Ferner ist vorgrschlagen, für den verstorbenen Heinrich Belten III. den
Wirth Georg Faber zu Leihgestern al- Mitglied und für diesen den
Bürgermeister Heß von Steinberg als Srsatzmitglied der PferdemufterungS-Commisfion des Musterungsbezirk- Großen-Linden zu wählen.
Der Vorsitzende eröffnet die DiScusfion. Wider« spräche erfolgen nicht. Die Wahl der Genannten wird hiernach dem Vorschlag gemäß per Acclamation vollzogen.
6. SehaltSverhältuiffe der BezirkSbauanffeher.
Nachdem von dem Kreisingenieur Stahl die GehaltS-Ber- hältniffe der einzelnen Bezirksbauaufseher eingehend geschildert und mit denjenigen der gleichaltrigen Straßenmeister bei der Staatsstraßenverwaltung in Vergleich gestellt worden find, wobei fich ergab, daß die Bezirksbauaufseher Rohrer, Maringer und Senßselder in ihren Bezügen den gleichaltrigen Collegen im Staatsdienste nachstehen, wird dem Anträge des KreiSauSschuffeS gemäß der penfionSsähtge Gehalt der Genannten von 1760 Mk. auf 1980 Mk. mit Wirkung vom I. April 1895 ab festgesetzt.
7. SreiSstrahenneubaote»; hier: Die Bestimmung der Reihen« folge derselben in den nächste» Zähren.
Mit der Einladung zur heutigen Versammlung war den Abgeordneten eine Ueberficht im obigen Betreffe nebst entsprechenden Erläuterungen zugegangen. Inzwischen find mehrere Eingaben wegen bevorzugten Ausbaues einzelner Kreisstraßen eingelaufen; der Vorsitzende ersucht den Kreisingenieur Stahl, dieselben zur Kenntniß der Bersamu.^ung zu bringen.
Zunächst kommt ein Bericht der Großh. Bürgermeisterei Gießen zur Verlesung, worin um beschleunigtere Ausführung des Straßenbaues Gießen-Wißmar als vorgesehen und darum gebeten wird, die Straße nicht erst als das 7. zur AuS« fllhrung vorgesehene Project in die 1. Gruppe etnzuftellen.
Der Vorsitzende gibt hierzu noch weitere Trläute« rungen und ist mit dem KreisauSschuffe der Ansicht, daß für fragliche Straße schon eine 1. Rate in das nächste KreiS- Budget eingestellt und sonach der Beginn des Baues ermöglicht werden könnte. Außerdem sei die Stadt bereit,
meisten Erwachsenen, und bei einer Bürgermetfterwahl theilt sich mitunter das Ort, gemäß den BerwandtschoftSringen, in 2 bis 3 Gruppen, um fich dann aufs äußerste zu befehden — moderne Montechis und CapulettiS! Sämmtlichen Hüttenbergern, den hessischen sowohl, wie den preußischen, ist rin streng monarchischer Sinn eigen, insbesondere halten die ersteren treu und fest an dem angestammten Fürftenbause. Ebenso treu wie an Sitten und Gebräuchen hängt der Hüttenberger auch an seiner Heimath. Weilt er draußen in der Ferne, so zieht es ihn mächtig nach den Gefilden des Hütten- berge-, dem er ein für allemal sein Herz bewahrt. Auch in diesen Landstrich versetzte Beamte, Geistliche und Lehrer haben ihn stets bald lieb gewonnen und wie Manche haben viele Decennien lang in der neuen Heimath gewirkt! So ist es uns z. B. von einer alten verzweigten Lehrerfamilie bekannt, daß einzelne ihrer Glieder schon seit mehreren Generationen an einem und demselben Ort amtirten. Da wo der Ahne bereit- wirkte, lehrt heute noch der Urenkel! — Die Pfarrhäuser de- Hüttenbergs genießen auf weit und breit den Ruf edler Gastfreiheit und bilden verehrte Stätten, von denen Wohlthättgkcit und Opferwilligkeit ausstrahlt.
Gewiß, auch der Hüttenberger Menschenschlag hat wie jeder andere seine Schattenseiten, aber er ist fürwahr nicht der schlechteste in den hessischen Gauen! Wenn auch von den alten Sitten, Gebräuchen und Trachten gar manches im Strome der Zeit, ehernen Gesetzen zufolge, abbröckeln mußte, so beweist das Dasetende doch noch genügend, daß wir eine erbangesefsene, ackerbautreibende Bevölkerung, einen Landstrich, deffen Acckrr seine Leute hinreichend nährt, heute noch vor uns haben? Den Acker, den die Urahnen schon bebauten, bepflügt heute noch der Nachkomme. Derartige Gauen gewähren in der heutigen Zett des Umsturzes wahrhafte Lichtblicke! Daran aber, daß wir dieser und er« freuen dürfen, hat die an ihren Trachten hängende und ihre alten Gebräuche bewahrende Bäuerin wohl den vornehmsten Antheil. Mithin Schutz den Volkstrachten, Abwehr de- städtischen Flitter-, der die Zersetzung mit in die Landschaft hineinträgi! R.
