Ausgabe 
3.11.1941
 
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Aus der Stadt Gießen.

Oie dritte Obus-Linie.

Ende dieser Woche wird unser Obus-Betrieb durch die Inbetriebnahme der dritten Linie erwei­tert werden. Diese Linie wird den Verkehr auf der Strecke Schubertstraße Gaffkystrahe Uh- landstraße Wartweg Röntaenstraße Lud- wigstraße Ludwigsplatz Kaiserallee / Ecke Moltkestraße Licher Straße bis zum Endpunkt im Stadtwalü an der Licher Straße und umgekehrt versehen. Es ist zu begrüßen, daß mit dieser neuen Obus-Linie auch das Südviertel eine oute Derkehrsverbindung mit dem Stadtkern und oem Randgebiet am entgegengesetzten Ende der Stadt erhält.

Dornotizen.

Tageskalender für IHonfag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Kameraden"; 19.30: Niederländisches Ballett". Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße:D diese Männer". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Foyer des Stadttheaters.

Lichlbilderoorlrag:Die politische Karikatur im geistigen Kampf der Gegenwart."

Der Gießener Vortragsring (Dolksbildungsstätte Gießen in der NS.-Gemeinschaft ,Kraft durch Freude"/Goethe-Bund/Kulturelle Vereinigung) wird am Mittwoch, 5. November, in der Aula der Uni­versität einen Vortragsabend veranstalten. Dr. Ernst

Herbert Lehmann von der Presseabtettung der Reichsregierung spricht überDie politische Karika­tur im geistigen Kampf der Gegenwart". Der Dor- trag wird durch eindrucksvolle Lichtbilder illustriert werden.

Giehen-Klein-Linben.

Schuhmachermeister Wilhelm Weigel II., wohn­haft am Maiplatz, begeht am kommenden- Dienstag seinen 8 0. Geburtstag. Der alte Herr ist ver­hältnismäßig noch recht rüstig und in der Lage, leichte Arbeiten zu verrichten. Am dörflichen Leben und darüber hinaus am großen Geschehen der Ge­genwart nimmt der Geburtstagsjubilar noch regen Anteil. Er ist Mitbegründer der Kinderschule im

DerdunkelungszeU

8.11. von 17.48 bis 8.19 Uhr.

Jahre 1896 und einer der letzten noch lebenden Gründer des im Fahre 1889 gegründeten Turnver, eins. Seit vielen Fahren schon gehört er zum Äl­testenrat des Vereins. Herr Weigel zählt auch zu den Ehrenmitgliedern des Männergesangoereins Eintracht" und hat der NS.-Kriegerkameradschaft bis zum heutigen Tage die Treue gehalten. Am 2. April 1938 konnte er mit seiner heute ebenfalls noch rüstigen Frau das Fest der goldenen Hochzeit feiern. Wir wünschen ihm noch einen recht schönen Lebensabend.

Arbeiten, kämpfen, siegen!

Eindrucksvolle Kundgebung mit dem stellvertretenden Gauleiter.

Im Rahmen der großen Dersammlungsreihe der letzten Tage im Kreise Wetterau fand am Sams- tagabend eine Kundgebung in Gießen in der Aula der Universität statt. Der Ruf der Partei hatte so viele Volksgenossen herbeigeführt, daß die große Aula bis zum letzten Platz besetzt war und viele nur noch einen Stehplatz finoen konnten. Nach kurzen Grußworten des Hoheitsträgers im Kreise Wetterau, Kreisleiter Backhaus, sprach der

stellv. Gauleiter Linder

in eindrucksvollen Darlegungen zu der Versamm­lung. Fn den Vordergrund stellte er unseren Kampf gegen die auf Blutgier und Haß aufgebaute Welt­anschauung des Bolschewismus, der an die niedrig­sten Instinkte der Menschen appelliert. Er machte dabei erneut deutlich, daß mir dem Führer zu tief­stem Danke verpflichtet sind für die Rettung (Euro­pas und der ganzen Welt durch die Vernichtung Der gewaltigen bolschewistischen Gefahr.

