m.141 Zweiter Blatt
Aus öer Siaöt Gießen.
Der stille Winkel.
Im Garten ist ein einziges Duften und Sprießen. Zwischen den sauber geharkten Wegen zeigt sich das dunkle Grün der Erdbeerrabatten, und wo die Buschbohnen gedeihen, treiben in ausgerichteter Reihe kräftige Blätter Schwertlilien haben seitwärts ihre stolze Pracht entfaltet, darüber baumeln die lustigen Schneebälle, während im Schatten der Gartenmauer Vergißmeinnicht ihre Farbenwunder offenbaren. Es ist, als wolle die Schöpfung alle ihre Herrlichkeit und Fülle auf einmal zur Schau stellen. Hinten im Garten aber, verhüllt von Büschen und Beerensträuchern, liegt ein kleines Fleckchen Erde, auf dem die ganze Ursprünglichkeit der verschwenderischen Natur Triumphe feiert. Aus schwellenden Graspolstern leuchten die kleinen Sonnen des Löwenzahn, die Brennessel hat sich ange- fiedelt, Hirtentäschel macht sich ebenso breit wie der
Verdunkelungszeit
17. Juni von 21.47 bis 4.58 Uhr.
unverwüstliche Wegerich, und zwischen all dem blühen die wilden Blumen des Sommers. Es ist ein Stückchen Urland inmitten der sorgsam gehüteten Ordnung des gepflegten Garten. Ein stiller Winkel sommerseligen Naturzustandes sozusagen.
„Dorthin ziehe ich mich zurück, wenn ich allein 'ein will und eine Stunde des Nachdenkens brauche", erklärt mir der Gartenbesitzer. „Sehen Sie, hier vorne, das ist gewissermaßen die gute Stube, wo alles schön ordentlich und einladend beieinander steht. Es ist ein wahrer Staat und man 30t seine Freude daran. Aber hinter den Büschen iegt ein kleines Paradies. .Hier bin ich Mensch, liier darf ich's fein/ Was glauben Sie, wie schön es st, wenn man dort sitzt, nichts hört wie das dunkle 'Summen der Bienen und nichts sieht wie üppiges Wachstum und darüber den blauen Himmel. Gezanken, die bis dahin noch ungeklärt rumorten, reifen in dem stillen Winkel zusehends und kommen lervor ans helle Tageslicht. Eine Stunde der Beiinnung in jenem Winkel ist für mich mehr als i^der andere Ausspann. Ich gehe guten Gedanken i iach und erfrische mein Gemüt in köstlichster Weise.
glauben Sie es?"
b Ich glaubte es. Ja, es hätte seiner Versicherung rar nicht einmal bedurft, denn das Glück dieses ■ killen Winkels ließ sich auch ohne Worte erfühlen.
Ind wenn auch nicht jeder von uns . über ein so | dyllisches Fleckchen Erde verfügt, einen stillen Win- >'l ober wenigstens die Sehnsucht danach haben Dir alle. Hat nicht die alte Mutter an der Ofen- ifcfje ihren bequemen Stuhl stehen? Sitzt nicht l-.is junge Mädchen am liebsten in der Bücherecke eines Zimmers? Der stille Winkel lockt uns alle -leichermaßen, um uns seine Gemütswerte zu chenken. Wer aber, wie jener Gartenbesitzer, inmitten der blühenden und sprießenden Natur seine stunden der Besinnung in friedlicher Abgeschieden- ! eit verbringen kann, der ist besonders glücklich zu [reifen. H. W.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Mädchen von ifanö". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: .^Befreite flänbe".
Gießener Vochenmarktpreife. / X.
ikachstehende Preise sind Händlerpreise und verstehen 'ch für /^-Ware. Für L-Ware oder abfallende Ware iroie für Selbsterzeuger liegen die Preise niedriger.
* G i e ß e n , 17. Juni. Auf dem heutigen Wochen- narft kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM., Watte 30 Rpf., Käse, das Stück 8 bis 9, Kartoffeln, ilte, 5 kg 47, Wirsing, % kg 25, Mischgemüse 15, Tomaten 60, Lauch 24, Sellerie 21, Blumenkohl, das Stück 80 Rpf. bis 1,30 RM., Salat 10 bis 15 Rpf., Salatgurten 40 bis 80, Oberkohlrabi 10 bis 15 Rpf.