Nach sehn Jahren.
Weihnachts-Erzählung von Marie Treuter.
(Schluß.)
In den hellerleuchteten Läden drängten fich die Käufer, unter welche fich die Besitzerin der Villa au- der Vorstadt gesellte.
Nach etwa einer halben Stunde standen Fräulein Merten- und ihre Zofe mit unzähligen Packeten und CartonS beladen in Begleitung eine- halbwüchsigen Buben, welcher einen kleinen glitzernden Ehristbaum trug, auf dem spärlich beleuchteten Treppenflur eine- baufälligen Hause-.
„®o, nun zündet die Kerzen an und dann geht/ befahl da- Fräulein ihren Begleitern.
Al- die Tritte der sich Entfernenden auf der Treppe verklungen waren, ergriff fie da- Bäumchen und öffnete leise die zunächst liegende Thür. Dunkelheit erfüllte den Raum.
Plötzlich ertönte ein unterdrückter Schrei, dann do» Jauchzrn von Ktndersttmmen.
„Da- Christkind! Da- Christkind!* jubelten die vier kleinen Blondköpfe und drängten fich um da- Sopha, auf welchem fich eben eine hagere, weißhaarige Frau mühsam emporrichtete.
Fräulein Marten- setzte da- Bäumchen auf den Lisch und trat dann an da- Lager der alten Frau, welche, ge
die weiteren Kosten unverzinslich vorzulegeu. Der Kreis- au-schuß schlage vor, die Straße Gießen-Wißmar al- 4. Project in Gruppe I. einzuftellen.
Der Abgeordnete Roth befürwortet die möglichst baldige Inangriffnahme der Straße Muschenheim—Trais- Münzenberg.
Abgeordneter v. Oven fragt an, ob ein Theil der Straßeubaukosten für Station Bellersheim bi- Obbornhofen und bis Bellersheim nicht auf den Bahn-Baufonds übernommen und die Gemeinden hierdurch entlastet würden.
Der Vorsitzende erklärte hierauf, daß die Zufuhr- ftraße von der Bahnstation bis Bellersheim auf Bahnkosteu gebaut werden solle, daß jedoch für die Zufuhrftraße von der Station bis nach Obbornhofen ein gleiches Vorhaben bis jetzt noch nicht vorltege, dteserhalb aber von seiner Seite bereits Schritte bei der Regierung gethan worden seien. Auch sei ihm an competenter Stelle in Darmstadt in Aussicht gestellt worden, daß die Bahn die Zufuhrwege sowohl in Gemarkung Bcller-Heim wie auch in (Gemarkung Obbornhofen bis zu den zunächst gelegenen Feldwegen ausbauen werde.
Auf Antrag des Abg. Dr. Gutfleisch wird zu Protokoll erklärt, daß der Kreistag dies als selbstverständlich erachte.
Hiernach kommen die Eingaben aus den Gemeinden Bettenhausen, Langsdorf, Nonnenroth und Röthges wegen baldiger Inangriffnahme einer Kreisstraße Nonnenroth bis Langsdorf, sowie der Bericht der Bürgermeisterei Dorf-Gill bezüglich einer Straße von Ltch nach Dorf-Gill, der Bericht des Gemeinderaths zu Daubrtngen wegen der projectirten Straße von Staufenberg nach Daubrirgen und des Gemeinderaths zu WeiterShain wegen des StraßenprojecteS von WeiterShain nach Schadenbach zur Verlesung.
Der Vorsitzende giebt zu den einzelnen Berichten die nöthigrn Aufklärungen und stellt die darin niedergelegten Anträge zur DiScusfion.
Abgeordneter von Oven empfiehlt die Einstellung der Straße Nonnenroth—Lich bezw. Langsdorf in die Gruppe I und Abgeordneter Roth verwendet fich für einen Straßenbau Oberhörgern—Holzheim.
Da fich Niemand weiter zum Wort gemeldet hat und weitere Anträge nicht vorgebracht find, so ertheilt der Kreistag auf die diesbezügliche Frage de» Borfitzenden fein Et»- verständniß zu dem Vorschläge des SreiSauSschuffeS bezüglich der in Gruppe I vorgesehenen Straßen mit der Maßnahme, daß daS Project Nr. 7 hinter da- Project Nr. 1 einzustellen sei. In Gruppe II. soll al- erstes Project die Straße von Nouuenroth nach Langsdorf oder Lich rangire» und sollen die Straßen WeiterShain—Schadenbach und Halz- heim—Oberhörgern vorerst der Gruppe IV zugetheilt werde», event. aber auch schon bei der III. Gruppe seiner Zeit berücksichtigt werden können.
