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22.11.1895 Erstes Blatt
 
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Die Gießener Aamitlea v lälter wert« dem Anzeiger wöchentlich dreimal bngdeflt

Erst^^ Blatt. Freitag den 22. November

1898

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Derrtsche» Reich.

Berlin, 20. November. Die angekündigte neueZucker- steuervorlage ist dem Bundesrathe jetzt zugegangen. Neber ihren Inhalt sind bereits allerhand Mittheilungen im Umlauf, doch dürften Angaben von zuständiger Seite noch abzuwarten sein, ehe sich eine Beurteilung deS Entwurfes ermöglichen laffen wird.

Aufs Neue sind Gerüchte über MeinungS- Verschiedenheiten in den leitenden Berliner Kreisen aufgetaucht. Der Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff soll sich in der Frage einer Reform der Militärftrasproceßordnung im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Ministercollegen befinden und daher gesonnen sein, seinen Abschied zu nehmen, falls der Kaiser in seiner Entscheidung die Anschauungen Herrn v. BronsartS nicht billigen sollte. Diese ganze Nachricht, welche allerdings schon seit einiger Zeit durch die Prcffe läuft, ist indeffen wohl schon deshalb »ur mit großer Vorsicht aufzunehmen, weil sie durch das fernere Gerücht, der Reichskanzler theile die Meinung deS Kriegsmtnisters in dieser Reformfrage und würde seine Porte­feuilles dem Kaiser eventuell ebenfalls zur Verfügung stellen, eine recht sensationelle Aufputzung erfährt. WaS die wetteren Gerüchte über die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem StaatSsecretär Dr. v. Bötticher und dem ReichSversicherungS- amtS-Präsidenten Dr. Bödtker anbelangt, so ist eS zwar zweifellos, daß solche Differenzen bestehen, eS wird aber versichert, daß sie keineswegs so tiefgehender Natur seien, wie hier und da gemeldet wird.

Norrefte

Depeschen deS Bur ras

Berlin. 20. November. Die kai serliche Werft zu Danzig ist nach derBoss. Ztg." vom Marinemtnister an­gewiesen worden, vom 1. April n. Js. ab probeweise die achtstündige Arbeitszeit etnzuführen, die von Morgens 7 Uhr bis Nachmittags 3 Uhr sein wird. Nach einem halben Jahre soll die Ober Werft Direction den leitenden Marinebehörden darüber Bericht erstatten, ob dieser neue Modus sich bewährt hat, in welchem Falle er dann dauernd eingefühtt werden soll.

Berlin, 20 November. Die Conserenz zur Berathung über den Miltelland - Canal ist gestern geschloffen worden. Die Baukosten sind auf 220 Millionen veranschlagt, wovon auf den Staat 63 pCt. und die interessirten Einzel« staaten 27 PCt. entfallen.

Berlin, 20. November. DerLocalanzeiger" meldet auS Rostock: Beim hiesigen Bahnhofe wurde ein Sack mit der blutbefleckten Leiche einer älteren Frau ge- fnndeu, deren Hände und Füße gefeffelt waren.

Wie«, 20. November. Wie eine Local Correspondenz meldet, wurden gestern Graf GolnchowSky, sowie der ReichS-Finanzminister in gemeinsamer Audienz vom Kaiser empfangen. Dieselbe währte s/4 Stunden, waS einiges Aufsehen erregte.

Wie«, 20 November. DieNeue Freie Prcffe" ver- sichert, daß zwischen Berlin und Wien bezüglich der orientalischen Frage volle Uebereinstimmung herrscht, welche sich auch darin kundgebe, daß Graf Saurma der Audienz, zu welcher er von dem Sultan geladen wurde, aus- wich. Hierdurch habe die deutsche Diplomatie der Einigkeit der Mächte einen großen Dienst erwiesen, indem sie zeigte, daß sie mit der österreichischen Propofition einverstanden sei »ab dem österreichisch ungariichen Botschafter Überließ, in der am Freitag stattgefundenen Audienz den Standpunkt der Großmächte zu vertreten.

