ges Handeln. Er ist ein sturer Kämpfer, der weiß, Laß ihm beim leisesten Fluchtversuch der Genickschuß gewiß ist. Dem deutschen Soldaten steht eine Führung zur Seite, die mit ihrem strategischen Wagemut und ihrer taktischen Ueberlegung unüber, troffen ist und die unter Ausnutzung des jeroeiügen Augenblicks blitzschnell ihre Entschlüsse zu treffen weiß. Die militärische Führung der Sowjets, vom Marschall angefangen bis zum kleinen Zugführer, kennt weder eine strategische Planung noch ein rasches Einfühlen in neu auftauchende Lagen. Die Sowjetführung kennt zwar die Bedeutung der Masse, ist aber nicht in der Lage, sie zu geschicktem taktischem Einsatz zu bringen.
Nachdem man in den ersten Tagen nach den gewaltigen deutschen Siegesmeldungen englischerseits bemüht war, sich bei den Moskauer Meldungen zu beruhigen, die zwar von harten Kämpfen sprachen, aber jeden deutschen Erfolg bestritten, begann es nunmehr nicht nur in militärischen, sondern auch in politischen Kreisen Englands zu dämmern. „Eoe- ning Standard" gab wohl am ehesten.Laut mit der Erklärung, daß Deutschland nach wie vor an der ganzen Front die Initiative habe. Außerordentlich bedenklich wurde man aber in London, als sich der völlige Zusammenbruch der Armeen Budjennys nicht mehr verheimlichen ließ und die deutschen Stoßtruppen sich immer mehr dem Donezrevier näherten. So schrieb in diesen Tagen der „Times"- Korespondent: „Sollte es den Deutschen gelingen, den Don zu überschreiten, dann könnte ihr nächster Schritt ein Marsch gegen den Kaukasus sein." Aehn- liche Befürchtungen äußerte auch der Londoner Rundfunk. Anderseits versuchte man die englische Bevölkerung angesichts der bedrohlichen Lage im Zentrum der Kampffront damit zu beruhigen, daß die Sowjets östlich von Moskau ihre Winterstützpunkte im Wolgagebiet, und zwar unter anderem in Stalingrad, Astrachan, Saratow, Kazan und Kirow ausbauten.
Vorübergehend hatte man bekanntlich in der britischen Öffentlichkeit energisch eine Invasion gegen den Kontinent verlangt. Darüber ist es jetzt ganz still geworden. Man hofft vielmehr, daß es schließlich den Sowjets möglich sein würde, weiter östlich eine neue Widerstandsfront aufzurichten. Man ist sich aber auch darüber klar, daß das eine reichlich vage Hoffnung ist, und daß der Winter für die Insel noch manche gefährlichen Ueberraschungen bringen kann. Von der Siegesstimmung Churchills hört man angesichts der von der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjets geführten entscheidenden Vernichtungsschläge nichts mehr.
„Hitler ist im Vorteil".
Stockholm, 16. Oktober. (Europapreß.) Lord- siegelbewahrer A t t l e e äußerte sich am Mittwoch zur Frage der Hilfe für die Sowjetunion. England verfolge den heroischen Kampf der Sowjetunion nicht nur deshalb mit größtem Interesse, weil es Sympathien für seine Verbündeten hege, sondern weil es sich auch darüber klar sei, daß der Kampf der Sowjetunion für England von höchster Bedeutung sei. Diese Einstellung werde von jedem Mitglied der englischen Regierung geteilt. Man müsse jedoch im Zusammenhang mit der Sowjethilfe darauf Hinweisen, daß diejenigen, die wüßten, was tatsächlich zu unternehmen möglich sei, auch gleichzeitig gezwungen seien, zu schweigen. Die Möglichkeiten, die England zum Eingreifen besitze, seien von den Möglichkeiten, die an sich wünschenswert seien, durch eine Lücke getrennt. Hitler habe einen Vorsprung, er sei im Vorteil, weil er einen fliegenden Start gehabt habe.
