und wirtschaftlichen Verhältnisse klarlegen lassen oder die ukrainische Bevölkerung selbst gehört und dabei erfahren, daß rund 80 bis 90 v. H. des Ertrages der Arbeit der Menschen dem Staat als Steuern verfiel, so mußte er gleichzeitig alle Einzelheiten des Kollektivsystems erfahren.
Wie „frei" der Sowjetbürger war, ergab sich z. D. daraus, daß ec für eine Viertelstunde Zuspätkorn- men zur Arbeit sofort vom Fleck weg drei Tage ar- restiert wurde, unter Lohnabzug für sechs Tage, was zugleich eine Woche Hungern bedeutete, da der Lohn zum großen Teil in Lebensmitteln gezahlt wurde. Der Bauer mußte keine gesamte Ernte — wenn er nicht ohnehin in Kollektivwirtschaft arbeitete — dem Staat zu einem Spottgeld verkaufen, wobei er dann den selbst benötigten Teil zum zehn- fachen Preis wiederkaufen durste. Das alles in einem Land mit einer unendlich fruchtbaren Erde, die keines Düngers bedarf.
Bei aller Primitivität an Wohnung, Hausrat, Er- nährung, Bekleidung hatte die Sowjetunion eine Rüstung, die gigantisch an Zahl und hochmodernem Zustand ist. Für sie haben die gesamten sowjettschen Staatseinnahmen gedient. Daraus erklärt sich die ungeheure äußere Verelendung des Volkes.
Niemand weiß besser, wie notwendig der Schlag des Führers gegen den Bolschewismus war, als die Soldaten der Ostfront selbst. Diese bolschewistische Welle wäre nicht nur über Deutschland, sondern über Europa hinweggegangen, um alles auszulöschen, was europäische Kultur und Zivilisation heißt.
Das Wort vom „Kampf für die europäische Kultur Und Zivilisation" ist auch dem letzten Landser, der es vielleicht früher nicht voll und ganz verstanden hatte, nun klargeworden, nachdem er die grauenvolle Unkultur und Barbarei des Sowjetsystems mit eige- nen Augen sah.
Britischer Terror im Irak.
Ankara, 11. Nov. (Europavreß.) 243 führende Persönlichkeiten im Irak wurden, wie aus Bagdad gemeldet wird, innerhalb 24 Stunden nach einem Attentat auf den anglophilen Politiker Fakri Nashashibi, der dabei getötet wurde, auf Anordnung der von England eingesetzten irakischen Regierung Nuri es Said verhaftet.
Unmittelbar nach dem Attentat wurde über Bagdad erneut der Belagerungszustand verhängt; da bis Montagabend der Täter nicht fest- gestellt werden konnte, ordnete Nuri es Said die wahllose Verhaftung nationaler Araber an.
Auf Fakri Nashashibi sind im Laufe der letzten Jahre bereits vier Anschläge verübt worden, drei in Jerusalem und einer in Kairo. Fakri Nashashibi war in allen arabischen Ländern einer der bestgehaßtesten Männer, da er in den gegen die englische Herrschaft gerichteten Aufständen in Palästina 1936 bis 1939 als der politische Gegenspieler des G r o fern u f 11 von Jerusalem die ihm von London vor- geschriebenen Richtlinien gegen das Wohl seiner eigenen Landsleute durchführte. Nashashibi war bekannt wegen seiner proenglischen und pro- jüdischen E i n st e l l u n g. Die jüdischen Zeitungen in Jerusalem veröffentlichten dementsprechend auch lange schmerzerfüllte Nachrufe.
Der Attentäter, der Fakri Nashashibi ermordet hat, wurde, wie aus Bagdad weiter gemeldet wird, verhaftet. Nach der offiziellen Verlautbarung handelt es sich um einen Araber aus Palästina. Reisende, die dieser Tage — also vor dem Attentat — aus dem Irak in der Türkei eintrafen, erklärten, die Stimmung sei wie In einem Vul- kantrater.
Zunehmende (Spannung in Aegypten.