Ellifchau, 20. November. Der Zustand des Grafen Taaffe ist äußerst ernst. Die Herzthätigkeit hat beinahe vollständig aufgebört.

Nom, 20. November. Die Nachricht aus Berlin, daß Deutschland in der Orientfrage ein SeparatUeberein- kommen mit Frankreich und Rußland anftrebe, in der Er­wartung, daß demselben auch Oesterreich Ungarn beitreten werde, wird von hiesigen maßgebenden Kreisen für vollständig unbegründet erklärt.

Rom, 20. November. AuS Reggio in Calabrien wird gemeldet, daß daselbst gestern ein heftiges Erdbeben stattfand, jedoch nur geringen Schaden anrichtete Während LeS ganzen TageS herrschte eine furchtbare Panik unter der Bevölkerung, welche fich auf Straßen und Plätze flüchtete.

PariL, 20. November. In Tours sollte ein Deutscher NamenS Wolf, angeblich Offizier in Dresden, wegen Ver- Lachts der Spionage verhaftet werden. Derselbe wurde jedoch gewarnt und konnte rechtzeitig flüchten.

Pari«, 20. November. Im gestrigen Mintsterrathe legte Berthelot die letzten Depeschen aus Konstantinopel vor und constatirte daraus die Befferung der Situation.

Paris, 20. November. Die Morgenblätter erklären, demnächst werde ein neues russisches Geschwader von Kronstadt abfahren, zuerst in PortSmouth anlaufen und bann Brest besuchen.

Paris, 20. November. In der Kammer hat sich eine neue politische Gruppe gebildet. Die Boulangisten werden wieder austauchen und zwar unter dem Namen Natio* nallsten. Diese versammeln fich heute, um Stellung zu nehmen gegenüber dem RevisionSantrage, welcher demnächst von den Abgeordneten der Rechten gestellt werden wird.

Paris, 20. November. DerJntransigeant" versichert, daß der Minister des Auswärtigen, Berthelot, den Berliner Botschafter Herbette zu fich beschieden habe und letzterer nicht mehr auf seinen Posten zurückkehren wird.

Paris, 20. November. Man hält eS für möglich, daß das Budget, mit deffen Berathung am SamStag begonnen werden wird, noch vor Ende des Jahres unter Dach und Fach gebracht wird.

Marseille, 20. November. Der gestern auS Mada­gaskar hier eingerroffsne Postdampfer brachte 361 Soldaten wieder nach Frankreich zurück, von denen eine große Anzahl sofort nach dem Militärhospttal gebracht wurde. Während der Ueberfahrt sind 15 Mann gestorben. An Bord befand sich weder ein dienstfähiger Arzt noch ein dienstfähiger Krankenpfleger.

London, 20. November. Lord Salisbury antwortete auf die Frage eines Reporters, ob man aus seiner letzten Rede schließen könne, daß c; ein Freund btr allgemeinen Abrüstung sei, er sei ein Anhänger deS Weltfriedens und einer bedeutenden HeereSverminderung.

Madrid, 20. November. Der Ministerpräsident erklärte, er selbst glaube nicht an die letzten officiellen Nachrichten aus Cuba, wonach der Rebellenführer Gomez mit seinen Truppen in der Provinz Santa Clara vernichtet worden sei.

Petersburg, 20. November. In ganz Rußland fanden in den letzten Tagen Ueberschwemmungen statt, wobei viele Menschen um- Leben gekommen find. Die Verheerungen betragen M Qtonen.

Der Krieg von 1870|71, geschildert durch Ausschnitte «u8 ZeitungS - Nummern jener Zeit. (Nachdruck verboten.) 22. November.