Ein Unternehmen der Engländer auf dem Kontinent lehnt Liddell Hart in der „Daily Mail" ab, da den Sowjets damit nicht mehr gedient sei und vor allem die Erfolgsaussichten der Engländer — falls überhaupt vorhanden — äußerst gering seien.
Churchill lehnt ab.
Stockholm, 15. Oft. (Europapreß.) Die Frage, ob eine Debatte über die Lage an der Ostfront stattfinden solle, wurde im englischen Unterhaus von Ministerpräsident Churchill ablehnend beantwortet. Churchill wurde auch gefragt, ob er eine Erklärung zur Lage an der Ostfront abgeben wolle, worauf Churchill mit „N e i n" antwortete. Eine solche Erklärung müsse vom sowjetischen Oberkommando kommen, das die Kämpfe dort leite. Er sehe keinen Anlaß, seinerseits Erklärungen dazu abzugeben.
Karin Grunelius
Roman von Guido K.Branö
2. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Aber merkwürdigerweise lenkt Günther ab: „Du hattest eine gute Fahrt?"
„Sehr gut. Es ist ja keine Weltreise!"
„Würdest du mich jetzt entschuldigen und Mama beim Empfang der anderen behilflich sein? Ich muß mich ja noch umziehen", beendet er die Unterhaltung, die in ihrem Anlauf auf etwas ganz anderes hinzielte. Mit großen Schritten läuft er die Treppe hinauf und ist im Haus verschwunden, noch ehe sich Karin von der Ueberraschung erholen kann.
Wie eine Wohltat empfindet sie es, daß sie nicht länger darüber nachzudenken braucht. Nicht nur, daß Frau Merck über die Terrasse kommt und Doktor Grunelius bittet, doch schon Platz zu nehmen, sondern plötzlich fahren hintereinander ein paar Wagen ein und stellen sich unter die Schatten einer Palmengruppe.
Sekunden später ist die heiße Luft mit hellem Lachen und einer Lebhaftigkeit erfüllt, die nur noch von der Quirligkeit der wartenden Dienerinnen hinter dem Hause übertroffen wird. Während sich aus den weißen Staubmänteln und farbigen Gazeschleiern junge sehnige Männer in hellem Smoking und schlanke Mädchen in luftigen Kleidern schälen, läuft Karin mit ausgebreiteten Armen auf ihre Freundinnen und Bekannten zu, als hätte sie sie seit Jahren nicht gesehen.
In Sekunden sollen Räume und Zeiten überbrückt werden, die jeder für sich lebte, die er dem anderen nicht vorenthalten möchte, weil sie in ihrer Vereinzeltheit doppelt schwer auf dem Herzen liegen. Tausenderlei Dinge prallen in diesen Stunden aufeinander und vielleicht liegt irgendwo in ihnen der Keim von einer neuen erregenden Besorgnis Lon einem zum anderen. Es ist nur ein Zufall, Daß Karin länger mit Heinz Wengeroth zusammensteht und dann, nachdem der erste Begrüßungsrausch vorbei ist, mit ihm auf die Terrasse zugeht. Sie wissen beide auch nicht, daß Günther ganz zufällig aus dem Fenster seines Zimmers schaut.
Moskau unter deutschen Bomben.
Zn mehreren Werten. — Große Brände.
Stockholm, 16. Oft (DNB.) Bei den Angriffen deutscher Kampfflugzeuge auf Moskau in der Nacht zum 15. Oktober drangen die deutschen Flugzeuge in mehreren Wellen bis über das Stadtgebiet vor. Zahlreiche Bomben trafen kriegswichtige Ziele im Stadtkern. Noch im Verlauf des Angriffs brachen mehrere große Brände aus. Der angerichtete Schaden ist ziemlich bedeutend.
