Seltersweg: .Hmmer nur .. .Du!". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Pedro soll hängen".
Briefsendungen an Kriegsgefangene im Nahen Osten.
Brief sendungen an deutsche Kriegsgefangene Im Nahen Osten, deren Anschrift noch nicht bekanntgegeben ist, sind mit folgenden Angaben zu versehen: „Prisoner of war, postal centre middle east Egypt“. Dies gilt auch dann, wenn Gefangene etwa nach anderen Teilen des britischen Reiches, wie Britisch-Jndien oder Australien weiterbefördert wor° den sind und ihre Anschrift noch nicht bekannt ist.
In das „Prisoner of war Information bureau, Wing house, 41 Piccadilly, London W 1", sind nur Briefsendungen an solche deutschen Kriegsgefangenen zu richten, die sich in Großbritannien befinden, ohne daß deren nähere Anschrift bekannt ist.
Jugendliche abends weg von der Straße!
In weiten Kreisen der Bevölkerung begegnet man immer wieder der Auffassung, daß auch Kinder und
Jugendliche bis 21 Uhr — das bedeutet in der jetzigen Jahreszeit nach Eintritt der Dunkelheit —< sich auf Straßen und Plätzen, in Anlagen ober sonstwo aufhalten dürfen. Diese Auffassung ist irrig. Endpunkt für den Aufenthalt für Kinder und Jugendliche ist jeweils die amtliche Verdunk^lungszeit, aber nicht 21 Uhr. Die Eltern, Erziehungsberechtigten und die Jugendlichen selbst haben die Pflicht, sich über den Eintritt der amtlichen DerdunkelungS' zeit zu unterrichten und auf die Innehaltung der Jugendschutzbestimmungen zu achten. Weiter soll« ten Jugendliche und Minderjährige sich mit einem Lichtbildausweis versehen, damit sie sich jederzeit ausweisen können und sich Schwierigkeiten ersparen«
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29/30 - 2/U.
Der Stadtwald als Mrtschasts- und Gesundheitsfaktor.
Große materielle und ideelle Werte für unsere Bevölkerung.
Aus der Giadt Gießen.
Herbstzauber in deutscher Dichtung.
Bon Werner Lenz.
Ist der Herbst nicht ein Maler, dessen Farbenspiel allell Nuancen des Regenbogens umfaßt? Vermag er nicht die prächtigsten Lichteffekte aus der belebten und unbelebten Kultur, aus Baum und Strauch, aus Stein und Himmel und Wolke heraus- zuholen und ein Spinnwebnetz in ein silbernes Brokatband, einen letzten gaukelnden Schmetterling in einen schwebenden Edelstein zu verwandeln?
Darum hat diese Jahreszeit, der neben herber Schwermut der Zauber quellender Lichtfülle und das Geheimnis befristeten Sterbens zugehört, so viele Künstler in ihren Bann geschlagen, daß sie ihr Zoll zahlen mußten — den Zoll inniger Be- wunderung! Nicht nur zahllose Maler haben die Wunderwelt des Herbstes gepriesen, nicht nur die Musiker haben das Adagio des vom Herbst berührten Herzens in Tönen ausströmen lassen. Auch der Poet hat mit seinem schlichten Werkzeug, dem Wort, das Phänomen dieser elegisch-heiteren Wochen, die zwischen dem goldenen Sommer und dem silbernen Winter wie eine Brillantenkette liegen, zu schildern gesucht als ein alljährlich immer wieder köstliches Erlebnis.
