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Ur. 213 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiaer für Oberhesfen)

Montag. 12. September 1938

Geld minderwertiges Zeug angedreht erhielten, sollten für jedermann eine Mahnung sein, sich auf derartige Geschäfte nicht einzulassen, sondern bei Einkäufen nur solche Geschäfte zu benutzen, die Ge­währ dafür bieten, daß der Kunde einwandfrei bedient wird.

*

** Eine Achtzigjährige. Ihren 80. Ge- burtstaZ kann am heutigen Montag, Frl. Julie Buff, Läberstraße 10, begehen. Die Jubilarin entstammt einer alten Gießener Familie. Frl. Duff erfreut sich großer Bekanntschaft und hoher Wert­schätzung. Der Jubilarin unseren herzlichen Glück­wunsch.

Klein-Motorspritze für Ruttershausen.

* Ruttershausen, 12. Sept. Am vergange­nen Freitag wurde in der Gemeinde Ruttershausen eine Klein-Motorspritze in Dien st g e- stellt. Es handelt sich um die seither von der Frei­willigen Feuerwehr Grünberg benutzte Motorspritze, die nach Beschaffung einer für Ueberlandfahrten geeigneten Motorspritze in Grünberg überflüssig ge­worden ist. Die Beschaffung einer Motorspritze für die Gemeinde Ruttershausen hat sich mit Rücksicht auf das Fehlen einer Wasserleitung als dringend erforderlich erwiesen. Nunmehr wird es möglich sein,chim Brandfall das Löschwasser aus der Lahn zu entnehmen und zu jedem Grundstück innerhalb:

Aus der Stadt Gießen.

Hitler-Jugend aus Nürnberg zurück.

Zahlreiche Eltern aus unserer Stadt waren am gestrigen Sonntagabend am Bahnhof, um ihre Jungen abzuholen, die gegen 18.30 Uhr im Son­derzug von Nürnberg erwartet wurden. Pünktlich lief der Zug ein, und dann bestimmten die braunen Uniformen der HI. für kurze Zeit das Bild. Kame­raden aus den oberhefsischen Orten fuhren in An- schlußzügen gleich weiter, während die Gießener HI. zum Schlußappell auf dem Bahnhofsvorplatz antrat. Der Spielmannszug der Marine-Hitler- Jugend wartete mit einem Marsch aus. Der Bann­führer drückte noch jedem Kameraden die Hand Dann wurde weggetreten. Mit den Eltern machten sich hierauf die jungen Kameraden auf denHeimweg und erzählten eifrig von den Erlebnissen in Nürn­berg, die für viele unvergeßlich sein werden.

SA.-Reiter mit neuer Standarte morgen erwartet.

Am morgigen Dienstag, 9.36 Uhr, werden die Siebener Angehörigen der SA.-Reiterstandarte 147 von Nürnberg zurückkommen. Sie werden die ihnen vom Führer verliehene und geweihte Reiterstan­darte mitbringen. Vom Bahnhof aus wird man sich zum Standartengebäude am Landgraf-Philipp-Platz begeben, um das Feldzeichen dort zur Aufbewah­rung zu übergeben. Der Schlußappell wird vor der Dienststelle der Reiterstandarte im Wetzlarer Weg stattfinden.,

Amt für Dolkswohlfahrt,

Ortsgruppe Gießen-Nord.

Am Dienstag, 13. September, und Mittwoch, 14. September, wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord der Lebensmittel-Opferring durchge­führt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfund- packchen bereitzulegen und den Inhalt auf die Um­hüllung zu schreiben.

Dornotizen.

Tageskalender für Montag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Das Tagebuch der Baronin W.". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Verwehte Spuren".

»Echt italienische wollene Stoffe."

