Ausgabe 
2.6.1939
 
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VDM.-Werfgrnppe 2a/116.

(aiustonbhinbe, Literatur, Orchester): Die Gruppe tritt am Sonntag, 4.6., um 7.45 Uhr mit Turnzeug an bei Volkshalle an.

HZ.-Gefolgfchast 6/116 Klein-Linden

Zu dem Reichssportwettkampf der HI. am Sonn­tag, 4. Juni, tritt die gesamte Gefolgschaft um 7.30 Uhr auf dem Sportplatz in Heuchelheim in Uniform an. 1

Die Standorte Klein-Linden und Allen- darf a.d.Lahn treten um 7 Uhr auf ihrem Standortplatz an und müssen bis 7.30 Uhr in Heuchelheim sein.

Es müssen alle Jg. teilnehmen. Entschuldigungen gibt es keine. Jeder hat Sportzeug mrtzubringen.

Keine willkürlichen Ladenzeitverkürzungen

Die verschiedentlich vorgenommene vorzeitige Schließung der Geschäfte hat die Einkaufsmöglich­keiten für die arbeitende Bevölkerung erheblich er­schwert, z. T. unmöglich gemacht. Die Durchführung der großen staatspolitischen Aufgaben und die da- mtt verbundenen Anforderungen an weite Kreise her arbeitenden Bevölkerung machen es jedoch er­forderlich, daß eine ausreichende Warenversorgung mit allen Gegenständen des täglichen Bedarfes auch weiterhin sichergestellt bleibt. Der Reichswirtschafts- minister hat deshalb auf Grund der Verordnung zur Durchführung des Dierjahresplanes eine An­ordnung erlassen, durch die Gemeinschaftsaktionen zur Durchführung von Labenzeitverkürzungen ver- boten und die höheren Verwaltungsbehörden er- mächtigt werden, die Offenhaltung der Geschäfte an­zuordnen. Auf diese Weise werden künfttg willkür­liche Ladenzeitverkürzungen unterbunden.

Ptasmapfropfungen.

In btr gestrigen Sitzung der Oberhessischen Ge­sellschaft für Natur- und Heilkunde sprach Prof. Dr. Küster überPlasmapfto pfungen" und be­richtete dabei im wesenttichen über Untersuchungen im Botanischen Institut zu Gießen.

Nach einigen einleitenden Bemerkungen über das Wesen der Plasmapfropfungen im allgemeinen und die im Laufe der normalen Zellen- und Gewebe- entwicklung sich vollziehenden Zelloerschmelzungen und Protovlasmafusionen erläuterte der Vortra­gende die Giardschen Begriffe der auto-homo, und heteroplastischen Pfropfung mit Bezug auf die von ihm studierten Protvplasmapfrvpfungen. Auto- plastische Plasmasusionen, b. h. solche, die sich an Teilen eines Zellenleibes vollziehen, spielen bei jeder Dakuolenteilung, bei vielen Plasmolysen ihre Rolle; weitere Beispiele liefern die Plasmodien der Schleimpilze und die Fusionen, mit welchen die Teile zerstückelter Zellen sich wieder vereinigen. Homoplastische Fusionen, d. h. Vereinigungen gleich­artiger Protoplasten wurden vom Vortragenden für großzellige Pilze und für höhere Pflanzen er­läutert; die Technik des Fusionsverfahrens ist nicht immer einfach. Auch artfremde Zellen (heteropla­stische Fusionen) können miteinander verschmelzen (Sivhoneen, Acetabularia, Parasiten von Mucor, Zellen höherer Pflanzen). Der Vortragende ging hiernach zur Behandlung allgemeiner Fragen über, die sich beim Studium experimentell hervorgerufe­ner Plasmafusionen stellen; der Begriff der Ver­klebung und der Verschmelzung und die Bedeu­tung der Haptogenmembranen für Einrreten und Ausbleiben des Verschmelzungsaktes wurden erläu­tert; die Analyse des von Organ- und Gewebe- piropfungen her längst geläufigen Begriffes der Affinität" führte den Vortragenden zu der Hypo­these, daß die Oberflächenfeinstruktur des Proto­plasmas für den Fusionsoorgang entscheidende Be­deutung yabe. Schließlich war von dem Schicksal der Fusionsprodukte, ihrer Abrundung, ihrer Jn- haltsmischung, von der Verdauung eines der Pfropfpartner und von der Lebensdauer der Fu­sionsprodukte die Rede.

