Ausgabe 
1.2.1939
 
Einzelbild herunterladen

Nr.27 Drittes Blatt 1 Gießener Anzeiger (General-Anzeigerfür Gberhefsen) Mittwoch,«.Februar 1939

Aus der Gtadt Gießen.

Weißer Februar sonniger Sommer!

Der Februar muß seine Pflicht tun!" lautet eine alte Bauernregel. Das bedeutet, da der Februar ein ausgesprochener Wintermonat ist, daß es in diesen Wocher. auch winterlich zugehe. Und alte Erfahrung hat den Landwirt gelehrt, das; das etwa eintretende Gegenteil spatere Rückschläge nach sich zu ziehen pflegt, nämlich: 'Februar warm Frühling kalt!" So sagt man in Ostpreußen; und in Sachsen heißt es:Februar füllt die Gräben schwarz oder weiß; aber weiß ist besser." Gibt es also Niederschläge, fo soll es Schnee, nicht Regen sein. In Obersachsen reimt man darum auch:

Februar Schnee tut nicht weh!

Aber im Februar Kot kriegst die Schwerenot!" Im Erzgebirge und in Deutschböhmen heißt es obigen Bauernregeln entsprechend allgemein:

Wenn im Februar schwärmen die Mücken, wirst du im März an den Ofen rücken!"

Und in Schwaben will man bis zum Monats­schluß noch keinen Vorschuß auf den Frühling haben; vielmehr sagt man dortzulande:

Nordsturm am Ende des Februar

verkündet den Bauern ein fruchtbar Jahr!"

In südlichsten alemannischen Gauen, Südbaden, Vorarlberg und in der deutschsprachigen Schweiz, kennt man allerdings diesen Vers:

Der Hornung soll eingehen wie ein Saukopf und ausgehen wie ein Goldknopf."

Das bedeutet, man erwartet für Februaranfang wüstes, rauhes Wetter, für fein Ende jedoch rechnet man schon mit milden, sonnigen Tagen.

Mariä Lichtmeß fällt auf den 2. Februar: Wenn's an Lichtmeß stürmt und tobt, der Bauersmann das Wetter lobt."

Das paßt zu obigen Wetterorakeln.vollständig. In Ostfriesband sagt man:

Scheint an Lichtmeß die Sonne auf den Altar, kommt ein gutes Flachsjahr!"

Aber dort, wie anderwärts gilt die Meinung, daß es dann noch lange mindestens 6 Wochen Winter bleibe. In alemannischen Gauen heißt es weiterhin:

Lichtmeß mit Sturm und Schnee, bringt das Frühjahr in die Näh'!"

Dazu paßt dieser, Reim:Ist's an Lichtmeß trüb Bauer, nimm vorlieb"; denn das ist der Sinn trübes, mildes Wetter in den ersten Fe­bruartagen verheißt unnormale Iahreswitterung und dementsprechend magere Ernte.

Der 3. Februar ist Blasiustag. Infolge seines falsch verstandenen Namens ist St. Blasius der Patron der Windinüller und Blasinstrumenten­musiker geworden. In Steiermark backt man Krap­fen zu Ehren St. Blasius' und ißt recht viele davon, damit der Wind nicht das Hausdachfortblase"! Blasiustag gilt fast überall als stürmischer Tag. Damit sich der Wind lege, streut man im Sudeten­land Salz, Mehl, Asche in die Luft; am besten wirkt" dies Mittel, den Sturm zu beruhigen, wenn es ein Sonntagskind tut.

Wenn esan Veronika", 4. Februar, bell, klar, frostig ist, erwartet man ein gutes Flachsjahr. Wenn's aberan Veronika regnet" sagt der schwäbische Bauer,so reanets 40 Taq^ und wenn's an jed'm Tag nur ein Tropft-' isch!"

Im allgemeinen aber ist jetzt noch Nachwinter; drum sagt man in Schwaben für den 6. Februar, der dem Kalendernamen Dorothea führt:

An Dorothee lait (liegt) Schnee, im Tal und uff jeder Höh'."