Mit dieser Behauptung gingen in den letzten Tagen in Gießen einige Stoffverkäufer auf die Tour", um in zahlreichen Häusern Stoffe anzu­bieten, dieReste von der Leipziger Messe" seien und angeblichecht italienische Ware mit prima Wolle" darstellten. Die Verkäufer waren Ausländer, die sich im Besitze von italienischen Ausweispapie­ren befanden. In einer Reihe von Fällen konnten sie die Stoffe zu gutem Preis an den Mann brin­gen. Als fachkundige Kreise unserer Stadt auf die­senfliegenden Stoffhandel" aufmerksam gemacht würden und die Ware genauer unter die Lupe nahmen, stellte es sich heraus^ daß der angebliche italienische Stoff aus reiner Wolle" in Wirklichkeit ausgesprochener Schund ist, mit dem die Käufer geleimt worden waren. Die Verkäufer hatten diese Ware nicht alsReste von der Leipziger Messe" erhalten, sondern sie von einer jüdischen Firma in Frankfurt a. M. bekommen, in deren Auftrag sie die Stoffe vertrieben. Es handelt sich also um einen aufgelegten Schwindel, bei dem der Jude im Hin­tergrund steht, der die beiden ausländischen Stoff­verkäufer vorgeschickt hat. Da die Verkäufer keinen Wandergewerbeschein und auch keinen Hausier-Er­laubnisschein hatten, wurde zunächst der gesamte, noch greifbare Stoffvorrat zur vorläufigen Siche- rung für die zu erwartende Strafe beschlagnahmt und gegen die Beteiligten ein Verfahren in Gang gebracht, bei dem zunächst der Handel hne Wan­dergewerbeschein und ohne Hausier-Erlaubnisschein als Strafgrund in vorderer Reihe steht.

Diese Fälle, in den die Stoffkäufer für ihr gutes

Gehörlose lagen in Gießen.

Gaubundtagung in Gießen. Dannerübergabe.

.^^und Hessen-Nassau im Reichsoerband der Gehör osen Deutschlands hatte für den gestrigen ^nt£r ?in* Mitglieder zu einem Gaubundestag nach Gießen Ungeladen. Die Versammlung, mit der gleichzeitig die Feier der Üebergabe eines Gau- banners verbunden war, fand im Saale des Cafe r^eib statt und nahm einen würdigen Verlauf. Als Vertreter des Reichsstatthalters war Kreisdirektor x ' jur. $ ^ri5s und die Gauamtsleitung der N^sV. Kreisamtsleiter F r a n k, für die Kreis- waltung der DAF. Heidt, für die Stadt Gießen Derwaltungsoberinfpektor Rispel und als Ver­treter der Staatlichen Gehörlosen-Schule in Fried­berg Reallehrer Klingler erschienen. Musik der Kapelle K r e n g e l leitete die Feier ein. Dann wurden die Fahnen, unter ihnen auch das neue Gaubanner, eingebracht.

Gaubundesleiter Härdtner, Frankfurt hielt die Begrüßungsansprache, in der er u. a. aus- fuhrte: Die Gchörlosen Hessen-Nassaus wollten mit ihrem Gaubundestag zeigen, daß sie nicht zurück- stehen, sondern sich voll der Volksgemeinschaft ein­fugen wollten. Heiß sei der Wunsch in ihnen allen, Anteil zu haben am großen Erleben unseres Vater- landes. Durch vermehrte Vorträge und Schulungen müsse ihnen flar gelegt werden, was der National­sozialismus wolle, was das Vaterland von ihnen erwarte. Andererseits gehe es in Zukunft nicht an, daß der Gehörlose frage: was bekomme ich! Viel­mehr müsse er sich fragen, was leiste ich für unsere völkische Schicksalsgemeinschaft! Die Gehörlosen müßten mehr und mehr Schicksalsgemeinschaft der Arbeit und der Leistung sein wollen. Wenn die Gehörlosen sich zu dieser Auffassung bekennen, dann seien sie richtige Nationalsozialisten und handelten rm Sinne unseres Führers.