An den Vortrag, der mit großem Beifall ausge­nommen wurde, schloß sich eine lebhafte Aussprache an, an der sich die Naturwissenschaftler rege beteiligten. Mit einem Hinweis auf die nächste Sitzung am 30. Juni, bei der Prof. Dr. Hummel überWelteislehre und Geologie" sprechen wird, schloß der Vorsitzende Dr. Heidt die Sitzung.

Als Ausbilder bei derLegion Eondor" in Spanien

Von Feldwebel Meierkordt,

4. MG.) Komp. 3. R. 116, Gießen.

Einem Bericht des Feldwebels Meier­kordt über feine Erlebnisse in derLegion Condor" entnehmen wir folgendes:

Am 19. Juni 1937 war Bilbao gefallen. Der rote General begann bei Madrid eine Offensive, um den Norden zu enllasten. Er griff mit großem Aus- roand an Menschen und Material an und drang m die nationale Front. Mit heldenhafter Tapferkeit hielten die kleinen nationalen Abteilungen stand. Dichter und dichter drängten sich im Raum von Bruneta die roten Massen. Da brausten von Nor­den die deutschen Flieger heran. Sie waren von Kantabrien abkommandiert. In der Luft entspann sich ein Kampf von größtem Ausmaß. Die deutschen Flieger kämpften zum erstenmal die Russen entschei­dend nieder. Die Bomber stürzten sich auf die roten Heeresmassen, die kompakt auf engstem Raum zu­sammengepfercht waren und einen ungeheuren Druck auf die dünnen, reservelosen Reihen der Nationalen ausübten. Regellos flüchteten die Roten, erschüttert von der ungeheuren Wirkung dieses Luftbombarde­ments. Die Offensive war zerschlagen. Seit dem Tage waren die deutschen Flieger die Herren im Luftraum über Spanien, und sie haben diese Vor­herrschaft bis zum Kriegsende nicht wieder abge­treten. Daß an diesem heroischen Kampf vor den Toren Madrids deutsche Soldaten mit unnachahm­lichem Opfermut teilnahmen, bezeugt ein schlichter Grabstein am Ortseingang von Bruneta mit der Aufschrift:Es starben den Fliegertod im Kampf um Madrid: ..." Dann folgen die Namen der sie­ben gefallenen Offiziere und Unteroffiziere. Und in ähnlicher Weise hat man alle gefallenen deutschen Soldaten im Kamps um Spaniens Freiheit geehrt.

Nach fast einjährigem Kampf machte sich ein Mangel an Offizieren und Unterführern im Heer bemerkbar. Die Heranbildung dieser Männer über­nahm dieLegion Condor". Man zog zunächst ge­eignete Unteroffiziere aus der GruppeImker- Drohnen", die bereits über genügend spanische Sprachkenntnisse verfügten, und eröffnete im Mai 1937 die erste Fähnrichschule in Plasencia. Ein Teil der Auslandsdeuffchen, die sich nach Ausbruch des Bürgerkrieges derL. C." zur Verfügung gestellt hatten, waren bis dahin in Deutschland militärisch ausgebildet und fanden nun Verwendung als Aus­bilder und Dolmetscher.

Man erkannte den Wert dieser Arbeit und ent­schloß sich, wettere Schulen in Toledo, Miranda de Ebro, Granada, Jeres und San Roque zu errichten. Die Stärke dieser Schulen war ein Bataillon.

