Ausgabe 
17.12.1941
 
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machte. Man kann also wohl behaupten, daß in Malaya die Geschäfte wirklich außerordentlich pro­fitbringend waren. Dabei ist mit der genannten Ziffer die Bedeutung Britisch-Malayas für die Zinn- und Kautschukwirtschaft noch keineswegs er­schöpft. Hier, in Singapur und in Penang, befinden sich auch die großen englischen Zinnhütten, an die nicht nur die Zinnerze Thailands und Burmas, sondern auch, nach der Trennung vom Mutterlands, die niederländisch-indischen Zinnerze zur Verhüt­tung gegeben wurden. Die Erzeugung Malayas und Niederländisch-Jndiens an Zinnerzen machte aber ebenfalls zusammen fast 40 v. H. aus, so daß also über Britisch-Malaya rund 90 v. H. der ge­samten Zinnerzförderung der Welt gingen. Daraus mag man am besten die Bedeutung dieses Landes für die Zinnwirtschaft der gesamten Welt erkennen. Für England hatte diese Entwicklung die ange­nehme Wirkung, daß ihm aus den Zinn- und Gummiausfuhren Britisch-Malayas ein reicher Devisen ström zufließt. Die Amerikaner zahlten in Dollars, allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 1940 gewann England aus diesen amerika­nischen Käufen 250 Millionen Dollar. Die Einfuh­ren aus Thailand sowie aus Niederländisch-Jndien wurden dagegen auf Sterlingbasis berechnet. Bri- tisch-Malaya war also heute wirklich ein wahrer Dukatenesel für England.

Völlig anders aber sieht das Bild aus, wenn man die Interessen der malaiischen Wirtschaft selbst berücksichtigt. Don der gesamten Zinnförderung hatte der Malaie so gut wie gar nichts, da die Zinngruben sich entweder in englischem Be- s i tz oder zu ungefähr 33 v. H. i n ch i n e s i - s ch e m Besitz befinden. Mit 2,225 Mill, machten die Chinesen fast die Hälfte der gesamten Bevölke­rung aus. Der Malaie selbst ist Bauer, d. h. heute überwiegend Kautschukpflanzer. Aus der Vergangenheit haben die Malaien aber gelernt, daß vorübergehende Hochkonjunkturen für Rohkaut- schuk ebenso wie für Zinn ihnen selbst nur wenig nützen, da ihnen meist um so schlimmere Krisen folgen. Aus diesem Grunde war man bereits seit Jahren bemüht, die gefährliche, einseitige Mono­kultur des Kautschukanbaues zu beseitigen, indem

man Oelfrüchte, Kopra und Ananas zusätzlich anbaute. Diese erfolgreichen Bemühungen im Ananasanbau waren bereits mehr als 10 000 Arbeiter beschäftigt sind jetzt mit einem Schlage zunichte gemacht worden. Die Ausfuhr an Kopra ging um 40 v. H. zurück und der Ananas­anbau mußte gänzlich eingestellt werden, nachdem eine Ernte infolge völliger Absatzunmöglichkeit auf den Feldern verfaulte.

Die Kehrseite der Medaille, nämlich die Ein- fuhr entwicklung, ist ebenfalls wenig günstig. Eisen, Stahl und Maschinen, Kabel und Metall­waren waren vor dem Kriege hauptsächlich aus Deutschland bezogen worden. Sie fehlen na- turgemäß jetzt. Die billigen Konsumwaren, haupt­sächlich Textilien, kamen aus Japan. Vor allem jedoch war die Ernährung des Landes völlig ungesichert. Das Hauptnahrungsmittel ist der Reis. An eigener Erzeugung deckte Malaya knapp ein Drittel seines Bedarfs, die restlichen zwei Drittel wurden aus Burma und aus Thailand eingeführt. Zu allem Unglück lagen die malaiischen Reisanbau­gebiete auch noch fast ausschließlich im Norden des Landes an der thailändischen Grenze. Bei den jetzt eingetretenen kriegerischen Verwicklungen ist die Vevsorgungslage also außerordentlich ungünstig, zu­mal da noch englische Truppen mit verpflegt wer- den müssen. Im Interesse der Malaien lag also die Erhaltung des Friedens. Aber dank der von Eng­land bewußt geförderten staatlichen Zersplitterung waren die Malaien nicht in der Lage, ihre Inter­essen durchzusetzen. Neben den unmittelbar unter britischer Herrschaft stehenden Straits Setttements mit Singapur und Penang stehen die im malaiischen Bund zusammengeschlossenen Sultanate Perak, Selangor, Negri-Sembilan und Pahang, zu denen dann noch fünfunabhängige" Sultanate kommen, nämlich Iojore, Kedan, Kelantan, Trengganu und Perlis. Bei einer solchen staatlichen Zersplitterung des insgesamt 144 760 qkm großen, von rund 4,5 Mill. Menschen bevölkerten Gebietes domi­nierte selbstverständlich Englands Wille absolut. Der Malaie war im eigenen Lande nur Arbeitstier für England, Großbritanniens Dukatenesel. V. A.

