Ausgabe 
23.4.1895 Zweites Blatt
 
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1893

Nr 94 Zweites Blatt. Dienstag den 23. April

Der fritfrtner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betr. Verminderung der Herbstzeitlose.

Im Jntereffe der Wiesencultur ordnen wir auf Grund des Art. 24. der Wiesen Polizei-Ordnung auch für das lau­fende Jahr an, daß die auf den Wiesen wachsenden Herbst­zeitlosen zur Zeit des höchsten SaftstandeS durch Ausrupfen der Stengel beseitigt werden. Das Ausziehen hat möglichst bei feuchtem Boden zu geschehen, damit der Schaft der Pflanzen nicht schon dicht unter dem Boden abbricht.

Die ausgerupften Pflanzen sind nicht auf die Wege zu werfen, woselbst die Schafe durch das Fressen derselben Schaden nehmen können, sondern abseits von den Wegen unterzubringen.

Die Beseitigung der Herbstzeitlosen hat bis zum 20. Mai I. I. zu erfolgen, die bis dahin säumigen Besitzer haben sich der Erhebung von Strafanzeigen zu gewärtigen.

Gießen, am 19. April 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, den 19. April 1895.

Betr.: Wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

au die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie alsbald und dann nochmals nach 14 Tagen in ortsüblicher Weise veröffentlichen lassen.

Hinsichtlich der Gemeindewiesen wollen Sie, insofern dieselben nicht verpachtet sind und hiernach den Pächtern die Beseitigung der Herbstzeitlosen obliegt, das Ausrupfen auf Gemeindekosten veranlassen, wozu zweckmäßigerweise Schul­kinder zu verwenden sind.

Bis zum 25. Mai l. I. erwarten wir Ihren Bericht darüber, ob unserer Anordnung entsprochen worden ist. Et­waige Anzeigen, welche Sie wegen ungenügenden Befolgs derselben für erforderlich halten, wollen Sie uns hierbei, ehe Sie dieselben in das Feldrügeregister aufnehmen, mit vorlegen.

v. Gagern.

Gießen, den 19. April 1895.

Betr.: Vertilgung der Raupennester.

Daß Gk-ßherzogliche Kreisamt Gießen

au die Groffh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 16. Februar l. Js. Anzeiger Nr. 42 noch nicht ent­sprochen haben, erinnern wir an Erledigung derselben.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 20. April. DieBerliner Korrespondenz" schreibt: Die bereits angekündigten Verhandlungen mit den Vertretern der sieben östlichen Landschaften haben am 19. d. M. unter Leitung des LandwirthschaftS- ministerS, unter Betheiligung des FinanzministerS, des StaatS- secretärs Grafen PosadowSky und eines CommissarS des Ministers des Innern stattgefunden. Sie haben ergeben, daß eine erhöhte Nutzbarmachung der Landschaften sür den bäuerlichen Realcredit Wünschenswerth und ausführbar ist. Abgesehen davon, daß bei einzelnen Instituten eine Erweite­rung deö Kreises der beleihungsfähigen Besitzungen und eine Vereinsachung der sür den bäuerlichen Besitz geltenden BeleihungSvorschristen angezeigt erscheint, wird eS vor Allem daraus ankommen, Einrichtungen zu treffen, welche dem Klein» grundbesitzer die Regulirung seiner Hypothekenverhältnisse und die Benutzung deS landschaftlichen CreditS bequem machen und ihn zur Abstoßung der hoch verzinslichen Privat- und Sparkaffenhypotheken bestimmen. Die nähere Ausgestaltung dieses Planes muß bei der Verschiedenheit der Verhältnisse und satzungsgemäßen Grundsätze den Verhandlungen inner­halb der einzelnen Institute überlassen werden. Die land- wirthschastliche Verwaltung wird in dieser Beziehung die weiteren Anregungen geben. Von besonderer Bedeutung ist, daß sämmtliche Vertreter der Landschaften in Uebereinstimmung mit den Organen der Staatsregierung den hier und da befür­worteten Gedanken einer provisorischen SuSpendirung der

Amortisationszahlungen der Schuldner mit Entschiedenheit zurückcviesen.

Berlin, 20. April. Die Befferung im Befinden der Kaiserin dauert an, doch wird die Kaiserin aus SchonungS- rückfichten die täglichen Spaziersahrten erst in den nächsten Tagen wieder aufnehmen.