Die deutschen Unteroffiziere trafen im Juni in Ferrol ein und wurden verteilt, pro Kompanie 2 bis 4 Mann. Die Arbeit, die zu leisten war, schien ins Unermeßliche zu steigen, aus dem Nichts sollte etwas entstehen, wo die Führer der sich neu bildenden Franco-Armee geformt werden sollten. Aber auch hier gab es für den deutschen Soldaten keine Schwierigkeiten, das Unmöglichste wurde mög­lich gemacht. Dank der Mitarbeit aller spanischen Dienststellen und Behörden wurden in kürzester Zeit Unterkünfte geschaffen, Waffen und Lehrmaterial besorgt, deutsche Vorschriften übersetzt und in jeder freien Minute spanisch gelernt.

Damit war die erste Grundlage geschaffen und die Ausbildung konnte beginnen.

Die Schüler der Fähnrichschulen waren größten­teils Abiturienten mit mindestens dreimonatiger Frontzeit. Für den Besuch der Unteroffizierschule waren ebefalls dreimonatige Frontzeit und aus­gezeichnete Führung Vorbedingung.

Die Ausbildungszeit betrug in den ersten Mo­naten vier Wochen, dann sechs Wochen, und nach der Eröffnung weiterer Schulen in Avila, Dttoria und Pamplona unter Heranziehung neuer deutscher Unteroffiziere, acht Wochen.

In Anbettacht der mangelhaften militärischen Vorbildung war die Zeit sehr kurz, und das hieß für jeden deutschen Ausbilder drei- unb vierfaches leisten, was im Bewußtsein, als Repräsentant der großen deutschen Wehrmacht zu arbeiten, auch für jeden selbstverständlich war.

Die Ausbildung erstteckte sich in der Hauptsache auf den Jnfanteriedienst, und auf die Unterweisung

in der Handhabung der schweren Infanteriewaffen. Außerdem im Pionierdienst und Gasschutz. Die AusbiDung im Jnfanteriedienst begann mit der formalen Exerzier- und Schießausbildung. Neu em- geführt wurden die geschlossene Marschordnung nut dem Marschtempo 114, Gewehrgriffe, Wendungen und der Marschgesang. Dazu wurden deutsche Lie­der übersetzt unb die Melodie beibehalten. Für die Schieß- und Geländeausbildung waren nur deuffche Vorschriften maßgebend. Zur Unterweisung in der Handhabung der schweren Infanteriewaffen standen 3 Tage je Ausbildungszweig zur Verfügung.

Der tägliche Dienst an den Schulen gestaltet sich ungefähr folgendermaßen: Morgens 5 Stunden Exerzier- bzw. Geländeausbildung, nachmittags drei Stunden Unterricht, 1 Stunde Waffenpflege und außerdem für die deutschen Unteroffiziere 1 Stunde panischer Unterricht.

Dieser ganze Dienstbetrieb war den Spaniern voll­kommen neu. Die preußische Zucht und Ordnung, die Disziplin und Pünktlichkeit waren ihnen fremd und lagen ihnen nicht. Trotzdem ergaben sich nur äußerst selten Schwierigkeiten. Jeder Schüler war stets mit größtem Interesse beim Dienst und immer bereit,

Im Rahmen einer schlichten Feier nahm gestern abend NSKK.-Standartenfuhrer Nagel, der bis­herige Führer der Motorstandarte 147 Gießen, von den Kameraden des Sturmes 1/M 147, zugleich auch von den Unterführern und Referenten der Stan­darte Abschied. Wie wir gestern bereits mitteilten, wurde er mit Wirkung vom I.Juni 1939 als Führer der Motorstandarte 48 nach Marburg versetzt und hart dort auch bereits den Dienst übernommen.

Im Hof des Sturmheimes im Seltersweg traten in einer Stärke von 130 Mann die Kameraden des Sturmes 1/M 147 an. Sturmführer Freund er­stattete dem Standartenführer Meldung. Standarten­führer Nagel schritt sodann die Front ab. Sturm- führer Freund widmete ihm hieraus herzliche Worte der unverbrüchlichen Kameradschaft und der guten Erinnerung und gab dem Wunsche Ausdruck, daß er auch im neuen Wirkungskreis dankbare Arbeit unb gute Kameradschaft finden möge.

