Nr. 28 Zweites Blatt
Donnerstag, 2. §ebruar 1939
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Schützt die Zugtiere vor Frost!
grundsätzliche Klima-Umqestaltung unserer Winter- struktur eingetreten, folglich wird es auch immer in gewissem Ausmaß zu Frost und Schnee kommen. Wenn die „normale" Kälte wie im Januar völlig ousbleibt und genau die entgegengesetzte Entwicklung sich einstellt, so kann man gewiß sein, daß dieses Ausrutschen nach der Plusseite durch ein baldiges Ausrutschen nach der Minusseite wieder ausgeglichen wird. Von diesem Gesichtspunkt aus ist -anzunehmen, daß die kommenden Spätwinterwochen — wozu nicht nur der Februar, sondern auch die erste Hälfte des März zu rechnen ist —, die voreiligen Frühlingslüfte des Januar wieder ausgleichen und für einige Kältewellen sorgen werden. Es wäre also völlig falsch, auf Grund des milden Verlaufs des Mittwinters und Hauptwintermonats, des Januar, anzunehmen, der Winter fei zu Ende.
Klimatisch gesehen ist es bekannt, daß die strenge Kälte nicht mit dem Tiefstand der Sonne, also dem 21. Dezember, zusammenfällt, sondern daß die Auswirkungen des Abschnitts niedrigsten Sonnenstandes erst einige Wochen nachher sich cinstellen. Damit ergibt sich rechnerisch ein terminmäßiger Höhepunkt des Winters für die Zeit von Mitte Januar bis etwa Mitte Februar. Die zweite Hälfte des Januar hat keinen Frost in Deutschland gebracht, jedenfalls keine Kälte, die man als regelrecht winterlich bezeichnen könnte. So liegt die Vermutung nahe, daß die erste Februarhälfte einen Wetterumschlag nach der kalten Richtung bringt.
Der Sonnenstand und damit die Länge der Tage geben im Februar schnell, man möchte sagen, stürmisch aufwärts. W'enn es auch im Februar noch zu ( niedrigen Temperaturen kommt, so ist die äußere Wirkung bei weitem nicht mehr so kraß, wie in der zweiten Dezemberhälfte, oder in der ersten Januarhälfte. Man kann also auch sagen, daß die unangenehmste Zeit des Winters mit dem Beginn des Februar überstanden ist, daß wir zwar nicht unmittelbar, aber doch immerhin nahe an der Schwelle zum Frühling stehen. Entsprechend zeigen die Mittelwerte der Temperaturen des Februar in Deutschland einen deutlich zu beobachtenden Anstieg von Südwesten und Westen her,'indem nämlich aus den winterklimatisch sowieso begünstigten Gegenden West- und Südeuropas nun wieder warme Luftwellen vorzudringen versuchen. In der zweiten Februarhälfte kann es bei solchen Warmluftvorstößen schon regelrechte Frühlingstage geben, allerdings nur in der westlichen Hälfte Großdeutschlands, während der ostdeutsche Raum, von der Ostmark Über Sudetenland bis nach Ostpreußen, während des ganzen Februar noch im Banne des Winters steht.
Aus der Stadl Gießen.
Spätwinter im Februar?
Man war zweifellos angenehm überrascht, als der Januar, der Hauptwintermonat, nicht das strenge Regiment seines Vorgängers Dezember fortsetzte. Meteorologisch gesehen brachte der Januar allerdings eine extreme Gestaltung. Es blieb nicht bei dem normalen winterlichen Tauwetter, das Temperaturen von 5 bis 10 Grad Wärme aufwies, sondern es brach Über ganz Mitteleuropa eine ausgesprochen vorfrühlingshafte Wärme hinein, die in diesem Umfange und in dieser Zeitdauer sehr ungewöhnlich war. Durch derartig langanhaltende und ausgeprägte Wärmewellen mitten im Winter erfährt die Vegetation einen Auftrieb, der mit Rücksicht darauf, daß der Winter in Wirklichkeit doch noch lange nicht beendet ist, nur nachteilig wirken kann. Wir müssen berücksichtigen — und haben wiederholt bewiesen erhalten — daß die Natur nach dem Gesetz des Ausgleichs verfährt. Es ist keine
Oie Volkshalle soll rein städtischer Besitz werden.
