Nr. 29 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Dienstag, 4. Hebruar 1941
Johannes Schlaf f.
Halle a. d. S a a l e, 3. Febr. (DNB.) Am Camstag ist der Dichter Johannes Schlaf, in siiiner Geburtsstadt Querfurt, wo er seit 1937 lwhnte, nach kurzer Krankheit im Alter von 78 8ihren g e st o r b e n.
Johannes Schlaf, am 21. Juni 1862 geboren, war Wammen mit dem früher verstorbenen Arno Holz btr Begründer des konsequenten Naturalismus in b;r deutschen Dichtung. In den achtziger Jahren bis vorigen Jahrhunderts begann seine enge Zu- ic nmenarbeit mit dem Ostpreußen Holz, mit dem ih jahrelang freundschaftliche Beziehungen und ge- inrinsame literarische Anschauungen und Tendenzen Dirbanben; später trennten sich ihre Wege. Anfangs Vt man ihre Namen kaum einzeln genannt, sie er- ktüenen zusammen wie ein Brüderpaar und sie ktrieben auch gemeinsam ihre ersten schmalen Linde, die als die wegweisenden Zeugnisse des hutschen Naturalismus gelten: vor allem „Papa h miet", „Der erste Schultag", „Ein Tod" und .s'eue Gleise". Hier war, noch ehe Hauptmann be- rüjmt wurde, die deutsche Form dessen gefunden !t?r doch vorbereitet worden, was sich in anderen e7opäischen Ländern zuerst geregt hatte; mit Zola, Ijen und den Russen hatte die Reaktion gegen ein erlaufendes klassizistisches Epigonentum eingesetzt, im uns in Deutschland nahmen Holz und Schlaf ii Parole auf und verkündeten einen neuen Stil, tine neue Gesinnung, einen neuen Inhalt der Lite- Vur.
Schlaf schrieb, nachdem er sich von Holz, der dann !ii,erseits eigene Wege ging, getrennt hatte, „Die Emilie Selicke" (1890), die vom alten Fontane als hs erste Drama des deutschen Naturalismus will- b-imen geheißen wurde; womöglich noch ausge- Wägter bezeichnete das Drama „Meister Oelze", was D anfangs vielfach leidenschaftlich abgelehnten Na- tnalisten beabsichtigten. Auch wer etwa heute diese klicke wieder liest und sie überholt oder nicht mehr Wichtig findet, wird sich klarmachen müssen, was sie Sinais bedeutet haben, und daß sie in der größeren tr, wicklung, die über die Jahrhundertwende weit jrnusreicht, schlechterdings notwendig waren.
Schlafs spätere Stücke, von „Gertrud" (1898) ms |i „Weigand" (1906), deuten bereits den allmah- lisn Uebergang vom krassen Naturalismus zum ^NPressionismus an. Später hat sich Schlaf mit Rareren Romanen der reinen Problemdichtung zu- Iwandt und mit Erzählungen wie „Frühling und .31 Dingsda" sich eine eigene Welt des irvfindens geschaffen. Daneben betätigte er suy te Essayist und als Uebersetzer Berhaerens und p It Whitmans. Endlich beschäftigten ihn phüo- ^hische und naturwrsienschaftliche Fragen. 1910
Aus der Stadl Gießen.
Strenge und milde Winter.
Wenn von älteren Menschen öfter behauptet wird früher seien die Winter strenger gewesen und die modernen Winter hätten ihren eigentlichen winterlichen Charakter verloren, so können wir uns in dieser Beziehung nicht mehr beklagen. Der vorige Winter hat sich von einer recht „charaktervollen" Seite gezeigt. Ein eigentlicher Rekordwinter war der vorige, so streng er uns auch erschien, allerdings nicht, und noch weniger ist es bisher der jetzige.