„Bunt schon sind die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt" hebt eine Idylle des Johann Gaudenz von Salis-Seewis an, das infolge seiner wahrhaften Stimmungsmalerei und kerndeutschen Auffassung volkstümlich geworden ist. Der leider allzu sehr vergessene Barockdichter Heinrich Brockes, Hamburger Ratsherr vor 200 Jahren, rühmt das herbstliche Schimmern der Tage, da sie kürzer, aber auch heller zu werden scheinen: „3m Herbste sieht man als Opalen / der Bäume bunte Blätter strahlen." Zwar vermißt man schon viel bunten Blumenflor, aber immer noch trägt die Welt ein strahlendes Gewand; Ferdinand Freiligrath singt: „Verblüht schon war die Rose, / die Nachtigall geflohn, / die ernste Herbstzeitlose / stand auf den Wiesen schon." Aber „wenn im Purpurschein, blinkt der Wilde Wein", wie es bei Rudolf Baumbach, dem Sänger der „ßinbenroirtin" heißt, dann geht doch auch schon ein Abschiedston durch die schlafbereite Natur unseres herben Nordens. In feinem „Waldgange im Herbste" läßt Robert Ha- merling weiche Molltöne erklingen: „Müdigkeit und herbstliche Trauer weht ins Herz mir der Genius der sinkenden Zeit. Doch er übergießt die Blüten des Lieds mir mit der Wehmut süßestem Schmelz." Dieser herbstlichen Schwermut konnte sich nicht einmal der starke, stolze Friedrich Nietzsche, dessen Lyrik noch allzu unbekannt ist, entziehen. Er bekennt: „Das ist der Herbst — der bricht mir noch das Herz!"
Und zwei Poeten, die ganz weit voneinander wohnten und doch den deutschen Herbst gleichartig erfaßten, sehen gerade das Graue des Herbstes als besten Charakteristikum an. Hermann Lingg, zu Lindau am Bodensee gebürtig, schuf diese Verse:
„Nun weicht er nicht mehr von der Erde, der graue Nebel unbewegt;
er deckt das Feld und deckt die Herde, den Wald und was im Wald sich regt. Er fällt des Nachts in schweren Tropfen durchs welke Laub vom Baum zu Baum, als wollten Elfengeister klopfen
den Sommer wach aus seinem Traum."
Und solchem Nebeltage am Bodensee entsprechen die herben Herbsttage Schleswig-Holsteins; Theodor Storm stimmt sein kurzes scheidemüdes Lied an:
„Ueber die Heide hallet mein Schritt; dumpf aus der Erde wandert es mit.
Herbst ist gekommen, Frühling ist weit — Gab es denn einmal selige Zeit?
Brauende Nebel geistern umher;
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer. Wär' ich hier nur nicht gegangen im Mai! Leben und Liebe — wie flog es vorbei!"
Eben der Gegensatz von Herbsterlebnis und Frühjahrserinnerung ist es, der das Herz des lebensgeneigten Menschen doppelt schwer macht bei aller Pracht des deutschen Herbstes. Friedrich Rückert stellt — wie zahlreiche andere Poeten — „Frühlingswonne, Herbstestrauer" wehmütig einander gegenüber; und fast vereinzelt nur sind so gemüts-
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Unser Stadtwald ist für die Gießener Bevölkerung und für viele Volksgenossen aus der Umgegend jahraus und jahrein das Ziel ihrer Erholungsspaziergänge. Für manche Betriebe ist er ein wertvoller Lieferant von Rohstoffen. Die große Bedeutung dieses städtischen Waldbesitzes wird besonders klar, wenn man ihn einmal von einer Seite betrachtet, die auf Spaziergängen nicht zutage tritt, sondern im Verwaltungszimmer an Hand von Akten und Karten zu sehen ist. Darüber haben wir uns mit dem Leiter des Forstamts Gießen, Oberforstmeister Lipp, dem auch die Betreuung des Gießener Stadtwaldes obliegt, unterhalten.