Oer Oberbürgermeister schlägt die Auflösung des Bolkshalle-Vereins und Barabfindung der Anteilscheinbesitzer vor.
„Ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns" — diese Inschrift an unserem Stadttheater könnte man auch an der D o l k s h a l l e anbringen. Denn die Volkshalle entstand im Jahre 1925, dank einer Anregung aus der Gießener Bevölkerung, mi Hinblick auf das damalige große Kreisturnfest unter Einsatz erheblicher finanzieller Opferbereitschaft weiter Beoölke- rungskreise. Durch Zeichnung von Anteilscheinen wurden damals von den im Volkshallenverein organisatorisch zusammengeschlossenen Kaufleuten, Handwerksmeistern, Jndustriekreisen und von anderen Mitbürgern, deren Gemeinsinn schon oft erprobt war, über 8 0 0 0 0 Mark a l s Darlehen für die Errichtung der Volkshalle aufgebracht, zu denen die Stadt aus ihren Mitteln weitere 50 0 00 Mark als Anteilzeichnung zur Verfügung stellte. Auf dieser finanziellen Grundlage wurde der Bau begonnen, wobei von vornherein klar war, daß die zunächst nur gewissermaßen im Rohbau geschaffene Volkshalle im Laufe der Jahre weiter ausgebaut werden müßte. Das geschah denn auch, allerdings nun ohne weitere finanzielle Förderung durch private Anteilzeichnungen, allein auf Kosten der Stadt.
Während von 1928 ab auS städtischen Mitteln alljährlich große Zuschüsse für Ausbauten und Verbesserungen in der Volkshalle geleistet wurden, die sich bis Ende 1937 auf rund 1 37 000 Mark bezifferten, ging die bei der Gründung des Volkshalle-Vereins in den Satzungen vorgesehene alljährliche Auslosung und Rückzahlung von je 50 Anteilscheinen planmäßig vor sich, so daß von der ursprünglichen Anteilsumme in jedem Jahre 5000 Mark (50 Anteile je 100 Mark) zurückgezahlt wurden. Die Gefamtbaukosten der Volkshalle beliefen sich Ende 1937 auf rund 38 3 00 0 Mark, so daß es — unter Berücksichtigung der ursprünglichen privaten Anteilzeichnung ich Höhe van über 80 000 Mark und der inzwischen durch Auslosung erfolgten Rückzahlung ansehnlicher Beträge — für jedermann ohne weiteres klar ist, daß die Volkshalle mittlerweile zum weit überwiegenden Teile städtischer Besitz geworden ist. Mit dieser Tatsache stimmen aber — je länger, je mehr — die rechtlichen Grundlagen der Eigentumsverhältnisse nicht mehr überein. Zu beachten ist hierbei, daß die Stadt für die zu Volkshallebauzwecken bei Hypothekenbanken usw. im Laufe der Jahre aufgenommenen Darlehen die Bürgschaft übernommen hat.
Das Verhältnis zwischen der Stadt und dem Volkshalle-Verein ist stets hdrmonisch gewesen, und es besteht auch heute noch in angenehmer Form. Es sind also nicht etwa Reibereien, oder Verstimmungen, die zu der jetzt vorgeschlagenen Neuordnung der Besitzgrundlage geführt hätten. Wenn man sich vor Augen hält, daß zu den vorerwähnten 137 000 Mark Betriebszuschüisen der Stadt für die Volkshalle weitere 14 000 Mark im Rahmen des Haushaltsplanes für 1938 hinzukommen, die Stadt außerdem für die. in den jüngsten Wochen vorgenommene Einrichtung einer modernen Heizungsanlage in der Volkshalle weitere erhebliche Mittel — u. W. rund 35 000 Mark — aufwenden mußte, anderseits auch in diesem Jahre wieder durch Anteilscheinauslosung 5000 Mark der ursprünglichen Zeichnungssumme zurückgezahlt werden, so kann man ohne weiteres das Bestreben der Stadtverwaltung nach einer den tatsächlichen Finanzverhältnissen entsprechenden Neuordnung der Befißgrundlage verstehen. Auf diesen unanfechtbaren Erwägungen des Oberbürgermeisters baut sich der von ihm ge
machte Vorschlag an die Anteilscheinbesitzer auf, den Volkshalle-Verein aufzulösen und die jetzt noch im Privatbesitz befindlichen Ante lisch eine durch Ablösung in städtisches Eigentum zu überführen, damit die Volks- Halle durch diese Regelung, entsprechend der tatsächlichen Lage der Dinge, zum rein städtischen Besitz wird.