Der Redner gab hierauf aus eigenen Feststellun­gen an Ort und Stelle in mehreren Städten der be­setzten Sowjetgebiete Ausschnitte bekannt, die ein­fach grauenvoll waren. Er schilderte u. a. die so­zialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der unter der Sowjetgewalt lebenden Bevölkerung. Dabei gab er einen Einblick in die Lohn- und Lebensbe­dingungen jener Menschen, den er an Hand von Zahlenangaben über Lohnhöhe und Preise für lebenswichtige Waren besonders anschaulich machte; er ließ auch die ungeheuerlichen Mißstände im Le­ben der Landbevölkerung erkennen, die durch die Mißwirtschaft des Systems in der Hauptsache nur Kartoffeln und Rüben, Buchweizengrütze und der­gleichen als Nahrungsmittel hatte und sogar das Brot kaum befaß oder es nur noch als große Sel­tenheit kannte, während viele schon seit Fahren kein Fleisch mehr essen konnten, weil sie es eben nicht zu bezahlen vermochten. Der Durchschnittslohn eines sowjetischen Arbeiters belief sich nach den Feststel- jungen des Redners an Ort und Stelle auf 250 bis 300 Rubel im Monat, die im Vergleich zu den Warenpreisen soviel bedeuteten wie 36 RM. im Monat in Deutschland. So sahen dieSegnungen" im sowjetischenParadies der Arbeiter" aus.

Weiter berichtete der Redner auf Grund von Er­mittlungen an Ort und Stelle über den Terror der politischen Kommissare, wobei er wiederum grauen- volle Zustande nachweisen konnte. Er schilderte dann die große Verwahrlosung der sowjetischen Fugend anhand von persönlichen Erlebnissen, die so furcht­bar waren, daß sie nur tiefsten Abscheu gegenüber einem politischen System auslösen konnten, das der- artige Verbrechen an Kindern des eigenen Volkes nicht nur duldet, sondern sie sogar noch fördert und ausdrücklich für feine Ziele in Rechnung stellt. Das­selbe gilt von den häufigen Verhaftungswellen und

dem systematischen Morden an diesen Opfern der sow­jetischen Machthaber, wie auch an den Folterungen und den sonstigen Martern an solchen Unglücklichen. Dieses System ist heute der Bundesgenosse Eng­lands und des U5A.-Präsidenten Roosevelt! Und hinter alledem stand und steht das internationale Judentum!

Nach einem kurzen Ueberblick über die militä­rische, wirtschaftliche und finanzielle Lage und einer Parallele mit den Verhältnissen im Kriege 1914/18, wobei erneut zutage trat, daß wir allen Grund ha­ben, mit vollster Zuversicht und mit uneingeschränk- tem Vertrauen zu unserer Führung und unserer unbesiegbaren Wehrmacht in die Zukunft zu blicken und unseres Endsieges gewiß zu.sein, betonte der Redner, daß der Führer unentwegt als höchstes Ziel seines ganzen Hamelns die Erhaltung unserer Rasse und die Sicherung unseres Lebensraumes ansieht. Der stellv. Gauleiter kam in diesem Zusammenhang auch auf die Fudenfrage zu sprechen und erklärte, diese Frage wird für uns erst bann gelöst sein, wenn der letzte'Jude Deutschland verlassen hat. Die Fu­denfrage muß aber auch in ganz Europa gelöst wer- den, aus dem der Fude am besten fortgeschafft wird. Wie gewaltig die Gefahr durch das Judentum ist, zeigt sich jetzt besonders in der Haltung der USA. uns gegenüber, und deshalb muß diese Gefahr in Europa vollkommen beseitigt werden, weil Europa endlich Frieden haben will.

Die Sicherung des Lebensraumes für unser Volk lenkt unfern Blick nach Osten, wo durch die Helden­taten unserer Soldaten in weltgeschichtlichen Siegen uralter deutscher Sieblungs- und Lebensraum wie­der unter den Schutz der deutschen Waffen gekom­men ist. Das großrussische Reich, ob zaristisch ober bolschewistisch, ist stets eine Gefahr für ganz Europa gewesen. Dor allem unsere Fugend muß den Blick nach dem Osten richten und es als eine befonbere Ehre unb Verpflichtung ansehen, dort für Reich und Volk eingesetzt zu werden. Die Neuordnung in (Eu­ropa wird auf der Grundlage der Gerechtigkeit er­folgen, wir wollen bubet nicht herrschen, aber die Führung werben wir übernehmen. Hierbei stehen uns gewaltige Aufgaben bevor. Unsere Gebanken unb unser Handeln müssen immer dem großen Ziel gel­ten: den vollen Sieg! Mit diesem Gedanken werden wir weiter zum Führer stehen, den der Herrgott dem deutschen Volke gesandt hat. Und dieses feste Zusammenstehen wird uns zu unserer großen Zu­kunft führen, in dem wir mit größten Recht sagen können ^Deutschland, Deutschland über alles! (Leb­hafter anhaltender Beifall.)