Standartenführer Nagel sprach bann zu den Kameraben des Sturmes und ließ vor ihrem geistigen Auge in kurzen Zügen ein Bild aus der Kampfzeit erstehen, schilderte den Aufbau des Stur­mes 1 als erste motorisierte Einheit der Partei in Gießen, kennzeichnete die mancherlei Schwierigkeiten, die diesem Ausbau im Wege standen, aber auch die Erfolge, die bei dieser Arbeit errungen wurden. Er gab ferner einen Ueberblick über den Aufbau der Motorstandarte 147 Gießen, die er bei aller Bescheidenheit als sein Werk und seine Arbeit be­trachte und von der zu scheiden ihm sehr schwer falle. Es gelte eher, so fuhr er fort, hart zu sein, denn auch der NSKK.-Mann sei Soldat, und so gebe es nichts anderes, als dem Befehl, der ihn nach Marburg rufe, Folge zu leisten. Mit Worten des Dankes gedachte der Standartenführer der von allen Männern geübten Kameradschaft, er gedachte ihrer tatkräftigen Mitarbeit und bat schließlich, seinem Nachfolger alles Vertrauen entgegenzubrin­gen und den Geist hochzuhalten, der bisher in der Motorstandarte 147 herrschte. Abschließend bat er die Kameraden, ihm so die Treue zu halten, wie er sie dem Sturm und der Standarte immer halten werde.

Sodann überreichte Sturmführer Freund dem scheidenden Standartenführer ein prächtiges Bild des Führers als Erinnerungszeichen an den Sturm 1/M 147.

In gleich herzlichen Worten sprach anschließend Standartenführer Nagel im Sturmheim zu den Unterführern und den Referenten der Standarte.

alles von den deutschen Unteroffizieren zu lernen und ihn auch in jeder Beziehung zu unterstützen.

Den Abschluß der Ausbildung bildete die Vereidl- gung der Fähnriche bzw. Unteroffiziere. Es war das größte Erlebnis dieser jungen Führer der großen spanischen Armee, die vielleicht schon einige Tage später an der Spitze ihres Zuges oder ihrer Gruvpe im Kampf gegen unseren gemeinsamen Feind den Heldentod starben.

Aus propagandistischen Gründen wechselte ständig der Ort der Vereidigung. Dabei fanden militärische Vorführungen und Paraden statt, wobei der Vorbei­marsch der neuen Offiziere bzw. Unteroffiziere den Höhepunkt bildete.

Der Jubel und die Begeisterung der Bevölkerung kannte keine Grenzen mehr, wenn das Bataillon in tadelloser Ordnung und mit deutschem Marschtempo, die deutschen Ausbilder im Exerziermarsch an der Spitze, vorbeimarschierte.

Keiner der ehemaligen Schüler wird jemals ver­gessen, daß er in einer deutschen Schule von deut­schen Soldaten ausgebildet worden ist. Er wird, wie auch alle anderen spanischen Soldaten, stets von einer deutschenLegion Condor" sprechen, die mit­geholfen hat, den Bolschewismus zu besiegen.

Er gedachte befand ers der dankbaren Zusammen- arbett, die innerhalb der Standarte gepflegt wurde. In seinen Datlegunaen gab er einen kurzen Rück­blick auf seine politische und organisatorische Tätig- teit, die ihn eng mit Gießen und Oberhessen ver­binden habe und ihm den Abschied von Gießen nicht leicht werden laste. Er dankte allen Kame­raden für die Mithilfe bei den nicht leichten Aus­gaben der Organisatton der Motorstandarte und bat aud) die Unterführer und Referenten, dem neuen Standartenführer, Oberstaffelführer Metz« (er, der bisher als Adjutant beim Stab des

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Gruppenführers der Motorgruppe Hessen tätig war. alles Vertrauen entgegenzubringen und der Idee des Führers weiterhin so zu dienen, wie es bisher der Fall war.