Wenn wir auf Rekordwinter in Bezug auf Kälte oder Wärme aus früheren Zeiten Hinweisen, so müssen wir allerdings auf genaue statistische Angaben des Thermometerstandes verzichten, da wir diese Messungen und regelmäßigen Eintragungen erst seit dem vorigen Jahrhundert besitzen. Aber was alte Chroniken uns von den Wirkungen ungewöhnlicher Kälte oder Wärme im Winter berichten, ist viel
Verdunkelungszeit
4. Februar von 18.13 bis 9.00 Uhr.
anschaulicher und lebendiger als die nüchternen Än- aaben der Statistik. Naturgemäß haben sich Nekord- Kältejahre dem Gedächtnis der Menschen viel stär- ker eingeprägt als unnatürlich warme Winter. Die rrsten wirkten wie Naturkatastrophen, von denen ille Menschen, die sich damals noch viel weniger Dagegen schützen konnten als heute, gleichermaßen «troffen waren und die darum alle Menschen mit Schrecken und Entsetzen erfüllten.
Der härteste Winter in Europa soll der von 763/764 gewesen sein. Damals waren, wie die taunenden Zeitgenossen vermeldeen, die Flüsse bereits am 1. Oktober zugefroren, ebenso das Schwarze Neer, und die Dardanellen. 20 Ellen hoch lag der Schnee, und erst der Februar brachte Schneeschmelze inb Eisgang. Aehnliche Riesenkälten werben aus >en Jahren 961/62 und 974/75 berichtet. Don 1099 irzählen die Chroniken, daß der Winter „das ganze Zahr geherrscht habe". 1184 war der Po in Ober- talien von Cremona bis zum Meer zugefroren. Der Wein vereiste in den Kellern, und überall zerbar- -en die Bäume infolge der Kälte. Der Winter 1363/64 dauerte vom September bis zum April, loch am 9. März konnte man mit Wagen über die Nüsse fahren. Im folgenden Jahr war der Rhein !'/- Monate lang zugefroren, und in der Schweiz ierrschte noch im Juni Frost. 1435 mußte der Wein ii Frankreich mit Aexten gespalten werden, wäh. ^isnd dSr Boden bis zu 5 Fuß Tiefe gefroren war.
Das Ende des 16. und die erste Hälfte des 17. Echunderts brachten eine große Anzahl strenger ter. Als „der große Winter" blieb der von 707 in furchtbarem Gedenken. Der Wein fror )en Fässern, und man lief noch am 15. Mai ittschuhe. Die Leiden des Dreißigjährigen Krie- sind durch harte Winter noch sehr vergrößert den. Diele Leute sind damals in Deutschland Dren. 1658 konnte Karl XII. von Schweden am 26. Februar mit seinem Heer mit schtve- Geschützen und Wagen über das Eis des Oere- es nach Dänemark ziehen. Dieser Winter >rte mit viel Schneefall bis zum 1. Juni.
Der strengste und längste Winter, den man nach hm von 1607/08 erlebte, war der von 1739/40. Som 24. Oktober bis zum 13. Juni waren die ^uidersee und der Sund zugefroren. Noch im April raren die Brunnen gefroren, und im Mai fiel rel Schnee. Als der letzte Frost am 13. Juni gerochen war, folgten schwere Stürme mit großen i leberschwemmungen. 1793 wurde die im Eis ein- ^frorene holländische Flotte von französischer Ka- nUerie erobert.
Auch das erste Viertel des 1£ Jahrhunderts wies h-enge Winter auf, wie jenen, in dem das Heer
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iens deutsche Sendung.
Ein Vortragsabend im Gießener Vortragsring.
Am gestrigen Montagabend fand auf Veranlassung des Gießener Vortragsrings (Goethe-Bund, Kulturelle Vereinigung und Volksbildungsstätte Gießen) in der Großen Aula der Universität ein Lichtbildervortrag des Kunsthistorikers Dr. Schürer über das Thema „W iens deutsche Sendung" statt.
