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Hr.72 Zweites Blatt

Fortsetzung.

(Nachdruck verboten.)

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Peter Theiß erwies sich als ein Muster an Hilfs- direitfchaft, und es war erstaunlich, wo er überall bbrauchbare Beziehungen hatte. Jedenfalls brachte er es ohne sonderliche Mühe fertig, Jockeles fragwür- biqes Dasein amtlich beglaubigen zu lassen. Er ver- biochte zwei Vormittage mit Charlotte und Iockele ir polizeilichen und sonstigen Amtszimmern, er testete Wunder an Beredtsamkeit, rührte auch dre biiteften Beamtengemüter durch die Darstellung vin Jockeles traurigem Los, und nachdem auch tarierte von den zuständigen Fürsorgestellen als geeignet befunden worden war, Iockele einstweilen in Pflege zu nehmen, halte sie es schwarz auf weiß, dcß sie an ihm Mutterstelle vertreten durfte bis bi richtige Mutter sich wieder einfand.

sie würde sich nie einfinden! Charlotte klammerte fit» an diese Ueberzeugung. Sie hatte Iockele cr= !trnpft und würde ihn behalten, ihn niemals mehr s ggeben, ihn keinem anvertrauen.

.Abwarten -und Tee trinken!" sagte Peter.Sie »Tben noch Scherereien haben und Tränen ver- nfken des Jungen wegen. Die Frau Mama taucht fip-es Tages aus der Versenkung auf! Verlassen eie le- daraus? Und wenn es nur geschieht, um sich den -ungen von Ihnen abkaufen zu lassen."

I .Don mir abkaufen? Ich habe doch kem Geld!

.Das hofft sie aber' Und wenn Sie ihr erzählen, G dis hätten nichts, dann wird sie Ihnen so lange zu- ff l?t-en, bis Sie sich's von Ihrem Vater borgen. Mhrten Sie ab und denken Sie an meine prophe- lfhen Worte!"

Lharlotte mochte nicht an sie denken und tröstete Id damit, daß Iockele einstweilen wenigstens ihr klärte und keinem anderen.

Sonderbarerweise wich Peter ihr beständig aus, »inn sie ihn drängte, ihr Näheres über hie Stellung | in sagen, die er für sie in Aussicht hatte. Sie be- Mm höchstens nichtssagende Antworten oder er u iig)te und meinte, daß sie nochAugen. machen 4 >nde. Was ihn betreffe, fo wasche er schon jetzt

Aus der Stadl Gießen.

Unsere Heilpflanzen.

Die Wahl heimischer Heilpflanzen als Abzeichen der letzten Winterhilfe-Straßensammlung ist ein chöirer, sinnfälliger Ausdruck für die hohe Wert- ichätzung, deren sich unsere deutschen Heilkräuter :it zunehmendem Maße wieder erfreuen, nachdem >'ie lange Zeit hindurch alsVolksmedizin" ein von iier Wissenschaft gering geachtetes Dasein geführt haben. Das Volk verdankt die Kenntnis der Heil­wirkung gewisser Kräuter und Pflanzen einer viele .Jahrhunderte alten Überlieferung, die durch Er­fahrung ständig bestätigt und bereichert worden ist. Als sich bei den Naturvölkern die Anschauung vom Wesen der Krankheit vom Dämonenglauben zu Öfen begann und man natürliche Ursachen der Krankheit erkannte, bot die Natur dem Menschen n Gestalt der ihn umgebenden Pflanzen sogleich Heilmittel gegen die verschiedenen Erkrankungen an. Teils Zufall, teils bewußtes Suchen und Forschen nögen den Menschen zuerst über die wohltätige Wirkung vieler Pflanzen belehrt haben, vielleicht hat ihm auch die Beobachtung der Dere, mit denen n unvergleichlich enger zusammenlebte als wir, und ihres Verhaltens bei Verletzungen und Erkrankun­gen auf den richtigen Weg geführt. Eine Anzahl mtifer Sagen und Fabeln berichtet von der Auf- 'indung gewisser Heilkräfte in Pflanzen durch das Beispiel von Tieren, die sich, rein ihrem Instinkt olgend, ihrer bedienten.

