Ausgabe 
26.10.1895
 
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Nr. 252

Der chietzener Jlnjdfltr crichcint täglich, mit Ausnahme bei Montags.

Die Gießener D«mitte«öcä1ter werden dem Anzeiger «oSchentlich dreimal deigelegt.

Samstag den 26. Oktober

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Wchener Anzeiger

Kenerat-Mzeiger.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.

heute dieNational-Zeitung", daß an Stellen, wo man über eine solche Umfrage beratheu sein müßte, von derselben nichts bekannt ist.

Berlin, 24. October. Ueber die bevorstehende Ankunft des Königs von Portugal wird von gut unterrichteter Sette gemeldet, daß dieselbe am 1. November erfolgen werde. Für den Besuch am Kaiserhose sind etwa drei Tage in AuSficht genommen. , ,,

Frankfurt a. M., 24. October. DieFranks. Zeitung' berichtet ausMünchen: Gegen die MünchenerFreie Presse" ist die Untersuchung wegen Majestätsbeleidigung, be­gangen durch Abdruck eines ArtikelsEin offenes Wort an den Kaiser" aus derDüsseldorfer Bürgerzeitung" eingeleiter worden. m

München, 24. October. In der Gabelsberger Brauerei fand gestern eine vom demokratischen Verein einberufene Volksversammlung statt, in welcher Prof. Dr. Quidde über daS Verhalten der Kammer den Abgeordneten gegen­über und über den bekannten Tadelsantrag GrillenbergerS in dreistündiger Rede sprach. ES wurde eine Resolution an­genommen, in welcher die Haltung der Abgeordnetenkammer als eine Preisgabe der Rechte und Interessen des Volkes bezeichnet wird. Gleichzeitig erklärte die Versammlung eine Aenderung der Verfassung und der Geschäftsordnung des Landtages schon unter der Regentschaft für unbedingt nöthig und sprach den wenigen Abgeordneten, die ffch für die Zu­lässigkeit eines Mißtrauensvotums sür daS Ministerium aus­gesprochen haben, lebhaften Dank und Anerkennung, der Majorität der Kammer aber ihren entschiedensten Tadel aus, sowie die Erwartung, daß die Münchener Abgeordneten in einer allgemeinen Wählerversammlung ihr Verhalten verant­worten werden.

Paris, 24. October. Heute Nachmittag wurde der frühere Verwalter deSSiScle", Chtrard, wegen Erpreffung gegen die transatlantische Gesellschaft zu 18 Monaten Ge- fängniß und 1000 FrcS. Geldstrafe verurtheilt. Der Chef- rebacteur des genannten Blattes, P ort alt S, erhielt fünf Jahre Gefängntß und 1000 FrcS. Geldstrafe.

Pari», 24. October. Die Verweisung des Spions Schwarz und dessen Frau an das Zuchtpolizeigericht dürfte sich noch verzögern, da, wie verlautet, die Untersuchung noch Beweismaterial für wettere 10 Personen zu Tage ge­fördert hat, die der Mitschuld verdächtig find.

Pari«, 24. October. Der König von Griechen­land wird heute dem Präsidenten Faure einen Besuch abstatten.

Parts, 24. October. Einem Gerücht zufolge verlor König Milan bet dem Goldminen-Rückgang eine Million Francs.

Neueste

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 24. October. Die Sachverständigen-Commisfion für die Revtson des Handelsgesetzbuches tritt im letzten November-Drittel zusammen. Die Revifionsarbeiten sollen so gefördert werden, daß der BundeSrath bald nach Verabschiedung deS bürgerlichen Gesetzbuches die Gelegen­heit erhält, fich mit dem umgestalteten HandelSgesetzbuche zu befaffen.

Berlin, 24. October. DiePost" meldet: Der am Montag zusammentretende Colonialrath beräth die AuS- schußbertchte für die Landfrage der Heranbildung von Colo­nialbeamten, ferner eingehend über die Sclavereifrage. Der zuerst zur Berathung kommende Colonialetat weist gegen daS Vorjahr nur geringe Abänderungen auf. Die Budgetposten find nur wenig, beispielsweise Ostafrtka, erhöht. Steige- rungen, wie in den beiden letzten Jahren für Südwestafrika, find auSgeschloffen.

Berlin, 24. October. In der heutigen Sitzung des vundeörathes wurde der Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich dem zuständigen AuS- schuffe überwiesen. Der am 16. Juli dss. IS. in Bern ab- geschloffenen Zusatzvereinbarung zum internationalen Ueber- einkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr vom 14. October, ebenso der Vorlage vom 13. September d. I., betreffend die Errichtung eines Freibezirks in Neufahrwasser, und dem AuSschußantrag bezüglich der Vorlage, betreffend die Aus­dehnung der JnvaliditätS- und AlterSverficherung von Haus­gewerbetreibenden der Textil-Jndustrie, ferner dem Ausschuß- berichte über den Antrag Bayern, betreffend den Bezug von Invaliden- und Altersrenten von einem ausländischen Grenz­gebiete und Über den Entwurf einer Bestimmung über Ab- önderung der Bekanntmachung vom 5. Februar 1895, betr. Ausnahmen von dem Verbot der Sonntagsarbeit im Ge­werbebetriebe, der Resolution deS Reichstag», betreffend die Abänderung deS Artikels 32 der RetchSverfaffung (Gewährung von Tagegeldern und Reisekosten an die Mitglieder des AeichStage») wurde keine Folge gegeben.

