Nr. 144
Samstag den 22. Juni
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Amtliche» Lbeil.
Bekanntmachung.
99 e t r.: Erlaß einer Polizeiverordnung über das Auf- und Abladen, sowie den Transport von Metallgegenständen.
Auf Grund des § 366 pos. 10 des R.-Str.-G.-B. und des Art. 56 der Städteordnung wird nach Anhörung der Stadtoerordneten-Versammlung mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 12. Juni 1894 zu Nro. M. J. 16 745 für den Bezirk der Provinzial-Hauptstadt Gießen verordnet wie folgt:
§ 1.
Bei dem Auf- und Abladen und bei dem Transport von Metallgegenständen, welche beim Herabwerfen oder bei dem Transport auf Wagen ein starkes Geräusch verursachen, wie eiserne Tragbalken, Schienen, Metallröhren und Stangen, Bleche, Ketten und dergleichen, sind solche Einrichtungen zu treffen, daß belästigendes Geräusch vermieden wird.
Namentlich müffen derartige Metallgegenstände, welche bei dem Transport durch Aneinanderschlagen ein starkes Geräusch verursachen, in zweckentsprechender Weise mit Stroh oder anderem geeigneten Material unterlegt, oder so fest mit einander verbunden werden, daß der Lärm thunlichst vermieden wird.
Solche Gegenstände dürfen beim Abladen nicht vom Wagen herabgeworfen, sondern müffen, gegebenen Falles unter Anwendung geeigneter Vorrichtungen, langsam Herabgelaffen werden.
§ 2-
Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Bestimmung werden in Gemäßheit des § 366 pos. 10 des Str.-G.-B. mit Geldstrafe bis zu 60 Mk. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft.
§ 3-
Diese Polizeiverordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündigung in Kraft.
Gießen, den 18. Juni 1895.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Wolff, Regierungs-Assessor.
Die Eröffnung des Nord Ostsee-Canals.
Wolffs telegraphisches Correspondmz-Bureau.
Kiel, 20. Juni. Die Ausfahrt der kaiserlichen Dacht „Hohe n zoll er n" aus der Holtenauer Schleuse bot einen unvergeßlichen Anblick dar. Zunächst wurde das mächtige Profil des Kaiserschiffes sichtbar, hoch im Schleusenwaffer. Als dar Wasser abgelaufen und die Schleusenthore geöffnet wurden, drang das Kaiserschiff mit energischer Bewegung nach dem Holrenauer Hasen vor. Enthusiastischer Jubel und brausende Hurrahrufe erschollen, als der Kaiser, hoch auf der Commandobrücke alleinstehend, in der Admiralsuniform mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens sichtbar wurde. Auf allen vor Anker liegenden Dampfern, die sämmtlich im herrlichsten Flaggenschmucke prangten, erklang das „Heil Dir im Siegerkranz". Auch die fremden Kriegsschiffe intonirten die deutsche Nationalhymne, dann diejenige ihres Landes. Der Kaiser dankte, sich nach allen Seiten verneigend und militärisch salutirend. Die Paradeaufstellung der Leib« compaguie mit den in der Sonne funkelnden Bajonetten, das Cavalleriespalier bei Holtenau, das farbenprächtige Bild de» Zuschauertribüne, die in Flaggenparade liegenden Schiffe, die unendliche Reihe der Pcrsonendampfer, der großen Panzer- colosie, Torpedos und sonstigen Kriegsfahrzeuge, dies alles bot ein großartiges, nie gesehenes Schauspiel. Die stolzesten an den heutigen Tag geknüpften Erwartungen find durch dieses glanzende Hafenbild, durch die eindrucksvolle Gestaltung der Ausfahrt des Kaisers wett übertroffen.
