Geh. Forstrat Trautwein 1*.
Im 87. Lebensjahre ist Ende Januar der in Gießen im Ruhestand'lebende Oberforstmeister. Geh. Forstrat Eduard Trautwein verstorben. Als junger Forstmeister war der nunmehr Verewigte von 1885 bis 1905 in Eichelsdorf tätig, dann wirkte er zwei Jahrzehnte. als Leiter des Forftamtes Schiffenberg in Gießen. Im 74. Lebensjahre zog er sich 1925 in den Ruhestand zurück.
Der in seinem früheren Wirkungskreis Eichelsdorf und auch in Gießen und Umgegend weithin bekannte und geschätzte Forstmann war aus seiner Tätigkeit im Forstamt Eichelsdorf bekannt geworden durch die besondere Methode seiner Eichenwirtschaft, die Begründung von Mischbeständen der Hauptholzart Eiche mit Buche, edlen Laub- und Nadelhölzern, durch den fog. „Hieb ins Volle" und die ebenfalls besondere Art der Pflegehiebe, die von ihm „Aufmunterung" der Iungeichen genannt wurden. Durch diese forstliche Neuerung ist Trautwein um die Jahrhundertwende weit über die Grenzen des Hessenlandes hinaus in der forstlichen Welt bekannt geworden. Anläßlich seines Uebertritts in den Ruhe- stand im Jahre 1925 wurde ihm zu Ehren sein besonderes Leibgehege im Eichelsdorfer Bezirk, der Distrikt Tiefstruth, in dessen Innern auch die sog. „Dicke Eiche", das Wahrzeichen des Eicheltales, steht, in die Bezeichnung „Trautweins-Eichen" umbenannt. Zu seinem 80. Geburtstage wurde ihm zu Ehren dort auch eine „Trautweins Eiche" gepflanzt.
Im Kreise der Männer von der grünen Farbe und auch bei allen, die ihn kennenlernten, wird das Andenken an den verdienstvollen Forstmann in Ehren sortleben.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
NSD.-Dozentenbund und Dolksbildungsstätte Gießen: 20.30 Uhr im Hörsaal des Tierseuchenmstituts, Frankfurter Straße 85, Vortrag Prof. Dr. S t a n d- f u ß „Ein Gang mit dem Tierarzt über den Lebensmittelmarkt". — NS.-Bund Deutscher Tedinif: 2015 Uhr im großen Saale des „Burghof" Vortrag mit Lichtbildern Pg. Dipl.-Jng. Schaffner „Leistungssteigerung durch technisch bestimmte Wirt- cha ft". — Goethe-Bund und Kaufmännischer Verein: 20 Uhr in der Neuen Aula der Universität Filmvortrag P. C. E t t i g h o f f e r : „So sah ich Afrika". Meine Afrikareise 1938. — Gießener Konzertverein: 20 Uhr in der Stadtkirche Orgelkonzert Prof. Günther Ramin. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Sergeant Berry". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „13 Mann und eine Kanone".
Aronldichier Ettighoffer im Vorlragssaal.
Im Sommer 1938 bereiste der durch seine (auch im Gießener Anzeiger wiederholt besprochenen) Kriegsbücher bekannte Frontdichter P. C. Ettighoffer unsere ehemaligen Kolonien in Afrika.
Ueber seine Erlebnisse und Eindrücke auf dieser großen Fahrt wird er am heutigen Donnerstagabend in einem Vortrag in der Neuen Aula berichten. Wer die Bücher Ettighoffers kennt, weiß, daß sein Vortrag ein interessantes Erlebnis sein wird. Unser Bild zeigt Ettighoffer auf der Heimkehr von seiner Fahrt an Bord des Dampfers „Ufombara". (Aufname: Privat.)
Ausgaben derErziehersürGegenwartund Zukunft
Kreisversammlung im NSLB.