Lissabon, 11. Nov. (Europapreß.) Heber das Anwachsen der innerpolitischen Spannung in Aegypten enthält die „Times" am Samstag einen aufschlußreichen Bericht. Danach ist der Einfluß der Wafdisten im Steigen begriffen, während das Ansehen Englands-in Aegmtten ständig sinkt. In erster Linie, so schreibt das Blatt, mache sich die E r n ä h r u n g s f r a g e als Folge der Versorgungsschmierigkeiten immer mehr unerfreulich bemerkbar und verfehle nicht, ihre politischen Auswirkungen zu zeitigen, und zwar ge gen England. Aegypten habe nunmehr zwei fleischlose Tage einfuhren müssen. Weiter mangele es an Weizen, Zucker und vielen anderen Waren, die nicht näher bezeichnet werden. Die Preise stiegen in unheimlicher Weise an.
Aus der Stadt Gießen.
Weit ist der Weg...
Der Feldpostbrief hat einige tausend Kilometer hinter sich gebracht, wenn er glücklich in die Hand des Empfängers kommt. Viele Hände haben ihn weitergereicht. Aus einem unscheinbaren Briefkasten an einem der dl'eckbespritzten Kraftwagen ist er in den Postsack gewandert; der Kradfahrer hat ihn in eine Beiwagenmaschine geworfen, und damit ist er meinem Gesichtskreis entschwunden.
Es wird lange dauern, bevor mich die Antwort erreicht. Wir werden längst weiter marschiert sein, dieses kleine ukrainische Dorf mit einem anderen vertauscht haben, einen anderen mit ähnlich klingendem Namen. Auf der Karte werden wir die Kilometer ausrechnen können, um die wir feit dem Absendetag meines Briefes weiter vorgefloßen find. Wir werden sogar verschiedene Karten aneinander- legen können, Karten mit einem so kleinen Maßstab allerdings, daß auch noch diese kleinen Dörfer, die
verdunkelungszeil
12.11. von 17.32 bis 8.36 Uhr.
Höhen und Wegkreuzungen, die Gehöfte und Windmühlen, die kleinen Bäche mit den breiten Sumpf- ftreifen, um die oft erbittert gerungen worden ist, darauf zu finden sind. Wenn wir sie nicht hatten, diese Karten, wir würden in diesem unendlichen Raum untergeben. So aber können wir mit dem Zeigefinger auf eine Karte tippen und mit einem dicken Strich den Weg zeichnen, unseren Weg.
Der Brief wird denselben Weg wandern und wird an einem solchen Strich entlang, der dann inzwischen wieder etwas länger geworden ist, wieder zu uns zurückkommen. — Er wird alle modernen Verkehrsmittel benutzen, vielleicht mit einer der treuen alten Ju's die weite Strecke bis zur Heimat überfliegen, oder als freier Passagier einen der Züge benutzen, die durch die abgeernteten Felder, durch den herbstlich gefärbten Wald brausen.
