190. Jahrgang
Dienstag, 2.)anuar 1940
&
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Weltpolttik an der Jahreswende.
Unsere Ausländskorrespondenten berichten.
Rumänien nach einemIahr voller Gefahren.
Von unserem Si.-Korrespondenien.
Bukarest, 30. November.
Das Jahr' 1939 war auch für Rumänien eines der schwersten, wenn nicht oas schwerste Nach- kriegsjahr. Eingebettet zwischen Großmächten uni) hn Schnittfeld ihrer Einflußsphären liegend, mußte es alle Kraft aufwenden, um nicht zwischen die Mühlsteine der widerstreitenden fremden Interessen zu geraten. Die verantwortlichen Männer ^es Landes haben rechtzeitig aus dieser politischen Situation die Erkenntnis geschöpft, daß jeglicher Ehrgeiz, im politischen Konzert der Großmächte bestimmend mitzuspielen und einseitig für die eine ober andere Gruppe Partei zu nehmen, über kurz oder lang sich für das Land verhängnisvoll hätte auswirken müssen.
Die konsequente Durchführung der Neutralität mußte zwangsläufig eine Zurückdränaung des übermächtigen englischen und französischen Finanzeinflusses in Rumänien zur Folge haben. Hier einen gerechten Ausgleich herbeizuführen, war mit eine Aufgabe des deutschrumänischen Wirtschaftabkommens vom März dieses Jahres. Dieser Vertrag hat sich, wie Außenminister G a f e n c u in seiner großen außenpolitischen Rede vom 29. November sagte, „in einer schwierigen Zeit nicht nur als ein gutes Mittel des wirtschaftlichen Austausches, sondern auch als ein wahrhaftiges Friedensinstrument erwiesen." Die große Auslandsreise Gafencus im April durch die hauptsächlichsten west- und mittel europäischen Hauptstädte diente der äußeren Dokumentierung und inneren Festigung der rumänischen Neutralität gegenüber allen Staaten; besonders das Ergebnis der Besprechungen Gafencus in Berlin war für beide Teile gleich fruchtbar und befriedigend. Eine unerbetene französisch-englische Garantieerklärung hat in der Folgizeit in Bukarest zwar einen Augenblick lang angeneym gewirkt, aber den nüchternen Sinn dieses Volkes nicht über ihre tatsächliche Wertlosigkeit Hinwegtäuschen können.
Dann kam nach einigen mehr oder weniger ruhigen Sommerwochen der Krieg mit allen seinen Fährnissen für das unbeteiligte Rumänien. Eine formeche Regierungserklärung vom 6. September bekräftigte erneut den unveränderten Willen der Führung des Landes zur Nichteinmischung und Neu- traUtät. Nach der schnellen Aufrollung des polnischen Widerstandes durch die deutschen und sow- jetrussischen Truppen ergoß sich ein breiter Flücht- lingsström ins Land und stellte die Regierung vor schwere organisatorische und finanzielle Pro- leme. Ihren sich in diesem Zusammenhang aus der Neutralität ergebenden völkerrechtlichen Verpflichtungen — Internierung der Regierungs- und Militärpersonen, Sicherstellung von Waffen und Munition — sind Regierung und Behörden im allgemeinen nach besten Kräften nachgekommen. Die Besetzung Ostpolens und damit der rumänischen Nordgrenzen durch die sowjetrussischen Truppen schuf
neue rumänische Befürchtungen, die aber durch sehr bestimmte russische Erklärungen besänftigt werden konnten.
Ernster waren die Kriegsauswirkungen, die sich im Gefolge der englisch-französischen Blockade- maßnahmen einstellten. Als Folge der Unsicherheit des Seetransportes und des Mangel an Frachtraum trat zunächst eine starke Verteuerung der Importartikel ein, die sich aber bald auch auf die einheimischen Produkte ausdehnte und, ausgenutzt von einer verbrecherischen Spekulation, innerhalb weniger Wochen Preiserhöhungen um durchschnittlich 50 bis 70 v. H., bei einigen lebenswichtigen Artikeln noch weit darüber, brachte. Hatten schon die Ereignisse im März kostspielige Trup- penzusammenziehungen Rumäniens an seinen Grenzen zur Folge gehabt, so verursachten die Ein- berufunaen und Requisierungen, die seit Ende August ourchgeführt wurden, die größten wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten. Vor allem die Landwirtschaft und hier wiederum in erster Linie die Feldbestellung haben schwer gelitten.