Was diese schweren deutschen Angriffe für die Widerstandskraft der Bolschewisten zu bedeuten haben, wird ersichtlich, wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, daß die Stadt und der Raum von Moskau eines der drei großen Industrie- und Rüstungszentren der Sowjetunion darstellt, ja hinsichtlich bestimmter Produktionszweige sogar eine Monopol st ellung einnimmt. Allgemein bildet der Raum von Moskau den Schwerpunkt der Eisen und Metall verarbeitenden Industrie der Sowjetunion. Ferner ist er das wichtigste Rüstungszentrum des Landes. Schließlich enthält er wertvolle Rohstoffe, von denen mengenmäßig der bedeutendste die Braunkohle ist. Im ganzen beträgt der Anteil Moskaus an der industriellen Gesamterzeugung rund 20 v. H. Bei einzelnen Industriezweigen ist der Anteil jedoch noch wesentlich höher. So ist der Bezirk Moskau z. B. am gesamtsowjetischen Maschinenbau mit 25 v. H. beteiligt. Ferner beherbergt er zwei Personenkraftwagenfabriken von drei Fabriken der Sowjetunion überhaupt. Don den feinmechanischen und optischen Industrien liegen über 50 v. H. im Moskauer Gebiet, in dem sich weiter auch rund
30 v. H. der installierten Leistung der sowjetischen Kraftwerke befinden, außerdem zahlreiche Werke der Textil-, der Leder- und Bekleidungs- sowie der Lebensmittel- und Genußmittelindustrie. Als wichtigstes Rüstungszentrum besitzt Moskau z. T. über 50 v. H. des Flugzeugbaues, den weitaus größten Teil der Flakgeschützherstellung, der Zünderfertigung für Artilleriemunition usw.
Zerstörung der Bahnlinien.
Berlin, 16. Oktober. (DNB.-Funkspruch.) Im Zuge der fortschreitenden Operationen an der Ostfront griffen starke Verbände der deutschen Luftwaffe am 14. 10. weitere Eisenbahnlinien im Süden und Osten von Moskau an. Auch die zum Weißen Meer führenden Eisenbahnstrecken wurden bombardiert. Die Gleise wurden durch Bombentreffer mehrfach unterbrochen. Es wurden zahlreiche Eisenbahnzüge zerstört.
3 gegen 22.
Berlin, 16. Oktober. (DNB.-Funkspruch.) Drei deutsche Jagdflugzeuge zeichneten sich bei einem Angriff von 22 bolschewistischen Flugzeugen an der finnischen Front besonders aus. Die drei deutschen Jäger schossen nach dem Alarmstart in kurzem heftigem Luftkampf 6 d e r Sowjetflugzeuge ab und verjagten die übrigen, ohne daß diese den beabsichtigten Angriff durchführen konnten. Die deutschen Flieger erlitten weder Verluste'noch Beschädigungen an den Flugzeugen.
Verzweiflungsstimmung in Moskau.
Aufrufe zur „Verteidigung" der Stadt.
Berlin, 15. Oft. (DNB.) Während man in London langsam beginnt, den b o l f ch e w i st i - schen Verbündeten abzuschreiben und be* „fritischen Abschnitt" des Krieges gekommen sieht, in dem „England möglicherweise völlig auf sich selbst angewiesen" ist, starren die Moskauer Machthaber bestürzt ins unverhüllte Antlitz der Wirklichkeit. Der mitleidlose Ernst ihrer Lage kommt ihnen jetzt zum Bewußtsein, und blutrünstig wie diese Verbrecher sind, reagieren sie mit neuer Gemeinheit.
Stalin ließ einen Aufruf an die Bevölkerung der sowjetischen Haupt st adt richten, in dem er sie zum Heckenschützenkrieg aufruft. Getreu dem Vorbild von Leningrad und Odessa soll auch die Einwohnerschaft Moskaus ihr Leben und Gut opfern, um den bolschewistischen Mördern den Rückzug zu decken. „Vergeßt das Wort ,Gnabett", ruft Stalin der Zivilbevölkerung zu; in einem Appell an die Sowjetjugend heißt es: „Jungparti- fanen, schlagt den Feind, wo Ihr ihn nur antrefft!" Ja, sogar die bolschewistischen Gelehrten „schwören" pathetisch, „ihren Ruf als sowjetische Patrioten und Bürger zu rechtfertigen".