Ader dann hat er es nicht mehr weit, dann wird er zum letzten Male sortiert. Er ist inzwischen unansehnlich geworden; rauhe Soldatenfäuste haben ihm zugesetzt, Spuren von Staub und Del, von Schweife und Benzin sind an ihm. haften geblieben. Die Aufschrift ist schon etwas verwischt, der Stempel mit der Dienststelle der Feldpostnummer etwas matt geworden. Aber er hat sich durchgekämpft bis zu der Strafee und dem Haus, wo sie oder er ober es wohnen. Ein paar Treppen nur noch, dann fällt er mit dem kurzen Klingelzeichen durch den schmalen Schlitz der Tür und liegt auf dem Kokosläufer der Diele. —
Wann er wohl ankommen wird? — Ob die Kinder zu Haufe sind und mit jubelndem Sturm auf den kleinen unscheinbaren Briefumschlag stürzen? Hoffentlich hält er der Balgerei noch stand-, bis die Mutter aus der Küche kommt und beschwichtigend, aber mit einem frohen Schein auf dem Gesicht sich den Brief geben laßt! Und dann wird sie sich setzen, ans Fenster auf den Erkerplatz vielleicht, dort, wo ihr Nähtisch steht, und wird etwas umständlich in ihrer feierlichen Art den Brief öffnen. Ober wirb sie an meinem Schreibtisch sitzen, über besten Ranb die Kinder jetzt längst hinwegsehen können? Es muß erst ganz still fein, das wissen die kleinen Schlingel. Die Mutter lieft den Brief erst für sich, ganz allein, und bann kommen sie baran, bann lieft sie ihn vor, mit ihrer weichen flingenben Stimme. Sie wirb bazwischen manchmal stocken; dann überspringt sie einige Zeilen, bie nur für sie bestimmt sind. — Und auf dem Schreibtisch liegt wieder eine Karte und auf ihr wird ein Finger entlang fahren, bis er weit im Osten einen Namen gefunden hat, einen Namen an einem schwarzen Punkt mit einem Kreis,-bas ist bann bie nächste größere Stadt, von der aus der Brief feine Reife angetreten hat. — Es sind wirklich schon einige Wochen her, viele Blatter hat sie inzwischen vom Kalender abgerissen, und da kommt ihr schon bie Sehnsucht nach bem nächsten Tag und bem nächsten Brief. — Was kann sich in ber Zwischenzeit nicht alles ereignet haben!?
In ber Zwischenzeit? Ich halte ihn ja noch in den Händen, diesen Bries, (Bebnnfen sind schneller, sind schneller als unsere modernsten Verkehrsmittel. Und jetzt muß ich doch eilen, damit ihn ber Kradmelder noch mi klimmt, meinen Brief. Ein paar Minuten, bann ist es zu spät. Dann wirb es wieber Stunden, vielleicht Tage dauern, ehe er mitgenommen werben kann. So geht es auch hier um Minuten, so wie
zu Hause beim Briefkasten, wenn man davor steht und an dem kleinen Metallsckilb bie nächste Leerung abliest. Um Minuten geht es hier, und doch braucht er Wochen, dieser Bri^. —
„Fertigmachen! In einer Halden Stunde Abmarsch!" Klar und energisch klingen bie Befehle durch den Gemüsegarten, in bem unsere Fahrzeuge unter Dbftbäumen getarnt untergestellt sind. Der Brief ist fort; bie Zwischenzeit beginnt. In einer Stunde sind wir wahrscheinlich wieder am Feinb, zerschlagen ihn ober nehmen ihn gefangen, gewinnen wieber Zentimeter um Zentimeter Raum auf bem Kartenblatt, bas jetzt an ber Reihe ift
Der Strich unseres Vormarsches wirb wieber langer. Kreu.ze und Namen stehen an biefem Strich,
bas sind bk gefallenen Kameraden. Wo wird bas nächste Kreuz stehen und welchen Namen wirb es tragen? Wirb ein anberer einmal einen Brief für mich schreiben müssen, weil ba auf meiner Karte plötzlich der Strich aufhört? Nun, dann wird ihn auch ein Kamerab weiter ziehen, diesen dicken Strich auf der Karte, und am Ende wirb bas Ziel fein, wirb bas Wort „Sieg" stehen, um dessentwillen wir burch diesen Raum marschieren.
Aber ich hoffe doch, eines Tages benfelben Weg zurückgehen zu können und vor derselben Tür zu stehen, durch deren Schlitz vielleicht gerade jetzt mein Feldpostbrief fällt. Dann wirb er für lange Zett nicht mehr nötig sein, der Brief aus dem Osten.
Unsere Märchen.
Zur 3. Reichsstraßensammlung am 15. und 16. November.
Jtein anderes Volk", sagt ber bekannte Märchen- forscher Friebrich v. b. Leyen, „hat in Dichtung unb Forschung den Märchen solche Treue bewahrt, kein anderes seine ewige Kindlichkeit so liebevoll heraus-
gehoben, keinem anberen Volk bann darum fein Märchen so lieblich unb unschuldig verklärt das eigene Antlitz zeigen, wie dem deutschen."
