machte. Man kann also wohl behaupten, daß in Malaya die Geschäfte wirklich außerordentlich profitbringend waren. Dabei ist mit der genannten Ziffer die Bedeutung Britisch-Malayas für die Zinn- und Kautschukwirtschaft noch keineswegs erschöpft. Hier, in Singapur und in Penang, befinden sich auch die großen englischen Zinnhütten, an die nicht nur die Zinnerze Thailands und Burmas, sondern auch, nach der Trennung vom Mutterlands, die niederländisch-indischen Zinnerze zur Verhüttung gegeben wurden. Die Erzeugung Malayas und Niederländisch-Jndiens an Zinnerzen machte aber ebenfalls zusammen fast 40 v. H. aus, so daß also über Britisch-Malaya rund 90 v. H. der gesamten Zinnerzförderung der Welt gingen. Daraus mag man am besten die Bedeutung dieses Landes für die Zinnwirtschaft der gesamten Welt erkennen. Für England hatte diese Entwicklung die angenehme Wirkung, daß ihm aus den Zinn- und Gummiausfuhren Britisch-Malayas ein reicher Devisen ström zufließt. Die Amerikaner zahlten in Dollars, allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 1940 gewann England aus diesen amerikanischen Käufen 250 Millionen Dollar. Die Einfuhren aus Thailand sowie aus Niederländisch-Jndien wurden dagegen auf Sterlingbasis berechnet. Bri- tisch-Malaya war also heute wirklich ein wahrer Dukatenesel für England.
Völlig anders aber sieht das Bild aus, wenn man die Interessen der malaiischen Wirtschaft selbst berücksichtigt. Don der gesamten Zinnförderung hatte der Malaie so gut wie gar nichts, da die Zinngruben sich entweder in englischem Be- s i tz oder — zu ungefähr 33 v. H. — i n ch i n e s i - s ch e m Besitz befinden. Mit 2,225 Mill, machten die Chinesen fast die Hälfte der gesamten Bevölkerung aus. Der Malaie selbst ist Bauer, d. h. heute überwiegend Kautschukpflanzer. Aus der Vergangenheit haben die Malaien aber gelernt, daß vorübergehende Hochkonjunkturen für Rohkaut- schuk ebenso wie für Zinn ihnen selbst nur wenig nützen, da ihnen meist um so schlimmere Krisen folgen. Aus diesem Grunde war man bereits seit Jahren bemüht, die gefährliche, einseitige Monokultur des Kautschukanbaues zu beseitigen, indem
man Oelfrüchte, Kopra und Ananas zusätzlich anbaute. Diese erfolgreichen Bemühungen — im Ananasanbau waren bereits mehr als 10 000 Arbeiter beschäftigt — sind jetzt mit einem Schlage zunichte gemacht worden. Die Ausfuhr an Kopra ging um 40 v. H. zurück und der Ananasanbau mußte gänzlich eingestellt werden, nachdem eine Ernte infolge völliger Absatzunmöglichkeit auf den Feldern verfaulte.
Die Kehrseite der Medaille, nämlich die Ein- fuhr entwicklung, ist ebenfalls wenig günstig. Eisen, Stahl und Maschinen, Kabel und Metallwaren waren vor dem Kriege hauptsächlich aus Deutschland bezogen worden. Sie fehlen na- turgemäß jetzt. Die billigen Konsumwaren, hauptsächlich Textilien, kamen aus Japan. Vor allem jedoch war die Ernährung des Landes völlig ungesichert. Das Hauptnahrungsmittel ist der Reis. An eigener Erzeugung deckte Malaya knapp ein Drittel seines Bedarfs, die restlichen zwei Drittel wurden aus Burma und aus Thailand eingeführt. Zu allem Unglück lagen die malaiischen Reisanbaugebiete auch noch fast ausschließlich im Norden des Landes an der thailändischen Grenze. Bei den jetzt eingetretenen kriegerischen Verwicklungen ist die Vevsorgungslage also außerordentlich ungünstig, zumal da noch englische Truppen mit verpflegt wer- den müssen. Im Interesse der Malaien lag also die Erhaltung des Friedens. Aber dank der von England bewußt geförderten staatlichen Zersplitterung waren die Malaien nicht in der Lage, ihre Interessen durchzusetzen. Neben den unmittelbar unter britischer Herrschaft stehenden Straits Setttements mit Singapur und Penang stehen die im malaiischen Bund zusammengeschlossenen Sultanate Perak, Selangor, Negri-Sembilan und Pahang, zu denen dann noch fünf „unabhängige" Sultanate kommen, nämlich Iojore, Kedan, Kelantan, Trengganu und Perlis. Bei einer solchen staatlichen Zersplitterung des insgesamt 144 760 qkm großen, von rund 4,5 Mill. Menschen bevölkerten Gebietes dominierte selbstverständlich Englands Wille absolut. Der Malaie war im eigenen Lande nur Arbeitstier für England, Großbritanniens Dukatenesel. V. A.