Stockholm, 16. Dez. (Europapreß.) Wenn man auch in Londoner Kreisen die Hoffnung hegt, daß die Festung Hongkong nicht kapitulieren werde, solange auch nur die geringste Aussicht auf Ver­teidigung besteht, so erkennt man doch den Ernst der Lage, da Hongkong unter dem Beschuß der schweren japanischen Artillerie liegt, die rings um die von japanischen Truppen erstürmte Festung

Die Insel Hongkong. (Scherl-Bilderdienst-M.)

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Kaulun in Stellung gebracht worden ist. Die Menge der in Hongkong aufgestapelten Lebensmittel soll für eine Belagerung von drei Monaten reichen. Doch wird die Tatsache als gefährlich bezeichnet, daß die Insel Hongkong auch von der Seeseite her völlig abgeschnitten und ganz sich selbst über­lassen ist.

Die trübe Auffassung über die Zukunft der Festung wird auch durch den Eindruck verstärkt, den der japanische Vormarsch auf Ma­lakka hevvorgerufen hat. Nachdem sich die Japa­ner dort einen Weg über den schmälsten Teil der Landenge gebahnt haben, ist nunmehr jegliche Land­verbindung zwischen Malakka und Burma unmög­lich gemacht. In der Provinz Kedah haben die Japaner das schwierigste Gelände bald überwunden, womit sich ihnen eine verhältnismäßig günstige Vormar^lini^^U^^in^a^ur^^fnet^Die^e^tek^

in London vorliegenden Meldungen aus Singapur berichten von weiteren h eftigen Kämpfen b e i Kedah. Das Kedah-Gebiet ist die reichste Gegend der malaiischen Staaten, ihr Verlust wird von Kennern der dortigen Verhältnisse als ein schwerer Schlag aufgefaßt. Gefährlich sei auch der Verlust von Flugplätzen in den malaiischen Gebie­ten, weil es den Japanern mit der Zeit gelingen werde, mit ihrer Lusttvasfe weiter nach Süden vor­zustoßen. Am Wochenanfang hat eine britische Tank­division, die den südwärts vorrückenden japanischen Truppen entgegengeworfen worden war, eine schwere Niederlage erlitten. Inzwischen lan­den die Japaner eine große Anzahl Tanks an der Ostküste der malaiischen Halbinsel Die Schwierig- feiten, die die Tankwaffe im tropischen Klima zu überwinden hat, stellen an die Tankbesatzungen größte Anforderungen. Die Räumung des wichtigen Flugstützpunktes am Kap Viktoria, das als südlichster Punkt von Burma an der engsten Stelle der Landenge von Kra eine besondere strategische Bedeutung besitzt, hat vielen Engländern blitzartig die ernste Gefahr für Singapur aufgezeigt. Kap Viktoria ist ein Luftstützpunkt, von dem aus Bomben­angriffe gegen Singapur unternommen werden kön­nen. Von Kap Viktoria aus können auch die Gewässer der Straße von Malakka beherrscht werden und die Kontrolle zu Lande über große Teile der Halbinsel.