Unser Volk ist sich dessen bewußt. Wenn Mutter ober Großmutter der Jugend die Geschichten von Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und- Dornröschen, von Aschenbrödel und Rumpelstilzchen erzählen, bann trägt bas Märchen seine Wunder in bie kleinen Seelen unb macht sie empfänglich für den unsterblichen deutschen Geist.
Mele Märchenbücher laufen durch unser Volk. Ein Büchlein von ganz besonderer Art, aber vielmehr zehn reizvoll ausgeftattete Heftchen mit je
WH W1941/3-2
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fühlen in die Jugendzeit, und fast unmerklich werden sich mit unseren Herzen auch unsere Hände zum freudigen Geben für das große soziale Werk, das Mütter imb Kinder in den DÜttelpunkt seiner Betreuung stellt, öffnen.
einem Märchen, legt nun bas Kriegswinterhilfswerk in bie Hände von jung und alt. Dem kleinen Umana entsprechend sind die Texte gekürzt, jedoch in o liebevoll schonender Weise und im engsten An- chluß an die Originale, daß keine Lücke entstand. Die bunten Bilder stammen von wirklichen Märchenkünstlern, denen es eine Lust war, bie teils tollen und gruseligen, teils ernsten unb brolligen Geschichten auszumalen.
Zwei Tage wirb ganz Deutschlanb im Zeichen des Märchens stehen. Lachende Kinder werden glücklich danach greifen, das Alter wird sich zurückversetzt
Ift
as uns die Lahn auf ihrem Lauf erzählt.
Eine heiter-ernste heimatkundliche Plauderei.
Von Dr. I. Horn, Gießen.
Fortsetzung.
So geht denn die Fahrt nach Südwesten gemütlich dahin zwischen Taunus unb Westerwald, bie mir aber des öfteren einen Berg in den Weg teilen. Was tun dann meine beiden liedenswür- ligen Weggenossen, die Eisenbahn und bie ßanb- trafee? Die Eisenbahn ist mutig, stark unb starr unb bohrt sich in harter Arbeit einen'Weg mitten burch den Berg hinburch, unb bie schon geschmeidigere Lanbstraße klettert im Schweiße ihres Angesichts mühsam ben Berg hinauf. Ich aber bin kluger als bie betben; ich liebe die Berge nicht, bleibe ruhig unten im Tal, nütze mein flüssiges Gefüge unb meine unbegrenzte Schmiegsamkeit pfiffig aus, weiche, unter Beachtung ber Verkehrsregeln, etwas zur Seite unb umgehe so fpielenb bie mir zugebachten Hinbernisse.
Das Wort „Taunus" läßt wieber keltische Erinnerungen in mir wachwerben. Es leitet sich ab von dem keltischen dün (= befestigte Höhe), bas sich in Wörtern anberer Sprachen ebenfalls oorfinbet, unb das bekannte Bab nannte sich zur Unterscheidung von Orten gleichen Namens ganz mit Recht Homburg vor ber Höhe (= vor bem Taunus). Auf bem Kamm bes Gebirges verläuft ber berühmte römisch-germanische Grenzwall; kein anberes beut- sches Mittelgebirge ist wie der Taunus so reich an Mineralwassern unb heilenben Bcibern.
So angesehen in ber allgemeinen Wertschätzung wie ber Taunus Ist ber Westerwalb nicht, ber noch jetzt gegen allerlei Vorurteile wie Rückstän- bigkeit unb Weltabgeschiebenheit anzukämpfen hat. Doch ist er ganz entschieben besser als sein Ruf; man muß nur seine herbe Eigenart kennen, um ihn auf die Dauer liebzuhaben. Aber vor anberen Mittelgebirgen seiner Art hat ber Westerwalb ganz be- stimmt bas schlagkräftige Felbaeschrei seiner Bewoh-
ner, seiner Freunde und der Wanberer voraus, bas >
vor einigen Jahren Abolf Weife, ber Bauernbichter aus Mademühlen, ersann: „Hui Wäller? — Allemol!" Dieser kernige Schlachtruf ber Wäller in feiner herben Einfachheit wirb unsterblich sein.