Ein Knabe erlebt den Krieg. Von Marianne Schirm.
Als der Vater 1914 ins Feld zoa, war Dietrich t-hn Jahre alt, sechs Jahre war feine Schwester Inna, und wenige Monate später wurde der kleine Bruder geboren.
Was Dietrich in den Kriegsjahren erlebte, war ridjts außergewöhnliches, es war das Schicksal von Millionen deutschen Kindern. Die anfängliche Un- iche, die die Mutter jedesmal überfiel, wenn sie l»n Postboten erwartete, war einem stillen Ernst crwichen. Es waren auch bald so viele andere öor« jsn, daß die Frauen auf ihre Art kämpfen mußten, (s wurde immer schwerer, die Kinder satt zui be= || lummen und die immer dünner werdenden Klei- 1 Lmgsftüde wieder herzurichten.
Dietrichs Mutter ging jetzt in eine Mumtions- [|f: bri? vor den Toren der Stadt. Im Aufdammern |ij5 Tages verließ sie das Hasu und kehrte erst am i |5 ad)mittag zurück. Schwer fiel ihr anfangs die |2irbeit, die sie nicht gewohnt war, aber ihre Augen ;| t ieben dieselben: ja, sie blickten inniger auf die [iSinber als in frohen Zeiten.
I Zweimal war der Vater auf Urlaub da. Mutter ■ t ieb aus der Fabrik fort in diesen Tagen, sie wa- flr n auch zusammen spazieren gegangen, aber cs 11 Ktar nicht wie früher gewesen, und hinter allem , s'vnd eine dunkle Traurigkeit.
Dietrich war mittlerweile dreizehn Jahre alt gc- vtvrden. Halb im Scherz, aber doch mit einem Mnenben Unterton von Ernst in der Stimme, . tjntte der Vater gesagt, ehe er fortfuhr: ..Du bist nun der älteste Mann in der Familie, Dietrich?
l Qi half der Mutter, soviel er konnte und hielt i :tf) die jüngere Schwester dazu an. Ehe sie zur Lchule gingen, brachten sie den Kleinsten zur Srippe, und am Nachmittag stand Dietrich mit bim Einkaufsnetz vor den Lebensmittelgeschäften. I;enn er der Mutter in der Küche aufbauen konnte, ans er erwischt hatte, strahlten seine Augen in bim mageren Gesicht.
Abends, im Bett, schon halb von Schlaf um- femgen, dachte der Knabe oft: „Alle gegen einen, kns ist ein ehrloser Kampf, und wer im Recht i,t, rrjuf3 ihn gewinnen " Er war dreizehn Jahre alt. „Dann wird der Vater wiederkommen, die Mutter glht nicht mehr in die Fabrik und alles wirb sein nie früher!" dachte er weiter.
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger fSr Dberhessen)
Heiteres aus Oper und Operette.
Bunter Abend mit KdF. im Gloria-palast.
