Lieber einem Feldflugplatz.
Von Kriegsberichter Bruno Köster.
(PK.) Mit dem Flugzeug fliegen wir von dem alten zu dem neuen Platz eines Geschwaders. Die Fahrzeuae kommen in Kolonne nach. Für die Strecke, Die wir in nicht einer Stunde überbrücken, werden die Fahrzeuge bei den überaus schlechten Straßenverhältnissen mindestens 24 Stunden, wenn nicht mehr benötigen. Mit unserer Me 108 fliegen wir den Platz an, der nur wenige Kilometer hinter der kämpfenden Truppe liegt. In den verflossenen 24 Stunden versuchten die Sowjets bereits dreimal, den Platz mit ihren Bombern anzugreifen. Die Wachsamkeit unserer Flak und Jäger vereitelte die Angriffe, lieber ein Dutzend Flugzeuge haben die Gegner bei diesen Versuchen verloren.
Jetzt liegt der weite Platz unter uns. Wir sehen das übliche geschäftige Leben und Treiben eines Feldflughafens mit seinen Hunderten Flugzeugen, Zelten und Kraftwagen. Die „Taifun" setzt aur Landung an. Urplötzlich stehen über uns in der Sonne zahlreiche dunkelgraue Flakwolken. Nanu, ist das etwa auf uns gemünzt? Wir setzen zur Landung an, immer noch schießt die Flak, aber mehr und mehr entfernen sich die Sprengwolken. Wer erfahren denn auch, daß es eine Rata war, die sich neugerig den Platz ansehen wollte. Sowjetischer Besuch, erzählen dann die Kameraden von der Staffel, sei nichts besonderes. Das stört uns nicht in unserem Nachmittagsskat. Munter fließt das Spiel, nur dann und wann mal wirft jeder einen prüfenden Blick zum Himmel. Plötzlich bleiben die Augen des Oberfeldwebels St. gebannt am Horizont. Mit seinen scharfen Augen, die ihm bereits zu 26 Abschüssen verhalfen haben, muß er etwas besonderes entdeckt haben. Er springt auf, die Karten fliegen auf den Tisch: „Das ist toll — ein ganzer Haufen Ratas über uns in der Sonne!" Schon geht auch das Alarmsignal über den Platz. Im Augenblick startet eine Rotte mit heulenden Motoren. „In Deckung", ruft einer über den Platz; „die Sowjets setzen zum Tiefangriff an". Im gleichen Augenblick zwingt sie das gut liegende Flakfeuer zum Abdrehen. Schon ist der Zwischenfall vergessen. Eine dunkle Wolkenbank
schiebt sich über dem Horizont heran. Wieder gellt Alarm. Bolschewistische Bomber sind im Anflug. Was sich jetzt abspielt, ist das Werk weniger Sekunden. Schon donnern die Motoren, mit einem durchdringenden hellen Singen jagt eine Rotte nach der anderen über die Startbahn. In geschlossener Formation fliegen die Sowjets unseren Flughafen an. Da nähert sich ihnen mit Windeseile die erste Me 109. Der zweiten und dritten folgen die anderen. Jetzt greifen sie an. Unablässig zuckt auf beiden Seiten das Mündungsfeuer auf. Das Motorengedröhn wird übertönt von dem Rattern der MG.s und dem Grollen der Bordkanonen. Da, der erste bolschewistische Bomber stürzt senkrecht in die Tiefe. Zwei Fallschirme stehen plötzlich neben seiner Bahn in der Luft. In scharfer Kurve zieht der Sowjetbomber wie von Raketen getrieben steil nach oben, zuckend steht er einen Sekundenbruchteil in der klaren Luft. Dann sieht man nur noch einen glühendroten Schein, von fern her hallen die Detonationen, und es regnet nur noch Splitter, die führerlose Maschine ist mit ihren Bomben in der Luft explodiert und buchstäblich zersprengt.