Staffelführer Dr. Schäfer widmete dann ttn Namen der Unterführer und Referenten dem Schei­denden herzliche Worte des Abschieds. Er sprach von der unübertrefflichen Kameradschaft, die Standarten­führer Nagel mit allen Kameraden pflegte, und gelobte, daß in der Motorstandarte 147 unermüd­lich weitergearbeitet werde. Als stetes Zeichen der Erinnerung an die Motorstandarte 147 wurde dem scheidenden Standartenführer eine schöne Schreib- tischuhr überreicht, die er mit herzlichen Worten des Dankes entgegennahm. Mit Händedruck verabschie­dete sich Standartenführer Nagel dann von jedem einzelnen Kameraden.

Dornotizen.

Tagestalender für Freitag.

Gloria-Palast (Seltersweg):Drei Frauen um Verdi". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Nach Mexiko verschleppt".

Abschiedsfeier für ASKK.-Standartensührer Nagel.

f üiHlann wie taufcnO anöctt

Roman von Konrad Trani

Copyright by Carl Ouncker Verlag, Berlin W35

5. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Sargtischlerei des Mathias Holle" stand in ver­blaßter Schrift auf einem Laden fenster. Merkwür­dige Gewerbe gibt es, dachte der junge Herr und suchte weiter.

Im Nachbarhaus schon entdeckte er eine Aus­lagenscheibe, die im Vergleich zu den übrigen blank und sauber schien, und das Schild, das er suchte. Heinrich Nase", entzifferte er mit einiger Mühe die grünspanbedeckte Kupfertafel.

Die Gassenjungen vergrößerten die Entfernung, als sie merkten, daß der Verfolgte sich für diesen Laden interessierte.Der wird's ihm schon geben, wenn er nicht eine dicke Brieftasche bei sich hat", murmelte einer rachsüchtig.Er sieht mir aber nach sehr dicker Brieftasche aus", meinte der andere. Die Kinder waren jung und unerfahren. Sie wußten nicht, daß ein guter Anzug und ein eleganter Man­tel noch kein untrüglicher Beweis von Wohlstand sind.

Im Auslagensenster lag ein Stück slorenttnischen Samts, rot mit einem silbernen Lilienmuster. Da­neben eine Deckeldose aus Fayence mit bunter Muf- felmalerei. Ein kleines Oelbild, das eine Szene aus einem Festgelage barftellte.

Der junge Herr streifte die Dinge mit einem flüchtigen Blick. Er konnte beim besten Willen nicht beurteilen, ob das Kunstwerke waren oder alter Kram. Also riß er die Türe auf. Eine Laden klingel schepperte ein paarmal, verstummte rasch ...

Der Fremde stolperte faft über einen Barockstuhl, mußte sich mühsam an einer Chippendale-Garnitur vorbeiwinden. Wenn's in dem unaufgeräumten Loch nur nicht so finster wäre! dachte er. Nur dicht neben dem Auslagenfenster, an das sich eine Art Verkaufs- pult anschloß, war es licht.

Womit kann ich dem Herrn dienen?" fragte eine heisere Stimme.Und wenn Sie mir das Kunkel- glas herunterstoßen und zerhauen, so müsten Sie es zahlen. Die Scherben gehören dann Ihnen ..."

Ein kleiner Mann mit breiten Schultern, unver­hältnismäßig langen Armen und einem eckigen Schädel reckte sich hoch.

Don draußen kamen gellende Schreie:Zwerg Nase! Zwerg Nase!" Der Antiquitätenhändler schien die zarte Aufmerksamkeit seit Jahren gewöhnt. Er zuckte mit keiner Wimper, Seiner Nase war übri­

gens nichts vorzuwerfen, nur seiner Körpergröße, die gute zwanzig Zentimeter unter dem Durchschnitt blieb. Aber wenn man auffallend klein ist, darf man nicht Nase heißen, will man den Spitznamen ver­meiden.

Ick will nichts kaufen. Ich möchte Sie bloß um eine Auskunft bitten ... Mein Name ist Gottfried von Dilden ..."

