Aus der Stadt Gießen.
September im Sprichwort.
Blosser schon strahlt die Sonne, Heller blaut der Himmel — langsam neiget zum Herbst es sich hin. Aber noch herbstet es nicht ernsthaft, noch sind die Kräfte der Natur frisch und lebendig. Das tut sich auch kund im Kalender des Bauern, aus dem die folgenden Wetterregeln vermerkt seien.
Da vernehmen wir vom September im ganzen: „Wie der September, so ist der nächste März." „Der September ist der Mai des Herbstes." Wichtig ist der Spruch: „Nie hat der September zu bessern vermocht, was ein nasser August nicht hat gekocht." Ferner hören wir: „Septembergewitter voran, starker Wind hintendran." Oder: „Viel Eicheln im September, viel Schnee dann im Dezember."
Auch im September spielen die sog. „Lostage" eine bedeutungsvolle Rolle. Da heißt es gleich vom 1 September, dem Aegidiustag: „Wie das Wetter an Aegidius, so es vier Wochen bleiben muß." Oder:
verdunkelungszett
3. September von 20.05 bis 6.33 Uhr.
„Kommt Aegidius mit dem Krüglein an, so zeigt einen nässen Herbst das an." Weiter: ,Hst Aegidius hübsch rein, wird's den ganzen Mond so sein", oder „Jst's am Aegidiustag recht schön, dann wird auch gut der Herbst bestehn!"
Vom 8. September, dem Tag von Mariä Geburt, sogt der Bauer: „Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt." Oder er mahnt: „Maria geborn, Bauer, säe dein Korn!", sowie: „Wird bei Mariä Geburt gesät, ist's nicht zu früh und nicht zu spät!". Jedenfalls aber darf der Bauer nicht länger mit dem Säen warten, als bis zum 21. September, dem Tag des Evangelisten Matthäus, denn von ihm hören wir: „Tritt Matthäus Apostel ein, so muß die Saat beendet sein." In manchen Gegenden allerdings darf sich der Landmann noch bis zum 21. September Zeit gönnen, denn dort wird gesagt: „Wintersaat, um Michael ausgestreut, den Bauern mit reicher Ernte erfreut." t
Es seien hier einige Regeln eingestreut, die sich mit Saat und Ernte im allgemeinen beschäftigen. Da hören wir z. B.: „Auch nach schlechter Ernte muß man wieder säen", oder: „Die Ernte hängt mehr ab vom Jahr, als vom Acker und der Schar!" (Pflugschar). Weiter wird gesagt: „Wer säet und die Saat nicht pflegt, der hat umsonst die Hand bewegt." Auf verschiedene Weise müssen die einzelnen Getreidearten gesät werden, denn der Bauer sagt: „Roggen säen, daß es stäubt, Weizen säen, daß er klaubt" (klebt). Don der Saatzeit heißt es: „Zu frühes Säen ist selten gut, zu spät säen aber ist auch nicht gut." Oder: „Ist die Krähe nicht mehr weit, wird's zum Säen hohe Zeit." Andere Saatregeln sind: „Unrat nimmt den Sack mit der Saat"; „Alter Roggen mehrt sich im Sack"; „Gut gedüngt ist halb gewachsen", „Der Pflug am Morgen macht die besten Furchen". Noch eine andere Tätigkeit darf der Bauer nicht vergessen, sonst sieht's schlimm aus um die Ernte: „Wer nicht jätet früh, jätet später mit vergeblicher Müh", ja, es heißt sogar: „Fleißig jäten, ist besser als beten!".
Von Ernjesprüchen seien die folgenden wieder- gegeben: „Wer nicht fleißig heuen tut, / Wenn die Bremsen summen, / Guck gefälligst in den Hut, / Wenn die Winter kummen! . Oder: „Wer im Heuet nicht gabelt, im Aust nicht zappelt, in der Lese nicht früh aufsteht, der seh, wie's ihm im Winter geht!". Einem änhnlichen Gedanken verleiht Ausdruck der Spruch: „Wer in der Ernte nicht hilft einschneiden, der muß im Winter Hunger leiden." Oder: „Wer zur Ernte schläft, der wacht im Winter auf."