Wer auf einem Spaziergang etwa von der Bergschenke aus zur Theodorsruh und weiter durch den Wald in Richtung Leihgestern geht und dabei glaubt,' sein Gang führe ihn durch den Gießener Stadtwald, der kann von einem Wissenden darüber belehrt werden, daß er sich mit dieser Annahme in einem Irrtum befindet. Denn der gesamte Waldbezirk westlich der Landstraße Gießen— Schiffenberg ist hessischer Staatswald und nicht Gießener Waldbesitz. Der Gießener Stadtwald liegt vielmehr östlich uüd nordöstlich der Landstraße Gießen—Schiffenberg, d. h. er wird etwa umgrenzt von folgenden Richtpunkten: Landstraße von Gießen zum Schiffenberg, dann ostwärts am Waldrand entlang an Steinbach und Annerod vorbei bis zur Ganseburg, von dort nordwestlich in Richtung Rödgen und zurück zur Stadtgrenze; außerdem gehören zum Gießener Waldbesitz noch der frühere Wiesecker Wald und der Hangelstein. Der gesamte Gießener Stadtwald nimmt die stattliche Fläche von rund 1200 ha = 4800 Morgen ein. Er ist der größte Kommunalwald in Oberhessen, hinter dem die übrigen waldbesitzenden Gemeinden des Kreises Gießen mit ihren Forstgrößen weit zurückbleiben. Nur die Privatwaldungen der Familie von Nordeck zur Rabenau mit rund 1330 ha und die Fürstlich Solms- Lichschen Waldungen mit rund 1040 ha stehen ungefähr aus gleicher Linie mit dem Waldbesitz der Stadt Gießen. Bekanntlich hat auch der hessische Staat im Kreise Gießen erheblichen Waldbesitz.
Der Gießener Stadtwald ift in drei Gruppen eingeteilt: den „Große-n Stadtwald" (von der Schif- fenberger Landstraße bis in die Gegend von Annerod), den Fernewald (von Annerod bis Mr Ganseburg), und den Wiesecker Wald und Hangelstein. Unter der Leitung von Oberforstmeister Lipp wird der Gießener Waldbesitz von den Revierförstern Bechtold (Gießen), Brück (Rödgen), Becker (Steinbach) und Revierförsterstellvertreter Kegel (Wieseck) betreut. Die Bestandskarte des städtischen Waldes, auf der das Alter der Baumbestände der verschiedenen Schläge in Farben ersichtlich ist, zeigt ein recht buntes Bild. Im „Großen Stadtwald" ist der größte Teil der Baumbestände zwischen 100 und 120 Jahre alt, ein kleiner Teil des Bestandes zählt zwischen 120 und 140 Jahren, teilweise sogar noch über 140 Jahre alte Bäume auf. Die Bestände zwischen 60 und 80 Jahren und zwischen 80 bis 100
starke Betrachtungen über das Erlebnis des scheidenden Jahres wie diese Emanuel Geibels:
„Was mich süßer fast wie du, Lenz, erquickt und tränkt? Sonnenklare Herbstesruh, welche dein gedenkt!"
Häufiger sind schon reale Erwägungen über den Wert der Jahreszeiten; Friedrich von Logau schrieb dem Spender Herbst zum Lobe diese Zeilen: „Der Frühling ist zwar schön, doch wenn der Herbst nicht mär’, wär' zwar das Auge satt, der Magen aber leer!"
So vermag der Herbst durch seine Gaben ein wenig für das zu trösten, was er nimmt.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater 19.15 Uhr: „Prinz von Homburg". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Immer nur ... Du!". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Pedro soll hängen".
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 15.15 Uhr: „Der Etappenhase"; 19 bis 22.15 Uhr „Die Zauberflöte". — Gloria-Palast,
Jahren sind ungefähr gleich; ansehnliches Ausmaß haben auch die Schläge mit 40 bis 60 Jahre alten Bäumen, zu den jungen Beständen von 1 bis 40 Jahren zählen die Heranwachsenden Kulturen und Dickungen. Im Femewald ist der größte Teil der Bäume 60 bis 80 Jahre alt, ältere Bestände sind hier weniger vorhanden. Im Wiesecker Wald und Hangelstein finden wir wieder Baumbestände im Alter von 100 bis 140 Jahren, ferner eine Anzahl Schläge mit 60 bis 80 Jahre alten Bäumen, im übrigen auch wieder junge Kulturen und Dickungen. Der Art nach besteht der „Große Stadtwald" zum überwiegenden Teile aus Kiefern, denen in gewissem Abstande, der Menge nach, Buchen und Fichten folgen, während Eichen hier nur in einzelnen Beständen vorhanden sind. Der Fernewald besteht hauptsächlich aus Fichten, Eichen, Buchen und Kiefern sind in diesem Teil weniger zu finden. Im Wiesecker Wald und Hangelstein überwiegt der Bestand an Buchen, denen der Zahl nach Eichen, Fichten und Kiefern folgen.