Die NSG. „Kraft durch Freude" hatte unter dem Motto „M u । i t, Gesang, Tanz — Heiteres aus Oper und Operette" zu einem großen bunten Abend im Gloria-Palast eingeladen, der sich eines ausgezeichneten Besuches erfreute; das Haus war bis auf den allerletzten Platz besetzt. Die Mitwirkenden, sämtlich vom Ensemble des Opernhauses Frankfurt a. M., waren Heinrich Ben - sing, Tenor, Marion Hunten, Alt, Mathias M r a k i t s ch , Baß, Lya I u ft u s, Soubrette, Emil Seidenspinner, Buffo, Emil Franz, Xylophon, Monika Wöhr, Vortragskünstlerin, und eine Tanzgruppe unter Führung der ersten Solotänzerin Lotte Riegel. Am Flügel wirkte als zuverlässiger und taktsicherer Begleiter Karl Kremer; die Kapelle Willi F e r n a u bestritt, sauber musizierend, das Rahmenprogramm. Emil Seidenspinner hieß zu Beginn namens der NSG. ,Kraft durch Freude" und im Namen aller mitwirkenden Kollegen von der Frankfurter Oper die Besucher herzlich willkommen. Angesichts der Fülle der Darbietungen — das nahezu dreistündige Programm umfaßte pljne die zahlreichen Zugaben und Wiederholungen 26 Nummern — ist es nicht möglich, in einem räumlich notwendigerweise begrenzten Bericht jede einzelne Nummer eingehend zu würdigen. Die Vortragsfolge, bunt, zwanglos und abwechslungsreich zuisamm engest eilt, erstreckte sich vom Klassischen bis zum Modernen, von Mozart und Rossini bis zu Strauß, Lehär und Benatzky, so daß jedermann auf seine Rechnung kam. Die Tänzerin Else B a - ros eröffnete mit dem anmutigen Allegretto von Mozart den heiteren Reigen. Mathias M r a k i t f ch, der erste Bassist der Frankfurter Oper, fang mit vollem Einsatz seiner kraftvollen Mittel die Arie „3n diesen heiligen Hallen" aus der „Zauberflöte", mit Heinrich Bensing das Duett aus „Martha", im zweiten Teil „Als Büblein klein" aus Nicolais „Lustigen Weibern". Die Altistin Marion Hunten erfreute durch die geschmackvoll vorgetragene be
rühmte Arie aus „Mignon" („Kennst du das Land ...") und die Arie der „Carmen" von Bizet. Ausgesprochene Erfolgsnummern waren die Ge- fangsDorträge der Soubrette Lya Justus: sie brachte mit wienerischem Charme und Temperament „Heut hätt' ich Zeit" von Benatzky, „Ja, das Temperament" aus der „Maske in Blau" und gemeinsam mit ihrem in großer Form und sprudelnder Laune befindlichen Partner Emil Seidenspinner ein komisches Duett aus „Wiener Blut" von Strauß, das sogleich wiederholt werden mußte. Heinrich Bensing (Tenor) fand großen Beifall mit Lehärs ,/Freunbe, das Leben ist lebenswert" und belohnte die begeisterten Hörer überdies mit dem „Soldaten am Wolgaftrand", der schlechterdings an keinem bunten Abend fehlen darf. Lebhaften Anklang fayden weiterhin die von Emil Franz mit ungemeiner Fingerfertigkeit gebotenen Tylophon- Paradeftücke („Sonnige Pußta". „Hopfasia", „Witzbold"). Die Vortragskünstlerin Monika Wöhr brachte so erprobte Sachen wie die „Billige Anetta" und „Ach Gott, was sind die Männer dumm" und verbreitete stürmische Heiterkeit. Emil Seidenspinner schoß im zweiten Teil, als die Stimmung schon erhebliche Wellen schlug, mit der komischen Serenade „Pimprinella" und dem parodistischen Gesang „Ach Luise" von Benatzky den Vogel ab. Eine hübfche, auch technisch sauber vorgeführte Tanznummer war die Bauernpolka, die Lotte Riegel tanzte; Lieselotte Zollinger und Emmy Dunst n g zeigten einen kubanischen Tanz und einen aufgekratzten bayrischen Ländler. Von den seriösen Tänzen seien noch der Indische Tanz (L. Zollinger) und der Slawische Tanz von Dvorak (L. Riegel) erwähnt. Die Tanzgruppe präsentierte ihr vielseitiges Können mit Step, Mazurka und den „G'schichten aus dem Wiener Wald". — Die große KdF.-Ge- meinbe erlebte ein paar Stunden unbeschwerter Heiterkeit und dankte mit donnerndem Beifall.
Hans Thyriot.
Frauen im Dienste derVolkögemeinschast.
Bon der Arbeit in der KreiSgeschtistöstetle der 7!S.-Frauenschast.
Gfs. Das deutsche Frauenwerk ist die größte Zusammenfassung von Frauen. In dieser sehr gut durchgegliederten Organisation wird eine Unsumme von Kleinarbeit geleistet, von der sehr wenig gesprochen wird, und die nicht Überall so ins Auge fällt. Die vielen Helferinnen trugen keine Uniform, und nur die kleine Nadel, das Abzeichen, zeigt, daß alle diese Frauen zusammengehören.
