da Gewichts- und Preisänderungen in dem­selben Verhältnis erfolgen.

begrüßte die Mütter und die übrigen zahlreich er­schienenen Volksgenossen, vor allem die Mitglie­der der NS.-Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerks, mit herzlichen Worten. Dann machte er den kinderreichen Müttern verständlich, daß sie in dieser schlichten Feier gerade in dieser ernsten Zeit die Würdigung erkennen mögen, die ihnen als den Müttern, deren Söhne in der Front stehen, um Deutschland gegen das perfide England zu schützen, zuteil werden solle. Wie der Soldat das Eiserne Kreuz erhalte, so habe der Führer das Ehrenkreuz für die deutsche Mutter gestiftet, um ihre Verdienste um das Volk anzuerkennen. Der Redner sprach den Wunsch aus, daß die Mütter dieses Ehrenzeichen noch lange in Freude und be­rechtigtem Stolz tragen mögen. Dann legte er den Müttern den Sinn und Zweck dieser Würdigung dar, die sie verdient haben, da sie als kinderreiche Mütter auf so viele Annehmlichkeiten des Lebens verzichten mußten, um ihre Kinder aufziehen zu können. Mit um so größerem Stolz, so sagte er ab- schließend, werden nun gerade diese Mütter ihr Ehrenkreuz tragen dürfen.

Gedichtvorträge, Führerworte und Schargesänge des ID. und BDM. leiteten zu einem stillen Ge­denken für die verstorbenen Mütter über. Mit einigen bekannten Liedweisen beschloß die Musik den ersten Teil der Feierstunde.

Hierauf begann die Uebertragung der Ansprache des Stellvertreters des Führers, Reichsministers Rudolf Heß. Im Anschluß daran sprach der

Ortsgruppenleiter Gießen Nord, ' pg. Thomas

der auf das Erntedankfest als Ehrentag der deut­schen Mutter hinwies. Der schönste Dank und bie. höchste Ehrung, so sagte er u. a., die der deutschen Mutter jemals zuteil werden konnte, sei der, daß der Führer trotz seiner großen Beanspruchung den Ehrentag der kinderreichen Mutter nicht vergessen habe. Der Redner wies darauf hin, daß in dieser Stunde in allen Ortsgruppen der NSDAP, die Ehrungen vorgenommen werden. Dadurch werde dokumentiert, daß der Nationalsozialismus den Wert und die Bedeutung der Familie erkannt habe. Der Führer habe es immer wieder herausgestellt, daß es keinen Arbeitseinsatz und' keinen Beruf der Frau gebe, der den der Mutter übertreffe. Mutter zu sein, sei der höchste Beruf der Frau. Den Kinder­reichtum des deutschen Volkes zu sichern, sei eines der wichtigsten Ziele.

Die beiden Ortsgruppenleiter verlasen dann die Namen der Mütter, die für die Auszeichnung mit dem Ehrenkreuz eingereicht sind und für die infolge der letzten Ereignisse die Kreuze noch nicht einge­troffen sind, so daß sie diese in nächster Seit über­reizt bekommen. Von den Müttern aus der Orts­gruppe Mitte erhielten 16 das goldene, 6 das silberne und 16 das bronzene, von den der Orts­gruppe Nord 19 das goldene, 13 das silberne und 24 das bronzene Ehrenkreuz durch ihre Ortsgrup­penleiter überreicht, die ihnen zugleich die besten Glückwünsche übermittelten.

Freudig bewegt stimmten die Versammelten in den Treuegruß an den Führer ein und sangen die Lieder der Nation.

Lollar Londorf 2:0.

Vor einer verhältnismäßig großen Zahl von Zu­schauern traten gestern die Mannschaften von Lollar und Londorf auf dem Platz von Lollar an, und lieferten sich ein Spiel, das allerdings nicht völlig befriedigen konnte. Leider traten die Gastgeber nur mit 9 Mann an und vervollständigten sich erst im Laufe des Spieles. Trotzdem hielten sie jederzeit das Spiel offen, wenn es auch vorerst nicht gelang, Torerfolge zu erzielen. Beiden Mannschaften mar die lange Spielpause anzumerken. Erst in der zweiten Halbzeit fielen die Tore, und zwar durch einen Elfmeterball und durch einen klaren Schuß des Linksaußen. Der Sieg der Lollarer war ver­dient.

Handball-Lokalkampf der Jugend.

1900 1. Jugend INtv. 1. Jugend 20:2.