Wie wichtig für Saat und Ernte nicht nur Fleiß und Tüchtigkeit des Bauern sind, sondern auch die bereits erwähnten „Lostage", geht weiter aus folgenden Wetterregeln hervor. Da heißt es beispielsweise vom 21. September: „Wie es Sankt Matthäus treibt, viele Wochen lang es bleibt." Ferner: „Wenn Matthäus weint statt lacht, aus dem Wein er Essig macht", aber: „Ist Matthäus hell und klar, gute Zeiten bringt's fürwahr" (oder: bringt guten Wein im andern Jahr).
Auch der 14. September will beachtet fern, denn: „Ist's hell am Kreuzerböhungstag, so folgt ein strenger Winter nach." Dom 29. September wird gesagt: „Regnet's oder nebelt's an Kleophas, so wird der ganze Winter naß", vom Jakobstag: „Bläst Jakobus weiße Wölkchen in die Höh', sind's Winter-
M ötti WwangMürc
Roman von Horst Hiernach
8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Ich verstehe", sagte Fräulein Zögling kurz und bündig. Sie einigten sich über die Höhe des Haushaltsgeldes, setzten eine monatliche Abrechnung fest und kamen dann auf die Kinder zu sprechen.
„Britta und Wolfgang, das Söhnchen, sind leicht zu lenken; vielleicht, daß Britta ab und zu einen kleinen Stoß braucht, um etwas lebendiger zu werden und aus ihren Träumen zu erwachen. Schwierigkeiten werden Sie mit Lydia haben. Lassen Sie sich von ihrem frommen Augenaufschlag nichts täu- jchen, sie ist eine große Schauspielerin . ■" Er zögerte ein wenig, aber dann hielt er es doch für richtig und angebracht, auf die Eigenheiten des kleinen schwarzen Schafes näher einzugehen: „Ja, offen gesagt, ihre Erziehung hat uns schon große Sorgen gemacht, so große Sorgen, daß wir bereits manchmal den Plan erwogen haben, Lydia für einige Zeit in ein Landerziehungsheim zu geben. Jedenfalls haben wir ihr oft genug damit gedroht ..."
„Ach ...?!" sagte Fräulein Zögling mit runden Augen.
„Ja", nickte er, „sie nimmt es mit der Wahrheit nicht genau — das heißt, sie lügt das Blaue vom Himmel herunter — und dann — sie ist auch sehr näschhaft . "
„Nun, da gibt' es ja ein sehr einfaches Mittel, ihr die Süßigkeiten zu entziehen und kein Geld in die Hände zu geben/
Hellwang rieb sich das Kinn. „Gewiß , murmelte er und befeuchtete sich die Lippen, als setze^er zu einem sehr schweren Geständnis eigener Verfehlungen an, „gewiß, aber noch sicherer wäre es, wenn Sie nie im Hause Geld offen liegen ließen .
„O!" rief Fräulein Zögling bestürzt.
„Ja, so ist das nun einmal, und ich fühle mich verpflichtet, Sie darauf aufmerksam zu machen, damit Sie nicht an Geisterspuk glauben, wenn hier im Hause alle Zehner! spurlos verschwinden."