Diese „Kampfparolen" werden untermauert durch Nachrichten, die über London verbreitet werden und von „VerteibigungsDorbereitungen" in der Sowjethaupt st adt sprechen. Nachdem Waffen an die Moskauer Bevölkerung verteilt worden seien, sowohl an Männer wie an Frauen, habe man angesichts der wachsenden Bedrohung begonnen, in den Straßen Barrikaden zu errichten. Artillerie sei auf offenen Plätzen aufgefahren, und an den Straßenecken seien Maschinengewehre in Stellung gebracht worden.
Berücksichtigt man noch Den Artikel der amtlichen „P r a w d a" über die „allgemeine militärische Pflichtausbildung der Bevölkerung", so gewinnt man bereits ein anschaulches Bild der kommenden Dinge. Ein Regime, das durch Mord und Verbrechen zur Herrschaft gekommen ist, will — unter dem Beifall der Londoner und rooseveltschen Kriegsmacher — seinen Untergang beschließen mit neuem Blutvergießen und neuer Zerstörung.
Der Appell an den Wahnsinn.
Die Nachrichten aus Moskau lassen eindeutig darauf schließen, daß die Machthaber im Kreml gewillt sind, in den Zusammenbruch ihrer Schreckens- herrschaft alles einzubeziehen, dessen sie habhaft
werden können. Heber zwanzig Jahre lang haben die bolschewistischen Despoten die Methode der Vernichtung zu einer Vollkommenheit ausgebildet, die ihresgleichen sucht. Jetzt, in der entscheidenden Stunde, wird aus ihr der Helle Wahnsinn, der nur noch den verbrecherischen Willen kennt, einen Trümmerhaufen zurückzulassen, sich selbst aber vorher rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.
Anders kann man die blutrünstigen Ausrufe, die heute auf unzähligen Plakaten in der bolschewistischen Hauptstadt die geknechtete und von der Panik völlig verängstigte Bevölkerung aufrufen, sich zu bewaffnen. Grüben und Hindernisse in der Stadt zu bauen und Moskau bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, nicht verstehen. Wohlgemerkt: das geschieht, nachdem die drei bolschewistischen Heeressäulen völlig zerschlagen sind, nachdem die riesigen Entscheidungsschlachten im Raume von Wjasma und Brjansk ihrem Ende entgegengehen und bereits weit über 3 Millionen Gefangene von der Größe der Katastrophe künden, die über die Sowjets hereingebrochen ist. Moskau selbst hat in vielen Meldungen der letzten Tage die steigende Angst in die Welt hinausgeschrien, die es angesichts der endgültigen Niederlage des Bolschewismus befallen hat. Die „große Krisis" ist gekommen, so hieß es in diesen Nachrichten, die „größte Schlacht aller Zeiten steht unmittelbar bevor", wurde aus Moskau weiter gemeldet, während über die Fronten von Wjasma und Brjansk nur erklärt wurde, daß sie „sehr verwirrt" und durch „große Beweglichkeit" gekennzeichnet seien. Das alles besagt, daß man im Kreml sehr wohl weiß, daß nichts mehr zu retten ist, daß der Bolschewismus in den letzten Zügen liegt.
Er bleibt sich aber bis zum letzten Atemzuge treu, betet bis zur völligen Ausmerzung den Götzen des Materialismus an, dem er schon Hekatomben von Toten und unschuldigen Opfern in den Rachen geworfen hat. Auch jetzt soll die Zivilbevölkerung, sollen Frauen, Kinder und Greise dem Wahnsinn eines Stalin zum Opfer fallen, nicht um irgendeine militärische Entscheidung herbeizufiihren, die an dem Schicksal der Sowjetunion noch etwas ändern könnte, sondern um dem Prinzip der Vernichtung treu zu bleiben, um noch mehr Tote auf das Konto dieses blutrünstigsten Staatsgedankens der Geschichte zu setzen. Es ist so, als ob durch diese Mischung von deutlicher Angst vor dem Unabwendbaren und dem Wahnsinn der Aufrufe an die Zivilbevölkerung
Wie im Schlaf bindet er sich, ohne Spiegel, die Smokingkrawatte, zieht sie, einen Augenblick überrascht von einer seltsamen Gedankenverbindung aus dem Gespräch mit Karin, so fest, daß er gezwungen ist, sich im Spiegel zu betrachten.