Außer Aderlaß, Schröpfen unit) einigen ähnlichen Mitteln, neben denen auch immer noch Besprechun­gen und Beschwörungen standen, beruhte die antike intb mittelalterliche Heilkunde zum überwiegenden Teil in der Anwendung heilkräftiger Pflanzen, und selbst die moderne wissenschaftliche Medizin bleibt letzten Endes an die Stoffe gebunden, die die Na- ur ihr selber darbietet. Doch hat in neuerer Zeit Sie Chemie es gelernt, die Heilstoffe aus der Pflanze, vem Tierkörper oder wo sonst sie sich bieten, aus- uziehen, zu Drogen zu verarbeiten und in un- iähligen Formen anzubieten, während daneben die Volksmedizin dem ursprünglichen Gebrauch der gan- en Pflanze in der Form einfacher Abkochungen, Verreibungen und ähnlichem treugeblieben ist.

Manche alten Völker haben es in der Kenntnis t;er Heilpflanzen erstaunlich weit gebracht. Das be­weist j$. B. derPen-tsao", ein medizinisches Kräu- erlmch de r Ch inesen, das um 2700 v. Ehr. ab ge­atzt wurde und manche Stoffe aufzählt, die auch tt der europäischen Heilkunde bekannt sind, wie den Rhabarber, die Granatwurzel, Kampfer und Akonit. Sei den Griechen finden wir die Kenntnis der Heil- 'räfte gewisser Pflanzen schon bei Homer, der in der Mias die blutstillende Wirkung einiger gepulverter Kräuter beschreibt. In den griechischen Aerzteschulen on Rhodos, Kos und Knidos wurde neben Anato- rtie, Gynäkologie und anderen medizinischen Fächern uch eine ausgedehnte Kenntnis der Heilpflanzen gelehrt. Wie hochentwickelt diese Lehre im 5. vor- c>ristlichen Jahrhundert war, zeigt die Schriften- immlung, die auf den Namen des Hippokrates ^.irückgeht, und fast noch mehr die der gleichzeitigen 5-nidischen Schule, die außer aus griechischem Boden ?wachsene Pflanzen auch ägyptische und indische verzeichnet. Aus der Blütezeit des antiken Rom ist < vor allem der ältere Plinius, der uns im 20. bis "7. Buch seiner sicbenunddreißigbändigen Naturge- hichte das Wissen seiner Zeit über die Heilpflanzen termibreit, wobei er sowohl aus älteren Schrift- iellern, als auch aus eigener Erfahrens schöpft und m ganzen gegen tausend Pflanzen aufzählt. Noch l ngehender belehrt uns über diesen Punkt der große iowische Arzt Galen, der Leibarzt des Kaisers Marc turel, der zu den zahlreichen von ihm genannten Heilpflanzen auch genaue Anweisungen über die trt der Verwendung und der Dosierung hinterlassen tat.

Auf dem antiken Wissen baute zum großen Teil t« Medizin des Mittelalters auf, die zunächst von «en Arabern, dann besonders von den hohen schulen von Salerno, Montpellier, Paris, Bologna .mb Padua gepflegt wurde. Daneben schöpfte sie :6er auch aus der Heilkenntnis der jungen germa- lifchen Völker, die sich aus eigener Erfahrung be- l.-utendes Wissen von den Kräften ihrer heimischen Pflanzen erworben hatten. Es handelte sich hier iinächst hauptsächlich um wildwachsende Kräuter, tre bald auch künstlich angebaut wurden. So führt

Sich««« Anzeiger <Se»eraI-AnzeIg« für Gberheffm)

