Nr. 52 Erstes Blatt
189. Jahrgang
Donnerstag. 2. März 1939
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Die Kroaten und das Kabinett Zlvetkowitsch.
Von unserem v. M.-Korrespondenten.
Belgrad, Ende Februar 1939.
Die Erklärung der Regierung Zwetkowitsch über die Dringlichkeit der Lösung der k r o a t i - schen Frage hat unter den Kroaten Genugtuung hervorgerufen. Sie heben hervor, in der Erklärung der Regierung werde die von kroatischer Seite seit zwanzig Jahren ständig wiederholte Tatsache eingestanden, daß ohne Zufriedenstellung der Kroaten die innere Festigung des jugoslawischen Staates nicht durchgeführt werden könne. Trotzdem aber nehmen die Kroaten gegenüber der Regierung Zwetkowitsch noch immer eine reservierte Haltung ein. Sie rechtfertigen diese Haltung mit der Behauptung, auch bisher hätten verschiedene Regierungen in Jugoslawien die Berechtigung der kroatischen Forderungen anerkannt. Diesen Feststellungen seien aber nicht entsprechende Handlungen gefolgt und keine Regierung sei bisher wirklich den Wünschen der Kroaten entgegengekommen. Deshalb seien die Kroaten gezwungen, auch gegenüber der neuen Regierung reserviert zu bleiben, bis diese durch entsprechende Maßnahmen und Handlungen ihren in der Erklärung bezeugten Willen bestätige.
Die Kroaten fordern vor allem persönliche und materielle „Re p a r a t i o n e n". Unter persönlichen Reparationen verstehen sie eine Besetzung der Staatsämter und der staatlichen wirtschaftlichen Unternehmen mit Beamten und Angestellten kroatischer Herkunft in gerechtem Verhältnis zur Zahl der kroatischen Bevölkerung. Kroatische Zeitungen veröffentlichen statistische Angaben, um zu beweisen, daß die Kroaten in der Staatsverwaltung, insbesondere in leitenden Stellungen, fast gar nicht vertreten seien. Dasselbe sei der Fall auch bei den staatlichen finanziellen Anstalten und wirtschaftlichen Unternehmungen, die im jugoslawischen Wirtschaftsleben eine ausschlaggebende Rolle spielen. Niemals sei ein Kroate an die Spitze solcher Unternehmen gestellt worden, und das Verhältnis zwischen serbischen und kroatischen Beamten in ihnen habe ost 1:75 betragen, während das Verhältnis zwischen der Zahl der serbischen und kroatischen Bevölkerung in Jugoslawien auf rund 1:3 geschätzt werde. Unter materiellen Reparationen verstehen die Kroaten die Schäden, die die kroatische Wirtschaft durch die gesamte staatliche Kredit- und Wirtschaftspolitik erlitten haben will, die, nach Behauptungen der Kroaten, die serbische Wirtschaft zum Nachteil der kroatischen bevorzugt habe.
Eine besondere Gruppe stellen die kroatischen politischen Forderungen dar, deren Erfüllung die Kroaten als Vorbedingung für eine dauerhafte Lösung der kroatischen Frage betrachten. In diese Gruppe gehört ein neues Wahlgesetz, das nicht die stärkste Gruppe begünstigen und die politische Stärke der Kroaten auch in der Zahl der Abgeordneten zum Ausdruck bringen würde. Außerdem verlangen sie eine Reform des Pressegesetzes, welche die freie Erörterung der kroatischen Frage gestatten würde, und ein neues Vereinsgesetz, das die gesetzliche Verankerung der kroatischen B.a u e r n p a r t e i, der heute einzigen, aber nach 'dem Gesetze illegalen, politischen Organisation der Kroaten, ermöglichen würde. Nach der Reform dieser Gesetze sollen sofort Neuwahlen durchgeführt werden, damit das neue Parlament die Frage der Reform der Staatsverwaltung und die Vorbereitung der Revision der Verfassung in Angriff nehmen könne.