Stockholm, 16. Dez. (Europapreß.) Wenn man auch in Londoner Kreisen die Hoffnung hegt, daß die Festung Hongkong nicht kapitulieren werde, solange auch nur die geringste Aussicht auf Verteidigung besteht, so erkennt man doch den Ernst der Lage, da Hongkong unter dem Beschuß der schweren japanischen Artillerie liegt, die rings um die von japanischen Truppen erstürmte Festung
Die Insel Hongkong. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
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Kaulun in Stellung gebracht worden ist. Die Menge der in Hongkong aufgestapelten Lebensmittel soll für eine Belagerung von drei Monaten reichen. Doch wird die Tatsache als gefährlich bezeichnet, daß die Insel Hongkong auch von der Seeseite her völlig abgeschnitten und ganz sich selbst überlassen ist.
Die trübe Auffassung über die Zukunft der Festung wird auch durch den Eindruck verstärkt, den der japanische Vormarsch auf Malakka hevvorgerufen hat. Nachdem sich die Japaner dort einen Weg über den schmälsten Teil der Landenge gebahnt haben, ist nunmehr jegliche Landverbindung zwischen Malakka und Burma unmöglich gemacht. In der Provinz Kedah haben die Japaner das schwierigste Gelände bald überwunden, womit sich ihnen eine verhältnismäßig günstige Vormar^lini^^U^^in^a^ur^rö^fnet^Die^e^tek^
in London vorliegenden Meldungen aus Singapur berichten von weiteren h eftigen Kämpfen b e i Kedah. Das Kedah-Gebiet ist die reichste Gegend der malaiischen Staaten, ihr Verlust wird von Kennern der dortigen Verhältnisse als ein schwerer Schlag aufgefaßt. Gefährlich sei auch der Verlust von Flugplätzen in den malaiischen Gebieten, weil es den Japanern mit der Zeit gelingen werde, mit ihrer Lusttvasfe weiter nach Süden vorzustoßen. Am Wochenanfang hat eine britische Tankdivision, die den südwärts vorrückenden japanischen Truppen entgegengeworfen worden war, eine schwere Niederlage erlitten. Inzwischen landen die Japaner eine große Anzahl Tanks an der Ostküste der malaiischen Halbinsel Die Schwierig- feiten, die die Tankwaffe im tropischen Klima zu überwinden hat, stellen an die Tankbesatzungen größte Anforderungen. Die Räumung des wichtigen Flugstützpunktes am Kap Viktoria, das als südlichster Punkt von Burma an der engsten Stelle der Landenge von Kra eine besondere strategische Bedeutung besitzt, hat vielen Engländern blitzartig die ernste Gefahr für Singapur aufgezeigt. Kap Viktoria ist ein Luftstützpunkt, von dem aus Bombenangriffe gegen Singapur unternommen werden können. Von Kap Viktoria aus können auch die Gewässer der Straße von Malakka beherrscht werden und die Kontrolle zu Lande über große Teile der Halbinsel.