In der Turnhalle der neuen Pestalozzischule fand am gestrigen Nachmittag eine Kreisversammlung aller Mitglieder des NSLB. des Stadt- und Landkreises Gießen statt. Von feiten der Kreiswal- tung wurden zunächst einige geschäftliche Mitteilungen verlesen, Werke empfohlen usw.
Die eigentliche Versammlung wurde eingeleitet mit einer Feierstunde, die in der Hauptsache von Mitgliedern des Kreisabschnittes „Gießen-- L a n d" (unter Leitung von Rektor Siegfried, Großen-Linden) gestaltet wurde. In stimmungsvoller Form wechselten Gesang von Liedern der Bewegung und vorgetragene Aussprüche des Führers, des allzu früh verstorbenen Reichswalters des NSLB., Hans Schemm u. a. Die Begleitung der Lieder hatte Lehrer Rau (Klein-Linden) übernommen.
So schufen Kernsprüche, Erinnerungen an die Kampfzeit, geschichtliche Rückblicke und einzelne Losungsworte, vereint mit dem Gesang, die rechte einfühlende Stimmung bei den Zuhörern. Nachdem das letzte Lied von allen Mitgliedern gesungen wor- den war, ergriff der Kreiswalter des NSLB.,
Kreisschulrat Nebeling, Gieken
das Wort zu seiner Ansprache. Er begrüßte die Mitglieder vom Stadt- und Landkreis Gießen zur ersten Versammlung im neuen Jahre und erklärte, daß die Zusammenkünfte des NSLB. nicht einfache Vereinsversammlungen wären wie früher, sondern sie sollten Stunden sein, die die Menschen aufrüttelten und wieder neu ausrichteten auf die Arbeit an der deutschen Jugend und im Dienste der Volksgemeinschaft.
In seinen weiteren Darlegungen ging dann Kreiswalter Nebelinq von der letzten großen Rede unseres Führers aus und betonte, daß hier eigentlich schon alles gesagt worden sei, was zur Zeit die deutschen Herzen erfülle. Was alle unbewußt empfänden, das habe der Führer klar und anschaulich ausgesprochen.
Wenn heute ein SA.-Mann, der im Kampfe um Deutschlands Errettung sein Leben ließ, oder ein Mensch, der in der Inflationszeit oder später an allem verzweifelnd das Leben von sich warf, weil es nach seiner Ansicht keinen Wert mehr hatte, wenn einer jener Männer heute auferstehen würde und könnte sehen, wie überall in Deutschland gearbeitet wird, welche gigantischen Bauwerke im Entstehen sind, wie Deutschland wieder von einer starken Wehrmacht geschützt wird, und so vieles andere, dann würde dieser Mann sagen: „Wahrlich, ein Wunder ist geschehen!"
Unsere heutige Jugend durchlebt diese große Zeit — der Redner erinnerte an die stolzen Erfolge des Jahres 1938 — als etwas Selbstverständliches! Deshalb ist es Pflicht jedes Nationalsozialisten und besonders die der Erzieher, die Jugend von Zeit zu Zeit zurückzuführen in die Vergangenheit und ihr zu zeigen, wie unser deutsches Volk im Laufe der Jahrhunderte erst wuchs, wie es arbeitete, kämpfte und litt, wie es sich sehnte nach einem großen, einigen Vaterland, und wie immer alles vereitelt wurde, weil die Führer fehlten.
In großen Ueberblicken gab sodann der Redner ein Bild der Entwicklung der nationalsozialistischen Weltanschauung und ihrer Erfolge, wies auf die Schwächen des Liberalismus hin, der zwangsläufig zum Marxismus und Bolschewismus führen müßte, und stellte demgeaenüber die Stetigkeit und die Stärke des nationalsozialistischen Staates fest, der unabhängig von Mehrheitsbeschlüssen seinem Volke dienen könnte. Weiter wies Kreisschulrat Nebeling darauf hin, wie es der Führer verstanden habe, überall auf wichtige Posten den richtigen Mann zu stellen. Er erinnerte hier an Generalfeldmarschall Hermann Göring und Generalinspektor Dr. Todt. Diese Führerauslese garantiere eine ruhige und unaufhaltsame Entwicklung, sie sei die Voraussetzung gewesen bei dem großartigen Bau der Autobahnen, bei den Westbefestigungen, bei dem Bau der Reichskanzlei, die alle rechtzeitig begonnen und auf den Tag vollendet wurden.
