Ausgabe 
3.12.1941
 
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Krieges mit anderen Mitteln." Das eigentliche Kriegsziel macht den Ansatz von Waffengewalt not« roening, aber die Waftengewalt allein kann das Problem nicht lösen. Darum ift die Politik die stete Beglntenn der Kriegführung (im engeren Sinn), genau so wie die Unterwerfung ungebändigter Witt« scha lskräfte ein Gegenstück zu der rein militärischen Leistung ist. Das ist das, was man die totale Kriegführung (im weiteren Sinn) nennt. Das ist auch ihr revolutionärer Charakter. Revolution im geschichtlichen Sinn ist kein Radau, sondern ein völkisches Bewußtwerden. Ein solches völkisches Be- wuhlwerden kann nicht abgespeist werden mit Erz­vorkommen oder Kohlengruben. Der Fall der Magr- notlinie und der Stalinlinie sind Ereignisse, in de­nen ein Volk, das Geschichte macht, das seine Kraft spürt, das sich reckt und streckt, das Symbol, di« Be­stätigung seiner gesammelten Kraft und fernes neuen Geistes find et.-Dr. Goebbels verglich den Sturm auf die Maginotlinie mit einer Art von Volksheben, das die Ration spürt und das in ihr das Gefühl entzündet, daß m einem solchen Volksbeben über die nächsten Jahrhunderte entschieden wird.

Diel tiefer als wir Deutsche empftnden die Engländer dieTotalität" dieses echt revo­lutionären Krieges, der di- Dolksgesamtheit als Ganzes beansprucht. Sie halten nur gute Disziplin und schwätzen kein unnützes Zeug, um ihren schwachen Punkt nicht zu verraten. Aber dieses Schweigen täuicht uns nicht. England glaubte, mit feiner Kriegsflotte, vielleicht auch noch mit seiner Luftflotte, die Ereignisse zu beherrschen Ganz im Sinn des NatwnalliedesBritannia rules the waves (Die Wellen beherrscht Britannien). Allein ein Kind sieht, daß es mit dieser Herrschaft schlecht bestellt ist und daß vor England das Problem der Totalität des Krieges steht, auf die es geistig und fcelifd) nicht vorbereitet ist Darum die Frage von Dr. Goebbels:Wie will England überhaupt siegen oder, bester gesagt, wie will es nicht besiegt werden?"

Bewegende Ursache und unmittelbarer A n l a ß eines solchen Dblkerbebens können nicht nur auseinanderfallen, sondern müssen fast zwangsläufig sehr unterschiedlich fein. 1618 wurden Vertreter des Königs von Böhmen aus hohen Burgfenstern hin- ausgestürzt und landeten unbeschädigt auf einem Misthaufen', das war der Anlaß des Dreißig­jährigen Krieges. 1914 waren die Schüsse von S?ra- iewo das Signal zum Weltkrieg. 1939 wurde Deutschland das Selbstbestimmungsrecht von Danzig und der Bau von Autostraßen von Pommern nach Danzig verwehrt. Das sind die Anlässe. Sie sind lächerlich und sogar grotesk. Die Ursachen b efer Dölkerbeben liegen im Wachsen und Reifen der Völker selbst. Wir sind durch die bittere Schule der Zerrissenheit durch zweihundert Jahre, von 1648 bis 1871, gegangen. In dieser Zeit usurpierte der W"strand Europas das Recht, im Namen un­seres Erdteils zu sprechen, und das russische Zaren­tum wurde erst eine europäische Macht. Beides, weil die deutsche Kern-landichast der europäischen M'tte schwach, in sich zerrissen und machtlos war. Das Reich Bismarcks war ewig bedroht, er selbst litt an diesem Alpdrücken bis zu seinem Tode. Der Weltkrieg war ihre Bestätigung. Jetzt wird das Schlußkapitel geschrieben. Jetzt steht Deutschlands ganze Zukunft auf dem Spiel:Die große Stunde fordert von uns allen das Letzte, bietet der Nation aber auch das Höchste." Dr. Ho.

Alters ging Salzmann bald nach Ausbruch dieses Krieges nach dem Fernen Cften zurück, wo er die Entwicklung sorgfältig beobachtete, bis ihn ein Ty­phusanfall im Höhepunkt der gegenwärtigen Fern­ostkrise aus seiner Arbeit riß.

Gondar.

Ebenso heldenhaft verteidigt wie der Alkazar."

