UM 2 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)
Mittwoch, fy. Zebruar (941
Ein glänzender Erfolg unserer Polizei für das Kriegs-WHW.
DRuttb 26 000 RM. am „Tag der Polizei" im polizeidirektionsbezirk Gießen.
Aus -er Stadt Gießen.
Knospentage.
Nun wird die Welt schöner mit sedem Tag Zwar sind die meisten Bäume und Sträucher noch vorsichtig und lockern vorerst noch nicht die Schup- pen der Laubknospen zur Entfaltung der Blätter, aber auch sie müssen den lebhafteren Pulsschlag der Erde spüren, der die kleinen Frühlingsherolde unter den Blumen schon so erregt und zu knospen und zu grünen drängt.
Am eiligsten haben es die kleinen Frühblüher im Laubwald. Ihre Frist ist kurz. Sie müssen ihren Lebensfrühling, ihre Blütenhochzeit hinter sich haben, ehe die Wipfel ihr Laub entfalten und lichtschirmende Schatten werfen. Da ist das Schneeglöckchen, eine Schwester unserer beliebten Gartenblume, das sogar schon seine Blüten öffnet, weiß mit einem
Verdunkelungszett
19. Februar von 18.41 bis 8.31 Uhr.
arünen Fleck an jeder Blattspitze. Die derben, drei- lappigen Blätter des Leberblümchens haben zum großen Teil überwintert. Sie unterscheiden sich von den frisch gesproßten durch ihre rötlich angelaufene llnterfeite. Nur noch Tage, und es wird seine himmelblauen Blüten öffnen, die aber merkwürdigerweise gar keine richtigen Kronen sind, sondern nur Kelchblätter, die allein die Staubgefäße schützen. Immergrün bleiben auch die nierenförmigen Blätter der Haselwurz, die bald mit dunkelroten Glocken den Lenz einläutet Ebenso hat, wie schon der Name sagt, das kleine zierliche Immergrün durchhaltende Blätter, wenn man es auch ihrer schlanken lanzettlichen Form gar nicht zutraut. Neues Laub entwickeln die Waldveilchen, aus deren Mitte schon da und dort der kleine Blütenstengel klimmt, und das niedrige Scharbockskraut, das mit seinen saftgrünen, fettigglänzenden Blättern auffällt. Beide leben oft in' großen Gesellschaften beisammen, und sobald die blauen Veilchen die Augen aufschlagen, sind auch die goldgelben Blütensterne des Scharbockskrautes offen.
Daß der Saft in den Stämmen und Zweigen rumort, daß bald die Morgenstunden des Erwachens schlagen, wissen auch die Vögel, deren fröhlicher Lärm weithin über die Wege schallt. Während der Grünspecht ein hell wieherndes Gelächter hören läßt, trommeln seine Verwandten luftig auf alten Astsparren. Die Finken schmettern ihren kleinen Lenzjodler, die Meisen rufen ihren fröhlichen Gruß, und die Ammern leiern ihr kleines eintöniges Liedchen immer wieder von vorn. Ausgelassener denn je flattert der Eichelhäher umher, der Papagei unserer Wälder, der mit seinem häßlich heiseren Rätschen bald da, bald dort zu hören ist. Dazwischen ahmt er meisterhaft andere Vögel nach, miaut jetzt wie ein Mäusebussard und flötet im nächsten Augenblick den wundervollen „Bülow"-Ruf des Pirols, dessen Heimkehr von der großen Südreise vor Maiende nicht zu erwarten ist Und plötzlich überrascht am Rande einer Lichtung aus dürrem Gestrüpp heraus ein schmetternder, trillernder feuriger Gesang, der dem unseres Kanarienvogels gleicht: Es ist der Zaunkönig, der sich meldet und uns verrät, daß er auch im Winter bei uns durchgehalten hat Nun freut er sich wie wir auf den nahen Len). P^B.
Dornotizen.
Tageskalender für Tttiftwod).