„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Aoktvr; diese
blüten zu vielem Schnee", oder „Jakobus in sonnenheller Gestalt, macht uns den Winter kalt." Besonders zahlreiche Sprüche aber gibt's für den Tag des heiligen Michael, den 29. September. Da hören wir z. B.: „Stehn Michaelis die Fische hoch, kommt viel schönes Wetter noch", oder: „Friert der Wein zu Sankt Michail, so wird er auch frieren im nächsten Mai", gibt's aber „Diel Eicheln an Michael — viel Schnee um Weihnacht!". Oder: „Regnet's am Michaelistag, so folgt ein milder Winter nach", aber: „Michel, Wind, Nord oder Ost, verkündet einen schärfern Frost." Weiter heißt's: „Um Michaelis in der Tat, gedeiht die beste Wintersaat." Dann heißt es weiter: „Sind Michael noch viel Vögel da, so ist der Winter noch nicht nah", ober: „Sind Zug-
Wie zuletzt vor sechs Jahren wurde die neue Spielzeit mit dem „Prinzen von Homburg" begonnen, mit einem Schauspiel also, das wie kaum ein anderes geeignet und berufen ist, von einer Zeit wie der unfern vernommen und verstanden zu werden. Es ist das letzte und reifste unter den Dramen K l e i st s , ein Jahr vor seinem freiwilligen Tode vollendet, aber von seinem Schöpfer nie auf der Bühne gesehen, lange gröblich mißverstanden, abgelehnt, ungedruckt und ungespielt; erst zehn Jahre nach Kleists Tode erschien es, übrigens in einer unzulänglichen Aufführung, an der Wiener Burg. Es hätte nicht des für diese Aufführung gewählten Titels „Die Schlacht bei Fehrbellin" bedurft, um daran erinnert zu werden, daß „Prinz Friedrich von Homburg" ein vaterländisches Schauspiel sei, ein preußisches und ein historisches Drama: gerade auf das historisch überlieferte Bild der Schlacht kam es hier am mindesten an, und es ist oft genug (zuletzt vor sechs Jahren auch an dieser Stelle) bemerkt und erläutert worden, daß Prinz Friedrich bei Kleist dem geschichtlichen Urbilde so wenig ähnlich sieht wie etwa der Graf Egmont bei Goethe oder die Prinzessin Eboli bei Schiller.
Und wenn der „Homburg", mit triftigem Grunde, das preußischste aller preußischen Stücke genannt wurde, dann gewiß nur auf den ersten und ober« lächlichsten Blick um seiner geschichtlichen Tatbe- tände, vielmehr beinahe ausschließlich und jeden- alls entscheidend um seines ideellen Gehaltes willen. Hebbel begann feine ausführliche Rezension des Stückes in der „Wiener Reichszeitung" (1849) mit den Worten: „Der Prinz von Homburg gehört zu den eigentümlichsten Schöpfungen des deutschen Geistes, und zwar deshalb, weil in ihm durch die bloßen Schauer des Todes, durch seinen hereindunkelnden Schatten, erreicht worden ist, was in allen übrigen Tragödien (das Werk ist eine solche) nur durch den Tod selbst erreicht wird: die sittliche Läuterung und Verklärung des Helden ..."
*
Mit diesem Satz hat Hebbel auf seine Weise schon angedeutet, wodurch im „Homburg" das Preußische durch das allgemein Menschliche gesteigert, vertieft und verklärt, wodurch das geschichtlich gegebene Bild, dessen Einzelheiten und tatsächliche Konturen anderwärts müheloser und völlig unverstellt zu erkennen sind, als sittliches Sinnbild ins Zeitlpse und Unvergängliche erhoben wird: an der aufwühlenden, umstürzenden, im innersten Wesensgrunde erschütternden Wandlung, die der Prinz bei Kleist im Ablaufe der fünf in einer wahrhaft monumentalen Dramenarchitektur errichteten Akte durchmacht und gleichsam bis ins Mark seiner Seele erlebt, begreifen wir die antike Größe der ethischen Forderung, die Begründung einer Staatsidee, deren kristallklare Formulierung, den „Homburg" zu einem der wahrhaft zeitgemäßen klassischen Dramen in deutscher Sprache macht.
Vorbildlich zu nennen ist die Art und Weise, wie hier die oft besprochene, berühmte Spannung zwischen Freiheit und Notwendigkeit (als die eigentliche Triebkraft des tragischen Dramas) erzeugt, aestei- gert und endlich gelöst wird in der wundervoll freiwilligen, innerlichst erlebten, erlittenen und also unanfechtbar überzeugten Anerkennung des Gesetzes, auf welchem der Große Kurfürst allein feinen Staat errichtet hat und dauern sieht. Indem ein junger, adliger, leidenschaftlicher Mensch sein ganzes Herz und überströmendes Gefühl in die Waagschale äußerster Entscheidung wirft, indem er, während weniger Stunden, alle Höhen und Tiefen, Himmel und Hölle seines Daseins durchmißt, hart an der
vögel nach Michaelis noch hier, haben einen linden Winter wir."