Der junge Herr hatte den Hut abgenommen und trich sich unruhig über die blonden Haare. Er warf einen suchenden Blick um sich. Er hätte sich so gerne niedergesetzt, um nicht wie ein Turm über dem Händler emporzuragen. Aber er fand keinen geeigneten Stuhl. Daß Herr Nase ihm nicht Platz angeboten hatte, hätte ihn weniger gestört.

Dilden? Da sind Sie wohl ein Verwandter meines Freundes Otto von Dilden?"

Ja freilich sein Neffe seinetwegen komme ich" Gottfried von Dilden verstummte. Aus dem ganzen langen Weg hatte er sich genau zurecht­gelegt was er sagen wollte. Und plötzlich fiel ihm kein Wort ein. ,/5ei diplomatisch!" hatte Mutter gesagt.Dieser Herr Nase soll ein sonderbarer Kauz sein? Gottfried wußte, daß er ein ausgezeichneter Tennisspieler unb ein weniger ausgezeichneter Stu­dent der Technik war. Aber Diplomat war er wirklich keiner.

Wir haben schon so lange nichts von Onkel Otto gehört", begann er zögernd.Da wollten wir Sie um seine All)resse bitten."

Warum schreibt er denn nicht? Die Adresse dürste ihm ja bekannt fein, nicht wahr?"

Onkel Otto war nie ein großer Briefschreiber aber daß wir so lange nichts von ihm gehört haben, das ist noch nicht vorgekommen", sagte der junge Herr und sah den andern bittend an.

Das ist seine Privatangelegenheit. Er ist reich­lich alt genug, um zu wissen, was er tut", knurrte der Alte.

Wie alt mag Zwerg Nase eigentlich sein? schoß es Gottfried durch den Kops. Die Haare waren mausgrau, aber das Gesicht war recht frisch ... Dann sammelte er seine Gedanken.

Wir wollten wissen, ob es ihm gut geht, und ob ihm nichts zugestoßen ist", sagte Gottfried einge- schüchtert.

Wenn ihm in den letzten vierzehn Tagen nichts passiert ist, so ist er vergnügt und munter. Ich habe vor zwei Wochen die letzte Nachricht bekommen." Nase kramte in einer Mappe und überflog ein Briesblatt, das deutlich die Schriftzüge des alten Herrn von Dilden trug.

Wo war er vor zwei Wochen? Bitte geben Sie mir die letzte Adressel"

Ich? Ihnen?" Zwerg Nase wurde aufgeregt bei der bloßen Zumutung.Halten Sie mich für einen Narren? Sehe ich so aus? Wenn er Jynen schrei­ben wollte, dann würde er schon schreiben ... Ich soll einem Menschen sagen, wo Otto sich aufhält? Wo er im Augenblick ist, weiß nicht einmal ich ... Nur damit die ganze Rotte von Händlern hinter ihm her sein kann ... Hoho, junger Mann, da ken­nen sie mich schlecht!"

Na hSren Sie, mein Onkel wird doch nicht von Gläubigern verfolgt!" sagte Gottfried empört

Nein, aber von Leuten, die dasselbe Ziel ver­folgen wie wir ... Da sieht man wieder einmal die innige Familienliebe! Weiß der Herr nicht, daß Otto von Dilden und ich seit Jahren ein Blatt von Fouquet suchen. Das muß da sein... Und ich soll einem Menschen auf dieser Welt sagen, in welcher Himmelsgegend wir diesem Blatt nach jagen!" Herr Nase war so empört, daß die Stimme kippte.

Ein Blatt von Fouquet?" stammelte Gottfried verblüfft.

Ja, eine Silbefftiftzeichnung von Jean Fou- quet. Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts." Herr Nase schien weiter sprechen zu wollen. Ober plötz- lieh schwieg er. Schon viel zu viel verraten, sagten die mißtrauischen Augen.

Wie geht es ihm finanziell?" fragte Gottfried zögernd.

Sehr gut, durchaus befriedigend, wie ich an- nehme", antwortete der Antiquitätenhändler ein wenig höhnisch.Ich habe erst unlängst in seinem Auftrag einen Dirk Bouts um sechshundert Pfund für seine Sammlung erstanden."