Die zahlreichen Hörer des Vortragenden lernten dabei die Stadt Wien einmal von einer ganz anderen Seite her kennen, als es sonst gemeinhin der Fall ist. Der Vortrag führte in großzügiger Gestaltung tief in die Geschichte der Stadt 9Bffen hinein mit der Zielsetzung, die der Vortragende zu Beginn seiner Darlegungen in die Worte kleidete: „Wien wird erst bann wirklich beim Reich sein, wenn wir es innerlich besitzen, der staatlichen Eingliederung in unser Reich muß die geistige Eingliederung folgen." Dann führte der Redner seine Hörer in Wort und Bild hin zu den vielfältigen Zeugen der reichen Geschichte Wiens, von dem er sagte, daß diese Stadt immer nach dem gleichen Gesetz gewirkt und ihr Leben gestaltet habe, nämlich nach dem Gesetz von Wien.
Den Ausgangspunkt feiner Betrachtungen verlegte Dr. Schürer in die Zeit der großen Ostkolonisation, die nach dem Abzug der Römer aus Wien die germanischen Menschen in diesen Raum brachte. Um 900 tritt erstmalig der Name Wien in Erscheinung. Durch die große Ostkolonisation, die deutsches Volkstum weithin über die früheren Grenzen hinaus immer tiefer nach Osten hineinführt, wird die deutsche Grundlage der Stadt Wien immer klarer gestaltet. An Hand vieler guter Lichtbilder machte der Vortragende den deutschen Charakter der Stadt
kenntlich. Insbesondere führte er dabei die bauliche Gestaltung von Straßen und Plätzen im ältesten Wien, ferner der beherrschendsten öffentlichen Bauten jener Zeit, namentlich den Stephansdom und anderer Kirchen, Paläste usw. als lebendige Zeugen des deutschen Charakters und Kulturlebens der Stadt an. Auf dieser Grundlage gab er ein über mehrere Jahrhunderte hinweg gezeichnetes Bild, das mit zahlreichen guten Aufnahmen einen vortrefflichen Einblick verschaffte.
Waren es im ersten Teile des Vortrages vor allem kirchliche Bauten, die als maßgebliche Bauwerke jener Zeit in den Vordergrund traten, so rückten im weiteren Verlaufe des Abends die großen Monumentalbauten der Habsburger Schlösser und die Paläste von Feudalen jener Zeit als Beweismittel für die Deutungen und Schlußfolgerungen des Vortragenden stärker in das Blickfeld der Hörer. Mit den Werken der großen Architekten und der namhaften Künstler und Bildhauer in der jahrhundertelangen Entwicklung der Stadt Wien kennzeichnete der Redner die deutsche Sendung dieser Stadt im Ostraum, den wir heute die Ostmark pennen. In begeisterter Sprache pries er die vielfältigen baulichen Schönheiten jener Werke, denen er eine betont markante Stellung in der kulturellen Geschichte Wiens zuerkannte. Ueber Jahrhunderte hinweg habe Wien seine verpflichtende Aufgabe als deutsche Sendung erfüllt und bewahrt, es werde ihr auch künftighin gerecht werden, wenn es dabei Verständnis und Hilfe bei allen Volksgenossen im Reiche erfahre.
Die Hörer dankten dem woÄraaenben für seine interessanten Darlegungen mit neroientern starkem Beifall. B.
sterkonferenz für den Kreis Gießen gewesen. Zu seinen größten politischen Erfolgen gehört die An« regung zur Gründung der hessischen Landwirtschafts, kammer. Seit 1893 war er Mitglied des Reichstages.
Er starb- am 10. Januar 1911. Er war einer der besten Kenner unseres Volkslebens, einer der tapfersten Streiter für den Bauernstand, einer der vielseitigsten Männer unserer hessischen Heimat.
Tag der Deutschen Polizei.
Am 15. und 16. Februar findet im ganzen Reich der „Tag der Deutschen Polizei" statt. Außer öffentlichen Veranstaltungen aller Art, die infolge des Krieges nur in beschränktem Umfange durchgeführt werden können, wird die Polizei in Verbindung mit der jj, dem NSKK. und der Technischen Nothilfe im Großeinsatz für das Winterhilfswerf eine Stra- ßenfammlung durchführen. Ueber die vorgesehenen Veranstaltungen werden Einzelheiten in Kurze veröffentlicht.
Freude für unsere Verwundeten.
