Nr. 303
Zweites Blatt
Mittwoch den 25 December
IS9I
Asnts- und Anzeigeblntt für den Ureis Giefzen
Hratisöeikage: Hießener Kamitienökätter
1.
Faulftich, WeiterShain
H
als
Köhler, Langsdorf,
«
als
Erfatzmttglieder für die drei nächsten Jahre durch Zuruf
Otto, Beuern,
u
Sommerlad, Wteseck,
y
5.
2.
8.
4.
Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Yorm. 10 Uhr.
Oeconom von Oven, Hungen, Bürgermeister Roth, Muschenheim,
Mitglieder und
Bürgermeister Leun, Großen-Linden,
Apotheker Weicker, Allendorf a. d. Lda., daS KreiSauSschuhmitglied:
Bürgtrmetster Faul stich, WeiterShain, der KretSingenteur Stahl, der Protocollführer, Großh. KreiSamtSgehülfe Schi ff nie.
LandfchaflSbtld. Doch feine Bewohner empfinden nicht so sehr die Schönheit ihrer Gegend, ihre rege Thärigkett, ihre intensive Sparsamkeit läßt ihr Sinnenleben nach anderen Beziehungen aufgehen. Der Herr arbeitet wie der Knecht, und die Leute kommen sichtlich vorwärts, trotzdem der Bauernstand sich wahrlich keiner goldenen Zeit erfreut. Fleiß und Arbeit gelten heute, wie vor Zetten als eine der ersten Tugenden beider Geschlechter. Dies geht schon aus dem üblichen Kose- namen der Eltern und Großeltern gegen die kleinen Kinder hervor, die sie mit Vorliebe mei Knäacht (mein Knecht), mei Maaho (meine Magd) benennen. Der weibliche Theil der Bevölkerung ist ungemein anspruchslos und in seinen Feldarbeiten von mnstergilttger Emsigkeit. Vieh und Aecker genießen die größte Sorgfalt, manchmal sogar auf Kosten der eigentlichen Haushaltung, deren Pflege in einzelnen Punkten wohl hie und da zu wünschen übrig läßt. Doch, wo find keine Schattenseiten? Uebrigens ist es in der gedachten Beziehung in den letzten Jahren im hessischen Theile des HütrcnbergS nach unseren Wahrnehmungen entschieden bester geworden.
Wir loben an dem Hüttenberger seine derbe Gradheit, er sagt es in den meisten Fällen, wie er'S denkt, und es waltet in ihm ein nicht zu verkennender, rechtlicher Sinn, wir müssen ausdrücklich seine Ehrlichkeit anerkennen - Leute, die das Mein und Dein nicht scharf unterscheiden, werdm im Hüttenberge verachtet. Wenn auch oft der sittlich religiöse Sinn von dem Trachten nach dem Irdischen überwuchert wird, so halten die Leute doch sehr viel auf feine, äußerliche Zucht. Sie gehen pflichtgemäß zur Kirche, zweimal jährlich zum Abendmahl, und zwar in ganz strenger Inne Haltung nach Zeit und Alter. Der OrtSgeiftliche genießt volle Verehrung und jeder Ort nimmt für sich das Vorrecht in Anspruch, den besten „Pärner" zu haben. Werden Geistliche und Lehrer allzu vertraut und allzu leutselig, so geschieht dies auf Kosten der Hochachtung, die sie seither genossen.
Der Hüttenberger entbehrt nicht eine- gewissen Ehrgeizes, dies beweist schon sein allgemeines Streben nach Wohlhabenheit, selbst schon nach dem Schein desselben. Ge- meinderathSmitglied zu werden, ist der geheime Wunsch der
wiedergewählt.
5. Wahl je eines stellvertretenden Mitgliedes der Pferde- musternngSCommisfionen für den Bezirk Hungen und Großen- Linden und eine» stellvertretenden Taxator« für den Pferde- AushebungSbezirk Hungen.
Der Großh. RegierungSrath Dr. M elior macht den Vorschlag, für den verstorbenen Großh. Bürgermeister Rückel zu Bettenhausen den
Pachter Bornemann zu Obbornhofen
als stellvertretendes Mitglied der Pferdemusterung^-Com- mission des Bezirks Hungen und als stellvertretenden Taxator im Aushebungsbezirk Hungen zu wählen.
Bei den Kindtaufen geht es ebenfalls hoch her und wir können uns such noch der Zeit der gar nicht unbedeutenden Leichenschmäuse erinnern- Dinge, die die Hüttenberger von ihren Ahnen überkommen haben. Bestimmte doch schon die 1543 ebtrte DiSciplinarordnung Philipps deS Großmüthigen, daß Keiner, er sei reich oder arm, mehr denn einen Tisch Volks« zum Kinbett laden solle.