Alle Erfolge, die erzielt wurden, waren nur möglich durch den bedingungslosen Glauben an den Führer und durch den kämpferischen Geist, der die Parteimitglieder beseelte. Wir Deutschen würden ja das Volk der „Denker und Dichter" genannt. Wir müßten aber verhindern, daß wir wieder ins Träu- men kämen. Der kämpferische Geist müsse erhalten und gestärkt werden.
Der Redner verlas dann einen Teil der Rede unseres Führers bei der Neugründung der NSDAP, im Jahre 1925. Nur glaubensstarke, kampfesfrohe Menschen, die in unbedingtem Glauben an die Zukunft Deutschlands sich zusammenfanden, konnten die Rettung vollbringen.
Das soll der Jugend immer wieder vor Augen gestellt werden. Die Versammlungen im NSLB. aber sollten zu einer Feierstunde werden, sollten aufrütteln zu neuem Glauben und aufrufen zur Arbeit im Dienste der Volksgemeinschaft. Mit dem Gruß an unfern Führer, an Großdeutschland und mit dem Gesang des Horst-Wessel-Liedes und des Deutschlandliedes wurde die Versammlung geschlossen.
Handwerk soll werben!
Die Kreishandwerkerschaft Gießen hatte für gestern abend die Handwerker zu einer Zusammenkunft in das neue Schulungsheim des Gießener Handwerks (Goethestraße) eingeladen, um ihnen dort einen interessanten Vortrag zu vermitteln. Viele Handwerksmeister fanden sich dazu ein. Kreishandwerksmeister S t ü h l e r hieß die Kameraden willkommen.
Dann sprach der Vertreter des Reichsstandes des deutschen Handwerks, Schumann (Berlin), über das Thema: „Die wirksame Werbung des Handwerksmeisters." Der Redner ging von dem alten Wort aus: „Klappern gehört zum Handwerk" und übertrug den Gedanken dieses Sprichwortes auf die Notwendigkeit der Werbung des Handwerks. Wenn es gegenwärtig auch so scheine, daß Werbung nicht notwendig sei, weil das Handwerk eben stark beschäftigt ist, so sei der Handwerker doch verpflichtet, um der Erfüllung seiner Aufgaben auf dem Gebiet kulturellen Schaffens und auf dem Gebiet der ständigen Lehrlingsausbildung willen, einen sicheren Auftragsbestand über größere Zeiträume zu haben. Diesem Zwecke müsse die Werbung dienen! In weiteren Darlegungen und an Hand eines sehr interessanten Zahlenmaterials kennzeichnete der Redner die Bedeutung des Handwerks
innerhalb der deutschen Volkswirtschaft, und gab dabei interessante Vergleichszahlen zur Industrie.
Diel verbreitet sei die Meinung, daß das Handwerk etwas verteidige, wenn es zu Werbemitteln greife. Sich vielleicht gegen die Industrie verteidige! Dem fei entgegenzuhalten, daß die Aufgabengebiete beider ganz, verschiedenartige seien. Das Handwerk sei die Wirtschaftsform der Persönlichkeit, der Handwerker sei Hersteller und Mittler gleichzeitig, stehe in unmittelbarem Kontakt mit dem Kunden und habe hier große Möglichkeiten des Schaffens, die der Industrie niemals gegeben seien. Hierin liege auch die Stärke des Handwerks.