„Daily Mail" greift verschiedene Militärpersonen und Politiker an, die sich „überoptimistisch" über die Lage in Ostasien ausgesprochen hätten. Insbesondere richten sich diese Vorwürfe gegen den Oberbefehlshaber der Fernostttuppen, Sir Robert Brooke P o p h a m, den Vizeluftmarschall P u l f o r d, den früheren Informationsminister Duff Cooper und Sir Carle Page, den Repräsentanten der australischen Regierung in London. Die „Daily Mail" fragt anzüglich: „Haben die Japaner von Kreta gelernt, während wir die „Prince of Wales" und „Repulse" verloren haben, weil wir nichts gelernt haben?" Auch „News Chronicle" verlangt eine gründliche Untersuchung. Eine neue Geheimsitzung des Unterhauses wird am Freitag stattfinden. Die stürmische Kritik, die neulich, geführt von Großadmiral Sir Roger Key es-, an der Erklärung Churchills über den Verlust der beiden Schlacht
Die moderne Musik und das Publikum.
Von Wilhelm Furtwängler.
Staatsrat Dr. Wilhelm Furtwängler, der als Dirigent der Berliner Philharmonischen Konzerte sich verantwortungsbewußt für das Schaffen der Zeitgenossen einsetzt, macht über die Gesichtspunkte, nach denen er neue Werke auswählt, und über die Verpflichtung des Publikums zur Kritik die folgenden Ausführungen.
Ein gelungenes Werk, das nicht nur für den Tag geschrieben ist, war zu allen Zeiten selten. Die Generation von heute hat aber ein Recht darauf, zu Worte zu kommen, auch da, wo sie irrt oder tastet. Eines freilich immer vorausgesetzt: daß sie wirklich von heute, daß sie lebendige Gegenwart ist.
Nicht ist dies der Fall bei allen jenen Werken, die versuchen, dem, was schon einmal Gestalt gewann, nochmals Ausdruck zu geben. In der Kunst kann man nichts zweimal sagen; solche Werke sind, sie mögen so geschickt gemacht sein wie sie wollen, von innen heraus überflüssig. Nicht in Frage kommen ferner alle jene Werke, die ich als ,chilet- ta n t i s ch" bezeichnen möchte, und die gerade heute einen großen Teil der anfallenden Produktion ausmachen. Es sind das solche, in denen das, was sie aussagen wollen, noch nicht oder nicht ganz Kunst geworden ist, sei es, daß der Autor den Gebrauch der eigenständigen Mittel der Kunst nicht genügend
beherrscht, sei es, daß er diese Mittel — selbst von rein intellektuellen Theorien besessen — vergewaltigt.
Ein modernes Werk muß vor allem vom wirklichen Menschen von heute etwas aussagen. Dann hat es genug Bedeutung und Gewicht, um für die Gegenwart als repräsentativ gelten zu können. Nicht darf von der Auswahl dieser Werke unmittelbar auf meine persönlichen Neigungen und Anschauungen geschlossen werden. Als Künstler bin ich notwendig ein anderer wie als Verwalter eines Instituts, mag auch beides schließlich zusammenhängen.
Sinn der Aufführung neuer Werke ist, daß das Publikum sich mit ihnen auseinandersetzt. Alles, was eine solche Auseinandersetzung hemmt, ist oom. liebel Das Publikum soll feine eigene Meinung haben, soll sie äußern; es ist besser für alle Beteiligten, nicht zuletzt auch für den betreffenden Autor, wenn es seinem Mißfallen Ausdruck verleiht, als wenn es unter allen Umständen in wohlanständiger Zurückhaltung zu verharren sich bemüht. Was wäre einerseits sein Beifall wert, wenn es auf der andern Seite nicht zu einem herzhaften Mißfallen imstande wäre?! Ich habe mich, was an mir liegt, stets bemüht, zu verhindern, daß das Publikum den Konzertsaal mit einem Museum verivechselt. Dieses muß der Bildung gehören, jener gehört dem Leben.