Gießener Woche für Kunst und Literatur 1941: 19 bis nach 22 Uhr im Stadttheater „Die ungarische Hochzeit". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Sieben Jahre Pech". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Blutsbrüderschaft". — Öffentliche Abendvorlesung der Universität: 20.15 Uhr im Hörfaal des Kunst- Wissenschaftlichen Instituts, Ludwigstraße, Professor Dr. Vollrath über „Gestaltwandel britischer Weltanschauung". — Oberhessischer Kunstverein: 17.30 bis 18.30 Uhr Ausstellungen im Stadttheater und im Turmhaus am Brandplatz.
Nach dem bis zum gestrigen Dienstagnachmittag ermittelten Ergebnis des „Tages der Polizei", der am vorigen Wochenende auch von unserer Gießener Polizei und von ihren Dienststellen in Bad- Nauheim und Friedberg mit vorbildlicher Tatkraft durchgeführt wurde, beläuft sich die Gesamtsumme der im Polizeidirektionsbezirk Gießen, einschl. der Dienststellen in Bad-Nauheim und Friedberg, gesammelten Spenden für das Kriegs-WHW. auf 25 9 44,75 RM. In dieser Summe sind die Spenden mit enthalten, die von den Polizeibeamten selbst anläßlich dieses Tages für das WHW. dargebracht wurden und die bei der jetzigen Sammlung um rund 150 v. H. höher waren als das Ergebnis ihrer vorjährigen Opferspende. Die von der Gießener Bevölkerung dargebrachten Opfergaben liegen in ihrem Ertrag um rund 100 o. H. über dem vorjährigen Ergebnis. Wenn man bedenkt, daß unsere Polizeibeamten alle diese Spenden auf durchaus freiwilliger Grundlage zusammengetragen und zum weitaus größten Teile in Groschen- und Fünfpfennigstücken, daneben natürlich auch manche Markstücke und Fünfzigpfennigstücke, gesammelt haben, so kann man sich ein Bild von der großen Einsatzfreudigkeit machen, mit der unsere Polizeibeamten und die Polizeireservisten, aber auch alle ihre Helfer bei diesem Werk sich in Gießen, Bad- Nauheim und Friedberg betätigt haben. Es ist sicher nicht zuviel gesagt, wenn man sowohl die persönlichen Spenden der Polizeibeamten, der Polizeireser- visten und der übrigen Polizeiabteilungen (wie z. B. Feuerlöschpolizei, Technische Nothilfe), als auch die allenthalben bereitwilligst dargebrachten Spenden der Bevölkerung als wirkliche Opfer im besten Sinne des Wortes bezeichnet. Da einige zugesagte Beträge "wohl noch im Laufe des heutigen oder morgigen Tages der Polizeidirektion zugehen werden, ist damit zu rechnen, daß die vorgenannte Summe sich noch etwas erhöhen wird.
Sladllheaker Gießen.
Am heuttgen Mittwoch wird die erfolgreiche Operette „Die ungarische Hochzeit" von Nico Dostal wiederholt. Die musikalische Leitung hat Arthur Apelt, die Spielleitung Harry Grüneke. Bühnenbild: Karl Löffler. Tanzleitung: Irmgard Trömel. 20. Mittwoch-Miete.
Ortszeit für den 20. Februar.
Sonnenaufgang 8.33 Uhr, Sonnenuntergang 18.45 Uhr. — Mondaufgang 4.20 Uhr, Monduntergang 13.06 Uhr. Mond in Südwende.
Sprechstunde des Kreisleiters.
Die Sprechstunde des Kreisleiters findet am Donnerstag, 20. Februar 1941, von 15 bis 17 Uhr in Gieß en statt.
Gießener Woche für Kunst und Literatur -194-1.
Feierstunde am 21. Februar
und festliche Veranstaltung am 23. Februar.
Der Goethe-Bund und die Kulturelle Vereinigung bringen im Rahmen der Gießener Woche für Kunst und Literatur 1941 zwei bedeutsame Veranstaltungen. Am Freitag,. 21. Februar, findet abends in der Großen Aula der Universität eine Feierstunde statt, die für jeden Literatur- und Kunstfreund ein besonderes Erlebnis zu werden verspricht. Zu Beginn der Veranstaltung wird Regierungsrat Dr. E r ck m a n n von der Abteilung Schrifttum des
Angesichts dieses beftiedigenden Ergebnisses erhielten wir von dem stellv. Polizeidirektor, Major der Schutzpolizei und Kommandeur Hellwege Emden eine Zuschrift, in der zu lesen ist:
„Zum Tag der Deutschen Polizei hat die Gießener Bevölkerung eine außerordentlich große Gebefreudigkeit gezeigt.
