Ausgabe 
1.7.1939
 
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Reichsstatthaller in Hessen Landesregierung mit Wirkung vom 1. Juli 1939 die Gemarkungen der Stadt Gießen (mit Schiffenberg, Klein-Linden und Wieseck), ferner der Orte Annerod, Rodgen, Leihgestern und Heuchelheim zu Wohnsiedlungsge­bieten erklärt. Der Oberbürgermeister macht hierzu darauf aufmerksam, daß in diesen Gemarkungen die Teilung eines Grundstückes, die Auffassuna eines Grundstückes oder eines Grundstücksteiles oder die Hebertragung von Rechten zur Nutzung oder Be­bauung der ausdrücklichen Genehmigung der zustän­digen Behörde bedürfen.

Hervorragende Gesamtleistung des Sturmes 1/M 147.

Der Sturm 1/M 147, der sich am vergangenen Donnerstag vor dem Gruppenführer Prinz Richard von Hessen und im Rahmen des Reichswettkampfes einer umfassenden Prüfung auf verschiedensten Ge­bieten des Dienstes im NSKK. unterzog, konnte die Genugtuung erhalten, als beste Einheit der Mo­torstandarte 147 bezeichnet zu werden. Der Grup­penführer sprach dem Sturmführer Freund und den Kameraden des Sturmes feine volle Anerken­nung aus.

Lichtbildner heraus!

Der photographische Wettbewerb des Fremdenverkehrsvereins Gießen.

Der Fremdenverkehrsverein Gießen veranstaltet in diesem Jahre wieder einen Photo-Wettbewerb, der dem Zweck dienen soll, Bilder vom schönen und charakteristischen Motiven unserer Stadt und der nächsten Umgebung zu erhalten, die dann der Wer­bung für unsere Stadt dienstbar gemacht werden können. Für die Wettbewerbsteilnehmer sind wie­derum stattliche Geldpreise ausgesetzt, die sicherlich für manchen Lichtbildner ein lebhafter Anreiz zur Beteiligung sein werden. Die Aufnahmen, die dabei eingesandt werden sollen, müssen das Wesen unserer Stadt so kennzeichnen, so einprägsam und lebendig wie möglich veranschaulichen. Es wird Wert darauf gelegt, daß schöne Baudenkmäler der Vergangenheit in Bildern festgehalten werden, daß die Landschaft in ihren charakteristischen Erscheinungen, daß das heimische Leben in seinen mancherlei Erscheinungs­formen gebannt wird usw. Besonderen Wert legt die Wettbewerbsleitung auf die Erlangung schöner Gesamtansichten mit den Burgruinen von Gleiberg, Vetzberg usw. Don jedem Wettbewerbsteilnehmer werden drei verschiedene Bilder erwartet.

Flandernfahrt der Langemarckschute.

Am Donnerstagnachmittag kehrte eine Gruppe von Lehrern und Schülern der Langemarckschule nach Gießen zurück, die unter Leitung von Ober- studiendirektor Angelberger vom 26. bis 29. Juni eine Fahrt zu den wichtigsten Schlachtfeldern in Flandern und vor allem zu der Stätte unter­nommen hatte, die der Schule den verpflichtenden Namen gab. Gründlichst vorbereitet und von schö­nem Wetter begünstigt hinterließ die Fahrt, die ohne jede Störung verlief, bei allen Teilnehmern tiefe und packende Eindrücke von schönen Gegenden und Städten Deutschlands sowie vom gründlichen Wiederaufbau in Belgien. Sie führte dann unter kundiger Berichterstattung von Studienrat Hölzel in die erfolgreichen Abwehrkämpfe der 25. (hessi­schen) Division im Herbst 1917 ein und erlebte ihren Höhepunkt im Heldenhain von Langemarck. Dort fand eine schlichte, ergreifende Feier zu Ehren der Gefallenen statt, denen die Schule einen Eichenkranz als Gruß aus der Heimat mitbrachte.