Don Taunus unb Westerwalb getreulich begleitet, mit mir unb ber Welt zufrieben, ströme ich ruhig gen Sübwesten in einem Ehrenspalier von Schlössern unb Burgen, von Kirchen unb Klöstern sonder Zahl, sozusagen von weltlichen und geistlichen Herren ((Bleiberg, Braunfels, Schaumburg u. a. m. — Altenberg, Limburg, Arnstein u. a. m.), bie iri ihrem wechselvollen Geschicke lehrreiche Beiträge zur bunten Geschichte ber unseligen Dynastenherrlichkeit unb Kleinstaaterei liefern können. Unb schon sehe ich am Hang bas gute, alte Wetzlar mit feinem rötlich schimmernden Dom, in bem bie beiben Konfessionen dem gleichen Gott dienen, unb mit seinen großen industriellen Werken von Weltruf. Es freut mich, baß Wetzlar so mit Wärme bie Erinnerung an Goethe pflegt unb wachhält. Wenn ihm auch das alte Stäbtchen selbst mit seinen engen unb steilen Gassen nicht sonberlich gefallen hat, so erfreute ihn um so mehr bie Schönheit der Umgebung unb bes Tales weiter abwärts: „Mein Auge schwelgt in Betrachtung ber Nähen unb ber Fernen, ber bebuschten Felsen, ber tyronenben Schlösser unb ber aus ber Ferne lockenden blauen Bergreihen." In der Stimmung der „Leiden des jungen Werthers" war dem Jüngling die Seele so voll, daß er Beruhigung der Leidenschaften im Umgang mit der stummen Natur suchte, um Klarheit in seine wogenden Gedanken zu bringen. In Wetzlar wurde der junge Goethe zum Wanderer. „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich mir erwandert", bekannte er selbst; trug er doch in seiner Stürmer- und Drängerzeit den Beinamen „Der Wanderer".
Bei Wetzlar nehme ich zur Rechten meinen größten Nebenfluß, die Dill, auf, bie mir aus einem an-
Karin Grunelius
Roman von GuiüoK.vranö
25. Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)
11.
„Schon wieber ein Telegramm!" rief Schwester Franzeska Günther zu, ber schon auf ber Terrasse des Krankenhauses sah unb sich von ber heißen Sonne braun brennen liefe. Die Heilung seiner gebrochenen Glieder hatte schnellere Fortschritte gemacht, als man anfänglich annehmen durfte.
„Don wem?" fragte er etwas gleichgültig, denn •es war heute schon das dritte eingetroffen. Er konnte» sich gar nicht entsinnen, von wem noch eine Antwort zu erwarten war.
Schwester Franzeska rife es auf unb reiche es ihm wortlos hin, ein wenig rot im Gesicht.
„Prüfung bei Professor Gruber in Ghemiebio- logie bestanden — bin ab morgen Assistentin bei ihm — schreibe, wann bu kommst — erwarte dich lehnsüchtig — Karin."
„Es ist gut, Schwester!" sagte Günther, als tonne er bie Nachricht zu ben Akten legen, weil tr ben Weg nach München sowieso in seinen Plan eingefügt hatte. Im Augenblick war er barmt be- Idjäftigt, all die Städte, bie er besuchen wollte, m eine möglichst wenig zeitraubenbe Ordnung zu bringen.
Längst war er davon abgekommen, Karin mit irgendeinem Auftrag zu betrauen. Nicht, weil er fein Vertrauen zu ihr hatte, oder weil ihre erste Nachricht nach ihrer Ankunft in München etwas lehr kategorisch gelautet hatte, sondern einfach Deshalb, weil seine unverhofft rasche Besserung unb Kräftespannung ein intensives Betätigungsfeld luchte. , . .
Schwester Franzeska orbnete noch em wenig die Papiere auf bem Tisch: „Haben Sie noch einen Wunsch, Herr Merck? Heute war wohl ein ereignisreicher Tag, wie?" ..