Außerdem sind aus allen Schichten der Bevölkerung bei mir so viele freiwillige Spenden einge- gangen, daß es mir ein Bedürfnis ist, im Namen aller Angehörigen meiner Dienststelle allen Volks- genossinnen und Volksgenossen aufs herzlichste zu danken."
Neben der Gesamtheit der Bevölkerung gilt dieser Dank auch allen Helfern unserer Polizei, der jj, der SA., dem NSKK, der Feuerlöschpolizei, der Technischen Nothilfe, der Hitler-Jugend und nicht zuletzt den Männern von den NSV.-Ortsgruppen, die in Gemeinschaft mit Beamten der Gießener Verwaltungspolizei in viele Stunden währender Arbeit den aus unheimlichen Mengen kleiner Münzen bestehenden Ertrag der Sammlung zählten und schließlich das Ergebnis feststellten. Nicht minder gilt der Daxft allen denen, die durch bereitwillige kostenlose Hergabe von Materialien verschiedenster Art der Polizei es ermöglichten, ihre ertragreichen Sonderveranstaltungen durchzuführen.
In dieser umfassenden und tatfroh gewährten Hilfeleistung, aber auch in der ausgezeichneten Spende aller Volksgenossen darf unsere Polizei mit Recht nicht nur die Bereitwilligkeit zur Hilfeleistung für das Kriegs-WHW. erblicken, sondern auch den Willen unserer Bevölkerung erkennen, bei dieser Gelegenheit durch eine großzügige Spende der Polizei den wohlverdienten Dank für ihre allezeit tatfrohe Bereitschaft im Dienste der Volksgemeinschaft zum Ausdruck zu bringen.
„Adrian der Tulpendieb", „Der Ikarus von Ulm" und „Der junge Held Alexius", Heiteres aus eigenen Werken lesen. Der schwäbische Dichter ist als ausgezeichneter Mittler seiner Werke bekannt und weiß seinen Zuhörern Freude und frohes Lachen zu bereiten. Das Städtische Orchester unter der Leitung von Otto S ö U n e r wird die Feierstunde durch Konzertvorträge umrahmen.
Die festliche Abschlußveranstaltung der Kunstwoche am Sonntag, 23. Februar, in den Räumen des Ge- sellschastsvereins unter dem Thema „Frohe Stunden bei Wilhelm Busch" verspricht ein besonderes Ereignis zu werden. Es ist den Veranstaltern gelungen, die hervorragende Tanzkünstlerin Ilse M e u d t n e r, die erste Solotänzerin der Staatsoper Berlin, nach Gießen zu gewinnen. Ilse Meudtner wird eine Reihe von heiteren Tänzen und insbesondere Tänze aus Wilhelm Buschs Werken zur Vorführung bringen. Der in Gießen von seinen zahlreichen ftüheren Vor- tragsabenben bekannte heitere Vortragsmeister Emil Kühne wird Wilhelm Busch sprechen und wieder durch seine hohe Kunst Frohsinn vermitteln.
Einkäufe am Vormittag.