Der außenpolitische Teil der Erklärung der neuen jugoslawischen Regierung brachte nichts neues. Er unterstrich, daß die neue Regierung außenpolitisch ohne irgendwelche Abweichungen die bisherige Politik fortsetzen werde. Diese Außenpolitik findet die volle Unterstützung aller jugoslawischen Dolksteile und aller politischen Gruppen im Lande.
3n der Belgrader SkvpWina
Die Regierungspartei zur kroatischen Frage
Belgrad, 1. März. (Europapreß.) In der Skupschtina begann die Aussprache über den Haushaltsvoranschlag. Der Berichterstatter des Finanzausschusses, Abg. Gabrielowitsch, erklärte im Namen der Regierungspartei, daß die Regierung sofort die Pressefreiheit einführen müsse. Für Auswüchse müßten strenge Strafen vorgesehen werden. Auf politischem Gebiet sei weiter die sofortige Einführung einer lokalen Selb st Verwaltung notwendig. Die Staatsverwaltung müßte weitgehend dezentralisiert werden. Die kroatische Frage müßte durch Nachgiebigkeit beider Teile, der Serben wie der Kroaten, g e l ö st werden. Das Gefühl der Kroaten, daß sie im Lande nicht gleichberechtigt seien, müsse verschwinden. — Die Aussprache wird etwa zehn Tage dauern. Ministerpräsident Zwetkowitsch wird einen Plan darüber vorlegen, wie sich die Regierung die Lösung der kroatischen Frage denkt.
Graf Cianos Besuch in polen
Politische Feststellungen.
Warschau, 1. März. (Europapreß.) Am Mitt- wochvormittag traf der italienische Außenminister mit dem polnischen Außenminister, Oberst Beck, i n Krakau ein, wo Graf Ciano das Andenken Marschall Pilsudskis durch die Niederlegung eines Kranzes an der Grabstätte des Schöpfers des polnischen Staates ehrte. Mittags war er Gast des Außenministers Beck im Wawel-Schloß. Mittwochabend verließ der italienische Außenminister Krakau, um sich über Oderberg—Wien zurück nach Italien zu begeben. Eine amtliche Verlautbarung stellt fest,
daß die polnisch-italienischen Besprechungen Gelegenheit gaben, festzustellen, daß in den gegenseitigen Beziehungen der Geist der Freundschaft und vollkommenen Aufrichtigkeit maßgebend ist. Ordnung und Gerechtigkeit seien die wesentlichen Ziele der Politik Italiens und Polens.
Der polnische Außenminister erklärte italienischen Pressevertretern, es gäbe zwei Grundlinien, die beiden Völkern gemeinsam seien. Das Verantwortungsgefühl, das darin feinen Ausdruck finde, daß sich beide Staaten über die bestehenden Tatsachen Rechenschaft ablegten, und das Vertrauen zum Verhandlungspartner. „Ich kann versichern", so erklärte der Minister, „daß sich unsere Erwartungen von Rom erfüllt haben. Wir schreiten weiter auf dem von den Leitern unserer beiden Staaten vorgezeichneten Wege Wir leben in einem sehr interessanten Zeitabschnitt. So mancherlei Doktrin ist verschwunden, da sich ihre Fruchtlosigkeit offenbart hat. Alle diejenigen, die an verschiedene Doktrinen und Institutionen glaubten und sich über die bestehenden Verhältnisse nunmehr volle Rechenschaft ablegen, haben ihre Ansichten ändern müssen."