Der Vorschlag des Oberbürgermeisters an die jetzt noch vorhandenen Anteilscheinbesitzer sieht vor, für jeden Anteilschein im Nennwert von 100 Reichsmark einen Betrag vor: 70 Reichsmark sofort bar auszuzahlen. Nach den Berechnungen der Stadt wird diese 70- prozentige Barabfindung im Durchschnitt ausreichen, um für den Anteilscheinbesitzer den gleichen Effekt zu erzielen, als wenn die Auslosung in der bisherigen Weife bis zur Rückzahlung aller Anteilscheine fortgesetzt würde. Falls nämlich die Auslosung wie bisher weiterginge, würde es noch etwa 17 bis 18 Jahre dauern, bis sämtliche Anteilscheine in den Besitz der Stadt übergegangen wären. Wer sich als Anteilscheinbesitzer vor Augen hält, daß er bei der Zustimmung zu dem Vorschlag des Oberbürgermeisters für jeden Anteil heute schock 70 Mark bar in die Hand bekommt, im
anderen Falle aber die Möglichkeit in Rechnung stellen muß, daß sein Anteilscheinbesitz unter Umständen erst in 17 oder 18 Jahren durch die Laune des Zufalls zur Auslosung und Rückzahlung kommen kann, der wird sich wohl darüber klar sein, daß er mit der Zustimmung zu dem Ablösungsvorschlag des Oberbürgermeisters eine Regelung gut- heißen wird, die auch für ihn als Anteilbesitzer durchaus annehmbar ist.
Geleitet von diesen Erwägungen hat sich denn auch schon der weitaus größte Teil aller restlichen Anteilbesitzer mit der vom Oberbürgermeister vorgeschlagenen sofortigen Barabfin- dung auf der Grundlage von 70 v. H. einverst a n d e n erklärt. Es sind eigentlich nur noch einige wenige Personen, deren Erklärung bis jetzt noch nicht vorliegt, bei denen es sich wohl nur um eine gewisse Saumseligkeit handelt, nicht aber um eine grundsätzliche Verneinung. Es darf daher der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß der vom Oberbürgermeister im beiderseitigen Interesse auf der Grundlage von Recht und Billigkeit unterbreitete Ablösungsvorschlag nun auch von den paar einzelnen „Restanten" alsbald gutgeheißen wird, damit die Neuregelung umgehend tforgenommen werden kann. B.
Alles für Küpreß, Windstärke 13!
Der Klub am Vormittag sieht merkwürdigerweise ganz anders aus als der Klub am Abend. Vormittags kennen ihn die wenigsten. Aber es lohnt sich, einmal einen Blick durch die Räume zu werfen im nüchternen Morgenlicht. Man merkt bald, daß sich etwas vorbereitet. Große Dinge werfen beachtliche Schatten voraus. In zwei Tagen wird hier das Künstler- und Pressefest vom Stapxl laufen, das sich bereits eine Tradition geschaffen hat als das Fest von Gießen, das Fest des Winters. Sehen wir uns ein wenig um, lustwandeln wir, im Vorgeschmack naher Freuden, durch Säle und Galerien. Unten wuchert der Urwald — oben wütet der Seesturm in der bereits
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populär gewordenen, offiziell nicht mehr verzeichneten Windstärke 13. Im großen Saale herrscht vorerst noch das wilde Chaos, aber Gerüste und farbige Soffitten lassen schon etwas von der Märchenpracht ahnen, die sich in der Nacht vom Samstag zum Sonntag hier entfalten wird im Wirbel des Lichtes, des Tanzes, der Festesfreude. Nebenan, im kleinen Saal, haben die Dinge schon greifbare Gestalt gewonnen. Da tut sich eine in jeder Hinsicht üppige, exotische Landschaft auf mit braunen Insulanerinnen, mit Elefanten und Löwen, mit Schildkröten, Schlangen und überaus anzüglichen Affen... Oben geht es mehr seemännisch zu; oben riecht es
nach Oelfarbe, oben raschelt Papier, klappert die Schere, trieft der Pinsel: hier sind die Maler emsig am Werk. Bedeutende Gemälde, große, anregende, feuchtfröhliche, stürmische, sind unter ihren fleißigen Händen entstanden. Hier rauscht das blaue Meer, hier spielen Delphine, hier wohnen Seejungfern und> Seebären, Landratten, Lustreisende und Hafenkneipengäste. Macht euch auf allerhand gefaßt: es weht ein scharfes und lustiges Lüftchen, und wenn es so weiterweht, bann wird Küpreß 1939 ein großartiges, feiner beiden Vorgänger würdiges Fest. — (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger')
Gießener Gtadttheater.