Der 14. Februar ift St. Dalentinstag. Es ist ein Unglückstag. Im besonderen bringt man den Namen des Heiligen mitfallen" zusammen. Wenn Vieh nn diesem Tag fällt, wird's ni*t wieder gesund. Die fallende Sucht" wird alsSt. Veltens Leiden" be­zeichnet. W. L.

Dre Eingemeindung in die Stadt Gießen

Der Erlaß des Gauleiters ^eichsstatthaliers Sprenger.

Im amtlichenAnzeiger der Hessischen Landes­regierung" vom 31. Januar 1939 veröffentlicht der Reichsstatthaller in Hessen Landesregierung im Namen des Reiches folgenden Erlaß vom 3. Ja­nuar 1939 über die Eingliederung der Gemeinden Wieseck und Klein-Linden und der selb­ständigen Gemarkung Schiffenberg in die Stadt Gießen:

Die Stadt Gießen mit der über die Grenzen un­serer engeren Heimat bekannten Hessischen Landes­universität birgt dank der Wehrhaftmachung der Deutschen durch unseren Führer Adolf Hitler wieder e.ne starke Garnison unserer neuerstandenen Wehr- ,macht in ihren Mauern. Zur Erfüllung der' ihr in öcr Stadtplanung, in oer Schaffung von Bau- und Siedlungsgelände und in dem Ausbau eines groß­zügigen Verkehrsneßes gestellten Aufgaben 'fehlt innerhalb der derzeitigen Stadtgrenzen der erfor­derliche Raum.

Die Stadt ist im Nordosten mit der Gemeinde Wieseck, im Südwesten mit der Gemeinde Klein- Linden fast zusammengewachsen. Die selbständige Gemarkung Schifsenberg im Südosten der Stadt mit ihrer ehemaligen Deutschordensburg und ihrem reichen Waldbestand soll der Stadtbevölkerung zur Erholung und Gesundung dienen.

Um der Stadt Gießen'zu ermöglichen, die ihr ge­

stellten Aufgaben zu lösen, bestimme ich im öffent­lichen Wohle auf Grund der -Deutschen Gemeinde­ordnung vom 30. Januar 1935, was folgt:

1. Die Gemeinden Wieseck und Klein-Linden so­wie die selbständige Gemarkung Schiffenberg im Kreis Gießen werden in die Stadt Gießen einge­gliedert.

2. Die Eingemeindungsverträge der Stadt Gießen mit den Gemeinden Wieseck und Klein-Linden, beide vom 5. Dezember 1938, sowie die Vereinbarung zwischen dem Hessischen Staat als Inhaber der selb­ständigen Gemarkung Schiffenberg und der Stadt Gießen vom 13. Dezember 1938 werden bestätigt.

6. Die Dauer der Wohnung ober des Aufenthaltes in den Gemeinden Wieseck und Klein-Linden sowie in der selbständigen Gemarkung Schiffenberg wird auf die Dauer der Wohnung ober des Aufenthaltes in der Stadt Gießen angerechnet.

4. Die Amtszeit der ehrenamtlichen Bürgermeister, Beigeordneten und Gemeinderäte der Gemeinden Wieseck und Klein-Linden endigt mit dem 31. März 1939.

5. Der Erlaß tritt mit Wirkung vorn 1. April 1939 in Kraft.

Darmstadt, den 3. Januar 1939.

Der Rcichsstatthatter in Hessen.

Sprenger, Gauleiter von Hessen-Nassau.

Hessische Trachten."

Der Hessische Verein für Volkskunde und der Oberhessische Geschichtsverein hatten den Leiter des Hessischen Amtes für Volkskunde und Schöpfer des Lautdenkmals der deutschen Mundarten (bas dem Führer zum Geschenk gemacht wurde), Professor Dr. B. Martin (Marburg) einen ausgezeich­neten Kenner der hessischen Volkstrachten, für den gestrigen Dienstagabend zu einem Vortrag' in der Aula des Gymnasiums. gewonnen, der den vie- leii Zuhörern einen tiefen Einblick in die Schön­heiten der hessischen Trachten gewährte.

