Ausgabe 
2.1.1939
 
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Wiedereinstellung in die Luftwaffe.

Das Reicksluftfahrtministerium gibt bekannt: 1. Bei der Luftwaffe bestehen zur Zeit besonders günstige Aussichten für in Ehren entlassene Solda­ten, die ihre Wiedereinstellung in den aktiven Wehr­dienst erstreben. 2. Gesuche um Wiedereinstellung und Anfragen sind an das nächste Luft-Gaukom- rnando zu richten. Die Anschrift des für den Be­werber zuständigen Luftaaukommandos ist bei jedem Wehrbezirkskommando zu erfahren.

Krastpostverkehr

im Kampf mit Schnee und Eis.

Die Kraftpoststellen unserer Reichsbahn haben in den vergangenen Tagen keinen leichten Dienst ge­habt. Die schweren Schneefälle haben den Verkehr aud) bei der Post sehr erschwert. Ueberall hinderten große Schneeverwehungen die Fahrt, und der Ein­satzbereitschaft und der Energie der Fahrer war es zu danken, daß der Kraftpost- wie auch der Per­sonenverkehr in Omnibussen auf allen Linien aüf- rechterhalten werden konnte. Allerdings waren Ver­spätungen manchmal nicht zu vermeiden, wenn es galt, da und dort einen Wagen erst.freizuschaufeln oder darauf zu warten, bis eine schwere Schneever­wehung beseitigt war. In vielen Gemeinden wurde Verständnis für die Notwendigkeit der Aufrecht­erhaltung des Verkehr gezeigt, und die Straßen wurden so weit schneefrei gehalten, daß der Verkehr möglich war.

Mit größeren Schwierigkeiten hatten die Land- kraftposten zu rechnen, die morgen zu früher Stunde ihre Fahrt in das Hinterland, in das Bie­bertal, nach Grünberg usw. anzutreten hatten und dabei selbstverständlich noch keine geräumten Stra­ßen vorfanden.

Was den Schneemassen nicht gelungen war näm­lich den Kraftpostverkehr lahmzulegen, das ver­mochte nunmehr das Glatteis, das sich nach dem gestrigen Regen auf den Straßen bildete. Im Inter­esse der Sicherheit von Menschenleben und um der Erhaltung der Werte in den Kraftwagen willen, wurde heute morgen der Kraftpostverkehr einae- stellt, da bei den gegenwärtigen Straßenverhältnissen mit ziemlicher Sicherheit mit Unfällen gerechnet wer­den müßte.

** A r b e i t s j u b i l ä u m. Am heutigen 2. Ja­nuar feiert der Arbeiter Wilhelm Hillaärtner aus Hausen bei den Gailschen Tonwerken fein 25jäh- riges Arbeitsjubiläum. Herr Hillaärtner ist in die­sem Betriebe als Handformer beschäftigt. Er hat sich während dieser Zeit die Zufriedenheit und Achtung der Betriebsführung erworben, und mit allen Mit­arbeitern pflegt er gute Kameradschaft. Durch die Firma und seine Arbeitskameraden wurde der Ju­bilar an seinem Ehrentage entsprechend gefeiert.

** Unterrichtsbeginn. Wie das Stadtschul- amt heute bekanntgibt, beginnt der Unterricht in der gewerblichen und in der Mädchenberufsschule am Mittwoch, 4. Januar.

Der Jahresanfang in Gießen.