Paul Helwig: „Flitterwochen".
Paul Helwig servierte uns die offenbar aus dem Leben gegriffene Geschichte von den geheimnisvollen Flitterwochen. Ein junges Fräulein Sabine und ein junger Mann namens Willi sind entschlossen, einander zu heiraten — gegen den Willen von Sabines Mutter, die Willi bei der ersten unfreiwilligen Begegnung gräßlich fand. Was kann man da tun? Sabine hat eine Freundin Ulla, die lernt einen Herrn namens Erich kennen, der ist wirklich nett und ansehnlich, und also setzen sich Sabine, Ulla und Erich zusammen und machen ein Komplott. Erich wird photographiert, erst ohne Sabine, dann mit Sabine, die Bilder werden an Mutti geschickt, Mutti, die zum Glück wo anders wohnt, ist von diesem Schwiegersohn begeistert, und Sabine und Willi fahren getrost in die Flitterwochen.
Natürlich kann diese Geschichte nicht gut gehen. Als Sabine von der Hochzeitsreise kommt (Willi hat ein bißchen Verspätung), erscheint Mutti überraschend zu Besuch, um sich am jungen Glück der Kinder zu sonnen. Gut, daß Erich gerade zum Abendbrot da ist. Erich muß also so tun, als ob er Willi wäre. Nach dem ersten Schrecken tut er cs so gründlich, daß die Schwiegermutter ganz entzückt ist. Als es Zeit ist, zu Bett zu gehen, wird das in der Zweieinhalbzimmerwohnung einigermaßen peinlich, und Erich bezieht für allzu selbstverständlich angemaßte Hausherrnrechte mehrere Ohrfeigen.
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Das ist noch nicht alles, denn natürlich lieben sich Erich und Ulla, die beide eine schlimme Nacht verbringen. Der dritte Akt spielt nach bewährten Mustern am andern Morgen, und es braucht nicht ausgemalt zu werden, was sich ferner ereignet, als Willi rechtmäßig nach Hause kommt ... Immerhin wird mittlerweile soviel klar geworden fein, daß es sich um einen Schwank handelt, der mit einer unbekümmerten Einbildungskraft konstruiert ist und mit einer beneidenswerten Beredsamkeit durch drei Akte gesteuert wird bis zum allgemeinen Versöh- nungsfest beim Frühstück. Dann beginnen Erichs und Ullas Flitterwochen.
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Herr Winkel führte Regie und ließ die Geschichte mit unbeschwerter Munterkeit vvrüberplät- schern. Die ergiebigste und komischste Rolle hatte Herr E r I e r (Erich), der seine Frechheiten gelegentlich mit der lustlosen Wurschtigkeit anbrachte, die wir aus manchen Rühmann-Filmen kennen. Anneliese Schloeder war die einfallsreiche Sabine, Anneliese Garbe die temperamentvoll verliebte Ulla. Herr Weiland (Willi) erstarrte in gedämpf
ten Eifersüchten, Frau Stirl erging sich in den natürlichsten Schwiegermuttergefühlen, Margot Eickhoff machte sehr drollig das rotbackige Hausmädchen aus der Gegend von Worpswede bei Bremen. Außerdem spielte ein niedlicher Foxterrier namens Anton mit.
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Das Publikum unterhielt sich glänzend und spendete stürmischen Applaus. Hans Thyriot.
Chiles Erdbebenkatastrophe.
Don Professor Or. G. Nienieier.
