.,;n. Wer jedoch regelmäßig in derselben Gast- alte oder Könige ißt, hat auch die Möglichkeit, die Abschnitte aus der linken Seite der Reichsfleischkarte zu verwenden, wenn er den Bestellschein her Reichs,leischkarte in der Gaststätte oder Kantine ab- gibt und jeweils die entsprechenden Abschnitte durch Lochung oder Durchkreuzen mit Kopierstift entwerten läßt.
Für die Abgabe von Brot und Mehlspeisen gilt die Reichsbrotkarte und die Reisebrotkarte. Bei der Verabfolgung von Mehlspeisen erfolgt die Umrechnung von Brot in Meyl im Verhältnis von 100 ZU 75. .
Für Speisen, in denen kartenpflichtige Nährrmttel, wie z. B. Graupen, Reis, Haferflocken, Nudeln, Sago usw. enthalten sind, müssen die entsprechenden Ein^elabschnitte der Lebensmittelkarte abgegeben werden.
Die Einzelabschnitte der Reisekarten gelten auch für den Einkauf in Lebensmittelgeschäften, Bäckereien usw.
Der Leiter der Wirtschaftsgruppe für das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe hat ungeordnet, daß in jeder Gaststätte ein besonders preiswertes, kartenfreies Eintopf- oder Tellergericht bereitgehalten werden muß, das in Zukunft die Bezeichnung „Stammgericht" führt. Dieselbe Anordnung begrenzt auch die Hahl der Vorgerichte, Suppen, Fischgerichte, Teller- und Eintopfgerichte, Salate, Süßspeisen und Kompotte. In Zukunft kann jeder Gast aus einem entsprechenden Vermerk auf der Speisekarte ersehen, welche Einzelabschnitte bei der Bestellung eines Gerichtes abzuliefern sind.
Durch Ausbau und Verfeinerung des Gaststättenrechts wird den Bedürfnissen der Berufstätigen, die dauernd auf Reisen oder auf die Verpflegung in einer Gaststätte und Kantine angewiesen sind, in Zukunft noch mehr Rechnung yetragen werden. Aus sozialen und versorgungspolittschen Gründen kann jedoch auf die Einführung der Kartenpflicht in den Gaststätten und Kantinen nicht verzichtet werden.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Roman eines Arztes". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Fräulein".
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 11.30 bis 12.30 Uhr: „Der Ackermann von Böhmen"; 19 bis 21.15 Uhr: „Bezauberndes Fräulein". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Roman eines Arztes". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Fräulein".
Stadttheater Gießen.
Am Sonntag, 1. Oktober, bringt das Stadttheater das musikalische Lustspiel „Bezauberndes Fräulein" zur Erstaufführung. Mit der Inszenierung dieser Operette von Ralph Benatzky stellt sich Harry G r ü n e k e, der neuverpflichtete Oberspielleiter der Operette, als Regisseur und mit der Rolle des Felix als Buffo vor. Unter der musikalischen Leitung von Heinz M a r k w a r d t wirken ferner mit die Damen Duill, Fornallaz, Garbe, Leiprecht; die Herren Bley, Erler, Lowitz, Manders, Schewe, Voß. Das Bühnenbild gestaltete Karl Löffler.
Am Vormittag des 1. Oktober findet die erste Morgenveranstaltung zum Erntedankfest statt. Dr. Hannes R a z u m hat für diese Morgenveranstaltung das Spiel des Böhmen Johannes von Saaz „Der Ackermann von Böhmen" inszeniert. Es wirken mit Viktor v. Gschmeidler, Hannes Razum und Hans Albert Schewe. Das Bühnenbild stammt von Karl Löffler.
Gießener Konzertverein.
Trotz der Zeitumstände gedenkt der Gießener Kon- zertverein, in Uebereinstimmung mit den Anweisungen der Reichsmusikkammer, sein vorgesehenes Programm auch im kommenden Winter durchzuführen. Eine Anzahl namhafter Künstler konnten bereits verpflichtet werden. Näheres wird demnächst bekanntgegeben. Die Konzerte sollen nach Möglichkeit zu Tageszeiten stattfinden, um den Musikfreunden einen mühelosen Besuch der Veranstaltungen zu ermöglichen.