Reichsbundesleiter Albreghs, Berlin stellte seinen Ausführungen voraus, daß wohl die wenigsten der hörenden Volksgenossen sich einen Begriff davon machen könnten, wie schwer es für die Gehörlosen sei, sich zu behaupten. Aber trotz aller Schwierigkeiten hätte der Gehörlose den Glauben an das Leben nicht verloren. Ja, er stehe heute als Kämpfer im Leben, so wie jeder andere Volksgenosse. Er wolle auch nicht Mitleid ober gar Erbarmen, sondern lediglich Verständnis. Die Ge­hörlosigkeit sei nur ein äußeres Gebrechen, das keinerlei Vorurteil rechtfertige. Der Gehörlose liebe sein Vaterland, sein Volk, seine eigenen Kinder ebenso wie jeder andere Volksgenosse. Als bekannt müsse vorausgesetzt werden dürfen, daß die Gehör­losen mM ausgezeichnete Arbeiter seien. Sie könn­ten sich ganz auf ihre Tätigkeit konzentrieren. So seien unter den Gehörlosen viele hervorragende Handwerker, Kaufleute, Schriftsteller usw. Viele der Gehörlosen trügen eine heiße Liebe zum Vaterland in sich. Mancher sei unter ihnen, der das Goldene Ehrenzeichen der Partei mit berechtigtem Stolz tragen könne.

Der Führer sehe die Gehörlosen als wertvolle Volksgenossen an und habe ihnen durch die NSV. eine wirkungsvolle Betreuung angedeihen lassen. Seit 1933 sei für die Gehörlosen viel geschehen. Das gehe schon allein aus der Tatsache hervor, daß vor 1933 fast 95 v. H. der Gehörlosen ohne Arbeit gewesen seien. Heute seien nur noch 3 bis 5 v. H. ohne Beschäftigung.

In seinen weiteren Darlegungen sprach der Red­ner in markanten Sätzen über die Gegenwart, über bps Dritte Reich und über die großen Aufgaben in der deutschen Zukunft. Er schloß mit dem Be­kenntnis zum Führer und erklärte, daß auch die Gehörlosen jederzeit zum Einsatz mit Gut und Blut bereitstünden. Nachdem der Gefallenen des Weltkriegs und des deutschen Freiheitskampfes für das Dritte Reich gedacht war, übergab der Reichs­oerbandsleiter dem Gaubund Hessen-Nassau die ver­liehene Fahne.

Die Teilnehmer folgten dem Redner mit gespann- ter Aufmerksamkeit. Die Aufnahme des gesproche­nen Wortes wurde ihnen dadurch möglich, daß der Mund des Sprechenden beleuchtet war, andererseits jedes gesprochene Wort durch Zeichensprache be­gleitet wurde. Ein Erlebnis besonderer Art und für den hörenden Teilnehmer dieser Versammlung von fast erschütternder Wirkung war die Wieder­gabe des Deutschlandliedes und des Horst-Wesiel- Liedes in der Zeichensprache.

Zur Ausgestaltung der Feier hatte sich unter der Leitung des Gefolgschaftsführers Ruppe l die Marine-Hitler-Jugend zur Verfügung gestellt, die durch ihr straffes Auftreten den Gehörlosen große Freude bereiteten.

Gottesdienst Kameradschastsabend.

In den Nachmittagsstunden fand in der Stadt­kirche ein Gottesdienst statt. Gegen 17 Uhr trafen alle wieder im Cafe Leib zu einem Kameradschafts­abend ein. Hier hatten sich bereits die Kegler be­tätigt, für deren Wettbewerb schöne Preise zur Ver­fügung standen. Die Musikkapelle Krengel gab dem kameradschaftlichen Zusammensein das Gepräge. Dabei zeigte sich, daß die Gehörlosen ein ausgezeich- netes Einfühlungsvermögen besitzen und zu den für sie nicht hörbaren Klängen der Musik sich sogar im Tanzen zu schwingen vermochten. Im Laufeder heiteren Stunden begrüßte Gaubundleiter Härdtner (Frankfurt a. M.) noch einmal alle Erschienenen und wünschte, daß die frohen Stunden ihnen allen eine schöne Erinnerung für die kommende Zeit wer­den mögen. Dann dankte er dem Reichsbundesleiter Albreghs (Berlin) für feine aufopfernde Tätig­keit für die Gehörlosen Deutschlands. Als Zeichen der treuen Gefolgschaft überreichte er ihm für die Mitglieder des Gaues eine schöne Holzschnitzerei als Geschenk. Der Reichsbundesleiter Albreghs dankte ergriffen. Gehörlose des> Turnvereins Frankfurt am Main zeigten einige Hebungen am Barren, Volkstänze wurden gezeigt und noch manche andere Unterhaltung geboten.