Angesichts der Gefahren des Krieges auch für die Neutralen tauchte der Plan eines Südostblocks zur gemeinsamen Verteidigung der Neutralität auf. Die von England aus propagierte türkische Führung dieses Blockes fand hier keine Gegenliebe, weil man ihre Gefahren für die Neutralität gar zu deutsch erkannte. Ein Block unter italienischer Führung, den man in Rumänien und auch in anderen Südoststaaten gern gesehen Hütte, scheiterte an den starken realen Bedenken Italiens. Auch durfte eine rumänische Einigung mit U n - garn und Bulgarien nach mie vor schwer oder undurchführbar sein, da Rumänien, wie auch die letzte Gafencu-Rede wieder beweist, jeden Revisionismus strikt ablehnt.
Auch die Innenpolitik des Landes ist Nicht ohne Komplikationen geblieben. Nicht weniger als fünf Regierungen weift das Jahr 1939 auf: Miron Christen, Calinescu, Argefeanu, Argetoianu und Talare5ou. Die Tätigkeit Caline scus als Innenminister, Vizepräsident und Ministerpräsident hatte im Zeichen der Liquidierung der Eisernen Garde, andererseits aber auch der Schaffung einer neuen politischen Einheitsbewegung, der Front der Nationalen Wiedergeburt, gestanden. Fanatiker ermordeten Calinescu am 21. September und beschworen dadurch furchtbare Tage innerpolitischer Erregung und blutiger Exekutionen herauf. Nachdem das einwöchige Exe- kutions- pnd Liquidierungskabinett des Generals Argeseanu seine Arbeit getan hatte, hat die Regierung Argetoianu in den acht Wochen ihrer Amtstätigkeit, zum Teil auch durch geheime Verhandlungen mit den Resten der Opposition, versucht, eine Entspannung der innerp optischen Atmosphäre und eine aufrichtige Einigung des ganzen Volkes zu erreichen. T a t a r e s c u hat in feiner Rundfunkrede nach der Regierungsübernahme die allgemeine inner politische Entspannung als ein wesentliches Ziel seiner Politik gekennzeichnet. Zweifellos ist eine solche Politik dazu angetan, die nationale Solidarität zu schaffen, die Rumänien notwendig hat, um in die dunkle Ungewißheit des neuen Jahres mit Zuversicht hineingehen zu können.
Haltung eines einigermaßen normalen Exports nach Deutschland und anderen Ländern zu versorgen, die allergrößten Schwierigkeiten macht. Dies zeigt, wie ernst England, das den Neutralen nach wie vor jede Rücksichtnahme auf deren Lebe ns inte ressen verspricht, seine Zusicherungen nimmt. Kaum anders sieht es bei den schweizerisch-französischen Handelsbeziehungen aus, von denen ein Schweizer selbst in dem „Jouryal Fkanxais", dem Organ der französischen Kolonie in Genf, jüngst sagen durfte: „Es braucht vielen guten Willen, um noch mit Frankreich Handel zu treiben. Die aus französischen Kolonialgebieten kommenden Waren werden Wochenlang in Marseille zurückgehalten, ganz abgesehen von den Produkten, die zu Tausenden Kilos nochmals an der schweizerisch-französischen Grenze zu- riickgehalten werden."
Oes Führers JleuWwtftDünfdte.
Berlin, 1. Ian. (DRV.) Der Führer laßt auf diesem Wege allen feinen Mitarbeitern, seinen Bekannten und Freunden sowie dem ganzen deutschen Volke seine besten Reujahrswüntche übermitteln. Er dankt ebenso für die ihm selbst .zugegangenen Gratulationen.
Hapag-Motorschiff „<?f. Louis" in die Seimot »ur>rckgekehrt.
Berlin, 1. Jan. (DBB.) Am 1. 1. 1940 fraf das 16 700 Brutloregistertonncn qro'e Motorschiff „St. C o u i s“ der Hamburg-Amerlka-Linie nach sicbenmonatiger Abwesenheit in Hamburg ein. Damit ist das letzte der fünf großen Passagier- schiffe der Hamburq-Amerika-Linie im Rordomerika- dlenst unter Führung seines Kapitäns Gustav Schröder in feinen Heimathafen zurückgekehrt.