Beide Mannschaften trugen ein Freundschafts­spiel aus. Die Blauweißen waren den ©egnent körperlich erheblich überlegen und zeigten außer­dem ein schönes Kombinationsspiel. Die wohldurch» dachten Angriffe endeten fast alle mit Torerfolgen. Das Spiel stand bereits bei ' Halbzeit 12:1 für ,1900. Die Ueberlegenheit der Blauweißen hielt auch in der zweiten Spielhälfte an, obwohl sich die Mtver alle Mühe gaben, ein ausgeglicheneres Spick herbeizuführen. Die Hintermannschaft der 1900er war aber auf der Hut und ließ nur zwei Gegen­tore zu. Das Endergebnis lautete 20:2. Der jungen Mannschaft vom Mtv. gebührt ein Sonderlob für ihren unermüdlichen Einsatz, der ihrer sportlichen Auffassung alle Ehre machte.

Uhein-Mainifche Börse.

Uneinheitlich.

Fr ankfurt a.M.,'30. Sept. Die Wochenschluß­börse hatte nach dem gestrigen Anstieg keine einheit­liche Entwicklung, jedoch überwogen am Aktien­markt noch mäßige Erhöhungen. Während die Kundschaft weiter etwas kaufte, war der Berufs­handel zu Abgaben bereit, das Geschäft blieb in­dessen hinter dem gestrigen zurück. Die durchschnitt­lichen Schwankungen lagen bei 0,50 bis 1,50 v. H. Nach Pause stärker erhöht waren Aschaffenburger Zellstoff mit 89,65 (83,75) und Adlerwerke Kleyer mit 88,50 (85); fest waren außerdem Daimler Mo­toren mit 112,25 (111), Harpener mit 141,4» (140,50). Don den führenden Papieren gaben IC. Farben auf 156,50 (157,25), Siemens auf 202,13 (202,65), Rheinstahl auf 123,25 (124) und Rhein­metall etwas stärker auf 113,25 (115)nach. Ander­seits AEG. 115,50 (115), Hoesch 107,65 (107), Ber­einigte Stahl 93,75 (93,40) und Mannesmann 100,40 (100).

Am Rentenmarkt war die Tendenz in Er­wartung des Anlagetermins weiter fest, ©efragt wurden weiterhin Gold Pfandbriefe, ebenso 30 gern Liquidationswerte überwiegend 0,25 bis 0,40 0. h. an. Reichsaltbesitz-Anleihe weiter gefragtmit 132,50 (132), ebenso Dekosama I mit 136,13 (135,75), letztere auf die bevorstehende Ziehung. Industrie- Obligationen schwankten bis 0,50 v. H. Stadtan- leihen blieben unverändert, einzelne Länder-An­leihen leicht erhöht.

Im Verlaufe schrumpfte das Geschäft weiter zu­sammen, und auf kleine Gewinnmitnahmen hm bröckelten die Kurse vielfach leicht ab. Vereinigte Stahl 93,50 nach 93,75, Mannesmann 99,75 nach 100,40, AEG. 115 nach 115,50. Bei den später no­tierten Papieren betrugen die Abweichungen etwa 1 v. H., Berger Tiefbau 2 v. H. fester mit 138.

WrsliMörrMSe

Roman MwallherMWr

kWrWt by Carl Duntfcr Verlag - Berlin w 62

4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Leinfelder!"

Depenau! Sehr erfreut! Ich habe Ihr Tele­gramm erhalten. Sie möchten meinen Besitz in Augenschein nehmen? Ich stehe zur Verfügung. Zurück, Marko!"

Plötzlich gibt es Leinfelder einen Stoß. Der Kon­sul hat ihm die monokellose Hälfte seines Gesichts zugedreht, die kein Gesicht mehr ist, sondern eine einzige große Narbe. Volltreffer. Der Rundgang durch die Gebäude fft eine Enttäuschung. Weitläu­fige Säle mit einem Minimum an Mobiliar, wert­lose Gemälde, Jagdtrophäen, eine Ritterrüstung, Leinfelder hat schon Besseres gesehen. Der Schloß­hof hingegen ist eine Idylle. Ein sagenhaft tiefer Brunnen ist da, aber das Pumpwerk funkioniert Nicht, und alles Wasser muß aus dem Städtchen in Fässern herantransportiert werden. Durch höl- zerne Wehrgänge, die mit gutmütigen Kanönchen geschmückt sind, wandeln sie zum Lugaus'. Leinfel- der blickt durch eine Schießscharte auf die friedliche kleine Stadt in die Tiefe und kann sich in einer Anwandlung von Träumerei gut vorstellen, wie sie da droben gezecht, gerauft und mit ihren Pratzen auf die Eichentische gehauen haben. Alles nett, aber alles Nicht rentabel.

Der Turm ist 24 Meter hoch", belehrt der Kon­sul und geht auf der wurmstichigen Treppe voran. Oben sagt er mit einer weiten Handbewegung: Wünschen Sie Einzelheiten?"

