Ausgabe 
26.9.1895 Erstes Blatt
 
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Sk. 226

Der

Giesjener Anjeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener AKmitieavtLtler werden dem Anzeiger «vchentlich dreimal beigelegt.

Erstes Blatt. Donnerstag den 26. September ____________

Gießener Anzeiger

Kenerat-Z^nzeiger.

189*

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Deutscher Reich.

Berlin, 24. September. Schier um die Wette wird jetzt von allen Seiten versichert, daß die namentlich von der sreiconfervativenPost" vertretene Zeitungsnachricht von der angeblichen Vorlegung eines anderweitigen Tabaks st euer- gesetzeS in der kommenden ReichStagSsesfion jeder Begrün­dung entbehre. Dieses saft allgemeine Dementi klingt aller­dings auch ganz glaubwürdig, denn die Aussichten auf An­nahme eines neuen Tabaksteuergesetzes find im Reichstage keineswegs bessere geworden, die Ablehnung einer solchen Vorlage könnte darum schon jetzt als sicher betrachtet werden. Ueberhaupt soll es gar nicht in der Absicht der ReichS- regterung liegen, dem Parlamente in der bevorstehenden Session mit abermaligen Steuer- und Finanzreformprojecten aufzuwarten, abgesehen von einem nicht zu umgehenden Zuckersteuergesetz. Der Regierung ist es vielmehr, wie be- stimmt verlautet, fürs Erste nur um die Erledigung drin­gender wirthschaftlicher Vorlagen und außerdem um die Durchberathung des bürgerlichen Gesetzbuches zu thun, besten nach langjähriger Arbeit beinahe fertiggestellter Entwurf dem Reichstage im Laufe feiner Wtnterseffion endgültig zu- gehen dürfte. Daß aber die Reichsregierung auf ihre einst­weilen gescheiterten steuer- und finanzpolitischen Pläne zu einem geeigneteren Zeitpunkte doch wieder zurückkommen wird, dies kann trotz des augenblicklichen Verzichtes auf die- selben als ausgemacht gelten.

Norrefte

Wolffs telegraphisches Corresponden,-Bureau.

Berlin, 24. September. DerNordd. Allgem. Zig." zufolge tritt der BundeSrathöauSschuß für Handel und Verkehr morgen zu einer Sitzung zusammen. Auch der JustizauSschuß wird demnächst die Berathungen wieder aufnehmen.

Berlin, 24. September. Saat en stand per Mitte September im Deutschen Reiche: Wtnterkartoffeln 2,6, Klee 2,9, Wiesen 2,7 (hierbei bedeutet 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel, 4 gering, 5 sehr gering). Die vorläufige Schätzung der Roggenernte im September ergibt vom Hectar in 100 Äg. bei Winterroggen 13,2 gegen 13,9 im Vor­jahre, bei Sommerroggen 10,3 gegen 10,6 im Vorjahre.

Kassel, 24.September. Der Verbandstag deutscher Gewerbeveretne beschäftigte sich heute mit der preußischen Central-GenostenschaftS-Kaste, mit der Versicherung der Arbeits- losen, dem Ausbau der socialpolitischen Versicherungs-Gesetz­gebung und dem Submissionswesen. Die dabei gemachten Vorschläge wurden dem Verbandsvorstand zur wetteren Prüfung überwiesen. Alsdann wurde in einer Resolution ausgesprochen, daß durch eine mehr planmäßige Vergebung der Lohnarbeiten

der Arbeitslosigkeit gesteuert werden könnte, und es wurde als Ort für den nächstjährigen VerbandStag Stuttgart ge­wählt. Darnach wurde der Verbandstag geschlosten.

Glücksburg, 24. September. Die Kaiserin ist in Begleitung des Herzogs Friedrich Ferdinand von Schleswig- Holstein-Sonderburg-Glücksburg heuteVormittag gegen 11 Uhr hier eingetroffen. Sie wurde am Bahnhofe von der Herzogin Karoline Mathilde empfangen. Die Kaiserin begab sich als- dann nach dem Schlöffe.

Dresden, 24. September. In der heutigen Vormittags- Sitzung des Literarischen CongresseS wurde nach längerer Debatte im Princip folgender Antrag von JuleS Lermtne-PartS angenommen: Der Dresdener Congreß ist der Ansicht, daß es im internationalen Interesse liege, ein universales Verzeichniß der Werke der Geschichte, Literatur und Kunst, welche, in der ganzen Welt erschienen sind und erscheinen werden, zu begründen. Die Berathung über die Ausführung dieses Planes soll dem nächsten Congreste überlasten werden.

Dresden, 24. September. DasDresdener Journal" meldet: Der Bahnwärter Wolf, durch besten verhängniß- volles Signal daS Eisenbahnunglück bet Oederan herbei­geführt wurde, ist am Sonntag auf Anordnung der königl. Staatsanwaltschaft verhaftet worden.