Mit viel Krach und frohen Zurufen von Fuß­gänger zu Fußgänger, von Haus zu Haus nahm unter dem feierlichen Geläut der Glocken das Jahr 1939 feinen Anfang. Es war eine angenehme Win­ternacht, die es den Nachtschwärmern ermöglichte, 'ihren Straßenbummel um die Mitternachtsstunde in ausgelassener Stimmung zu machen, die auch den Daheimgebliebenen das längere Offenhalten der Wohnungsfenster zwecks Umschau über den Sil- vester-^Kriegsschauplatz" ohne die Gefahr von Er­kältungen gestattete. Und so konnte man denn als Straßenbummler, wie als Beobachter am Fenster, die Wahrnehmung machen, daß das nächtliche Sil- vesterfeuerwerk an Stärke, Vielseitigkeit und Dauer nichts zu wünschen übrig ließ. Es begann eigentlich schon am Samstagnachmittag mit mancherleiKa- nonenschlägen", Krach von Fröschen usw. Im Ver­laufe des Abends wurde es allmählich stärker, um dann zur Mitternachtsstunde natürlich seinen Höhe­punkt zu erreichen. Da zischten Raketen in die Luft, stiegen Leuchtkugeln empor, leuchteten bengalische Feuer und grell-weiße Sonnen, krachten Frösche und Kanonenschläge, kurzum, es herrschte ein Mords- detrieb. Aus den Wohnungen riefen frohgestimmte Menschen herzliche Neujahr^grüße einander zu, die Lichter an den Weihnachtsbäumen erfreuten noch einmal mit ihrem Kerzenschein und riefen die Er­innerung an die Weihnachtsfeier wach, kleinere Bu­ben und Mädels brannten unter der Aufsicht des Vaters oder der Mutter bescheidenes Feuerwerk aus den Wohnungsfenstern ab, während aus den Stra­ßen dieälteren Semester" unserer Jugend sich mit Eifer denschweren" Dingern der Feuerwerkskunst

widmeten. Glücklicherweise nahm die ganze Feuer­werkerei einen guten Verlauf, wenigstens wurde die Sanitätsbereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes im Verlaufe der Silvesternacht nicht in Anspruch genommen. Auch für die Polizei lag kein Anlaß zum Einschreiten vor, so daß sich der Jahreswechsel also in guter Form vollzog.

Der erste Tag des neuen Jahres führte sich aller­dings herzlich schlecht bei uns ein. Vom Vormittag ab herrschte erst langsames, dann gegen Mittag immer stärker werdendes Schneetreiben, das im Verlaufe des Nachmittags in Regen überging, der von zunehmendem Tauwetter begleitet war. Es war, kurz gesagt, ein Sudelwetter übelster Art, bei dem niemand ohne zwingenden Anlaß auf die Straße ging. Wer dennoch zum Ausgehen gezwungen war, bemühte sich um möglichste Abkürzung seines We­ges, denn es war wirklich keine Freude, in dem auf den Bürgersteigen vielfach noch bis zur Kiio- chelhöhe liegenden nassen Schnee herumzustapfen oder auf den hartgetretenen und fast zu Eis ge­wordenen Schneehuckeln herumzuschlittern und da­bei von oben und von unten nochbewässert" zu werden. Der Pegen und das Tauwetter hielten während der Nacht an und machten sich auch am heutigen Montag schon in früher Morgenstunde bemerkbar. Mit der Schneeherrlichkeit in den Stra­ßen ist es jedenfalls bis auf weiteres zu Ende. Und damit beginnt in der Stadt das neue Jahr nicht in dem prächtigen Kleide des Winters, sondern in dem weit weniger erfreulichen Gewand von Matsch und Nässe in den Straßen.

Aus der engeren Heimat.

Hütiengebühr auf dem Hoherodskopf.

LPD. Schotten, 1. Jan. Da die Klub­häuser des Vogelsberger Höhen-Clubs (VHC.) auf dem Hoherodskopf alljährlich beträcht­liche Summen für die Unterhaltung notwendig machen, wird nach einem Beschluß des Gesamtvor­standes des VHC. mit sofortiger Wirkung von allen Nichtmitgliedern des VHC. eine Hütten- gebühr von 10 Pfennig erhoben. Die Ge­bühr wird nicht erhoben bei KdF.-Fährten, Be­triebsausflügen, Schulausflügen, von Forstmännern 'und von Mietkraftfahrern. Bei Familien wird die

Gebühr nur einmal mit 10 Pfennig erhoben. VHC. er und deren Angehörige, die sich als solche ausweisen, haben nichts zu zahlen.

Auf der Landstraße tot aufgefunden.