Gottfried von Dilden ließ einen melodischen Pfiff hören.Ein. Haufen Gest)! Macht er das alle Tage?"

Nein, weil er nicht soviel Geld hat. Und weil es viel schöner ist, jahrelang in alten Truhen und Mappen herumzustobern, bis man eine Zeichnung findet und um ein paar Gulden kaust, von der man sicher weiß, daß sie Zehntausende wert ift Dazu gehört nicht bloß Geld, dazu gehören Augen im Kopf und Verstand. Wenn Otto sich von einem halben Dutzend seiner Blätter trennen mochte, er hätte die Kosten für die ganze Sammlung fünfmal hereingebraebt. Weil er Augen im Kops hat und den Verstand, junger Herr!"

Jetzt war der Hohn nicht mehr zu verkennen. Und Gottfried wurde rot. Er ärgerte sich. Es ko­stete ihn viel Mühe, seine Gereiztheit zu verbergen. Jetzt kam der schwerste Teil seiner Ausgabe. Wenn der gelost war, so formte Zwerg Nase in Gottes Namen aus den Abenteuern Onkel Ottos mit

Stichen und Zeichnungen das größte Geheimnis machen.

Er neigte sich vertraulich vor und Herr Nase wich vorsichtig weit hinter sein Pult zurück.

Sehen Sie, Herr Nase, ©ie sind ein aller Freund von Onkel Otto... Ihnen kann ich reinen Wein einschenken ... Meiner Mutter geht es gar nicht Eut. In punkto Geld, meine ich ... Und wenn intel Otto das müßte, Jo würde er bestimmt mit einem Zuschuß herausrücken. Er ist nicht so ..." Gottfrieds Worte verhaspelten sich, so scheußlich un­angenehm war ihm das Ganze.Und weil Sie Vollmacht haben ... offenbar ... wenn Sie um viele hundert Pfund für ihn einkaufen. Es stand in der Zeitung ..."

Aha! Daher weht der Wind!" sagte Zwerg Nase und war sehr entrüstet.Ich soll Verwandten, die sich niemals um ihn gekümmert haben, in lleber- schreituna meiner Vollmacht geschwind schönes Geld nachwerfen! Wissen Sie, wozu ich bevollmächtigt bin? Nach meinem Gutdünken jene Matter zu kau­fen und sachgemäß zu verwahren, für die Herr Otto von Dilden Interesse zeigt. So steht's in der Vollmacht beim Notar. Und kein Wort von Schwe- fter und Neffen. Herr von Dilden meinte offenbar, daß ein gesunder junger Mann, der nicht auf den Kopf gefallen ist, sehr gut für sich und die Mutter sorgen kann" Der Händler feiste immer lauter. Freilich, wenn diese Mutter ihr Geld für Fetzen und Pelzmäntel ausgibt"

Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiel", brüllte Gottftied. Er war um so wütender, als Herrn Nases Hohn eine Spur von Berechtigung hatte. Mutter formte mit Geld nicht umgehen und hatte Freude an schönen Kleidern.

Ich weiß noch recht gut, wie Herr von Dilden gestöhnt hat über die Rechnung von dem Feh- mantet ,Schade um das gute ®eEo! und ,Nie mehr wieder!« hat er gesagt. Und ich soll meinen Freund betrügen? Für einen jungen Tunichtgut und eine verrückte alte Schachtel ..."

Eine Ader schwoll an auf der Stirn des jungen Dilden. In diesem Tone redete der schäbige Krämer von seiner Mutter? Und er hörte zu? Den Feh- mantel hatte Onkel ihr zum Geburtstag geschenkt ... vor zehn Jahren ...

Ich verbitte mir diesen Ton!" schrie Gottfried.

Schreien fft feine Kunst", höhnte Zwerg Nase. Geld verdienen, mtt Geld haushalten ..."

Weiter fam er nicht.

Gottfried hatte einen alten Folianten mit silber- beschlagenen Ecken gepackt und haute zu, zielte mitten auf den dichten grauen Scheitel unter ihm (Fortsetzung folgt.)