Hamburg, 24. September. DerHamburgischen Börsen­halle" zufolge ist entgegen anderslautenden Meldungen bei der kürzlich in Paris stattgehabten Besprechung von Ver­tretern der Standard Oil Company und russischen Petroleum- Interessenten ein Uebereinkommen über die Versorgung der ver­schiedenen Länder nicht perfect geworden.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 24. September. Der Geheime Medicinalrath Professor Dr. v. Bard eleben, Director der chirurgischen Klinik der königlichen Charitv, ist heute Nachmittag im Alter von 76 Jahren in seiner hiesigen Wohnung gestorben.

Berlin, 24. September. Wie derReichsanzeiger" be­kannt gibt, ist dem Corvetten-Capitän Siegel, Attachv bei der Botschaft in Paris, das Offizierskreuz des französischen Ordens der Ehrenlegion verliehen worden.

Berlin, 24. September. DerLocalanzeiger" meldet aus Parts: AuS Madagascar laufen neue Alarm- Nachrichten ein. Die Intendantur wird beschuldigt, große Sendungen Liebesgaben an die Soldaten auf Madagascar, Medicamente und Stärkungsmittel für Kranke ihrer Be­stimmung entzogen zu haben. Gleichzeitig wird bekannt, daß der Kriegsmintster daS Anerbieten der Cap Regierung, die französischen, auf MadagaScar erkrankten Soldaten aufzu­nehmen, abgelehnt hat.

Leipzig, 24. September. Der am 23. November v. I.

in Frankfurt a. M. ins Leben getretene Leutralverbajnd von Ortskrankenkassen im Deutschen Reiche, derzeitiger Vorort Wiesbaden, Vorsitzender Berlagsbuchhändler Schnegelberger daselbst, hält am 29. September (Sonntag) im Theatersaale deS CrystallpalasteS dahier, Vormittag» 10V2 Uhr beginnend, seine erste ordentliche Versamm­lung ab.

Wie», 24. September. In Felixdorf ist eine Pulver­fabrik explodirt. Der Grund der Explosion ist noch nicht aufgeklärt. 600 Kilo Pulver flogen in die Luft. Zwei Arbeiter wurden buchstäblich in Stücke gerissen.

Rom, 24. September. Die radtcalen Blätter theilen mit, daß die drei verhafteten Socialtstenführer Defelice, Barbato und Garibaldi nicht in die Amnestie ein- begriffen sind. Dies hat auf Stcilien große Erregung her- vorgerufen und man glaubt, daß daraufhin neue Kund- gedungen stattfinden werden.

WB. Berlin, 25. September. Der Steckbrief gegen Freiherr« v. Hammerftein, datirt vom 23. September, wurde erlassen wegen mehrfacher schwerer Urkundenfälschungen in Verbindung mit Betrug und Untreue.

CeceJk* nti» ptoofaiiieOte*.

Gießen, den 25. September 1895.

♦♦ Ordensverleihungen. Seine Kgl. Hoheit der Groß­herzog haben Allergnädigst geruht, zum 21. September dem Präsidenten des landwirthschaftlichen Vereins der Provinz Oberhessen Graf Friedrich zu Solms-Laubach, Erlaucht, die goldene Medaille für Wissenschaft, Kunst, Industrie und Landwirthschaft, und dem Oberbürgermeister der Provinzial­hauptstadt Gießen Feodor Gnauth das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen.

** Den ersten Gewinn der landwirthschaftlichen AuS- stelluugS-Lotterie gewann Herr H. Heidemann in Vilbel, welcher daS L00S direct durch die Lotteriecollecte deS Herrn L. F. Ohnacker, Darmstadt, bezogen hatte. Der 4. Preis kam nach Bleichenbach, der 5. nach Winterheim. Der 6. Preis (eine Drillmaschine) fiel in die Collecte des Hrn. Buchacker hier und wurde von Herrn Hoboist Emse gewonnen. Den 7. Preis erhielt Lehrer Heck in Dudenrod. Der 2. und 3. Preis fielen auf Loose, welche auf dem Ausstellungsplatz verkauft wurden. Dank der überaus rührigen Thätigkeit deS Generalunternehmers der Lotterie, Herrn L. F. Ohnacker in Darmstadt, konnte die Ziehungsliste bereits gestern Mittag 1 Uhr in über 10,000 Exemplaren zur öffentlichen Ausgabe gelangen und durch Genannten im Laufe des TageS auch an alle auswärtigen Collecteure versandt werden. Die Zusammenstellung der Gewinn Nummern, welche sofort nach

Feuilleton.

Sein Ideal.

Humoreske von E. Greiner.

(Fortsetzung.)

.Du bist ein Kameel," brummte Müller, sich eine Cigarre anzündend.