In politischen Kreisen Warschaus wird erklärt, es seien keine besonderen Abmachungen getroffen worden. Es könne aber mit Befriedigung festgestellt werden, daß man italienischerseits volles Verst ä n d n i s für die polnische Außenpolitik an den Tag gelegt habe und daher an Polen nicht mit be-
E. F. Paris, 1. März.
Die französische Oeffentlichkeit hat durch eine aus Hanoi datierte Meldung erfahren, daß der Kolonialminister Mandel einen Vertrag unterzeichnet hat, wonach in der französischen Kolonie Jndo- china eine Fabrik für die Herstellung von Flugzeugen errichtet werden soll. Diese Fabrik soll jährlich 150 Militärflugzeuge und 400 Flugzeugmotoren herstellen. Mit der Errichtung des Werkes soll sofort begonnen werden.
Im Sommer 1938 hatte Mandel einen größeren Kredit zur Anwerbung von 20 000 eingeborenen Soldaten in Jndochina erlangt. Bis dahin hatten die militärischen Streitkräfte von Jndochina, das immerhin eine Bevölkerung von 20 Millionen besitzt und an einer exponierten Stelle des französischen Kolonialreichs liegt, nur 18 000 Mann betragen, davon nur etwa 8000 Mann weiße Truppen. Trotz des an sich geringen Interesses, das zu jenem Zeitpunkt für Kolonialfragen in der französischen Oeffentlichkeit herrschte, hatten damals verschiedene Politiker mahnend ihre Stimme erhoben und eine Verstärkung der militärischen Schutzmaßnahmen für Jndochina verlangt, so der nationalistische Abgeordnete Taittinger und der zur Linken zu rechnende frühere Generalgouverneur V a r e n n e. Von einem Fachorgan war darauf hingewiesen worden, daß das benachbarte Siam, von dem man wegen der zwischen Siam und Japan bestehenden Freundschaft unter Untständen eine Gefährdung Jndochinas
P a ri-s, 1. März. (DRV.) In gut unterrichteten Kreisen ging das Gerücht um, daß Daladier in seiner Unterhaltung mit Marschall Pöt-ain diesem den Botschafterposten in Burgos angeboten habe. Petain soll dieses Angebot für eine begrenzte Zeitdauer angenommen haben. Trotz feines hohen Alters von 83 Jahren. Die Pariser Presse benutzt diese Gelegenheit, um ihrer Genugtuung über diese Wahl Ausdruck zu geben und noch einmal die Laufbahn Petains in Erinnerung zu bringen. Der „Figaro" schreibt: Vor Marschall Pe- tain, dieser geschichtlichen Gestalt, beuge sich alles. Die „Epoque" ist der Ansicht, daß die französische Regierung den künftigen Beziehungen zwischen Frankreich und Spanien einen besonderen Glanz habe verleihen wollen, indem sie Marschall Petam zum Vertreter Frankreichs ernannte. Der „Jour" schreibt, ganz Frankreich beglückwünsche sich zu einer solchen Wahl. Das Ansehen dieses großen Soldaten sei bei Franco und seinen ausgezeichneten Soldaten ebenso wie bei den spanischen Diplomaten ohnegleichen. Der „Petit Parisien" bewundert das vaterländische Pflichtgefühl, das den greifen Marschall dazu veranlaßt habe, sich noch einmal in den Dienst seines Landes zu stellen. Das .Journal" schreibt, niemand anders als Marschall Petain könne sich angesichts des italienischen und deutschen Einflusses mehr Achtung verschaffen. Petain habe General Franco in Marokko kennengelernt, die Ernennung Marschall Petains könne für beide Länder nur glückliche Auswirkungen haben. Es fei gut, daß Frankreich für die Bestätigung der nationalen Wiedergeburt Spaniens die glorreichste noch lebende Persönlichkeit aus der schicksalsschweren Zeit gewährt habe. Der Sitz der neuen französischen Vertretung in Spanien ist noch nicht festgelegt. Angesichts des Platzmangels in Burgos rechnet man damit, daß die französische Vertretung sich ebenso wie die deutsche, italienische und zahlreiche andere in San Sebastian niederlassen werde.
sonderen Vorschlägen herangetreten sei. In Polen bewahre man den moralischen Rückhalt in guter Erinnerung, den Polen während der Krisen im Verhältnis zu Litauen und der Tschecho-Slowakei im vorigen Jahre an Italien gesunden habe. Diese moralische Unterstützung werde sich auch in Zukunft fruchtbar für die weitere Entwicklung der italienisch- polnischen Freundschaft auswirken.