der Gemeinde zu leiten. Oberrevisor Schneid­müller von der Brandversicherungskammer Darmstadt und Kreisfeuerwehrführer Bouffier unterwiesen die Mannschaft der Pflichtfeuerwehr Ruttershausen eingehend in der Behandlung des neubeschafften Geräts. Die Gesamtzahl der im Kreis Gießen vorhandenen Kleinmotorspritzen ist damit auf 15 gestiegen.

In den Abendstunden des gleichen Tages wurde von dem Dezernenten für das Feuerlöschwesen des Kreisamts Gießen, Regierungsrat Dr. Fuhr, dis Bezirksmotorspritze Lollar probeweise nach Rutters­hausen alarmiert. Schon wenige Minuten nach fern­mündlicher Durchgabe der Brandmeldung an die Gemeinde Lollar rückte die Motorspritze mit Vor- spannkraftwagen. aus und konnte nach einigen wei­teren Minuten das angenommene Brandobjekt be­kämpfen. In der anschließenden Kritik brachte Wehrführer Schneidmüller zum Ausdruck, daß die erstmalige Alarmierung der Bezirksmotor­spritze unter Benutzung der kürzlich fertiggestellten stillen Alarmanlage in Lollar den Beweis erbracht habe, daß es im Ernstfall künftig möglich sein wird, innerhalb kürzester Frist an jeder Stelle des Kreises Gießen eine oder mehrere Motorspritzen mit ge­schulten Bedienungsmannschaften einzusetzen.

Krofdorf-Gleibergs Haushalt für 1938

0 Krofdorf-Gleiberg, 12.Sept. Erfreu­licherweise haben auch unsere ländlichen Gemeinden seit der Machtübernahme eine starke finanzielle Ge­sundung erfahren. Das zeigt auch der Haus­haltsplan von Krofdorf-Gleiberg für 1 9 3 8, der im ordentlichen Haushalt in Einnahme und Ausgabe mit 165 885 Mk. und im außerordent­lichen Haushalt in Einnahme und Ausgabe mit 28 301 Mk. abschließt. Im einzelnen sei u. a. folgen­des hervorgehoben: Vorgesehen ist für die allge­meine Verwaltung eine Ausgabe von 12 400 Mk., eine Einnahme von 2400 Mark. Ausgaben für das Polizeiwesen 4670 Mark. Die mit der Pensionierung von Polizeihauptwachtmeister Langsdorf freigewor­dene hauptamtliche Polizeibeamtenstelle bleibt un­besetzt. Den 20 234 Mark Ausgaben für das Schul­wesen stehen 7215 Mk. Einnahme gegenüber. Ver­anschlagt für das Wohlfahrtswesen sind 26 990 Mk. Davon entfallen auf die öffentliche Fürsorge 8000 Mk. (im Vorjahre noch 11 200 Mk ), Zuschuß für die HI. 600 Mk., Kindergarten 600 Mk., NS.- Schwesternstation 2400 Mk., Zuführung an den außerordentlichen Haushalt für den Bau des HJ- Heimes 13 000 Mk., restliche Baukosten 2650 Mark. Die Einnahme für das KapitelWohlfahrt" ist mit 4000 Mk. vorgesehen. Die Straße von Krofdorf nach Gleiberg, die gegenwärtig eine neue Decke erhält, soll mit Randsteinen besetzt werden, wofür 4000 Mk. bereitstehen. Für Bachregulierung und Uferschutz sind 600 Mark eingesetzt. In der Zuchttierhaltung stehen 4600 Mk. Ausgaben 4305 Mk. Einnahmen gegenüber. Die Kosten für Straßenbeleuchtung find veranschlagt mit 3250 Mk., für das Feuerlöschwesen mit 3260 Mk. (darunter 3000 Mk. für Beschaffung von Feuerlöschgeräten). Unter den 4120 Mk. für den Friedhof befinden sich 3000 Mk. für den Bau des ' Kriegerdenkmals. Zur weiteren Vervollständi­gung des dörflichen Kanalnetzes sind 4000 Mk. für Kanalisierung der Gießener Straße vorgesehen. Vorgesehene Einnahmen aus Kanalgebühren 2000 Mark. Die durch Einnahme von Wassergeld zu deckenden Ausgaben für die Wasserleitung betragen 9450 Mark. Veranschlagte Einnahmen aus dem Grundvermögen: Miete aus Gemeindewohnhäusern 3000 Mk., Pacht aus Gemeindegrundstücken 650 Mk., Einnahmen aus der Forstnutzung 33 600 Mk., Ver- kauf von Obst und Gras 1800 Mk., Jagdpacht 1200 Mk., Wildschaden 800 Mark. Ausgaben: für Ge- meindewohnhäuser und Grundstücke 7110 Mk.. für Waldungen 19 590 Mk. und Wildschaden 700 Mark. Veranschlagtes Steueraufkommen: Anteile an den Reichssteuerüberweisungen 5195 Mk., Grundsteuer für land- und forstwirtschaftliche Betriebe '28 044 Mark, Grundsteuer für die Grundstücke 15 516 Mk., Gewerbesteuer nach Ertrag und Kapital 6000 Mk., Burgersteuer 10 000 Mark. Umlage an den Kreis 22 000 Mk. und Anteil an den Zweckverbandskosten