Der Redner schickte nachdem Studienrat Dr. Klöckner mit herzlichen Worten der Begrüßung den Vortragsabend eröffnet hatte zunächst einige grundsätzliche Darlegungen voraus Er wies darauf bin, daß die Kenntnis der Volkstrachten in breiteren Schichten unseres Volkes nicht sonderlich tief fei, daß der Städter sich nicht ernstlich Mühe gebe, die Trachten kennenzulernen, ja es fei immer wieder der Fall, daß die bäuerliche Bevölkerung immer dann, wenn sie in der Stadt in Tracht erscheine, ein Blickpunkt der Neugier, wenn nicht gar des Spottes fei. Früher fei die Verbindung zwischen Stadt und Land enger gewesen. In den vergangenen Jahrzehnten habe der starke Einfluß, der von der Stabs- auf das Land ausging, die ursprüngliche Selbstsicherheit des Bauern ins Schwanken gebracht. In weiten Gebieten unseres Vaterlandes fei deshalb die Tracht verschwunden. Das Hessenland zähle zu jenen Landstrichen, in denen sich die Tracht noch am besten gehalten habe.

Die Tracht schaffe, so sagte der Redner u. a., eine sichtbare Verbundenheit der Menschen unterein­ander, sie-wurzle tief im Völkisch-m fei boden- gebunden und den Einflüssen der Mode fast völlig entzogen. Zwar wandle sich die Tracht auch, ober immer nur über größere Zeiträume und aus den Forderungen der Gemeinschaft heraus. In der Tracht liege viel Sitte verankert, in der Tracht doku­mentiere sich manches ungeschriebene Gesetz, das dem einzelnen klar sage, was er trogen und was er nicht tragen dürfe. In der Trgcht offenbare sich sogar eine religiöse Sinngebung, die allerdings ein Fernerstehender nicht *so ohne weiteres erfühlen

könne. Schone bauerncigene Formen seien in der Tracht verankert und in ihr zeige sich auch feines und natürliches Empfinden für Farbenfreude.

Nachdem sich der Redner in einigen Worten gegen die Zur-Schaustellung der Trachtenträger, und -träge- rinnen in großen Städten gewandt hatte, weil dies gerade für die bäuerlichen Menschen leicht eine Ge­fahr fein könne (wogegen sie auf dem Bückeberg z. B. sehr am Platze und unter sich seien), betonte er, daß die Staatsführung des Dritten Reiches der Frage der Erhaltung und der Pflege der deutschen bäuerlichen Tracht verständnisvolle Förderung an­gedeihen lasse.

Sodann zeigte der Redner eine Fülle meist far­biger Lichtbilder. Da sah man die herrlichen Trach­ten der Schwalm. wie sie von alt und jung zu den verschiedensten festlichen Gelegenheiten getragen wer­den, und man lernte alle möglichen. Spielarten der sog. ..Marburger Tracht" kennen, bie heute noch in 130 Dörfern von insgesamt 19 000 Frauen getragen wird. Der Redner führte' aber auch solche Trachten vor Augen, die weniger bekannt sein können, er führte feine Zuhörer im Geiste in die Hersfelder Gegend, nach Schönstein, in das Sattenberger Land, nach Blankenstein (wo die dort, ehemals übliche Tracht nur noch von 18 Frauen getragen wird), nach Biedenkopf und Breidenbach usw. Mit liebe­voller Vertiefung machte der Vortragende auf die Fülle der besonderen Schönheiten aufmerksam, sprach von den erstaunlichen Leistungen, die. in Hinsicht auf die Handarbeit in den Trachten enthalten sind, und konnte an Hand der farbigen D'lder einen voll­kommenen Eindruck von den kulturellen Reichtümern geben, die in den hessisch en Trachten verankert lie­gen

Die Zuhörer /dankten mit herzlichem Beifall. Pro­fessor Dr. Goetze schloß den Vortragsabend mit mxirmen Dankesworten.

Sortwfueti

Taaeskalender für Mttwoch.