Ein Weinsprüchlein besagt: „Sankt Michaels Wein ist Herrenwein!" Vom September im allgemeinen ist noch zu vermelden: „Wenn der September noch donnern kann, setzen die Bäume viel Blüten an", sowie: „Ist der September hell und klar, hoffen wir auf ein fruchtbar Jahr!"
Aber anderseits heißt es auch wieder: „Septemberregen ist Bauern und Winzern gelegen."
Man sieht, auch hier sind sich wieder einmal die Gelehrten nicht einig, und am wenigsten fehl wird der gehen, der sich hält an die Worte des Weltweisen Wilhelm Busch, die da lauten: „Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt!" L.B.
Schwelle des Nichts, am Rande des schaudernd erblickten offenen Grabes vorbei, findet er in sich, aus eigener Erkenntnis und freiwilligem Entschluß, die zuvor nicht von fern geahnte Bestätigung, die fein väterlich strenger, königlich gerechter Lehrmeister von ihm verlangt: es erheben sich in seinem männlich gereiften Geiste die Monumentalbilder der Begriffe, auf denen, wie auf Säulen einer griechischen Tempelfront, das Gebäude des Staates ruht: Gesetz, Gehorsam und Pflicht. —
*
Der festliche Charakter der von Oberspielleiter W. M. Mund in Szene gesetzten, vom Kompo- | nisten Marc Roland dirigierten ersten Aufführung wurde — es war im Bericht von der Feierstunde am Sonntagvormittag des Näheren die Rede davon — von der für den „Homburg" geschaffenen Schaufpielmusik bestimmt: sie umfaßt die Szenenfolge nach einem kraftvoll intonierten Vorspiel in einer „totalen Umklammerung" dergestalt, daß alle, sonst „leer" bleibenden Verwandlungen ausgefüllt und überbrückt werden; dadurch wird bewirkt, daß der Zuschauer und Hörer unobgelenkt in der Stimmung bleibt, welche vom Schauspiel ausgeht. Die Aufgabe des Komponisten kann und will hier naturgemäß nur eine dienende fein;, der orchestrale Klang macht sich nicht selbständig, sondern läßt dem Text das ihm zukommende Gewicht; nur ganz kurz an wenigen Stellen greift die Musik in die offene Szene über. (Das Lied der Natalie, „Mädchenrätfel" von Kleist, enthält die einzigen, nicht zum Schauspiel gehörigen Worte; es würde übrigens an Wirkung gewinnen, wenn der Text, was kaum vorausgesetzt werden kann, allgemein bekannt würde.)
Faßt man den Eindruck der Musik von Marc Roland zusammen, so wird man sagen dürfen, daß sie, in Stil und Satz, dem klassischen Wortlaut
Zur Beseitigung der hier und da noch bestehenden Zweifel über die Zulässigkeit von Feldpoftpäckchen wird darauf aufmerksam gemacht, daß private Feldpostpäckchen nach dem O st e n für am Osteinfatz beteiligte Truppen nicht zugelassen sind. Dorthin können nur bis 100 Gramm schwere Feldpostsendungen befördert werden.
Dagegen find an Truppeneinheiten in anderen K r i e g s g e b i e t e n , z. B. in den besetzten Gebieten Frankreichs, Belgiens usw., Feldpostpäckchen bis zum Gewicht von 1000 Gramm zugelassen. .
Die Annahmestellen der Postämter können im einzelnen nicht unterrichtet sein, wo die in der Feldpostanschrift angegebenen Feldpostnummern liegen. Sie nehmen über 100 Gramm schwere Sendungen allgemein an, doch senden die Feldpost- sammelstellen bann Päckchen für Empfänger des Osteinfatzes mit einem Vermerk, daß die Sendung zur Zeit nicht befördert werden kann, an den Absender zurück. Die Postannahmestellen werden aber die Absender auf Wunsch beraten, um die zwecklose Absendung von Feldpostpäckchen, unter Umständen auch den Verderb ihres Inhalts zu vermeiden. Sie werden daher, wenn bekannt ist, daß der Empfänger im Osten eingesetzt ist, darauf Hinweisen, daß es keinen Zweck hat, über 100 Gramm schwere Sendungen an den Empfänger abzusenden. Besteht der Absender trotzdem auf Der Einlieferung der Sendung, so wird sie zwar angenommen werden, doch
geschmeidig und unvordringlich angepaßt ist; nun wird aus ihr die romantischen wie die pathetischen, die lyrischen wie die heroischen Elemente herausgehört haben, die — zwischen Traumwelt und Tatwelt, wie es in der Einführung hieß — die Handlung des „Homburg" bewegen.