Abschied von Reichsminister Hanns Kerrl
Berlin, 16. Dez. (DNB.) Am Dienstag wurde der Reichsminister SA.-Obergruppenführer Hanns Kerrl zur letzten Ruhe gebettet. Zu Ehren des Verstorbenen fand im Marmorsaal der Neuen Reichskanzlei ein Staatsakt statt. Zahlreiche führende Männer des nationalfozialisttschen Deutschlands, Diplomaten der uns befreundeten Mächte, Mitarbeiter, Mitkämpfer und Freunde erwiesen ihm die letzte Ehre. Vor der rückwärtigen, mit dem Hakenkreuz geschmückten Wand war der Sarg auf« gestellt. Die Farben des Reiches deckten ihn. Darauf lag die SÄ.-Mütze. Die SA.-Standarte Peine, eine Sturmfahne der SA. und eine Fahne des Reichsarbeitsdienstes hatten Aufstellung genommen. Staatsminister Meißner führt die Angehörigen des Verstorbenen in den Saal. Kurz danach erscheint der Reichsmarschall zusammen mit Staatssekretär Dr. Muhs. Er nimmt an der Seite der Witwe des Verstorbenen Platz. Nach dem Vorspiel zu Parsi- fal erhebt sich Reichsminister Rust. Er schildert, wie Hanns Kerrl zunächst als Kreisleiter in Peine, als Abgeordneter im Preußischen Landtag und später als Landtagspräsident den Vaden für den Führer erkämpfte, dann als preußischer Iustizmini- ster das preußische Erbhofgesetz schuf und auch als Ches der Reichsstelle für Raumordnung ein fruchtbares Arbeitsfeld erhielt. Als Leiter des Reichsministeriums für die kirchlichen Angelegenheiten führte er sein Amt mit jener Derantwortungsfreu- oigkeit, die den echten Nationalsozialisten kennzeicb- nete. Er schließt mit den Worten: „Deine Ehrlichkeit und Gradheit, deine Verläßlichkeit in guten und schweren Stunden, deine Herzensgüte und deine immer wieder durchbrechende Frohnatur haben wie eine Naturkraft Licht und Leben geweckt, auch noch in der letzten Zeit, da deine sichtlich angegriffene Gesundheit uns allen Sorge machte. Daran schlie
ßen sich herzliche und sehr persönlich gehaltene Worte des Staatssekretärs Muhs, der dem Mi- nister Lebewohl sagt namens aller Gefolgschaftsmitglieder des Reichsministeriums für die kirchlichen Angelegenheiten.
Nun erhebt sich der Reichsmarschall. Unter den Klängen des Liedes vom guten Kameraden legt er den Kranz des Führers nieder. Der Führer hat mich beauftragt, in seinem Namen Abschied von dir zu nehmen, so sagt er. Ich soll dir seinen Dank sagen für all deine unerschütterliche Treue in den vielen Jahren, wir wissen es, daß von allen Tugenden der Führer stets die Treue als die höchste und edelste Eigenschaft des deutschen Mannes bezeichnet hat. Diesen Dank, Hanns Kerrl, sage ich dir in seinem Namen. Und damit darf auch ich dir danken für die vielen Jahre, da du mir ebenfalls ein nie wankender, unerschütterlicher, treuer Freund gewesen bist. Der Führer wird dein Andenken stets als das eines immer kampfbereiten, ihm treu ergebenen Nationalsozialisten wahren. Lebwohl!
Der Reichsmarschall reicht der Witwe die Hand. Inzwischen intoniert das Staatsorchester den Trauermarsch von Beethoven. Unter seinen Klängen wird der Sarg aus dem Raum getragen. Im Ehrenhof ist eine Kompanie der Leibstandarte Adolf Hitler zur Trauerparade angetreten. Nach Dahlem führt der Weg zum Waldfriedhof, wo ein Ehrenzug der SA.-Standarte Feldherrnhalle Aufstellung genommen hatte. Oberkonsistorialrat Lic. Ellwein entwarf bti der Trauerfeier in der Kapelle inbewegten Worten ein Bild des mitten aus feinem reichen Schaffen entrissenen Mannes. — In das abendliche Dunkel hinaus wird dann der Sarg zur Gruft getragen. Während drei Salven über den stillen Friedhof hallen, finkt der Sarg in die Tiefe.