Hitler-Jugend Bann 116.
Ernteeinsatz der Hitler-Jugend.
Die vom Bann und Jungbann 116 eingesetzten Hitlerjungen verbleiben auch in der nächsten Woche
Umschulung auf die Kriegswirtschaft.
«und 800 Uebungsleiter der DAF. stehen im Gau bereit.
NSG. Durch die in diesen Wochen sich vollziehende Umstellung auf die Kriegswirtschaft wurden zahlreiche Arbeitsplätze frei, wodurch für mele Betriebe eine sofortige Umstellung des Einsatzes der Arbeitskräfte notwendig wird. Die Lücken, die häufig in den kriegs- und lebenswichtigen Bettieben, Werkstätten und Büros in der Industrie zutage treten, müssen so schnell wie möglich durch die Heimatfront ausgefüllt werden. Hier bedarf es vor allem auf den technischen Gebieten einer schnellen und gründlichen Vorbereitung für die betriebliche Arbeit.
Im Gau Hessen-Nassau hat das Amt für Berufsexziehung und Betriebsführung in der Deutschen Arbeitsfront für diese Aufgabe seine Berufs^ erziehungswerke einschließlich seiner in der Heimatfront tätigen rund 800 Uebungsleiter in den Dienst der Sache gestellt. In den jetzt neu eingerichteten vier- bis sechswöchigen Schnellunterweisungen werden die in den Bettieben neu einzusetzenden weiblichen und männlichen Arbeitskräfte an die Bewältigung bestimmter Teilarbeiten und Ferttgkeiten herangeführt. Das diesen Arbeitskräften noch vielfach fehlende fachliche Verständnis und vor allem ihre unvollständigen technischen Voraussetzungen werden nicht durch Theoretiker geweckt
oder ergänzt, sondern durch in der Praxis stehende Arbeitskameraden, die als Uebungsleiter der DAF. mechodisch ausgerichtet sind.
Im Vordergrund der technischen Schnellunterweisungen steht eine Grundschulung der manuellen Handhabung der Arbeitsvorgänge. Ein aus dem Arbeitsleben der Teilnehmer gewähltes Werkstück, ein Maschinenteil, eine Zeichnung, ein Arbeitsvorgang oder ein Akkordschein ist die methodische Ausgangs- und Durchführungsbasis des Arbeitsunterrichtes. Die gründlich vorbereitete technische Schnellunterweisung beispielsweise im Fachzeichnen erreicht zwar nicht die Vermittlung des sauberen und normgerechten Zeichnens, dafür ist die Zeit zu knapp bemessen, dagegen wird das richtige sichere Lesen der Werkstattzeichnung fraglos erreicht. Damit ist aber eine Grundschulung vorbereitet, die dem einzelnen die Arbeitsausführung erheblich erleichtert. Dieses grundsätzliche Ziel der Schnellunterweisung gilt sinngemäß auch für andere technische Ferttgkeiten und Aufgabengebiete.
Nähere Auskünfte erteilen die Abteilungen für Berufserziehung und Betriebsführung der Kreis- waltungen und der Gauwaltung Hessen-Nassau der Deutschen Arbeitsfront in Frankfurt a. M.
Lebensmittelzulagen für Schwer- und Schwerstarbester. Ein amtlicher Hinweis.