N e u y o r k, 3. Dez. (DNB. Funkspruch.) Ein aus dem englischen Hauptquartier in Abessinien eintref­fender Sonderbericht derChicago Daily News" zollt den Verteidigern Gondars höchstes Lob. Der Bericht fragt einleitend, warum die Eng­länder so viele Monate zur Einnahme Gondars brauchten, nachdem zunächst gesagt worden sei, daß Gondar in wenigen Tagen fallen müsse. Der Be-

DRB. Aus dem Führerhauptquartier, 2. Dezember. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

An der Ostfront dauern die Kampfe im Raum von R o st o w an. *

3m Kampfgebiet vor Moskau drangen die deutschen Truppen an weiteren Abschnitten tief in das feindliche Verteidigungssystem ein.

Vor Leningrad wurden mehrere nach starker Artillerievorbereitung unternommene Ausbruchs­versuche sowjetischer Kräfte abgcwlesen.

Die Luftwaffe erzielte Bombenvolltreffer in einem Flugzeugwerk bei Rybinsk an der Wolga, bekämpfte feindliche Transportbewegun- gen auf dem Lis des Ladoga-Lees und fetzte die Zerstörung von Eisenbahnverbindungen ostwärts Tichwin fort. Kampfflugzeuge bombardierten in der letzten Rächt Leningrad sowie sowjetische Flugstützpunkte im Rordabschnitt der Front.

3m Seegebiet nm England versenkte die Luft­waffe einen Frachter von 2000 VRT. Zwei weitere Handelsschiffe wurden durch Bombenwurf beschädigt, weitere Luftangriffe richteten sich in der letzten Rächt gegen Hasenanlagen und Versorgungs­betriebe in Westengland.

3n Rorda frlka verliefen die wechselvollen Kämpfe südostwärts Tobruk in den letzten Tagen zugunsten der deutsch-italienischen Truppen. Bei dem Versuch, eingeschlossene Kräfte zu befreien.

richterstatter antwortet, daß die Italiener in jeder Beziehung berechtigt seien, festzustellen, daß Gondar gegen eine erdrückende Uebermacht ebenso heldenhaft verteidigt worden sei, wie der Alkazar. Die Faschisten hätten prachtvoll gekämpft. Alles sei verloren worden, aber nicht die Waffen- ehre, die sie bis zuletzt entschlossen verteidigten. General Nasi habe einen ungeheuren Willen in seine Soldaten hineingelegt, für die koloniale Idee zu sterben. Die Nahkämpfe hätten sich u m n a h e z u jeden Fußbreit der Bergweiden und Korn­felder abgespielt. Jeder Hügel sei mit Maschinen­gewehrnestern und Artillerie besetzt gewesen. Wenn eine Position völlig unhaltbar geworden fei, so hätten die Italiener sie erst aufgegeben, nachdem sie vorher unterminiert und in die Luft gesprengt worden wäre.

Ties in das Moskauer Verteidigungssystem eingedrungen.

Wechselvolle Kämpfe iüdostwärts Tobruk zugunsten der deutsch-italienischen Tluppen verlaufen. - Bisher 9 000 Gefangene darunter drei Generale ein« gebracht. - Empfindliche Verluste der britischen Kriegsmarine im November.

wurde der Feind unter starken Verlusten zurück- geworfen. Deutsche Kampfflugzeuge belegten die britische Rachschubbahn zur Sollum-Front mit Bom­ben und richteten schwere Schäden an Transport­anlagen bei Sidl Barant und Marja M a - truk an. Rach den bisher vorliegenden Meldun­gen wurden feit Beginn der Kampfe über 9000 Gefangene, darunter drei Generale, ein­gebracht. Reben zahlreichen Geschützen wurden 814 britische Panzerfahrzeuge erbeutet oder vernichtet und 127 britische Flug­zeuge abgeschossen.

Die britische Kriegsmarine erlitt im Monat Ro­ll ember empfindliche Verluste. 3nsgesamt wurden durch deutsche See- und Luftstreit- kräfte versenkt: 1 Flugzeugträger. 1 Kren- zer, 3 Zerstörer. 4 Schnellboote. 1 Bewacher und 1 Vorpostenboot. Außerdem wurden 2 Schlacht­schiffe. 2 Zerstörer. 7 Schnellboote und 3 weitere Kriegsfahrzeuge schwer beschädigt.