Krei ^Handwerkerschaft Gießen: 20 Uhr im Schu- (unqsbeim des Handwerks, Goetheftraße 7, Licht­

bildervortragDie wirksame Werbung des Hand­werksmeisters. Stadttheater: 19.30 bis 21.30 Uhr Flitterwochen". Gloria-Palast, Seltersweg: Sergeant Berry". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Zu neuen Ufern". Ruhestandsbeamte und Beamten­hinterbliebene: 15.30 Uhr, Aquarium, Versammlung.

Zladtthealer Gießen.

Heute Abend findet die Erstaufsühkung des mo­dernen LustspielsFlitterwochen" von Paul Hel­wig statt. Spielleitung: Günther Winkel. Bühnen­bild: Karl Löffler.»Die Vorstellung findet gleich­zeitig als 17. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt.

Afrika-Filmvorlrag des Frontdichters p. E. Ettighoffer.

Am morgigen Donnerstag wird der Goethe-Bund in Verbindung mit dem Kaufmännischen Verein ein besonderes Vortragserlebnis vermitteln: der be­kannte Frontdichter P. C. Ettighoffer wird einen Bericht über seine Afrikareise und von dem Leben in unseren ehemaligen Kolonien geben. Ein interessanter Film wird seine Ausführungen er­gänzen.

Vortragsabend im JISBDX.

Am morgigen Donnerstag verunstaltet der Nationalsoz'ialistische Bund ' Deutscher Technik (NSBDT) einen Vortragsabend im großen e-aale desBurghof". Auf - der Tagesordnung stehen zwei wichtige Vortragsthemen.

Hitler-Jugend Bann 116.

Stamm 1/116.

Am koyimenden Sonntag, 5. Februar, findet durch den Gebietsführer eine Besichtigung des ganzen Stammes statt. Die Einheiten stehen um 8.20 Uhr auf Oswaldsgarten. Beurlaubungen sind für diesen Tag aufgehoben.

Arn kommenden Donnerstag um 18.15 Uhr ist cme Besprechung der Gefolgschaftssührer Friedrich­straße 15.

Heil Hitler!

Dr. Schneider, Oberstammführer.

Bsförderungsn im Sann 116.

Zum 30. Januar 1939 wurden innerhalb des Bannes 116 die folgenden Führer befördert: Zum Oberstauunführer der Stammführer Dr. Schnei­der, Führer des Stammes 1/116, Gießen. Zu Ober- gefolgschaftsführern die Gefolgfchaftsführer Dr. Berg Hofer, Leiter der Stellen WS. und GA. im Bann 116, Georg Körner, Führer der Gef. 2'116, Ernst Nuppel, Führer der MHI. Gießen. Zu Gefolgschaftsführern die Oberscharführer Ernst Weerth, Leiter der Stelle für Leibeserziehung im Bann 116, Karl Ludwig Müller, Bannbeauf­tragter füp.HI.-Heimbeschaffung, und Otto Jüngst, Führer der Gefolgschaft 4/116.

Verleihung

von Treu^ienss-Ehrenzeichen.

In^Anerkcnnung langjähriger treuer Dienste hat der Führer den nachstehenden Beamten und Be­amtinnen des Landes Hessen das Treudicnst-Ehren- zeichen verliehen:

Goldenes Treu dien st- Ehren Zeichen für 40jährige treue Dienste u. a.: Ministerialrat Christoph Gluckert i'fi Darmstadt; den Oberrealleh­rern Karl Dotter und Franz Stumpf in Alsfeld; den Berufsichulle"hreru Heinrich Goerz und Friedrich Ost in G'eßen; dem Hausmeister August Karl Ader- hold in Butzbach.

Sil b crncs Treu dien st-Ehren Zeichen für 25jähriqe treue Dienste u. a.: dem Oberstudien­rat Dr. Heinrich Kiefer in Gießen; dem Kreisfchul- rot Heinrich Walther in Alsfeld; den Oberstudien­direktoren Dr. phil. Karl Hainer in Alsseld, Dr. Gans in Butzbach, Geora Schelhorn und Dr. Hans Roloff in Gießen; dem Studiendirektor Dr. Johann Georg Walter in Bubbach; den Studienräten Dr. Jakob Berg, Philipp Saun, Georg Reimherr, Hein-

Jean Ttocine:Nerenjre".