Nach einem kurzen Schlußwort des Kreisleiters Backhaus fand die Kundgebung ihren Abschluß mit dem Treuegruß an den Führer und unsere sieg­reiche Wehrmacht.

SMische Musik- und Orchesterschule Gießen.

Feierliche Eröffnung.

Am gestrigen Sonntagvormittag fand in Gegen­wart vieler Musikfreunde in der Aula der Univer- fität die feierliche Eröffnung der Städtischen Musik- und Orchesterschule Gießen statt. Zahlreiche Vertreter der Partei, mit dem Kreisgeschäftsführer Weber als Vertreter des Kreisleiters an der Spitze, der Wehrmacht und Behörden wohnten der schlichten, denkwürdigen Feierstunde bei.

Das städtische Orchester unter Leitung von Prof. Dr. Temesväry leitete die Feier mit dem Me­nuett In g-moll von Mozart ein. Dann hielt

Oberbürgermeister Kiffer

eine Ansprache, in der er u. a. betonte, daß in unserer Stadt das musikalische Leben von jeher einen starken Impuls und Widerhall bei der Bevölkerung gefunden habe. Das 150jährige Bestehen des Gieße- ner Kvnzertvereins im nächsten Frühjahr fei ein Beweis nicht nur für das musikalische Interesse in unserer Stadt, sondern auch ein Zeichen aktiver Mu­sikalität. Es dürfte kaum eine Stadt von der Größe Gießens in Grohdeutfchland geben, die wie wir auf eine so stolze niveauvolle Musiktradition zurück­blicken können. Er erinnerte dann an die Beziehun­gen großer Tonkünstler zu unserer Stadt und nannte hierbei besonders Max Reger, gedachte aber auch der zahlreichen großen Sängertreffen, die unsere Stadt manchmal in eine singende Stadt ver­wandelten, Dann stellte er aus der jüngsten Zeit neb.en dem Konzertverein unser städtisches Orchester als einen Hauptträger des Musikschaffens in den Vordergrund und betonte dabei besonders, daß unser Theater schon feit Jahren eine eigene Oper besitzt.

Durch die Gründung der Städtischen Musik- unb Orchesterschule, bie in Verbinbung mit ber Hitler- Jugenb ins Leben gerufen würbe, werbe eine For- berung der Zeit erfüllt und das Musikleben in Gießen weiter gefestigt und ausgebaut. In diesem Zusammenhänge dankte der Oberbürgermeister dem Bannführer T a e s l e r für die verständnisvolle Zu­sammenarbeit. Er verwies bann barauf, baß kürz­lich in Weimar bie erste Orchesterschule in Ver­binbung mit der Hitler-Jugend gegründet wurde und Gießen jetzt die zweite Schule dieser Art er­öffne. Bis jetzt seien über 80 Anmeldungen erfolgt, ein deutlicher Beweis für die Notwendigkeit dieser Schule. Die Stadt Gießen als kultureller Mittelpunkt in dem Raum zwischen Kassel und Frankfurt wolle mit dieser Gründung auch für den Nachwuchs der Orchestermusiker sorgen und damit zur Lösung des dringenden Nachwuchsproblems beitragen. Daß dieses Problem dringend fei, gehe schon daraus ber- vro, daß die Führung von Partei und Staat sich dieser Frage angenommen hätten und die Gründung solcher Schulen begrüßten.