Die Holznutzung aus dem gesamten städtischen Wasdbesitz beläuft sich im Durchschnitt jährlich auf rund 11 000 Festmeter. Durch Wind fall im vori gen Herbst wurden hauptsächlich die Fichtenbestände betroffen, wobei die Bäume entweder umgerissen oder angebrochen wurden. Daher ergibt sich für die nächsten Jahre die Notwendigkeit der Anlage zahlreicher neuer Fichtenkulturen. In normalen Jahren sind unter Leitung der Revierförster etwa 20 Waldkulturarbeiterinnen in den Revieren bei Pflanzarbei- ten tätig, während die Holzfällerarbeit in normalen Waldwirtschaftsjahren von etwa 100 Holzhauern geleistet wird. Zur Nutzung des Waldes gehört auch dessen Wildbestand, der in allen drei Waldgruppen erfreulicherweise recht gut ist. Im Stadtwald und im Fernewald besteht das Wild hauptsächlich aus Rehen, weniger aus Hasen, im Wiesecker Wald uni) Hangelstein dagegen befinden sich die Hasen im Vordergründe. Daneben liefert unser Stadtwald an sonstigen Nutzungen noch Steine, Kies und Sand aus den in städtischer Verwaltung befindlichen Stein- brächen und Gruben, sowohl für die Bedürfnisse der Stadt selbst als auch für die Einwohner der umliegenden Orte, ferner Gras und Grassamen von den Wegen und aus den jüngeren Kulturen, Zierbäumchen und Zierreisig für ©ärtnereibetnebe, Deckreisig für die gewerblichen und Privatgärten, Beeren unfb Pilze für die menschliche Ernährung und in ansehnlichem Ausmaß auch die kostenlose Leseholznutzung für zahlreiche Gießener Familien.
Der wirtschaftlichen Nutzbarmachung, aber auch der Kräftigung erholungsuchender Volksgenossen bei Spaziergängen dient ein sehr gut erhaltenes Wegenetz in allen Revieren des Waldes. Die Wege sind fast alle durchweg chauffiert, so daß Fuhrwerke und Fußgänger auch bet feuchtem Wetter immer noch gute Bewegungsmöglichkeiten inmitten des Waldes haben. Zahlreiche Wege sind mit Fußpfaden für die Spaziergänger ausgestattet, ferner find in den hauptsächlich von Ausflüglem und Wanderern besuchten Revieren gute Fußsteige vorhanden, so daß den Spaziergängern vielerlei Möglichkeiten
zur Erholung im Walde gegeben ««sind. Sa anerkennenswert die Vorsorge und die dauernde pflegliche Unterhaltung des Wegenetzes durch die Forstverwaltung sind, so sehr ist es zu verurteilen, daß Radfahrer und Reiter und Reiterinnen sich oft gar nicht daran kehren, daß das Radfahren und Reiten auf den Fußwegen verboten ist, sondern unbekümmert ihren Trab oder Galopp bzw. ihre flotte Radfahrt auf den Fußwegen zurücklegen. Er ist selbstverständlich, daß die forstpolizeilichen Or, aane derartige Verkehrssünder anhalten und zur Anzeige bringen, worauf dann ein Strafbefehl mit entsprechender Geldbuße nicht auf sich warten läßt. Und das mit Recht! Damit soll selbstverständlich der ordnungsmäßige Ausflugsverkehr von Radlern uni) Reitern in unserem Stadtwald in keiner Weise be« hindert werden, im Interesse der Fußgänger muß er sich aber auf die Verkehrswege beschränken, die für iyn freigegeben sind. Für die Aufstellung und Unterhaltung von Ruhebänken und Schutzhütten an den Spaziergängerwegen wie auch an den größeren Ruheplätzen, z. B. an den Brunnenanlagen, hat die Forstverwaltung alljährlich ansehnliche Geldmittel aufgewandt. Lewer hat sie — und mit ihr alle ge« meinnützig gesinnten Volksgenossen — auch in dieser Hinsicht oft die Feststellung machen müssen, daß zerstörungslustige Elemente an diesen für die All« gemeinheit geschaffenen Anlagen immer wieder ihr verwerfliches Treiben ausüben. Umgestürzte oder zerschlagene Ruhebänke sind die Kennzeichen des Wütens derartiger übler Burschen. Ebenso verurteilenswert ist es auch, daß immer wieder Men« schen beim verbotenen Rauchen in unseren schönen Waldungen oder beim disziplinlosen Fortwerfen von Brotpapieren, Eierschalen usw. an den Rastplätzen zu beobachten sind. Solche Besucher unseres Stadtwaldes, nicht nur die Zerstörer von Bänken und Schutzhütten allein, sieht der Forstmann als Schätz« ling unseres herrlichen Forstes an. Daher läßt dis Forstpolizei auch keine Rücksichtnahme gelten, wenn sie derartige Sünder erwischt, und sie rechnet immer auf die verständnisvolle Mithilfe aller disziplinierten und einsichtigen Volksgenossen bei der Feststellung und gerechten Strafverfolgung solcher Menschen, dis sich an unserem schönen Walde versündigen. Dazu gehört auch die unnötige Beunruhigung des Wildes» das als wertvolles Volksgut dringend des Schutzes aller Naturfreunde bedarf.