Kannst du zurück, Dm?

Roman von Hedda Lindner.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berkin W35.

12. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Das war Pech. Aber du brauchst es nicht so tragisch zu nehmen; so was kommt vor jeder Ehe mal vor." Er beruhigte sich sichtlich; wenn es so lag, ließ sich das wieder einrenfen.

Du irrst, Vater", sagte Dore nun energisch.Ich bin nicht eifersüchtig. Wäre ich es, würde ich Rudolf nicht aufgeben. Das Zusammentreffen war mir peinlich, weiter nichts."

Das ist schlimm", Bertram drehte nervös seinen Kneifer,sehr schlimm." Er wußte nicht allzuviel von Frauen, aber daß dieser Fall -hoffnungslos war, ging ihm doch allmählich auf.

Wie benahm er sich bei der Eröffnung?"

Wie der kleine Mann, der er im Grunde ist.

Es traf mehr seine Eitelkeit als fein Herz."

Wenn du so liebenswürdig über ihn urteilst, verstehe ich allerdings nicht, warum du dich erst Mit ihm verlobt hast?"

Der Vorwurf saß. Dore senkte den Kopf.

Ich verstehe es selbst nicht mehr."

Und was soll nun werden?" fragte der Vater nach einer Pause.

Ich will etwas Ernsthaftes lernen, etwas, was Mich wirklich in Anspruch nimmt."

Du hast das doch wahrhaftig nicht nötig."

Doch, Vater. Ich habe es nötig. Sehr nötig sogar. Wenn ich eine Tätigkeit gehabt hätte, die mich ausfüllt, wäre ich nie auf den unglücklichen Gedanken dieser Verlobung gekommen."

Ich glaubte dich mit deinem Leben hier zu­frieden!"

War ich auch. Jahrelang. Aber bann ..." Sie stockte.Jetzt mochte ich erst mal fort", vollendete sie hastig.

Wird wohl nichts anderes übrig bleiben, nach­dem du dir den Scherz der Entlobung erlaubt hast." Man merkte trotz aller Beherrschung, daß Bertram innerlich tief empört mar.Ich nehme an, daß du auch darüber bereits entschieden hast?"

Nur vorläufig. Ich habe bei Tante Elfriede an» gefragt, ob sie mich aufnehmen kann."

Auch das noch!"

Sei nicht ungerecht, Vater!" bat Dore.Du weißt, daß Mutter fehr große Stücke auf Tante Elfriede hielt."

Weil sie nun mal ihre einzige Schwester war." Nicht nur darum sondern weil sie ein tap­ferer und wertvoller Mensch ist. Das hat Mutter mir oft gesagt."

Bertram zuckte brummig die Achseln.