M adrid, 2. Jan. (DNB.) In der Silvesternacht kielt der Caudillo eine Rundfunkansvrache. Er erklärte die Vorbedingung des Aufbaues fei eine ge- rechte Verteilung der Lasten und Opfer, von denen den größten Teil jene tragen müßten, die so viel Besitz hätten, daß sie im krassen Gegensatz zur Armut der Mehrzahl der Volksgenossen stehen. Besonders eindringlich griff Franco die Juden an, deren händlerischer und egoistischer Geist keinen Allgemeinnutz kenne und daher den Wohlstand jeder Nation ruiniere. Spanien habe tiefstes Verständnis für die Maßnahmen, die gewisse Staaten gegen diese Rasse unternommen hätten. Von jenseits der Pyrnäen seien schwerste Gefahren über Spanien gekommen. Die französierende „Aufklärung" und der jüdische Geist hätten das ganze Imperium bedroht. Für Kaffeehaus-Politiker habe Neuspanien keinen Platz. Seine inneren und äußeren Feinde seien bekannt. Erstere seien von den letzteren bezahlt, weil Spaniens Größe verhindert werden solle. Spanien werde jedoch seinen Weg unbeirrt gehen und jeden Widerstand beiseite räumen.
Russisch-filmländische Gegensätze.
Geographisch gesehen sind Finnland und Karelien die Randlandschaft einer Fenno-Skandinavischen Urscholle gegen die nordrussische Tiefebene, staatlich gesepen waren und sind sie der Tummelplatz eines nordisch-östlichen Machtkampfes. Wechselnd mit der Stärke und der Schwäche der beiden auf diesem Boden sich streitenden Mächte, Schweden und Nowgorod, an dessen Stelle später Rußland trat, wechselte auch das Schicksal dieses nordischen Landes, das nur selten im Laufe der Geschichte Herr im eigenen Hause war. Südwärts an der Newa unterschreitet es nur wenig den 60. Breitegrad, im Norden greift es über den Polarkreis hinaus. Es lag für eine lateinisch orientierte Geschichtsschreibung außerhalb der Grenzen des Gesichtsfeldes, es war ihr das Ende der Welt. Im 13. Jahrhundert gewann Nowgorod, hinter dem Byzanz stand, das Uebergewicht, 1240 schlug Fürst Alexander Newsky von Nowgorod an der Newa- mündung den englisch-schwedischen Bischof Thomas, und 1323, im Frieden von Schlüsselburg, sicherte sich Nowgorod den ganzen Nordwesten bis zum Eismeer. Den Schweden verblieb nur Mittelfinnland und der Süden. Während des Ausstandes im Jahre 1338 gelang es den Ka- relen und Finnen, die russische Herrschaft teilweise zu brechen, und da die Macht Nowgorods im Verblassen war, so trat auch eine zeitweise Ruhe im Lande ein. Später geriet Karelosinnland unter bett Einfluß des mächtigen russischen Klosters von Solo- wetzk bei Archangelsk am Eismeere. Die Folge war, daß viele Karelen zum orthodoxen Glauben übertraten und daß sich konfessionelle Gegensätze im Lande bildeten. Der Westen blieb unter schwedischem
Spanien benötige zwar Gold für die Bezahlung gewisser Einfuhren, aber Spaniens Boden beherberge Gold in genügender Menge. Außerdem habe die beispiellose Entwicklung Deutschlands den durchaus relativen Wert des Goldes bewiesen. Daher sei die Verteidigung des Goldstandards ein Dogma, das nur von den interessierten Ländern des Kapitalismus verteidigt werde.
Der europäische Krieg sei aleichfalls eine Folge der Regime in den kapitalistischen Ländern, in denen der Klassenhaß gezüchtet werde, der — anstatt für die Menschenfreiheit zu kämpfen — diese unterdrücke. Nicht Spanien oder die totalitären Staaten schränkten die Menschenrechte ein, sondern die sogenannten Demokratien. Sodann erinnerte der Caudillo an die Absurdität des von England verkündeten Kriegsgrundes. Die Aufwärtsentwicklung einer Natio.. im Rahmen ihrer historischen Misiion sei niemals ein gerechter Grund, gegen diese Krieg zu führen, ebenso wenig die Beibehaltung eines Zustandes, der nur einen gewissen Teil der Nation bevorzuge.
Schweizerische Mtschastssorgen.
„Oer Franzose wird bezahlen."
Frankreichs Sorgen wegen der Kriegsfinanzierung.
Spanien und der europäische Krieg.
Eine Rundfunkansprache des Caudillo.
Von unfeiem Ri.-Korrespondenten.
Genf, Dezember 1939.