Zwischendurch haben unsere Jäger die geschlossene Ordnung der Sowjets gesprengt. Nach allen Seiten versuchen sie zu entwischen. Da fällt auch schon die zweite und dritte Maschine zu Boden. Wie Kometen sausen hintereinander die vierte und fünfte brennend in die Tiefe. Dicke schwarze Rauchfahnen kennzeichnen ihren Weg. Zwischendurch erschüttern heftige Detonationen die Luft: die Bomben explodieren in den brennenden Maschinen. Acht dicke schwarze Rauchwolken stehen um den Feldflugplatz über den Aufschlagstellen. Acht sowjetische Bomber wurden von unseren Jägern abgeschossen, bevor sie überhaupt angreifen und eine Bombe abwerfen konnten. Wackelnd zieht eine Me 109 nach der anderen über unseren Köpfen weg. Nur wenige Minuten sind zwischen Alarm, Start, Angriff und Landung verstrichen. Ohne Verlust, ohne eine Verletzung und gar ohne einen einzigen Treffer der heftigen gegnerischen Abwehr, sind wir Sieger geworden.
Neues für -en Bücheriych.
— Edzard Schaper: Der Henker, Roman. Im Jnselverlag, Leipzig. Preis in Seinen geb. RM. 7.50. — Die Tragödie des baltischen Adels, der an dem Zwiespalt zwischen Volkstreue und Stoatstreue zerbricht, spiegelt sich hier in dem Schicksal eines russischen Gardeoffiziers aus baltischem Hause, den der Zufall in dem Revolutions- wirrter des Jahres 1905 als Richter über estnische Aufständische auf das Gut seiner Ahnen führt. Er ist der Erbe des ermordeten Gutsherrn und wird nun im Volksmund zum „Henker", dessen Spruch als Richter in eigener Sache drei Unschuldige zu furchtbaren Strafen verurteilte. Einer seiner Offiziere hat den Grafen auf das Zwielicht feiner Rolle im Baltenland als Richter des russischen Staates und Gutsherrn hingewiesen. Aber der Graf sah nur seine Pflicht und geht nun den Weg des Märtyrers, der, von Petersburg, wo inzwischen ein anderer Wind aufgekommen ist, verleugnet, und von der baltischen Ritterschaft um des Zieles der Versöhnung mit dem estnischen Volke willen im Stich gelassen, sich allein der Rache der Esten gegenüber® sieht. Fast ganz vereinsamt nimmt er mit beharrlichem Mut im tiefen Bewußtsein feiner Unschuld sein schweres Geschick auf sich. Auch die Liebe zu einer tapferen Frau kann ihn nicht von den dunklen Schatten der Vergangenheit erlösen, die Geliebte fällt von der Mörderkugel, die ihm selbst gegolten hatte. Erst der Weg an das Sterbebett des Vaters der. von ihm einst unschuldig-schuldig Verurteilten bringt ihm Entsühnung. — Der Dichter hat sich in die eigenartige Atmosphäre des Balten- tums während dieser kritischen Jahre wunderbar emgefühlt, mit großer Liebe sich in die Weite der baltischen Landschaft versenkt und den geschichtlichen Vorgängen nachgespürt, die den Hintergrund geben
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
für die Hefe Deutung der Seelenkämpfe eines einsamen Mannes. Es ist ein großartiges und trotz der zuchtvoll straffen Sprache leidenschaftliches Buch, das wir zu den wertvollsten Romanen der letzten Jahrzehnte zählen dürfen. Fr. W. Lange.
— Max Metzger: D as nieoerlorene Paradies. Verlag Rütten 8z ßoening ht Potsdam. Preis in Seinen geb. RM. 4.80. — Was der Verfasser unter dem nteoerloreneh Paradies verstanden haben will, besagt schon der Untertitel „Aus deutschen Wäldern, Wiesen und Gärten". Zu ihnen führt er duch die Menschen wieder hin, die in den Steinwüsten der Städte, im Getriebe der Zeit den Sinn für das große Wunder der Natur in ihrem ewigen Wandel der Erneuerung verloren haben. Er erzählt mit der Siebe des Kenners, aber in der Sprache des plaudernden Freundes vom Seben der Pflanze in Äald, Wiese und Garten und erschließt uns auf eine höchst anmutige Art ein geheimnisvolles Reich, zu dem wir die engsten Beziehungen haben. Fr. W. Lange.