Er machte ein Gesicht, als bächte er angestreng nach. „Wir könnten gleich meiner Verlobten antworten. Schreiben Sie doch bitte ben Text auf und bringen Sie ihn zur Poft —"
Sie rückte sich einen Stuhl zurecht unb schrieb: „Hoffe in den nächsten Tagen Krankenhaus zu verlassen, Besserung grofeartig — leider Reiseplan geändert — komme erst anschließend an Berlin, Breslau, Rendsburg, Witzenhausen, Frankfurt a. M. nach München — gratuliere zum bestandenen Examen — war das notwendig? — genaue Ankunft teile ich noch mit Grüße Günther."
Nachdem sie ben Wortlaut noch einmal wie eine Sekretärin oorgelefen hatte, korrigierte er noch eine Stelle.
„herzlichste Grüße . . . schreiben Sie bitte!" Damit schien bie Angelegenheit nach aufeen hin er- lebigt zu fein. Aber als die Schwester bie Veranda verlassen hatte, überflog er noch noch einmal Karins Mitteilung. Lag da nicht mehr in ihren Worten, als er vorhin oberflächlich begriffen hatte? Was sollte das heißen: „bin ab morgen Assistentin bei ihm? Sie hatte also eine Stellung angenommen unb ihn vor eine vollendete Tatsache gestellt?
Obgleich es nicht mehr die gleiche Situation war wie damals, als sie plötzlich Spaccaforno verlassen hatte, als ihn körperliche Schwäche daran hinderte, sich zu konzentrieren, spürte er doch auch jetzt eine ähnliche Entschlufelosigkeit, von Karin eine Entscheidung zu verlangen. Wo lag ba nun bie Schuld?
Was hältst bu von bem Telegramm?" fragte Karin ihren Onkel beim Frühstück. Da§ Annerl hatte es ihr kurz vorher auf bas Zimmer gebracht.
„Schwer zu sagen!" wich ber Geheimrat aus. „Du mußt eben abwarten, bis er hierher kommt. Ich würbe mir vorher auch keine Gebauten barüber machen. Konzentriere bich lieber auf beinen Anfang im Institut!" mahnte er väterlich. „Ich hole dich heute nachmittag ab. Das heißt, wenn es dir recht ist!" w .
Karin schaute mit erstaunten Augen über Den Tisch. Warum sollte es ihr nicht recht fein? Sie mar sogar froh darüber, daß sie ben ersten Tag, ber sie mit all dem Neuen und Ungewohnten Überfällen wurde, nicht einsam zu beschließen brauchte.
„Also um fünf Uhr, Onkel?"
Pünktlich wie ein Gymnasiast wurde er am Portal auf sie warten, meinte er lachend, ohne daß es ihm auffiel, wie sehr er sich damit verriet.
Profe sor Gruber empfing sie in seinem Sprech
zimmer mit größter Zuvorkommenheit, bot ihr eine Zigarette an unb unterhielt sich kurz über ihr Ar- beitspensum. Es waren eben Versuche im Gange, bie Doktor Bröger vor seinem Urlaub angefangen hatte, unb bie jetzt mit beschleunigtem Tempo weitergeführt werben sollten. Bielleicht, daß sie sich mit feinem ersten Assistenten bie Arbeit teilte.
Ohne ihr viel Zeit zur Besinnung zu lasten, bk sie sich in der Sekunde wünschte, als sie ben Namen Doktor Bröger hörte, bat er sie, mit ihm ins Institut hinüberzugehen. Was für merftoürbige Zufälle es boch gab. In Sampieri war sie mit einem Maler Bröger zusammen und jetzt mit einem Doktor Bröger. Ob das vielleicht Brüder waren?
Mit einer kaum vermuteten Behendigkeit schritt Professor Gruber neben ihr her. Er rife die Tür zum Laboratorium heftig auf unb rief wie ein Inspizient hinter der Bühne in ben leeren Raum hinein: „Herr Doktor Bröger! Herr Doktor Bröger!" Er behnte nicht nur bie Silben, fonbern sang sie auch ein wenig.