Uraufführung am Gießener Lladttheater.

Vor 300 Jahren, am-21. Dezember 1639, wurde in La Ferte - Milon, Departement Aisne, Jean Racine geboren, neben Corneille der bedeutendste tragische Dichter, den Frankreich hervorgebracht hat, Mitglied der Akademie (feit 1673) und Hofhistorio- praph Ludwigs XIV. Man hat ihn den vollkom­mensten Dramatiker Frankreichs genannt was wohl in einem doppelten Sinne zu verstehen ift insofern, als Bei Racine das klassische Drama als die reinste Ausprägung einer literarischen Gattung erscheint,, und weil, darüber hinaus, der romanische Geist innerer Ordnung, klarer Architektur und ehernen Gesetzen unterworfener Formenstrenge sich an Ra- cines Werk wie an einem Schulbeispiel demon­strieren läßt. In ihm feiert das künstlerische Geckihl und der Stilwille des französischen Volkes seinen Triumph. Deshalb, nicht nur des ehrwürdigen Alters und einer hohen theatralischen Tradition wegen, gilt uns Racine als Klassiker, wird er auf der Schule gelesen. Es vaßt dazu, daß er seine Themen mit Vorliebe, seiner Erziehung und Bil­dung entsprechend und dem Geiste seiner Zeit ge­mäß, aus dem antiken Kulturkreise wählte, und daß er, mit einer Ausnahme, nur tragische Stoffe behandelt hat.

*

DiePhädra" ist vielleicht die künstlerisch reifste und menschlich reichste unter Racines Tragödien, öerBritanniens", den man auf der Schule lieft, vielleicht am_ geeignetsten, wenn man die Grund­lagen und Stilelemente der klassischen französischen Dramaturgie ableiten will. DieBerenize" (1670) gehört zu den außerhalb Frankreichs minder be­kannten Dramen Racines, dach trifft auch auf diese Tragödie zu, was allgemein zum Ruhme ihres Schöpfers vorgebracht zu werden pflegt: auch an ihr ist die Eleganz der Sprache, die Einfachheit, die Geschlossenheit und die kraftvolle Entwicklung der dramatischen Komposition, die Feinheit der psycho­logischen Analyse, im besonderen die tiefe Kennt­nis des weiblichen Herzens, zu ftubieren, vielleicht sogar zu bewundern.

*

Es find aus dem Altertume mehrere Fürstinnen des Namens Berenike überliefert; vier von ihnen, nach denen wiederum einige antike Städte benannt waren, entstammten dem Königshaufe der Ptole­mäer; drei von ihnen endeten unter Mörderhänden Das Urbild derr Heldin Racines hingegen ist die Tochter des Königs Herodes> Agrippa L, die meh­rere Male verheiratet war und zuletzt, nach der Eroberung von Jerusalem im Jahre 70, als Geliebte

des Kaisers Titus, am römischen Hofe lebte. Dieser historisch erkennbare Tatbestand ist bei Racine aller profanen Mißdeutung eytrückt und in die reine Ge­fühlssphäre erhoben worden, in der für ihn die tragische Dichtung ausschließlich gedeihen konnte.