— Meno Holst: Löberitz erkämpft Süd west. 241 Seiten. Mit 16 Aufnahmen und 2 Karten. Kart. RM. 2.—, geb. RM. 2.85. Im Deutschen Verlag, Berlin. — (67.) — Das Buch, heute besonders aktuell, dient dem Kolonialgedanken und will dem deutschen Volke die Gestalt des hervorragenden deutschen Kolonialpioniers Adolf Süderitz und feiner Mitarbeiter lebendig und vertraut machen. Als Quellen konnten vorzüglich die Unterlagen benutzt werden, die dem Verfasser von Konsul Carl Süderitz in München, dem Sohne des Bremer Tabakhändlers Adolf Süderitz, zur Verfügung gestellt wurden. So entstand, in romanhafter und leicht lesbarer Form, ein sachlich gerechtes und zuverlässiges Sebensbild des Mannes, der der Gründer Der Kolonie Deutsch-Südwestafrika wurde; seine Geschichte, ähnlich wie die des in letzter Zeit oft genannten Carl Peters, darf als ein nicht unwichtiges Stück allgemeiner deutscher Geschichte und Kolonialpolittk im Zeitalter Bismarcks gelten. — Gute Bilder und Karten veranschaulichen den Text in willkommener Weise. Hans Thyriot.
Aus der Gia di Gießen.
Geduld.
Der Geduldige ist stark, denn er weiß, daß alles seine Zeit braucht; daß alles seine Art hat, die man ihm lassen muß; daß alles seinen Gang geht, den niemand stören kann noch darf.
Denn Geduld ist Einsicht in den gesetzmäßigen Ablauf des Lebens, ist Sichfügen ins tägliche Geschehen, das uns mitnimmt auf feinen Wellen und außerhalb dessen wir uns gar nicht stellen können. Wer erfährt es nicht täglich, daß alles um uns zur Geduld mahnt, vOr allem die große Künderin der Geduld: die Zeit? Da ist der Tag, der vergeht, und die Nacht, die verrinnt, da sind die Wochen, die einander folgen und die Monate, deren Wechsel sich wiederholt, da sind die Jahre, die Jahrzehnte, da ist die kurze Spanne eines ganzen Menschenlebens über sieben Jahrzehnte, und wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit und Ge- duld gewesen.
Und doch, wie schwer ist es, Geduld zu lernen! Ja ist das Lernen selber nicht Geduld haben mit
Verbunkelungszeit
13. September von 19.42 bis 6.50 Uhr.
14. September von 19.39 bis 6.52 Uhr.
sich selbst und allen Widerständen, die dem Lernenden begegnen? Tausende Beispiele und Vorbilder zeigen uns, daß nur Geduld vermag, was weder Eifer noch Hast noch Zorn erreichen, aber sonderbarerweise übersehen wir diese Vorbilder, wir mißverstehen sie, wir wollen es besser wissen als sie.
Alles, was wird und wächst, hat Geduld und braucht Geduld. Und wo wir ungeduldig dazwischenpfuschen, beschleunigend und vermeintlich verbessernd, da rächt sich das vergewaltigte Leben durch Mißbildung und Siechtum. Verwundert, bestürzt stehen wir vor dem beschämenden Ergebnis unserer Ungeduld und müssen es auf uns nehmen, wieder von vorne anzufangen mit unseren Mühen.
Ja, das ist der Geduld eigentlicher Sinn und Urgrund: immer wieder von vom anfangen können und müssen. Wer wüßte das besser als die Frau und Mutter? Liebe, was ist sie anders als täglich im kleinen und im großen geübte Geduld? Denn Liebe, die aufflammt und verlodert, ist zwar ein Aufschwung im Leben, wie er nur in wenigen Augenblicken den Menschen in Vollkommenheit geschenkt wird; aber Geduld ist die Form der Liebe, die immer bereit ist, wärmend, schützend, fröhlich und stark. Wieviel Geduld umfaßt das Wort Erziehung! Und zwar nicht nur Geduld mit dem Zögling, sondern auch Geduld mit sich selbst; denn wer hätte nicht schon an sich selbst die Erfahrung machen müssen, daß nicht nur der Zögling, sondern auch der Erzieher erzogen wird durch seinen Aus- trag?Wir sind nicht vollkommen, wir werden es nie sein; aber die Geduld gibt unseren Bemühungen die Stetigkeit, die nötig ist, um unserem Tun Wert und Sinn zu leihen.