Die Reisegruppe besuchte dann noch den Kemmel, weitere Orte im Kampfgebiet, Dixmuiden, Nieuport, Ostende, die Mole von Zeebrügge, um über Brügge, Gent, Brüssel und Lüttich in Aachen die Omnibus­fahrt wieder abzuschließen. Heber Köln und Koblenz führte die Bahn alle Teilnehmer nach Hause. Diese erste Fahrt der Schule nach Flandern darf nach jeder Richtung als voller Erfolg bezeichnet werden. Weitere Fahrten sollen Ende August folgen.

Zuchttierversteigerung in Gießen.

Die Landesverbände der Rinderzüchter, Gruppe Fleckvieh, und der Schweinezüchter führten in der Rhein-Main-Dersteigerungshalle eine Zuchttieroer­steigerung durch, die einen starken Besuch aufzuwei­sen hatte. Bei der am Vortage durchgeführten Ein­teilung der Tiere in die Wert klassen wurden von den Fleckviehbullen in der Gruppe der herübuch- fähigev Vatertiere 11 der Wertklasse II und 20 der Wertklasse III, in der Gruppe der nichthsrdbuch- fähigen Bullen einer der Wertklasse II uüd 31 der Wertklasse III zugewiesen. Spitzentiere waren für die Landesbullen-Dersteigerung in Frankfurt a. M. zurückgestellt worden. Das aufgetriebene Bullen­material war durchweg sehr befriedigend.

Etwas besser lagen die Verhältnisse bei den Ebern, von denen insgesamt 56 aufgetrieben

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des Veredelten Landschweines wurden ausgezeich. net mit der großen Preismünze Karl Wenzel (L a n g - G ö n s) und mit der kleinen Preismunze Peter Nicklas (O b e r - O f l e i d e n). Dre Der- steigerung nahm einen unerwartet schnellen Verlauf. Die Bullen wurden sehr rasch zu guten Durch- schnittspreisen abgesetzt. Bei den Ebern war der Verlauf zeitweise schleppend, aber dennoch wurden sämtliche Tiere umgesetzt.

Einteilung in die Wertklassen:

Fleckviehbullen.

Herdbuchfähige Bullen: Wertklasse IIiHch. Scholl II., Arnshain; Georg Becker, Lon­dorf: FH. Rodemer, Helmesmühle: Otto Caspar, Zell; Friedr. Kalbfleisch, Schwarz (2 Tiere); Phil. Bär ch, Heuchelheim: Konrad Eisländer, Schwarz: Georg Krug II., Schwarz: Karl Reinhardt, Ober- Gleen; Heinrich Heitzenröder, Nieder-Moos; Alfred Lehmer, Borsdorf.

Nicht h'erd buchfähige Bullen, Wert- kl affe II: Fr. Momberger III., Stumpertenrod.

Eber des Veredelten deutschen Landschweines.

Wertklasse I: Karl Wenzel, Lang-Göns; Otto Er- des, Stangenrod. Wertklasse II: Peter Nicklas, Ober-Ofleiden; Adam Döring III., Rimbach (2 ' Tiere); Rich. Luh, Lang-Göns (2 Tiere); Wilhelm Konr. Brückel, Lang-Göns (2 Tiere); Will). Anton Stoll, Lang-Göns (2 Tiere); Wilh. Philippi IL, Trais-Müngenberg (2 Tiere); Otto Erbes, Stangen­rod; Otto Wilh. Velten, Lang-Göns; Wilh. Luh; Lang-Göns; Otto Velten I., Lang-Göns; Karl Wen­zel, Lang-Göns; Christ. Röder, Laubach; Reichs- kurat. für Technik und Landwirtschaft Lehrhof Lau­terbach; Lehr- und Versuchsgut Selgenhof; Wilh. Weil III. Wwe., Lang-Göns; Freiherr!. Riedes^fche Gutsverwaltung Sickendorf (2 Tiere); Adam Lenz, Rimbach, und Heinrich Eckstein, Arnshain.

(Eber des Deutschen Ldelschweins:

Wertklasse II: Karl Brückel, Lang-Göns (2 Tiere); Eugen Weber, Lang-Göns, und Willy Keßler, Lang- Göns.

Nemonte-Markt in Gießen.