Breslau, 24. October. Bei dem gestrigen Festessen für den LandwirthschaftSminister Freiherrn von Hammer- stein-Loxten erkannte nach einer Meldung derSchl. Ztg." aus Ratibor der Minister die Nothlage der Land- wirthschaft, besonders in den östlichen Provinzen, an. Der Antrag Kanitz werde der deutschen Landwirthschaft, speciell im Osten, schwerlich die erhofften Vortheile bringen. DaS Sinken deS Silberpreises sei eine ernste Gefahr. Die Staats- regierung erwäge schon jetzt die Mittel, um dieser Gefahr zu begegnen. Der gänzliche Umsturz deS jetzigen Münz­

systems würde die Betriebskosten der Landwirthschaft steigern - eS sei zweifelhaft, ob er die gewünschten Vortheile bringen würde. Das nächste Ziel sei, durch eine Reihe einzelner Maßregeln eine Befferung der Lage der Landwirthschaft her- beizuführen.

Wien, 24. October. Infolge eines BeschluffeS deS medicinifchen Profefforen-CollegiumS wird, wie dieNeue Freie Preffe" vernimmt, demnächst ein Comits zusammen- treten, um die grundsätzliche Stellungnahme deS Collegiums gegenüber der Frage der Zulassung von Frauen zum Studium der Medicin vorzuberathen.

Depeschen de» »utero .Herold*

Berlin,24. October. Reichskanzler Fürst Hohen­lohe trifft heute Abend in Berlin ein.

Berlin, 24. October. DerReichSanzetger" veröffent- licht die Verleihung deS Schwarzen Adlerordens an den Chef des Militär-CabinetS v. Hahnke- desgleichen die anläßlich der Anwesenheit deö Kaisers in Elsaß-Lothringen erfolgte Auszeichnung deS UnterstaatSsecretärS v. Sch raut und des Bezirksprästdenten von Lothringen, Frei Herrn v. Hammerstein.

Berlin, 24. October. Auf der Stadtbahn ver­unglückten heute früh gegen 8 Uhr verschiedene Personen eines Zuges, der eben den Bahnhof Friedrichstraße verlassen hatte. Der Maschinenführer deS Zuges bemerkte, daß von dem Haufe Schiffbauerdamm Nr. 9 eine große Rüststange auf den Bahnkörper herüberragte, konnte aber den Zug nicht mehr vor dem Htnderniß zum Stehen bringen. Die Folge davon war, daß die Rüststange eine Reihe von Fensterscheiben verschiedener Wagenabtheile zerschlug. Als der Zug zum Halten gebracht worden war, ergab fich, daß sieben Personen durch umhergeschleuderte Glassplitter verletzt waren, jedoch glücklicherweise Niemand lebensgefährlich. Die Schuld an dem Unfall trägt ein Maurer, der an dem Hause die Stange zu wett herausgelegt hatte.

Berlin, 24. October. DiePoft" schreibt: Da die diplomatischen Auseinandersetzungen über den möglichen Fort­fall der Zucker Prämien im günstigsten Falle lange Zeit in Anspruch nehmen, wird der Reichstag in der nächsten Session unter allen Umständen vor die Alternative gestellt werden, ob die Zuckerprämten fortfallen oder erhöht werden sollen.

Berlin, 24. October. Zu der Meldung, wonach der Justizmintster auf den Leonhardt'schen Plan einer consequenten Durchführung deS Schöffengerichts Princip» in der Straf­rechtspflege zurückgekommen sei und die Justizbehörden zu Gutachten über die Ersetzung der Strafkammern durch Schöffengerichte ausgefordert haben soll, erklärt

froh gewesen, als die Thüre hinter der geschwätzigen Alten zugeklappt.

Mein Tüchlein hat legen bet meinen Kleidern, so bin ich itzo wie ein Geier darauf zuschoffen und Habs vor mich auf die Decken geleget.

DaS was ihr Tuch. Mit ganzer Macht ist die Lieb über mich kommen zu meiner holden Maid, und widerum wie ein Alp wälzte sich Frag auf Frag auf mein Herz,

die lebend Rothraut im Arme halten, mein ist sie, und finden muß ich sie, ob fie gleich gesagt, ich werd fie nimmer- mehr erblicken. Den Hof im Wald muß ich widersehen,

Feuilleton.

Aus alter Zeit.

(9. Fortsetzung.)

Endlich sei ich erwachet, sagte fie, effen müße ich was mir begegnet sei und hundert Fragen.