Die Neutralität ist eine Lebensfrage für die Schweiz. Daß sie ihr nicht leicht gemacht wird, hat die Schweizer Presse seit Kriegsbeginn zu wiederholten Malen eingestanden. Aber nicht nur die Presse gibt dies zu und weist auf bie Leiden hin, welche die Schweiz vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet erdulden muß; die AuswirkMgen des von England eigentlich ganz Europa aufgezwungenen Blockadekrieges machen sich selbst in der sonst so stetigen und ruhigen Innenpolitik der Eidgenossenschaft bemerkbar. So ist es für niemanden ein Geheimnis, daß die von der Regierung empfohlene Vorlage über die Besoldung und Versicherung des Bundespersonals, die vor dem Kriege alle Aussicht auf Annahme hatte, in der eidgenössischen Volksabstimmung vom 3. Dezember nur deshalb durchfallen konnte, weil wachsende Wittschaftsschwie- rigkeiten, wachsende Steuerlasten und eine wachsende allgemeine Unsicherheit überhaupt bis in das letzte schweizerische Haus von Tag zu Tag fühlbarer werden. Zur besseren Kriegsbereitschast wurden die Rekrutenschulen und Wiederholungskurse bereits in kombinierten Truppeneinheiten in den Grenzgebieten abgehalten. So wurden beispielspeise die Alpenpässe trotz der Lawinengefahr besetzt, wobei eine Gebirgskompanie von einer Laroiie überrascht wurde, was mehrere Opfer forderte, ftn Eile wurden die Befestigungswerke längs der nordschweizerischen Rheingrenze und im westschweizerischen Jura, die schon längst geplant waren, nicht mir ausge führt, sondern auch gleich bemannt.
Obwohl die Schweiz in den drei.ersten Kriegs- monaten also alle nur möglichen Maßnahmen zur Sicherung ihrer Neutralität, der Versorgung ihrer Industrie mit Rohstoffen, der ßiefenmg von Nahrungsmitteln und der Sicherung irrer Währung, ergriffen hat, stellen sich ihr täglich neue und immer schwierigere Probleme. Um der erd osselnden Wirkung der englischen Blockad zu begegnen, ist die Schweiz, um nur ein Beispel anzuführen, zur seefahrenden Nation geworden: Sie
hat 15 Schiffe mit einer Tragfähigkeit von rund 115 000 Tonnen für die Dauer des Krieges gemietet, die auf den Weltmeeren unter dem schweizerischen Wappen fahren. Die Versorgung der schweizerischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ist somit vorläufig sichergestellt; aber der Export, mit dem die Eidgenossenschaft ihre Einfuhr bezahlt, verzeichnet einen katastrophalen Rückgang. So haben die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und Frankreich, wie auch England, außerordentlich gelitten, während dagegen, wie unter anderem die schweizerische Handelszeitung mehrmalig schrieb, der Außenhandel mit Deutschland befriedigend ist.
Am schlimmsten sieht es bei dem sogenannten „unsichtbaren Export", dem Fremdenverkehr, aus. Er hat bisher im schweizerischen Außenhandel das Gleichgewicht gesichert. Daß die für die Schweiz lebenswichtige Rolle des ausländischen Tourismus für die Kriegsdauer ausgespielt hat, daran zweifelt niemand. Daß der Ausfall durch den verschärften Seekrieg noch weiter wächst, ist gleichfalls klar, so wie auch niemand daran glaubt, daß der schweizerische im Lande verbleibende Ferienreisende den Ausländer ersetzen kann. Er wird es zwar erlauben, die vorbildlichen schweizerischen Fremdenverkehrseinrichtungen in Betrieb und damit für bessere Zeiten instandzuhalten, aber das Loch im schweizerischen Budget wird er auch nicht stopfen können. Dieses Loch im Budget der Schweiz wird nicht kleiner als das im Budget anderer neutraler Staaten fein; denn so, wie die skandinavischen Staaten und Holland auf den freien Seeverkehr angewiesen sind, so hängt der Lebensstandard der Schweiz von einem ausbalancierten Export ab Er ist für die Schweiz „die Lebensfrage" und, um sie zu lösen, verhandelt schon feit Wochen in London eine schweizerische Handelsdelegation, die aber kaum vorankommt, da dort nur insoweit Interesse besteht, als dies Großbritannien dienlich ist.