3m Kampf gegen die britische Versorgungsschiff­fahrt versenkten Kriegsmarine und Luftwaffe im Monat Rovember 48 feindliche Handelsschiffe mit zusammen 231 870 BRT. Da­neben wurden 39 Schiffe zum Teil schwer beschä­digt. weitere Verluste an Schiffsraum erlitt der Feind durch Mlnenunlemehmungen in verschiede­nen Seegebieten.

Von der großen Schlacht in Nordafrika.

Erich von Gatzmann gestorben.

Schanghai, 2. Dez. (Europapreß.) Der Ver­treter des Auslandsdienstes Europapreß für Schang­hai, Erich von Salzmann, ist im hiesigen Country-Hospital am Montagabend gestorben. Salz- mann gehörte zu den besten deutschen Auslands­journalisten und den gründlichsten Kennern des Fernen Ostens. Er zählte zu den Journalisten, die ihren Beruf nicht vorn Abenteuer zu trennen wün­schen. Vor 40 Jahren nahm Salzmann als junger Offizier an dem Boxerkriegen teil. Der Rückweg nach Europa machte ihn berühmt. Er legte den Weg von Pekina über Turkestan und das Hochland von Pamir nach Rußland zu Pferde zurück. Salzmann war einer der ersten deutschen Ausländskorrespondenten, die den aktuellen Auslandsbericht zu ihrer Lebens­aufgabe aemacht haben. Im Weltkrieg kämpfte er als Hauvtmann an der Westfront. Er erhielt das E K l und wurde schwer verwundet Nach dem Weltkrieg war er zeitweise wieder in Ostasien tätig. In den lebten fahren vor Ausbruch des Krieges nahm er feine B-rich^erstattung über die englische Bol'tik in einem der kritischsten und intereffanteften Zeitpunkte von London aus wieder auf. Trotz seines

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Seit Tagen ist in der Marmarica in Nordafrika eine Schlacht im Gange, in deren Verlauf die Engländer schwere Verluste an Panzerfahrzeugen erlitten. Diese soeben eingetroffene Aufnahme wurde mit der Fernkamera gemacht und zeigt italienische Infanterie, die, unterstützt von Flammenwerfern, zum Angriff vorgeht. (Scherl-Bilderdienst- jLuce-j M.)_______________________

Bomben aus Rybinsk.

Wie der OKW.-Bericht meldet, erzielte die deutsche Luftwaffe Bombenvolltreffer in einem Flugzeug, werk bet Rybinsk. Rybmjk, eine Stadt von runb 140 000 Einwohnern, liegt 250 km nordostwärts von Moskau und 25 km unterhalb des Knies, an dem die Wolga ihren zuerst nordostwärts gerichteten Lauf nach Südosten umbiegt. Zwei Flusse, die Tscherernucha und Scheksna, münden bei Rybinsk in die Wolga. Die Wolga findet ihre Fortleitung nach Nordwesten durch die Mologa, die durch den Tich. winka-Kanal schließlich in den Ladoga-See mündet und dadurch die Verbindung der Wolga zur Ostsee und zum Eismeer herstellt.

Durch diese Flußverbindungen und durch dtesen Anschluß an das Kanalsystem hat sich Rybinsk, das früher eine kleinere Fischerstadt war, zu einem be­deutenden Flußhafen für Getreideumschlag und Ueberrointerung entwickelt. Der Getreideurn- schlag hat wiederum eine große Mühlenindustrie hervorgerufen, die wiederum die Wolgaschiffahrt be­lebte. Don Rybinsk aus fahren die großen Wolga­dampfer bis in das Kaspische Meer. Dank dieser begünstigten Derkehrslage, die noch durch direkte Eisenbahnverbindungen zur Strecke Leningrads- Moskau hin und über Jaroslawl zur großen Strecke MoskauKirowPerm hin an Bedeutung gewinnt, konnte sich Rybinik zu einer Industriestadt ent­wickeln. Die Industrie nutzt das erst jüngst fertig gewordene Wasserkraftwerk mit 330000 Kilo- watt-Produktion aus. Das große Flugmotoren- roertAwiastroj Pawlow" steht an der Spitze der großen Fabriken von Rybinsk. Es hatte 15 000 Ar­beiter. Seine Produktion von Flugmotoren und Meßgeräten findet ihre Ergänzung in den Fabriken für Pulverherstelluna und in der Maschinenfabrik Jeshow", die Artillerie- und Abwurfmunitlon, Feldminen und Torpedos produziert.

Das Ritterkreuz.