Sehen nicht einmal schlecht aus zusammen, die beiden, denkt er. Dann fällt ihm ein, daß sie gemeinsam in Kapstadt studiert haben. Jede Bewegung ist um so viel schneller jetzt, als er sich Zeit gegönnt hatte, seine Gäste warten zu lassen. Mitten über die Stirn legt sich senkrecht eine Falte, die nicht eher verschwindet, bis er sich der Lächerlichkeit eines dummen Verdachts bewußt wird. Erst als er sich beherrscht weiß, geht er hinunter.
Karin.hat Frau Merck die Zeremonie der Begrüßung abgenommen, ohne daß sie sich dessen be- mußt wurde. Sie tut es mit einer Natürlichkeit, als gehöre sie schon zum Hause, und wie in einem stillen Einverständnis tauscht sie mit ihrem Vater einen Blick aus, der all seine Sorgen verscheucht. Wenn er schon einmal aus den täglichen Anstrengungen eines Tropenarztes in Arusha herauskommt, sich frei macht, bann soll er diese Stunden auch in Ruhe genießen. Sie sieht ein, daß ihr Verhalten auf der Fahrt nicht dazu beigetragen hat. Nun will sie es wieder gutmachen und läßt ihre gute Laune, ihre Ausgelassenheit an hundert Kleinigkeiten aufsprühen.
Hatte nicht vorhin Ilse Wengeroth eine so komische Bemerkung gemacht, daß Karin „natürlich die erste fein müsse", die auf die Mercksche Farm komme? Sie stoßt mädchenhaft ihre Freundin Dera Ramlow in die Seite, die ganz unvorbereitet auflacht. Karin wird ein wenig rot, aber ehe sie antworten kann, fährt Heinz feine Schwester ziemlich unsanft an: „Quatsch! Wenn du früher mit dem Anziehen fertig geworden wärst, konntest du die Honneurs machen. Das kennen wir doch bei Günther, daß er alles feiner Mutter überläßt."
Diel tiefer aber trifft fein Wort, daß die Schwester zusehen möge, jemanden wie Günther zu finden. Ilse sieht mit leicht geschlossenen Augen zwischen ihrem Bruder und Karin hin und her und wendet sich bann an Gustl Hochberg, ber eben angekommen ist.
„Das hättest du nicht sagen sollen, Heinz!" meint Karin, einen Ausgleich suchend.
„Ein Schaf ist Ilse. Sie verdirbt doch die Stimmung!" gibt Heinz trotzig zurück.
Karin hat das Gefühl, als müßten sich zuerst einmal alle einander reiben, um ihre durch die langen Einsamkeiten aufgespeicherte Nervosität loszuwerden. War es nicht das gleiche zwischen ihr und Günther?
Frau Merck geht von einer Gruppe zur anderen und entschuldigt ihren Sohn. Niemand nimmt es ernst, weil sie alle in dieser Stunde sich wie eine große Familie vorkommen, von der jeder den anderen genau kennt.
Nur Nikolaus Escherich hat sich einen stillen Platz ausgesucht, weil er die Rede zum Geburtstag halten soll und noch nicht recht weiß, was er sagen wird. Im letzten Jahr hat er es auch tun müssen und schließlich stempelte man ihn zum offiziellen Festredner. Zweifellos hat er etwas von einem Schauspieler an sich, mit phantasievollen Hand- und Armbewegungen und einer sonoren Stimme, die für eine Liebhaberbühne reicht. Er war noch nicht siebzehn, als der neu aus Deutsch- land gekommene Lehrer, der die Jungen für die Schüleraufführungen begeistern wollte, meinte: „Du spielst den Wilhelm Tell, mein lieber Escherich!"