Nehmt Rücksicht auf die werktätigen Frauen)
Das Frauenamt der Deutschen Arbeitsfront wendet sich nochmals an die Hausfrauen, die nicht berufstätig sind, und auch an die Hausgehilfinnen mit der Bitte, ihre Einkäufe am Vormittag und in den frühen Nachmittagsstunden zu erledigen, damit die Abendstunden für die Besorgungen der werktätigen Frauen freibleiben. Letztere haben *.n den meisten Fällen nur in der Zeit zwischen 18 bis 19 Uhr und an den Samstagnachmittagen Zeit zur
scheu 18 und 19 Uhr nicht eintaufen gehen, damit in dieser Zeit die Berufstätigen in Ruhe bedient werden können und nicht in überfüllten Läden noch lange stehen und warten müssen. Ebenso ist es wünschenswert, daß die nicht außerhäuslich tätigen Hausfrauen ihre Einkäufe am Samstagnachmittag auf das Notwendigste beschränken, also z. B. nicht verderbliche Lebensmittel, wie Nährmittel usw., an den übrigen Wochentagen besorgen. Mit dieser kameradschaftlichen Rücksichtnahme wird sowohl den werktätigen Hausfrauen geholfen, als auch den Verkaufskräften, für die es angenehmer ist, wemr sie kurz vor Ladenschluß keinen allzu großen Kun» densturm zu bewältigen haben.
Glückwünsche
für Oberbürgermeister Witter.
An seinem 50. Geburtstag am gestrigen Dienstag wurden unserem Oberbürgermeister R i 11 e t zahlreiche herzliche Ehrungen bereitet. In den frühen Vormittagsstunden überraschte ihn das städtische Orchester in seiner Wohnung mit einem Ständchen, bas ihm die dankbare Verbundenheit unseres Theaters zum Ausdruck brachte. Im Laufe des Vormittags sprachen zwei Abordnungen bei ihm vor, deren eine aus vier Beamten, vier Angestellten und vier Arbeitern der Stadtverwaltung unter Führung des Beigeordneten Nicolaus bestand, während dis andere sich aus vier Ratsherren unter Führung des Ratsherrn Dr. Pauly als Abgesandte des Ratsherrnkollegiums zusammensetzte.
Beigeordneter Nicolaus überbrachte in einer herzlichen Ansprache an den Oberbürgermeister die aufrichtigen Glückwünsche der gesamten Gefolgschaft der Stadtverwaltung, er würdigte dabei mit eindrucksvollen Worten das bisherige Wirken des Oberbürgermeisters für unsere Volksgemeinschaft überhaupt, insbesondere für die Partei, und schließlich fein Wirken in Gießen, dabei auch fein gutes Verhältnis zu allen Gefolgschaftsmitgliedern der Stadtverwaltung betonend. Er überreichte ihm als Zeichen der Dankbarkeit eine Geburtstagsgabe der Gefolgschaft. Ratsherr Dr. Pauly brachte in seiner Ansprache neben den herzlichen Wünschen der Ratsherren deren enge Verbundenheit mit dem Oberbürgermeister zum Ausdruck. Im Namen der städti- schen Arbeiterschaft überreichte Arbeitskamerad Hofmann dem Oberbürgermeister einen Blumenstrauß. Beigeordneter Nicolaus übermittelte dem Jubilar ferner noch die herzlichen Grüße und Wünscht der Gießener Jägerschaft, der Heimatoereinigung Schiffenberg und des Gesamt-DHC.
Im Laufe des Tages gingen Oberbürgermeister Ritter noch zahlreiche Glückwünsche und Aufmerksamkeiten aus den Kreisen der Partei, der Wehrmacht, der Behörden und zahlreicher Organisationen zu.
Alle diese Ehrungen bekundeten das hohe Maß von Beliebtheit und Wertschätzung, dessen sich unser Oberbürgermeister in den breitesten Schichten unserer Volksgemeinschaft erfreut.
VHC. Zweigverein Gießen.