Die NSG. ,Kraft durch Freude" konnte im Auftrage des Oberkommandos der Wehrmacht den Ver- wundeten in unseren Gießener Lazaretten erneut einige frohe Stunden bereiten. Aus einer Stiftung der NSV. konnten Angehörige der Frauenschaft Kuchen backen, die zusammen mit ebenfalls von der NSV. gestifteten Zigaretten und guten Büchern den Verwundeten als willkommene Gaben überreicht wurden. Eine Filmstunde brachte den Film „Bel ami”, der mit großem Interesse in Augenschein genommen wurde. Am Sonntag war der Gesangverein „Liederkranz", Heuchelheim, unter Leitung seines Chormeisters Wiegand Gernand aus Bad- Nauheim bei den Verwundeten, die er mit einem schönen Gesangskonzert erfreute. Alle Darbietungen und Liebesgaben wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen.
Aus her engeren Heimat.
Napoleons in den russischen Schneewüsten zu Grunde ging. Damals brauchte man sich schon nicht mehr auf einzelne Berichte zu stützen, sondern die meteorologischen Eintragungen hatten schon begonnen. Innerhalb der letzten hundert Jahre war ein sehr kalter Winter der von 1850, in dem die Stadt Bromberg mit 36,6 Grad C den Kältepol darstellte. Er wurde aber übertroffen von dem Winter 1929, an den die meisten von uns sich erinnern. Damals lagen Mitte Februar die allgemeinen Morgentemperaturen in fast ganz Detuschland zwischen 20 bis 35 Grad, und in Grünberg in Schlesien wurden 37 Grad gemessen.
Ein Gegenbild dazu stellen die überaus milden Winter bar, die aber in der Geschichte viel seltener erscheinen. Als einer der mildesten Winter, von denen man je gehört, galt der von 1186. Jrn Januar blühten schon die Bäume, im Mai wurde geerntet, und die Trauben waren schon itn August reif. Im Winter 1289 blühten schon um Weihnachten die Bäume, und die Mädchen kamen zur Christmette mit frischen Blumen geschmückt. Die Knaben badeten, die Vögel brüteten, und am 14. Januar begannen die Erdbeeren und die Reben zu blühen. In der Reformaiionszeit wird uns von vielen sehr milden Wintern erzählt. C. K.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
StaMheater: 19 bis 21 Uhr „Aas Ferlenkind".— Gloria-Palast, Seltersweg: „Operette". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Frühlingsluft".
Sladttheater Gießen.
Am heutigen Dienstag wird zum ersten Male das Lustspiel „Das Ferienkind" von Emmerich Nuß aufgeführt. In einem behäbigen Pfälzer Bürgerhaushalt wird durch das Eintreffen eines Ferienkindes so etwas wie eine Palastrevolution hervorgerufen, ■gaaMMHnaanaKii
die allen zum Segen gereicht und Freude und Ehefrieden stiftet. Spielleitung: Hans Geißler. Bühnenbild: Karl Löffler. Es wirken mit: Hannelore Hinkel, Hilde Kneip; Gert Geiger. 19. Dienstag-Miete.
Ortszeit für den 5. Februar.
Sonnenaufgang 9.03 Uhr, Sonnenuntergang 18.17 Uhr. — Monduntergang 2.56 Uhr, Mondaufgang 12.45 Uhr.
Philipp Köhler ein Vorkämpfer hessischen Deurrniums
Philipp Köhler hat das politische Erbe seines Meisters Otto Böcke! angetreten und zusammen mit Otto Hirsche! weitergetragen. Er war der erste hessische Politiker, der nicht nur feiner Herkunft nach, sondern auch in feinem Berufsleben Bauer war und Bauer geblieben ist. Sein Wesen und Wirken sind durch fein Bauerntum bestimmt.