„Das wird mir mein ganzes Leben nachhängen!" beklagte er sich nach der Vorstellung, die mit ungeheurem Beifall der ganzen deutschen Kolonie zu Ende ging. Unterdessen aber hat sich viel geändert. Escherichs Vater war viel zu klug, um dem ersten genialischen Drängen seines Sohnes nachzugeben und ihn Schauspieler werden zu lassen. Nikolaus hilft ihm in der Pflanzung und spricht außer den festlichen Reden nicht viel.
Ein unbeschreibliches Geschrei unterbricht seine Gedankengänge. In tadellosem weißen Smoking, die vorher noch wirren Haare straff nach hinten gekämmt, ein bewußt verlegenes Lächeln auf den Sippen, erscheint Günther Merck. Er überragt an Größe alle Kameraden, und während sie ihn mit ihren Wünschen und Begrüßungen bedrängen, begibt er sich sieghaft an die lange Tafel und bittet, Platz zu nehmen. Es liegt beinahe etwas steif Englisches in feinem Benehmen, in dieser überlegenen, kühlen HaUung, mit der er die Ovationen entgegennimmt.
Japan und USA.
„Eine ernste, wenn nicht letzte Warnung'!
Tokio, 16.Ott (Europapreß.) Als eine ernftt, wenn nicht letzte Warnung an die USA. betrachten politische Kreise die am Mittwochnach mttag veröffentlichte, offenbar halbamtlichen Chvl ratter tragende Erklärung der Domei-Agentur über - die zwischen Japan und den USA. geführten Verhandlungen. Der Schwerpunkt dieser Erklärung liegt dabei in dem Satz, daß eine weitere Hinan;, ziehung der seit der Konoye-Botschaft, d. h. seit 49 Tagen geführten japanisch-nordamerikanischen L Verhandlungen nicht zulässig sei, solange die USA. mit ichrer doppelzüngigen Politik fort* fährt, nämlich einerseits sich in einer feindselige!,, antijapanischen Haltung betätigt, anderseits mit pan diplomatische Verhandlungen führt.
Die feindselige Haltung der USA. umschreibt die auf „gutunterrichtete Kreise" gestützte Domei-Ec- Härung mit der Rolle der USA. in der ABC2- Front und der Unterstützung Tschiangkaischeks, bai] über hinaus in der Organisierung eines offen»! f id en Aufmarsches gegen Japan, wozu es England und die Sowjetunion einlabe. Man könne im Lichte der jetzt erkennbaren Umstände sagen, daß die USA. die Führerschaft im antijapanischen Laaer übernommen haben, so daß Zweifel berechtigt seien, ob die USA. ernsthaft eine Ausrechterhaltung des Friedens im Pazifik an strebe. „Japan fei in Gefahr, in eine von den hinterlistigen USA. aufgestellte Falle zu gehen, falls es sorglos die gegenwärtigen Verhandlungen fortsetzt." Do» Domei zitierte Beobachter sehen die Gefahr, dcch Japan ernstlich einer kritischen Situation begegnen werde, falls es die Verhandlungen mit USA. ohne strikten Einklang mit der internationalen Entwicklung und ohne Rücksicht auf die spezielle USA.-Politik fortsetzen würde. Der Schlüssel zur heutigen Frage sei nicht, ob ein Fortschritt in den Verhandlungen selber erreich werde ober nicht, sonbern ob die USA. während des Fortganges der Verhandlungen ihre diploma»= tischen japanfeindlichen Akte fortsetzen.
Der ungewöhnlich scharfe Ton dieser Veröffenl- lichung, der auf die britischen Pressestimmen dec letzten Tage folgt, läßt darauf schließen, daß dar Verhältnis Japan — USA. seinen kritis chen Punkt erreicht hat, und baß auch in ben Verhandlungen selbst ungenügende Fortschritte erzielt worden sind.
Die japanische Presse fährt mit den kritischen Betrachtungen zur Haltung der USA. gegenüber den japanischen Bemühungen, die Spannung im P«. zisik zu überwinden, fort. „Asahi Shimbun" wirst den USA. vor, baß sie währenb ber Verhanblungen mit Japan alle Bemühungen unternehmen, Tschung- fing zu stärken und seine eigene militärische Portion auszubauen. Das Ziel bieses Strebens der USA. sei es, bie Initiative gegenüber] ben Achsenmächten zu gern innen. Solanxej aber die USA. durch wirtschaftlicher» und mititäriq schen Druck Japan seinen Willen aufzuzwingen j suchen, sei die gegenwärtige Krise im Pazifik und überwindbar, wofür die USA. die Verantwortung j tragen.