LPD. Nidda, 1. Jan. Ein etwa 50 Jahre alter Mann, angeblich ein Reisender namens Schmidt aus Frankfurt a. M., wurde auf der Landstraße in der Nähe von Echzell tot im Schnee liegend ausgefunden. Anscheinend ist der Mann gefallen und dann erfroren, es soll aber auch ein Herzschlag nicht ausgeschlossen sein.

Landkreis (Bidteiu

* Garbenteich, 30. Dez. Der Gesangver­einF r o h s i n n" hatte seine Mitglieder und deren schulpflichtige Kinder zu einer Abendunterhaltung eingeladen. Musik, von Kindern gespielt, und Lied­vorträge leiteten den Abend stimmungsvoll ein. Die Kinder brachten außerdem ein Spiel zur Aufführung, das große Freude auslöfte und lebhaften Beifall fand. Im weiteren Verlaufe des Abends wurden die Kinder mit Geschenken bedacht. Die Kinder dankten für die schönen Gaben mit fröhlichen Ge­sichtern. Gedichtvorträge der Kinder und gemeinsam gesungene Lieder beschlossen den schönen Abend.

<£ Leihgestern, 30. Dez. Die Bautäti^- k e i t in unserer Gemeinde war in diesem Jahre nicht besonders rege. Außer An- und Umbauten an land­wirtschaftlichen Gebäuden werden jetzt auch Silos in den landwirtschaftlichen Hofreiten errichtet. Wohn­gebäude wurden in der Hindenburgstraße zwei, in

der Bahnhofstraße und im Ortsteil am Mühlberg fe eines errichtet.

cxd Holzheim, 31. Dez. Am Donnerstag verstarb hier der Zweitälteste männliche Ein­wohner unserer Gemeinde, der Schneidermeister Jakob Schneider ITI. im fast vollendeten 86. Lebensjahr. Der Dahingeschiedene wirkte 25 Jahre lang im Amt des Kirchendieners. Nach den weiteren Schneefällen mußte die hiesige Frei­willige Feuerwehr abermals zum Schnee­räumen eingesetzt werden, denn der Verkehr war durch die Schneemassen völlig lahmgelegt worden.

* Londorf, 29. Dezember. Der Turnverein Londorf veranstaltete in der vollbesetzten Volks­halle einen Unterhaltungsabend. Vereinsführer Pfeiff hieß die Erschienenen willkommen. Wohl- gelungene turnerische Vorführungen und ein Theater­stück füllten den Abend aus. Die Musikkapelle um­rahmte das Programm mit guten Vorträgen.

Brand in der Silvesternacht.

Die Nacht des Jahreswechsels 1937/38 brachte ein großes Feuer in Holtheim, das durch Leicht­fertigkeit beim Neujahrsschießen entstanden war und mehrere Gebäude vollständig einäscherte. Genau ein Jahr später, nämlich in der jetzigen Silvesternacht 1938/1939, mußten wiederum viele Feuerwehrmän­ner zu ihrem schweren Dienst im Kampf gegen Feuersnot ausrücken, die diesmal am Silvesterabend gegen 21 Uhr in Hattenrod (Kreis Gießen) ent­standen war.

Gegen 21 Uhr am Samstag ertönten in Hat­tenrod die Turmglocken. Es brannte in der Scheune der Heinrich Stumpf Witwe. Die Pflichtfeuerwehr von Hattenrod war bereits wenige Minuten später an der Brandstätte und nahm den Kampf gegen das entfesselte Element mit mehreren Schlauchleitungen auf. Da man mit Schwierig­keiten bei der Wasserzufuhr rechnen mußte und mehrere Wohnhäuser in unmittelbarster Nähe der brennenden Scheune gefährdet waren, wurden von dem sofort benachrichtigten Kreisfeuerwehrdezernen­ten, Regierungsrat Dr. F u h-r, außer der zustän­digen Bezirksmotorspritze L i ch noch die Bezirks­motorspritzen von G r ü n b e r g und Lollar alar­miert. Trotz der durch hohen Schnee und durch Eis- .bilduna sehr erschwerten Wegeverhältnisse trafen die Motorspritzen schon nach kurzer Zeit an der Brand­stelle ein. In außerordentlich knapper Zeit wurde von den Männern der Motorspritzen die schwierige Aufgabe bewältigt, etwa 500 Meter Schlauchleitung auszulegen und damit an den in Richtung Harbach gelegenen Brandweiher anzuschließen. Nunmehr ge­lang es, den von der Pflichtfeuerwehr Hattenrod in vorbildlicher Tatkraft bereits auf seinen Herd be­schränkten Brand in kurzer Zeit restlos niederzu­kämpfen. Mit der Scheune verbrannten die darin geborgenen Erntevorräte und landwirtschaftlichen Geräte. Dagegen gelang es erfreulicherweise, die gefährdeten und vorsichtshalber geräumten Nachbar­gebäude, sowie die Stallungen und den Viehbestand zu retten.