Mittwoch, 2<>.MSrzl4^

Karl der Große in seinem ..Capitulare", seiner Ver­ordnung über die kaiserlichen Gärten, eine große Anzahl von Heilkräutern auf, die hier angebaut werden sollten. Auch die Klostergärten wurden bald eine Pflegestätte- der Heilpflanzen, so der Garten des Abtes Wahlaftid Strabo auf der Insel Reiche­nau. Ebenso zeigt die Aebtissin Hildegard von Bingen in ihrem BuchCausae et Curae eine überraschende Kenntnis der einheimischen Heilpflan­zen, die sich offenbar gar nicht auch der gelehrten Medizin nährt, sondern ganz aus eigene Erfahrung stützt und zu ihrer Zeit, dem 12. Jahrhundert, be­sonders auch dadurch auffällt, daß sie neben den lateinischen botanischen Namen viele deutsche Aus­drücke gebraucht, wie Dludthvurtz, Brunnencressim, Lungvurtz u. a.

Allerdings war die volksmedizinische Verwendung der Heilkräuter stets und sogar bis in die neueste Zeit hinein verquickt mit manchem Aberglauben und äußerlichen Verirrungen, wie etwa mit der Vor­stellung, daß man aus Gestalt, Farbe, Name einer Pflanze auf ihre Verwendbarkeit für gewisse Leiden

schließen formte, daß also beispielsweise die Stacheln der Disteln gegen alle stechenden Schmerzen gut seien, der Steinbrech, Saxifraga, gegen Steinleiden usw. Don dieser Verirrung war nicht einmal Para­celsus frei, der große deutsche Bahnbrecher der ärzt­lichen Wissenschaft an der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts, der die Medizin aus den Fesseln des Aberglaubens erlöste und mit einer wirklichen Anschauung vom Wesen der Krankheit tiefe Einsicht in die Möglichkeiten des Heilens verband, wobei er vor allem aflf die Stoffe der heimischen Pflanzen­welt zurückgrift und betonte, daß die Natur überall da, wo bestimmte Krankheiten sich vorfinden, auch die entsprechenden Pflanzen $u ihrer Heilung wachsen ließe.

Seit dem Beginn der Neuzeit hat die Medizin sich immer weiter von der Natur fortentwickelt und mit künstlich hergestellten Drogen gearbeitet. Die Verwendung der heimatlichen Heilpflanzen geriet mehr und mehr in die Hände von Kurpfuschern und Quacksalbern, die jedoch neben grobem Aberglauben zum Teil auch ein tieferes Wissen um die Heil­kräfte der Natur durch die Zeiten retteten. Schon die Homöopathie, Anfang des 19. Jahrhunderts durch Samuel Hahnemann begründet, wandte den Säften unserer heimischen Pflanzen wieder erhöhte Aufmerksamkeit zu. Allmählich wagten es auch ernsthafte Leute, zur Naturheilkunde zurückzukeh­ren, wie z. B. Sebastian Kneipp, der neben seinen Wasserkuren auch energisch auf die reichen Heil­kräfte unserer heimischen Pflanzenwelt hinwies und damit sogar bei dem aufgeschlossensten Teil der Wissenschaftler Anerkennung fand. Heute ist auch die Schulmedizin von ihrer Verachtung der Naturheil- kunde abgekommen und läßt sich aus dem Schatz der Erfahrungen bereichern, den das Volk im stän­digen Gebrauch unserer Heilpflanzen seit den älte­sten Zeit gewonnen und festgehalten hat. W.

Oer Frühling wandert durch Deutschland.

Wenn sich der Frühling nach dem Kalender rich­ten wollte, würde er pünktlich am 21. März jedes Jahres bei uns eintreffen. Aber dieser Tag zeigt nur den Beginn des astronomischen Frühlings an, die Tagundnachtgleiche. Der klimatische Frühling je­doch ist unzuverlässig. Er läßt sich auch nicht zur gleichen Zeit in allen deutschen Gauen erblicken, sondern unternimmt dazu eine Wanderung quer­feldein durch die Landschaften, wobei er im Süd­westen des Reiches startet.