Die Leitung der Schule liege in Händen des viel­fach bewährten Professors Dr. Temesväry, dessen musikalischer Ruf über unsere Stadt hinaus bekannt sei, und dem er für seine bisherige Mit­arbeit herzlich danke. Als Ausbilder und Hilfslehrer ständen bewährte Kräfte unseres städtischen Or­chesters zur Verfügung. Alle Voraussetzungen für eine gedeihliche Arbeit seien gegeben, und bie Zu­kunft werbe erweisen, baß biefe Schule eine Not­wendigkeit unb ein weiterer fruchtbarer Beitrag des Musikschaffens in unserer Stadt sei.

Zum Schluß wies der Oberbürgermeister daraus

hin, daß auch im Kriege die Musen im Reiche Adolf Hitlers nicht zu schweigen brauchen, unbx er erinnerte an die gewaltigen Leistungen unserer Wehrmacht. Unsere Pflicht fei es, dafür zu sorgen, daß unsere Krieger bei ihrer Heimkehr eine Heimat vorfinden, die schöner geworden ist, und in der sie mit Freuden an den großen Aufgaben Mitarbeiten können, die der Führer uns stelle. Dabei solle auch diese Schule mithelfen. Im Glauben an Deutschland und seine große Zukunft eröffne er die Musik- und Orchester­schule.

Professor Or. Temesväry

dankte in feiner Ansprache dem Oberbürgermeister Ritter für bie Grünbung biefer Schule unb hob da­bei bie starke Initiative bes Oberbürgermeistes für alle künstlerischen Dinge besonders hervor. Dann betonte er, daß für die Gründung dieser Schule aroei Gesichtspunkte besonders maßgebend geroefen seien: nämlich die außergewöhnliche Not yinsicht­lich bes Nachwuchses an Orchestermusikern, un- ferner, daß eine Stadt wie Gießen nur auf bie Dauer eine solche Einrichtung wie bie Musik- und Orchesterschule nicht entbehren könne. Als besonders erfreulich bezeichnete er es, baß bie Stadt diese An­gelegenheit zu der ihrigen gemacht und die Schule unter ihre Obhut genommen habe. Allerdings fei mit dieser Gründung noch keineswegs das Ende der Schule erreicht, jedoch sei im Kriege schon viel damit getan. In ber Zukunft werbe diese Schule eine starke Säule für ben Nachwuchs an Orchester- Musikern sein, wie auch die vor einiger Zeit ge­gründeteMusikschule Jugend und Volk" auf ihrem Gebiete eine starke Förderung des Musikschaffens in unserer Stadt bedeute. Der jetzt gegründeten hoch­qualifizierten Fachschule werde es obliegen, den zu­künftigen Berufsmusikern eine gute Ausbildung zu geben und damit einen leistungsstarken Nachwuchs an Orchestermusikern zu stellen. Äm Geiste unserer großen Meister der Musik werde bie neue Schule an bie Arbeit gehen.

Bannführer Taesler

als berufener Sprecher ber Hitler-Jugend begrüßte ebenfalls bie Grünbuna dieser Schule und dankte dem Oberbürgermeister Ritter für dieses neue Werk, das er im Einvernehmen mit der Hitler-Juaen- ge­schaffen habe, ferner dankte er allen Lehrkräften und Förderern bei diesem neuen Dienst für unsere Ju­gend und für die Kunst. Er betonte bann bas starke Interesse ber Jugend für die Musik, bas bie Hitler- Jugend veranlaßt habe, schon seit langem die Pflege ber Musik in ihre Kulturarbeit einzube­ziehen. Zunächst sei hier Breitenarbeit geleistet wor­ben, jedoch komme es jetzt auch daraus an, für die besonders Begabten die Möglichkeit zu vertiefter Musikausbildung zu schaffen. Nach dieser Richtung hin biete die neue Schule für bie Zukunft die besten Aussichten. Die Hitler-Jugend werde daher gerne dieser Einrichtung ihre Förderung durch Zufüh­rung von Schülern und Schülerinnen zuteil werden lassen.

Nachdem bas städtische Orchester das Menuett in Es-dur von Mozart zu Gehör gebracht hatte, schloß Oberbürgermeister Ritter die Feierstunde mit ber Versicherung, baß die Stabt mit gewohnter Gründ­lichkeit alles tun werbe, um bie neue Schule zum besten Erfolg zu führen, in ber üblichen Weise.