Daily Mail" greift verschiedene Militärpersonen und Politiker an, die sichüberoptimistisch" über die Lage in Ostasien ausgesprochen hätten. Insbeson­dere richten sich diese Vorwürfe gegen den Ober­befehlshaber der Fernostttuppen, Sir Robert Brooke P o p h a m, den Vizeluftmarschall P u l f o r d, den früheren Informationsminister Duff Cooper und Sir Carle Page, den Repräsentanten der australischen Regierung in London. DieDaily Mail" fragt anzüglich:Haben die Japaner von Kreta gelernt, während wir diePrince of Wales" undRepulse" verloren haben, weil wir nichts ge­lernt haben?" AuchNews Chronicle" verlangt eine gründliche Untersuchung. Eine neue Geheimsitzung des Unterhauses wird am Freitag stattfinden. Die stürmische Kritik, die neulich, geführt von Groß­admiral Sir Roger Key es-, an der Erklärung Churchills über den Verlust der beiden Schlacht­

Die moderne Musik und das Publikum.

Von Wilhelm Furtwängler.

Staatsrat Dr. Wilhelm Furtwäng­ler, der als Dirigent der Berliner Phil­harmonischen Konzerte sich verantwortungs­bewußt für das Schaffen der Zeitgenossen einsetzt, macht über die Gesichtspunkte, nach denen er neue Werke auswählt, und über die Verpflichtung des Publikums zur Kritik die folgenden Ausführungen.

Ein gelungenes Werk, das nicht nur für den Tag geschrieben ist, war zu allen Zeiten selten. Die Generation von heute hat aber ein Recht darauf, zu Worte zu kommen, auch da, wo sie irrt oder tastet. Eines freilich immer voraus­gesetzt: daß sie wirklich von heute, daß sie leben­dige Gegenwart ist.

Nicht ist dies der Fall bei allen jenen Werken, die versuchen, dem, was schon einmal Gestalt gewann, nochmals Ausdruck zu geben. In der Kunst kann man nichts zweimal sagen; solche Werke sind, sie mögen so geschickt gemacht sein wie sie wol­len, von innen heraus überflüssig. Nicht in Frage kommen ferner alle jene Werke, die ich als ,chilet- ta n t i s ch" bezeichnen möchte, und die gerade heute einen großen Teil der anfallenden Produktion aus­machen. Es sind das solche, in denen das, was sie aussagen wollen, noch nicht oder nicht ganz Kunst geworden ist, sei es, daß der Autor den Gebrauch der eigenständigen Mittel der Kunst nicht genügend

beherrscht, sei es, daß er diese Mittel selbst von rein intellektuellen Theorien besessen verge­waltigt.

Ein modernes Werk muß vor allem vom wirk­lichen Menschen von heute etwas aus­sagen. Dann hat es genug Bedeutung und Ge­wicht, um für die Gegenwart als repräsentativ gelten zu können. Nicht darf von der Auswahl dieser Werke unmittelbar auf meine persönlichen Neigungen und Anschauungen geschlossen werden. Als Künstler bin ich notwendig ein anderer wie als Verwalter eines Instituts, mag auch beides schließ­lich zusammenhängen.

Sinn der Aufführung neuer Werke ist, daß das Publikum sich mit ihnen auseinandersetzt. Alles, was eine solche Auseinandersetzung hemmt, ist oom. liebel Das Publikum soll feine eigene Mei­nung haben, soll sie äußern; es ist besser für alle Beteiligten, nicht zuletzt auch für den betreffenden Autor, wenn es seinem Mißfallen Ausdruck verleiht, als wenn es unter allen Umständen in wohlanständiger Zurückhaltung zu verharren sich bemüht. Was wäre einerseits sein Beifall wert, wenn es auf der andern Seite nicht zu einem herz­haften Mißfallen imstande wäre?! Ich habe mich, was an mir liegt, stets bemüht, zu verhindern, daß das Publikum den Konzertsaal mit einem Museum verivechselt. Dieses muß der Bildung gehören, jener gehört dem Leben.