Hiermit war die Tagesordnung erledigt, woraus ber Vorsitzende den heutigen Kreistag für geschloffen erklärte.
Der Borfitzende: Die UrkundSpersonen:
v. Gagern. Sommer lad.
Welcker.
Der Protokollführer: Schtffnte.
Versuches Reich.
Berlin, 21. December. Die „Rat. - Zig." meidet: Die constituirende Versammlung der Sie dein ngS- gesellschaft für Südweft Afrika sand gestern unter dem Vorfitz de- Staat-Minister- Hofmann statt. Die Gesellschaft wurde nach Genehmigung de- Retch-kanzer- al» „Deutsche Colonialg efeilsch af t" mit eine» Grundkapital von 300 000 Mk. begründet. Dieselbe bezweckt die wirthschaftliche Erschließung der Schutzgebiete in Südwest- Afrika, kann Grundeigenthum erwerben, Handel-gewerbe selbstständig betreiben, und wird auf möglichst direkte und häufige Schiffsverbindung zwischen Deutschland und dem südwestafrikantschen Schutzgebiete Bedacht nehmen.
Konstantinopel, 21. December. In der Rächt zu« Freitag wurden in Stambul an Privatquartieren und armenischen Kirchen Plakate angehefiet de- Inhalt»: „Wer Mohamed liebt, tödte d e Armenier." Die Pforte
blendet von dem flimmernden Kerzenlicht, die Hand schulend über die Augen legte.
„Verzeihen Sie, Frau Petersen/ sagte fie fast demüthig, — „ich — ich hörte, Sie wären krank, da wollte ich den Kindern ein —"
„Ein Almosen, Fräulein Marten-, sparen Sie fich die Mühe für das Suchen nach einem milderen Worte," unterbrach die alte Frau in hartem Tone ihren seltsamen Gast. „Ja, ja, die stolze Frau Petersen ist ja arm. 'S wär kein Wunder, wenn man ihre Enkelkinder bei der öffentlichen Armenbescheerung beschenkt hätte."
„Seien Sie nicht ungerecht, Frau Petersen," sagte das Fräulein vorwurfsvoll, „ich — ich wollte Sie nicht kränken, nur eine Freude wollte ich den Kindern, — seinen Kindern bereiten."
„Seinen Kindern, der Sie betrog! O, Sie wollen feurige Kohlen auf seinem Haupt sammeln, Fräulein MertenS," antwortete die alte Frau bitter lachend. „Sie wollen un- demüthigen. — darum kauften Sie ja auch sein Hau-, darum — "
„Frau Petersen, bei Gott, da- wollte ich nicht," rief da- Fräulein mit thränenerstickter Stimme, „ich wollte nicht, daß sein Hau-, in dem er glücklich war, einem Fremden gehören sollte — denn ich liebte ihn — ich liebte ihn auch, als er treulos war. Heute vor zehn Jahren nannte ich Sie „Mutter". Im Andenken an diesen Tag, welcher der glücklichste meine- Lebens war, flehe ich Sie an, denken Sie nichts Arge- von mir."
Da- schöne stolze Mädchen hatte die Hände der Greisin ergriffen und drückte fie in leidenschaftlicher Erregung an ihre Brust.
Die alte Frau blickte starr und finster vor sich nieder, bann murmelte fie fast unverständlich:
//Zehn Jahre! Und er war so glücklich! Warum hast Du eö zugelaffen, daß eS geschehen konnte," rief fie dann laut und schrill. „ES wäre alles anders gekommen — und ich hätte ihn noch — er wäre nicht davongelaufen wie ein Geächteter — wie ein Dieb."
„O Mutter, klagen Sie ihn nicht an, er hat schwer genug büßen müffen für da», wa» er Ihnen gethan."
„Du vertheidigst ihn — Du —" sagte die alte Frau und starrte ungläubig in da- erregte Antlitz des Mädchen-. — „Warum?"
„Weil ich ihn liebe, Mutter, weil ich nie aufgehört habe, ihn zu lieben. Und Du, Du liebst ihn auch — und wenn er jetzt heimkehrte, der unglückliche, verblendete Mann, dann würden wir ihm verzeihen, dann nehmen wir ihn wieder an unser Herz, gelt, mein Mütterlein?"
DaS schlanke Mädchen umfaßte liebevoll die hageren Schultern der alten Frau und drückte da- leidenschaftlich erregte Antlitz an ihre Brust.