Die meisten Pflanzen beenden nun die winterliche Ruhe. Sie beginnen mit dem Wachstum, wenn die mittlere Temperatur am Tage 2 Grad Wärme be­trägt. Auch die Ruhezeiten der Pflanzen sind in den deutschen Gauen nicht von gleicher Länge. Im Rh ei ng au und an der Bergstraße dauert der Pflan­zenwinter durchschnittlich 60 Tage, in der ziemlich geschützt liegenden Berliner Gegend 75 Tage, in der Kurmark 90 Tage. Oestlich der Oder, aber auch

in Mecklenburg und auf der Insel Rügen, muß man mit 110 Tagen rechnen, der Gau Danzig-Westpreu- ßen jedoch umfaßt zwei Gebiete, die Konitzer Höhe und die Tucheler Heide, wo der Pflanzenwinter ebenso lang ist wie in Ostpreußen, also mindestens 120 Tage. Oestlich der Linie LyckTilsitMemel und im Generalgouvernement müssen die Pflanzen mindestens 135 Tage darauf warten, daß der Früh­ling die erste Wärme bringt. Im Reingau, am Ober­rhein, in einigen Bezirken am Main und am Neckar kommen diese Wärmetage meist schon zu Beginn des Monats März, zwischen Elbe und Oder jedoch kaum vor dem 27. März, und in Ostpreußen wird es gewöhnlich Mitte April, bis der Frühling das Signal zum Wachstum in der Pflanzenwelt gibt.

Eines der markantesten Zeichen des Frühlings ist die Obstbaumblüte. Sie beginnt beispielsweise im Berliner Gebiet, wenn auch in Aachen und in Wien die Obstbäume damit einsetzen. Zu diesem Zeitpunkt blüht es in den Obstpflanzungen im Rhein- und im Maintale bereits fünf oder sogar zehn Tage, im Rheingau und an der Bergstraße sogar schon elf oder vierzehn Tage lang. Später als die Berliner Obstbäume blühen die im Rheinland, aber auch die der Nürnberger und der Passauer Gegend, wo man überall noch drei bis fünf Tage warten muß. In Norddeutschland zwischen Weser und Oder muß man, ebenso wie im Osten noch mindestens 16, meist aber 20 Tage warten. In einigen Gegenden beginnt die Blüte erst drei Wochen nach Berlins Obstbaum- blüte. Dann -aber hat die Wanderung des Frühlings ihr Ziel erreicht.

Dornoiize«.

lagesfalenber für Mittwoch.

Stadttheater: 19 bis 22 UhrDas Land des Lächelns". Gloria-Palast, Seltersweq:Der lau­fende Berg". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die

keusche Geliebte". Öffentlicher Vortrag der Uni« niversität: 20 bis 21.30 Uhr im Kunstwissenschaft- lichen . Institut Ludwigstraße, Lichtbildervortrag Professor Dr. GlöcknerDas Tier in der Kunst". Oberhessischer Kunstoerein und Winterhilfswerk: 17 bis 19 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand. Frühjahrsmarkt (Schaumesse) auf Oswaldsgarten.

Sladtthealer Gießen.

Am heutigen Mittwoch wird die Neuinszenieruna der Leharschen OperetteDas Land des Lächelns^ zum ersten Male wiederholt. Musikalische Leitung: Arthur ApeU. Spielleitung: Harry Grüneke. Buh« nenbild: Karl Löffler. Tanzleitung: Irmgard Trö- mel. 24. Mittwoch-Miete.

Mitgliederabend im Goethe-Bund Gießen.

Der Goethe-Bund Gießen veranstaltet am kom« menden Donnerstag seinen zweiten dieswinterlichen Mitgliederabend. Der junge Dichter Hermann Stahl wird aus eigenen Werken lesen. Hermann Stahl, der in Dillenburg geboren ist und dessen erstes größeres RomanwerkTraum der Erde" int Westerwald spielt, wird sicherlich auch in Gießest eine interessierte Lesergemeinschaft finden.

BHC.-Zweigverein Gießen.