Berlin, 20. April. In den maßgebenden Regierungs­kreisen ist, rote ein hiesiger Berichterstatter meldet, thatsächlich eine Wendung bezüglich der Stellung zur Umsturzvorlage etngetreten. Man hegt nämlich die Besorgniß, daß durch die Annahme der Commissionsbeschlüsse der Einfl deS Centrums zu sehr verstärkt werden könnte, und wird zunächst ersucht, von der Regierungsvorlage den Hauptkern zu retten. Auf keinen Fall wird daran gedacht, die Vorlage zurückzuziehen. Man will abwarten, wie sich ihr Schicksal gestaltet.

Berlin, 20. April. DieStatistische Correspondenz" beziffert den Saaten stand in Preußen für Mitte April wie folgt: Winterweizen 2,6, Winterspelz 2,5, Winter­roggen 3,4, Klee 2,3, Wiesen 2,7. Infolge der starken Schneedecke haben die Wintersaaten, hauptsächlich Roggen, erheblich gelitten. Die Frühjahrsbestellung ist nur vereinzelt vollendet, meist hat sie erst begonnen. Der Klee zeigt meist guten Stand.

Die Stichwahl im Wahlkreise Eisenach- Dermbach zwischen dem freisinnigen Candidaten Cassel­mann und dem Candidaten des Bundes der Landwirthe, Dr. Rösicke, hat die Wahl des ersteren mit überwältigender Stimmenmehrheit ergeben. Nach vorläufigen Ermittelungen erhielt Casselmann ca. 2000 Stimmen, wahrend auf seinen Gegner nur etwa 4100 Summen fielen. Bei der Haupt­wahl hatte Casselmann allerdings die relativ höchste Stimmen­zahl unter allen Candidaten erlangt, aber waren dies immerhin kaum 3300 Stimmen. Wenn er in der Stichwahl fast 9000 Stimmen mehr erlangte, so müssen für den Frei­sinnigen nicht nur die Socialdemokraten, sondern auch zahl- reiche Nationalliberale und Antisemiten gestimmt haben.

floht, 20. April. lieber die Stellung Deutsch­lands zu den ostasiatischen Ereignissen erfährt die Köln. Ztg." zuverlässig, daß die deutsche Regierung durch den Gesandten in Tokio bereits srüher Japan nahelegen ließ, die Forderung der Gebietsabtretung würde die Einmischung der europäischen Mächte zur Folge haben. Als Japan den Rath unbeachtet ließ, wurden am 23. März die ersten Schritte zur Verständigung der europäischen Mächte eingeleitet. Nach­dem zwischen Deutschland und Rußland eine völlige lieber» einstimmung der Anschauungen erztelt, auch das Zusammen gehen mit Frankreich gesichert sei, soll e seitens dieser drei Mächte ein gemeinsamer diplomatischer Schritt unternommen werden, wobei zunächst die Gebietsveränderungen ins Auge gefaßt sind. Man folgert, durch die Festsetzung Japans in den wichtigen Theilen des chinesischen Festlandes wolle Japan sich mit festem Gürtel um China herumlegen, um es von Europa abiperren zu können. Die europäischen Mächte wollen deßhalb rechtzeitig eine Schädigung threr Interessen abwehren.

Ausland.

Laibach, 20. April. In der vergangenen Nacht fanden geringe Erdschwankungen statt, denen um 9l/4 Uhr früh ein stärkerer Stoß folgte. Die Bevölkerung verbrachte die Nacht vielfach in ihren Wohnräumen, sonst auch in Schul­räumen, Etsenbahnwaggons, Baracken und Zelten. DaS Regenwetter hält an. Heute früh traf ter Bundespräsident desRothen Kreuzes" Falkenhain hier ein. Die Wiener RettungSgesellschaft begann heute früh ihre Thätigkeit. Die von den Wiener Volksküchen heute Mittag eingetroffenen beträchtlichen Speisevorräthe gelangen auf fünf öffentlichen Plätzen zur Vertheilung. Zu den SicherungS arbeiten ist eine weitere Compagnie Pioniere erbeten worden. Die krainische Sparkasse läßt täglich viele hundert Personen speisen. Die Vertheilung der Kaiserspende in Theilbeträgen von 10 bis 20 Gulden hat gestern begonnen und wird heute fortgesetzt. Die Ortschaft Kosarje im Bezirk Adelsberg hat durch das Erdbeben stark gelitten.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Frankfurt a. M.. 21. April. DieFrankfurter Zeitung" meldet aus Belgrad, die Regierung werde der Skupschtina ein Gesetz vorlegen, durch welches dem Exkönige Milan eine nicht unerhebliche Pension bewilligt wird.

Metz, 21. April. Der Statthalter von Elsaß- Lothringen Fürst zu Hohenlohe-Langenburg ist

mit seiner Gemahlin und dem Erbprinzen heute Nachmittag zu dreitägigem Besuche von Metz und Umgebung hier ein­getroffen.

