Ja, ja die Erde ist rund . . .
An der anderen Seile de- Promenadendecks lehnre ein Mann an der Brüstung, dessen schäbig elegante Sletdung den heruntergekommenen Angehörigen besseren Standes kenn z,,chnete. Summer, Sorgen, Entbehrungen, vielleicht auch ein rasches Leben, hatten seinem hageren Gesicht den Stempel vorzeitigen GreisenthumS aufgedrückt. Au seiner Hand hielt er einen vielleicht neunjährigen, bildschönen Snabeu.
Finster starrten die Augen des Mannes in den sonnendurchglühten Ocean.
Ihm war eS auch nicht an der Wiege gesungen, daß er so einst hetmkehren werde in die europäische Heimath.
Reichihum und vergötternde Elternliebe hatten ihm von seiner Kindheit an die Lebenswege geebnet. Genießen, genießen war stets seine Parole gewesen. Der Ernst deS Lebens war nie an ihn heraogetreten, er hatte weder Sorgen, noch Arbeit, noch Pflichten kennen gelernt. Ein schönes, reiches Mädchen war seine Gattin geworden, und die über- schäumenden Jahre seines JunggesellenlebeoS hatten sich in seiner Ehe fortgesetzt . . .
Dann kam daS Ende. . . BlitzeSschnell und erschütternd. Sein Schwiegervater fallirte und riß sein durch mißglückte Speculationen und schlechte Eonjuncturen bereit- unter* winirteS HauS im Sturze mit sich. Seine Frau unterlag dem Schicksalsschlag ... er selber ging ... ein Bettler ... au Leib und Seele gebrochen, mit seinem einzigen Krnde nach drüben, um sich dort, wo ihn Niemand kannte, eine mue Existenz zu gründen.
Aber seine Hoffnungen gingen fehl- die neue Welt brachte ihm nicht- als Enttäuschungen. Er hatte sich und seinem Knaben daS Leben gefristet . . . da- war Alle-. Dazu keimte mit den Jahren eine tödtliche Krankheit in ihm, die ihn erst langsam, dann mit fühlbarer Schnelle dem Ende entgegen führte.
Da ergriff ihn plötzlich eine heiße, namenlose Sehnsucht nach der Heimath. Auf heimathlichem Boden wollte er sterben.
In Krakau wohnten Verwandte von ihm, dahin wollte er seinen Knaben bringen, sie würden daS Waisenkind nicht verstoßen . . .
Er sah noch immer in die funkelnden Dogen hinab. Seltsam dunkel ward eS ihm plötzlich vor den Augen . . .
Da . . . ein tiefer Seufzer! Eine dunkle Macht packle ihn und riß ihn rückwärts zu Boden. Wie aus weiter Ferne hörte er den Angstruf feines Kinde- — dann wurde Alle- still .. .---
Minuten vergingen . . . da schlug er die Augen müde auf und blickte geradeaus in ein bleiches, schönes Antlitz und in zwei prachtvolle, sammetdunkle Augensterne . . .
„Hermann!" sagte eine bebende Stimme. „Hermann Oldenburg!" Eine Welt von Empfindungen lag in den beiden Worten. Er strich sich traumverloren über die Stirn. AuS weiter, nebelumfloffener Vergangenheit stieg eine Erinnerung in ihm empor, die Erinnerung an eine wunderzarte Mädchenblüthe, die er gepflückt und einst achtlos beiseite ge- warfen, wie er so manche andere zertreten hatte.
ZH „Rahel," Wertetet leise, „fährstID» nach Sbratan?* Sie bejahte.
g| „Nimm mein Kind mit . . murmelt er mit erlöschender Stimme, „eS ist verwaist . . nimm e- unter Deinen Schutz . . . vergied mir, was ich an Dir verbrochen . . . vergelte BöseS mit Gutem . . . Rahel . . . ich flehe Dich an!"
„Du hast mir einst die Blumen und die Sonne meiner Jugend genommen," sagte Rahel erschüttert, „ich habe Dlr vergeben! Dein Leben trieb eine Blüthe, da» meine nicht. DaS war der einzige Kummer, den mir der Herrgott gab. Gieb mir Dein Kind . . . Ich will seine Mutter sein . . - Und die Schuld ist tausendmal damit bezahlt."
Er öffnete die Augen noch einmal dem Lichte, ein seliger Glanz strahlte drin.
„Nimm ihn hin, meinen Knaben," sagte er leise . . . „ich danke Dir, Rahel . . . Gott segne eß Dir . . /
Sein letzter Au-rns verhallte in einem Seufzer, fein Kopf sank vornüber und dann auf die Seite ... ein Paar dunkle Blutstropfen traten auf seine L'ppen — dann war Alles vorüber.
Rahel drückte ihm die Augen zu. Dann küßte sie das Kind, daS fich vertrauensvoll an die neue Mutter schmiegte. —
Siegreich und majestätisch zog die „Augusta Victoria weiter ihren Weg durch die klaren, unendlichen Wogen de- Ocean- ....
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