Tours, 22. November. Nach Regierungsdepeschen fand bei NuitS ein fünfstündiger Kampf zwischen Francti- reurs und Preußen statt. Der Kampf blieb ohne Ent­scheidung- gleichwohl wird aus NuitS die Ankunft von Preußen gemeldet.

Bemerkenswert bei dieser Belagerung ist die Haltung der Pariser Frauen. Sie halten das Ganze für eine rein politische Frage, welche sie nicht im mindesten angeht, und so dringen sie weder in die Männer, daß sie Widerstand leisten, noch daß sie Frieden verlangen sollen. Ein paar Hundert haben fich als Markedenterinn-n aufgeputzt und die anderen scheinen die hohen Preise der Le enSminel zu be­dauern, sich aber um gar nichts anders den Kopf zu zer« brechen. Wenn sie der Ansicht wären, daß die Abtretung von Elsaß und Lothringen die Fletschpreise wieder herabsetzen würde, bann würden sie in einer gewissen theilnahmlosen Weise für die Abtretung sein- aber so unwiffend sind sie in allem, was nicht mit ihrer Toilette und Paul de Kock'schen Romanen zusammenhängt, daß sie fich darauf beschränken, ihre Schultern in die Höhe zu ziehen und daS Beste zu hoffen.Armistice" (Waffenstillstand) geht über die Grenzen ihres Wörterreichlhums hinaus, sie sagenVamnistie und glauben, es handle fich darum, ob der König von Preußen den Parisern eine Amnestie zugestehen wolle. Heute Morgen erst unterhielt ich mich mit einer intelligten jungen Dame, welche glaubte, daß die Preußen und die Ruffen vor Paris ständen und beide für den König von Spanien Krieg führten. Auch lernte ich nebenbei, Sedan liege in der Nähe von Berlin. Daily News.

Gieße«, ben 21. November 1385

** Empfang. Seine Königliche Hoheit der Groß­herzog empfingen am 20. November u. A. den Regierungs­rath Wal lau von Gießen, den Dirigenten der erweiterten Volksschule in Grünberg, Fuldner, den Pfarrer Becker von Ober-RoSbach.

** Ernennungen. Durch Entschließung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 12. November d. I. wurden die LehramtSaccesfisten: Otto Altendorf, Georg Büchler und Heinrich Fuchs in Mainz, Ferdinand Boden st ein und Gustav Lautenschläger in Darmstadt, Karl Größer in Wöllstein, Ferdinand Werner in WormS, Wilhelm Liebrich in Darmstadt, Dr. Ad ols Kr äm er in Rimbach i. O., Heinrich Willen- bücher in Darmstadt, Dr. Ernst Kornemann in Gießen, Karl Zulauf in Darmstadt, Philipp Wahl in Pfung­stadt, Heinrich Werner in Bensheim, Karl Rouge in Darmstadt, August Gebhard in Wimpfen, Karl Hoff­mann in WormS, Dr. Karl Bernbeck auS Lehrbach, z. Zt. in Wiesbaden, Reinhard Dippel in Mainz, Friedrich Kraft in Offenbach, Karl Roller in Darm­stadt und Karl Schmidt in Friedberg zu Lehramts- asfefsoren ernannt.

* Militärperfonalnachrtchten. Koch, Sec.-Lt. von der Inf. 1. Aufgebots des Landw.-Bezirks Gießen, zum Pr.-Lt., Langermann, Dicefeldwebel von demselben Landw.«Bezirk, zum Sec.-Lt. der Reserve des Jnf.-RegtS. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Heff.) Nr. 116, Kornemann, Vicefeldwebel von demselben Landw.-Bezirk, zum Sec.-Lt. der Reserve deS 4. Großh. Jnf.-RegtS. (Prinz Carl) Nr. 118 befördert.