Neues Bombenattentat in London.
Der Union-Kanal schwer beschädigt.
London, 2. März. (DNB. Funkspruch.) In der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch kam es aufs neue zu einem geheimnisvollen Bombenanschlag. Gegen 3 Uhr morgens wurden die Bewohner im Norden Londons durch eine heftige Detonation aus dem Schlaf gerissen, da durch die Explosion einer Bombe der sog. Union-Kanal, eine Wasser- Überführung, die über eine der Hauptausfallstraßen Londons führt, schwer beschädigt wurde. Wie durch ein Wunder blieb jedoch der letzte Stahlmantel der Ueberführung unversehrt, so daß eszukeiner Ueberschwemmung kam, die gerade in den dicht bevölkerten Nordbezirken Londons zu den schlimmsten Folgen hätte führen können. Ein Teil des Steinunterbaues der Ueberführung wurde jedoch schwer beschädigt und die darunter führende Straße durch die Steinmassen versperrt. Bisher ist es noch nicht gelungen, den Tätern aus die Spur zu kommen.
fürchtet, über etwa 10 0 erstklassige amerikanische Flugzeuge, darunter auch Bombenflugzeuge, verfüge, während damals in Jndochina nur fünf Geschwader zweitklassiger Militärflugzeuge vorhanden waren. Auch die Flottenstreitkräfte Frankreichs in Jndochina waren damals als ungenügend empfunden worden.
Wenn letzt Frankreich zur Errichtung einer großen Flugzeug- und Motorenfabrik in Jndochina üb ergeht, so beweist das, daß die französische Verwaltung nicht glaubt, Flugzeuge in nennenswerter Anzahl an seine exponierte Kolonie Jndochina abgeben zu können. Weiter geht aus dieser Maßnahme hervor, daß die Tendenz, Jndochina zu industrialisieren und dieser Kolonie eine gewisse „Autarkie" im militärischen Sinne zu sichern, weiter im Vormarsch ist. So war schon früher davon die Rede, daß man in Jndochina auch Fabriken für die Waffen- und Munitionsherstellung für das neue Ein- geborenen-Kontingent einrichten müsse. Verstärkt worden sind biefe Tendenzen sicherlich durch die jüngsten Vorgänge, die die Rivalität mit Japan bezeugen, so die Besetzung der Paracel-Inseln im vergangenen Juli durch Frankreich und sodann die Besetzung der wichtigen Insel Hainan im Golf von Tongking durch Japan vor etwa vier Wochen, wohin Frankreich soeben ähnlich wie die Vereinigten Staaten ein Kriegsschiff entsandt hat.
Was geht in Madrid vor sich.
Miaja legt nun auch sein letztes Kommando nieder.
Paris, 1. März. (Europapreß.) Die Lage in Rest-Sowjetspanien wird nach den aus Madrid eingetroffenen Meldungen immer verworrener. „General" Miaja, der von Negrin seines Postens als Oberbefehlshaber der fowjetfpanischen Streitkräfte wegen seiner Forderung nach einem sofortigen Abschluß eines Waffenstillstandes enthoben und durch „General" C a s s a d o ersetzt worden war, hat nun auch das ihm noch verbliebene Amt eines Befehlshabers von Madrid n i e d e r g e l e g t. Als Begründung wird angegeben, Miaja sehe jeden weiteren Wider st and für aussichts - los an. Dem Rücktritt Azanas ist damit der des bekanntesten sowjetspanischen militärischen Befehlshabers gefolgt.