Der oberhessische Remontemarkt fand am Freitag« nachmittag hier auf dem Pferdemarktplatz am Schlachthof statt. Er wurde durchgeführt von der Landesbauernschaft Hessen-Nassau, die Landstall­meister Dr. Dender damit beauftragt* hatte. Vor­geführt wurden 22 drei- und vierjährige Warmblut» pferde aus den oberhessischen Zuchten. Die Remonte- Kommission unter Führung von Major von See«

waren. Die Eber des Veredelten deutschen Vand- schweines wurden 2 der Wertklasse I und je 24 der Wertklasse II bzw. III zugeteilt. Die Eber des Deut­schen Edelschweines wurden mit 4 der Wertklasse II und 2 der Wertklasse III zugewiesen.

Bei der unter der Leitung des Direktors des Tier­zuchtamtes Gießen, Landwirtschaftsrat Dr. E. Wagner durchgeführten Versteigerung konnte der Hauptabteilungsleiter II der Landesbauernschaft, Bauer Scharch (Windhausen) fünf oberhessischen Züchtern für beste Leistungen auf dem Gebiete der Tierzucht Ehrenpreise des Reichsmini­sters für Ernährung und Landwirt­schaft überreichen. Den großen Ehrenpreis erhielt Heinrich Scholl II. (Arnshain), die große Preis­münze Friedrich Kalbfleisch (Schwarz) und die kleine Preismünze Fr. H. Rodemer (Helmes­mühle) für die Zucht von Fleckvieh: für die Zucht

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Welteislehre und Geologie "

Gestern abend veranstalteten der NSD.-Dozenten- bund die Volksbildungsstätte Gießen und die Na­turwissenschaftliche Abteilung der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in dem bis auf den letzten Platz besetzten Hörsaal des Geologischen Institutes unserer Universität einen Vorttagsabend, der den Zuhörern viel Wissenswertes bot, insbesondere aber .eine Klarstellung über die wahre Bedeutung der Hörbigerschen Welteislehre brachte. Der Kreisrefe­rent des Dolksbildungswerkes, Dr. Heidt, eröff­nete den Vortragsabend mit herzlichen Worten der Begrüßung. Sodann sprach

Prof. Dr. Hummel

über das Thema:Welteislehre und Geologie". Seinen Ausführungen fei folgendes entnommen:

Die Welteislehre Hörbigers wurde in den letzten Jahren in der Oeffentlichkeit viel erörtert; sie ist ein Versuch, die Weltentstehung und Weltentwick­lung einheitlich und in Abweichung von der üblichen wissenschaftlichen Deutung zu erklären. Es wird dabei vorausgesetzt, daß Eis im Weltenraum eine große Rolle spielt, ferner, daß die Bewegung der Planeten im Weltenraum allmählich gehemmt wird, so daß die kleineren Weltkörper von den größeren eingefangen werden können und schließlich auf sie herunterstürzen. So soll in der Vergangenheit schon mehrmals ein Mond auf unsere Erde herunterge- türzt sein, und auch dem jetzigen Mond soll eine )erartige Katastrophe bevorstehen.

Das scheinbar so folgerichtige Gedanken geb äude der Welteislehre steht jedoch in krassem Widerspruch zu zahlreichen wissenschaftlichen Beobachtungen. Der Geologe hat insbesondere einzuwenden, daß wir keine Spuren der früheren Mond-Katastrophen auf der Erdoberfläche finden können. Alles, was von der Welteislehre zur Stützung ihrer Ansichten an­geführt wird, läßt sich auf andere Weise viel zwangloser erklären. Die Geologie kennt zwar An­zeichen zahlreicher Einbrüche des Meeres in die Festländer, jedoch fehlen alle Anzeichen für die von der Welteislehre angenommenen Großfluten. Eben­so fehlt jede Spur der Mondtrümmer, die nach der Welteislehre in der Vergangenheit mehrmals die Erdoberfläche bedeckt haben müßten. Der heutige Mond würde auf der Erdoberfläche eine 43 Kilo­meter dicke Trümmerschicht bilden; die von der Welteislehre vermuteten früheren Monde können nicht viel kleiner gewesen fein, wenn sie die ihnen zugeschriebenen Anziehungskräfte gehabt haben sollen. Wir müßten also viele Kilometer mächtige Mondtrümmer-Schichten aus der Erdoberfläche fin­den, wenn sich jemals solche Mondkatastrophen er­eignet hätten. Es wäre auch ganz unmöglich, daß der Mensch oder irgendein Lebewesen eine derartige Katastrophe überdauert hätte. Die Welteislehre je­doch nimmt an, daß die Menschheit mehrere Mond­einstürze erlebt hätte, und daß die menschlichen Sa­gen noch heute davon zu erzählen wissen.