Holtenau, 20. Juni. Der Kaiser erließ ein Hand- schreiben an den Staatsmintfter v. Bo etlicher. Dasselbe lautet: „Nachdem am heutigen Tage die Eröffnung des Nord-Ostsee-Canals stattgefunden, ist es mir ein Bedürfniß, Ihnen für die hingebende Treue, mit der Sie dies epochemachende Werk deutscher Arbeitsamkeit in allen Phasen seiner Entwickelung geleitet und gefördert haben, meinen kaiserlichen Dank und meine volle Anerkennung auszusprechen. Als Zeichen meines Wohlwollens laffe ich Ihnen meine Büste in Marmor zugehen. Bei ihrem Anblick wollen Sie sich allzeit gewärtig halten, daß ich mich Ihnen zu warmem Danke verpflichtet fühle für die hervorragenden Leistungen, die Sie mir, meinem in Gott ruhenden Großvater und meinem Vater in patriotischer Hingebung geleistet haben und die ich noch lange mir und dem Vaterlande zu erhalten wünsche. Gegeben Holtenau, 20. Juni. Wilhel m."
Kiel, 20. Juni. Heute Morgen 9 Uhr trat das Preßschiff „Prinz Waldemar" die Rundfahrt durch den Hafen bet strahlendem Sonnenschein an und durchfuhr zunächst den reichgeschmückten Handelshafen, von wo sich ein prächtiger Rückblick auf die im Feftgewande prangende Stadt Kiel und ein herrlicher Rundblick auf die Höhen bot, wo jeder First beflaggt ist. Sodann fuhr der Dampfer nach der reichbelebten Außenföhrde weiter und passirte die Reihen der deutschen und fremden Kriegsschiffe, welche sämmtlich über die Toppen geflaggt hatten. Der großartige Gesammteindruck gelangte Seitens sämmtlicher Theilnehmer zu bewundernder Aussprache. Die Fahrt erstreckte sich bis weit in die offene See hinein. Schließlich warf das Preßschiff unmittelbar bet der Holtenauer Schleuse Anker, um da das Eintreffen des Kaisers zu erwarten.
Kiel, 20. Juni. Nachdem gestern an Bord der „Bayern" zu Ehren des Admirals Menard und der französischen Offiziere ein Diner stattgefunden, wobei der Commandant der „Bayern" ein Hoch auf den Deutschen Kaiser, den Prä- fidenten der französischen Republik, sowie auf die internationale Kameradschaft der Marine ausgebracht halte, wurde das Diner heute an Bord des „Hoche" erwidert. Admiral Menard toastete gleicherweise auf den Deutschen Kaiser, den französischen Präfidenten und die internationale Kameradschaft der Marine.
Kiel, 20. Juni. Um 8^2 Uhr begann der Marine- ball in den glänzenden Festräumen der Marineakademie, die durch ein überaus prächtig decorirteS Zelt erweitert waren, wo trotz der ungeheuren Zahl der Geladenen eifrigst getanzt wurde. Marineoffiziere aller Nationen, Landosfiziere aller Waffengattungen, Vertreter aller Behörden, Reichstags- und Landtagsmilglieder waren zugegen. Die französischen Ojfi- ziere erschienen vollzählig unter Führung des Admirals Menard. Um 10 Uhr 10 Minuten traf der Kaiser ein, freudigst begrüßt, bald darauf die Kaiserin. Der Kaiser, der zu Schiff von der „Hohenzollern" gekommen war, empfing die Kaiserin. Die Stimmung unter den 3000 Geladenen war äußerst animirr. DaS Kaiserpaar empfing beim Durchschreiten der Reihen der Ballgäste allseitige Huldigungen.
Brunsbüttel, 20. Juni, Mittags. Die Durchfahrt der übrigen Schiffe erfolgte programmgemäß. Im Ganzen passirten 22 den Canal, als letztes um 12 Uhr 10 Min. der Niederländische Aviso „Alkmaar". DaS Wetter ist prachtvoll.
Rendsburg, 20. Juni. Der „Columbia" folgte als zweites Schiff, abweichend vom Programm, die „Rhaetia" und nach Verlauf einer weiteren halben Stunde die „Trave". Die Volksvertreter wurden überall auf das Lebhafteste begrüßt und erwiderten bie Grüße nlcht minder lebhaft. Alsdann pasfirte auch der Aviso „Grille".