Zu der Februarwanderung des VHC. am Sonntag hatten sich 40 Wanderer eingefunden. Am Sportplatz des Männerturnvereins vorbei ging es zu den Gießener Eisteichen. Dem blauen Keil folgend ging es dann durch den schönen Wald. Mancher Vogelruf gab Kunde, daß der Frühling einziehen will. Am Bahnwärterhaus wurde die Markierung verlassen. Der Bahnsttecke Gießen—Gelnhausen folgend wurde an der Station Schisfenberg vorbei Hausen erreicht. Von der Jahneiche auf den Kuhberg bot sich ein herrlicher Blick auf das tiefer liegende schmucke Hausen, dem sich etwas weiter Watzenborn-Steinberg und Leihgestern an- schlossen. In Garbenteich wurde Mittagsrast gehalten. Eine kräftige Suppe und Rucksackverpflegung sorgten für die Stärkung des leiblichen Menschen. Gestärkt und ausgeruht ging es dann später auf der Straße Garbenteich—Lich über die Reichsautobahn. Auf guten Waldwegen ging es weiter, bis dann, aus dem Wald heraustretend, das als Endziel vorgesehene Städtchen Lich vor den Wanderern lag. Verschwommen hob sich rechts das Wet- I terauer Tintenfaß, die Burg Münzenberg, am Hori-
durch seine Werke
Reichsmimsterium für Volksaufklärung und Propaganda über das Thema sprechen: „Der Humor als Wesensausdruck der deutschen Seele im Schrifttum." Sodann wird der Dichter Otto R o m b a ch, bekannt
____________ z, Erledigung ihrer Einkäufe. Die nicht berufstätigen ,Der standhafte Geometer", * Frauen sollten daher grundsätzlich in der Zeit zwi-
Gießener Woche für Kunst und Literatur.
Hauptmanns „Biberpelz" im Stadttheater.
Gerhart Hauptmanns vieraktige Diebskomö- die „Der Biberpelz", spielend zur Zeit des Septen- natskampfes (achtziger Jahre, unter Bismarck) „irgendwo um Berlin", erschien 1893, ist also bald ein halbes Jahrhundert alt. Seitdem ist viel über das Stück gesprochen und geschrieben worden, mit dem, wie es hieß, das deutsche Lustspiel auf eine Höhe gelangte, die es seit Kleists „Zerbrochenem Kruge" nicht wieder erreicht hatte. Wenn man den „Biberpelz" jetzt, nach langer Pause, wieder einmal liest, wird man, vielleicht mit freudiger lieber- raschung, entdecken, daß man diese oft wiederholte Wertsetzung noch immer nicht zu widerrufen braucht: der ebenfalls häufig zitierte Vergleich mit Kleist mag dazu dienen, Gemeinsamkeiten rote. Unterschiede beider Werke und vor allem die für Hauptmann charakteristischen Züge des Stückes aufjirroeifen.
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Gemeinsam ist beiden das Grundmottv, das dramatisch erregende Element der strafbaren Handlung, wie auch in beiden Fällen Kläger und Beklagte vor Gericht erscheinen: wieder einmal wird die Szene zum Tribunal; das Theater hat schon auf früher Entwicklungsstufe das unmittelbar Dramatische uno .die bühnenmäßige Wirksamkeit der Kriminalunter- uchung und Verhandlung erkannt und ausgenutzt. Gemeinsam ist, l)iet wie dort, ferner die aus Der Komik der Charaktere entspringende Komik der si- uation, dazu die überaus plastische, gewissermaßen greifbare landschaftliche Atmosphäre, die Einhettlicy- ?eit und Intensität der Stimmung — dort Das Niederländische im Stile des Bauernbrueghel (das Menzel später in kostbaren Illustrationen emftng), hier das spreeländisch Märkische, das in Hauptmanns meisterhafter Dialektführung einen unuber- :restlichen und unverwechselbaren Ausdruck fano, doch gibt es hier auch im Mundartlichen Uebergange and Spielarten vom junkerlich und amtlich akzem ruierten, ebenso deutlichen wie schnoddrigen vre“.P1*2 Des Amtsvorstehers über das eigenwillig gefärbte SDiom des alten Herrn Krüger bis zu dem aus so vielen Stücken Hauptmanns vertrauten, schon etwas ab geschliffenen Schlesischen, das Mutter Wolff Heimat bezeichnet.
Darüber sind aber die Unterschiede der beiden Stücke, die man Gegenstücke genannt hat, nicht zu übersehen. Kleist allein hatte den grandiosen Lustspieleinfall, den Richter mit dem Schuldigen zu identifizieren; im „Krug" ist ferner die Untat bereits geschehen, und ihre schrittweise Aufdeckung führ! nicht nur zur verdienten Strafe, sondern gibt dem Gangen auch eine dramatisch vollkommene Rundung. Wenn bei Kleist der Vorhang fällt, ist es wirklich aus und kein Wort mehr zu verlieren; als er, in den ersten Aufführungen, bei Hauptmann fiel, sagten manche Besucher: na — und ? ... und fingen erst an der Garderobe wieder an zu lachen. Damit sollen die beiden Stücke beileibe nicht gegeneinander ausgespielt werden — wir haben gar nicht so viele echte Lustspiele, daß wir uns das leisten dürften —, sondern Wesensunterschiede bezeichnet werden.