♦
Daß die Musik das im Text Unausgesprochene deute, ist wohl ein etwas zu weit gehender. Anspruch; die oben beschriebenen Funktionen scheinen uns eine Vertonung hinreichend zu rechtfertigen. Eine Inszenierung aus dem Geiste der Musik, wie Herr Mund sie ankündigte, war, was die Aufführung auch bestätigte, wohl in erster Linie auf die Entbindung der in diesem großartigen Drama überreich beschlossenen dichterischen Werte zu richten; zum andern aber auch darauf, daß durch die hinzugewonnenen opernhaft-melodramatifchen Elemente die klassisch ausgewogene Linienführung in Kleists S^enenarchitektur nicht verwischt und getrübt werde. Das ist durch eine (wohl auch zeitlich mitbegrünbete) Straffung und Zentrierung bes Ablaufes auf bie Mittelfigur unb ihre wesentlichsten Gegenspieler geschehen; es ist, wie uns scheint, nichts Günstigeres über bie Arbeit ber Regie zu sagen, als daß sich der Eindruck im gleichen Maße steigerte, wie die Spannungen des Dramas gegen das Ende hin sich immer mehr verdichten. Die berühmte Todesfurcht-Szene, die zwischen dem Kurfürsten und Natalie, bie zwischen ihr und bem Prinzen, und das Schlußbild waren Höhepunkte einer Aufführung, die merklich auch um sprachliche Zucht unb organischen Zusammenhalt bes eben erst ge- bilbeten Spielkörpers bemüht war.
Neben dem sauber, klangschön unb mit wirksamer bynamischer Entfaltung spielenden Orchester ist ber Bühnenbilbner, Herr Löffler, als verständnisvoller Helfer im Regiestäbe mit großer Anerkennung zu nennen. Seine Raumgestaltung, mit sparsamer Andeutung auf rechtwinkligem ober rechteckigem Grundriß entwickelt, ließ sehr sinnfällig den auf strenge Stilisierung gerichteten Grundzug ber Aufführung erkennen. Das fein empfunbene Gar- tenbilb, das Gefängnis unb dos Gemach der Natalie schienen uns besonders glückliche Lösungen.—
♦
Eine Reihe neu verpflichteter Kräfte wurde zum ersten Male herausgestellt. Den Homburg spielte Herr Herbert Köchling: eine so schöne wie schwierige Aufgabe für den jugendlichen Helden, denn die Helden bei Kleist sind, nicht nur sprachlich, von ganz besonderer Art. Herr Köchling wurde, wie deutlich zu empfinden war, zusehends wärmer; auch er wuchs, mit dem Stück, auf die große Steigerung, Wandlung und Klärung zu; er hatte begriffen, daß es hier mit dem strahlenden Helden und Liebhaber nach der Schablone nicht getan war: der Hamburg wäre nicht Kleists Geschöpf, wenn nicht neben Dem strahlenden, glühenden Jüngling, den vom Sieg berauschten jungen Offizier und
muß der Absender damit rechnen, daß sie ihm von der Postsammelstelle zurückgesandt wird.
Es wird hierbei daran erinnert, daß alle Feldpostsendungen eine genaue Absenderangabe tragen müssen, die die etwa notwendig werdende Rückgabe der Sendung ermöglicht.
Weil •findet« -Arzneimittel sich überall in der Welt millionenfach bewährt haben. Sie vereinigen in sich die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung mit jahrzehntelanger, praktischer Erfahrung.
Theater der Universitätsstadt Gießen.
Heinrich von Kleist: »Prinz Friedrich von Homburg".
Welche Feldpostpäckchen sind zulässig?