Wir wollen einmal stille Zuschauer auf der Kreisgeschäftsstelle jein, um eine Ahnung zu bekommen von dem umfassenden Betrieb dieser Arbeitsstelle.
Früh kommt die Post, die sofort erledigt wird. Eine Ortsgruppe des Kreises bittet für ihren Ge- meinfchaftsabend um den Film „Frauen-Schaffen im Krieg". Schnell wird versucht, den Film zu besorgen und den anzugeben, an dem er zu haben ist. Jeder Gemeinschaftsabend wird mit viel Sorg- falt zusammengestellt, denn diese Abende sollen jeder Frau ein Erlebnis werden, und in ihrer Mannigfaltigkeit sollen sie den Frauen helfen, die heutige Zeit zu verstehen und mit den Schwierigkeiten der Zeit fertig zu werden. Eine andere Ortsgruppe bittet, daß ein Kurs des Mütterdienstes in ihrem Orte stattfindet. Wieder eine andere bittet darum, daß ihre Frauen angelernt werden, die neuen Lieder zu fingen. Immer wird geholfen und alles eingeteilt unb eingeorbnet.
Es klopft. Eine junge Frau steht braußen. „Mein Mann liegt hier im Lazarett, darf ich um ein Quartier bitten?" Sie wirb gebeten, in zwei Stunden wieder zu kommen, bis dahin wird ihr mitgeteilt, welche Familie sie während der Dauer ihres Aufenthaltes aufnimmt. Jetzt werden Pakete gebracht. Beim Aufpacken zeigt sich, daß bas erste Pantoffeln enthält, bie eine Ortsgruppe in Ar- beitsabenben für die Soldaten fertiggestellt hot.
Das andere Paket enthält Flickbeutel. Diese kommen vom Land zur Entlastung der Bauersfrau in die Stadt, und ihr Inhalt wird in den Nähstuben geflickt.
Das Telephon schrillt. „Ja wir flicken auch Soldatenwäsche und Strümpfe, schicken Sie sie nur in die Nähstuben, dort wird Ihnen geholfen." Unendlich viel ist hier schon geflickt und gestopft und fertig gemacht worden.
Wieder klopft es. Eine Frau fragt nach der Schuhaustaufchstelle. „Die ist heute gerade geschlossen, aber kommen Sie Mittwoch, sicher wird es einen Rat für Sie dort geben."
Eben kommt bie Abteilungsleiterin für Volkswirtschaft-Hauswirtschaft. Sie hat neue Rezepte zu- gefanbt bekommen, die einem großen Kreis von Frauen zugänglich gemacht werden müssen, denn sie sollen helfen, die Nährmittel und Gemüse, die uns zur Verfügung stehen, richtig einzuteilen und zu verwerten. 'Schnell werden die Rezepte vervielfältigt und versandfertig gemacht. Ein Kochkurs wird vorbereitet. Alle Frauen sollen Vorratswirtschaft treiben, und wir wollen helfen, daß dies möglich ist. In der Beratungsstelle wird der Kochkurs stattfinden, dies muß nun Überall bekanntgegeben roer^ den.
Nun kommt eine der Betreuerinnen, die ins Lazarett gehen und die Verwundeten von Zeit zu Zeit besuchen. Sie sucht sich aus den gespendeten Dingen aus, was sie für unsere Verwundeten brauchen kann: Briefpapier, Rasierklingen, einen Obstsaft, ein Buch, jeder soll eine kleine Freude haben.
In einer Ecke liegen Päckchen zum Fertigpacken. Wer bekommt denn diese? Sie sehen eigentlich dem Inhalt znad) mehr nach Mädchen als Soldaten aus. Stimmt, die sind für unsere „weiblichen Soldaten",
Aber bann fiel ber Vater, kurz ehe ber Krieg beendet wurde. Die Mutter saß mit der Nachricht stundenlang am Fenster, die Augen blicklos ins Weite gerichtet, ohne Tränen. Später schrieb sie an einen Kameraden des Vaters, sie wolle alles wissen. So erfuhr auch Dietrich, baß ein Kopfschuß bas Leben seines Vaters beenbet hatte. Ein Amerikaner hatte ihn im Nahkampf abgegeben, das stand so beiläufig da, weil Mutter doch gebeten hatte, ihr alles ganz genau zu schreiben. Der Sohn ober kam nicht mehr davon los. Ja, das hatte er damals gelesen, daß Amerika, ber große, blühende Weltteil, nun auch feine Soldaten herüberschickte, frijche, wohlgenährte Burschen, denen der Krieg ein Abenteuer war. Denn ihr Vaterland war nicht bedroht, und von Deutschland wußten sie nicht mehr, als die Greuelgeschichten, die ihnen ihre Zeitungen erzählt hatten. Nein, bas würde er nie vergessen.