Havas berichtet aus den Wandelgängen der Kammer, die Teilnehmer an der Sitzung des auswärtigen Ausschusses hätten aus den Berichten, die Außenminister Bonnet ihnen über die Laae in Rotspanien zur Kenntnis brachte, den Eindruck gewonnen, daß der Widerstand der Bolsche- 'mitten nicht mehr lange dauern könnte. Cassado, der jetzt das Kommando in Zentralspanien ' habe, sei einer der unbedingtesten Befürworter so- ' fertiger Einstellung d e r Feindseligkei- 11 e n. Er habe bereits Schritte unternommen, um seine Abreise nach Frankreich zu sichern, | von wo er sich nach Amerika begeben werde. . 2er sowjetspanische „Ministerrat" vom Dienstag- 1 abend soll beschlossen haben, die vierundvierzig und ! fünfundvierzig Jahre alten Männer von der Front zurück zu ziehen und sie nur noch zu militärischen Arbeiten im Hinterlande zu verwenden. Ob diese Maßnahme einen ersten Schritt zur Aufgabe des militärischen Widerstandes darstellen soll, läßt sich noch nicht beurteilen.
Französische FlottensiMik.
Von Konteradmiral a. O. Gadow
Der ehemalige Ministerpräsident der französischen Volksfront, Leon Blum, vertrat vor einiger Zeit, entsprechend den Einflüsterungen Churchills, die Ansicht, Frankreich solle den Bau der großen Schlachtschiffe aufgeben und vom Schiffs- dauprogramm nur die Flugzeugträger fertigstellen, dagegen seine Mittel und Kräfte hauptsächlich der Luftwaffe und Luftverteidigung zuwenden. Dies ist durchaus nicht die Meinung maßgebender Sachverständiger, beweist aber von neuem, daß in einem mehr kontinental als maritim bestimmten Lande die Bedeutung der Seemacht immer wieder in Vergessenheit geraten kann, selbst wenn stärkste Ereignisse wie der Weltkrieg 1914/18 ihre Lehre hinterlassen haben sollten. Vielleicht schwebte dem Führer der französischen Linken jene merkwürdige Behauptung einer sowjetrussischen Zeitschrift vor: „Die Seeherrschast ist ein bürgerlicher Gedanke."
Der französische Admiral Cast ex hat über diesen Zwiespalt der Erkenntnis einige treffende Anmerkungen gemacht. Er findet, daß Festlandsvölker weniger durch Instinkt und praktische Anschauung — wie Jnselvölker — als durch reifliches Nachdenken zum Verständnis für Seemacht gelangen. Das habe sich deutlich an Deutschland bewiesen, dessen militärische Führung erst um 1916/17 anfing, nach der Marine zu rufen, um die Landkriegführung „zu entlasten". Daß nur zur See ein vollständiges Abschütteln des Gegners einen tragbaren Frieden ergeben konnte, habe man bis 1918 kaum, teilweise heute noch nicht verstanden. Immerhin sei es für ein Festlandvolk nicht leicht, die Bedeutung feiner Waffen und damit die Verteilung der nötigen Mittel richtig zu bemessen. Denn für einen kurzen schnellen Krieg greife die Seemackst mit Ihrer Blockadegewalt und ihrem äußeren Druck offenbar nicht schnell genug ein, einen langen dagegen entscheide sie. Niemand aber wisse, ob ein Krieg kurz ober lang sein wird.