♦♦ Dresdener Gefamml-Gastspiel. Dem ersten Theater- abend schloß sich am vorigen Dienstag der zweite würdig an. Die berühmte Frau" von Schönthan und Kadel- bürg ist ein unterhaltendes, an den Schwank erinnerndes Lustspiel, bei dem man ohne denken zu müffen, sich bestens amüfirt - ja ist sogar sehr gut, nicht zu denken, man wird dann viel leichter über die manchmal kühne Fabel, die der ganzen Handlung zu Grunde gelegt, hinweggetäuscht. Gespielt wurde wieder äußerst flott, daß Zusammenspiel ließ keinen Wunsch unbefriedigt, trotzdem drei vorzügliche Gäste den An­gestammten hinzuireten. Selbstredend hatten diese Gäste auch die drei führenden Rollen in Händen, und wie wir gleich hinzufügen können, mit größtem Erfolge. Wir be­ginnen mit Herrn Würzburg, der bei dem ersten Gast­spiel nicht beteiligt war - der Herr gab den Baron Römer. Seine Darstellung muß als eine durchaus künstlerisch ab­gerundete bezeichnet werden, in Geberde, Ton unb Bewegung zeichnet er mit oerblüffenber Wahrheit den alten Schwere- nöther, deffen Herz allein ganz seinen ersten Geburtstag ver- geffen zu haben scheint. Herr Wessels bot als Palmay eine neue, ganz eigenartige Leistung, sein ungarischer Graf war eine meisterliche Leistung, man gewann denlieben Bruder Meiniges" gleich vom ersten Auftreten an lieb, und gönnte ihm seine Braut, die ihm der fehlende Hausschlüffel gewann, von ganzem Herzen. Ein ausgelassen koboldiger Backfisch war wieder Frl. Masson, aber nicht blos daS Neckische unb Naive weiß die Künstlerin zur Geltung zu bringen, sie hat auch wärmere Töne, die dem Herzen nahe gehen, daS zeigte sie in der reizend gespielten LiebeSscene im zweiten Act. Eine sehr anmuihige Erscheinung und tüchtige junge Schauspielerin ist Frl. Proß, die als Ottilie dem stürmischen, jovialen, liebeglühenden Palmay m schöner, echt weiblicher Zurückhaltung entgegentritt. Leider hatten die Autoren diese sowie die weiteren Rollen recht stiefmütterlich ausgestattet, viel auf der Bühne zu sein und viel zu schweigen ist eine größere Aufgabe, als baß Gegentheil. Ein gleiches Schicksal traf Herrn Oehmig als Ulrich- um ihn herum wurden die dankbarsten Aufgaben gelöst, ohne daß er redend oft cingreifen durfte, trotzdem löste der Herr seine schwierige Aufgabe mit Gefch'ck und Ernst. Frau Pfuud-Kühnau hat eigentlich als Baronin Römer nur eine Scene, und diese wird dankbar, wenn sie sich in der Hand einer Frau Pfund- Kühnau befindet. Frau Hantke war als Paula Hartwig eine gute, alte Tante, das Bravo, welches ihr für ihre monologartige Kopfwäscherei der berühmten Frau und die eS werden wollte, zu Thetl wurde, war ein wohlverdientes. Frl. Sandor vertrat ihre kleine Rolle als Vally recht an» gemessen. Heute Donnerstag Abend werden wir Scribes famoses LustspielEin Glas Wasser" zu hören bekommen, einen weiteren Gast, Herrn Rinald auß Cassel, kennen lernen.

Natioualliberaler Verein. An dem vorgestrigen ersten Vortrags- und Discusfionsabend des natlonalliberalen Vereins sprach in gut besuchter Versammlung Herr Dr. Neß- ling überDie Socialdemokratie und die Land- winhschäft." Ausgehend von einer Characteristik des Marxistischen Dogmas kennzeichnete er die frühere Haltung der Partei gegenüber der Landwirthschaft und ging bann auf die Aufgabe der Aufstellung eines Agrarprogramms über, die sie sich auf dem Frankfurter Parteitag gestellt hatte. Nach Darstellung der verschiedenen Strömungen in der Partei