Don amtlicher Seite wird auf folgendes hinge- wiefen:
In den Tageszeitungen sind vielfach Arbeitergruppen bekanntgegeben worden, die nach der Verordnung über die Gewährung von Sonderzulagen an Schwer- und Schwerstarbeiter als solche zu gelten haben. Diese Angaben stützen sich auf die mit der Verordnung veröffentlichten Richtlinien, in denen eine Reihe von Arbeitergruppen bezeichnet ist, die für die Gewährung einer Lebensmittelzulage in Frage kommen können. Die Aufführung in diesen Richtlinien besagt aber nicht, daß diese Arbeiter in jedem Fall Schwer- oder Schwerstarbeiter sind. Auch die in den Richtlinien angeführten Arbeiter können Lebensmittelzulagen nur bann erhalten, wenn in jedem einzelnen Falle die in der Verordnung festgelegten allgemeinen Voraussetzungen erfüllt sind, d. h. wenn die Arbeiter tatsächlich entweder dauernd schwere körperliche Arbeit ober dauernd durchschnittliche körperliche Arbeit unter
erschwerenden Arbeitsbedingungen zu leisten haben. So sind zum Beispiel Kesselheizer nicht immer Schwerarbeiter, sondern nur bann, wenn der Kessel eine dauernde schwere Handbedienung erfordert. Ebenso sind nicht alle Schmiede Schwerarbeiter, z. B. nicht die Edelmetallschmiede. Während die Lokomotivführer der Reichsbahn auf langen Fahrten ohne Zweifel Schwerarbeiter sind, können bei Lokomotivführern größerer Jndustriewerke wegen ber, häufigen, zwischen den Fahrten liegenden Wartezeiten die Merkmale der Schwerarbeiter fehlen.
Um unliebsame Verzögerungen bei der Prüfung der Schwer- und Schwerstarbeiterlisten durch die Gewerbeaufsichtsämter zu vermeiden, empfiehlt es sich, daß die Betriebsführer bei der Aufstellung der Listen von sich aus auch bei den in den Richtlinien ausgeführten Berufsgruppen in jedem einzelnen Falle sorgfältig prüfen, ob die Voraussetzungen der Verordnung erfüllt sind.
zum Ernteeinsatz in den Einsatzdörfern, da sich der Ernteeinsatz auch auf die nächsten acht Tage erstreckt.
BOM.-llntergau 116 Gießen.
rilädelgruppe 1/116.
Zu dem Dienst am Sonntag, 1.10., treten alle Mädel um 10.30 Uhr am Uhlheim an. Die gesammelte Wäsche ist mitzubringen. Die Mädel, die die Reichsjugendkämpfe noch nicht wiederholt und die das Leistungsabzeichen angefangen haben, bringen Turnzeug mit.
Fortfall der Herbstferien in Heffen.
Mit Rücksicht auf den mehrfachen Ausfall des Unterricht in den letzten Wochen und die üielerorts noch weiterhin erforderliche Unterrichtseinschränkung kommen in den Schulen Hessens die Herbstferien für 1939 in Wegfall. Die Schule darf nur dort geschlossen werden, wo die Jugend durch Ernteeinsatz dringend benötigt wird. Bei gegebener Dringlichkeit kann der zeitliche Rahmen der üblichen Herbstferien überschritten werden. x2>er klassenweise Einsatz der Schüler und Schülerinnen unter Führung der Erzieher ist jeweils mit den zuständigen
Stellen zu überprüfen und gegebenenfalls zu verwirklichen. Einzelbeurlaubungen steht bei begründeten Anträgen nichts im Wege.
Oie abgelaufenen Michs-Fleisch- und -Fettkarten.
In einem Erlaß des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft über die Durchführung des Kartensystems für Lebensrnittel wird auch die Frage geregelt, was mit den ab gelaufenen Karten zu geschehen hat, wenn also sämtliche am Stamm- abschnitt verbleibenden „Weisch-"Bezugsscheine ab- geschnitten sind ober aber noch nicht verbraucht sind, die Zeit, in der sie Gültigkeit hatten, aber verstrichen ist. Es heißt hierzu in einem Erlaß: „Die Ern äh rung säm ter oder die damit beauftragten Stellen haben die abgelaufenen Karten von den Versorgungsberechtigten zurückzufordern. Dadurch erhalten sie die Möglichkeit, den Verteilungsstellen diejenigen Mengen bei der Erteilung eines späteren Bezugscheines anzurechnen, die sie auf Grund von Bestellscheinen zuviel erhalten haben."