IV. Landespferdeschau in Gießen.

Unsere Stadt stand am Samstag und am gestrigen Sonntag im Zeichen der Pferdezucht in unserem Gaugebiet. Den Anlaß dazu gab die vom Landes­verband der Pferdezüchter Hessen-Nassau veranstal- tete IV. Landes-Pferdeausstellung, die sich zu einem (Ereignis von besonderer Bedeutung gestaltete. Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger hatte die Schirmherrschaft über die Schau, die mit rund 200 der besten Pferde aus dem gesamten Gau Hessen-Nassau beschickt war und neben der Vorfüh­rung dieser Tiere gestern auch ein Rett- und Fahr- turnier brachte, übernommen.

Am Samstagnachmittag fand die Prämiierung der Einzelklassen der ausgestellten Pferde auf dem Waldsportplatz statt, der sich am gestrigen Sonntag vormittag bie Prämiierung ber Pferbe-Familien und Sammlungen sowie bie Sieger-Prämiierung ebenfalls auf dem Walbfportplatz anschloß. Bei bei- ben Ereignissen konnte man hervorragendes Pferde-

material sehen, das von dem hohen Stand unserer heimischen Pferdezucht Zeugnis ablegte.

Ein kamerabschaftlicher Züchterabend vereinigte am Samstagabend im Hotel Hopfeld auf Einladung unseres Oberbürgermeisters die ausstellenden Pferde­züchter mit den Vertretern von Partei, Staat und Wehrmacht sowie zahlreichen Freunden der Pferde­zucht. Oberbürgermeister Ritter betonte dabei in einer Ansprache, daß Gießen diese Schau gerne übernommen habe, denn Gießen sei der Mittelpunkt bes bäuerlichen Hinterlandes. Gerade bie Univer­sität Gießen unb ihre Professoren stäuben nicht iso­liert da, sondern seien mit der Bevölkerung aufs engste verbunden. Oberbürgermeister Ritter erin­nerte bann an bie 28jährige fruchtbare Tätigkeit Justus von Liebigs in unserer Stadt und sprach von ben vielen Einrichtungen und Veranstaltungen, bie bie Stabt im Lause ber Zeit errichtet und ver­anstaltet habe, um auch ihrerseits der Landwirtschaft

Karin Grunelius

Roman von Guiüo K.vranü

17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Die Hände flach vor sich hinstreckend, schien der Wirt die Szene beschwören zu mosten, hob fein Ge­sicht gegen die grüne Laube und beendete die Zwie­sprache mit einem lauten Schnalzen. Mit einer be­henden Drehung, die man feiner Fülle nicht auge- traut hätte, verschwand er.

Karin hatte sich nicht einmal so sehr verwundert, wie Thomas annahm. Sie lächelte nur. Denn alles, was sich vor ihr abspielte, hätte ebenso gut in einer Jumbe vor sich gehen können, wenn ein Mann aus dem Nachbardorf kam und man ihm den (Empfangs- trunf darbot.

Profit!" sagte Thomas.

Sie flüsterte es mehr, denn mit einem Male über­schattete sie ein Gedanke an Günther. War es ein Unrecht van ihr, hier zu sitzen, während er ans Bett gefesselt im Krankenhaus lag? Noch während des Trinkens sie sah Thomas dabei nicht an schob sie den Gedanken von sich weg. Niemand konnte etwas dabei finden. Denn sie war schon gar nicht mehr in Spaccaforno, nicht mehr bei Thomas, sondern schon weit sehr weit fort in Deutschland.

Thomas hatte eingesehen, daß er ein paar wun­derschöne Stunden versäumt haben würde, wenn er sich weiterhin so unsinnig verhalten hätte. Karins .Gesicht, gegen die weiße Wand der Trattoria gestellt, mit den zarten grünen Schatten unter den Augen, dem manchmal so seltsam über ihn Hinwegschauen­den Blick, schien ihm auf einmal das herrlichste Mo­tto für ein Bild zu fein.

,Hch muß Sie jetzt zeichnen, Fräulein Karin. Ich habe jetzt gesunden, was ich brauche", sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, trank das Glas leer und ließ langsam den Bleisttft über das Papier gleiten.

Aus tausend feinen Strichen, hundert kleinen ge­tönten Flächen, dunklen Schatten und feinen Lich­tern wuchs ihr Bild aus einer Hand, in der alles lebendig zu werden schien. Mit febem Anlegen, jeher Biegung, jeder Kurve vollendete sich die Wirklichkeit noch einmal zum Ebenbild.