Es kam ein Tag nach dem Kriege, da trafen in dem ausgehungerten Deutfchlanb Wagenladungen ein mit dem weißesten Mehl unb bem feinsten Zucker, mit fettem, eingesalzenen Schweinefleisch unb Hülsenfrüchten. Das sollte für die halbverhungerten deutschen Kinder sein, unb in ben Schulen suchten die Aerzte die hohlwangigsten und bleichsten aus, damit sie dieses Segens teilhaftig mürben. Unb es gab Leute in Deutschland, bie lobten den Edelmut unb bie Größe biejes fremben Erdteils so sehr, daß in ihren Reden etwas mitklang: ;,Seht, das sind Deutschlands Gegner; ja gewiß, es ist selbst am Kriege schuld gewesen." Nicht einmal bas sahen sie in ihrem Wahn, daß, was ba hereinkam an Nahrungsmitteln in bas Land, ein Almosen von beschämenber Niedrigkeit war, gemessen an dem, was Amerika am Kriege verdient hatte.
Während unter internationaler Kontrolle Wene über Werte in Deutschland vernichtet wurden, Wagenzug auf Wagenzug als Tribut über die Grenzen des ausgebluteten Landes ging, das einen vierjährigen Kampf gegen die halbe Welt durchgefvchten hatte, speiste man die Aermsten im Namen der ■ Humanität mit amerikanischen Lebensrnitteln.
Aber da geschah einmal in einer Schulstube etwas, was wie ein Wunder schien und bas doch selbsiverstänblich war, weil nur eins bazu gehörte: Ein lauteres Herz unb bie Ehrfurcht eines Sohnes vor dem Andenken des Vaters, der erschossen wurde auf französischem Boden von einem Amerikaner.
Als der Schularzt durch die Reihen der Kinder ging, um die herauszusuchen, die sich zur Untersuchung einzufinben hätten, der Schulspeisung wegen, da sagte der Eine laut unb deutlich: „Nein, ich will nicht, mein Vater wurde von einem Amerikaner getötet!" Röte überzog die Stirn des Knaben nach diesen Worten, denn er fand, daß es so wenig fei, was er um des Vaters willen tat, und er wünschte ein Mann zu sein, dem größere Taten zukämen.
Lächerliches Mäuschen.
Von Werner Schumann.
Als nach bem glücklichen Ende des Deutfch-Fran- zösischen Krieges 1871 die Berliner in hellen Scharen den Linden zuströmten, die heimkehrenden Sieger, an ihrer Spitze den Kaiser, mit gebührender Begeisterung zu empfangen, war unter ihnen auch der Maler stolzer preußischer Tradition: Adolf Menzel. Er hat sich freilich nicht allein zum Hurrarufen eingefunden, sondern um den Einzug ber Helden, wie vor einem Jahre bie Abreise des Königs ins Feld, für die Nachwelt im Bilde festzuhalten. Damit er in seiner Zwergenhaftigkeit von den wogenden Massen nicht erdrückt werde, auch um rascher in die Akademie zu kommen, hat er sich in eine Droschke gesetzt, deren Kutscher er fortwährend antreibt: „Schneller, schneller, Seine Majestät wartet nicht!" Es juckt nämlich den Arbeits» wütigen schon gewaltig in den Fingern. Durch ein Meer von wehenden Fahnen fahren sie, um endlich nach allerlei Zwischenfällen die Akademie zu erreichen, von deren Fenstern aus Menzel die geschichtliche Stunde aufs Papier bannen will.