Bezeichnenderweise schrieb dazu die „Neue Zürcher Zeitung", daß das Problem, die schweizerische Industrie mit den nötigen Rohstoffen zur Aufrechter-
Brüssel, 31. Dezember. (Europapreß.) Die französische Oeffentlichkeit erfährt nur wenig von den schweren finanziellen Sorgen ihrer Regierung. Die Zensur verhindert die Behandlung der Kriegs- finanzierung in der Presse. Gelegentlich kann doch nicht verhindert werden, daß aufschlußreiche Ziffern bekannt werden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß in der Oeffentlichkeit und in dem von der Zensur eng begrenzten Rahmen sich Stimmen der Kritik bemerkbar machen. Die Rede des Finanzministers Reynaud über das Problem des französisch-englischen Währungsabkommens ist augenblicklich Gegenstand lebhafter kritischer Erörterungen in der Oeffentlichkeit. Trotz aller V e rschl ei erungsver suche der Regierung ist es ein tffenes Geheimnis, daß der Krieg bisher die französischen Staatssinanzen über alle Erwartungen hinaus belastet hat. Das englisch- ftanzosische Währungsabkommen wird viel mehr als eine schwere Belastung für Frankreich, denn als Entlastung empfunden. Der Abgeordnete Fernand Laurent erklärte z. B., Frankreich werde auf Grund des französisch-englischen Währungsabkommens mit dem ganzen Gewicht seiner Kriegsausgaben für fünf Millionen Mobilisierte belastet. Nichts sei aefährlicher, als sich Illusionen über die Tragweite dieses Abkommens zu machen, etwa in dem Sinne, daß Frankreich und England die Ge- samkkriegskosten gemeinsam tragen wollten. Der Artikel Fernand Laurents steht unter der bezeichnenden Ueberschrift: „Der Franzose wird bezahle n".
Die finanziellen Sorgen der Regierung werden auch beleuchtet durch die ständig zunehmende Kritik der Oeffentlichkeit an den Unterstützungs- Zahlungen der Familien der zum Heeresdienst eingezogenen Soldaten. Diese Unterstützungszahlungen werden als vollkommen unzureichend bezeichnet. Der Vorsitzende der französischen Sozialpartei de la Rocque schreibt, in zahlreichen Gemeinden Frankreichs seien bis jetzt überhaupt keine Familienunterstützungen ausgezahlt worden. Andere Gemeinden hätten von sich aus die Un
terstützungen vorgestreckt, aber der Staat habe mit der Vergütung der entsprechenden Summen an die Gemeinden noch nicht begonnen. In anderen Gemeinden wiederum seien die Unterstützungen am 15. November zum letztenmal ausgezahlt worden. Man spreche von einer weiteren Zahlung Ende Dezember, ohne daß man etwas genaues darüber wisse. Besonders bei den von der Front kommenden Urlaubern herrsche Unzufriedenheit über dieses System. Im übrigen werden die bisher gezahlten Unterstützungssätze als lächerlich gering bezeichnet. Die Unterstützungen betrügen etwa 8 bis 12 Franken täglich (etwa 50 bis 80 Rpf.).
Eine Brandrede Datod ers.
Zur Begründung neuer Kriegskrcdite.
Brüssel, 30. Dez. (DNB.) Daladier hat sich am Freitag vor dem Finanzausschuß des Senats als Fürsprecher großer Kredite gestellt, die offenbar dringend notwendig geworden sind/ um die französische Armee mit modernerem Kriegsmaterial aus- zustatten. Um diese gewaltigen Belastungen der französischen Staatskasse politisch zu begründen, wies der französische Ministerpräsident, ehe er auf die äußerste Dringlichkeit einer Beschleunigung der mechanischen Konstruktionen der französischen Armee einging, wieder einmal darauf hin, daß „mit jenem (Seroaltregime, das während zweier Jahre auf Europa gelastet habe, und mit jeder Politik der Habsucht und der Beute Schluß gemacht" werden müsse. Dabei oerflieg sich Daladier zu der Behauptung, daß das Kriegsziel des „bem friedfertigen Frankreich aufgezwungenen Krieges" die Knechtschaft Frankreichs und der ganzen Welt gewesen sei. Frankreich kämpfe für sich selbst, aber gleichzeitig auch für die anderen Völker und vor allem für jene von Daladier nicht näher erklärten moralischen Werte, ohne deren Wahrung es keine „Zivi- lisation" mehr geben würde. Daladier gab zum Schluß die Erklärung ab, daß Frankreich ohne materielle und positive Garantien die Waffen nicht niederlegen werde.