Du hast ja entschieden. - Also ist meine Ansicht überflüssig."

Dore biß die Zähne zusammen. Sie fühlte, daß ihre Nerven nachgaben.

Mach es mir doch nicht so schwer, Vater. Ich kann nicht anders handeln, und ich wünschte so, daß du mich verstehst."

Bertram sah seine Tochter an. Diesen Zug kannte er. Wenn Irene dieses Gesicht machte, war nichts imstande gewesen, ihren einmal gefaßten Entschluß umzuwerfen, und Dore war ihre Tochter. Nie war die Aehnlichkeit mit der Mutter so ijeroorgetreten ryie in diesem Augenblick.

Daß ich dich verstehe, das kannst du nicht ver­langen von mir. Meiner Ansicht nach hätte die Ehe mit Niemeyer das Glück für dich bedeutet. Aber du mußt wissen, was du tust, du bist alt genug dazu. Also gehe deinen Weg, und ich wünsche dir von Herzen, daß es das Richtige ist."

Ich danke dir, Vater", sagte Dore und verließ das Zimmer.

Damenhüte Elfriede Reichert", stand in matt- silbernen Buchstaben auf dem schwarzen Firmen- child. Ein Hutsalon in einer Seitenstraße des Kur- ürftenbamms ist eine häufige und keineswegs eine besondere Angelegenheit.

Dennoch war Elfriede Reichert unbestreitbar eine besondere, durchaus nicht alltägliche Frau.

Sie verstand es, ihrem Geschäft eineAtmosphäre" zu verleihen. Längst nicht jeder Modesalon hat eine Atmosphäre, und längst nicht jede Frau empfindet sie. Aber hier war es so, daß die meisten Frauen, die anfangs nur durch Zufall in das Geschäft ge­raten waren, nachher ständige Kundinnen wurden, obwohl ihnen oder vielleicht gerade weil bei aller Höflichkeit in keiner Weise geschmeichelt wurde. Sie wurden ernsthaft beraten, und wenn Frau Reichert sie wurde Frau genannt; ob sie ver­heiratet gewesen, wußte fein Mensch nach ein­gehender Musterung erklärte:Der Hut steht Ihnen, gnädige Frau", dann war tatsächlich dieser Hut auch das Kleidsamste, was die jeweilige Mode für die Trägerin bringen konnte.

Die Damen kauften gerne dort, weil der vor­nehme Geschmack der Inhaberin ihnen zusagte. So konnte Elfriede Reichert schon seit Jahren sorgenfrei und sogar in einem gewissen Luxus leben; nicht

einmal die Wirtschaftskrise vermochte den Gang ihres Geschäftes wesentlich zu beeinflussen.

Dies also war die Frau, die jetzt auf dem Bahn­steig in Charlottenburg stand, um ihre Nichte in Empfang zu nehmen.

Hallo, Dore, freut mich, daß du mich besuchst", begrüßte sie die Ankommende.Ich bin zwar aus deinem Telegramm nicht recht klug geworden, aber daß die Grünhager Lust dir augenblicklich nicht be­kömmlich scheint, habe ich doch begriffen."

Fabelhaft, wie du wieder au?siehst, Tante El­friede!" sagte Dore statt einer direkten Antwort. Wenn man denkt, daß du ..."

Stop!" unterbrach ihre Tante sie lachend.Soll­test du die Absicht haben, mir mein ehrwürdiges Alter nachzurechnen, so laß dir gesagt sein, daß ich bereits seit fünf Jahren rückwärts zähle."

Kannst du auch, wirklich. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich glatt in dich verlieben."

,Hst zwar Unsinn, was du da redest, aber man hört's doch ganz gerne."

Elfriede schob ihren Arm in den der Nichte.Und nun gib deinen Gepäckschein, sonst wird zu Haus der Kaffee falt."

Vor dem Bahnhof ging sie auf pin graues Ka­briolett zu und öffnete einladend die Tür.

Bitte, steig ein!"

Du hast einen Wagen? Das ist ja herrlich!" rief Dore begeistert.