Am 5. August 1890 wurde er im Kreise Butzbach in den hessischen Landtag gewählt. Er war zu die- ser Zeit schon Böckel-Anhänger und gehörte zu den Mitbegründern des mitteldeutschen Bauernvereins. In einer Wahlrede, die er im Juli 1890 hielt, entwickelte er sein politisches Programm. Dieses Programm hieß Antisemitismus als „der Sieg der Wahrheit unlb des Lichtes, der Menschlichkeit, der wirklichen Freiheit und des Idealismus". Für Köhler war der Antisemitismus nicht nur eine Kampfvereinigung gegen das Judentum, „vielmehr der kräftige Ausdruck unseres deutschen Nationalbewußt- seins, unseres deutschen Volkstums, welches durch das Judentum bedroht ist unterzugehen".
Philipp Köhler ist bis zu seinem Tode hessischer Landtagsabgeordneler gewesen. Dank seiner großen Fähigkeiten und unermüdlichen Arbeitskraft wurde er 1897 in der hessischen Kammer' Referent für Landwirtschaft und im Jahre 1905 ihr zweiter Präsident. Er war als Bürgermeister seines Heimatdorfes Langsdorf Begründer der Bürgermei
Seinen schweren Verletzungen erlegen.
Der Landwirt Karl Seipp in Muschenheim, der — wie von uns berichtet — vor etwa vierzehn Tagen nachts in seinem Wohnhause von dem 17- jährigen Wendelin Wirth, den er bei einem Einbruch überraschte, niedergestochen wurde, ist nunmehr im Krankenhause in Lich an den schweren Verletzungen g e st o r b e n. Der bedauernswerte Mann hatte von dem Täter mehrere Stiche in den Kopf und in die Brust erhalten. Wirth befindet sich, nachdem er auf dem Bahnhof Kassel erwischt worden war, feit etwa acht Tagen im Gerichtsgefängnis in Gießen in Untersuchungshaft.
Landkreis Gießen.
<£ Leihgestern, 2. Febr. Seinen 75. Geburtstag konnte am heutigen Sonntag, 2. Februar, der Landwirt Karl Pauli I. dahier in guter Gesundheit begehen. Dem Jubilar nachträglich unsere herzlichen Glückwünsche.
A G r o ß e n -B u s e ck, 3. Febr. Heute vormittag ereignete sich, hier ein folgenschwerer Un- gl ü ck s f a l 1. Der 78 Jahre alte, seit längerer Zeit leidende frühere Landwirt Christoph Schmidt, Bismarckstraße, befand sich auf einem Spaziergang nach dem Hohen Berg zu. Kurz hinter dem Dorfe wollte er einen seichten Entwässerungsgraben überschreiten. Auf dem I Steg kam er jedoch zu Fall und stürzte kopfüber in das flache Wasser. Seine Angehörigen, die sich um ihn sorgten, fanden in tot mit Kopf, Armen und Brust in dem schlammigen Wasser liegend vor. Der Verunglückte war ein sehr beliebter Mann und erfreute sich in unserem Dorfe größter Wertschätzung. Sein tragischer Tod wird hier allgemein bedauert.
* Großen-Buseck, 3. Febr. Am Samstag hielt der Gesangverein „Heiterkeit- Sängerkranz" in seinem Vereinslokal seine diesjährige Hauptversammlung ab. Dor Eintritt in
erschien Schlafs philosophisches Hauptwerk „Das absolute Individuum und die Vollendung der Religion". In seinen naturwissenschaftlichen Büchern („Die Erde — nicht die Sonne", 1920), verfocht er, im Gegensatz zu Kopernikus, eine geozentrische Theorie. Ein kosmisches Weltgefühl offenbart sich auch in Schlafs lyrischen Sammlungen „Seele", „Däs Gottlied" und „Die Mutter". 1933 erschien eine Auswahl aus dem umfangreichen und vielschichtigen Gesamtwert. —y—
Willy Forsts „Operette".
Wien-Film der Tobis im Gloria-Palast.