Wenn die Wissenschaft die Welteislehre ablehnt,

so geschieht dies nicht aus Gelehrtenhochmut, son­dern die Ablehnung ist notwendig, weil die Welt­eislehre den selbstverständlichsten Grundsätzen der wissenschaftlichen Forschung widerspricht, weil ihre Annahmen mit den Beobachtungstatsachen nicht in Einklang zu bringen sind.

Die Welteislehre wird oft als das Ergebnis tech­nischen Denkens bezeichnet und daraus mit einem gewissen Stolz der Gegensatz zu den Naturwissen­schaften erklärt; gerade dies hat der Welteislehre in den Kreisen der Techniker viele Anhänger zu­geführt. Es ist richttg, daß die Arbeitsweise von Technik und Naturwissenschaft trotz aller Be­rührungspunkte grundsätzlich verschieden ist: die Technik ist eine schöpferische Kunst, die aus zweck­entsprechend ausgewählten Teilen ein neues Werk, eine neue Maschine zusammenfügt. Die natur­wissenschaftliche Forschung hat dagegen umgekehrt die Aufgabe, die vorhandenen Gegebenheiten der Natur auflösend zu untersuchen und zu erklären. Der Techniker kann zugleich Naturforscher fein, wie auch der Naturforscher technische Aufgaben zu lösen vermag; verfehlt ist es jedoch, wenn man die schöpfe- risch-zusammenfügende Arbeitsweise der Technik dort anwendet, wo nur die auflösende und erklärende Untersuchungsweise des Naturforschers am Platze ist. Dies ist der Grundfehler Hörbigers; das Er­gebnis ist ein Gedankengebäude, das mit der wirk­lichen Welt nicht mehr Aehnlichkeit hat als etwa ein Kraftwagen mit einem Rennpferd.

Die Welteislehre hat in den letzten Jahren ver­sucht, sich als das ausgesprochen nordische, ja das nationalsozialistische Weltbild hinzustellen, um dar­aus ihren Gegensatz zur überkommenen Schul­weisheit zu erklären. Dies hatte zur Folge, daß die Reichspropagandaleitung der NSDAP, kürzlich die Welteislehre kennzeichnete als eineunter national­sozialistischem Deckmantel auftretende Hcheinwissen- schaft, die den klarsten wissenschaftlichen Forschungs­ergebnissen widerspricht", und dieden Ruf des deutschen Geistes und der Partei umso schwerer schädigt, als ihre Vertreter es verstehen, die Re­klametrommel gewaltig zu rühren, und so natür­lich viele Ahnungslose finden, denen die entgegen* stehenden, unumstößlichen wissenschaftlichen For­schungsergebnisse nicht bekannt sind."

Der Vortrag wurde mit lebhafter Aufmerksamkeit verfolgt. Dem Redner wurde dankbarer Beifall zuteil. Eine kurze Aussprache schloß sich an. Aus dem Kreise der Zuhörer wurden mehrere Fragen gestellt, die vom Redner des Abends beantwortet wurden. Dr. Heidt schloß den Abend mit Hin­weisen auf die nächste Vortragsveranstaltung. An einem Sonntag im August soll unter sachkundiger Führung ein Rundgang durch den Botanischen Garten unserer Universität unternommen werden. Bei dieser Gelegenheit wird auch die Schmetter­lingssammlung von Universitäts^Gartenbauin'spektor Nessel, die eine der größten Privatsammlungen in Deutschland darstellt, gezeigt werden.

'üble getan durchsichtig

ruht leicht und schwebend aus

gelt seine lichten, besonnten

(Sommer Gommer.

Von Hermann Hesse.