schiffe geübt wurde, ist durch die ausweichenden Erklärungen des Ministerpräsidenten nicht befriedigt worden. Es kann sicher damit gerechnet werden, daß Keyes einen neuen Vorstoß gegen die Regierung unternehmen wird. Außerdem werden voraussichtlich wirtschaftliche Probleme eine wichtige Rolle spielen, da durch den zu erwartenden Ausfall der amerikanischen Lieferungen eine weitere Anspannung der britischen Industrie notwendig wird. Dies wird auch eine weitere Erhöhung der Kriegskosten mit sich bringen, die in den bisherigen 27 Kriegsmonaten 8,3 Milliarden Pfund betragen.
*
Schanghai, 16. Dez. (Europapreß.) Die australische Regierung hat die Evakuierung aller Frauen und Kinoer aus der Stadt Darwin ungeordnet. Darwin, an der Nordwestspitze Australiens gelegen.
ist die wichtigste Basis des Verteidigungssystems dieses Kontinents nach Norden. Seit 1935 ist der Hafen von Darwin stark ausgebaut und befestigt worden. Durch die Anlegung von Flugplätzen, Brennstofftanks und den Ausbau neuer Verkeyrs- verbindungen ist Darwin neben Hongkong und Singapur einer der stärksten Stützpunkte des britischen Weltreiches im Fernen Osten geworden.
Knox bei Roosevelt.
Die Verluste der NSA.-Marine bei Hawai.
Lissabon, 16. Dez. (Europapreß.) Marine- minifter Knox hatte sofort nach feiner Rückkehr aus Hawai eine zweistündige Unterredung mit Roosevelt. Er bezifferte die Verluste der USA.-glotte an Menschenleben auf 2729 Mann und gestand,
Goethes unvergeßliche Suleika.
Von Herbert Caspers.
Eine der unvergeßlichsten und schönsten Frauen- gestalten der deutschen Literatur ist Marianne von Willemer, der Goethe rrn „West- ösllichen Divan" als Suleika ein ewiges Denkmal fetzte. Sie war die Frau, die in glücklicher Weise die Temperamente ihres künstlerisch aufgeschlossenen ostmärkischen Blutes verband mit den reichen Anregungen ihrer rhein-mainischen zweiten Heimat, die den alternden Dichter zu leidenschaftlichen und schönheitstrunkenen Versen anfeuerte und ihm im wahrsten Sinne des Wortes zur Muse luuroe, der wir vor allem die Schönheiten des Divans verdanken. Das schönste Denkmal aber setzte ihr Goethe, indem er Gedichte der Marianne von Willemer als seine eigenen in den Divan aufnahm.
Maria Anna Katharina Theresia Jung ist am 20. November 1784 in Linz aw der Donau geboren worden als Tochter eines Instrumentenmachers, der seinem Kinde die Neigung zu den schönen Künsten vererbte. Das hübsche Mädchen war schon frühzeitig geistig und künstlerisch vielseitig interessiert. Musikalische Gaben hatte ihr das Vaterhaus mitgegeben. Der Geistliche Welty vermittelte ihr die ersten Einblicke in das literarische Leben der Zeit. Zu Weihnachten 1798 kam die 11jährige nach Frankfurt am Main. Sie spielte dort Modesachen von Kotzebue, Iftlcmd und anderen, gefiel aber besonders durch ihre bezaubernde Anmut und Zierlichkeit in den Ballett-Divertissements einer gefühlvollen Zeit. Hier wurde Clemens Brentano, der durch Frau Rat Goethe auf sie aufmerksam gemacht morden war, von ihr begeistert. Er hat Marianne Jungs Bildnis in verschiedenen Gestalten seiner Werke, so in den Zügen der holdseligsten Tänzerin Biondetta, nochge- schaffen.