Und ist nicht Stetigkeit das gleiche wie Geduld? Nur daß wir dieses Wort nicht einseitig auffassen sollen als müßige Gottergebenheit und Lammsgeduld. Nicht leidende, sondern tätige Geduld wollen wir üben, eine Geduld, die immer bereit ist zum Handeln, zu Tat und Entscheidung. Gerade weil Geduld zeit- und kräftehaltig ist, stellt sie den seelischen Urgrund dar, aus dem Entscheidungen emporwachsen. H. G.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Rothschilds".— Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Frühlingsluft".
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 15.15 bis 17.30 Uhr „Alles für Dich" und 19 bis 22 Uhr „Zigeunerliebe". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Rothschilds". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Frühlingsluft".
Gießen-Klein-Linden.
Frohes Wiedersehen in der Film-Wochenschau.
Frau Luise M a n D l e r von hier, die Austrägerin des Gießener Anzeigers im Stadtteil Klein- Linden, konnte jetzt in der Wochenschau im Gießener Lichtspielhaus ihren seit 10 Monaten wieder im Felde stehenden Mann wiedersehen, der als Fahrer bei der Artillerie an der Ostfront eingesetzt ist. Eine Nachbarin der Frau Mandler, die im
Lichtspielhaus tätig ist, hatte ihren Landsmann und Nachbarn Heinrich Mandler zuerst erkannt und der Frau ihre Beobachtung mitgeteilt. Auch das, achtjährige Söhnchen des im Felde weilenden Soldaten besuchte am gestrigen Freitagnachmittag das Lichtspielhaus, um seinen Vater im Film zu sehen. Da dem Vater der „Gießener Anzeiger" regelmäßig ins Feld zugesandt wird, so wird seine Freude sicher groß sein, wenn er durch diese Zeilen von dem frohen Erlebnis seiner Frau und seines Sohnes Kenntnis erhält, die ihm zugleich mit diesen Zeilen auch herzliche Grüße übermitteln.
Fettverbilligung für die minder- bemittel-e Bevölkerung.
Zur Verbilligung der Speisefette für die minder- bemittelte Bevölkerung werden Reichsverbilligungsscheine auch für die Monate Oktober, November und Dezember 1941 ausgegeben.
Gießener Ivochenmarktpreise.
Nachstehende Preise sind Händlerpreise und verstehen sich für ä-Ware. Für 8-Ware oder abfallende Ware sowie für Seldsterzeuger liegen die Preise Niedriger.
* G i e ß e n, 13. Sept. Auf dem hiesigen Wochenmarkt kosteten: Molkereibutter, XA kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 8 bis 9, Kartoffeln 5 kg 53, Wirsing, grün, kg 8 bis 12, Weißkraut 6 bis 10, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20, Römischkohl 10, Bohnen,grün, 25 bis 30, Unterkohlrabi 7, Mischgemüse 8 bis 10, Tomaten 25 bis 35, Schwarzwurzeln 40, Rhabarber 15, Kürbis 10, Frühäpfel 40, Birnen 30 bis 40, Salat, das Stück 10 bis 12, Salatgurken 20 bis 40, Einmachgurken 2 bis 6, Endivien 12 bis 15, Oberkohlrabi 8 bis 12, Rettich 8 bis 10, Radieschen, Bund 10 bis 12 Rpf.
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** Goldene Hochzeit. Der Invalide Julius D i ck o r e und Ehefrau Anna, geb. Krieger, wohnhaft in Gießen, Bleichstraße 12, können am nächsten Montag, 15. September, bei bester Gesundheit das Fest der goldenen Hochzeit feiern. Herr Dickore war lange Jahre bei der Firma Schaffstaedt in Gießen als Magazinverwalter tätig. Dem Jubilar bringen auch wir unseren herzlichen Glückwunsch dar.