Willy Forst setzte die Reihe seiner großen und erfolgreichen Filme mit einer Schöpfung fort, die ebenso unverwechselbar wie die früheren alle Merkmale feiner außerordentlichen Begabung und seines persönlichen Stiles trägt. Das Thema ist so beschaffen, daß man meint, er habe gar nicht daran vorbeigekonnt, sondern eines Tages mit Notwendigkeit darauf stoßen müssen. Er stieß darauf und bemächtigte sich seiner mit dem gesammelten Temperament, mit der wienerischen Vitalität, die bisher allen seinen Inszenierungen ihr eigentümliches Gesicht gaben. Forsts Instinkt erkannte sogleich, welche Möglichkeiten in dem Stichwort „Operette" für den Film beschlossen lagen: die wechselseitige Durchdringung theatralischer und menschlicher Spannungen — ähnlich wie seinerzeit im großartigen „Burgtheater"-Film; die über den gemeinsamen Schauplatz hinausgehenden Verwandtschaften und Verschiedenheiten beider Werke können hier nichr eingehend verfolgt werden. Weiter: ein Stück'Wiener Theater- und Kulturgeschichte, bezeichnet durch die Namen von Girardi, Strauß, Millöcker, Suppe, Makart. Dieser allein ist ein Stilbegriff, ein Blick in sein Atelier lokalisiert den Film und begrenzt ihn auch zeitlich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auf unübertreffbare Weise; man wird sich ferner erinnern, welche Nolle Bühnen wie das Carl-Theater, das Theater an der Wien, das Ringtheater und die Hofoper in der Theatergeschichte der Donaumonarchie gespielt haben. Man erlebt hier unterm andern so etwas wie die Geburt der klassischen Wiener Operette und dies auf eine Art, wie sie nur der. Film zu geben vermag, wie sie dem Theater immer entzogen bleiben wird: in einem Querschnitt nämlich durch das berühmte Repertoire, das noch heute weithin die Spielpläne beherrscht — von der „Fledermaus" bis zum „Zigeunerbaron", vom „Boccaccio" bis zum „Bettelstudenten".
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Noch sind aber die' beiden Namen nicht genannt worden, auf denen mit dem Austauchen des Stich
wortes für Forst (und zum großen Teil auch damals in Wirklichkeit) die Akzente der Entwicklung lagen: Franz Jauner und Marie Geistinger. Die Wiener wissen, was es mit beiden für eine Bewandtnis hat; die andern erfahren es aus diesem §ilm. Die Geistinger war eine zeitlang der erklärte Liebling des Wiener Theaterpubiikums — bis sie von Jauner entthront wurde; sie war schon Direktorin des Theaters an der Wien, als Jauner lloch ein sehr unbekannter kleiner Schauspieler in Krems an der Donau war: die zufällige Begegnung der beiden wird entscheidend nicht nur für den wenig später von Wien ausgehenden Welterfolg der Operette, sondern auch für die Karriere Jauners. Der ist eine unerhörte Theaterbegabung, sein Ausstieg zum Gipfel hat etwas meteorhaft Blendendes und Bestechendes; fein Absturz vom höchsten Gipfel des Glücks, des rauschenden Theatertriumphes und der Volkstümlichkeit geschieht ebenso 'übergangslos und erscheint in dieser krassen Plötzlichkeit bezeichnend für das Wesen des Erfolges und die Unberechenbarkeit des Publikums, das Jauner, völlig ungerecht, die Schuld an der Entsetzlichen Katastrophe des Ringtheaterbrandes in die Schuhe schiebt. Daß es wiederum die Geistinger ist, die Jauner nach seinem Sturz ins Bodenlose die Hand reicht und seinen neuen Ausstieg begründet, kennzeichnet die für Forst (und für den Zuschauer) höchst reizvollen, zwischen den äußersten Polen rivalisierender Ablehnung und echter Liebe schwankenden menschlichen Beziehungen zwischen beiden. Daß Jauner aber auch, und zuerst, die Dresdener Koloratursopranistin Emmi Krall liebt, fügt der großartigen Mischung endlich noch das alte und geschätzte Motiv des liebenden Mannes zwischen zwei Frauen hinzu.