Die große Wende im Leben Mariannes wurde durch den Frankfurter Bankier und Kunstmäzen, den späteren Geheimen Rat Johann Jakob Willemer, der 1816 den österreichischen Adel erhielt, herbeigeführt, als er sie als Pflegetochter l"is der Unsicherheit des Theaterlebens heraus in Vm Haus holte. Dort erhielt Marigmre eüw vor
treffliche Erziehung. Willemer war reich, fünft- lcrifch außerordentlich interessiert und angesehen. Nachdem sie 14 Jahre im Hause ihres väterlichen Freundes gewohnt hatte, heiratete sie am 27. November 1814 den 25 Jahre älteren Johann Jakob Willemer. Es wurde eine gute Ehe, die auch von dem großen Schicksal nicht berührt wurde, das ihr kurz darauf begegnete, als Goethe in ihr Leben trat.
Goethe war 65 Jahre alt und Marianne zahlte 31 Jahre, als sie sich im September 1814 zum erstenmal begegneten. Goethe war entzückt und begeistert von der reifen Schönheit, dem jugendlichen Temperament, dem fraulichen Liebreiz und der Klugheit der allen Musen gleichermaßen verwandten Frau, die ganz offenbar die schönste Frucht einer Vereinigung des lebensfrohen und kunstbegeisterten ostmärkischen Temperamentes mit den Genien mar, die Goethes Heimat zwischen Rhein und Main, den uralten Kulturzentren des Reiches, ihren Menschen mit auf den Weg gibt. Die Familien Willemer und Goethe waren schon lange miteinander bekannt. So ergab es sich zwanglos, daß der weltberühmte Dichter auf dem Sömmersitz der Willemers vor den Toren der alten schönen Reichsstadt am Ufer des Mains und später auch in der Stadtwohnung mit der jungen Frau des Hausherrn zusammentraf. 1815 war das Verhältnis zwischen ihm und Marianne schon zu dem innigen Liebesbunde geworden, der in dem Liebesgesang zwischen Suleika und Hatem im West-östlichen Divan seine schönste Erfüllung fand.
Für den alternden Dichter wurde seine späte Liebe zu einer unerhörten neuen Erweckung des Genius. Die Gedichte seines West-östlichen Divan erhalten jugendliches Feuer, Glut, Leidenschaft, Sehnsucht und Leid, sprechen so menschlich an wie nie, feit Suleika-Marianne dem Dichter zur Muse wird. Es entsteht die Einzigartigkeit, daß dem größten Dichter des deutschen Volkes auf seine Liebesgedichte eine Frau gleichwertig antwortet. Goethe hat Mariannes Gedichte als seine eigenen in den Divan ausgenommen, weil sie „von ihm geweckt und ihm gewidmet, denn auch wohl im schönsten Sinn sein Eigen genannt werden dürften". Allerdings geht die Annahme fehl, alle Suleika-Gedichte stammten von Marianne. Sie hat später Hermann Grimm gegenüber vier ausdrücklich als ihre eigene Poesie bezeichnet, aber „doch hab ich manches angeregt, veranlaßt und erlebt"« x
Marianne von Willemer hat an der schönsten deutschen Frauen- und Liebeslyrik mitgeschaffen. Köstlich bleibt immer ihr berühmtes „Lied an den Ostwind", das sie jubelnd auf der Fahrt nach Heidelberg zum Wiedersehen mit Goethe gesungen hat:
Ach, die wahre Herzenskunde, Liebeshauch, erfrischtes Leben Wird mir nur aus feinem Munde, Kann mir nur fein Atem geben.
Als Goethe sich zu alt fühlen möchte zu neuer Liebe und entsagen will, ruft sie ihm zu ein jubelndes Nein: Denn das Leben ist die Liebe, und des Lebens Leben Geist! Aber dennoch ringt sich nach Wochen des Glücks Goethe zur Entsagung durch. Mariannes schönstes Lied entsteht, das ,Zied an den Westwind", als der Geliebte abreift:
Sag ihm nur, doch saa's bescheiden. Seine Liebe sei mein Leben!
Freudiges Gefühl von beiden wird nur feine Nähe geben.