In temperamentvollen Ausführungen forderte der Redner auf, mitzuhelfen, daß jene gefährlichen Verallgemeinerungen, die das ganze Handwerk treffen, wenn einmal ein Meister eine wenig gute Arbeit geliefert, aus der Welt geschafft werden. Jeder Handwerksmeister müsse darauf bedacht sein, sorg- fällige und pünktliche Arbeit zu liefern, um damit allen jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die glauben, bei jeder Gelegenheit und gegenüber jedermann davon zu sprechen, daß „auf die Handwerker kein Verlaß sei". Sorgfältige und pünktliche Arbeit sei ein wesentlicher Werbefaktor. Darüber hinaus aber gebe es viele Möglichkeiten, einen wer
benden Eindruck zu machen. Da sei es das gure. saubere, zweckmäßige und originelle Aushange« schild, der blitzblanke Laden, das geschmackvoll und mit verhältnismäßig einfachen Mitteln ausgestattete Schaufenster, da feien es höfliche und umgängliche Gehilfen und Lehrlinge, die aufgeräumte und im Rahmen des Möglichen saubere Werkstatt, die wohlüberlegte und stets beibehaltene gute Ausstattung der Drucksache, aber auch die Anzeige in der Zeitung, die in ihrer textlichen Gestaltung und typographischen Ausstattung wohlüberlegt sein solle. Der Redner wies besonders darauf hin, daß zwischen dem Reichsstand des deutschen Handwerks und den Zeitungsverlegern ein Abkommen geschlossen worden sei, nach dem jedem Handwerksmeister kostenlose Beratung für die Abfassung und Gestaltung seiner Anzeigen durch die zuständigen Beauftragten der Zeitungen zuteil werde. Als besondere Forderung stellte der Vortragende heraus, daß es bei allen Werbemaßnahmen wesentlich darauf ankomme, daß es sich um Dauermaßnahmen handle.
Im weiteren Verlaufe des Abends vermittelte der Redner eine Fülle von guten und schlechten Beispielen, die durchweg und unmittelbar aus der Praxis heraus gewonnen wurden und eine Fülle von Anregungen dafür gaben, wie man es machen und wie man es nicht machen soll. Zahlreiche Lichtbilder unterstützten das gesprochene Wort.
Die Zuhörer folgten dem Vortragenden mit großer Aufmerksamkeit und dankten mit lebhaftem Beifall. Kreishandwerksmeister Stühler schloß dann in üblicher Weise den anregenden Abend.
Lichtmeß.
LPD. „So an Lichtmeß (2. Februar) der Dachs seinen Schatten sieht, bleibt es noch vier Wochen Winter", will ein alter Volksglaube im Maingau und im Taunus wissen, wenn ihn die wärmer werdenden Sonnenstrahlen aus seinem Bau herauslocken. Ein Volksglaube im Odenwald sagt, daß an Lichtmeß der Winter seinen Höhepunkt überschritten hat. Das Tageslicht, das am Dreikönigstag „nur einen Hahnschrei" zugenommen hatte, macht nun „einen Hirschsprung", und man merkt es auch deutlich, daß der Tag um eine volle Stunde gegenüber dem Jahresanfang länger geworden ist. „An Lichtmeffen können die Bauern bei Tag essen", heißt es deshalb im Lahntal, und „Garn gibt's Gärnchen" sagt man im Vogelsberg, denn die Frauen spinnen jetzt weniger, da der länger gewordene Tag andere Arbeiten notwendig macht. „Weiße Lichtmeß bringt grüne Ostern" lautet eine alte Wetterregel im Rheingau, dagegen sagt man im Odenwald „Lichtmeß warm, daß Gott erbarm!** Wenn früher am Lichtmeßtag die Knechte und Mägde ihre neue Stelle bei den Bauern antraten, so hatte das feinen guten Grund, denn „für den Bauern beginnt an Lichtmeß der Frühling". Uebrigens schließen die Spinnstuben im Vogelsberg an Lichtmeß, wobei mitunter die letzte Gans ihr Leben lassen muß, denn nach Lichtmeß fanaen die schmackhaften Vögel mit Eierlegen an. Nur „zu früh darf man nicht Lichtmeß machen", denn wer das tut, hat nach dem Volksglauben im Westerwald und an der oberen Lahn eine große Dummheit begangen.
Die Dermöaenssteuerveranlagung.