Es gibt nicht allM viele Städte in unserem schönen Vaterlande, die wie unser Gemeinwesen sich eines so großen und schönen Waldbesitzes mit seinen vielfältigen Auswirkungen in wirtschaftlicher und gesundheitlicher Hinsicht erfreuen können. Ein so wertvoller Besitz verpflichtet alle Volksgenossen, ihn in der rechten Weise zu nutzen und mit zn hegen. Die Forstverwaltung tut alles, um unserer Gemeinschaft diesen schönen Besitz als kostbares Erbe von unseren Vorfahren zu erhalten und immer weiter auszubauen. Möge sie dabei stets die verständnisvolle Unterstützung der Bevölkerung von Gießen und Umgegend finden, die sich dadurch unserem Stadtwald dankbar erweisen kann für die großen Vorteile, die alle von ihm haben. B.
MöreiWroongMÜtt
Nomon von -Sjorlt Aiernokh
2tz. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Wissen S', Herr Doktor", gestand Kathi und rumpelte mit ihrem Geständnis aus dem Gleise hinaus, in das Hellwang dieses Gespräch zu leiten beabsichtigt hatte, „mir ist's noch immer wie ein Traum. I mein’ allweil, sie müßte jeden Augenblick ihre spitzige Gosch'n zur Tür 'reinstecken und..."
„Also — das ist jetzt vorbei!" siel Hellwang ihr scharf ins Wort; „aber ich frage mich nur, wie die Geschichte nun eigentlich weitergehen soll? Nehme ich einen neuen Menschen ins Haus, dann haben wir unter Umständen nach kurzer Zeit genau denselben Salat wie heute..."
„Des fimmt ganz drauf an!" meinte Kathi störrisch
„Schöne Aussichten!" knurrte Hellwang erbittert. „Ist das alles, was Sie mir vorschlagen können und was Sie mir zu sagen haben?"
Kathi setzte ihr gewinnendes Lächeln auf, ihre Stimme wurde betörend liebenswürdig: „Ich mein', Herr Doktor, wir probierens halt amal aus, wie die Geschieht' gehen tut, wenn i allein die Wirtschaft übernehm'..."
„Die Wirtschaft, Kathi? Es ist ja nicht nur die Wirtschaft! Die Wirtschaft haben Sie ja auch so lange selbständig geführt Was mir Sorgen macht, sind die Kinder. Es muß doch jemand hier sein, der sich um sie kümmert, der sie beauftichtigt, der sie zum Arbeiten anhält..
„Vorläufig sind amal Ferien!"
„Nun ja, aber wie lange noch!"
„Eineinhalb Monat! Und bann, Herr Doktor: blöd wann die Fratz'n warn, saget i ja auch net nein, daß sie eine Aufsicht bräuchten. Aber wo's so gescheite, fast zu gescheite Kinder sind, mein' ich, da wird in der Schul' scho nix sehln. Die gnä Frau hat ja mit ihnen auch nicht allweil z'sammengehockt und Obacht gegeben, Daß sie lernen. Und es ist auch gegangen. Und Manieren? O mei* — dees sag i Ecchna: 's Fräulein Zögling hat sich auch in der Nas'n gebohrt, wann s' gemeint hat, daß ’s toaner net siecht. Aber ich hab's g'sehn! Mehra als einmal!"