Sollte also ein Karteninhaber aus irgendwelchen Gründen nicht sämtliche Bezugscheine verbraucht haben, der Fleischer aber auf Grund der abgeliefer
ten Bestellscheine so viel Vieh und Fletsch wgetofo, fen erhalten haben, daß er damit auf sänMche Be, zugscheine seiner Kunden Fleisch oder Fleischware^ hätte ausgeben können, so wird ihm der durch bi» NickMnlösung einzelner Bezugscheine durch die Km- teninhaber verbliebene Ueberschuß bei der nächstki Kontingentsfestsetzung abgezogen.
Deckung suchen, wenn die Flakartillerie schießt.
In Durchführung ber Luftschutzmaßnahmen wirb folgende Warnung nochmals bekanngegeben:
Volksgenossen! Beachtet, daß es oorfommen kann, baß einzelne unb hochfliegende feindliche Aisi klärungsflugzeuge von unserer Flakartillerie be« schossen werben, ohne baß es notwendig mar, Fliegeralarm zu geben.
In solchen Fällen Haden alle Personen, die fiih im Freien befinden, sofort Deckung in Häusern ober an sonstigen geschützten Stellen zu nehmen, bamit sie nicht durch herabfliegenbe Sprengstücke unserer Flakartillerie getroffen werden.
Fahrt in her richtigen Wagenklaffe.
In den Tagen der Zugeinschränkung haben Rei. sende mtt Fahrkarten 3. Klasse ohne vorherige In, stimmung des Zugschaffners in ber 2. und 1. Klasse Platz genommen, während Reisende mit Fahrkarten der 2. und 1. Wagenklasse in ber 3. Klasse un« tergebracht werden mußten.
Diese Verhältnisse sind mit der Aufrechterhaltung ber Ordnung in den Zügen nicht vereinbar. Die Schaffner sind daher angewiesen, die Fahrkarte^ nachzuprüfen. Wer mit einer Fahrkarte für 3. Klasse in der 2. Klasse betroffen wird, kann unter Umständen zur Zahlung des doppelten Fahrpreise;, mindestens eines Betrages von 3,— RM. henw gezogen werden.
Nur Feldpostbriefe bis 250 Gramm.
Bei ber PostsamlNelstelle Frankfurt (Main) gehen Feldpostbriefe mit Lebensmitteln, insbesondere mit Tomaten, Pfirsichen, Zwetschen, Weintrauben usw. in beschädigtem Zustand in solchen Mengen ein, daß zur Wiederverpackung des noch brauchbaren Inhalts sechs volle Kräfte dauernd beschäftigt werden müssen. Die Beschädigungen sind darauf zurückzn- führen, daß die Briefe nach ihrem Umfang unb Inhalt sowie nach der Länge der Seförberungsftrede nicht haltbar und nicht sicher verpackt sind. Durch den abgesetzten Fruchtsaft werden andere Feldpostbriefe durchnäßt und deren Inhalt häufig ebenfalls beschädigt. Diese Schäden müssen vermieden werden. Zur Zeit sind Feldpostbriefe nur bis 250 Gramm Gewicht zugelassen. Zur Verpackung von Gegen- ständen, die unter Druck leiden unb Feuchtigkeit ad- setzen, eignen sich feste Pappschachteln, deren Hohlräume mit aufsaugendem Stoff (Sägmehl und der gleichen) ausgefüllt werden. Zur Aufschrift ist tun liehst nur Tinte, aber kein Bleistift oder Tintenstift zu verwenden. 0
Freimachungszwang für Pakete und Postgüter.
Vorübergehend werben von ber Deutschen Reich;« poft wegen ber zur Zeit bestehenden außergewöhD liehen Dienst- unb Personalverhältnisse einige Pos!- oronungsbeftimmungen geändert. Danach wird bis auf weiteres für Pakete unb Postgüter ber Frei« machungszwang eingeführt. Ihm unterliegen nicht Pakete mit Zivilkleidung, die von den zur Wehrmacht Einberufenen herrühren, wenn die Paksle ßeren Mengen bei der Post eingeliefert werden. AÜ- vom zuständigen Truppenteil gesammelt unb in gro- gehoben wirb ferner die Bestimmung, wonach bis drei Pakete mit einer Paketkarte und 10 Postgütii mit einer Postgutkarte versandt werben dürfen. Von jetzt an ist also jedem Paket eine Paketkarte unb jedem Postgut eine Postgutkarte beizufügen. Endlich muß die Zustellgebühr für Pakete, die nach den Bestimmungen grundsätzlich der Empfänger jjU entrichten hat, bis auf weiteres ber Absender iwr Pakete vorauszahlen. Empfängern, die ihre Pakete regelmäßig auf Grund einer Abholungserklärung abholen, wird die vorausgezahlten Zustellgebühr p rückgezahlt.