Der Reichsfinanzminister teilt folgendes mit: „Die Hauptfeststellung der Einhellswerie für gewerbliche Betriebe und die Hauptveranlagung ’ur Vermögenssteuer und Aufbringungsumlage, die nach der Verordnung vom 27. Dezember 1937 auf den 1. Januar 1939 oorgenommen werden müßten, werden nach dem Stand vom 1. Januar 1940 vorgenommen werden. Die Verordnung hierüber wird demnächst ergehen.
Wie wir hierzu erfahren, entfällt keinesfalls durch das Hinausschieben der Abgabe der Vermö- gensfteuerertlärung die Verpflichtung, die Inventur, die auf den 31. Dezember 1938 vorzunehmen war, durchzuführen. Es wird geraten, unter allen Umständen die Jnventurarbeiten (Ausrechnen des Wertes des Warenbestandes usw.) zu Ende zu führen, da die aus der Inventur ermittelten Werte bei der Einkommensteuererklärung benötigt werden.
Weiteren Vernehmen nach ist damit zu rechnen, daß hie am 31. Dezember 1938 ermittelten Werte
Schuß im Funkhaus.
Ein Roman von Maria Oberlin.
Copyright by Prometheus-Verlag, Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München.
12. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Nein, nein!" sagt sie müde. „Nichts besonderes --Meine Müdigkeit, weiß du ..."
„Ach so ... ja, höre, Ev, gehst du erst zu der Dame, sie wartete schon so lange ..."
„Ja, ja", sagt Evelyn mechanisch. „Natürlich ... ja ..."
Aus dem grünen Sessel erhebt sich eine kleine rundliche Frauengestalt, sagt schüchtern: „Made- moiselle?"
Evelyn gleitet glättend über das braune sich wirr kräuselnde Haar, sieht in das runde, gutmütige, bleiche Gesicht.
„Josephine?" sagt sie dann langsam. „Tatsächlich --Josephine Beranger?" Sie tritt rasch auf die ein ibenig provinziell gekleidete Frau zu. „Mutters Josephine--nett, daß Sie mal zu mir kommen!"
Die kleine Frau räuspert sich ein wenig unbehaglich.
„Setzen Sie sich doch wieder, Josephine!" sagt Evelyn herzlich. „Sie haben so lange gewartet--
es tut mir leid ..."
„Ich wollte Mademoiselle unbebingt sprechen ... Und ich habe nicht viel Zeit!" sagt die kleine Frau. „Ich hab viel Arbeit ..."
„Was machen Sie denn jetzt, Josephine? Wo leben Sie?"
„In Soissons!" sagt die kleine Frau mit dem glattgescheitelten Haar. Ihr Blick war etwas unruhig. „Madame hat mich immer so reich beschenkt ... Ich konnte mir einen Gasthof da kaufen ... hab auch geheiratet, einen Jugendfreund aus meinem Dorf ../
„Es geht Ihnen also gut, Josephine?"
Die kleine Frau nickt. Sie spricht ein flüssiges, fast akzentloses Deutsch.
„Die Wirtschaft geht! Mein Mann ist fleißig. Wir konnten ja auch ohne Schulden beginnen ..."
Evelyn sieht an der Frau vorbei. Wenn ein Vorhang von längst vergessenen Bildern niedergleitet, sieht sie sie immer in Begleitung der Mutter, immer ergeben, last demütig, fleißig, verschwiegen Reich beschenkt hat die Mutter ihre Dienerin? ©Sie Mutter, liebel
„Zwei Jahre sind das jetzt her, Josephine!" Sie stockt.
Die kleine Frau blickt zu Boden.
„Madame wollte nicht mehr leben!" sagt sie scheu und fast ausweichend. „Wir konnten sie nicht hindern ..."
„Zwei Jahre!" sagt Evelyn sinnend. „Und alles ist wie damals, Josephine!"
In die gutmütigen grauen Augen der Frau kommt bei diesen Worten leises Erschrecken. Sie schweigt einen Moment unentschlossen und sieht auf ihre zierlichen, derb beschuhten Füße nieder.