Der junge Hüttenberger hat übrigens gut heirathen, gründet er doch in den allerseltensten Fällen einen eigenen Hausstand. Entweder er bleibt nach wie vor in seinem elter- ttchen Hause und die angeheirathete junge Frau versieht dort die Dienste einer Art Großmagd, oder er zieht in daS Haus des Schwiegervaters und erspart diesem den Großknecht. So findet man denn keineswegs selten vier Generationen auf einem Hofe einig zusammenlebend. Die Urgroßeltern, die daS Gut an die Großeltern abgegeben haben und sich nur den Einsitz und die Nutznießung von einigen Akckern vorbehielten, die Großeltern, die Haus und Hof, die „Sach", am Namen haben, die jung verheiratheten Eltern und deren Kinder! Die Urgroßeltern nennt man in diesem Falle „Aushälter", die Eltern „Beisitzer." Der Hüttenberger gibt sein Vermögen erst in vorgerückteren Jahren an seine Kinder ab und hieran thut er recht. Während die weiblichen Namen heute noch geradezu typisch für die Gegend find, hat man die männlichen modernisirt, der „Hannes", der „Hannconrad", der „Hannwellem" (Johann Wilhelm), der „Hannjer" (Johann Georg), der „Hanndeuel" (Johann Daniel) hat dem Karl, dem Robert, dem Julius, dem Bernhard und wie diese hübschen Namen alle heißen, Platz gemacht- dagegen erscheinen aber heute noch, wie vor Jahrhunderten, die Tine, Kathrine, KathrillieS (Katharina Glisabetha), AnnlieS (Anna Elisabethe), MarilieS (Marie Elisabethe), Annegriet (Anna Margarethe) auf der Bildfläche.
Sieht man von der Zinne deS Schiffenberges bei Gießen nach südwestlicher Richtung, so liegt der hügelreiche, mit stattlichen Wäldern durchsetzte Hüttenberg mit seinen ziegel- gedeckten Dörfern und stattlichen Kirchen zum größten Theile vor uns und gewährt ein geradezu überraschend freundliches
Geschehen Gießen, den 18. December 1895.
Ginurrddreitzigste außerordentliche Sitzung des Kreistages des Kreises Gießen.
Gegenwärtig:
Der Vorsitzende eröffnet den Kreistag zur festgesetzten Leit und begrüßte hierauf die erschienenen Abgeordneten.
Feuilleton.
Der Hüttenberg.
(AuS dem „Darmst. Tägl. Anzeiger"). (Schluß.)
Den Zug selbst eröffnen lustige Weisen spielende Musiker. Rach der Trauung findet der obligate SchmauS statt, dyzu ertönen die Kunstleistungen der Dorfmufici, das Diner besteht, einmal wie das anderemal, aus RetSsuppe, Meerrettig und Ochsenfleisch. Jeder Gast hat sich Messer, Gabel und Löffel selbst mitzubringen. In zusammenklappbaren Eßbestecken entfaltet der Hüitenberger deshalb nicht geringen LuxuS. Solch eine große Hüttenberger Hochzeit dauert beinahe eine ganze Woche lang, hier entfaltet sich das Eigenartige des Hüttenberger Wesens am vollständigsten. Montags, Dienstags, Mittwochs ist das Brauthaus schon sehr belebt, da kommt die ganze nähere Verwandtschaft, um sich am Kuchenbacken, Bratenmachen und Zurickten zu betheiligen. ZwangSloS bilden sich so halbe Feiertage heraus und Kind und Kegel befinden sich jetzt schon in antmirter Stimmung- Donnerstage ist der Trauungstag und nun beginnt die eigentliche Hoch. zeitSfeier, zu der bei großen Hochzeiten Hunderte von Gästen erscheinen.
Rach oem osficiellen, eben erwähnten MittagSeffen entwickelt sich ein bunreS Leben. Die Verheiratheten essen weiter, trinken und singen, dabei verschwinden Berge von Bratenfleisch und Kuchen, die Jüngeren tanzen, jauchzen und trinken, und so geht eS, unter fortwährender Begleitung der Dorf- mnstci, lustig weiter. Zur Abwechslung gibt es einen feierlichen Umzug im Orte. Manchmal ist erst die Feier zu Ende, wenn deS nächsten Montags Morgenrölhe anbricht. Die ganz beträchtlichen Kosten einer solchen Hochzeit werden gewissenhaft halbirt, die Familie der Braut zahlt nicht mehr als die des Bräutigams.
In der geschilderten Weise sahen wir so manches Hütten- berger HochzeitSfeft sich vollziehen, der Tag der eigentlichen Trauung bildete auch zugleich einen Festtag für die Schuljugend, die mit Kuchen und Eiern herzhaft regalirt wurde.
Er gedachte der feit der letzten Kreistagsversammlung auS dem Leben geschiedenen Abgeordneten Georg Buderus zu Lollar und Heinrich De Iren III. zu Großen-Linden, welchen Herren der Kreistag ein freundliches Andenken bewahren werde, und forderte die Versammlung auf, sich zum Zeichen hiervon von den Sitzen zu erheben.