Rendsburg, 20. Juni. Der französische Aviso „Surcouf" wurde bei der Durchfahrt mit der „Mar- seillaise" begrüßt. Die Ovationen vom Ufer wurden von den Offizieren erwidert, die Mannschaft verhielt fich durchweg schweigend.
Grünenthal, 20. Juni, 3 Uhr 40 Min. Nachmittags. Das letzte Schiff har wohlbehalten Grünenthal pasfirt.
Kiel, 20. Juni. Auf kaiserlichen Befehl wurden anläßlich des 58jährigen Regierungsjubtläums der Königin von England heute Mittag um 12 Uhr von sämmtlichen Kriegsschiffen 21 Salutschüsse abgegeben. Auf sämmtlichen Schiffen wurde die englische Flagge gehißt unter den Klängen der Nationalhymne.
Depeschen de« Bureau „Herold".
Berlin, 20. Juni. Wie der „Localanzeiger" aus Kiel meldet, werden drei Panzerschiffe an den Flottenmanövern am Samstag theilnehmen und zwar die „Brandenburg", „Sachsen" und „Hagen". Die Idee deS Manövers wird erst am Tage selbst bekannt gegeben.
Kiel, 20. Juni. Die Kaiserin betrachtet mit der Prinzessin Heinrich vom „Hotel Bellevue" aus daS Einlaufen der „Hohenzollern" in den Kieler Hafen.
Kiel, 20. Juni. Programm für die Feierlichkeiten zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Canals: Freitag den 21. Juni. 11 Uhr Vormittags: Festact zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Canals und GruHffteinlegung auf dem Festplatz am nördlichen Canalufer. Um 10 Uhr 30 Min. haben sich die zur Feier geladenen Personen auf dem Festplatz !. versammelt und zwar haben Aufstellung genommen: Die ; fürstlichen Personen und die regierenden Bürgermeister der freien und Hansestädte in dem Kaiserlichen Zelt hinter den für Ihre Majestäten den Kaiser und die Kaiserin hergerichteten Plätzen, die Gefolge links von dem Kaiserlichen Zelt; der ' Reichskanzler, die Mitglieder dcS BundeSrathS und deS
preußischen Staatsministeriums, die Chefs der Reichsämter, die höheren Beamten der RetchSämter und der preußischen Ministerien rechts von dem Kaiserlichen Zelt- die Gesammt- Vorstände des Reichstags und beider Häuser des preußischen Landtags, der Vorfitzende und der stellvertretende Vorsitzende des Provinziallandtags, die Chefs der Behörden der Provinz Schleswig Holstein und die Beamten der Canalbauverwaltung rechts von der zur Landungsbrücke führenden Treppe- die Botschafter, Gesandten und Attaches der fremden Regierungen, die fremden Admirale, die deutschen Admirale und Generale links von der zur Landungsbrücke führenden Treppe. AlS Ehrencompagnien find aufgestellt: zwischen dem Leuchtthurm und dem rechts vor der Treppe nach der Landungsbrücke liegenden Rasenplatze eine Compagnie Matrosenartillerie, daS Mufikcorps auf dem rechten Flügel - zwischen der Wartehalle und dem links vor der Treppe zur Landungsbrücke liegenden Rasenplatze die Leibcompagnie des 1. Garde-Regiments zu Fuß, das MusikcorpS auf dem linken Flügel. Die directen Vorgesetzten sind zugegen. Die Mitglieder des Reichstags und des preußischen Landtags, sowie alle übrigen zur Feier geladenen Personen, die Osfiziercorps der fremden Geschwader und die Osfiziercorps von Kiel und FriedrichSort haben die auf den Tribünen für sie reservirten Plätze eingenommen. — Der Kaiser und die Kaiserin werden an der Landungsbrücke von dem Reichskanzler, dem Stellvertreter deS Reichskanzlers, dem Chef der Marinestation der Ostsee und den Dirigenten der Kaiierltchen Canalcammission empfangen