Abschied von Reichsminister Hanns Kerrl

Berlin, 16. Dez. (DNB.) Am Dienstag wurde der Reichsminister SA.-Obergruppenführer Hanns Kerrl zur letzten Ruhe gebettet. Zu Ehren des Verstorbenen fand im Marmorsaal der Neuen Reichskanzlei ein Staatsakt statt. Zahlreiche füh­rende Männer des nationalfozialisttschen Deutsch­lands, Diplomaten der uns befreundeten Mächte, Mitarbeiter, Mitkämpfer und Freunde erwiesen ihm die letzte Ehre. Vor der rückwärtigen, mit dem Hakenkreuz geschmückten Wand war der Sarg auf« gestellt. Die Farben des Reiches deckten ihn. Darauf lag die.-Mütze. Die SA.-Standarte Peine, eine Sturmfahne der SA. und eine Fahne des Reichs­arbeitsdienstes hatten Aufstellung genommen. Staatsminister Meißner führt die Angehörigen des Verstorbenen in den Saal. Kurz danach erscheint der Reichsmarschall zusammen mit Staatssekretär Dr. Muhs. Er nimmt an der Seite der Witwe des Verstorbenen Platz. Nach dem Vorspiel zu Parsi- fal erhebt sich Reichsminister Rust. Er schildert, wie Hanns Kerrl zunächst als Kreisleiter in Peine, als Abgeordneter im Preußischen Landtag und später als Landtagspräsident den Vaden für den Führer erkämpfte, dann als preußischer Iustizmini- ster das preußische Erbhofgesetz schuf und auch als Ches der Reichsstelle für Raumordnung ein frucht­bares Arbeitsfeld erhielt. Als Leiter des Reichs­ministeriums für die kirchlichen Angelegenheiten führte er sein Amt mit jener Derantwortungsfreu- oigkeit, die den echten Nationalsozialisten kennzeicb- nete. Er schließt mit den Worten:Deine Ehrlich­keit und Gradheit, deine Verläßlichkeit in guten und schweren Stunden, deine Herzensgüte und deine immer wieder durchbrechende Frohnatur haben wie eine Naturkraft Licht und Leben geweckt, auch noch in der letzten Zeit, da deine sichtlich angegriffene Gesundheit uns allen Sorge machte. Daran schlie­

ßen sich herzliche und sehr persönlich gehaltene Worte des Staatssekretärs Muhs, der dem Mi- nister Lebewohl sagt namens aller Gefolgschafts­mitglieder des Reichsministeriums für die kirchlichen Angelegenheiten.

Nun erhebt sich der Reichsmarschall. Unter den Klängen des Liedes vom guten Kameraden legt er den Kranz des Führers nieder. Der Führer hat mich beauftragt, in seinem Namen Abschied von dir zu nehmen, so sagt er. Ich soll dir seinen Dank sagen für all deine unerschütterliche Treue in den vielen Jahren, wir wissen es, daß von allen Tugen­den der Führer stets die Treue als die höchste und edelste Eigenschaft des deutschen Mannes bezeichnet hat. Diesen Dank, Hanns Kerrl, sage ich dir in seinem Namen. Und damit darf auch ich dir danken für die vielen Jahre, da du mir ebenfalls ein nie wankender, unerschütterlicher, treuer Freund ge­wesen bist. Der Führer wird dein Andenken stets als das eines immer kampfbereiten, ihm treu er­gebenen Nationalsozialisten wahren. Lebwohl!

Der Reichsmarschall reicht der Witwe die Hand. Inzwischen intoniert das Staatsorchester den Trauermarsch von Beethoven. Unter seinen Klängen wird der Sarg aus dem Raum getragen. Im Ehren­hof ist eine Kompanie der Leibstandarte Adolf Hitler zur Trauerparade angetreten. Nach Dahlem führt der Weg zum Waldfriedhof, wo ein Ehrenzug der SA.-Standarte Feldherrnhalle Aufstellung genom­men hatte. Oberkonsistorialrat Lic. Ellwein ent­warf bti der Trauerfeier in der Kapelle inbewegten Worten ein Bild des mitten aus feinem reichen Schaffen entrissenen Mannes. In das abendliche Dunkel hinaus wird dann der Sarg zur Gruft ge­tragen. Während drei Salven über den stillen Fried­hof hallen, finkt der Sarg in die Tiefe.