** 75 Jahre alt. Der Spenglermeister Christian Arnold, Asterweg 48 wohnhaft, kann am morgigen Sonntag in bester Frische seinen 75. Geburtstag begehen. Trotz seines hohen Alters arbeitet der Jubilar täglich noch in dem Betrieb der Jnstallationsfirma Rudolf Rüdiger, Walltor straße, wo er schon seit 25 Jahren ein geschätzter Arbeits- kamerad ist. Dem Jubilar gilt auch unser herzlicher Glückwunsch.
Kreisleiter e. h.
Landrat Grills, Wehlar f.
NSG. Am 11. September starb in Wetzlar im Alter von 66 Jahren Kreisleiter ehrenhalber, SA,« Standartenführer und Landrat Grillo. Der Kreis Wetzlar hat in ihm einen der aktivsten Vorkämpfer des Führers verloren, zu dem er sich bereits im Jahre 1930 bekannte.
Im Jahre 1931 beheimatete Parteigenosse Grillo in feiner Besitzung in Braunfels eine SA.-Führer- Vorschule, die er persönlich leitete und betreute. Im gleichen Jahr wurde Grillo stellvertretender Kreis- leiter, um ein Jahr später mit der Leitung des Kreises Wetzlar beauftragt zu werden. 1933 wurde Kreisleiter Grillo zunächst mit der vertretungsweisen und dann mit der komm. Verwaltung des Land- ratsamtes Wetzlar beauftragt, dessen endgültige Uebertragung ihm das Jahr 1934 brachte.
Parteigenosse Grillo, der als aktiver Offizier bereits im Jahre 1913 zum Rittmeister befördert war- den war, zog zu Beginn des Weltkrieges ins Feld und war bis zum Ende des Krieges an der Westfront, wo er sich höchste Auszeichnungen erwarb.
In den Reihen der Bewegung wird fein Name lebendig bleiben.
Mabelhaut
Mar&MHiße 29/30 - 2/U.
MöreiWVllNgMöer
Boman von -Sjorft Nernath
17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Kathi war nicht in der Küche. Kathi zog im Kinderzimmer Söhnchen die stolzen Krachledernen an, als Fräulein Zögling heranrauschte. Kathi sah ihre weiße Nasenspitze und die flackernden Augen und wußte sofort, daß der Wetterbericht Sturm meldete. Beim Anblick der gewaltigen Arme aber, an denen die Hände rot wie Schmiedezangen hingen, und im Angesicht der steinernen Ruhe, mit der Kathi sich aufrichtete, um den Stoß abzufangen, bekam der Grimm von Fräulein Zögling einen erheblichen Dämpfer. Sie amete tief, sie zwang sich dazu, die Luft dreimal tief und ruhig in die Lungen zu saugen und in langen Stößen auszuatmen. Dann erst warf sie den Kopf zurück.
„Wie ich soeben aus den Reden der Kinder ent- nehmsn mußte, haben Sie sich unterstanden, an meinen Erziehungsmaßnahmen vor den Kindern Kritik zu üben. Ich muß mir das ganz energisch verbitten? Für die Erziehung der Kinder bin ich verantwortlich, ich allein, und ich muß Sie dringend ersuchen, sich nicht in Angelegenheiten einzumischen, die Sie nichts angehen und von denen Sie auch nichts verstehen! Und ebenso dringend warne ich Sie, die Kinder gegen mich aufzuhetzen!" Sie sprach schnell und. immer schneller, auf ihren Wangen glühten rote Flecke und ihre Hände zappelten nervös in der Lust herum. Kathi hatte die Hände in die Seite gestemmt. Sie hielt den Kopf ein wenig vorgestreckt und musterte das Fräulein langsam von oben bis unten. Und von unten kroch dieser unbarmherzig prüfende Blick zollweise wieder nach oben und verhielt genau auf der Nasenspitze von Fräulein Zögling. Söhnchen saß stumm dabei und Derfolgte die Szene mit großen runden Augen. Ihm schien um Kathi nicht bange zu fein.