Der kleine, hurtige Mann stürmt die Treppen herauf und durch die verlassenen Korridore, denn vom jüngsten Malschüler bis zum würdigsten Lehrer drückt sich die gan^e hohe Akademie an ben Fenstern die Nasen platt. Jetzt fallen bie Glocken aller Berliner Kirchen machtvoll in ben Jubel ein. Menzel fegt burch die Säle, einen möglichst günstigen Platz zu erwischen. „Sind sie schon da?" ruft er atemlos im Dorübereilen, worauf es respektvoll zurückschallt: „Noch immer nicht, Herr Professor, aber bie Glocken läuten ja schon!" Die Glocken, die Glocken — was scheren ihn die Glocken! Die Majestät will er sehen, bie flatternden Fahnen,
Dienstag, 17. Mi Ml
unsere Mädchen in den kriegswichtigen Betrieben. Auch sie werden nicht vergessen.
Der Bahnhofsdienst der NSV. ruft an. „Bei uns fehlt heute eine Hilfe, es find Frauen krank geworden." Wieder wird schnell für Ersatz gesorgt. Die Nachbarschaftshilfe meldet sich. Wir brauchen Hilfe für eine erkrankte Mutter. Die Kinder müssen versorgt werden. Auch die Erntehilfe muß eingeteilt und organisiert werden. Es geht nicht, daß unsere Bauersfrauen in der Haupterntezeit ganz allein stehen. Irgend eine Anordnung vom (Bau kommt, die durchgegeben werden muß, auch dies spiegelt sich wider in ber Arbeit ber Kreisgeschäftsftelle.
Sieht man hier einmal länger zu, so bemerkt man erst, wie mannigfaltig bie Arbeit des Deutschen Frauenwerkes ist, unb daß es immer wieder diese Frauey sind, die hilfsbereit einfpringen unb keine Mühe scheuen, unb die jede Unbequemlichkeit auf sich nehmen, um zu helfen. Wissen wir doch alle, daß auch das nur ein Beitrag ist zum Gelingen bei dem großen Einsatz unseres deutschen Volkes.
Oberhessische Diehversicherungs- anstatt a. <5. in G'eßen
Die Oberhessische Viehversicherungsanstalt A. G. in Gießen hielt am Sonntag im Hotel Hopfeld ihre diesjährige Generalversammlung ab. Als Gäste waren von der Volksbank Gießen und der Bezirksviehverwertung Gießen Karl Sommer- Gießen, von dem Pferbeversicherungsverein in D i e z (Lahn) der Geschäftsführer Münz-Diez anwesend.
Nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden, Bauer W. Müller-Salzböden, erstattete der Direktor, Dr. oan Bentheim, den Jahresbericht für bas abgelaufene 96. Geschäftsjahr. Der Geschäftsbetrieb ber Anstalt erstreckt sich auf bie Tierlebens- (Mit- glieberversicherung) von Pferden unb Rindern, ferner auf bie Versicherungsarten gegen feste Prämie (Nichtmitaliederoersicherung) unb zwar: Weide- Versicherung, Versicherung gegen Diebstahl unb Blitzgefahr, Versicherung von trächtigen Stuten, von zu erwartenden Fohlen, von Schlachtvieh, Transport- und Operationsversicherung. Rückversicherungen würben nicht genommen unb nicht gegeben. Der Geschäftsgang war zufriebenstellenb. Das Versicherungskapital erreichte eine Höhe von 3 908 260 RM. aus bem Mitgliebergeschäft unb 4 329 300 RM. aus dem Nichtmitgliedergeschäft. Durch die Verminderung des versicherten Pferdebestandes infolge ber von ber Wehrmacht eingezogenen Pferde ist in ber Tierlebensversicherung ein Beitragsrückgang zu verzeichnen, währenb im Nichtmitglieder- gefchäft bie Beitragseinnahmen und Versicherungssummen gestiegen sind. Die Prämieneinnahme beträgt in ber Viehlebensversicherung 170 528,10 RM., in ber Nichtmitgliederoersicherung 59 942,68 NM. Es würben bem Reservefonbs die Zinsen aus Kapital unb Effekten, bie außergewöhnliche Einnahme von zurückgezahlter Steuer und ber Gewinn aus dem Geschäftsjahr zugeführt. Das Geschäftsgebiet hat sich über ben früheren Freistaat Hessen unb 26 angrenzende Kreise erstreckt. Es sind 128 Viehbesitzer im abgelaufenen Geschäftsjahr neu eingetreten, 60 Diehbesitzer gingen in Abgang. Im Durchschnitt wurden die Pferde mit 619 RM., die Rinder mit 355 RM. entschädigt. Die Anstalt war im abgelaufenen Geschäftsjahr auch wieder an dem Körtierversicherungsvertrag, der zwischen ber Gemeinschaft Deutscher Privattierversicherer Berlin und bem Reichsnährstand geschlossen ist, beteiligt. Aus biesern Vertrag würbe eine Summe von 1300 RM. an. unverbrauchter Prämie zurückvergütet.