„Die Zeit heilt doch manches, Mademoiselle!" meint sie schließlich tastend und fragend.
Evelyn schüttelt den Kopf.
„Mutters jäher Tod ist für mich unvergeßlich — nie kann ich vergessen--nie! Aber — wie ifts
mit Ihnen, Josephine? Wo wohnen Sie denn hier? Besuchen Sie Verwandte?"
Die kleine Frau schluckt. „Ich kam nur Ihretwegen, Mademoiselle. Ich muß schnell wieder heim, ich werde gebraucht. Aber — ich muß mit Ihnen sprechen ..."
Evelyn sieht die kleine Frau überrascht an.
„Mademoiselle", sagt sie heiser. „Sie sind einundzwanzig geworden, nicht wahr? Und Sie haben das Testament Ihrer Mutter?"
Evelyn ist aufgesprungen.
„Sie mißen, Josephine? Sie kennen den Inhalt?"
Die kleine Frau atmet schwer. „Ja", sagt sie. „Madame hatte nie ein Geheimnis vor mir. Sie sprach über alles — sie sagte, was sie schreiben würde und auch, daß der Mr. Bortefeld ..." Sie bricht ab.
Evelyne ist totenblaß geworden. „Bortefeld", sagt sie heiser. „Ja, ja ... wenn Sie wissen, Josephine --ich hab's erst heute erfahren, daß Kay gar nicht mein Vater ist--es ist furchtbar, ich ..."
Sie schlägt die Hände vors Gesicht und verharrt eine Weile mit bebenden Schultern.
Die bekümmerten Blicke der Frau liegen schwer auf ihr. Schließlich erhebt sie sich und streicht leise über die bebenden Schultern.
„Mademoiselle"; sagt sie stockend. „Ich muß Ihnen erklären — — — Sie müssen begreifen ..." Sie jucht angstvoll und vorsichtig nach Worten und findet sie nicht.
„Sprechen Sie doch, Josephine ... Sie waren ja immer bei Mama .. was wissen Sie, ihr Brief ist nicht ganz klar für mich--sprechen Sie doch!"
„Deswegen kam ich heute, Mademoiselle ... ich wußte genau, heute wird Mademoiselle Evelyn einundzwanzig, heut mußt du reifen und sprechen und alles sagen, auch der Herr 2lbb6 meint, es wäre
meine Pflicht, unbedingt die Wahrheit zu sagen, schon viel zu lange hätte ich geschwiegen ..."
Evelyn starrt die Frau an. Ein wildes Angstgefühl überkommt sie plötzlich.
„Die Wahrheit?" Wiederholt sie mechanisch. „Was ist denn, Josephine?"
Die Dienerin sieht flüchtig an dem Mädchen vorbei.
„Der letzte Brief an Sie--Er ist ein Lüge
--Er ist nicht wahr ... Sie dürfen ihm nicht glauben!"
Evelyn wird totenbleich. „Ich versteh nicht, Josephine!" meint sie hilflos und fühlt das wild pochende Herz ganz stark.
„Madame war--" die Dienerin bricht ab ...
„in der letzten Zeit ..." fährt sie fort, als suche sie nach Worten, dann entschließt sie sich und sagt: „Madame war in letzter Zeit krank. Sie wußte nicht mehr, was sie schrieb ... Sie war nicht mehr gut ... damals ..."
„Nicht mehr gut? Was heißt das, Josephine?"
„Vielleicht, daß Madames Beruf sie nicht glücklich machte--sie war so nervös in der letzten
Zeit und tat manches, was nicht hätte sein sollen. Sie schrieb diesen Brief, um einen Mann aufs tiefste zu verwunden und zu treffen, sie war nicht Herr ihrer Sinne, als sie schrieb, sie dachte nur daran, sich an ihm zu rächen. Auch--mit einer
Lüge — —"
„Erzählen Sie, Josephine--ich bitte Sie!"