Der Feuerwehrdezernent beim Kreisamt Gießen, Neaierungsrat Dr. Fuhr, der stellv. Kreisfeuer­wehrführer, Hauptbrandmeister Schelm (Lollar), und Gendarmerieobermeister Schumacher trafen bereits kurz nach Brandausbruch an der Brandstätte ein. Regierungsrat Dr. Fuhr verweilte inmitten der Feuerwehren, bis der Brand völlig niederge- kämpft war, die technische Leitung der Feuerwehren hatte der stellv. Kreisfeuerwehrführer Schelm, bis zu dessen Eintreffen der Leiter der Pflichtfeuer­wehr von Hattenrod die Löschmaßnahmen in aner­kennenswerter Weise geleitet hatte. Nach etwa zwei­stündiger angestrengter Arbeit, die durch große Glätte auf den Straßen und durch die Winterkälte sehr erschwert war, konnten die auswärtigen Feuer­wehren gegen 23.30 Uhr nach Hause entlassen wer­den. Der Kreisfeuerwehrdezernent Regierungsrat Dr. Fuhr sprach den vor der Heimfahrt angetrete­nen Mannschaften der Feuerwehren den Dank und die Anerkennung des Kreisamts für ihren tatkräfti­gen Einsatz aus und wünschte den Feuerwehrmän­nern, die zum größten Teile ihre zur Feier der Jahreswende versammelten Familien in pflichttreuer Weise zum Dienst für die Gemeinschaft im Stiche

lassen mußten, um Not und Gefahr von anderen Menschen abzuwenden bzw. zu beseitigen, ein gutes neues Jahr. Der gleiche Dank konnte an Ort und Stelle den Männern der Pflichtfeuerwehr Hatten­rod nicht ausgesprochen werden, da sie im Interesse ihrer auswärtigen Kameraden, denen sie die An­kunft daheim noch vor dem Jahreswechsel ermög­lichen wollten, die weitere Bekämpfung der Flam­men allein übernahmen und dadurch unter vollster Anspannung aller Kräfte zu arbeiten hatten. Aber auch ihnen gebührt für ihren vollen Einsatz Dank und Anerkennung, die ihnen von der Aufsichts­behörde noch zum Ausdruck gebracht werden.

Die von der Gendarmerie sofort an Ort und Stelle aufgenommenen Ermittlungen nach der Ur­sache des Brandes ergaben einwandfrei, daß das Feuer auf leichtfertiges Umgehen mit Feuerwerks­körpern durch einen 13jährigen Jungen zurückzn- führen ist.

Der Junge spielte mit sog.Wunderkerzen", deren eine, feine letzte, er in die Höhe warf. Die glühende Kerze verfing sich dabei in Heu und Stroh, das aus der Ladeluke der Scheune heraus­hing, und fetzte es in Brand.

Rundfunkprogramm

Dienstag. 3. Januar.