schiffe geübt wurde, ist durch die ausweichenden Er­klärungen des Ministerpräsidenten nicht befriedigt worden. Es kann sicher damit gerechnet werden, daß Keyes einen neuen Vorstoß gegen die Regie­rung unternehmen wird. Außerdem werden voraus­sichtlich wirtschaftliche Probleme eine wichtige Rolle spielen, da durch den zu erwartenden Ausfall der amerikanischen Lieferungen eine weitere Anspan­nung der britischen Industrie notwendig wird. Dies wird auch eine weitere Erhöhung der Kriegskosten mit sich bringen, die in den bisherigen 27 Kriegs­monaten 8,3 Milliarden Pfund betragen.

*

Schanghai, 16. Dez. (Europapreß.) Die austra­lische Regierung hat die Evakuierung aller Frauen und Kinoer aus der Stadt Darwin ungeordnet. Darwin, an der Nordwestspitze Australiens gelegen.

ist die wichtigste Basis des Verteidigungssystems dieses Kontinents nach Norden. Seit 1935 ist der Hafen von Darwin stark ausgebaut und befestigt worden. Durch die Anlegung von Flugplätzen, Brennstofftanks und den Ausbau neuer Verkeyrs- verbindungen ist Darwin neben Hongkong und Singapur einer der stärksten Stützpunkte des briti­schen Weltreiches im Fernen Osten geworden.

Knox bei Roosevelt.

Die Verluste der NSA.-Marine bei Hawai.

Lissabon, 16. Dez. (Europapreß.) Marine- minifter Knox hatte sofort nach feiner Rückkehr aus Hawai eine zweistündige Unterredung mit Roosevelt. Er bezifferte die Verluste der USA.-glotte an Menschenleben auf 2729 Mann und gestand,

Goethes unvergeßliche Suleika.

Von Herbert Caspers.

Eine der unvergeßlichsten und schönsten Frauen- gestalten der deutschen Literatur ist Marianne von Willemer, der Goethe rrnWest- ösllichen Divan" als Suleika ein ewiges Denkmal fetzte. Sie war die Frau, die in glücklicher Weise die Temperamente ihres künstlerisch aufgeschlosse­nen ostmärkischen Blutes verband mit den reichen Anregungen ihrer rhein-mainischen zweiten Heimat, die den alternden Dichter zu leidenschaftlichen und schönheitstrunkenen Versen anfeuerte und ihm im wahrsten Sinne des Wortes zur Muse luuroe, der wir vor allem die Schönheiten des Divans ver­danken. Das schönste Denkmal aber setzte ihr Goethe, indem er Gedichte der Marianne von Wille­mer als seine eigenen in den Divan aufnahm.

Maria Anna Katharina Theresia Jung ist am 20. November 1784 in Linz aw der Donau ge­boren worden als Tochter eines Instrumenten­machers, der seinem Kinde die Neigung zu den schönen Künsten vererbte. Das hübsche Mädchen war schon frühzeitig geistig und künstlerisch viel­seitig interessiert. Musikalische Gaben hatte ihr das Vaterhaus mitgegeben. Der Geistliche Welty ver­mittelte ihr die ersten Einblicke in das literarische Leben der Zeit. Zu Weihnachten 1798 kam die 11jährige nach Frankfurt am Main. Sie spielte dort Modesachen von Kotzebue, Iftlcmd und ande­ren, gefiel aber besonders durch ihre bezaubernde Anmut und Zierlichkeit in den Ballett-Divertisse­ments einer gefühlvollen Zeit. Hier wurde Clemens Brentano, der durch Frau Rat Goethe auf sie aufmerksam gemacht morden war, von ihr be­geistert. Er hat Marianne Jungs Bildnis in ver­schiedenen Gestalten seiner Werke, so in den Zügen der holdseligsten Tänzerin Biondetta, nochge- schaffen.