Im „Biberpelz" stehen sich der Richter und die Schuldige durchaus getrennt gegenüber, und zwar als Repräsentanten des Volkes hier und der Staatsgewalt dort, und beide sind in dieser Eigenschaft ebenso typisch wie ftagwürdig. Während bei Kleist das Komische in feiner Wirkung darauf beruht, daß der Richter wider Willen über sich selbst zu Gericht sitzen muß, beruht es bei Hauptmann darauf, daß die Borniertheit des Richters von Der Pfiffigkeit Der Diebin fortgesetzt überrumpelt wirb, und daß Der Richter, auf Der Jagd nach politisch Mißliebigen (statt nach Dem Pelz unD Dem Dieb), Den Wald vor Bäumen nicht sieht. Unschuldige verdächtigt und Die SchulDige nicht nur nicht faßt, sondern sie obendrein noch als eine ehrliche Haut bezeichnet.
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Kleist war Dramatiker, Hauptmann war im „Biberpelz" in erster Linie Naturalist, und Der Naturalismus ist im tiefsten Wesensgrunde undrama- tisch. Kleists Technik im „Krug" ist analytisch, auf- lösenD; Hauptmanns Technik im „Biberpelz" ist synthetisch, zusammensetzend. Bei Kleist liegt alles in der Vergangenheit, bei Hauptmann in Der Gegenwart. Der Pelz wirD erst im Laufe Der Handlung gestohlen; vorher roirD sogar noch ein zweiter Diebstahl begangen und ebensowenig aufgeklärt. Hauptmann schildert, auch er zeichnet Charaktere, aber er bleibt im Zuständlichen, und es entspricht dem Stile Des Naturalismus, daß „alles im Sande verläuft". Da Der Täter nicht gefunden roirD, kann er auch nicht bestraft roerDen: es gibt bei Hauptmann nicht, wie bei Kleist, Den moralischen Abschluß Der Sühne. Das Laster triumphiert. Daß man Dennoch erheitert daoongeht, beruht auf Der Wesensmischung Der weib
lichen Hauptfigur und ihres männlichen Gegenspielers. Dieses Stück konnte schlechterdings nicht anders enden; als Hauptmann sich später dazu verleiten ließ, im „Roten Hahn" eine Fortsetzung zu schreiben, brachte auch Die abermalige Konfrontation der beiden Gegenspieler keine Entscheidung; das Stück ist schwächer, wurde ein Mißerfolg und führt im Prinzip schon über Das Wesen Des naturalistischen Dramas hinaus, Dem ja der Dichter überhaupt im Laufe Der Jahrzehnte immer mehr entwuchs. —
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Die Problematik einer Inszenierung Des „Biberpelzes" — wie jedes Stückes aus Dieser Zeit — beruht nicht allein auf jenem dem naturalistischen Drama eigentümlichen Klima, Das sich nicht nur im Tempo ausdrückt: es besteht auch die Gefahr, über Das Satirische ins Possenhafte abzugleiten; unD endlich ist in allen frühen Stücken Hauptmanns Der Dialekt eine Aufgabe, Deren natürliche Schwierigkeiten auf Der Hand liegen. Da aber mittlerweile seit Der ersten Aufführung Des „Biberpelzes" nähern fünf Jahrzehnte vergangen sind, in Denen sich die Welt gewaltig gewandelt hat, hat Das Drama heute längst die politische Spitze unD Aktualität verloren, Die in den neunziger Jahren jedermann empfinden mußte. Der Spielleiter, Herr Geißler, legte denn mit Recht den Akzent durchaus auf Die Charackterkomödie, Die in Dem halben Jahrhundert nichts von ihrer Substanz und ihrer menschlichen Fülle eingebüßt hat. Auch der Dialekt — ohne den das Drama feine Farbe verlöre — läßt sich, wie es hier mit Geschick geschah, bis zu gewissem