6 Uhr: Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Froher Klang zur Werkpause. 2.40: Kleine Rat­schläge für Küche und Haus. 11.30: Ruf ins Land. 12: Mittagskonzert I. 13: Nachrichten. 13.15: Mit­tagskonzert II. 14: Nachrichten. 14.15: O holde Frau Musica. 15: Kleines Konzert. Klavierwerke von Fritz von Bose. 15.30: Frauen der Vergangenheit. Char­lotte von Kalb. 16: Nachmittagskonzert. Zeitgenös­sische Unterhaltungsmusik. Einlage: Das Mikrophon unterwegs. 18: Volk und Wirtschaft: Wie wurde die Arbeitsbeschaffung finanziert? 18.15: Neues für den Bücherfreund. 18.30: Klang der Landschaft. Täler im Schnee. 19.15: Tagesspiegel. 19.30: Das Jahr beginnt mit frohem Mut. Kleines Konzert der Ju­gend zum neuen Jahr. 20: Nachrichten. 20.15: Kam­mermusik. 21: Der junge Goethe (VI. Abend). Sturm und Drang. Frankfurt a. M. 1771/72. 22: Übertragung auf den Landessender Danzig: Nach­richten. 22.20: Politische Zeitungsschau. 22.35: Un­terhaltung und Tanz. 24 bis 2: Nachtkonzert.

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

A. Z. Laut gesetzlicher Bestimmung hat der Ver­mieter während der Metzeit die Mietsache in einem zum vertragsmäßigen Gebrauch geeigneten Zustand zu erhalten. Sie können von Ihrem Haus­herrn also das Setzen eines den modernen An­forderungen entsprechenden Herdes verlangen. Haden Sie sich nun sogar bereit erklärt, selbst einen neuen Herd zu kaufen und ihn auf eigene Kosten setzen zu lassen, so hat der Vermieter kein gesetzlich be­gründetes Recht, Ihnen die Aufftellung des Herdes zu verbieten, falls Sie Vorsorge tragen, daß die Wohnung unter den nötig werdenden Herdsetzungs­arbeiten nicht leidet.

Will MU MMN

Roman von Hubert Rausse.

Copyright by Albert Cangen/Oeorg Müller, München.

£0. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Gestern hab ich aus der Straße gehört: Daß du mir aber nicht langsam läufst. Das scheint so eine neue Übersetzung zu fein von unferm alten »Eile mit Weile!'"

©an,5 ehrlich gesagt: Mir is Wien schon lieber!"

3a, aber das Tempo und die Lebenskraft! Jetzt sei gerade eine neue Flugverbindung nach Ostasien m siebzig Stunden fertig geworden!

Da hatte Jte die klassische Antwort gegeben:

Schön! Aber wenn man sich so überlegt, was die Seute in den siebzig Stunden alles nicht sehen »direkt leid können s' einem tun!"

'-Berlin arbeitete. Berlin arbeitete härter und verbissener, als Jte erkennen konnte. Berlin hatte den Glauben an sich und seine Kraft. Die Arbeit der Millionen in Stuben und Fabriken, an Hebeln unh Feuern, mit Faust und Hirn dieses tägliche Schaffen der unendlich vielen stand unsichtbar wie ein Elmsfeuer über der Stadt.

Brasky gab Jte Elisabeths Brief. (

Wundervoll", sagte sie.Elisabeth und ich, das muß ein Bombenerfolg werden!"

Du freust dich wirklich?"

Frag nicht so töricht, Elisabeth ist meine Freun­din!

"Aber seit München hat sich vieles geändert!"

Nicht in unserer Freundschaft!"

Vielleicht zwischen den Menschen nicht Brasky bob eine Achseln, zwischen den Schauspielerin­nen sicher. Damals war Elisabeth der große Stern um den du als der kleine kreistest, jetzt bist du selbst ein Stern. Das kann leicht auch auf das menschliche Verhältnis abfarben."

Das befürchte ich gar nicht Elisabeth und ich sind zwei ganz verschiedene Naturen. Auch damals in München habe ich mich in vielen Dingen über­legen gefühlt. Ich kenne das Leben, und'ich kenne die Menschen, Elisabeth sieht alles mit ihren Vor- urteilßn. Sie glaubt, der Mensch sei gut, und ich bin vorn Gegenteil überzeugt. Wir Ottakringer glau­ben an die Erbsünde, und das gibt uns in der praktischen Welt einen gewaltigen Vorsprung."

Brasky lachte. Er schätzte auch als Direktor Jtes praktischen Verstand.