Die Königin Berenize steht zwischen zwei Männern, die gleicherweise ihr Herz an sie verloren haben und sie zur Gemahlin be­gehren: eben Titus, der lange um den Tod seines Vaters Vespasian getrauert hat, und dem König Antiochus von Kommagene. Berenize ihrerseits liebt* Titus, ihn' allein, und nicht etwa um der kaiserlichen Würde willen, die ihr durch eine Heirc^ zufallen müßte. Antiochus verschwendet Haß und Eifersucht an feinen Freund und Waffengefährten Titus, denn Berenize würde nie einem ungeliebten Manne angehören wollen. Titus roreberum, vor ejne klare Entscheiduizg gestellt, wagt nicht, der sehr unmißverständlichen Stimme feines Herzens zu fol­gen: er muß wählen zwischen Berenize und dem Reich. Rom wünscht keine fremde Gemahlin für feinen Kaiser; das Volk murrt, und offene Auf­lehnung droht; das Beispiel des großen Cäsar, der ohne Kleopatra ans Aegypten heimkehrte, wird wie eine Warnung beschworen und Titus entscheidet sich für Rom, für das Imperium für die Tradi­tion gegen. Berenize, die unter diesem Treuhruch fast zusammenbricht, sich in der ersten Raserei des Schmerzes den Tod geben will und dann, ein Bild gefaßter Entsagung, Rom für immer verläßt, zu­gleich mit Antiochus, der auch nach dem Verzicht feines Rivalen ohne alle Hoffnung auf die Er- hörung feiner Liebe vorn kaiserlichen Hose scheidet.

So vollzieht sich der Ablauf der Tragödie wesent­lich im Wechselspiel der drei Figuren, und der Kon­flikt, der sich aus den sich kreuzenden Beziehungen zwischen den dreien eraibt, entwickelt sich mit einer geradezu regelhaften Präzision. Die Losung des Konfliktes im Sinne der Staatsbejahung zuungun­sten persönlicher Neigung ist übrigens vermutlich auch, bewußt oder unterbewußt, von der herrschenden absolutistischen Staatsidee des französischen 17. Jahr­hunderts nütbeftimmt. Dem ebenso zart wie unauf­löslich gesponnenen Netz seelischer Wechselbeüehun- gen als dem inneren Fundament des .Handlungs­ablaufes entspricht die architektonische Klarheit im Aufbau der fünf Akte und, mit den Worten des Uebersetzers,der regelmäßige Wellenschlag des Alexandriners".

*

Das Stück erschien als Uraufführung, im Versmaße des Originals übertragen von Rudolf Alexander Schroder. Damit ist, wie uns scheint, die bedeutende Leistung des Uebersetzers bereits ge= kenn-üchnct: nur in dieser für das Urbild charakte­

ristischen Einkleidung konnte ein Begriff von der klassischen Form der französischen Tragödie vermit­telt werden. Theoretisch wäre zwar auch eine uns gefühlsmäßig näherliegende Metrik möglich gewesen; Schröder hat bewußt und mit guten künstlerischen Gründen darauf- verzichtet, weil er eine Nachdich­tung, nicht eine Neusck-öpfung aus deutschem Geiste beabsichtigte. So ergab sich die Notwendigkeit, den Alexandriner zu übernehmen, der die Silben zählt, währen!) das deutsche Versmaß die Silben zu wägen pflegt. Wer sich den Unterschied klar macht, wird die Schwierigkeiten und die Leistung des Uebersetzers zu würdigen vermögen

Die Aufführung, vom Intendanten Hermann Schultze-Griesheim in Szene gesetzt, führte die mit Lope de Vegas SchauspielDas Weib des Andern" begonnene ReiheUnbekannte Dra­men der Weltliteratur" fort und verwirklichte' in würdiger und überzeugender Weife das früher auf­gestellte Programm öe's dichterischen Theaters. Die Inszenieruna hatte herausgearbeitet, was Rudolf Alexander Sckröder in einer Einführung an-- deiltet: dieseBerenize" ist em vollkommen sensa- tionslofes Schauspiel, ohne alle äußere Aktion oder äußerlich wirksame Dramatik, eine Tragödie viel­mehr, die sich ohne Blutvergießen ganz' im Innern abspielt und ausgetragen wird allein im oeelem raume des liebenden, leidenden, überwiudei'den Herzens. Es wurde erkennbar die außerorbentliche Kunst Narines, welche in einem meisterlich ausge­wogenen Auf und Ab von Zweifel Täuschung und Hoffnung Schritt für Schrick und Szene um Szene die Unentrinnbarfeit des Schicksals begreifen läßt, welche das Mechselfniel der Hauvtgestalten aleichsaw von allen Selten umstellt, die Unausweichlichkeit des echten Konfliktes auf der äußersten schmalen Grenze zwilchen Leben und Tod

Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß eine Dichtung dieser Art, die ganz auf das von innen her bewegte Wort und die edel beseelte Gebärde gestellt ist, nur vom Sprachlichen aus szenisch zu erschließen war; kein Zweifel auch, daß hierin bas eigentliche Problem der Inszenierung beschlossen lag: dem Alexandriner, dem zwolfsilbigen reimenden Vers mit dem deutlichen Einschnitt der atemholen- den Pause in der Zeilenmitte, droht im Deutschen stets die Gefahr des gefälligen Leerlaufes, der rhetorisch hohlen Monotonie. An der Durcharbeitung der dialektischen Form war vor ollem die belebende, durchdringende, vertiefende Arbeit der Spielführung zu erkennen; der Vers wurde, ohne seines natür- lichen rhythmischen Flusses beraubt zu werden, der inneren Melodie seelischer Entwicklung angepaßt, gelockert, gegliedert und gleichsam durchblutet.

Dem klanglichen Eindruck der Aufführung, die im vierten und fünften Akte, mit der unerbittlich sich vollziehenden Entscheidung, hinreißende Steigerun­gen erreichte, entsprach das gleichbleibende äußere Bild, das von Herrn Löffler mit spürbarem Gefühl für die antike Größe und Würde des Schau­platzes gestaltet war: das offene Viereck der Halle des kaiserlichen Palastes war von Säulen und Pila-. ftern umgrenzt; der Durchblick in den perfvektivisch verkürzten Hintergrund verstärkte die Bar-stellung räumlicher Tiefe und Weite in einem Bilde, dem belfer Marmorton. Lichtblau und pompejanifches Rot die farbigen Akzente gaben.

Giesela Vollert spielte die Berenize, in flie­ßendem Gewände mit dunklem Haar eine an­ziehende Erscheinung, in der fürstliche Haltung und marines Gefühl eines liebenden, weiblichen Herzens sich die Waage hielten. Zwar steigert sich die Köni­gin aus dem Gleichmaß der in sich ruhenden und ihrer selbst gewissen Empfindung gegen End" zu einem Aufruhr bitterster Enttäuschung, wilden Schmerzes und einer zum Tode bereiten Hack'nungs- lofigfeif; doch wurde diel-w so menschliche Ausbruch zuletzt in der edeln Fassung des stillen Verzichtes wieder aufgefangen und abklingend beruhigt.

Die beiden Männer neben ihr standen äußerlich und innerlich in einem sinnvoll abgewogenen Kon­trast zueinander. Herr von Gschmeidler als Titus war ein Liebender, den man elegisch nennen konnte, wenn nicht die Zartheit des Gest-hls von der Härte des Entschlusses überwältigt würde; ein sehr menschlicher Imperator,in sein Kaisertum auf immerbar verbannt", sprachlich ganz ausgeglichen und beherrscht.

Herr C o s s o v e l gab den Antiochus als Feld- Herrn des kaiserlichen Rom; seine dunkel aus- brechende Leidenschaft schien ihre heftigen Worte nur unwillig dem Gleichmaß' des Verses an.umaffen, und das glänzende Bckd der golbgerüfteten Fürsten wurde immer beschattet vom Bilde des zwischen Verzweifluna und trüqerifd) genährter Hoffnung hin und her gerissenen Menschen

Die drei für das klassische Drama kennzeichn der Vertrauten wurden von H'ckde Kneip, ?

Grondahl. und Hans S7b l i cf in oit ist je nach ner Haltung gegeben; Herr Schlick, Nähere Aus- Freund und Ratgeber Paulin, wuchs alsedebehörde.

Verkünder des imperialen Gedankens eigene, seit 1929 ventionellen Umriß des Rollenfacheynhof 660 Meter hinaus. eine Fläche von

* Einwohnern. Die

Die Hörer dankten mit starkem, zagen ist uns nicht haltenden Beifall. Ham nicht erwog-