B e r l i n, 2. Dez. (DRV.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht verlieh auf Vorschlag des Oberbefehlshabers der Luftwaffe das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes an: Oberst Lichtenber­ger, Kommandeur eines Flakregimevts, und Major Kolb, Kommandeur einer Flakabteilung. Ferner auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres an: Generalleutnant Blümm, Kommandeur einer 3n- fanteriedlvijion: Generalleutnant Gallenkamp, Kommandeur einer 3nfanteriedivijion: Generalleut­nant von Tippelsklrch, Kommandeur einer 3nfanteriedlvlsion: Major Wecke, Abteilungskom­mandeur in einem Panzerregiment; Major Schelt, Bataillonskommandeur in einem 3nfanterieregl- ment: Oberleutnant Düwetl, Kompaniechef In einem Gebirgsjägerregiment; Oberleutnant Tor­te y, Kompaniechef in einem motorisierten 3nfan- terieregiment; Oberfeldwebel Abel, Zugführer In einem 3nfanteriereglment, und Oberfeldwebel Eb­ner, Zugführer in einem Grbirgsjägerreglment.

Generalfeldmarschall von Wchleben 60 Jahre alt.

Am 4. Dezember begeht Generalfeldmarschall von Witzleven, Oberbefehlshaber einer Heeres­gruppe, feinen 60. Geburtstag. Als Sohn eines Offiziers in Breslau geboren und von feinem elften Jahre ab im Kadettenkorps erzogen, wurde er Leut­nant im Grenadierregiment Nr. 7 in Liegnitz. In den Weltkrieg ging er als Adjutant der 19. Neserve- Jnfanteriebrigade. Nach zweijährig. : Verwendung als Chef eines Bataillons des Reserve-Infanterie-' Regiments Nr. 6 vor Verdun, in der Champagne und in Flandern wurde er mit dem Hohenzollern- Hausorden ausgezeichnet. Ab August 1918 befand er sich in Generalstabsstellungen, 1920 nahm er an den Grenzschutzkämpfen in Schlesien teil. Als Chef des Stabes der 6. Division wurde er 1931 Oberst. Von 1931 bis 1933 war er Kommandeur des 8. (Preu­ßischen) Infanterie-Regiments. Im Januar 1934 er­hielt er das Kommando der 3. Infanterie-Division, und später das des 3. AK. Mit Ausbruch des Krie­ges übernahm Generaloberst von Witzleben den Oberbefehl über die zwischen Mosel und Rhein ein­gesetzte 7. Armee. Seine Führung hat wesentlich dazu beigetragen, daß sich die französische oberste Heresleitung während des Polenfeldzuges zu keinem »gegen den Westwall aufraffte. Seine befon-

»iftung ist der Durchbruch durch die eigent­liche Maginot-Linie im zweiten Abschnitt des Frankreichfeldzuges. Durch feine Jnitiattve wurde

polke.

Eine Kindheiis?rmnerung von Marianne Schirm.

Wenn Polke, der Tischler, etwas bei uns auszu­bessern hatte, bann stand ich stets dabei und sah ihm zu, und wir führten lange Gespräche. Niemand nahm mich Dreikäsehoch so ernst wie Polke. Oft erzählte er mir von feiner Kindheit und von seinem Heimatdorf, in dem er sich einmal eine eigene Werkstatt einrichten wollte.

Aeuherlich gesehen hätte man Pottes Kindheit karg nennen können, aber weich' Glanz lag in fei­nen Erzählungen über ihr! Ich glaubte, das kleine Haus sehen zu können: von knorrigen Fliederbäu­men umbuscht, Vater und Mutter, hart arbeitend, den Knaben Karl, seine Sorgfalt zwischen den Hei­neren Schwestern teilend, die seiner Obhut anoer- traut waren, und den Ziegen, die er hüten mußte. Wenn eines be~ Kinber Geburtstag hatte, gab ihm die Mutter am Morgen einen Milchwecken.Bleib brav!" sagte sie bazu. Wenn Polke das erzählte, erlosch der Glanz der prächtigsten Geburtstagstische davor.

Städtischen Spiettram, das kannten weder Karl noch seine Schwestern Mit der Pfeife, aus dem Dusch geschnitten, dem Schiffchen, aus Borke ge­schnitzt, blanken Kastanien und roten Beeren ver­trieben sie sich die wenige freie Zeit. Aber eines Tages hatte Karl versucht, eine Puppe zu schnitzen. Es gelang ihm über dis Maßen gut, so daß jeder eine haben wollte. Sie klebten ihnen Haare auf aus bunten ^oUreften, nähten ihnen Kleider aus bun­ten Flicken und liebten sie sehr.