WWMöerMöe Roman non wallhcr MeM
üopytiflbt hy Hari Wer Verlag - Berlin w 62
3. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Leinfelder sieht gehorsam und bedrückt geradeaus. Lankes vertieft sich in die Feinheiten des Wogens und denkt neidvoll: so 'ne Karre möchte ich auch mal haben; der Bursche, dieser ßeinfelber, stinkt vor Geld. Die Fabri drückt ihre Faust in die rechte Seite, bas nimmt den Schmerz ein bißchen. Es ist eine Sache, die sie noch nie gehabt hat außer heute morgen und da viel schwächer. Der Luftzug tut ihr gut, Lankes soll rascher fahren! Allmählich läßt ber Schmerz nach, verttöpfelt, wird erträglich. Die Fabri rutscht an Leinfelders Seite unb legt ihre Schläfe an seine Schulter.
„Das war schrecklich, Tino; wie wenn man dir mit einem Messer ..., siehst du — hier. Es wirb doch nicht wiederkommen?" haucht sie mit geschlossenen Augen.
Leinfelder findet ihr Gesicht — sonst hochmütig, jetzt aber durch die Angst seltsam verwandelt unb kindlich gemacht — überaus beglückend. Er atmet ihren Duft, den ihm der Wind zuweilen zuträgt, mit starkem Genuß, er hält ihre Finger, er ist wunschlos und sehr froh.
Er ttöstet: „Nein, nein, bas bars nicht wiederkommen, bas werden mir schon fortjagen, so ein böses Wehwehchen darf meinem Kleinen gar nichts tun, wäre ja noch schöner." Er kann sich nicht genug tun mit guten und aufmunternden Worten, deren kindischer Tonfall die Fabri kurios einschläfert. „Ist es nun besser? Sichst du, ich habe es ja gewußt. Was sagst du zu dem Wagen? Gefällt er dir? Er hat Radio. Auch ein Kühlschränkchen ist eingebaut, und die Polster kann man zum Schlafen umlegen. Ich werde dir bas nachher vorführen. Urti) wem meinst du, daß dieses hübsche Auto jetzt gehört?" fragt er geheimnisvoll.
„Du bist so nobel, Tino. Ich banke dir", flüstert sie zwischen Angst und Schwäche.
Leinfelder genießt den Triumph des Schenkens. Zwar war diese Großzugigkett vorhin noch keines- wegs eine beschlossene Sache, aber hilflose schöne Frauen machen chn schwach.
Wie blau dieser Aprilhimmel ist! Schaumige Wölkchen zergehen darin. Eine unvorsichtige Hummel zerscheltt an ber Windschutzscheibe. Der Motor,
langgestreckt und mit vielen Pferdestärken ausgestattet, ist kaum zu hören. Eine kleine Stabt mit roten Schloten, ein Fluß, eine Brücke. Die Fabri, verträumt in sich hineinspürend, ob nicht eine neue Attacke im Anzug ist, wünscht inbrünstig das Reiseziel herbei. Sie wird sich bann ein wenig hinlegen. Ach, wäre sie doch nicht mitgefahren! Aber die beiden haben so gebettelt. Tino hat da in einer Zeitung etwas von einem alten Schloß gelesen, das da zum Verkauf steht. Das will er sich nun ansehen.