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Man möge sich mit dieser unsystematischen Aufzählung wesentlicher Elemente der Fadel begnügen: man m^b einfehcn, was aus ihrer Summe und 1 ihrer Mischung für den Film zu machen war. Daß die „Operette" im Gesamteindruck als das Werk eines Mannes erscheint, ist, wie früher, in der dreifachen Funktion Forsts begründet: er schrieb, mit Axel Egtzebrecht gemeinsam, das Drehbuch; er inszenierte es und spielte die eine der beiden Hauptrollen, den Jauner. Mit Recht also: Willy Forsts „Operette". Seine Inszenierung hat das unwiderstehliche Temperament, den ang"bore- nen Sinn für das Theatralische, für das Wesen des Theaters (nicht nur der Operette) schlechthin, für das Schauspielerische, für die Eigenart des Erfolges und die Wandelbarkeit des Zuschauers. Da er überdies, wie man oft erfahren hat, sich auf das spezifisch Wienerische versteht und Lebensstil und Atmosphäre der damaligen Residenz einzufangen und festzuhalten versteht, ergab sich für die „Ope
rette" das, was die Franzosen als kunstvolle und gelungene „mise en scene“ rühmen. Dem entspricht die Darstellung, zunächst Forsts eigenes Spiel: fein Jauner hat etwas vom Eivrit, von der Eleganz, von der umwerfenden Selbstsicherheit (gelegentlich, bei aller Höflichkeit, auch Frechheit) des bei ami. Man glaubt diesem vorerst völlig anonymen jungen Mann, wenn man Forst kommen, svrechen und spielen sieht, seinen Erfolg, seinen Aufstieg, seinen Triumph sogar über eine Frau wie die Geistinger; man sieht es ihm an, daß er an seinen S-ern glaubt und mit Recht glauben darf, und man braucht diese produktive, phantasievolle Theaterbesessenheit nicht bloß, wie einem oft zugemu^et wird, gutgläubig als gegeben hinzunehmen: Forst sorgte dafür, daß man sich von seinen Gaben überzeugen kann, und die Szenen, wo er Regie führt, vor allem aber jene erste, w» er der verwöhnten Geistinger seine Lektion erteilt, haben eine Sugzestivkrast, die sich sogleich auf den Zuschauer überträgt.
Die Geistinger spielt Maria Holst vom Burgtheater: anfangs kühl, überlegen, ironisch und theatermaiestätisch, im vollen Bewußtsein ihrer Würde, Macht und Beliebtheit, später weicher, fraulich gelöst und von der menschlichen Reife, die hier zu zeigen war. Die Emmi Krall von Dora Ko mar ist bewußt als Kontrastfigur angelegt und tritt neben jener, auch Folienmäßig, zurück, doch bleiben die wenigen Augenblicke inniger Ge- fühlsentsallung. die ihr gegeben sind, im Gedächtnis. Den Girardi, den die Wiener zärtlich „Tandl" nannten, konnte niemand echter und herzlicher spielen als Paul Hörbiger. Vor allem uni der geschickten Maskenwirkung willen seien Edmund Sch eil ba mm er (Strauß), Curt Jürgens (Millöcker) und Victor Hein (Makart) genannt; aus dem Herrn von <supp£ macht S1 ezaks üppiges Komödiantentemperament eine saftvoll humorige Gestalt Auch Siegfried Breuer als der freundschaftlich-ungeliebte fürstliche Anbeter der Geistinger, Gustav Waldau und Theodor Sanegger seien vom großen Ensemble nicht vergessen. — Die Musik schrieb Willy Schmidt- Gentner; an der Kamera stand, ein oft bewährter Könner, Hans Schneeberger. (Wien-Film der Tobis, ausgezeichnet mit den Prädikaten „Künstlerisch wertvoll" und „Kulturell wertvoll".
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Vorher läuft die neue Wochenschau. Aus dem Inhalt: Reichspressechef Dr. Dietrich in Prag; Amtseinführung von Gauleiter Hartmann Lauterbacher; Fabrikation von Stahlhelmen; Lehär in Paris: deutsche und italienische Flieger im Angriff auf MEa; U-Boot auf Feindfahrt im Atlantik.
Hans ThyrioL