Es muhte wirklich ein sehr kollegiales Verhältnis herrschen, benn aus bem Nebenraum brang burch bie halboffene Tür: „Ja, hier bin ich! Ich komme!"
Für Sekunben glaubte Karin nicht mehr den Schlag ihres Herzens zu spüren. Diese Stimme, wenn auch ein wenig oeränbert durch das Ruf- unb Antwortspiel, kannte fiel Sie prefete bie Hänbe in- einanber unb wehrte sich verzweifelt gegen bie körn-
menbe Wirklichkeit.
„Darf ich vorstellen, Herr Doktor Bröger! Hier ist unsere neue Assistentin, Fräulein Grunelius! Es ist so ziemlich alles in ihr brin, lieber Doktor, was man von ber heutigen Vitamin- unb Hormonwisten- schäft verlangen kann."
Er unterbrach sich unb liefe seinen Blick zwischen ben beiben hin unb her gehen, bie sich völlig über- rascht, ja, er konstatierte, beinahe verstört, gegen- überftanben.
„Verzeihung ... ich verstehe nicht recht .. kennen Sie sich vielleicht schon von irgenbwoher? Dann wäre meine Ansage ja überflüssig!" meinte er mit einem scherzhaften Unterton.
„Allerbings, Herr Professor", fanb Thomas Bro- ger zuerst das Wort. „Zufall! Reiner Zufalls aber wie mir scheint, ein sinnvoller 1 Ich kenne Fraulein
Grunelius von Sizilien her, wo ich meinen Urlaub verbrachte."
„Na, dann allerdings ist meine Bemühung überflüssig. Ich wünsche Ihnen, Fräulein Grunelius, Hals- und Beinbruch, unb sehen Sie zu, wie Sie mit Doktor Bröger zurechtkommen!"
Karin stand wie gelähmt noch an ber gleichen Stelle neben einem mit Gläsern und Retorten überladenen Arbeitstisch, als sie bie Tür hinter sich «gen hörte unb Thomas mit einem Lächeln, e Unwirklichkeit der Situation steigerte, auf sie zukam. Dieses Gesicht, bas sich nur ein paar Armlängen entfernt von ihr greifen liefe, wollte sich noch nicht einorbnen in ihre Vorstellungen.
„Ja, Fräulein Grunelius. Ich weiß nun nicht, wer baran schuld ist. Sie oder ich ober bas Schicksal, wenn wir es einmal so nennen wollen. Vielleicht ist es ein wahrhafter Zufall, kein alltäglicher", meinte er mit leicht vibrierender Stimme, als müsse er selbst eine leichte Erregtheit überwinden.
„Schuld? Zufall?" rief sie ebensowenig beherrscht, zerrte an ihren Handschuhen, legte sie etwas heftig auf ben Tisch unb nahm ben Hut ab, ohne wie sonst vielleicht mit orbnenben Hänben über Das Haar zu fahren.
Sie sah völlig die Grunblosigkeit bes aggressiven Tones ihrer Antwort ein, fanb aber in biefer frauenhaft gefühlten Entscheibung keine (Begengrünbe, anbers zu fein. Vielleicht war ihr Verhalten auch gar nicht so sehr gegen Thomas Bröger gerichtet, fonbern vielmehr gegen bie Undurchbringlichkeit einer nie geahnten Zukunft. Denn jetzt, ba sie ihm ins Gesicht sah, erinnerte sie sich seiner fonberbaren Worte, die er damals in Sampieri gesprochen hatte: „Dieleicht später einmal ..."
Es war ihr, als hätte sie schon einmal diese Szene in genau demselben Raum erlebt, als Thomas ihre Handschuhe unb ben Hut vom Tisch nahm, auf einen schmalen gelben Schrank zuging unb bie Sachen hineinlegte. Wie In einem zweiten Gesicht sah sie bie» selben Bewegungen, bie gleichen Lichtreflexe in ben großen Kolben unb Retorten; es roch wie bamals ganz leicht nach Gas aus ben Bunsenbrennern, unb unaufhörlich tropfte wie jetzt an ber Wanb ein Wasserhahn.
(Fortsetzung folgt.)