Hellwang biß sich auf die Lippen. „Ich glaube, Kathi, wir reden aneinander vorbei", murmelte er schwach.
„Also, probieren wir*s mal, Herr Doktor", schloß Kathi unerschütterlich, „und gehfs nicht, gut, dann muß ma’ halt noch a Roß einspannen. Vorläufig ziag i amal den Karrn alloa ..."
„In Gottes Namen!" seufzte Hellwang; es war eine Einwilligung mit Vorbehalten. Aber gerade diese Vorbehalte wurden zu Kathis stärkster Waffe. Wenn die Kinder nicht parierten, wenn sie glaubten, sich jetzt alles erlauben zu dürfen, dämpfte Kathi im Handumdrehen ihren Uebermut mit der Bemerkung, man werde sich ja nun wohl doch nach einem neuen Fräulein Zögling umsehen müssen. Das wirkte großartig.
An diesem Abend lagen die beiden Mädel in ihren Betten noch lange wispernd wach. War es Wirklichkeit geworden, daß die Sieglinda nicht mehr im Hause war? Sie konnten es noch nicht recht fassen. Es erschien ihnen unwahrscheinlich, daß ein paar Tropfen farblosen Lacks solch eine ungeheure Wirkung gehabt hatten. Wie eine Sprengpatrone!
Lydia lag ganz still in ihrem Bett, sie starrte in die Dunkelheit hinein. „Du, Britta", flüsterte sie, „weißt noch, was wir vorgestern geredet haben?"
„Mei, wir haben viel gerebt..."
„Das schon — aber vom Beten mein’ ich."'
„Ja, ich besinn' mich. Daß d' nicht mehr beten tust, hast zu mir gesagt."
Lydia knisterte ein Weilchen mit ihren Kissen. „Du, Britta .. ", pochte sie an.
„Ja, was is?" —
„Du, weißt — ich bef wieder..." '
Britta rührte sich nicht und blieb stumm.
„Aber nicht zum lieben Gott", fuhr Lydia flüsternd fort, „das hilft doch nix. Weißt, zu wem ich beten tu?"
„Ha...?" fragte Britta und drehte sich zur Seite, um durch die Dunkelheit hindurch einen Schimmer von Lydias Gesicht wahrzunehmen, „zu wem betest also?"
„Zur Luisa...", wisperte Lydia hinüber, „du, ich sag' dir, die hilft fei großartig... Gestern vorm Schlafengehen hab' ich zu ihr gebetet: Liebe Luisa, hilf, daß die Sieglinda sich den Lack ins Haar schmiert und vor Wut narrisch wird und auf und davon geht. Na, und? Hat sie geholfen oder nicht?"
Britta kuschelte sich in die Steppdecke. „Ja mei, die Luisa..." flüsterte sie schläfrig und zärtlich, „die Luisa... freilich ... daran hätten wir längst denken sollen, gleich von Anfang an ..." Sie seufzte tief auf und schloß die müden Augen.
Hellwang vergrub sich in den nächsten Tagen in seinem Zimmer. Kaum, daß er zu den Mahlzeiten herunterkam. Bei Tisch war er schweigsam und reizbar. Die Kinder kannten diesen Zustand schon von ftüher her. Wenn Söhnchen ins Schwatzen kam, kriegte er von Britta oder Lydia einen warnenden Stoß: „Pst, sei stad, der Konni is im Endspurt ..." Und Söhnchen hielt gehorsam den Mund und schlich auf Zehenspitzen aus dem Hause. Danach, wie Kathi und die Mädel Hellwang behandelten, schien Endspurt eine Krankheit zu sein, schlimmer als Masern oder Mumps. Drei Wochen lang hielt sie das Haus in Atemlosigkeit. In den letzten Julitagen endlich setzte Hellwang den Schlußstrich unter sein Buch und schickte das Manuskript Vollerthun zu. Damit löste sich aber die Spannung noch lange nicht. Im Gegenteil, sie klomm auf den Mpfel.