Dies geschah.
Nunmehr wurde die Beschlußfähigkeit deS Kreistages festgestellt.
Entschuldigt fehlten die Herren: Bürgermeister Bopp, Bellersheim, Rentner A. Heß, Gießen, Rechtsanwalt Hirschhorn, Gießen, Gutsbesitzer Sch lenke, Hardthof, Professor vr. Streng, Gießen, Oberforstmeister Thaler, Gießen.
Auf Vorschlag des Vorsitzenden werden die Herren Bürgermeister Sommerlad,Wteseck und Apotheker Weicker, Allendorf a. d. Lda., zu Urkundspersonen bestimmt.
Als Protocollführer wurde der KreiSamtSgehülfe Schiff nie bestellt und durch den Vorsitzenden mittelst Handschlags als solcher verpflichtet.
Hierauf wurde in die Tagesordnung eingetreten.
1. Srgänzungßwahl zum Kreisansfchuß.
Der Vorsitzende schlägt vor, die dem Dienstalter nach auSscherdenden drei Mitglieder, nämlich:
Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch, Gießen, Bürgermeister Geißler, Lollar, LandgertchtSrath Dr. Schäfer, Gießen, per Acclamation wiederzuwählen.
Hierauf werden genannte Herren gewählt. An Stelle des aus Gesundheitsrücksichten zurückgetcetenen Mitgliedes Rentner A. Heß, Gießen, wird auf Vorschlag des Abgeordneten Geißler der
Großh. Oberbürgermeister Gnauth, Gießen per Acclamation, wogegen Einwendungen nicht erhoben worden sind, für den Rest der Dienstzeit des Herrn Heß — Ende 1898 — gewählt.
2. Wahlen zum Provivzialtag.
Ende 1895 haben dem Dienstalter nach auszuscheiden: Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch, Gießen, Commerzienrath Hehligenstaedt, Gießen.
Die Genannten werden auf Vorschlag deS Vorsitzenden per Acclamairon wiedergewählt.
Für drei durch Tod oder Wegzug ausgetretene Mit-
Der Vorsitzende, Großh. Provinzialdirector Freiherr v. Gagern, Großh. RegierungSrath Dr. Melior, „ KreiSamtwann Dr. Wüst, die KreiStagSwitglieder:
Bürgermeister Balser, Albach,
„ Geißler, Lollar, Fabrikant Georgi, Gießen, Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch, Gießen, Oberbürgermeister Gnauth, Gießen, Commerzienrath Hehligenstaedt, Gießen, Fabrikant M. Homberger, Gießen, Bürgermeister Koch, Villingen, Gemeindeeinnehmer Maid, Watzenborn, Bürgermeister Meyer, Großen Buseck,
6.
7.
Amtliche»« Theil.
Bekmmtmachmlg,
Gemäß § 39 der Kreisordnung wird nachstehend daS Protokoll über die am 18. December d. I. stattgehabte Außerordentliche Sitzung des Kreistages des Kreises Gießen zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, den 21. December 1895.
Der Vorsitzende des Kreistags des Kreises Gießen, v. Gagern.
Der ft4e*er Anzeiger trfdjetat täglich, »tt Ausnahme bei Montags.
Die Gießener OlMmt/ienStttter werden dem Anzeiger ^wöchentlich dreimal beigelegt.
glieder ist eine Ersatzwahl bis 1898 vorzunehmen. DaS Kreisausschußmitglied Faul st ich schlägt Wahl durch Acclamation vor. Einwendungen hiergegen werden nicht erhoben und wird der Vorsitzende ersucht, Vorschläge zu machen. Dieser schlägt die Herren
LandgerichtSrath Dr. Schäfer, Gießen, Ingenieur Schiele, Gießen, Bürgermeister Geißler, Lollar, vor, worauf die Genannten durch Zuruf einstimmig gewählt werden.
3. Ersatzwahl eines Mitgliedes der Kor Commission für de« verstorbenen Heinrich Velten III. von Großen-Linden.
Der Großh. KreiSamtwann Dr. Wüst als Referent schlägt vor, das Elsatzmitglied Rentner Georgi, Gießen, als ordentliches Mitglied und an dessen Stelle den Bürgermeister Volk von Allendorf a. d. Lahn als Ersatzmitglied zu wählen.
Die Versammlung entsprach diesem Vorschlag durch Wahl der Genannten per Acclamation für den Rest der Dienstzeit deS rc. Velten.
4. Wahl zweier Mitglieder und zweier Stellvertreter für die verstärkte Ersatz-Commission.
Auf Vorschlag des Großh. RegterungSraths Dr. Melior werden
Bürgermeister Geißler, Lollar,
Gießener Anzeiger s
k । L • und Druckerei:
Seneral-Anzeiger. Fernsprecher 5L ’