Die Märzwanderung des DHC. am Sonntag führte zunächst mit demBieberlieschen" ins Hin­terland. Der Roten-Kreuz-Markierung folgend ging es bergauf, bergab auf wenig bekannten Wegen in das wunderschöne Schwarzbachtal, das mit zu den schönsten Tälern der Umgebung gehört, und von hier aus zur Dicken Eiche. In Blasbach wurde Mit­tagsrast gehalten. Arn Nachmittag wurde über den Simberg die Richtung Wetzlar eingeschlagen. Dom Simberg bot sich ein prächtiger Blick ins Lahntal und auf Wetzlar mit Dom. Im Hintergrund waren der Bismarckturm und die Ruine Kalsmunt, weiter rechts auch ein Stück des Dilltals zu sehen. Nach einer gemütlichen Schlußrast in Niedergirmes, bet der die im Felde stehenden Wanderkameraden mit Kartengrühen bedacht wurden, ging es in einem gemüttichen Spaziergang durch die Goethestadt. Auf der Heimfahrt kamen nacheinander der Dünsberg und wenig später auch der Gleiberg und Vetzberg in unser Blickfeld.s*

Gießener Schlachtvießmarkt.

Aus dem gestrigen Gießener Schlachtviehmarkt (Schlachtvieh-De-rtellungsmarkt) in der Diehversteige« rungshalle Rhein-Main kosteten: Ochsen 33,5 bis 45,5, Bullen 31 bis 39,5, Kühe 20 bis 45,5, Färsen 34 bis 49,5, Kälber 30 bis 57, Schafe 35 Rpf. je V2 kg Lebendgewicht. Für Schweine wurden je Kilogramm Lebend gewicht folgende Preise de,zahlt: a (150 kg und mehr) 1,13, bl (135 bis 149,5 kg) 1,13, b2 (120 bis 134,5 kg) 1,11, c (90 bis 119,5 kg) 1,07, d (80 bis 89,5 kg) 1,01, ef (unter 80 kg) 0,97, gl (fette Specksauen) 1,13, i (Altschnel- der) 1,11, g2 (andere Sauen) 1,01, h (Eber) 1,01 RM. Marktverlauf: regelmäßig, alles zugeteilt. \

Gießener Wochenmarktpreife.

Nachstehende Preise sind Händlerpreise und verstehen sich für A=9Bare. Für 6-Ware oder abfallende Ware sowie für Selbsterzeuger liegen die Preise, niedriger.

* Gießen, 26. März. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM.» Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 7 bis 9, Kartoffeln, 5 kg 45, Weißkraut, Yi kg 10 bis 12, Rotkraut 13 bis 14, gelbe Rüben 12, rote Rüben 10, Zwiebeln 13 bis 15, Meerrettich 40 bis 65, Schwarzwurzeln 20,Feldsalat,/w 10, Aepfel, % kg 25 bis 40, Lauch 24, Sellerie 21 bis 23, Blumenkohl, das Stück 45 bis 70, Endivien 20, Salat, 1 ho 30 Rpf.

** Eine Achtzigjährige. Am heutigsn Mittwoch, 26. März, begeht Frau Wilhelmine Braun, Goethestraße 31 wohnhaft, in körperlicher und geistiger Frische ihren 80. Geburtstag. Der Ju­bilarin bringen auch wir unseren herzlichen Glück­wunsch dar.

Guter Rat ist teuer, sagt das Sprichwort, das heißt: Guter Rat ist wertvoll! pm Anzeigenteil dieser Zeitung erscheinen in den nächsten Wochen Ratschläge des klugen Froschkönigs, dem bekannten Wappentier des altbewährten Erdal. Auch sie sind wertvoll! Einer der Ratschläge geht bestimmt jeden an! 1482V

An alle schaffenden Deutschen!

Am 29. und 30. März 1941 findet die letzte Reichsstraßensammlung des MHV. statt, die von der Deutschen Arbeitsfront durchgesührt wird.

Soldaten der Heimatfront t

Mir fordern Luch aus, durch höchsten Einsatz Euren Kameraden an der Front draußen zu zeigen, daß wir in der Heimat ihren Einsatz und ihre Opfer verstehen und gewillt sind, es ihnen entsprechend unseren Möglichkeiten gleichzutun. Das Ergebnis der letzten Straßensammlung muß ein überwältigendes Bekenntnis aller schaffenden. Deutschen in der Heimat zum Führer und seinen marschbereiten Sol­daten sein.