Die große Wende im Leben Mariannes wurde durch den Frankfurter Bankier und Kunstmäzen, den späteren Geheimen Rat Johann Jakob Willemer, der 1816 den österreichischen Adel erhielt, herbeigeführt, als er sie als Pflegetochter l"is der Unsicherheit des Theaterlebens heraus in Vm Haus holte. Dort erhielt Marigmre eüw vor­

treffliche Erziehung. Willemer war reich, fünft- lcrifch außerordentlich interessiert und angesehen. Nachdem sie 14 Jahre im Hause ihres väterlichen Freundes gewohnt hatte, heiratete sie am 27. No­vember 1814 den 25 Jahre älteren Johann Jakob Willemer. Es wurde eine gute Ehe, die auch von dem großen Schicksal nicht berührt wurde, das ihr kurz darauf begegnete, als Goethe in ihr Leben trat.

Goethe war 65 Jahre alt und Marianne zahlte 31 Jahre, als sie sich im September 1814 zum erstenmal begegneten. Goethe war entzückt und be­geistert von der reifen Schönheit, dem jugendlichen Temperament, dem fraulichen Liebreiz und der Klugheit der allen Musen gleichermaßen verwandten Frau, die ganz offenbar die schönste Frucht einer Vereinigung des lebensfrohen und kunstbegeister­ten ostmärkischen Temperamentes mit den Genien mar, die Goethes Heimat zwischen Rhein und Main, den uralten Kulturzentren des Reiches, ihren Menschen mit auf den Weg gibt. Die Familien Willemer und Goethe waren schon lange miteinan­der bekannt. So ergab es sich zwanglos, daß der weltberühmte Dichter auf dem Sömmersitz der Willemers vor den Toren der alten schönen Reichs­stadt am Ufer des Mains und später auch in der Stadtwohnung mit der jungen Frau des Haus­herrn zusammentraf. 1815 war das Verhältnis zwischen ihm und Marianne schon zu dem innigen Liebesbunde geworden, der in dem Liebesgesang zwischen Suleika und Hatem im West-östlichen Divan seine schönste Erfüllung fand.

Für den alternden Dichter wurde seine späte Liebe zu einer unerhörten neuen Erweckung des Genius. Die Gedichte seines West-östlichen Divan erhalten jugendliches Feuer, Glut, Leidenschaft, Sehnsucht und Leid, sprechen so menschlich an wie nie, feit Suleika-Marianne dem Dichter zur Muse wird. Es entsteht die Einzigartigkeit, daß dem größ­ten Dichter des deutschen Volkes auf seine Liebes­gedichte eine Frau gleichwertig antwortet. Goethe hat Mariannes Gedichte als seine eigenen in den Divan ausgenommen, weil sievon ihm geweckt und ihm gewidmet, denn auch wohl im schönsten Sinn sein Eigen genannt werden dürften". Aller­dings geht die Annahme fehl, alle Suleika-Gedichte stammten von Marianne. Sie hat später Hermann Grimm gegenüber vier ausdrücklich als ihre eigene Poesie bezeichnet, aberdoch hab ich man­ches angeregt, veranlaßt und erlebt"« x

Marianne von Willemer hat an der schönsten deutschen Frauen- und Liebeslyrik mitgeschaffen. Köstlich bleibt immer ihr berühmtesLied an den Ostwind", das sie jubelnd auf der Fahrt nach Hei­delberg zum Wiedersehen mit Goethe gesungen hat:

Ach, die wahre Herzenskunde, Liebeshauch, erfrischtes Leben Wird mir nur aus feinem Munde, Kann mir nur fein Atem geben.

Als Goethe sich zu alt fühlen möchte zu neuer Liebe und entsagen will, ruft sie ihm zu ein jubeln­des Nein: Denn das Leben ist die Liebe, und des Lebens Leben Geist! Aber dennoch ringt sich nach Wochen des Glücks Goethe zur Entsagung durch. Mariannes schönstes Lied entsteht, das ,Zied an den Westwind", als der Geliebte abreift:

Sag ihm nur, doch saa's bescheiden. Seine Liebe sei mein Leben!

Freudiges Gefühl von beiden wird nur feine Nähe geben.