Eschelbrunn, Stadt wie das klingt? früher unter der Botmäßigkeit der Eichstädter Bischöfe, dann der Hohenzollern, jetzt 1800 Einwohner. Im Mittelalter nicht unwichtig wegen der Nürnberger Heerstraße, jetzt ohne Bedeutung. Dreizehn Wirt­schaften, zwei Kirchen, zweimal täglich Postauto, Bahn leider keine, nennenswerte Behörden keine."

13 Wirtschaften!" staunt Leinfelder.Hier wird ja mächtig gesoffen. Müssen viel Geld haben die Leute."

Früher, alles früher, lieber Herr. Jetzt sind sie froh, wenn es hin und wieder zu einem Seidel

langt. Diele Arbeiter, namentlich Maurer, mit einem Aeckerchen beim Haus, manche auch ohne. Dann ein paar Bauern mit zwei, drei Kühen, ein paar Geschäftsleute, ein paar größere Landwirte, aber die kann man an den Fingern herzählen, aus. Es ist zu sandig bei uns, zu viel Ginster, Heide­kraut und Föhren. Drüben, jenseits des Hügels, auf dem das Krankenhaus steht, ist es wieder zu naß, alles Oedland, Sumpf, Med, Moor, wie sie hier kurzerhand sagen. Hopfen wird natürlich aucb gebaut, der fft sogar die Haupffache auf dem sandi­gen Boden. Aber der Hopf'ist ein Tropf, heißt eine Bauernregel." \

Sand Moor. Ist das nicht ejn Widerspruch?" Nein, der Höhenzug dort drüben ist die Scheide. Die letzten Jahre waren schlimm für die Eschel- brunner: der Hopfen danebengeraten, keine Arbeit für die Maurer, Krisenunterstützung, Wohlfahrt, Beerensuchen, Pilze."

Sagen Sie mal, Herr Konsul, welche Grund­stücke gehören nun eigentlich zum Schloß?"

Das fft leicht zu sagen. Der Föhrenwald dort links und die Wiesen in der Talmulde und hier die Aecker bis an die Straße. Außerdem vomMoor" das große Stück zwischen dem Birkenhag und dem einzelstehenden Haus. Der Grund rechts davon ist Eigentum von unserem Arzt, der die Spitalziegen darauf weiden läßt. Geflügel gibt es hierne Menge: Schnepfen, Wildenten und son Zeug."

Und welchen Preis haben Sie sich gedacht, Herr Konsul?"

200 000 Mark."

Leinfelder glaubt nicht recht gehört zu haben. Der Mann ist ja wahnsinnig. Diel zu viel für diese Steinkiste, die paar Grundstücke und das bißchen Romantik. Er erwidert kurz:Das ist nicht zu machen, lieber Herr Konsul." >

Sie vergessen das Moor."

Warum?"

Weil das eine Goldgrube ist, wenn niüit es kultiviert. Ich habe privatim Versuche mit dem Boden angestellt, die mehr als zufriedenstellend aus- aefallen sind. Wenn das Moor dräniert, umge­brochen und gedüngt ist, wächst, was Sie wollen. Sogar Weizen."

Schon. Und wer soll das machen, wenn ich fragen darf?"

Der Staat oder präziser ausgedrückt die Ge­meinde, wenn ihr der Staat billiges Geld leiht. Das kommt über kurz oder lang. Eingaben sind bereits unterwegs."

Eingaben, Eingaben! Gott erholte Ihnen Ihre Zuversicht, Herr Konsul", spottet Leinfelder.

Man muß an diesen Staat glauben, Herr", sagt der andere schaff.Die früheren hatten ja nie Geld für solche Projekte; aber jetzt, jetzt rührt sich etwas. Man macht Sümpfe urbar, man stampft Straßen aus dem Boden, man ringt dem Meer einen Koog nach dem anderen ab, man hilft Not­standsgebieten warum soll gerade Eschelbrunn für eine so todsichere Sache kein Geld bekommen? 30 Bauernhöfe kann man auf bas Moor stellen, wenn es so weit fft!"

Sie mögen ja recht haben", lenkt Leinfelder ein, obgleich er Nicht recht überzeugt ist.Aber warum warten Sie dieses goldene Zeitalter nicht selbst ab?"

Ich kann nicht. Zuviel Schulden, im Vertrauen gesagt. Und bann ich bin ein kranker Mann, dem der Krieg noch in den Knochen steckt und vier Jahre Südwest."