ßaüen Sie es mich feheiU" hat Kano.

Er reichte es hinüber und schaute sie wartend an.

Wenn Sie nicht nur mein Gesicht gezeichnet, son­dern auch wissen, was Sie da hineingelegt haben, Herr Bröger. dann sind Sie ein großer Künstler." Sie gab ihm das Blatt wieder zurück, nachdenklich geworden darüber, daß jemand in ihr Inneres ge­schaut haben könnte. Jemand, ben sie nicht hinein- sehen lassen wollte.

Thomas war betroffen. Ihr Blick, in kaum merk­licher Scheu leise flackernd, zeigte Abwehr.

Ich habe mir eigentlich gar nichts dabei gedacht, Fräulein Grunelius. Die Hände gehen-«da ihren eigenen Weg, aber allem Anschein nach müssen sie irgendwo von innen her gelenkt werden. Sonst könnte es nicht so sein, daß man von dem anderen mehr sieht oder ahnt ober sogar weiß. Wahrschein­lich ist bas bas Geheimnis aller Künstler. Nur bei mir muß ich die Einschränkung machen, baß ich gar keiner bin. Von Beruf, meine ich."

Sonbern?" unterbrach sie ihn rasch und jäh er­staunt.Was sinb Sie bann?"

Er lenkte mit einem leichten Achselzucken ab, als hätte er sich einer unliebsamen Ueberraschung aus­gesetzt:Ach, bas spielt keine Rolle. Das ist ganz unwesentlich. Nur bas eine ist gewiß, daß ich hier nichts bin als ein bilettierenber Maler, ein guter Kunde eines Mal- unb Zeichenladens. Zu Hause versinkt bann bas alles roieber in ben Strom bes 'schönen Vergessens und einer wunbersamen (Erin­nerung. In' diesem Jahr erhöht durch Ihr unver­hofftes Auftauchen."

Karin spürte langsam eine heiße Blutwelle in ihr Gesicht steigen. D^as für ein Mensch war biefer Thomas? Sie ertappte sich plötzlich babei, daß sie ihn innerlich schon bei feinem Vornamen nannte. Wenn wenigstens irgenb etwas an ihm gewesen wäre, was sie hätte verabscheuen, wogegen sie sich hätte auflehnen können! Aber immer zog er sich wie jemanb zurück, ber in einem Wald lebt und nur von Zeit zu Zeit in bas Licht ber reifen Änrnfelber tritt, bie Augen vor der grellen Helle schließt unb bann wieder in das Dunkel ber Bäume zurücktaucht.

Wenn Sie kein Maler sinb, so sinb Sie boch ein Künstler. Oder ich möchte sagen, ein Mensch..." sie machte eine kleine Pause, als falle es ihr schwer, eine Entdeckung preiszugeben.

Na was für ein Mensch denn? Ich bin sehr neugierig!" Er lächelte, ohne sie babei anzusehen.

Karin trank langsam einen Schluck Wein, als müßte sie sich noch mehr Zeit lassen, um nicht durch ein unbedachtes Wort zu viel von sich selbst aufzu­zeigen. Auch die nächsten Sekunden waren noch von einer Stille erfüllt, in der man den Schlag eines Herzens wie die leise Mahnung eines Schicksals spürt.

Ich weiß nicht, ob ich Ihre Neugier befriedigen kann. Vielleicht irre ich mich auch. Aber irgendwie müssen Sie mit vielen Dingen ber Natur zu tun ha­ben, mit ihren Geheimnissen, mit ihrer Enträtselung. Sie konnten zum Beispiel Chirurg sein oder Phy- fiter. Ich stelle Sie mir in einem Laboratorium vor ja, in einer modernen Hexenküche, ohne Rauch unb Qualm natürlich."

Erst nach einer langen Weile vermochte Thomas etwas zu sagen. Wie seltsam hatte sich boch biefe Stunde verändert! Von einem witzlosen Eigensinn, ben Karin ausgezeichnet pariert hatte, war sie, ohne baß man es spürte, in eine noch unbegreifliche Be­gegnung hinübergewanbelt. Er hatte irgenbroie bas Gefühl, daß Karin ihn wie ein Magier umschritt, daß nichts mehr an ihm verschlossen war ober »er­borgen bleiben konnte.