Drei Minuten nur bebte in einzelnen Stößen die Erde in Mittelchile. Nur drei Minuten genügten, um Städte, Dörfer und Höfe in einem Landstrich von mehreren 1000 Quadratkilometer in Trümmer zu legen, die Brandfackel zu entzünden und dis Arbeit einiger Geschlechterfolgen schwer zu schädigen. Noch weiß man nicht genau, wie viele Menschenleben vernichtet sind, wieviele vielleicht noch aus den Trümmern geborgen werden; Straßen und Eisenbahnen und Nachrichtenmittel sind zerstört. Fieberhafte Arbeit sucht zu retten, was noch zu retten ist. Immer wieder aber tauchen bei solchen Naturkatastrophen dieselben Fragen auf: Wie kommt es zu solchem Unheil? Steht der Mensch ihm machtlos gegenüber? Sind Verwandte, Freunde oder Volksgenossen von dem Unglück mitbetroffen worden? Wir wollen versuchen, hier, soweit es schon möglich ist, Antwort zu geben.
Das jetzige chilenische Erdbebengebiet ist ein nur kleiner Abschnitt in dem riesigen Bruch- und Vulkanbogen, der den größten Teil des Pazifischen Ozeans umgibt. Es ist ein Stück jener labilen Zonen der Erdkruste, in denen die Bewegungen seit dem Ende der Kreide- und besonders der Tertiärzeit noch nichtzurRuhe gekommen sind, wo die Völker durch Vulkanausbrüche und Erdbeben immer wieder aufgeschreckt werden. Das Erdbeben von San Franzisko 1906 und das große japanische Beben von 1923, das 150 000 Menschenleben vernichtete, stehen ja heute im Schulbuch. Solche katastrophalen Beben sind glücklicherweise selten; kleinere Beben gehören in vielen der genannten Gebiete sozusagen zum täglichen Leben; treten doch im Jahre durchschnittlich in Japan 1461 Beben auf, aber nur etwa alle 6 bis 7 Jahre ein größeres. In Chile rechnet man damit, daß etwa alle zehn Jahre verheerende Erdbeben einen Landesteil Heimsuchen, während kleinere, oft ganz schadenlos verlaufende auch dort sehr oft den Boden leicht erzittern lassen.
Die Volksmeinung glaubt, daß die Vulkans Ursache aller Erdbeben seien. Wenn auch Vulkanausbrüche oft von Erdbeben begleitet sind, wofür die große Bruchzone des europäischen Mittelmeergebietes ja Beispiele gebracht hat, so besteht dies
Verhältnis von Ursache und Wirkung meist jedoch nicht. Zwar hat auch Chile nicht weniger als 30 noch tätige Vulkane, doch haben ihre Ausbrüche selten Schaden angerichtet, da sie den Wohngebieten meist fern liegen. Die chilenischen Erdbeben sind nach Aussage der Wissenschaft bisher durchweg „tektonische Beben" gewesen. Einfach ausgedrückt, besagt diese Bezeichnung, daß sich Spannungen in der Erdkruste ausgleichen, die als Nachbewegungen der großen gebirgsbildenden Vorgänge und der großen Bruchbewegungen aufzufasicn' sind. Man muß sich vor Augen halten — ober besser auf einer Atlaskarte ansehen —, daß vor der langen Gebirgsfront der geologisch jungen Anden mit ihren Gipfelhöhen bis über 7000 Meter eine Zone von Tiefseegräben liegt, die 4000 bis über 7000 Meter unter den Meeresspiegel reicht. Solche Relief- u nie r sch jede, die auf verhältnismäßig engem Raum 10 000 bis 14 000 Mete* Überspannen, sind sozusagen Nahtstellen in der Erdkruste, an denen sich die Erde hin und wieder „setzt", sich gleichsam von Zeit zu Zeit zurechtrücken muß. So können Erdbeben und Vulkanausbrüche Folgen derselben Ursache sein.
Auch bas jetzige Beben, bas so verheerende Folgen gehabt hat, weil es eine der wichtigsten Lebenskammern Chiles betraf, scheint ein solches tektonisches Beben zu sein. Es weist die Merkmale früherer auf: ihr „Epizentrum", d. h. das Stück Erdoberfläche, das über dem Bebenherd in der Tiefe liegt und deshalb die stärksten Stöße ejnpfängt, liegt an der Küste bei Concepcion und am Rand des chilenischen Längstales bei Chillan. Durch beide Punkte aber verlaufen Bruchzonen. Das etwa 40 Kilometer breite Längstal stellt als ganzes eine hinter den beiderseitigen Gebirgszonen — der Kü- stenkorhillere und den Anden — bei der Heoung zurückgebliebenen Graben dar. Ostsüdöstlich der Stadt Chillon erhebt sich über 2900 Meter hoch der Vulkan gleichen Namens. Knapp 200 Kilometer nördlich wurde 1926 die Provinzhauptstadt Talca durch ein Erdbeben zerstört.