Na gut, ich will das mal beschlafen." Aus Feia- heit und aus Herzenshöflichkeit gebraucht er diese Ausrede. In Wahrheit ist fein Nein ziemlich sicher beschlossen.Sie Horen noch von mir. Ich muß mich leider jetzt auf den Weg machen. Guten Tag, Herr Konsul."

3. Kapitel.

Dr. Severin nimmt am Schreibtisch Platz, der immer mit allem möglichen vollgepfropft ist, mit aufgeschlagenen Büchern, mit Gummistempeln, mit Medikamenten, mit Krankenscheinen und derlei Dingen: Er hält veffonnen ein Reagenzglas ans Licht: die alte Kerzlein hat also doch Zucker! Dann guckt er ins Mikroskop und zählt die schmalen roten Stäbchen, die dem jungen Engelbrecht soviel Sche­rereien machen. Wie wäre es mit Kochsalzdiät, über­legt er und verliert sich ein paar Minuten an diese neue Spekulation. Dann reiht er sich ruckhaft aus diesen Gedankengängen und nimmt die Wirtschafts­bücher zur Hand, besieht Rechnungen und macht Notizen. Er liebt das gar nicht, dieses Kauf­männische, Unproduktive, seinem Beruf Fremde. Er blättert verdrossen, seufzt zuweilen, addiert, multi» pliziert. Schließlich kommt heraus, was er auch so gewußt hat: die Ausgaben find zu hoch, die Einnahmen ^u niedrig. Auf der einen Seite Steuern, Peffonalgchälter, Beiträge und Medikamente, Hei­zung, Benzin, Haushaltungskosten, auf der anderen dieses unterbelegte Krankenhaus, Kastenabstricbe und säumige Zahler. Am meisten macht ihm Fried­rich Sorge. Friedrich und seine fünfzehnhundert Mark sind ein Gespenst, das durch seine Nächte geht.

Er erinnert sich an Fräulein Ferbers DoffchloH. Er erinnert sich an feine primitive Methode, GeD aufzuheben. Er kramt in einem Zigarre nkistchem, auf dem Cruz Brasil und Tabacos Primeros stehe, er zählt aufmerksam die fünfhundert Mark barnc, die ein Anlauf zur Deckung der Derpflichtuna Friedrich" werden sollen. Er wird das schone GeÄ dem Hopfenhändler hinüberschicken und ein freund- lich gehaltenes Begleitschreiben dazu, sich mit bttf Resffumme noch kurze Zeit geduDen zu wolle«. Plötzlich klopft es an der Sprechstubentür.

Der Gürtler Willibald Höfling tritt ein mit knar­renden Stiefeln und ungeheuren Händen.

Na, Höfling, ein bißchen krank? Oder ist es wegen der Frau?" muntert ihn Dr. Severin auf.

Eine Bitte hätte ich, Herr Doktor."

Schießen Sie Tos."

Sie kennen doch meine Kühe, die zwei Schecken^ Mit denen habe ich Malheur gehabt.. "

Severin fft sofort im Bilde. Der Mann will ihn anpumpen. Es ist nicht das efftemal, daß die ßeute mit solchen Geschichten zu ihm kommen. Severin setzt als Abwehr eine kühle Miene auf und knöpft sich seelisch zu. Er ist heftig entschlossen, unter feiner Umständen sich breitschlagen zu lassen. Er zeichn« mit dem Bleistift kleine Männchen auf einen Boger Papier, jedesmal zwei Kreise und die zugehöriger Striche daran. Es sieht sehr unbeteiligt aus.

Den Mann Höfling beeindruckt bas nicht. Er er­zählt in seinem singenden Dialekt weiter.Die ein* hat sechs Liter Milch gegeben, bie andere war g« ringer, aber auch gut. Em Staat waren bie Kühe. Gestern haben sie es gar gemacht. Die eine weger einem Nagel, der im Futter war, bie andere hat sich überfressen. Muß an den Trebern gelegen haben. Die Liesel haben wir gleich eingegraben- Befehl vom Tierarzt, Brand und alles Eiter iir Bauch." Die schwere und bumpfe Phantasie Jx* Mannes Höfling entzündet sich an dieser Tragödie, er schluckt, wird immer langsamer und befontmt Wasser in die Augen.

Severin kennt bie Familie. Brave Leute, eilt wenig einfältig. Die Frau ist krank, und bie Stt^ fft voll Kinder. Es langt hinten und vorn nicht, uiÄ die Kleinsten machen Klimmzüge an der Droffchub- labe. Trotzdem ärgert er sich. Weil er bas alle' so mitfühlt, weil oer Mann ausgerechnet zu ihm kommt und weil er nicht helfen kann.

Tja, es waren schone Kühe, Höfling. Aber d« ist nichts zu wollen."

(Fortsetzung folgt.)