Denn nun folgten ein paar Tage, in denen Hell- roang stundenlang im Fenster lag ober am Gartentor stand und airf den Briefträger lauerte; Tage, in denen er Vollerthun grundlos mit ungeduldigen und vorwurfsvollen Briefen bombardierte, nun endlich etwas von sich hören zu lassen oder ihm wenigstens die Asche seines Manuskripts zurückzuschicken. Und bann traf endlich der erwartete Brief ein, in dem unverkennbaren leuchtenden, safrangelben Umschlag des Vollerthun-Verlages. Vollerthun äußerte sich begeistert und voller Zuversicht für den Erfolg des Buches. Er teilte Hellwang mit, daß er sich bereits vor einigen Wochen, bald nach feinem Besuch irt Greifsing, mit dem Vertreter eines amerikanischen Verlages in Verbindung gesetzt hätte und die Antwort an Hellwang nur darum so lange hinaus- gezögert habe, um auch dessen Urteil über die Aussichten einer Uebersetzung zu hören. Nun könne er Hellwang die freudige Ueberraschung machen, daß gleichzeitig mit der deutschen Ausgabe des Buches auch eine amerikanische in sehr hoher Auflage herauskommen würde. In Anbetracht Der guten Witterung, die man „drüben" für lohnende Geschäfte habe, sei nicht anzunehmen, daß der amerikanische Verlag sich mit einem Ladenhüter behängen werde.
Hellwang durfte zufrieden sein. »Lorbeer für fremde Fahnen" schien ein Erfolg zu werden. Ein Erfolg in jeder Hinsicht. Und der materielle Erfolg war sehr nötig, denn bas letzte Jahr hatte mäch« tige Löcher in die Kasse gerissen. Hellwang atmete auch befreit auf; aber das große Glücksgefühl blieb aus.
Die Kinder drückten sich im Eßzimmer die Nasen an den Fensterscheiben platt. Sie beobachteten ihn gespannt, wie er den Gartenweg heraufkam.
„Du, ich glaub', es ist nixen , sagte Lydia enttäuscht.
„Grad schleichen tut er, der Konni", stellte Britta bekümmert fest. Sie wagten ihn nicht anzusehen, als er ins Zimmer trat; sie wollten sich still an ihm vorbeistehlen, um Kathi, die ja auch schon von dem Warten ganz nervös geworten war, die Hiobsbotschaft zu überbringen ...
„Also Onkel Vollerthun schreibt, das neue Buch würde ein großer Erfolg werden", sagte Hellwang und schwenkte den Brief' matt in der Hand.
„Was!" schrien die Kinder auf. Und ba machte er ein Gesicht wie die Katz', wenn sie donnern hört?
„Du, ich glaub' fast", sagte Lydia laut und empört, „er hat sich vor der Siegesfeier drücken wollen, der Konni!"
Nein, nein, die „Siegesfeier" fand selbstverständlich statt. Nach dem Essen putzte Kathi die Kinder heraus. Sie schnitt im Garden Rosen und Nelken und legte vier Sträuße in den Wagen, die sollten sie auf Luisas Grab legen, denn auch Luisa sollte an diesem Tage eine Freude haben. Sie trippelten in einer. Reihe neben Hellwang durch die Hügelreihen des Waldfriedhofs und legten die Blumen unter dem rötlichen Granitblock nieder. Söhnchen war gänzlich unfeierlich; die Luisa war doch im Himmel, wie konnte sie da also unter diesem Stein schlafen? Die Mädel taten es Hellwang nach und starrten ernst auf den Hügel, den der Efeu langsam einzuranken begann. Aber zuweilen schauten sie sich heimlich an und lächelten sich zu, als wüßten sie es besser als ihr Vater. Denn'in'ihrem Herzen leuchtete ein Licht und ein Glanz von der fröhlichen Gewißheit, daß dieser Hügel Luisa nicht ganz umfangen hielt, sondern daß etwas von ihr immer bei ihnen stand und immer bei ihnen stehen würde, daheim und überall.
(Fortsetzung folgt.)