Im Falle Frankreich wäre dem noch hinzu- zufügen, daß seine Marine im Schatten der britischen und infolge anderweitiger Beanspruchung aller technischen und materiellen Mittel im Weltkrieg ein etwas unscheinbares Dasein geführt hat und ihre Bedeutung dem allgemeinen Empfinden nicht gerade tief einprägen konnte. Daß auch in allen vorstell- baren künftigen Verwicklungen durch die britische Waffenhilfe zur See — und nach Roosevelts Enthüllungen im Militärausschuß am 31. Januar auch auf die amerikanische — gerechnet werden kann, ist gleichfalls aügemeine Ueberzeugung. Aber Admiral Caster läßt durchblicken, daß solche politischen Voraussetzungen ungewiß und veränderlich sind und nicht von der eigenen Verpflichtung zur Selbsthilfe zur See entbinden können. Höchstens sei zu sagen, daß im Augenblick vielleicht die Luftwaffe als die am vielseitigsten verwendbare den Vorzug bei der Mittelzumessung verdiene, ohne die anderen zu vergessen.
Die amtliche französische Marinepolitik hat sich seit dem tüchtigen Minister Leygues von Zweifeln nur wenig beeinflussen lassen. Sie hat zwar mit Auffüllung des Schlachtschiffbestandes gezögert, bis sich die taktische Bewertung dieser Schiffsklasse klärte, dafür aber kräftig für die Ausfüllung aller übrigen Seestreitkräfte gesorgt; schwere Kreuzer, leichte Kreuzer, Flottillensührer, Zerstörer, U-Boote, Avisos, Schnellboote, Minensucher usw. Außenpolitische Richtlinie war dabei, seit man in der Flottenkonferenz von 1922 mit Italien auf gleichen Fuß gesetzt worden war und dieses gleichfalls anfing, sich zur See wieder zu verstärken, niemals den Vorsprung aufzugeben, mit dem man in das Rennen mit der zuerst vergeblich umworbenen, dann bitter gefürchteten „lateinischen Schwester" gegangen war. Als Deutschland seine ersten neuen Schiffe baute, verstärkte sich das ahnungsvoll zu der Forderung, stets beiden Mächten zusammen überlegen zu bleiben, und als die „Achse" perfekt wurde, konnte das den Entschluß nur verstärken. Heute, wo die Außenpolitik sich ganz konkret der Sicherung des überseeischen Besitzes zugewandt und die M i t t e I in e e r f r a g e in französischen Augen erst jetzt ihre höchste Zuspitzung erfahren hat, besteht kaum noch ein Zweifel an der Bedeutung der Seestärke, die daher auch ohne Widerspruch und trotz angestrengtester Finanzlage die nötigen Mittel erhält.
Als vordringliches strategisches Problem erscheint .rnmer die gesicherte Verbindung mit Nordafrika im westlichen Mittelmeer zum Zweck militärischer Transporte. Es erscheint fast wie eine Frucht der neuen Lage auf dem Kontinent, die einen Angriff oder offensiven Druck über die doppelt versperrte Westgrenze hinweg auf Deutschland ebenso ausschließt wie in umgekehrter Richtung, wenn heute schon die Rede ist von militärischen Transporten in umgekehrter Richtung, von Frankreich nach Tunis oder Algier. Der neueste Vorschlag ging dahin, diese Ueberführung einer Luftflotte von 200 großen Transportmaschinen zu übertragen, an beiden Enden Waffen- und Munitionslager bereitzuhalten und die „2 bis 3 Divisionen" nur mit leichtem Gepäck zu betör« dem. Die nicht zu beruhigende Ungewißheit über Italiens Absichten auf die Balearen oder sonstigen spanischen Boden und über die Sicherheit auf See hat bei diesem kleinmütigen Vorschlag offenbar PatK gestanden.
Inzwischen läßt sich die Marineleitung des Ministers C a m p i n ch i nicht anfechten. Sie hat sich mit einem Haushalt von insgesamt 8,2 Milliarden Franken (zu 5,6 Pfennig) für laufende Ausgaben und Neubauten hinreichend eingedeckt, um ein impo*
Frankreichs Rüstung in Jndochina.
Errichtung von Flugzeugfabriken und Verstärkung der Garnison.
Mrschall petain als Frankreichs Volschaster in Vurgos in Aussicht genommen.