Elisabeth scheint auf diesem Gebiet auch ge­

lernt zu haben." Er machte die Bewegung des Geldzählens.

In dieser Zeit kein Wunder!" Jte zuckte die Achseln.Nein, ich bin wirklich der Ueberzeugung, daß wir beide zu Freundinnen geschaffen sind. Wir find völlig verschieden und ergänzen uns deshalb so ausgezeichnet. Um die gleiche Rolle gibt es doch keine Konkurrenz! Ich habe oft Sehnsucht nach ihr gehabt in diesem männlichen Berlin!"

Das hatte Brasky im Grunde hören wollen. Er versprach sich selbst von der Schauspielerin Hell­fahr einen weiteren Erfolg, aber er war froh, daß er von Jte zu diesem Engagement förmlich gedrängt wurde.

Also gut", sagte Brasky,ich schreibe ihr, daß sie zu einer Aussprache hierher kommen soll. Auf meine Kosten natürlich!"

Er stand auf.

Tu das", sagte Jte,und schreib ihr, daß ich mich irrsinnig freue, sie wiederzusehen und ihr meine .Kunstreiterin' vorzuführen."

Brasky beugte sich zu einem Kuß.

Eifersüchtig scheinst du gar nicht zu sein?"

Eifersüchtig?"

Nun ja, Elisabeth ist eine schöne Frau, für bereu künstlerische und menschliche Qualitäten ich mich schließlich beruflich interessieren muß."

Aber nur beruflich, bitte!" Sie gab ihm ihre Lippen und legte ihre Hand für einen Augenblick Örtlich auf seine Schultern.Und dann ist blond doch gar nicht dein Typ!"

Er zuckte die Achsel, fragend.

^,.Und Jago ist ein gefährlicher Gegner!" sagte Brasky verschwand lachend durch die Tür.

hatte oft Sehnsucht nach den Münchener Zeiten. Auf die ersten anstrengenden Berliner Probentage, auf das erste Erleben dieser gewaltigen Stadt, auf die ersten Erfolge war ein gewisser Rück- 'chlag erfolgt.Die Tochter des Kunstreiters" lief nun schon einen Monat lang und brachte immer noch volle Häuser. Jte hatte viel Zeit

Sie, die berühmte Jte Fall, die an allen Plakat­säulen hing, fühlte sich allein in dieser großen, von den Kämpfen der Zeit geschüttelten Stadt

Die fünfzigste Wiederholung derTochter des Kunstreiters" wollte Brasky mit einer besonderen Aufmachung feiern. Die Zirkusszene sollte durch Einlagen von Artisten einen neuen Glanz empfan­den. Girls und Tänzerinnen waren verpflichtet. Jte stürzte sich mit freudigem Eifer in die wichtige und finanziell wesentliche Kostümierungsfrage.

Sie saß in der kleinen überheizten Schneiderei des Theaters, zwischen roten und blauen und grü­

nen Seidenstoffen und probierte gerade an einer gut gewachsenen Elevin die neuen Girlkostüme, als es klopfte.

Herein!"

Im Rahmen der Tür, die er gerade ausfüllte, stand Jago.

Nanu!" sagte er und schaute verwundert auf den mit Nadeln besteckten grauen Schneider und die junge errötende Elevin.

Aber da fiel ihm Jte, die er hinter der Tür doch gar nicht bemerkt hatte, bereits um den Hals.

Eine komische Garderobe!" lachte Jago und hielt Jte fest.

Brasky sei nicht zu finden, und auf die Frage nach Jte Fall habe man ihn hier die Hühnerleiter hinaufgewiesen.

Das ist die Schneiderei, Jago, ich kümmere mich nämlich auch um praktische Dinge. Schon, damit sich deine Peseten verzinsen!"

Sie hob sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuß auf die Nase.

Weil du nur da bist, Jago! Ich habe so viel Sehnsucht nach dir und Elisabeth und unseren Münchener Abenden. Aber jetzt laß los, mir bleibt sonst der Atem weg!"

Wirklich? Und Sehnsucht hast du? Ich komme eben von Trebbin! Sie läßt dich grüßen!"

Danke, Jago!"