Denkt daran, daß der letzte Gegner, der dem deutschen Sozialismus entgegenfieht, niedergerungen werden muß, um unser Ziel zu erreichen. Die Parole lautet:

Schassende sammeln Schaffende geben!

heil Hitler!

Backhaus Katze nmeier

Kreisleiter. Kreisobmann der DAF.

und unentwegt seine zarten Hande in Unschuld. Es schien mit der ,Zunggesellenwirtschaft" seine be­sondere Bewandtnis zu haben, und wahrscheinlich keine verlockende. Charlotte erkundigte sich bei Frau Rothe, ob sie ahne, was für Pläne Peter mit ihr habe, aber die alte Frau konnte sich nicht denken, für welchen Haushalt Peter eine Hilfe suchte.

Allmählich aber wurde sie ungeduldig und nahm sich schließlich vor, auf eigene Faust ihr Heil zu ver­suchen. Ehe es aber dazu kam, erschien Peter eines frühen Nachmittags zu ungewohnter Zeit in der Wohnung. Er hatte den schäbigen Anzug an, den er gewöhnlich benutzte, men 11 er Motorradfahrten un­ternahm. Auf seinem Kopf saß eine rauhe Lederkappe.

Frau Rothe befand sich mit Charlotte in der Küche, Iockele benutzte eine Müllschausel als Fracht­schiff und beförderte kleine Holzstücke von einer Ecke zur anderen, als Peter in der Tür erschien. Sofort lieh Iockele Schaufel und Holz im Stich, um zu ihm zu laufen. Er begrüßte ibn mit einem Freudengeschrei.

Peter griff ihn vorn Boden auf und schwenkte ihn durch die Luft, worauf das Freudengekreisch sich vervielfachte.

Um Gottes willen!" rief Charlotte erschrocken. Lassen Sie den Jungen unbeschädigt!"

Peter lachte nur.Was ein richtiger Junge ist, der muß einen Stoß vertragen können, was, Iockele? Ein rauher Ton und ein Knuff gehören zu jeder guten Erziehung! Später gibt's noch genug Knüffe im Leben, und man kann sich nicht frühzeittg genug daran gewöhnen."

Er setzte Iockele wieder auf den Boden nieder, hockte sich selber vor ihn hin und fragte:Wollen nnr maln bißchen ins Blaue fahren, Iockele?"

Au..." rief Iockele, obwohl es zweifelhaft war, ob er verstanden hatte, was gemeint roa*

Mit dem Motorrad?"

Ja..

Weit weg?"

Weit weg!" rief Iockele und trampelte vor Be­geisterung von einem Bein auf das andere.

Nach Gatow zum Beispiel?"

Iockele drehte sich zu Charlotte um und über­schüttete sie mit einem Wortschwall, den er in seinem Eifer so hervorsprudelte, daß kein Wort zu ver­stehen war.

Dann wollen wir wohl Lolott mitnehmen?"

Iockele lief zu Charlotte hin und packte sie bei der Hand.

Sie erkundigte sich:Sie wollen doch nicht etwa hn Ernst mit Iockele eine Spazierfahrt unter­nehmen?"

Doch, es ist mir bitterernst! Und Sie sollen mit, wenn Sie gerade nichts Besseres vorhaben."

Was sollte ich schon vorhaben?"

Dann klappt's ja!"

Es soll zu Ihrem Freunde Hanne gehen?" Richtig! Er zittert vor Verlmigen, Sie beide kennenzulernen."

Er erwartet uns? Sie haben uns angemeldet?"