Seit einem Jahr. Da sieht man, wie lange wir uns nicht gesehen haben."

Dore empfand den leisen Vorwurf.

Ich wollte immer fommen, aber bann hatte ich mich verlobt, und da wurde es nichts", entschuldigte sie sich.

Und dein Vater hat dir sicher nicht zugeredet", es sollte spöttisch flingen, aber es lag doch mehr Bitterfeit darin als Spott.

Du tust Vater unrecht", begütigte Dore,er er» fennt deine Tüchtigfeit sehr an."

Und fann mich im übrigen nicht ausstehen", ant­wortete die Tante fühl, während sie gewandt den Wagen durch den Verkehr des Bahnhofsplatzes steuerte.Nein, liebes Kind, gib dir feine Mühe! Das weiß ich nun zu genau. Daß sich die Tochter des Majors a. D. Reichert mit ihren paar Groschen lieber selbständig machte, statt zu Hause geduldig auf den Mann zu warten, bas hat er in bald dreißig Jahren noch nicht verwunden und erst recht nicht begriffen. Und ich weiß, daß deine Mutter die Verbindung mit mir regelrecht erkämpfen mußte. Daß sie es getan hat, war mit das Beste, was ich im Leben gehabt habe. Aber wir wollen nicht sen­timental werden", fuhr sie in leichterem Ton fort,

-/dein Vater ist nun einmal in einer Zeit geblieben, in der eine alte Jungfer höchstens einen Mops oder einen Kanarienvogel haben durfte und fein Auto. Wie gefällt dir übrigens der Wagen?"

Fein!" Dore war froh über die Ablenfung.Ich habe auch inzwischen meinen Führerschein gemacht", berichtete sie.

Ist die Möglichkeit! Sollte der gute Wilhelm sich tatsächlich so geändert haben? Damals, als Orivius es gern wollte, fand er es doch noch im höchsten Grade un weiblich."

Das war damals, aber schließlich bleibt auch in Grunhagen die Zeit nicht stehen. Ausschlaggebend war wohl, daß Doktor Niemeyer feinen Wunsch un­terstützte er hat selbst einen Wagen", setzte sie etwas zögernd hinzu.

Das ist der Mann, mit dem du verlobt bist?"

Nicht mehr."

So etwas dachte ich mir schon, als du deine plötzliche Ankunft meldetest." Sie sprach nicht wei- ter; denn sie waren angelangt.

»Pack nur einstweilen aus, ich bringe den Wagen noch rasch in die Garage", ordnete die Tante an. Dann trinken wir in Ruhe zusammen Kaffee."

Das hübsche, kleine Gastzimmer war von früheren Besuchen her ihr vertraut, auch das Mädchen, das beim Auspacken half, war schon seit Jahren im Haus.

"Was haben gnädige Frau zu unserem Wagen gesagt?" fragte sie voller Stolz.

Fabelhaft, Liesbeth. Ich war mehr als über­rascht. Tante hat nie etwas davon geschrieben."

Sie brauchte ihn aber auch", erklärte Liesbeth nachdrücklich.Wenn man hier so mitten in der Stadt sitzen muß wegen des Geschäfts, dann muß man wenigstens abends noch mal Luft schnappen können. Darum haben wir jetzt auch ein kleines Wochenendhaus am Crampnitzsee, und Samstag übernachten wir da, wenn gutes Wetter ist."

3ft ja großartig, Liesbeth! Hab ich da auch noch Platz?" 1

Es sind ja drei Zimmer. Wenn wir'n bißchen zusammenrücken, geht es", versicherte Liesbeth großmütig.Frau Reichert bat schon öfter Besuch draußen gehabt. Und wenn ich meinen freien Sonn­tag habe, komme ich sowieso nicht mit."

Nachher saßen Tante und Nichte am Kaffee- tflch- Elfriede plauderte von allem möglichen, nur nicht von dem, was Dore zu diesem unerwarteten Besuch veranlaßt hatte. Es war ihr Grundsatz, nie durch Fragen in ein Vertrauen einzudringen, son­dern zu warten, bis es ihr von selbst entgegen- gebracht wurde.

(Fortsetzung folgt!)