„Ich habe lange genug Geduld gehabt", fuhr Fräulein Zögling mit schriller hoher Stimme fort, „lange genug, hören Sie?! Aber das sage ich Ihnen, wenn Sie es sich noch einmal erlauben sollten, die Kinder gegen mich aufzuwiegeln, dann
werde ich nicht eine Sekunde länger zögern, Herrn Doktor Hellwang über Ihr Verhalten aufzuklären!"
Kathi fuhr sich mit dem Finger unter der Nase weg. Es geschah mit einem lauten Schnarchgeräusch, bäs unsägliche Verachtung ausdrückte.
„Ja, das tun Sie nur, Fräulein — aber vergessen Sie dabei bittschön nicht, dem Herrn Doktor auch zu erklären, warum die Kinder allweil über dem Schulkrampf hocken müssen. Damit Sie nämlich Zeit haben, Romane zu lesen und Locken zu drohen, und Fingernägel zu feulen, und dem lieben Gott den Tag zu stöhlen. Das vergessen Sie ja nicht, dem Herrn Doktor zu sagen. Und weshalb Sie auf einmal auf Ihr wertes Aeußeres so viel Wert legen — denn wie Sie hergekommen sind, da haben Sie nämlich ausgeschaut wie eine vom Dritten Orden —, das können Sie ja dem Herrn Doktor nebenbei auch gleich ertjären. — So, und jetzt muß ich an die Arbeit, haben Sie verstanden?"
Und das alles sagte Kathi ganz ruhig, fast heiter, und in sauberem, zierlichem Schriftdeutsch, damit dem Fräulein ja nicht auch nur eine Silbe ver- lorenainge. Und als sie fertig war, ging sie an dem Fräulein vorbei, und es war, als wehe der Luftzug, den sie verursachte, das Fräulein zur Seite, und es war ferner, als ließe ihr Abgang ein Vakuum zurück, in dem das Fräulein mühsam nach Luft ringen mußte.
Die Kinder sahen Fräulein Zögling ins Eßzimmer stürzen, nach ihrer Tasche greifen und eiligst aus dem Hause verschwinden. — „Du, sie hat vergessen, uns Aufgaben zu geben", flüsterte Lydia, als könne sie das Wunder noch nicht recht glauben. Britta kratzte sich die Wange und machte ein unbehagliches Gesicht.
„Hast sie dir angeschaut? Ganz weiß ist sie gewesen und gezittert hat sie, als ob sie ein Gespenst gesehen hat."
„Ob die Kathi ihr eine Watschen geben hat?" rätselte Lydia hoffnungsvoll. Sie schlichen gemeinsein zur Tür und horchten auf den Flur hinaus. Das Haus war totenftilt Sie tappten durch die Diele und öffneten leise die Küchentür. Da saß Kathi am Tisch, das Gesicht in die Hände gestützt, und rührte und regte sich nicht. Aber sie sah die Kinder aus kalten, bösen Augen an.
„Was hast, Kathi?" fragte Lydia ängstlich.
„Was ist dir, Kathi?" forschte Britta bang.
Kathi sah durch die Kinder hindurch wie durch Glas. „Mit Ratschen mag i nix zu tun haben! sagte sie kurz und warf das Kinn mit einem kurzen Ruck empor, „schrnust's euch weiter bei eurem Fräulein an und erzählt ihr vielleicht noch was, was ich zu euch gesagt hab'". Und als sie dieses Mal das Kinn vorstreckte, da hatte die Bewegung nur einen Sinn, und der hieß: 'raus! 'raus, jedes weitere Wort ist überflüssig und Zeitverschwendung.
Die Kinder schlichen wie geprügelte Hunde da- -üon. Stumm und ohne Widerrede und ohne ein Wort zu ihrer Entschuldigung zu sagen. In ihrem Zimmer saß Söhnchen auf dem Fußboden und hatte sich die Sandalen verkehrt angezogen. Er streckte Britta gebieterisch die Füße entgegen, und sie kniete neben ihm nieder und brachte die Sache in Ordnung. .
„Hat's was gegeben zwischen der Kathi und der Sieglinda, Söhnchen?"
..Wie meinst?"
„Ob die Kathi und die Sieglinda miteinander gestritten haben ...", flüsterte Britta.