Moskaus, die Stadt bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, der Bolschewismus noch einmal seine Fratze zu einer schaurigen Grimasse verzogen Hal,, die den ganzen Aberwitz dieses blutigen Spuks zusammenfaßt. Wir begreifen schaudernd, wie fremd und unheimlich diese vom Kreml diktierte Despotie dem europäischen Kulturbewußtsein ist. Jeder Saida t, der im Osten kämpfte, wird dieses Gefühl bi« (tätigen und aus eigener Erfahrung ergänzen können: er kämpfte gegen einen Gegner, der mit menschlichen Maßstäben und mit Wertungen, die aus unserem Kulturbewußtsein entnommen sind, nicht gemessen werden konnte.
130 englische Schiffe zur Reparatur in USA.
Stockholm, 16. Oft. (DNB.) Zur Zeit liege» in nordamerikanischen Werften 130 englische ober im englischen Sold stehende Schiffe zur Reparatur wie „Svenska Dagbladet" aus London meldet. Darunter befinden sich die Schlachtschiffe „Warspite', „Resolution" und „Rodney" und die Flugzeugträger „Jllustrious" und „Formidable". An den Schisses werde fieberhaft Tag und Nacht gearbeitet.
Niemand spürt das so sehr wie Karin, die er, mit einer leichten Berührung am Arm, mit sich nimmt um an ihrer Seite zu sitzen. Kaum aber daß ft Zeit hat, darüber nackzudenken. Hin und her gelt bie Unterhaltung; auf ein Zeichen ber alten 9c: manga stürzen bie schwarzen Dienerinnen nri Kaffeekannen, Kuchen unb Tortentabletts herein. Kwikuru sonnt sich in bem Lächeln unb den oei- ftehenben Blicken, die seine Kaffeemischung hervor' rufen, und winkt dem Negerboy Ngaba, bai? Grammophon spielen zu lassen.
Kwikuru, ber alte Massai, ber unter Lettow-Doi- deck als Askari biente unb Deutschland nie vergaß, hat sich etwas Wunderbares ausgedacht, womit er bem jungen „Bwana Merck" eine Freude machen will. Er kann ihm natürlich nichts kaufen oder schenken. Bwana Günther hat so viel Geld, daß er noch einmal so viel Boden erwerben könnte wie er schon hat.
Aber ber alte Diener ist eine ganze Woche lang in Arusha herumgelaufen unb hat Die beiden Grammophon-Händler auseinandergehetzt, um eine Platte zu erstehen, die er ihm heute vorspielen lassen mil Bon Fräulein Karin Grunelius weiß er auch, b®8 ber junge Herr Escherich eine Rebe halten nM und wenn bie zu Ende ist, bann wird aus deon Apparat ber Tusch dröhnen und das Lied, das er für diesen Tag für richtig hielt.
Seinem schwarzen Gesicht kann man die 2lur- regung nicht ansehen, mit der er Escherichs ReK folgt. Er versteht sehr gut deutsch, und als er den Ausklang hört, der Günther dreimal hvchleben läßt, stößt er Ngaba so kräftig in ben Rücken, daß i»r Junge bie Platte beinaije fallen läßt. Fanfarer- klänge, dumpfe Trompetenstöße, Helle Clairons schmettern einen herrischen Reitevmarsch über die Köpfe hin.
„Eine wunderbare Regie Günthers!" flüstert Heinz Wengeroth Detttna Ramlow, feiner Tischnachbarin', ins Öhr. „Klappt wie am Schnürchen!"
„Woher weißt du denn, daß er sich das befielt hat?"
„Na, wenn bas nicht fein Werk ist, weiß ich I3 nicht..." weicht Heinz aus. „Schau dir mal Kw->' kuru an!*
(Fortsetzung folgt.)