ZBA < A > BAYER < E > XR V
Aufklärung wird mir meine Aufgabe nur erleichtern." .
„Im allgemeinen werden Sie mit gutem Zureden bei Lydia am meisten ausrichten. Sie hat bei allen ihren Fehlern ein weiches, leicht schmelzendes Herz. Wissen Sie, ich habe manchmal schon gemeint, daß ihr nicht einmal so viel am Schwindeln ober an ber Näscherei liegt, als vielmehr an ber Szene, die Darauf folgt, wenn man sie bedrückt. Sie legt es fast darauf an, sich bedrücken zu lassen. Als ganz kleiner Knirps fragte sie mich einmal bei solch einer Gelegenheit: Na, weshalb brüllst du nicht? Wahrscheinlich verläuft ihr das Leben in diesem Hause so still, daß sie zuweilen nach dramatischen Schürzungen Verlangen hat, selbst, wenn es dabei etwas auf den Allerwertesten gibt. Ich wollte Ihnen das nur sagen, damit Sie Lydia, falls es erforderlich ein sollte, gelassen und ohne sichtbare Spuren eigener Erregung strafen. Wir haben diese Methode ausgeprobt und damit die besten Ergebnisse erzielt."
,Ein merkwürdiges Kind", meinte Fräulein Zögling kopfschüttelnd, in ihrem Tonfall klang die etwas ängstliche Frage durch, ob hier nicht die Trunksucht eines Vorfahren unheilvolle Erbanlagen überliefert hätte. Hellwang zuckte mit den Schultern, er hielt es für verfrüht, Fräulein Zögling m bie Geheimnisse ber Familiengeschichte emzufuhren. Wahrscheinlich war kein Ahn des Grasen Jdell-Jdell hm- gerichtet worben, und außerdem schien Fräulein Zögling eine zarte Natur zu fein, ber solch blutrünstige Geschichten ein Greuel waren.
Es wäre nun an ber Zeit gewesen, bie Hausdame in ihren Pflichtenkreis einzufuhren unb sie mit ben Räumen, Vorratskammern, Schränken unb Schüsseln vertraut zu machen. Aber Hellwang ließ sich noch einmal in ben Sessel zurücksinken und bat Fräulein Zögling durch eine Handbewegung, seinem Beispiel zu folgen.
,/Da ist nämlich noch em Punkt, begann er, „über den ich mit Ihnen sprechen möchte/ Die Vorbereitung klang, als ob es sich um einen sehr dunklen unb nur behutsam zu beruhrenben Punkt hanble. Hellwang gab sich einen Ruck und legte eine heitere,- nachlässige Färbung in seine Stimme, als ob bie Sache nun boch nicht ganz so bebeutungs- voll sei, wie es fein anfängliches Zögern vermuten ließ: „Es handelt sich nämlich um unsere wackere Kajist." Er beglückwünschte sich zu dieser Formulie
rung. Wackere Kathi — das hatte er gut gesagt, das klang fröhlich unb locker. „Sie ist nun feit elf Jahren in unserem Hause und treu unb zuverlässig — ich wäre wahrhaftig in Verlegenheit, was ich ihr ins Zeugnis schreiben sollte, kein Superlativ wäre hoch genug, um ben Grad unserer Schätzung auszudrücken." Er griff nach bem Zigarettenkäftchen aus Thuyaholz unb klappte es auf, als käme ihm aus bem herauswehenben Tabakduft bie Erleuchtung für bie Fortsetzung ...
„Meine Frau liebte ihre gerade, manchmal vielleicht ein wenig allzu gerabe anmutenbe Art, hm — die Kinder hängen an ihr — hm — und deshalb haben wir auch ihre Eigenheiten, unb bie hat sie, man kann es wohl sagen, stets gern in Kauf genommen."
Fräulein Zögling hörte sehr aufmerksam zu. Es war eine Aufmerksamkeit, bie fast ein wenig verwirrend war. Hellwang spürte einen leichten Schweißausbruch in den Handflächen: „Meine Frau hat Kathi immer, wenigstens in ben Küchenangelegenheiten, sehr große Selbständigkeit eingeräumt. Nun ja, ich meine, mir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und der wackeren Kathi in Anbetracht ihrer vielen guten Eigenschaften auch ihre Eigenheiten lassen. Sie ist ber friedlichste Mensch von der Welt, wenn man mit ihr umzugehen ver- steht. Vielleicht tyrannisiert sie uns alle ein wenig, aber sie meint es gut, und ihre Tyrannis ist ein sanftes Joch ..."