Er schob feine Brille, bie er aufgesetzt hatte, nur um eine gewisse Unbeteiligtbeit zu spielen, auf bie Stirn, legte sie auf ben Tisch zurück unb sagte: Sehr gut, Fräulein Grunelius. Sehr gut. Ich bin zwar roeber bas eine noch bas andere. Aber weit sind Sie nicht davon entfernt. Verblüffend, wie Sie oas herausgefunden haben. Aber sprechen wir doch von etwas anderem!"

Also boch von ber Kunst!" lachte sie.

Nein! Don Ihrem Beruf. Oder erzählen Sie mir von Ihrer Heimat. Was Sie wollen!"

Karin schüttelte beinahe eigensinnig ben Kopf. Sie wollte vielmehr etwas von Deutschlanb hören, von ben großen Stäbten unb Gebirgen, von ben riesigen Jnbustrieanlagen unb bem ungeheuren Auf­bruch, ben bie Deutschen begonnen hatten und der bie Welt in Unruhe versetzte.

Thomas sah einen Augenblick stumm vor sich hin, bann begann er zu erzählen. Es war, als hätt» er nur auf ein Stichwort von ihr gewartet. Sie lauschte, mit jeber Minute stärker gepackt von seinen Worten. Was Thomas ba vor Karin ausbreitete, war eine völlig neue Weltanschauung, etwas erfri­schet Starkes unb Junges, bas |o ganz verschieben

war von bem, was sie bisher kennengelernt hatte. Hin und roieber warf Karin eine Frage bazwischen; im großen ganzen aber beschränkte sich ihre Unter­haltung barauf, daß Thomas sie in bie geistige Welt bes neuen Deutschland einführte.

Als sie schließlich aufbrachen, um nach Samplen zurückzukehren, war Karin ganz in Nachdenken ver­sunken. Stumm ließ sie die Schönheit bes Abenbs auf sich wirken, ber ihr als Vorbote erregenber, noch vom Geheimnis bes Unbekannten umwobener Er­eignisse erschien.

8.

Günther hatte am nächsten Morgen eigentlich nur erfreuliche Nachrichten erhalten, lieber Nairobi war eine bedeutende Geldanweisung gekommen, die ihn der Sorge des Krankenhausaufenthaltes enthob und soweit reichte, daß er mit Karin nach einer Er­holungsreise an die Adria oder an die Riviera, die ihm Doktor Carli als unbedingt notwendig empfahl, ohne viel rechnen zu müssen in München ober Ber­lin leben konnte. Gleichzeitig kam ein längeres Tele­gramm der (Eltern an, dessen Dutzend Fragen einen einzigen Komplex umschlossen:Seid ihr gesund unb ist euch nichts passiert?" Er verstand diese Besorgnis nicht recht, ba er die erste Mitteilung nach Merckhof , für ausreichenb hielt. Obgleich er bie Berechtigung des fürsorglichen Sichkümmerns niemanbem ab­sprach, so empfanb er es boch unter ber noch Immer nachhaltigen Wirkung bes Ereignisses als unange­bracht, ja als einen stillen Vorwurf.

Er lobte jetzt beinahe Karins Entschluß, nicht In seiner Nähe zu wohnen unb ben ganzen Tag um ihn zu fein. Vielleicht hätte er ihr Gesicht, jenen leibenb-mitleibsDollen Zug um bie Augen, der manchmal ihre Stirn unb ihren Mund wie ein Schatten überlagerte, nicht ertragen können. Er | empfanb es wie eine Demütigung, baß man Ihn so hilflos liegen sah.

Er sah auf bie Uhr und wunderte sich, baß sie noch nickt da war. Erwartung und Freude erregten ihn so, daß sich bie Zeit vervielfachte, daß sich bi< Minuten dehnten unb zurücksprangen zu kleinen Geräuschen an der Tür, an denen er Karin zu er­kennen glaubte. Nach einer Weile fand er ben blauen Himmel vor bem Fenster unerträglich. Dann wehten bie Vorhänge zu stark unb blähten sich wie gelbe Ballons in bas Zimmer herein.

(Fortsetzung folgt)