„Ja, es gibt nicht viel zu sagen, Mademoiselle. Ich kam sehr früh zu Madame, sie war damals noch als Sängerin in der Provinzhauptstadt und gerade mit dem Mr. Bortefeld verheiratet.. "
Wieder fühlt Evelyn ganz stark chr pochendes Herz.
„Es ging nicht gut in dieser Ehe!" sagt die kleine Frau scheu.
Evelyn hebt den Kopf. „Warum? War er schlecht zu ihr?"
Die kleine Frau schüttelt abwehrend den Kopf. „Nicht er", sagt sie sehr leise.
Evelyn starrt die Frau an. Ihre Lippen murmeln: „Sie?"
Die kleine Frau nickt scheu.
Evelyns Gesicht wird weiß und sehr hart. Ein scharfer Zug hat sich um den sckongefchnittenen Mund gegraben, sie greift einen Augenblick wie haltsuchend nach der Lehne des Stuhls, läßt sich schwer niederfallen.
„Die Ehe wurde bald getrennt. Es handelte sich um einen Mr. von Trittwitz, einen jungen Offizier, er verkehrte viel mit Madame, und Mr. Bortefeld trennte sich bann von ihr ... Mr. von Trittwitz ist
im Großen Krieg geblieben", sagt die Frau noch behutsam. „Gleich 1914..."
Evelyns Herz pochte in harten klapsenden Stößen.
„Und?" fragt sie hastig.
„3d) blieb auch nach der Trennung bei Madame, ihre Stimme wurde immer schöner. 1914 wurde sie nach Südamerika engagiert, bald war sie gefeiert und verwöhnt... Drüben kamen Sie zur Welt... Mademoiselle..."
„Ja, ich weiß..."
„Den Krieg über blieben wir beide drüben, Mademoiselle, das wissen Sie ja. M.idgmc lernte zwei Jahre später Mr. Kay kennen, er war während des Krieges dort interniert, konnte aber frei über fein Leben entscheiden, auch Mr. Thomas wurde drüben geboren ..."
„Ja, ja, ich weiß das ja alles, Josephine... f Mama ist bann noch einige Jahrs drüben geblieben, hat ihre Gastspielreisen weitergeführt, ist auch in Deutschland wieder aufgetreten und war immer nur wenig bei uns... Warum hat sie mir nie etwas gesagt, daß ich nicht Kays Tochter bin? Ich hatte doch ein Recht darauf, zu wissen, wer mein Vater ist..
„Mr. Kay hatte Sie doch gleich adoptiert", sagt die Frau still.
„Aber Bortefeld! Daß er sich nie um mich gekümmert, daß er nie nach mir gefragt hat!"
Die kleine Frau atmet schwer.
Dann sagt sie leise, aber unheimlich deutlich:
„Mr. Bortefeld ist nicht Ihr Vater, Mademoiselle!"
Evelyn wird ganz grau im Gesicht.
„Nicht?" stammelt sie, „Nicht?" Und mitten in der fürchterlichen Erschütterung bricht sich ein flutendheißes befreiendes Gefühl Bahn — trotz allem — trotz allem...
Sie greift nach der Hand der Frau ,Aber wer — wer?" kommt es in zuckenden Stößen aus ihrem Munde.
„Mr. von Trittwitz--" sagt die stille Stimme
behutsam.
Evelyn schlägt die Hände vors Gesicht.
Ihre reinen, klaren Augen sehen die Frau zu- tiefft entsetzt an. „Sie nannten den Namen ja eben, aber ich dachte nicht--Ehebruch?" Sie stoßt
das Wort sehr heftig vor sich her. Die Ehe hat sie gebrod>en ..." Und plötzlich sinkt sie zusammen, ein wildes Weinen erschüttert den schlanken Körper. Die kleine Frau ist aufgesprungen, begütigend streicht sie über die zuckenden Hände
„Mademoiselle, bitte beruhigen Sie sich doch, bitte, Mademoiselle ... !"
(Fortsetzung folgt!)