Wer will heute noch sagen, ob Pottes eindring­liche Art, zu schildern, oder meine Einbildungskraft schuld waren, bah ich ben Wunsch ernpfanb, auch so eine Puppe zu besitzen. Ich vertraute es Polke schüchtern an.

Der lachte, bah seine starken Zähne blitzten:Hast doch die Leopoldine, das schöne Puppenfräuleln", sagte er,da wär wohl die Mutter arg böse!"

Aber ich mag doch die Leopoldine nicht", be­harrte ich. Diese Puppendame war mit so eindring­lichen Ermahnungen, sie schonend zu behandeln, an mein Herz gelegt werden und schlief außerdem die ganze Woche hindurch im untersten Fach des gro­

ßen Wäscheschrankes, das sie nur am Sonntag ver­lassen durfte, daß ich gar nicht erst versucht hatte, sie liebzugewinnen. Ich fürchtete mich, mein Herz an einen so empfindlichen Gegenstand zu verlieren.

Nun, schließlich gab Polke nach, und bald darauf hielt ich einen Puppenknaben im Arm, der mir mit seinem braunen Wollschopf, dem verschmitzten kan­tigen Gesicht und den kräftigen steifen Armen und Beinen das feste Vertrauen einflößte, daß nicht eines Tages mit ihm auch mein Herz zerbrechen würde.

Anziehen mußt' ihn selbst!" sagte Polke. Vorher aber nahm ich in seinem Beisein in der Küche unter der Wasserleitung einen feierlichen Taufakt vor und gab dem Puppenknaben den Namen Polke, was Polke den Weiteren ungemein rührte. Nun nahm ich ohne Gewissensbisse der ewig schlummernden Leopoldine, die nur für Augenblicke die rosigen Augenlider aufschlug, das blaue Matrosenblüschen fort, das blanke Knöpfe hatte, und das weiße Spit­zenunterhöschen, das allerdings nach damaliger Mode, nun wie soll ich das beschreiben ... jedenfalls wußte ich diesem Mangel durch zwei Sicherheits­nadeln abzuhelfen, vorne eine, hinten eine. Auch das Matrosenmützchen mit den langen Bändern mußte Leopoldine hergeben.

Es war natürlich Pech, baß an dem Tage, an dem sich herausstellte, daß Leopoldine nur noch teilweise bekleidet war, gerade Besuch da war. Bis dahin hatte ich meinen Sohn verheimlicht. Nun sollte ich Leopoldine zum Bravsein auf den Arm nehmen. Da tarn die ganze Geschichte heraus. Die Verwunderung über mein mangelhaft entwickeltes Schönheitsgeiühl und meine Unbekümmertheit in Schicklichkeitsfragen war groß. Daß man meinen Puppenknaben einen rüpelhaft aussehenden Holz- balg nannte, erschütterte meine Zuneigung zu ihm nicht im geringsten. Allerdings mußte ich zugeben, daß Hose, Wams und Mütze aus bunter Wolle bes­ser zu seiner knorrigen Gestalt paßten, als ein Spit- zenunterhöschen mit Sicherheitsnadeln.

Ich mußte einen Vergleich eingehen. Leopoldine sollte mich auf Spaziergängen begleiten und wurde herausgeholt, wenn Besuch da war. Ihre rosigen Lippen lächelten bann unentwegt, ihre weißen Mausezähnchen blinkten und die dichten, allzu dich- ten Wimpern lagen züchtig auf den zarten Porzei- lanwangen. Ihre Schönheit blieb immer gleich

strahlend, denn Gemütsbewegungen teilte sie nicht mit mir.

Polke aber ging mit mir durch dick und dünn. Wir teilten alles, was das Leben brachte, Mus- brote und Ungemach.

Von Zeit zu Zeit schrubbte ich ihn mit Seife und Bürste ab und klebte ihm neue Wollhaare auf. Dann strahlte sein treuherzig-verschmitztes Laus­bubengesicht wie zuvor, und wir stürzten uns von neuem in das Leben mit all seinen Fährnissen.

Römische Brunnen.

Von Augusta von Oertzen.

Ein Zauber geht von dieser Stadt aus, die jahr­tausendelang das Becken gebildet hat, in das alle 'Ströme geistigen Lebens der Welt zusammenliefen, um befruchtet von diesem unversiegbaren Quell lebendiger Kraft zurückzufließen zu ihren Anfängen.