Wien, 21. April. DieNeue Freie Presse" meldet auS Brody: Gestern kamen etwa 40 Offiziere der benachbarten russischen Garnison als Gäste der österreichischen Offiziere hierher. Bei der dargedotenen kameradschaftlichen Bewindung spielte die Militärmusil die österreichische und die russische Nationalhymne unter großem Beifall.

Depeschen des BureauHerold".

Wien, 21. April. In der Pulverfabrik Blumenau, welche Eigenthnm der Actiengesellschaft Nobel Dynamit ist, fand gestern Nachmittag eine Explosion statt, wobei drei Arbeiter schwer und einige leicht verletzt wurden; sind etwa 250 Kilogramm Schießbaumwolle explodirt. Die Fabrik­räume sind derart in Mitleidenschaft gezogen, daß der Betrieb für längere Zeit ruhen muß.

Brünn, 21. April. AuS der Kanzlei der Bergbau­gesellschaftSegen Gottes" wurde in letzter Nacht die Kasse mit Werthpapieren im Betrage von ca. 100000 st. geraubt und aufs freie Feld geschleppt, wo sie mtt Inhalt heute früh vorgefunden wurde. Die Thäter, dte bisher ntcht ermittelt werden konnten, haben vergebens die Kasse zu öffnen versucht.

TemeSvar, 21. April. Die letzten Donaudämme sind gestern Nachmittag durchgebrochen und haben weitere 25 000 Joch bebautes Feld unter Wasser gesetzt. Der an­gerichtete Schaden ist unberechenbar. Die deutsche Colonie Rudolsgnade" ist vollständig vernichtet- etwa 200 Häuser sind zerstört.

Amsterdam, 21. April. Einern Gerücht zufolge soll der deutsche Kaiser in den ersten Tagen des August zu einem achttägigen Besuche der königlichen Familie hier eintreffen.

Warschau, 21. April. Nach einer Verfügung GurkoS war den Juden verboten, sich im Sommer in Landhäusern auf bäuerlichem Gebiete aufzuhalten. Diese Verfügung wurde auf Befehl des Grafen Schuwalow ausgehoben.

H. Darmstadt, 22. April. Der Herzog und der Erb­prinz von Coburg trafen gestern Nachmittag zu ein» stü tigern Besuch hier ein, vom Großherzog und der Groß­herzogin am Bahnhof empfangen. Die Prinzessin Hein­rich von Preußen traf in Begleitung der Hofdame v. Golomb und des Kammerherrn Grasen Hahn heute Vor­mittag hier ein.

Gießen, den 22. April lt*95.

** Auszeichnung. Seine Königliche Hoheit der Groß­herzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 4. April d. I. den nachbemerkten Pflegerinnen des Alice- Frauenvereins für Krankenpflege: a. der Fräulein Emilie Engel zu Alsfeld, b. der Fräulein Emma Fuchs zu Alzey das DienftauSzeichnungS - Kreuz für Kranken­pflege (in Silber) allergnädigst verliehen.

** Auf der Durchreffe nach Darmstadt passirten mit dem 7 Uhr 57 Minuten heute früh von Kiel-Hamburg hier an­kommenden v-Schnellzuge Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Heinrich von Preußen, Prinz Waldemar nebst Gefolge und Dienerschaften im Sonderschlafwagen die hiesige Station. ! Das bet dem Bahnhofrestaurateur vorher bestellte Frühstück wurde in dem Salonwagen serviert und daselbst eingenommen.

** Parlamentarisches. Eine Anzahl Berichte der Aus­schüsse der Zweiten Kammer liegen zur Zeit noch vor. Bezüglich der Bahn LaubachMücke schlägt die Mehrheit des Ausschusses vor, die Kammer wolle dem Be­schlüsse der Ersten Kammer (auf Wiederherstellung der Linie LaubachMücke) beitreten- die Minderheit, Beharren auf < früherem Beschluß (Bahnbau LaubachGrünberg). Damit ! sind die Eingaben der Stadt Grünberg, der Gemeinde Lauter, der Antrag des Herrn Abgeordneten Schönfeld und die Ein- ! gaben der weiteren Gemeinden für erledigt zu erklären. i Bezüglich der Bahn BeienheimNidda empfiehlt der AuS- : schuß der Kammer, auf dem früheren Beschluß (Führung der Strecke über Salzhausen nach Nidda und nicht Einmündung in Ober-Widdert heim) zu beharren. Bezüglich einer regierungsseitig erhobenen motibirten Mehrsorderung für die Strecke Salzschlirs Schlitz hat die Erste Kammer beschloffen, den im Artikel 2 deS Gesetzes vom 15. November 1890 auf die Summe von 660,000 Mk. festgesetzten Betrag