Ich habe mit ihm telefoniert und ihm gesagt, daß ich ihm vielleicht Besuch mitbringen werde. Das war nötig, sonst würde er mir später Vor­würfe machen. Ueberfallen wir ihn unangemeldet, so wäre er auf Damenbesuch nicht eingerichtet, säße in seiner Werkstatt, sähe aus, als wäre er aus einer Oelgrube gezogen und würde sich schämen. Er hat ein so zartes Gemüt, der gute Hanne, obwohl man es ihm nicht ansieht. Wenn's Ihnen recht ist, Fräu­lein Machefius, fahren wir recht bald, kaufen unter­wegs noch Kuchen zum Kaffee ein, Hanne hat in­zwischen den Tisch gedeckt, und wir können es uns draußen gemütlich machen. Außerdem hat er sich ein altes Motorboot gekauft, es eigenhändig Überholt, einen neuen Motor eingebaut und man könnte viel­leicht eine kleine Probefahrt damit machen nach Wannsee hinunter oder zur Pfaueninfel, wie es Ihnen gerade gefällt. Das Wetter tfl herrlich und somit kommen Sie!"

,/Ich komme!"

..Großartig? Wie lange dauert's bei Ihnen, ehe Sie fertig find?"

.Zehn Minuten!"

Einschließlich Iockele?"

Jawohl, der eingeschlosien!"

Also, Mutter Rothe, dann leiste ich Ihnen zehn Miimten lang Gesellschaft und drehe zweimal die Eieruhr um. Wollen doch mal sehen, ob Fräulein Mathesius ihren Zehn-Minuten-Rekord schafft!"

Sie schaffte ihn, und zu dritt brachen sie auf.

Peters Motorrad war kein besonders elegantes Gefährt, der Beiwagen leicht zerschunden und eng, Über Charlotte fand mit Iockele darin Platz.

Wahrscheinlich haben Sie schon in etwas ele­

ganteren Erzeugnissen der Autoindustrie gesessen/ sagte Peter, als er sich die Lederhandschuhe über­streifte.Wenn Ihnen die Beine einschlafen, denken Sie bitte daran, daß es bei dem herrlichen Wetter und dem Ausflugsverkehr in Straßenbahn und Omnibus noch unbequemer ist.

Ich sitze vorzüglich!"

,Zockele, daß du nicht so viel strampelst! Zertritt deine Pflegemutter nicht! Kann's losgehen?"

Iockele strampelte nicht, sondern machte große Augen. Als der Motor ansprang, verursachte ihm das wilde Knattern zunächst einen leichten Schreck. Er gewöhnte sich indessen bald daran, und als die Fahrt begann, überwältigte ihn die Begeisterung. Dergleichen hatte er noch nie erlebt. Er schrie und fuchtelte mit den Armen, lachte und versuchte Char­lotte mitzuteilen, was er bei dieser rasenden Fort­bewegung empfand.

Es ging quer durch das ganze Berlin vom Osten bis zum Westen, sie erreichten die Bismarckstraße und Hatten hier freie Fahrt bis zur Heerstraße hin­unter. Inzwischen hatten sie Kuchen eingekauft, und Iockele hatte schon ein Stück im voraus essen dürfen.

Hanne Westphals Tankstelle und Reparaturwerk­statt lag mitten im Dorf. Die Tankstelle selber war funkelnagelneu. Unter ihrem flachen, ins Freie vor­springenden Dach hielt ein Wagen, der eine weite Reffe hinter sich zu haben schien, und hier mit frischem Brennstoff versorgt wurde. Ein Mann von gewalttgen Körpermaßen bediente die Pumpvor­richtung.

Das ist Hanne!" rief Peter Charlotte durch den Lärm des knatternden Motors zu und minderte gleichzeittg die Geschwindigkeit.Gehen Sie mit ihm um wie mit einem gut dressierten Bären. Er sieht nur wüst aus, tut aber nichts."

Dann gab er zweimal ein kurzes Signal. Darauf drehte der Mann an der Benzinpumpe sich mit einem Ruck um, bekam sichtlich einen Schreck, und es sah aus, als erröte er. Ohne sich weiter um seinen Kunden zu kümmern, kam er seinen Besuchern ent­gegen, wischte sich im Gehen die Handflächen an seinem Kittel sauber und stand nun zum Empfang bereit.

(Fortsetzung folgt.)