Er schloß sozusagen in ber Luft, ohne Komma und Punkt unb fühlte den Blick des Fräuleins aus sehr klaren Augen auf feinem linken Ohr ruhen: „Sie meinen also, Herr Doktor, daß ich mit Kathi Schwierigkeiten haben werde?" Die Frage klang kühl und klirrend, als verberge bas Fräulein unter ben Falten ihres Gewanbes irgenbroo eine blanke Wehr.
„Nein, nein!" rief er etwas hastig, „das wollte ich bamit gerabe nicht sagen — nur, wissen Sie, baß man jebe Katze streicheln muß, bamit sie schnurrt
Eine kleine, unangenehme Pause entftanb.
„Wo liegt also mein Aufgabenkreis?" fragte Fräulein Zögling knapp unb sachlich, unb es ließ sich nicht verkennen, baß sie eine klare unb beutliche Antwort zu hören wünschte. v _.
„Bitte, bittel" murmelte er beschwichtigenb. „Sie
finb als Hausbame hier eingezogen, und bamit ist Ihre Stellung im Haus ja klar genug umrissen. Wenn ich Sie bat, ber guten Kathi ihren geliebten Küchenraum zu überlassen, so tat ich bas mehr in ber Absicht, Sie,mein liebes Fräulein Zögling, zu entlasten, bamit Sie sich mit ungeteilten Kräften ber Erziehung unb Beaufsichtigung ber Kinber mibmen können, an ber mir persönlich am meisten gelegen ist." e
Er wartet eine kleine Weile. Hatte Fräulein Zögling noch etwas zu bemerken? Sie schwieg mit (djmalen Lippen. Eine Stille entftanb, eine vertrackte Stille, burch bie Spannungsfunken knisterten. Fräulein Zögling erhob sich. Sie stand sehr gerabe vor ihrem Sessel. Ihre Haltung erinnerte Hellwang an einen Erzengel, ber, auf ben Schwertknauf gestützt, vor ber Pforte bes Parabieses Wache hält.
„Dann barf ich Sie wohl bitten, Herr Doktor, mich mit meinen Pflichten vertraut zu machen!"
„Ja, natürlich ..." Hellwang erhob sich ebenfalls unb ging voran. In feine Munbwinkel kerbte sich eine leise Enttäuschung. Er hatte bie Fäden so schön in ber Hanb gehalten. Nun spürte er, daß sie ihm aus ben Fingern glitten. Der Kopfsprung in bas geistige Freibad hatte nicht genützt. Das Wasser war doch zu kalt. Er hielt bas Schwimmen nicht burch.
III. Sturmzeichen.
Nach bem Mittagessen wurde Söhnchen wie gewöhnlich von Kathi zu Bett gebracht. Es gab jebes- mal Entrüstung unb Kampf unb jedesmal bie Frage, wann er benn nun eigentlich so groß sei, baß er aufbleiben bürfe. Fünf Minuten lang, je nach Tageslaune, brüllte, fang ober rumorte er im Bett, um zu beweisen, baß er munter unb daß es eine Gemeinheit sei, ihm täglich ben gleichen Schmarren zu erzählen, kleinen Buben sei nichts nötiger unb gefünber als ber Mittagsschlaf. Dann würbe es plötz- sich still, unb für bie nächsten zwei Stunben hätte ihn selbst ein Weltuntergang nicht erwecken können.
Hellwang fuhr in bie Stabt, um sich von ber Staatsbibliothek ein paar Bücher zu holen. Wenn Der Faben ber eigenen Probuktivität auch abgerissen mcft so wollte er bie leeren Stunben wenigstens mit neuen Stubien ausfüllen, um gerüstet zu fein, wenn es ihn roieber an Den Schreibtisch Drängte.
(Fortsetzung folgt.)