Der mit diesem Compliment Beehrte zuckte verächtlich die Achseln. ,

Möglich, daß Philisterseelen tote die Deine für die höhere Poesie des Lebens nicht empfänglich find- ich Gottlob bin eS. Doch laßt Euch erzählen. Also ich biege auS der Moltke- in die Katserstraße, als mir der Wind ein reizendes Damenhütchen vor die Füße weht. Selbst- verständlich bücke ich mich danach, und als ich eS aufhebe, da kommt ein entzückendes, junges Mädchen angstvoll auf mich zugeeilt.Ach, der entsetzliche Sturm!" und dabei drückte sie die zerzausten Löckchen fest.Mein armer Hut! Wie gut von Ihnen, daß Sie den Ausreißer aufhielten," stammelte sie athemloS und befestigte ihr Eigenthum, von dem ich, fo gut es ging, den Straßenstaub abgeklopft und abgeblasen, wieder auf dem Kopfe. Dann ich schäme mich, so oft ich daran denke griff sie in ihre Tasche. Darf ich Ihnen" Doch da hatte sie mich wohl erst ins Auge gefaßt und gefunden, daß der Alonso Meyer doch nicht aussah wie einer, dem man ein Trinkgeld geben konnte. Heber und über roth werdend, was ihr ganz entzückend stand, zog sie die Hand aus der Tasche zurück und reichte sie mir mit einem Blick, den ich nicht vergessen werde und wenn ich so alt würde wie Methusalem, und sagte:Ich danke Ihnen nochmals."

Famos, famoS!" krähte der Tertianer.Die hat

sich gehörig in Dich verschossen, das kenne ich. Und nun bist Du hoffentlich der schönen Unbekannten von ferne nach­gegangen, um zu erkundschaften, wo sie wohnt? Dann ist auch leicht herauSzubekommen, wie sie heißt. So habe ich es bet meiner ersten Flamme auch gemacht. Deren Vater war der Conditor Hölzer auf dem Theaterplatz, Du weißt schon, wo die Offiziere verkehren. Vielleicht, daß ich den niedlichen Käfer heute noch verehre, denn sie brachte mir vorigen Winter manch schönes Bonbon mit auf die Eisbahn, aber seit ich mich einmal ganz gehörig bingesetzt und sie sich darüber todtlachen wollte, schneide ich sie, worüber sie sich natürlich riesig ärgert."

Alonso nickte träumerisch vor sich hin.

Und hast Du Dein Ideal seitdem wiedergesehen? Hast Du sie angesprocheu?" forschte Willy interessirt weiter.

Jener seufzte.

Gesehen wohl, denn Du kannst Dir denken, daß ich mich jetzt mehr in den Straßen, als bei Herodot und Cicero aufhalte, aber angesprochen kein Gedanke. DaS einzige Mal, wo ich ihr begegnet, ging sie mit einer alten Dame"

Der unvermeidliche Drache!" fiel Willy ein, seinen geistvollen Witz mit einer Lachsalve begleitend.

Selbstverständlich grüßte ich sie, als ob sie eine Königin wäre," fuhr der Erzähler fort,ist sie doch auch die Königin meines Herzens. Zuerst sah sie mich fremd an, dann mich erkennend, dankte sie lächelnd und ich konnte bemerken, wie sie ihrer Begleiterin etwas zuflüsterte."

Natürlich, sie wird gesagt haben, daß Du ihren Hut gerettet. Eigentlich hättest Du einen Dank von ihr fordern sollen, wie eS sonst die alten Ritter bei ihren Damen gethan haben. Weißt Du, Don Alonso," schloß der Kleine mit pfiffigem Lächeln,ich glaube, in der Behandlung deS schönen Geschlechts ist die Tertia der Secunda doch noch über."

Bilde Dir keine Schwachheiten ein," verwies jener den Renommisten,jedenfalls habe ich denUmgang mft Frauen" länger studirt als Du. Uebrigens werde ich bald genug wissen, was ich von meinem Ideale zu hoffen habe, denn da seht her!" Und mit einer gewissen Feierlichkeit entfaltete er ein beschriebenes rosenfarbenes Blatt.

An Sie," begann er nach vielversprechendem Räuspern.

Es lebt in meinem Herzen Ein holdes Ideal, DaS macht mir viele Schmerzen Und große Liebesqual.

Wie müßt ich doch so gerne, Ob Du die Sehnsucht kennst. Und ob auch Du von ferne Für mich in Liebe brennst! Wenn heut die sechste Stunde Schlägt vom Marienthurm, Dann steh mit meinem Hunde Trotz Nacht und Wettersturm In hellem Rock und Hose BorCafs Bauer" ich, Im Knopfloch eine Rose, Daran erkennst Du mich.

Laß warten mich nicht sehre, Denk, Liebchen, an den Hut! Beglückt wär ich auf Ehre! Sprächst Du:Ich bin Dir gut!" Alonso Meyer.

Der Blick deS Lesers flog von einem Hörer zum andern, um sich an der Wirkung seines sensationellen VortrageS zu weiden. Nun, er konnte zufrieden sein.

(Schluß folgt.)