Der Trümmerhaufen, der die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Concepcion bildet, wurde nicht durch das erste und einzige Erdbeben hervor- gerufen; wurde doch die 1550 von den Spaniern gegründete Stadt 1751 nach einem starken Beben an ihre heutige Stelle verlegt. Mit fast 80 000 Einwohnern zählte sie fast doppelt so viel Bewohner wie die Hauptstadt der Provinz Nuble, das jetzt gleichfalls zerstörte Chillan.
Leider müssen wir annehmen, daß auch deutsches Blut durch das Erdbeben vernichtet worden ist, wenn auch die großen bäuerlichen Siedlungsgebiete der Deutschen weiter im Süden des Landes liegen. Wie in fast allen größeren Städten Chiles, spielte das Deutschtum auch in den freien Berufen und im Handel der Stadt Concepcion eine große Rolle. Von den rund 30 000 bis 35 000 Deutschen und Deutschstämmigen Chiles saßen etwa 1500 im
Gebiet von Concepcion; sie haben hier rund 94 hihi Hektar Landbesitz, das find fast 5 v. H. der gesamten, dort landwirtschaftlich genutzten Fläche. Concepcion mit seinem Hafen Talcahuano war der Vorort der sogenannten Frontera-Region, eines südöstlich der Stadt mehrere hundert Kilometer sich hinziehenden alten Indio nerlandes der Araukaner, das unter wesentlicher Mithilfe der Deutschen feit der Mitte des vorigen Jahrhunderts erschlossen worden ist. In der Provinz Concepcion und im anschließenden Araukanerland war rund 1 v. H. dcr Bevölkerung deutschblütig (1933: rund 4900 Seelen): außerdem aber leben dort noch rund 3000, meist dcutschblütige Schweizer, die sich den Deutschen eng angeschlossen haben und sich großenteils zu ihnen rechnen. Wenn diese südlicheren Siedlungsgebiete auch nid)t oder wenig von Erdbeben betroffen zu sein scheinen, so muß doch in ihrem Vorort die wirtschaftlich und geistig führende deutsche Schicht Verluste erlitten haben. Ebenso müssen wir mit Verlusten in und bei Chillan rechnen: in der Stadt lebten und arbeiteten über 300 Deutsche und auch in der Umgebung hat es deutsche Bauern gegeben; sind dort doch noch um 1930 deutsche Bauern an- fiedelt worden.
Wenn wir daher in dieser bisher wohl fürchterlichsten Erdbebenkatastrophe Chiles dem befreundeten Land unsere Anteilnahme zum Ausdruck bringen, so ist diese Anteilnahme gemischt mit dem Schmerz um den Verlust deutschen Blutes.
Hochschulnachrichten.
Am 2. Februar begeht Professor Dr. Gustav Frölich, Direktor des Instituts für Tierzucht und Molkereiwefen an der Universität Halle, feinen 6 0. Geburtstag. Professor Frölich hat es hervorragend verstanden, der Praxis Anregungen zu geben. Die Auswertung der Mendeljchen Vererbungsregeln für die Tierzucht, die Wichtigkeit der Blutlinien, die Herausstellung der Bedeutung leistungsfähiger Stämme in allen Tierzuchtzweigen hat er veranlaßt und gefördert. Besondere Muhe widmete er der Zucht des Karakulschafes. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zeichnet die Verbindung umfassenden biologischen Wissens mit landwirtschaftlichem Können aus. Die Deutsche Akademie der Naturforscher ernannte Professor Frölich zu ihrem Mitglied. 1925 wurde ihm die silberne Eyth-Medaille der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, 1930 die silberne Plakette des Reichsverbandes für deutsche Schafzucht und 1934 der silberne Ehrenschild des Reichsernährungsministers für Verdienste um die Landwirtschaft verliehen. Aus Anlaß des 60. Geburtstages ist eine Festschrift erschienen, in der Reichsernährungsminister R. Walther Darre, als ehemaliger Schüler Frölichs, dessen Verdienste als Lehrer und Wissenschaftler würdigt.