Aber könnt ihr hier Elisabeth gebrauchen?"

Jte, als Braskys Freundin, genoß im Hause das Ansehen einer Prinzipalin. Sie raffte sich also wie­der zu einer würdigen Haltung zusammen und sagte: Das ist Braskys Sache. Aber ich glaube: Ja! Und schließlich wirst du als Geldgeber auch ein Wort mitzusprechen haben!"

Ein wenig später saßen sie in einer kleinen Gast­stätte in der Kantstraße, in der Brasky und Jte vor der Aufführung oft eine Kleinigkeit zu essen pfleg­ten. Es war noch früh. Der lange schmale Raum war leer. Jte und Jago saßen ganz allein in der äußersten Nische.

Also, man darf dich beglückwünschen, Jte! Die Presse ist begeistert, an allen Plakatsäulen klebt dein Bild, und sogar der lordähnliche Oberkellner erweist dir die Ehren eines bevorzugten Gastes."

Jte lächelte.

Ja, du darfst es! Alles Aeußere ist in schönster Ordnung: aber im Innern ist mir zumute wie da­mals Elisabeth in München. Ich habe Sehnsucht und weiß nicht wonach ich ginge am liebsten- laufen, aber ich weiß nicht recht wohin."

Aber Jte!" sagte Jago.Dann müssen wir einen Burgunder trinken! Heimweh? Heimweh kann ein Herz zum Zerspringen bringen!"

Was heißt bei mir Heimweh? Meinen Vater hab ich nicht gekannt, meine Mutter ist gestorben. Wir Kinder sind alle in die Welt zerstreut. Ja, ich denke oft an die grünen Hügel und Wälder vor den Toren von Wien, aber ich bin keine Elisabeth, die in Mutters Arme und in eine alte Kinderstube fliehen kann,"

Der feierliche Oberkellner brachte den im Körb­chen liegenden Wein und schenkte die bauchigen Gläser voll.

Weißt du, alles dies und sie zeigte mit ihren schwarzen Augen auf den Wein, der in den Gläsern dunkelrot funkelte, und zu den Bildern an den Wänden, alles dies hab ich mir in meinem Leben nie erträumt. Ich bin unabhängig davon, ich nehme es mit, deinetwegen ober Braskys wegen, aber es bedeutet mir nichts!"

Und deine Arbeit?"

Das ist es eben! Ich habe zu wenig Arbeit. In München hatten wir einen wechselnden Spiel- plan, hier läuft Abend für Abend das gleiche Stück. Ich habe keine Proben und fühle mich leer und lau."

Und Brasky?"

Ist mir ein guter und ehrlicher Freund. Ich will nicht klagen, aber er ist mir nicht mehr." Sie sah still vor sich hin. Ihr Mund brannte rot in dem blassen Gesicht. Sie hob ihr Glas:Ich freue mich. Jago, daß du hier bist. Und ich hoffe sehr, daß du ganz in Berlin bleibst und daß wir bald in un­serem alten Kreis wieder froh und vergnügt sind."

Weißt du, was dir fehlt, Jte?"

Sie sah ihn an, unter Tränen lächelnd.

Ja?"

Da sagte Jago:Die Liebe!"

Jte zuckte die schmalen Achseln.

Du kannst recht haben! lieber Freund! Aber auf die werde ich wohl in Demut und Geduld weiter warten müssen." Sie tupfte mit einem Tüchlein ein paar dumme Tränen weg.

Und das alles bist du in Schuld. Ich schäme mich direkt vor dir. Eine sentimentale Heulziege bin ich eigentlich nie gewesen, aber diese Zeit und diese Stadt und jetzt dein Kommen...! Doch lassen wir das. Erzähl' von dir und erzähl' von Elisabeth!"

Jago erzählte. Er wurde warm dabei, und die Sonne dieser letzten Tage in Plöhne und Trebbin, sprach aus feinen Worten und Augen.

Jte hörte zu und freute sich mit ihm.

Du hast es gut, Jago; du hast ein verliebtes Herz in der Brust, und rechte Liebe macht halt glücklich!"

(Fortsetzung folgt!)