Still löse ich die rostige Kette vom alten Baum­stamm, schiebe mein leichtes Ruderboot ins Wasser, knie hinten auf und stoße vom Strande ab. Der See liegt weit hinaus spiegelglatt und flimmert grün und silbern. Die Sonne brennt in voller Mit­tagskraft herunter, und der jenfeitige Seerand spie­gelt einen blauen, leuchtenden, von festgeballten schneeweißen Sommerwolken durchzogenen Himmel.

Hinter mir entweicht das schattige Wiesenufer mit hohen Pappeln und breiten, alten, tiefhängenden Weiden, und mit* dem Ufer flieht auch alles das zurück, was mir dort am Lande Arbeit und Freu­den, Pein und Sorgen macht. Es wird fern und unkenntlich, es verliert an Wichtigkeit und Wert, je weiter ich in den blendenden Brand der Farben und Lüste hineinfahre, desto fremder, älter, unbe­greiflicher wird mir das kaum erst Vergangene.

Zu Hause liegt alles, wie ich es liegen ließ. Da liegen Briefe, auf die ich amnorten soll, und Rech- nunaen, die ich bezahlen, und Einladungen, denen ich folgen soll, an gefangene Arbeiten und aufge­schlagene Bücher. Alle diese Dinge scheinen mir, in­des ich langsam seewärts rudere, uralt und wesen­los, töricht und unnötig, einer sonderbar entarteten Welt zugehörig, der ich entronnen bin und die ich nicht mehr verstehe. Ein Kohlenhändler will Geld von mir, weil ich vorigen Winter mit seinen Koh­len eingeheizt habe. Ein Verlagsbuchhändler will, ich solle doch wieder ein neues Buch schreiben als ob das ein Sommervergnügen wäre; ein Freund verlangt Auskunft über die hiesigen Wohn- und Steuerverhältnisse. Ist das nicht alles lumpig, lächerlich und wertlos? Heber mir blaut in unge­heurer Weite und Glut der vieltausendjährige Him­mel, Wolken schreiten ihren uralt heiligen Reigen, stille Berge stehen kühn und unveränderlich wie ist es möglich, daß daneben immer noch der komi­sche Bagatellenkram der kleinlichen Menschengeschäfte und Menschensorgen besteht! Nein, er besteht nim-

lenden Höhe Got herabschaut in dies Tal und Ge­birge und diesen See und seine Ufer samt Dörfern, Klöstern, Höfen und närrischen Menschen mit Wohl­gefallen und Güte betrachtet.' Und ich weiß auch, daß alles, was ich in dieser Stunde sehe und lebe und tue, gut und notwendig und köstlich ist.

. Denn jetzt sehe ich Gott in die Augen, jetzt redet der Geist der Erde und der Geist der Höhe, der See und das weithingestreckte Gebirge mit mir. Jetzt bin ich kein einzelner, keine Persönlichkeit, kein ängst­lich abgetrenntes und unterschiedenes Wesen mehr, sondern einfach ein Kind der Erde, das keine eige­nen Gedanken und Wünsche und Sorgen hat und hingegeben dem größeren, reichen Leben der Lüfte und Wasser, Wolken und Wellen zuschaut.

ner, schwimmender Vogel.

Wie habe ich das kleine, schmucke Fahrzeug lieb! Von allen Dingen, die ich besitze, ist es das einzige, das fern von Haus und Zimmer und fern von den Geschäften des Alltags nebendraußen lebt und meiner wartet wie ein Stück Natur, wie ein Baum oder ein Tier. Es ist vielleicht auch von allen Din­gen, die ich besitze, das einzige, an welchem nur schone, reine, liebe Erinnerungen hängen. Mein Boot hat mich wohl schon traurig, nachdenklich oder müde gesehen, aber es sah mich nie verdrieß­lich, ängstlich, mißmutig, hastig und zornig. Es ist mir auf ungezählten Fahrten lieb und vertraut ge­worden. Ich kenne alle seine Fähigkeiten und Vor­züge, auch seine wenigen kleinen Fehler, es hat mir hundert Mal genützt unh mich hundertmal er­freut und vergnügt, und ich habe es geschont und gepflegt, mit Teer verdichtet, mit schonen Farbkn bemalt und jedesmal am Strande zu einem siche­ren, sandigen und guten Landeplatz geführt.