Die Greisin streichelte leise über die thränengefeuchtete Wange de- Mädchen-.
„Er kehrt nicht heim," murmelte die alte Frau.
„Er ist schon heimgekehrt! — O Mutter, kannst Du mir vergeben?"
Wie ein Schrei durchzitterten diese Worte da» Z'mwer, gleich darauf kniete ein großer bärtiger Mann vor dem Lager der alten Frau.
Stumm und starr blickten die beiden Frauen auf den Kniernden — die Kinder kauerten verschüchtert in den Ecken.
„Mutter, vergib mir!" stammelte der Mann und erhob flehend die Hände.
„Johanne-, mein Sohn!" gellte e- durch den niedrigen Raum. Kraftlo- sank die alte Frau in die Kiffen zurück.
Der bärtige Mann sprang auf. Mit bebenden Händen richtete er da- greise Haupt der Mutter empvr.
„Ich habe Dich erschreckt, Mutter," rief er in leidenschaftlicher Erregung. „Aber al- ich die liebevollen Worte diese- Engel- hörte, diese- Engel-, den ich vor zehn Jahre» mein nennen durfte — den ich verblendeter Thor geopfert habe für ein Phantom, da hielt e- mich nicht länger an der Thür. O Mutter, um diese- Engel- Willen, vergib auch Du!"
Mit dem einen Arm stützte er da- Haupt der Mutter„ der andere umschlang leidenschaftlich die Schultern der: einstigen Braut.
„Mutter, — Geliebte, Ihr beide könnt e» nicht er» messen, wa- ich gelitten habe in den zwei Jahren, die ich fern von der Heimath al» AuSgestoßenrr, Geachteter durchleben mußte. Oft übermannte mich die Sehnsucht nach Mutter und Kindern — aber ich wollte nicht eher heim- kehren, al- bi- ich mir so viel erworben hätte, um damit den Meinen eine sichere Existenz bieten zu können. E- giückte mir über alles Erwarten. Da hielt es mich nicht: länger drüben in Amerika. Ich eilte, um die Heimath noch am heiligen Abend zu erreichen. Bei meinen Lieben wollte ich da» Fest der Freude verleben — und da», wa» mir der heilige Christ bescheerte, ist so groß, so herrlich, daß ich e» nicht faffen, nicht begreifen kann. Vergebung wollte ich erflehen, ein Engel that eS für mich. Um feinetwillen, um meiner unschuldigen Kinder Willen, Mutier, vergib!"
Die alte Frau sah wie geblendet zu den beiden, do» dcn Strahlen de- Christbaume- überflutheten stattliche» Menschenkindern empor.
„Vergeben, vergessen!" sagte sie laut und feierlich und legre die Hände de- Mädchen» in die de- Mannes.
„Vielleicht fügt e» der Himmel, daß ich noch einen f» glücklichen Weihnacht- Heiligabend erleben darf wie vor -eh» Jahren," sagte fie mit einem hoffnungSseltgen Lächeln.
Der große Mann sah da» heiß erröthete Mädchen mit brennenden Augen an.
Verwirrt deutete er auf die Kinder, die, allgemach ihre Schüchternheit verlierend, neugierig die noch immer ver» schloffenen Schachteln und Packete betasteten. Leidenschaftlich drückte der heimgekehrte Vater der Reihe nach seine blondköpfigen Kleinen an da» Herz. Inzwischen hatte Fräulein Marten- die Herrlichkeiten von den Umhüllungen befreit. Ein Iubelsturm brach lo- und jauchzend hingen fich die Kleinen an die freundliche Geberin.
„Morgen kommt Ihr alle mit der Großmutter und dem Bater nach Eurem schönen Hause in der Vorstadt."
„DaS ist nicht mehr unser HauS," sagte der älteste Bube und sah fast finster trotzig zu der schönen, lächelnde» Fran empor.
„Doch, mein Junge," entgegnete fie leise, „jetzt ist e- wieder Euer, Niemand soll e» Euch wieder nehmen."
„Marie," sagte der tief erblaßte Mann mit bebender Stimme, „kann e-, darf e» wieder so werden, wie an jene« Weihnachtsabend vor zehn Jahren?"
Sie reichte ihm wortlos die Hand.
„Gott, ich danke Dir, der Du »ich solch einen Weihnachtsabend erleben ließest," betete die greise Frau.
„O, du fröhliche, o du felige, gnadenbringende Weihnachtszeit," erklang eS au- jugendlichen Sehlen von der Straße herauf. „Welt ging verloren, Christ ward geboren," stimmten die drei grvhesten Kinder in den Geiang mit ei». Unter dem Christbaume hielt fich da» wieder vereinte Brautpaar fest umschlungen in überquellendem Glücke.