Grade neutralisieren; daß einige Figuren darüber hinaus zu überraschend unbezweifelbarer mundartlicher Echtheit gediehen. Darf als erfreulicher Gewinn vermerkt werden. Das Gegenwärtig-Zuständliche, von Dem schon die Rede war, kam im übrigen im Sinne eines naturalistischen Sittenstückes treffend heraus, ohne daß doch Die dem Vorgang innewohnende Spannung unterbrochen wurde. — Herrn Löfflers Bühnenbilder stellten die zwielichtige Diebsbude an der Spree zu der hellgetünchten Nüchternheit von Wehrhahns Amtszimmer in sinnvoll betonten Kontrast. —
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Die Mutter Wolffen, mit Deren Verleidlichung jede Aufführung Des „Biberpelzes" steht und fällt, spielte Hella Henzky. Sie wirkte im äußeren Bilde (wenn man an Else Lehmann oder Lucie Höflich als Die berühmtesten Trägerinnen dieser Rolle denkt) nahezu zierlich, aber sie hatte die „Temperatur", von Der sie selber spricht. Das Gewiefte und Alerte, die spur-
sinnige Pfiffigkeit unD volkstümliche Frechheit, die im Brustton biederster Ehrlichkeit ihren heitersten Ausdruck findet; daß sie mit „Lebensdingen", wie es bei Hauptmann heißt, Bescheid weiß, glaubt man ihr unbesehen, und das beim Besuch des kleinen Philipp Fleischer jäh und schmerzlich ausbrechende Muttergefühl ist so echt wie Der Stolz auf Die eigenen Töchter, auf Deren BilDung und Fortkommen sie sehr bedacht ist.
Den Wehrhahn spielte Herr Ernst. Die Gefahr Der Rolle Drohte von jeher in Der naheliegenden Möglichkeit, in Die Karikatur abzugletten, womit sie natürlich jeDes Gegengewicht gegen Die lebenDige Fülle Der Wolffen verlieren muß. Herr Ernst war klug genug, Diese Gefahr zu erkennen und ihr (von ein paar leichten Uebertreibungen abgesehen) zu begegnen, indem er die Begriffsstutzigkeit Des junkerlichen Beamten mit einer angeborenen und anerzogenen Ueberheblichkeit verband; Dazu kam Die verrannte und für alle übrigen Anliegen feines Tätigkeitsbereiches blinde Beharrlichkeit, mit der er Den heiligsten Gütern der Nation auf falscher Fährte glaubt Dienen zu müssen.
Gut, auch im Mundartlichen, war die Sippe Der Wolffen getroffen: Herr ßa porte vor allem als Julian, Der mit seiner maulfaulen PomaDigkeit Die „Temperatur" seiner Frau zum Kochen bringen muß; Dann Die Töchter, Waltraud Goettke und Hannelore Hinkel, die mit schöner Naturtreus Den schlaksig berlinernden Backfisch Adelheid spielte. Herr Volck war Der aufgeregt Recht heischende Staatsbürger Krüger, Herr B o s n y Der brutal- kriecherische Denunziant Motes. Herr Caninen- berg, angenehm schlicht unD still, als Dr. Fleischer, Herr E r l e r, Der gemütliche Schiffer Wulkow, Herr Geiger (Mitteldors, schon mthr eine Schwankfigur), Herr Seitz (Glasenapp) und HilDe Kneip (Frau Motes) runDeten Das Ensemble ab. —
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Mit den Darstellern konnte zuletzt der Spiekletter den Beifall Des stark besuchten Hauses entgegennehmen. — Nach Der Pause trat Intendant Klein! vor den Vorhang, um als Hausherr und Betriebsführer Herrn Oberbürgermeister Ritter herzliche Glückwünsche zu seinem 50. Geburtstage auszuspre« chen; er verband damit den Dank des Theaters für zuteilgewordene Förderung und die Bitte um rege* Unterstützung auch im nächsten Jahre.
Hans Thyrioty