Ein paar Dörfer mit rauchenden Misthaufen vor den Ställen, ein Bauernfichrwerk auf der falschen Straßenseite, Zwischenfall unb Aufenthalt mit einer störrischen Kuh und endlich nach einer Wegkrümmung in ber Feme ein Hügel mit Burg und Giebelhäusern — Eschelbrunn nach Tinos Karte. Etwas später fahren sie im Schneckentempo durch ein mittelalterliches graues Stadttor in eine breite, behäbige Hauptstraße. Eine Gänseherde stiebt schnatternd auseinander. Ein Mann in Amtstracht schellt Neuigkeiten aus, auf der Diehwaage stehen Säcke. Die Anwesen haben braunes Fachwerk in weißem Verputz. Gin verdattertes Kind zeigt ihnen den Gasthof „Zum weißen Löwen", den man ihnen empfohlen hat.
Im Gastzimmer schält sich die Fabri aus ihrem Reisepelz, was ihren Umfang um die Hälfte verringert. Tino und Lankes stehen wie Vasallen um sie herum. Ein paar Bauern triyken Bier und gucken interessiert zu.
„Sie bleiben hier, Lankes, wenn Tino das Schloß besichtigt. Ich möchte mich eine Stunde hinlegm, irgendeine Stube wird es schon geben. Ich glaube, es fängt schon wieder an", sagt sie bekümmert.
Leinfelder geht in die Küche, wo die Wirtin hinter Kochtöpfen hantiert. „Frau Muggenthaler, nicht wahr? Mein Name ist Leinfelder. Architekt. Da ist eine Dame mit uns, der es nicht ganz gut ist. Nichts Schlimmeres, hoffe ich. Sie haben doch sicher ein Fremdenzimmer?"
Die Wirtin geleitet die Fabri dienstbereit über eine Stiege in ihr bestes Zimmer und erzählt ihr dabei, daß in ihm schon einmal ber hochwürdige Herr Bischof übernachtet hat. Dann fragt sie, was Frauen einander in solchen Fällen zu fragen pflegen, rät zu einer Wärmflasche und zu starkem Kamillentee mit einem Schuß Sennesblätter. Sie ist der feinen jungen Dame noch beim Auskleiden behilflich; denn sie schwört auf Bettwärme und behauptet, die Bettfedern zögen das Wehding weg.
Und bann sieht sich die Fabri allein gelassen. Die Wärmftasche bereitet Druck und Mißbehagen, bas Bett — zu weich, zuviel Federn — ist ungewohnt
und komisch. Die Kissen sind viel zu hoch, wahre Federtürme. Das Plüschsofa, Frau Muggenthalers besonderer Stolz, wird durch Häkeldeckchen geschont, unb um den Spiegel schlingen sich Papierrosen. Alles das stört die Fabri, macht sie nervös und kribbelig, nimmt ihr die Haltung. Wenn jemand da wäre, Tino zum Beispiel oder ihr Dienstmädchen, würde sie sie jetzt anschreien und herumhetzen. Aber niemand ist da, niemand kümmert sich um sie, und so kann sie nichts tun als ein bißchen meinen.
lieber dem Bett ist eine Urkunde oder ein Diplom, das Herrn Muggenthaler bescheinigt, baß er die Metzgerprüfung vor dem unterfertigten Meisterkollegium mit großem Erfolg abgelegt hat. Gegenüber hängt ein Oelüruck, einen schwebenden Schutzengel darstellend, der zwei sanftgelockte artige Kinder and er Hand führt. Auch Nippsachen sind da, ein Storch, ein Liebespaar, auch ein Teppich mit phantastischen Ornamenten.
Und plötzlich wird alles weggeschluckt von einem angaloppierenden neuen Schmerz, ber zischend in ihren Eingeweiden herumfährt. Die Wände stehen schief und kommen auf sie zu. Sie windet sich, sie schreit, sie zerbeißt die Kissen. Niemand hört es aus dem abseitigen, unheimlichen Zimmer.