Ich sei kommen zu Nacht, da die Pforte schon ge­schlossen, und sie selbst hab auf mein ungestüm Pochen oeöffnet. Sie hab mich kaum erkennen mögen, so seien meine» Antlitzes Züge entstellet. In der Hand hätt ich ein Tüchlein halten aus ganz alter Zeit, da die gute Land- «rästn allhie gelebet, die heilige Elisabeth, wie die Katholiken fte nenneten. In der Truhe habe fie von Urväter Zeiten brr ein ähnlich Stück, wenn auch nit so zierlich benähet. Doch auSgeschaut habe ich in der Nacht, als wenn die wilde Jagd mir begegnet, und auf ihre Frag gesaget: Wird wol so etwas gewest sein."Itzo, Herr," fuhr fie fort,esset, daß Ihr zu Kräften kömmt. B n die Tage über gar oft mit einem Töpflein Suppe hie bet Euch ge fmben, doch habt Ihr geschlafen zween ganzer Tage. Trunken seid Ihr nit gewest, daS hab wol vermerket, ob Ihr gleich auf der Stiege hingesunken, aber nun, Herr, f0 esset doch, danach aber kündet, waS Ihr gesehen."

So hat mir die Alte mein Erlebniß inS Gedächtntß rufen und hab sehr müssen an wich halten mit meiner Heimlichkeit, maaßen ich darüber nit zu reden vermochte- wollte doch auch anerft selbst erforschen, waS ich erlebet. So sagte ich:Gute Mutter, recht sehr sage Dank für Sure Müh und guten Willen- waS mir begegnet, kann ich urit sagen- bin droben im Walde eingeschlafen, hab wol gar schweren Traum gehabt."

Da ich auf ihr gutherzig Zuspruch daS Süpplein geflen, h.°b mich in Wahrheit etwas gestärket gefühlt- bin aber

aber Antwort hab ich nimmer funden.

WaS hatte ich erlebt? War mein Herz Rothraut ein lebend Wesen ? Hatte ich fie doch in Armen halten und itzo ihr Tüchlein allhie. Ja, Rothraut, finden werd ich Dich im Wald, nit will ich ruhn, bis ich die alten Eichen seh, darunter daS HauS gelegen. Das HauS, mein Gott, waS warS mit dem Zug allda? Sie schleppen mir die Eltern fort, hatte fie geklagt. Wie macht fie nur so schnell dem Arme fich entwinden und zum Hause eilen? Wer aber mag mich htngetragen haben auf die öde Lichtung? Warum soll ihr HauS ich nit betreten? Die Mönche? Ja, die müssen mir Kunde thun.

Hatte doch anher in Marpurg keine MönchSglatzen er« schaut, mußten aber dennoch allhie hausen, wie kämen sonsten fie in den Wald? Und der Zug mit den Ge­bundenen, zu Thal nach recht» hatte er fich gewendet und dort lag ja Marpurg. Aber, ewger Gott, hat fie nit mehrere Malen geklagt, fie selbsten sei es, die Vater und Mutter verrathen dem grauigen Mönch mit dem Tobten- antlitz? WaS sagte da» Weib, daS Tüchlein stamme aus sehr alter Zeit? Und Rothraut sprach von Thalleuten, bei Gott, also nannten fich die Waldenser? Mir ward schwindelig, ob ich gleich im Bette gelegen. Hatte ich Verkehr gepflogen mit der, die längst im Grabe ruht? Ein Grausen ist mir übern Leib gefahren, daß schier die Haare auf dem Kopf fich gehoben. Ihr Verschwinden und Ec- scheinen mocht also fich erklären. Nein, nein, ich hab

da Rothraut hauset.

Tage find vergangen und ich bin immer noch also matt in den Beinen gewest, daß ich die Stiege nit einmal mocht abwärts steigen. Tage finds gewesen und Nächte voll qualvollen Sinnen».

Von der Wittib hatte vernommen, in Marpurg seien solche Mönch mit dunkelrn Gewand nit zu finden. Selten einmal komme von Fulda ein Geschorener herüber. So mußt mein eigen Forschen irn Wald mir zum Ziel ver­helfen. Da ich wider zu Kräften gekommen, bin früh Morgens zum Wald gezogen, wollt verbleiben den ganzen Tag allda, dahero ich mir etzlicheS an Brod und Fleisch zur Atzung mit auf den Weg genommen.

Die Vöglein haben in den Hellen Maienmorgen hinan» gesungen, daß es mich würd ergötzet haben, so mein Herz nit so gar beschweret gewesen.

Die aufbredjenben Knospen haben mit jungem Grün einen duft'gen Schleier woben über Baum und Strauch, und gelb und weiß Blümelein im Walde in übergroßer Zahl. Die Erd hat jubilirtet im Hellen Sonnenstrahl, und gar hoffnungsvoll ist der Jüngling unter die Bäume treten.

Vom Borne aus könnt ich de» Weges nimmer fehl gehen. Nein, da» Hau» mußt ich finden. Wenn nur die Bäume, die alten, und der Pfad wäre zu finden gewest.

Hab gesucht und bin vom Borne in den Wald und wider zurück gerannt immer in etwas geänderter Richtung, daß mir das helle Wasser auf der Stirn geperlet. Die Bäume fand ich nit unb den Pfad, der zu ihrem Hause geleitet.

(Fortsetzung folgt).