Da schwimmt es heiter und zierlich, wartet auf mich und schaut nach mir aus. Ich kehre zu ihm zurück und klettere triefend und erfrischt über Bord, ziehe die Ruder ein und lege mich der Länge nach auf den Boden. Nackt in der Sommersonne zu liegen ist mir immer eine Wonne: es ist schön, wenn man es auf einer Wiese oder im Sand am Ufer

mer; er ist untergegangen, wie alles Lächerliche untergeht, ist zu Sage, Traum und unbegreiflicher Vergangenheit geworden.

Unbegreifliche Vergangenheit! Alexander der Große und der Perserkönig Darius sind mir nicht ferner und merkwürdiger und unverständlicher, als der heutige Morgen und der gestrige Abend es sind. Was tat ich? Ich weiß nicht mehr; vielleicht Briefe schreiben, vielleicht Bücher lesen. Warum tat ich es? War esf notwendig? War es gut? War es unnütz und schädlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, daß in dieser gegenwärtigen herrlich schönen Stunde die Mittagssonne mir die Arme und das Gesicht noch brauner macht, daß auf der weiten Wasserfläche unerhörte, fabelhafte Farben spielen und inbrünstig glühen, daß aus der glühenden strah-

Und nun habe ich unvermerkt die Seemitte er­reicht. Dorf und Kirche des verlassenen Ufers sind fern gerückt und klein geworfen, die Gebüsche am Strande fließen ineinander, und über die Hügelhöhe hinweg, die noch vor einer Weile die höchste war und scharf im Blauen stand, sehe ich jetzt ferne Berge ragen, Berge mit dunkeln, weichen Wald­rücken und andere mit steilen Felshängen. Weit um mein Boot her glänzt der unbewegte Wasserspiegel, und nach wenigen Augenblicken bin ich der Kleider ledig, habe den köstlichen Sprung ins Kühle getan und schwimme ziellos in dem weichen, durchsichtig reinen Wasser dahin, in Bögen und Kreisen, bald heftig schlagend und plätschernd, bald unhörbar leise und heimlich. Mein weißes Boot mit dem hell­grünen RcuMe und den hellgrünen Ruderschaufeln " * ft der Fläche und spie- Flanken wie ein schön-

oder auf der Dachterrasse eines Hauses tut, aber nirgends ist es so schön wie auf einem großen Wasserspiegel im Boot, das wie ein Kelch die Wärme empfängt und hält. Da geht der Sonnen­brand durch Haut und Fleisch bis ins Mark, und wenn es zuviel wird, braucht man nur einen raschen Sprung zu tun und liegt sogleich im tiefen, klaren Wasser. Zu Anfang des Sommers, wenn der Leib noch weiß und kleidergewohnt ist, gibt es kleine Be­schwerden, da brennt die Haut und rötet sich und schält sich ab. Dann aber wird sie fest und braun und sonnensicher, und dann kommt die Zeit, da der Leib seiner selbst froh wird und in animalischem Wohlsein atmet und gedeiht und Sonne, Wasser und Lust als seinesgleichen fühlt. Dann hort auch die Empfindung der Einheit von Leib und Seele auf, ei n p einlich es Abhängigkeitsgefühl zu fein. Denn wie der Körper sich frei und wohl und sicher fühlt, so legt die Seele das Kleid der Gewohnheit und Alltäglichkeit von sich, atmet erstaunt und frei, kehrt zu heimatlichen Quellen zurück, wird dankbares Kind der Erde und Sonne, fühlt Verwandtschaft mit allen! Lebenden und lernt die Sprache der Mutter Erde wieder verstehen. Sie wird Kind, Welle, Wolke, Lied, sie singt und träumt, sie erlebt Sagen und Wunder. Wie alle Dichtung Erinnerung ist, so sind die seltsamen Regungen und phantasti­schen Träume, die in solchen Sonnenstunden in uns spielen, Erinnerungen an fernstes Ehemals, an Schöpfung und Hrzeit, an denGeist über den Wassern ..."