Hans Lankes, als Sportler große Klasse, Torwart im FC. Bayerland, sitzt unterdessen in der Gaststube und langweilt sich. Die biertrinkenden Bauern am übernächsten Tisch lärmen in fremden Zungen. Was Lankes für ausbrechenden Streit Hütt, ist aber nur Unterhaltung. Sie kommen von einer Beerdigung, tragen feierliche Gehröcke und disputieren über die zu niedrigen Viehpreise. Lankes hat ein Bierglas vor sich, auf dessen Rand eine unternehmende Fliege kokett ihre Hinterbeine putzt. Der Wirt Muggenthaler, ein Mann von Weltkenntnissen — er war schon in Oberammergau und bei den Zweibrückener Ulanen — setzt sich zu ihm, wohl wissend, was schickt. Lankes, sorglos, stets vergnügt, ein wenig oberflächlich, läßt sich nicht ungern aus fragen.
„Der Herr, ber bas Schloß besichtigt? Das ist ein Bauunternehmer aus München. Reich, sag ich Ihnen, so! Bekannte Firma. Beschäftigt 800 Arbeiter und stellt die großen Luxuskästen her. Er interessiert sich für euer Schloß. Wie ist denn ber Besitzer?"
„Herr von Depenau? Oh, ein ganz patenter Mann, nichts dawider zu sagen, umgänglich, ohne Stolz." Muggenthaler schielt nach den Bauern, bann denkt er: was liegt mir daran. Der Konsul könnte sein Fleisch ja auch bei mir holen statt beim Bürgermeister „Nicht uneben, aber ein bißchen verdreht. Hat so Ideen im Kopf. Bodenkultur, Moor-
ßeinfelber läutet am Schloß portal. Ein größt1 Hund bellt. Aus altem Gemäuer sprießt Frauet haar und Hauswurz. Ein Burggraben ist auch W verwildert und voll Rosenbüschen. Wenn die blühet muß bas eine ganz große Sache sein, denkt ßtin- felber wundersam angerührt. Er ist Geschäftsmann bas zu allererst, aber zu Zeiten — wenn er Maria zusammen ist oder wie jetzt vor diesem vtt wunschenen Gemäuer — unterliegt er romantisch^ Stimmungen. Er geht auf die Fünfzig zu und ip voll Betriebsamkeit und Lebensfreude. .
Ein Herr öffnet, barhaupt mit Einglas, in La»' schuhen und Cutaway. Ein wenig sonderbar.
(Fortsetzung folgt.)
entmäfferung. Und bann macht er so Sachen. Vorigen Sommer geht er auf der Schloßmauer spazieren, Nichts an als ein Tip selchen Badehose. Sagt das fei gesund. Nun bitte ich Sie, wenn bas all machen würden! Letzte Woche läßt er die Laus buben, mein Schor sch mar auch dabei, Schützen graben im Schloßhof ausheben unb spendiert ih Bretzeln, damit sie Sturmangriffe machen. Inge ertüchtigung heißt er das. Na ja, Kopfschuß, der Lorettohöhe, da bleibt immer etwas zur finden Sie nicht auch? Mr haben sie bei Di zwei Finger weggeputzt. Und bann der Leistenbi und bas Gas! Kennen Sie Maukreuz? Trotzt gehe ich wieder hinaus, wenns pressiert, ich sch Wie schmeckt Ihnen bas Bier?"
„Ich trinke zwar selten Bier, aber
„Nicht wahr — prima? Heber Haferlbräu s nichts drüber auf. Die tun noch was rein. Und Dame?"
„Das ist eine Filmschauspielerin. Mattia Fak Haben Sie vielleicht schon gehört den Namen."
„Wir haben auch manchmal Kino hier", erklc Herr Muggenthaler nicht ohne Lokalstolz. „2 Postsaal. Ist ganz unterhalttich. Meine Frau ta-j das Geflimmer nicht vertragen. Fabri sagen Sie' Es ist nur wegen ber Anrede."
„Eine Figur, was. Ihr Großvater war der berühmte Steinacker." ,
„Und Sie selbst, wenn die Frage gestattet ist?
„Ich bin Fußballer."
„Kann man denn davon leben?"
„Nebenbei schreibe ich Sportberichte", erklärt« Lankes nachsichtig.
„Vatter, du sollst rauskommen, die Försterin w ein Pfund Suppenfleisch", plärrt der Schvrschl ff die Wirtsstube.
„Unsereins hat nie Ruh", jammert Herr genthOler. „Der Herr entschuldigt schon."