„Das Fräulein hat gestritten — aber die Kathi nid)", antwortete Söhnchen, und mehr wußte er auch nicht zu sagen.
„Pfüeti Gott, i weiß schon alles, roie’s fimmt, wenn die Kathi an Zorn auf uns hat", jammerte Lydia; „kein Pudding und keine Mehlspeis, kein Kompott und kein Kuchen ..."
Britta fühlte eine leise Verachtung für Lydia; die dachte an nichts als an ihren Bauch.
„Und du allein bist schuld daran", plärrte Lydia. Sie sah den Ferientraum in Nacht und Nebel versinken, denn sie kannte Kathis Hartnäckigkeit und unverjonlichen Charakter. Britta ließ die Vorwürfe stumm über sich ergehen. Kein Kompott und kein Kuchen ... als ob das schon das Schlimmste war! Sie wußte jetzt, worauf es die Sieglinda abgesehen hatte und weshalb sie sich so wunderbar verwandelte und liebenswürdig wurde, wenn der Konni ins Zimmer trat. Ach, viel schlimmer als der Verlust von Kuchen und Kompott war der Verlust von Kathis Freundschaft und Beistand. Die bekam es fertig und ließ sie aus reiner Rachsucht und Bosheit in ihrer gemeinsamen Front gegen die Sieglinda im Stich. Und dann war alles verloren ...
Es mußte etwas geschehen, um Kathis Wohlwollen und ihre Hilfe zurückzuerobern, und es gab
nur einen Weg dazu, und der erforderte Furchtlosigkeit und ein starkes Herz. Sie gab Lydia einen Wink, ihr zu folgen und erlaubte Söhnchen großzügig, mit ihrer Puppe Sabine zu Spielen. Das war das erste Opfer. Denn Sabine war eine Prinzessin mit goldblonden echten Haaren und knisternden Atlaskleidern; und Söhnchen war ein kleiner Barbar und entsetzlich wißbegierig und spürte schon seit langer Zeit dem Geheimnis nach, wie wohl Puppen die Augen bewegten und wie sie sogar Mama krähen konnten.
Britta und Lydia schlüpften aus dem Zimmer. Das Auto in der Garage war der einzige Ort, wo sie vor Späherblicken und Lauscherohren sicher zu sein glaubten.
„Weißt", flüsterte Britta, „ich mein', der ganze Fehler war der, daß wir viel zu anständig und folgsam gegen die Sieglinda gewesen sind. Und deshalb denkt die Kathi, wir wollen uns bei der Sieglinda einschmeicheln. Wenn wir haben wollen, daß die Kathi wieder gut zu uns ist, dann müssen wir ihr zeigen, daß wir die Sieglinda überhaupt nicht ausstehen mögen. Recht wie die Teufel müssen wir uns zur Sieglinda benehmen und sie trotzen und sekkieren, bis fie’s nimmer aushält und narrisch wird vor Wut und zum Haus 'nausläuft!"
„Du!" sagte Lydia mitgerissen, „bas ist ja genau bas, was ich mir schon bie ganze Zeit überlegt hab’. Und ich hätt' auch gleich was für den Anfang, ganz was Raffiniertes, wo sie teufelswild wird, die Sieglinda ..."
„Los, los, fag's schon!" drängte Britta. Die letzte Viertelstunde hatte sie wunderbar verwandelt. Nichts Verträumtes war mehr an ihr. Ihre Augen blitzten vor Unternehmungslust und Kühnheit.
„Also gib mal Obacht, ob das was ist: die Sieglinda wäscht sich doch jede Woche das Haar, und hinterher, wenn fie’s gewaschen hat, gießt sie aus einer Flasche, wo Blondirol oben steht, etwas in eine Untertasse und verstreicht das Zeug mit einem alten Zahnbürschtl auf den Kopf, überall hin, damit sie blonder wird ..."
„Woher weißt das?" fragte Britta erstaunt.
„Weil ich ihr heimlich zugeschaut hab' und die Flasche in ihrer Kommode gesehen hab', gab Lydia etwas zögernd zu.
(Fortsetzung folgt.)