Ein leiser Luftzug weckt mich auf. Der See be­ginnt sich in unendlich feinen, zarten Linien zu kräuseln, die Wolken über dem Gebirge Haden sich vereinigt und wachsen mit stummer Eile himmelan, werden dunkel und drohend. Bald wird es Donner und Wind geben, vielleicht Sturm. Wie das im Luftreich arbeitet, strebt und brütet! In Eile werfe ich die Kleider um, lege die Ruder aus und trete die Heimfahrt an. Das Seegekräusel wird zum Wellenschlag, doch sind die Wellen noch klein und rund und geben wenig Widerstand. Mein gutes Boot fährt rasch darüber hin, und ehe noch die er­sten Regentropfen fallen und das Wasser am Ufer zu branden beginnt, sind mir im Hafen.

Heimkehrend finde ich Bücher, Briefe und Rech­nungen auf meinem Tische liegen, fange ungern zu arbeiten an und werfe nach einer Viertelstunde das ganze Zeug wieder von mir. Das Vefttändnis für die Notwendigkeit dieser törichten Dinge ist mir noch immer nicht wiedergekehrt. Draußen ist ein wütender Gewitterregen ausgebrochen, die Dorf­gasse ist ein gelber Bach, und die Dächer glitzern weiß von den aufprallenden Güssen. Drüben überm See blitzt und donnert es prächtig, und mich faßt wie in Knabenzeit bei diesem Toben ein übermüti­ges Frohgefühl. Pfeifend ziehe ich hohe Stiefel und eine Lodenjacke an, drücke den Filz auf den Kopf und wandere ohne Ziel in das laute, herrlich zür­nende Gewitter hinaus

Pofaunenflänge.

Anekdoten um Franz v. Dingelstedt, zu seinem I25jät)rigen Geburtstage am 30.3uni.

In Ricklingen bei Hannover, wo er als Gym­nasiallehrer durch heitere Streiche und kühne Auf­sätze manchen Anstoß bei Behörden und Bürgern erregte, verdiente sich Dingelstedt seine literarischen Sporen. Damals erschien in HannoverDie Posaune", ein ziemlich geistloses, ästhetisches Blätt­chen.Wissen Sie, welcher Unterschied zwischen Ihrer Posaune und der des Jüngsten Gerichts be­steht?" fragte Dingelstedt den Herausgeber Harrys. Harrys schüttelte mißtrauisch den Kopf.Nun, das ist doch einfach", lächelte Dingelstedt.Bei der Posaune des Gerichts wachen die Toten auf bei Ihrer Posaune schlafen die Lebendigen ein..."

*

Als Intendant in München emvfand der Dichter voll Mißmut die Gleichgültigkeit des altbayerischen Ahels gegenüber jeglichem kulturellen Fortschritt. Felix Dahn berichtet von einem Vortrag, den Din­gelstedt damals im Liebigschen Hörsaal hielt. Hof und Adel waren zahlreich vertreten. Dingelstedt begann folgendermaßen:Angesichts eines geist­leeren Hofes und eines heruntergekommenen Adels" lange Kunstpause eisiges Entsetzen der Zu­hörerwar es, daß im 17. Jahrhundert in Wien und so weiter..."

In Fulda wohnte in dem Hause Dingelstedts ein schrulliger Junggeselle, der die Hälfte feines Lebens in Wirtshäusern verbrachte. Er hieß Größer und besaß einen Hund, der ihn auf allen seinen Gängen begleitete und den erSchnaps" genannt hatte. Eines Tages war Schnaps verschwunden, wahrscheinlich hatten Zigeuner ihn mitgenommen. Größers Schmerz war groß, und Dingelstedt sandte ihm gerührt folgenden poetischen Trost:

Herrn Größers Hund, Schnaps zubenannt, entkam ihm jüngst durch Diebeshand.

Darob nun sollt er sich nicht kränken und hübsch die Billigkeit bedenken ~ da ihm nur e i n Schnaps ist entkommen, und er so viele selbst schon hat genommen!"

*

Als Direktor des Wiener Hoftheaters war Dingel­stedt einmal beim Begräbnis eines bekannten Thea­terkritikers zugegen. Es waren nur wenige Schau­spieler anwesend.Das ist kein Wunder!" sagte Dingelstedt auf eine diesbezügliche Frage,der Kri­tiker hat sie sein Lebtagmitgenommen", nun fürchten sie wohl, daß er sie auch diesmal mit- nimmt!"