Es entwickelt sich in den nächsten Jahren ein reicher Briefwechsel zwischen Frankfurt und Weimar, an dem sich auch der Gatte Willemer lebhaft beteiligt. Die Liebe schläft nicht, aber sie findet ihren leidenschaftlichen Ausdruck nur noch in den „Chiffre-Briefen", in .denen die Liebenden einander auch Du sagen, während im übrigen Briefverkehr die Anreden und die persönlichen Wünsche zeitgemäß konventionell gehalten sind. Gleichwohl versichert im Dezember 1818 Marianne dem geliebten Mann: „Wenn ich mir jetzt jenen Zustand (der Liebestage im Jahre 1815) vergegenwärtige, so möchte ich wohl nicht mit Unrecht mich mit einem Baum vergleichen, dem ein schöner Herbst neue Blüten entlockt: die alles belebende Sonne schmückte mich noch einmal mit dem Kranze der Jugend; es war mein letztes Glück! — Der Ernst tritt in mein Leben wie ein kalter Winter und die Blüte fällt." Und auch Goethe versichert im Jahre darauf der Geliebten in der Ferne: „So höre doppelt und dreifach die Versicherung, daß ich jedes deiner Gefühle herzlich und unablässig erwidere."
Der Dichter ist bis zu seinem Lebensende Mariannen nicht mehr in den Weg getreten. Am 22. März 1832 schloß er die Augen. Sein getreuer Eckermann schrieb einige Tage darauf aber an Marianne Willemer, daß der Sterbende noch wenige Tage vor dem Tode ihrer gedacht habe und „daß picht leicht eips Mett ein innigeres Verhältnis
zu ihm hat haben können wie Sie. Ja, wer sich an Ihn halten konnte, mußte etwas fein, und wer sich an Ihn hielt, mußte etwas werden."
Als „Großmütterchen", das alle Welt liebte und verehrte, starb Marianne von Willemer am 6. Dezember 1860. Sie hat ihr Geheimnis nicht mit ins Grab genommen, sondern Hermann Grimm, Wilhelms Grimms Sohn, im Herbst 1850 die schöne Tatsache geoffenbart, die Suleika in Goethes Leben gewesen zu sein. Aber Grimm hat pietätvoll geschwiegen, bis er 1869 in den Preußischen Jahrbüchern eine der schönsten Episoden im Leben Goethes enthüllte.
Düchertifth.
— Frei vor dem Tod. Zeugnisse von heldi-- schem Leben und stolzer Trauer. Ausgewählt von Alwin R ü f f e r. 64 Seiten mit Bildern. Im Verlag von Karl Christ in Gießen, 1941. — (107) — Das mit einigen guten Photowiedergaben bebilderte Bändchen des Gießener Verlegers Christ sammelt in Aussprüchen, Briefstellen und Gedichten aus alter und neuer Zeit bekannte und minder bekannte, zeitnahe, herzerhebende und tröftenbe Beiträge zum ewigen Thema der Vaterlandsliebe und des tapferen Opfertodes. Don Friedrich dem Großen und Bismarck bis Adolf Hitler und Rosenberg, von Kleist und Clausewitz bis zu Rilke und Kolbenheyer sind hier Stimmen der Dichter und Denker und Staatsmänner zu einem Chore vereinigt, der heute mehr denn je zuvor vernommen zu werden verdient. Hans Thyriot.
— Hirts Erdkunde in Stichworten. Kurzausgabe in zwei Heften. Heft 1: Deutschland und Europa, mit 26 Abbildungen im Text und 96 Bildern. Steif geheftet 1,10 RM. Heft 2: Die fremden Erdteile, mit 18 Abbildungen im Text und 48 Bildern. Steif geheftet 0,90 RM. Verlag Ferdinand Hirt in Breslau. — Diese Kuxzausgabe bringt eine gedrängte, sachliche Zusammenfassung des erdkundlichen Wissens der Gegenwart unter Berücksichtigung der grundlegenden wirtschaftlichen, rassischen und' kulturellen Zusammenhänge.'. Klare Gliederung und sorgsam gewählte sprachliche) Form haben es ermöglicht, den umfangreichen Svoff in knappester Form darzustellen. Ueberstchtlich^ Heraushebung des Wesentlichen und Veranschaulichung in Kartenskizzen uni> Diagrammen erleichterm die Benutzung, >