Die Bilanz und bie Gewinn- und Derlustrech- nung für 1940 würben von Bücherrevisor Albrecht Kostet jedes Kind die Butter einen
ES hängt ganz von dem Verhalten der werdenden Mutter ab, ob jedes Kind sie einen Zahn kostet. Wichtig ist vor allem, daß sie in dieser Zeit ganz besonders auf die Zähne achtet und sie stets richtig pflegt. Zur richtigen ZaHnpflebe gehört außer der täglichen, gewissenhaften Reinigung der Zähne mit Zahnpaste und Bürste eine vernünftige Ernährung, gründliches Kauen und die regel-^ mäßige Überwachung der Zähne. Chlorodont rotifti den Weg zur richtigen Zahnpflege
bie blitzenden Helmspitzen, bas Gewoge ber Pferde unb bie langen Kolonnen des tapferen Fußvolks!
Wie von ungefähr fällt da der Blick des Rastlosen auf eine griechische Statuette. Wer weiß, was seinem scharfen Auge in diesem Augenblick des unentschiedenen Wartens daran gefallen mochte? Schon ist das Brausen vergessen, hält ihn die plötzliche Vision gepackt, beginnt seine winzig-feste Hand übers Papier zu fliegen, während aus der Straße der Sturm von Minute zu Minute anschwillt. Der Fanatiker des Augenblicks — „unb wo ihr's packt, da ist's interessant!" — hgtte sein Objekt gesundem Wie ein Besessener steigert er sich in die Skizze, alles um sich her vergessend.
Sein Ohr bleibt taub für ben Lärm, der die große Stabt erfüllt. Doch ein geheimnisvolles Rascheln unb Knabbern — bas schreckt ihn unversehens auf. Siehe da, ein zierliches, emsiges Mäuschen erscheint furchtlos am Sockel der Figur. Wie gebannt starrt es den Meister, nicht minder gebannt jtarrt der Meister fein Mäuschen an. Der Zug, mahnen ihn die Stimmen, die vor Aufregung sich überschlagen, der Zug nahe sich mit Pauken unb Trompeten, der Herr Professor möge nur eilig ans Fenster kommen!
Doch Menzel denkt: das hübsche Mäuschen da, es darf mir ja nicht wieder entwischen, bas muß ich unter allen Umständen malen — und holt auch schon ein Stück Kaffeezucker aus ber Westentasche, um es dem kecken Nager behutsam hinzuschieben. Und dann führt die Meisterhand den Stift mit Eifer und Inbrunst, als gelte es, einen nie mehr wiederkehrenden Augenblick für die Ewigkeit zu skizzieren: der spitze Kopf erscheint auf dem Zeichenblock und bie weiche Linie des Rumpfes, die scharfen Krallen unb der schuppig geringelte Schwanz, währenddessen im Herzen Berlins der Triumphzug der Heimkehrer unterm Donner ber Kanonen vorüberzieht.
Er hat bann geflucht unb gewettert, als es offenbar ward, daß er ein Stück Weltgeschichte zugunsten einer gewöhnlichen Hausmaus unwiederbringlich oerjäumte. Doch was hilft's, über die verrutschte Nickelbrille so tatenlos wütend btt Fahnen anzustarren und das boshafte Getuschel der Herren Kollegen anhören zu müssen? Er nimmt abermals den Block zur Hanb und kritzelt in einer Mischung von Ironie, gerechtem Zorn und überlegenem Humor unter den sanft geschwungenen Schwanz zwei Worte: lächerliches Mäuschen...