und zum Zelte geleitet. Bei dem Herrannahen der Majestäten erweisen die Ehrencompagnien HonneurS. Sobald dieselben in daS Zelt eingetreten sind, erbittet der Reichskanzler die Erlaubniß zum Beginn der Feier. Nachdem die Erlaubniß ertheilt ist, verliest der Reichskanzler die in den Grundstein zu legende Urkunde. Außer der Urkunde wird ein Satz der Reichsmünzen neuester Prägung und auS der Regierungszeit Kaiser Friedrichs III. in den Grundstein gelegt. Sobald die Einlegung beginnt, fällt die Musik ein. Der Kaiser begibt fich nach der Stelle des Grundsteins. Der Königlich bayerische stlmmführende Bevollmächtigte zum Bundesrath überreicht dem Kaiser unter einer Ansprache die Kelle. Der Kaiser wirft von dem bereitgehaltenen Mörtel auf den Stein. Die Meister des Maurer- und Steinmetzgewerkes setzen das Berschlußstück auf. Der Präsident teS Reichstages überreicht unter einer Ansprache dem Kaiser den Hammer. Der Kaiser vollzieht die drei Hammerschläge, danach die Kaiserin, der Kronprinz, der Prinzregent von Bayern, der König von Sachsen, der König von Württemberg, der Großherzog von Baden, der Großherzog von Hessen, der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, der Großherzog von Sachsen-Weimar-Etsenach, der Großherzog von Oldenburg, Prinz Albrecht von Preußen, Regent des HerzogthumS Braunschweig, der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, der Fürst zu Schwarzburg-SonderShausen, der Fürst zu Schwarzburg - Rudolstadt, der Fürst zu Waldeck und Pyrmont, der Fürst Reuß älterer Linie, der Fürst zu Schaumburg-Lippe, Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe, Regent des Fürftenthums Lippe, die regierenden Bürgermeister der freien und Hansestädte Lübeck, Bremen und Hamburg, die Mitglieder des Königlich preußischen Hauses; die übrigen Angehörigen deutscher Fürstenhäuser, Präsident und die Vicepräfidenten des Reichstags, die Mitglieder deS Königlich preußischen Staatsministeriums, der Präsident und die Vicepräfidenten des preußischen Herrenhauses, der Präsident und die Vicepräfidenten des preußischen Abgeordnetenhauses, die Chefs der Reichsämter, der commandirende General des 9. Armeecorps, der commandirende Admiral, der Oberpräfident der Provinz Schleswig-Holstein, die Chefs der Marinestationen der Nord- und Ostsee, der Vorsitzende und der stellvertretende Vorsitzende des Provinziallandtages der Provinz Schleswig- Holstein, der Landrath des Kreises Eckernförde, die Vertreter der Canalverwaltung. Mit dem ersten Hammerschlage des Kaisers beginnt der Salut der Geschütze. Während der Vollziehung der Hammerschläge fällt die Musik ein. Der Reichskanzler bringt das Hoch auf den Kaiser aus. Die Musik spielt „Heil dir im Siegerkranz". Rückkehr des Kaisers gegen 12 Uhr. Der „Hohenzollern" folgt bei der Revue der Aviso „Grille". Der Dampfer der Presse, „Prinz Waldemar", nimmt unter Leitung des beigegebenen Seeoffiziers vor Beginn der Revue den befohlenen Platz zur Beobachtung der Revue ein. Die auf den Neichsdampfern eingeschifftrn Gäste fahren unmittelbar nach der Revue auf ihren Beischiffen durch die Aufstellung der Flotte, das Schiff der Presse schließt sich dieser Fahrt an. 8 Uhr Abends: Festmahl in der Festhalle am südlichen Canalufer.
Holtenau, 20. Juni. Bei der Ankunft der „Hohenzollern" spielten die am Ufer aufgestellten Militärcapellen