Nicht umsonst wurde der Vergleich des Wassers gewählt, denn keine Stadt der Erde ist so erfüllt von dem Rauschen ihrer Brunnen wie Rom. Nachts, wenn der Lärm des Tages verstummt ist, erklingt für den, der zu lauschen versteht, die unsterbliche Melodie des lebendigsten Elementes, des sprudeln­den, springenden Wasiers. Sie untermalt gleichsam alle Töne, die in einer so lärmenden Großstadt, wie das Rom des 20. Jahrhunderts heute geworden ist, niemals verklingen.

Kaum ein Platz in Rom, den nicht ein Brunnen schmückt, verbunden mit dem Namen eines Künst­lers von Rang: der reizendste Brunnen Italiens, dieFontana delle Tartarughe, auf der kleinen Piazza Mattei, ein Meisterwerk der Renaissance, schuf Taddeo ßanbtni; es ist benannt nach ben Schildkröten, auf denen die zierlich aufgebaute Bronzegruvpe mit vier schlanken Jünglingsgestal- ten ruht Auf die Piazza Darberini hat Bernini, der große Barockkünstler, seineFontana delle Tritone mit dem muschelblasenden Triton gesetzt. Don derselben Meisterhand entworfen plätschert der anmutigeBienenbrunnen" am Anfang der ele­ganten Via Veneto, und auf der Piazza di Spagna rauscht das Wasser in einer Barke, dem Brunnen La Barracia, von dem gleichen Künstler kompo­niert. Berninis Geist lebt auch in ben Entwürfen der berühmtenFontana Trevi, jenem mächtigen

brausenden Wasserspiel, das kein Romliebhaber verläßt, ohne seinen Obulus hineinzuwerfen, der ihn beftimmt zurücksühren soll.

Einem Romantiker des 20. Jahrhunderts, dem die moderne Großstadt fremd und feindlich erscheint, offenbart sich das Gesicht der ewigenurbs romana erst, wenn die Nacht kommt, wenn die versunkene Welt der Kaiser und Päpste zu erwachen scheint- Umschreitet er die grandiosen Umrisse der Ruinen, die Mussolini, weitblickend, freilegen liefe, um dem modernen Römer den Geist der Antike nahezu- bringen, so meint er den Hauch einer großen Ver­gangenheit zu spüren.

Der Vollmond steht über Rom, die Nächte sind warm auf Palatin und Forum, auf Cölius und Esquilin, auf dem Capitol und am Aventin. In phantastisch sinnlich-greifbarer Gestalt wird altes Gemäuer lebendig, schmiegsame, fast greifbare Schatten gleiten vorbei, getleibet in oas Weiß und ben Purpur der klassischen Zeit. Volksmengen scheinen Darüber,uifluten, unb aus bem prunkvollen Atrium offener Arkaden tönt ©ejang und Saiten« spiel an das Ohr des Träumers. Es ist, als leihe das Rauschen unb Plätschern der Brunnen diesen unvergleichlichen Mondnächten in Rom den letzten Impuls geisterhafter Schönheit, Steht nicht dort am Eingangstor, verschränkt die nervig-nackten Arme,- die Hand am Schwertgriff, ben dunklen Purpur um die Schultern, steinern das Gesicht, der Prätorianer Wache, ob nicht ein Läufer brächte Cäsars Schrift?? Die Manen des größten Sohnes dieser Stadt scheinen zu erwachen, die Heimat , zu

1 grüßen ..

Wenn die schwebende Schwinge der Schwalbe ihren Schatten auf die glühenden Stufen der Ivani- I scheu Treppe zeichnet, wenn ihr klingender Schrei in das azurne Blau des römischen Himmels auf' steigt, versinkt die Vision der silbrigen Mondnacht in das Traumland des Nichts. Lebendige Gegen­wart strömt aus der Kehle des graziösen Vogels, i der nirgends wie hier die Intensität jubelnder Laute aus feiner Stimme zu holen vermag.

I Strömende unb fpringenbe Wasser der Nacht, , Schwalben des Tages ... sie, die Urmelobien dieser i Stadt, die fein Lärm modernen Lebens zu bannen | vermag, haben Raum und Zeit überbauert. Das Spiel der Brunnen Interpretiert, wie eine unoer-

i gängliche Musik, ben Zauber des ewigen Rom.