Es entwickelt sich in den nächsten Jahren ein reicher Briefwechsel zwischen Frankfurt und Wei­mar, an dem sich auch der Gatte Willemer lebhaft beteiligt. Die Liebe schläft nicht, aber sie findet ihren leidenschaftlichen Ausdruck nur noch in den Chiffre-Briefen", in .denen die Liebenden einan­der auch Du sagen, während im übrigen Briefver­kehr die Anreden und die persönlichen Wünsche zeit­gemäß konventionell gehalten sind. Gleichwohl ver­sichert im Dezember 1818 Marianne dem geliebten Mann:Wenn ich mir jetzt jenen Zustand (der Liebestage im Jahre 1815) vergegenwärtige, so möchte ich wohl nicht mit Unrecht mich mit einem Baum vergleichen, dem ein schöner Herbst neue Blüten entlockt: die alles belebende Sonne schmückte mich noch einmal mit dem Kranze der Jugend; es war mein letztes Glück! Der Ernst tritt in mein Leben wie ein kalter Winter und die Blüte fällt." Und auch Goethe versichert im Jahre darauf der Geliebten in der Ferne:So höre doppelt und drei­fach die Versicherung, daß ich jedes deiner Gefühle herzlich und unablässig erwidere."

Der Dichter ist bis zu seinem Lebensende Ma­riannen nicht mehr in den Weg getreten. Am 22. März 1832 schloß er die Augen. Sein getreuer Eckermann schrieb einige Tage darauf aber an Marianne Willemer, daß der Sterbende noch wenige Tage vor dem Tode ihrer gedacht habe unddaß picht leicht eips Mett ein innigeres Verhältnis

zu ihm hat haben können wie Sie. Ja, wer sich an Ihn halten konnte, mußte etwas fein, und wer sich an Ihn hielt, mußte etwas werden."

AlsGroßmütterchen", das alle Welt liebte und verehrte, starb Marianne von Willemer am 6. De­zember 1860. Sie hat ihr Geheimnis nicht mit ins Grab genommen, sondern Hermann Grimm, Wil­helms Grimms Sohn, im Herbst 1850 die schöne Tatsache geoffenbart, die Suleika in Goethes Leben gewesen zu sein. Aber Grimm hat pietätvoll ge­schwiegen, bis er 1869 in den Preußischen Jahr­büchern eine der schönsten Episoden im Leben Goethes enthüllte.

Düchertifth.

Frei vor dem Tod. Zeugnisse von heldi-- schem Leben und stolzer Trauer. Ausgewählt von Alwin R ü f f e r. 64 Seiten mit Bildern. Im Ver­lag von Karl Christ in Gießen, 1941. (107) Das mit einigen guten Photowiedergaben bebil­derte Bändchen des Gießener Verlegers Christ sam­melt in Aussprüchen, Briefstellen und Gedichten aus alter und neuer Zeit bekannte und minder bekannte, zeitnahe, herzerhebende und tröftenbe Beiträge zum ewigen Thema der Vaterlandsliebe und des tapferen Opfertodes. Don Friedrich dem Großen und Bismarck bis Adolf Hitler und Rosen­berg, von Kleist und Clausewitz bis zu Rilke und Kolbenheyer sind hier Stimmen der Dichter und Denker und Staatsmänner zu einem Chore ver­einigt, der heute mehr denn je zuvor vernommen zu werden verdient. Hans Thyriot.

Hirts Erdkunde in Stichworten. Kurzausgabe in zwei Heften. Heft 1: Deutschland und Europa, mit 26 Abbildungen im Text und 96 Bildern. Steif geheftet 1,10 RM. Heft 2: Die fremden Erdteile, mit 18 Abbildungen im Text und 48 Bildern. Steif geheftet 0,90 RM. Verlag Ferdinand Hirt in Breslau. Diese Kuxzausgabe bringt eine gedrängte, sachliche Zusammenfassung des erdkundlichen Wissens der Gegenwart unter Berücksichtigung der grundlegenden wirtschaftlichen, rassischen und' kulturellen Zusammenhänge.'. Klare Gliederung und sorgsam gewählte sprachliche) Form haben es ermöglicht, den umfangreichen Svoff in knappester Form darzustellen. Ueberstchtlich^ Her­aushebung des Wesentlichen und Veranschaulichung in Kartenskizzen uni> Diagrammen erleichterm die Benutzung, >